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Schriften zur Politik

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ISAAK ISELIN GESAMMELTE SCHRIFTEN KOMMENTIERTE AUSGABE

1 Schriften zur Politik 2 Schriften zur Ökonomie 3 Schriften zur Pädagogik 4 Schriften zur Geschichte

Wissenschaftliches Kuratorium Prof. Dr. Kaspar von Greyerz (Basel) Prof. Dr. Claudia Opitz-Belakhal (Basel) lic. phil. Esther Baur (Basel) lic. theol. Peter Felber (Basel) Dr. Lucas Marco Gisi (Basel) Prof. Dr. André Holenstein (Bern) Dr. Holger Jacob-Friesen (Karlsruhe) Prof. Dr. Béla Kapossy (Lausanne) Prof. Dr. Thomas Maissen (Paris/Heidelberg) Prof. Dr. Wolfgang Rother (Basel/Zürich) Prof. Dr. Andreas Urs Sommer (Freiburg im Breisgau) Prof. Dr. Danièle Tosato-Rigo (Lausanne) Prof. Dr. Daniel Tröhler (Luxembourg) Prof. Dr. Simone Zurbuchen Pittlik (Lausanne)

Der Basler Philosoph, Jurist, Ratsschreiber und Publizist Isaak Iselin (1728 –1782) ist einer der wichtigsten Vertreter der Schweizer Aufklärung. Mit seinem Hauptwerk, der erstmals 1764 erschienenen Geschichte der Menschheit, gehört er zu den Begründern der modernen Geschichtsphilosophie. Die Bandbreite seiner Publi­ kationen reicht von politischen Reformschriften über Untersuchungen zur Wirt-­ schaftslehre bis zu pädagogischen Entwürfen. Als Herausgeber der Ephemeriden der Menschheit, als unermüdlicher Rezensent für Friedrich Nicolais Allgemeine deutsche Bibliothek und durch seine vielfältigen Kontakte mit zahlreichen Gelehrten wie auch mit politischen Persönlichkeiten innerhalb und außerhalb der Schweiz – etwa in der von ihm mitgegründeten Helvetischen Gesellschaft – wurde Iselin zu einem wichtigen Vermittler zwischen verschiedenen Strömungen innerhalb der europäischen Aufklärung und zu einem der damals bekanntesten Autoren im deutschsprachigen Raum.

ISAAK ISELIN

ISAAK ISELIN

GESAMMELTE SCHRIFTEN

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KOMMENTIERTE AUSGABE BAND 1

GESAMMELTE SCHRIFTEN SCHRIFTEN ZUR POLITIK

SCHRIFTEN ZUR POLITIK

Die im vorliegenden Band edierten politischen Schrif­ten Iselins gehören zu den einflussreichsten Texten der Schweizer Aufklärung. Den Hauptteil des Bandes bilden die Essays Philosophische und ­patriotische Träume eines Menschenfreundes sowie d ­ ie Sammlung Philosophische und politische Versuche. ­In fortlaufender Auseinandersetzung mit den Positi­onen Rousseaus entwickelt Iselin darin ein eigenstän­diges politisches Reformprogramm und adaptiert­mit ­Erfolg die französisch-englische Tradition der politischen Essayistik. Die weiteren Texte bieten eine Auswahl aus Iselins thematisch vielfältigen Schriften zur Politik: So behandelt seine Dissertation Tentamen iuris publici Helvetici erstmals systematisch das schweizerische Staatsrecht. Der Versuch über die Gesezgebung und der Politische Versuch über die Berathschlagung wiederum sind als Lehrbücher für angehende Politiker gedacht. Und die Freimühtigen Gedanken über die Entvölkerung unserer Vaterstadt sind eine engagierte Stellungnahme Iselins innerhalb der brisanten Debatte über die Einbürgerungsfrage. Für alle diese Schriften ist ein doppelter Charakter kennzeichnend: Sie sind aus konkreten Bedingungen eines repu-­ blikanischen Gemeinwesens erwachsen, argumentieren jedoch auf der Höhe der damaligen politischen Theorie. Dadurch lieferten sie nicht nur der schweizerischen Reformbewegung und der Helvetischen ­Gesellschaft eine theoretische Grundlage, sondern wurden weit über die Grenzen der Eidgenossenschaft hinaus rezipiert und diskutiert.

Der Herausgeber Florian Gelzer, geb. 1972, studierte Germanistik und Anglistik in Basel und London und wurde an der Universität Bern promoviert. Er arbeitet als Projekt­ leiter beim Lehrmittelverlag Zürich.

Schwabe Verlag Basel www.schwabeverlag.ch

ISBN 978-3-7965-3339-6


ISAAK ISELIN

GES AMMELT E SC HRIFTEN KOMMENTIERTE AUSGABE BAND 1

WISSENSCHAFTLICHES KURATORIUM Prof. Dr. Kaspar von Greyerz (Basel) Prof. Dr. Claudia Opitz-Belakhal (Basel) Lic. phil. Esther Baur (Basel) Lic. theol. Peter Felber (Basel) Dr. Lucas Marco Gisi (Basel) Prof. Dr. André Holenstein (Bern) Dr. Holger Jacob-Friesen (Karlsruhe) Prof. Dr. Béla Kapossy (Lausanne) Prof. Dr. Thomas Maissen (Paris/Heidelberg) Prof. Dr. Wolfgang Rother (Basel/Zürich) Prof. Dr. Andreas Urs Sommer (Freiburg im Breisgau) Prof. Dr. Danièle Tosato-Rigo (Lausanne) Prof. Dr. Daniel Tröhler (Luxembourg) Prof. Dr. Simone Zurbuchen Pittlik (Lausanne)

SCHWABE VERLAG BASEL


ISAAK ISELIN

SC HRI FT EN ZUR POLIT IK HERAUSGEGEBEN VON FLORIAN GELZER

SCHWABE VERLAG BASEL


Publiziert mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung Gedruckt mit Unterstützung der Berta Hess-Cohn Stiftung, Basel

Copyright © 2014 Schwabe AG, Verlag, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner T ­ eile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder ­elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Umschlaggestaltung: Atelier Mühlberg, Basel Gesamtherstellung: Schwabe AG, Basel, Schweiz Printed in Switzerland ISBN 978-3-7965-3339-6 rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch


Inhalt Vorwort des Kuratoriums . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . IX Siglen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . XI Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . XIII Hinweise zur Edition . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . XLV Tentamen iuris publici Helvetici (1751) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 Praefatio 5. Liber I: De personis corpus Helveticum constituentibus  7. Sectio I: De iure publico Helvetico in genere  7. Sectio II: De corpore Helvetico in genere  11. Sectio III: De foederibus  15. Sectio IIII: De regimine reipublicae Helveticae in genere  20. Sectio V: De foederatis praecipuis, qui cantones vulgo dicuntur  25. Sectio VI: De Helvetiorum sociis  29. Sectio VII: De corporis Helvetici subditis  32. Adnexa 33.

Übersetzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35 Kommentar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69 Der patriotische Redner (1755) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77 Kommentar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87 Philosophische und patriotische Träume eines Menschenfreundes (21758) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93 An Herrn Bodmer  99. Eingang 100. Die Menschheit  104. Die Menschen  109. Die Afterpolitik  114. Der Trieb zur Vollkommenheit  119. Die Triebfedern der bürgerlichen Gesellschaften  124. Das Verderbniß  128.


VI

Inhalt Das Elend  133. Die Ungleichheit der Stände  138. Die Freyheit  145. Der Ehrgeiz  149. Die Patricier oder die Aristokratie  154. Die Bürger, oder die Demokratie  159. Die Handelschaft  168. Die Städte  173. Die Gelehrtheit  177. Das Frauenzimmer  184. Die Wünsche  185. Die Hofnung  189. Der Besiz  193. Die Gesellschaftlichkeit, und die Ergezlichkeiten  196. Die Auferziehung  201. Die Ordnung  206. Die Religion  208. Der gute König  213. Die glükselige Republik  215. Der Patriot  217. Der Antipatriot, An den Verfasser des Patrioten  227.

Kommentar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237 Freimühtige Gedanken über die Entvölkerung unserer Vaterstadt (21758) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 277 Kommentar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 307 Versuch über die Gesezgebung, von dem Verfasser der Philosophischen Träume (1760) .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 321 An Herrn Hirzel, des Hochlöbl. Standes Zürich Hochverdienten zweyten ­Stadtschreiber  325. Versuch über die Gesezgebung  329. Von den Gegenständen der Geseze  329. Von den Gesezen  340. Von dem Gesezgeber  347. Von der Handhabung der Geseze  348.

Kommentar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 351 Philosophische und politische Versuche (1760) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 361

Vorbericht 365. An die Eidsgenossen  366. I. Einleitung, von der politischen Tugend  369.


Inhalt

VII

II. Von der Vollkommenheit und von der Verderbniß des Staates  383. Erster Abschnitt. Von der Vollkommenheit des Staates  388. Zweyter Abschnitt. Von der Verderbniß des Staates  392. III. Von den Pflichten, welche aus der Verderbniß des Staates fliessen  399. Erster Abschnitt. Von den allgemeinen Pflichten, welche aus der Verderbniß des Staates fliessen  402. Zweyter Abschnitt. Von den aus der Verderbniß des Staates fliessenden ­besondern Pflichten der Regenten und ihrer Beamten  410. Dritter Abschnitt. Von den besondern Pflichten, welche die Gelehrten und die Schriftsteller in Betrachtung der Verderbniß des Staates zu beobachten haben  419. Vierter Abschnitt. Von den besondern Pflichten, welche die Geistlichen in Betrachtung der Verderbniß des Staates zu beobachten haben  422. Fünfter Abschnitt. Von den aus der Verderbniß des Staates fliessenden ­besondern Pflichten der Unterthanen, als Unterthanen betrachtet  424. Sechster Abschnitt. Von der Möglichkeit oder Unmöglichkeit der Verbesserung eines Staates  429. IIII. Briefe über Herr Doctor Browns Englische Sitten  435. Erster Brief  437. Zweyter Brief  443. Dritter Brief  445. Vierter Brief  449. Fünfter Brief  454. V. Ermahnungen eines Eidsgenossen an seinen Sohn  457. VI. Gedanken über die Rechtmässigkeit des fremden Kriegsdienstes  467.

Kommentar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 475 Politischer Versuch über die Berathschlagung. Nebst einem Anhange vermischter Schriften (1761) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 499 Vorbericht 503. Versuch über die Berathschlagung  507. Erster Abschnitt. Von der zu der Berathschlagung erforderlichen Weisheit  509. Zweyter Abschnitt. Von der zu der Berathschlagung erforderlichen ­Klugheit  517. Dritter Abschnitt. Von der Erfahrung  524. Vierter Abschnitt. Von der Abfassung und von dem Vortrage der ­Rathschläge  533. Fünfter Abschnitt. Von der Beurtheilung der Rathschläge  539. Sechster Abschnitt. Beschluß  545. Ehrengedächtniß Herrn Isaak Burkards geheimden Rathes der Hochlöbl. Stadt und Republic Basel  549. Philosophische und Politische Briefe  559. Erster Brief. An Orontes  559.


VIII

Inhalt Zweyter Brief. An Parmenio  561. Dritter Brief. An Artemon  563. Vierter Brief. An Palämon  564. Fünfter Brief. An Nikanor  566. Sechster Brief. An Kritias  570. Siebender Brief. An Sophron  574. Achter Brief. An Theophilus  576. Neunter Brief. An Clinias  579. Zehnter Brief. An Damon  582. Eilfter Brief. An Klinias  584. Zwölfter Brief. An Pollio  585. Dreyzehnter Brief  587.

Kommentar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 589 Bibliographie .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 607 Namenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 621


Vorwort des Kuratoriums Der Basler Philosoph, Jurist, Ratsschreiber und Publizist Isaak Iselin (17281782) ist einer der wichtigsten Vertreter der Schweizer Aufklärung. Mit seinem Hauptwerk, der erstmals 1764 erschienenen Geschichte der Menschheit, gehört er zu den Begründern der modernen Geschichtsphilosophie. Die Bandbreite seiner Publikationen reicht von politischen Reformschriften über Untersuchungen zur Wirtschaftslehre bis zu pädagogischen Entwürfen. Als Herausgeber der Ephemeriden der Menschheit, als unermüdlicher Rezensent für Friedrich Nicolais Allgemeine deutsche Bibliothek und durch seine vielfältigen Kontakte mit zahlreichen Gelehrten wie auch mit politischen Persönlich­ keiten innerhalb und außerhalb der Schweiz – etwa in der von ihm mitgegründeten Helvetischen Gesellschaft – wurde Iselin zu einem wichtigen Vermittler zwischen verschiedenen Strömungen innerhalb der europäischen Aufklärung und zu einem der damals bekanntesten Autoren im deutschsprachigen Raum. Als Wegbereiter eines republikanischen Patriotismus und als Pionier eines neuen Typus von Geschichtsphilosophie ist Iselin in jüngerer Zeit wieder verstärkt in den Mittelpunkt eines interdisziplinär ausgerichteten Forschungs­ interesses gerückt. Doch waren seine Schriften bisher in keiner modernen Ausgabe greifbar. Die vorliegende Edition will diesem Mangel abhelfen, indem sie die Hauptschriften Iselins in einer kommentierten Leseausgabe wieder zugänglich macht und damit die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Iselin auf eine verlässliche editorische Grundlage stellt. Jeder Band enthält einen Kommentarteil, der die notwendigen Informa­ tionen zur Entstehungsgeschichte und zum Verständnis der Texte liefert, eine Einführung sowie ein umfassendes Personenregister. Für den Kommentar wurde insbesondere der im Staatsarchiv Basel-Stadt und in der Universitätsbibliothek Basel aufbewahrte Nachlass Iselins berücksichtigt. Die Edition geht auf eine Initiative namhafter Iselin-Forscher zurück. Sie erscheint im Auftrag eines 2010 von der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften eingesetzten Kuratoriums unter der Leitung von Prof. Dr. Kaspar von Greyerz (ab 2014 Prof. Dr. Claudia Opitz-Belakhal) (beide Basel), das das Konzept der Neuausgabe ausarbeitete und die Editionsarbeit eng begleitete. Ihm gehörten an: lic. phil. Esther Baur (Basel), lic. theol.


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Vorwort des Kuratoriums

Peter Felber (Basel), Dr. Lucas Marco Gisi (Basel), Prof. Dr. André Holenstein (Bern), Dr. Holger Jacob-Friesen (Karlsruhe), Prof. Dr. Béla Kapossy (Lausanne), Prof. Dr. Thomas Maissen (Paris/Heidelberg), Prof. Dr. Wolfgang ­Rother (Basel/Zürich), Prof. Dr. Andreas Urs Sommer (Freiburg i. Br.), Prof. Dr. Danièle Tosato-Rigo (Lausanne), Prof. Dr. Daniel Tröhler (Luxembourg), Prof. Dr. Simone Zurbuchen Pittlik (Lausanne). Das Kuratorium wurde maßgeblich unterstützt durch das Staatsarchiv ­Basel-Stadt, die Universitätsbibliothek Basel, die Basler Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige, die Basler Max Geldner Stiftung, die Basler Freiwillige Akademische Gesellschaft, die Basler Berta Hess-Cohn Stiftung, die Nachkommen und Angehörigen der Familie Iselin sowie durch den Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung und die Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften. Diesen Institutionen und Stiftungen sei an dieser Stelle ganz herzlich gedankt.


Siglen I. Schriften von Isaak Iselin Br. Frey Briefwechsel zwischen Isaak Iselin und Johann Rudolf Frey [StABS Iselin 47-56] Br. Hirzel Briefe von Isaak Iselin an Salomon Hirzel [StABS Iselin 57-62] EdM Ephemeriden der Menschheit (1776-1786) FG Freimühtige Gedanken über die Entvölkerung unserer Vaterstadt (21758) GM [1764] Philosophische Muthmassungen über die Geschichte der Menschheit (1764) GM [1768] Über die Geschichte der Menschheit. 2 Bde. (1768) GM [1770] Über die Geschichte der Menschheit. 2 Bde. (1770) GM [1779] Über die Geschichte der Menschheit. 2 Bde. (1779) OHM Observationes historicae miscellaneae (1754) Palämon I Palämon, oder von der Ueppigkeit (1769) Palämon II Der zweyte Palämon, oder von dem Aufwande (1770) Pariser Tb Schwarz (Hg.): Isaak Iselins Pariser Tagebuch 1752 (1919) Plutus Plutus, oder von den Reichthümern (1762) PPT [1755] Filosofische und patriotische Träume eines Menschenfreundes (1755) PPT [1758] Philosophische und patriotische Träume eines Menschenfreundes (1758) PPT [1762] Philosophische und patriotische Träume eines Menschenfreundes (1762) PPV Philosophische und politische Versuche (1760) SNVJ Sammlung dem Nutzen und dem Vergnügen der Jugend geheiliget StABS Iselin Nachlass Isaak Iselin, Staatsarchiv Basel-Stadt: PA 98 Tb Tagebuch Isaak Iselins 1751-1781 [StABS Iselin 1-15] Tentamen Tentamen juris publici Helvetici (1751) TM Träume eines Menschenfreundes. 2 Bde. (1776) UB BS Iselin Nachlass Isaak Iselin, Universitätsbibliothek Basel: NL 33


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Siglen

UG Unvorgreifliche Gedanken über die Verbesserung der B- - -schen hohen Schule (1758) VB Politischer Versuch über die Berathschlagung (1761) Versuche Versuche (1751) VG Versuch über die Gesezgebung (1760) VGO Versuch über die gesellige Ordnung (1772) VS Vermischte Schriften. 2 Bde. (1770)

II. Weitere Literatur AdB Allgemeine deutsche Bibliothek (1765-1796) Adelung Johann Christoph Adelung: Grammatisch-kritisches Wörter buch der Hochdeutschen Mundart […]. 4 Bde. Leipzig: ­Breitkopf, 1793-1801 GGA Göttingische Anzeigen von gelehrten Sachen / Göttingische gelehrte Anzeigen (seit 1739) Grimm Jacob Grimm / Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch. 16 Bde. Leipzig 1854-1960 HLS Historisches Lexikon der Schweiz. Hg. von der Stiftung Histori­ sches Lexikon der Schweiz. 13 Bde. Basel 2002Im Hof I [1947] Ulrich Im Hof: Isaak Iselin. Sein Leben und die Entwicklung seines Denkens bis zur Abfassung der «Geschichte der Menschheit» von 1764. Bd. 1: Isaak Iselins Leben und Bildungs­gang

bis 1764 (1947)

Im Hof II [1947] Bd. 2: Iselins Stellung in der Geistesgeschichte des XVIII. Jahrhunderts (1947) Im Hof [1967] Ulrich Im Hof: Isaak Iselin und die Spätaufklärung (1967) SDW Schweizerdeutsches Wörterbuch [vormals: Schweizerisches Idiotikon]. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache. Hg. vom Verein für das Schweizerdeutsche Wörterbuch. 16 Bde. Frauenfeld 1881Zedler Johann Heinrich Zedler: Grosses vollständiges Universal­ lexikon aller Wissenschaften und Künste […]. 64 Bde. Halle, Leipzig: Zedler, 1732-1764


Einleitung 1. Zu der Auswahl Der vorliegende Band versammelt Isaak Iselins Schriften zur Politik. Der Titel des Bandes bedarf einiger klärender Vorbemerkungen. Was ist in diesem Zusammenhang unter ‘Politik’, unter ‘politisch’ zu verstehen? Iselin war Ratsschreiber und kein Politiker, es handelt sich also nicht um Texte aus der Feder eines aktiven Staatsmanns. Der Band enthält jedoch auch keine politiktheoretischen Abhandlungen in dem Sinn, dass sie einen konsistenten Entwurf der Staatstheorie lieferten. Noch weniger gehören jene Schriften Iselins, die ‘politisch’ im Titel tragen, in jenen speziellen Bedeutungskontext der weltklugen Erziehung, die das ‘Politische’ im deutschsprachigen Raum an der Wende zum 18. Jahrhundert angenommen hatte und zum Beispiel in Titeln wie dem Politischen Redner von Christian Weise zum Ausdruck kommt. ‘Politisch’ sind die hier zusammengestellten Schriften Iselins in anderer Hinsicht: Sie befassen sich mit Fragen wie der Ausbildung eines guten Staatsmanns und seinen Aufgaben in der Regierung, Problemen der Gesetzgebung, der Reform eines Staatswesens oder der Suche nach der idealen Regierungsform. Vor allem aber sind sie immer bezogen auf die polis, mit engem Bezug auf die Gegebenheiten eines republikanischen Gemeinwesens verfasst. Insofern gehören sie auch in den Kontext der Debatte um den in jüngerer Zeit vertieft erforschten schweizerischen Republikanismus.1 Die Einleitung verfolgt das Ziel, einen ersten Ein1

Zu den für den vorliegenden Kontext wegweisenden Arbeiten gehören: Volz-Tobler: Rebellion im Namen der Tugend; Böhler u.a. (Hg.): Republikanische Tugend; Kapossy: Neo-Roman Republicanism and Commercial Society; Zurbuchen: Patriotismus und Kosmopolitismus; Tröhler: Republikanismus und Pädagogik; Maissen: Die Geburt der Republic; Kapossy: Iselin contra Rousseau; Lütteken/Mahlmann-Bauer (Hg.): Johann Jakob Bodmer und Johann Jakob Breitinger; Reiling: Die Genese der idealen Gesellschaft; Lerner: A Laboratory of Liberty. Zusammenfassend auch: Holenstein: Republikanismus in der alten Eidgenossenschaft; Zurbuchen: Freiheit der Alten – Freiheit der Modernen; dies.: Die Schweizer Aufklärung. In den genannten Arbeiten finden sich auch umfassende Hinweise auf weitere Forschungsliteratur, die hier nur am Rande gestreift werden kann. – Die Literaturangaben erfolgen hier sowie im Kommentarteil grundsätzlich mit Kurztiteln, die in der Bibliographie aufgelöst


XIV

Einleitung

blick in die Problemstellungen von Iselins Schriften zur Politik zu eröffnen und dabei einige leitende Aspekte ihrer Entstehung zu skizzieren.2 Die hier edierten Texte sind im Laufe einer relativ kurzen Zeitspanne zwischen 1755 und 1760 entstanden, zu einer Zeit also, «da ein Krieg, über den selbst die Härtigkeit des barbarischen Weltalters erstaunen müßte, die schönsten Länder verheeret, und unzehliche Unglückliche machet».3 Obwohl die damalige Eidgenossenschaft von den Auseinandersetzungen des Siebenjährigen Kriegs (1756-1763) verschont blieb, stellen der «gegenwärtige Krieg»4 sowie das Bewusstsein, dass die Schweiz leicht in ihn verwickelt werden könnte, dennoch einen prägenden Hintergrund dieser Schriften dar.5 Iselin hat auch späterhin eine Reihe von ergiebigen Beiträgen zu politischen Themen verfasst, die hier jedoch nicht aufgenommen werden konnten – die Anlage der Edition verlangte nach einer repräsentativen Auswahl. Es wurde entschieden, den Schwerpunkt bewusst auf die frühen politischen Schriften zu legen. Denn es sind jene meist mit «Träumen» oder «Versuchen» überschriebenen Texte des jungen Iselin, die als seine politischen Schriften im engeren Sinn bezeichnet werden können. Die späteren Beiträge zur Politik sind – von Iselin selbst meist unter den Sammelbegriff «bürgerliche Ordnung» gefasst – nurmehr Teil einer

2

3 4 5

werden. Für Iselins Schriften sowie für weitere oft benutzte Literatur werden Siglen verwendet (vgl. Siglenverzeichnis). Am Beginn jeglicher Beschäftigung mit Iselin stehen noch immer die profunden Studien von Ulrich Im Hof, die auch in Bezug auf die politischen Schriften unverzichtbar sind. Die biographischen Einzelheiten zu Iselin in der Einleitung wie auch im Kommentarteil stützen sich neben dem handschriftlichen Quellenmaterial denn auch zu wesentlichen Teilen auf die Forschungsarbeiten Im Hofs, ohne dass dies an jeder einzelnen Stelle nachgewiesen würde. Für die frühen politischen Beiträge vgl. insbesondere Im Hof II [1947] 495-512; zu der späteren Konzeption: Im Hof [1967] 125-146; zusammenfassend auch: Im Hof : Die Grund- und Menschenrechte bei Isaak Iselin. Aus der neueren Forschung einschlägig: Brühlmeier: Isaak Iselin and the Call for Civic Virtue; Jacob-Friesen: Isaak Iselin als politischer Denker; und insbesondere: Kapossy: Iselin contra Rousseau. Beachtenswert ist ferner nach wie vor die (von Friedrich Meinecke und Ernst Troeltsch betreute) Dissertation von Richard Konetzke: Isaak Iselin und der Staatsgedanke der Aufklärung [1922] (zusammengefasst in: Konetzke: Isaak Iselin und der Staatsgedanke der Aufklärung [1923/24]). PPT [1758] 111. PPV 244. Reiches Quellenmaterial, auch aus dem Briefwechsel Iselins, bietet hierzu: Meyer: Zeitgenössische Beurteilung und Auswirkung des Siebenjährigen Kriegs. Für eine konzise Übersicht über die Geschichte der Schweiz im 18. Jahrhundert vgl. Holenstein: Beschleunigung und Stillstand. Spätes Ancien Régime und Helvetik (1712-1802/03).


Einleitung

XV

übergreifenden Staats-, Moral- und Wirtschaftstheorie auf der Grundlage der physiokratischen Lehre.6 Diese nach Iselins sogenannter «physiokratischer Wende»7 erschienenen Beiträge – allen voran die entsprechenden Kapitel in den Vermischten Schriften (1770) und den Träumen eines Menschenfreundes (1776) sowie diverse Beiträge für die Ephemeriden der Menschheit (ab 1776) – stellen ein eigenes Themengebiet dar, das durch die vorliegende Auswahl nicht abgedeckt wird. Im Nachlass Iselins finden sich ferner eine Reihe von Texten, die eng in den Zusammenhang der hier ausgewählten Schriften gehören, so etwa der wichtige Dialog Die Politiker oder das gemeine Beste (1762)8 und andere nur handschriftlich überlieferte Texte. Sie wurden zwar alle berücksichtigt, konnten aber im Rahmen dieser Auswahlausgabe nicht ediert werden.9 Hier steht jenes Ensemble von Texten im Vordergrund, in denen Iselin seine politischen Grundkonzeptionen erstmals ausführlich entfaltet und die in den späteren Werken auf vielfache Weise weiterentwickelt und umgearbeitet werden. Um das Korpus einleitend zu charakterisieren, sei zunächst ein Blick auf den frühesten und den spätesten der ausgewählten Texte geworfen. An den Anfang gestellt wurde mit dem Zeitschriftenbeitrag Der patriotische Redner (1755) einer der ersten veröffentlichten Beiträge Iselins überhaupt.10 Ein erfahrener Politiker, Aristides, unterstützt darin das junge angehende Ratsmitglied Ferdinand bei seinen ersten Schritten in der Politik und weiht es in die «Helvetische Staatsklugheit»11 ein. Dabei kann sich Aristides seinerseits auf die Merksätze eines älteren Ratgebers berufen: Das Wohl des ganzen Staates, so wird zum Beispiel verkündet, müsse einem stets vor Augen stehen, man solle das Vaterland lieben wie die eigenen Eltern. In der Gesetzgebung sei es nötig,  6

Vgl. hierzu etwa das Kapitel «Über die bürgerliche Ordnung» im Versuch über die gesellige Ordnung (1772) (VGO 100-128).  7 Vgl. die grundlegende Darstellung bei Im Hof [1967] 117-124.  8 StABS Iselin 17, 232-273.  9 Die Lücke mag dadurch kompensiert werden, dass im Kommentarteil einigermaßen ausführlich bislang unveröffentlichtes Material aus dem Nachlass Iselins und anderer herangezogen wird. Im Rahmen der Vorbereitungen zu diesem Band ist überdies erstmals ein Hinweis darauf aufgetaucht, dass ein Katalog von Iselins Bibliothek – der die Quellenarbeit erheblich erleichtern würde – existiert haben muss (vgl. die Anzeige der Versteigerung von Iselins Bibliothek am 1. Nov. 1784 in: Nouvelles de divers endroits [‘Gazette de Berne’] 84 (20. Okt. 1784), 4). Leider konnte der Katalog auch nach intensiver Recherche nicht ausfindig gemacht werden. 10 Iselins Dissertation, das Tentamen juris publici Helvetici, ist hier allein aus chronologischen Gründen vor dem Patriotischen Redner plaziert. 11 PR 402.


XVI

Einleitung

«allzeit auf das nohtwendige Gleichgewicht in dem Staate zu sehen»; je mehr sich ein Staat «der Demokratie, oder völligen Aristokratie nähert, desto mehr lauft er in Gefahr, in den Despotismus zu verfallen».12 Um dieses Gleichgewicht zu wahren, bedürfe es der «Klugheit» – die hier noch im Sinne einer taktisch eingesetzten Verstellungskunst verstanden wird.13 Plädiert wird außerdem für Gesetzestreue und einen gewissen republikanischen Stolz. Es ist nun bezeichnend für Iselins Politikverständnis, dass diese allgemeinen Überlegungen zum «Wohl des Staates» sofort an die Einzelperson, an das «Eigene Wohl» zurückgebunden werden.14 Für den einzelnen Politiker gelte es, Unabhängigkeit zu wahren, sich nicht bestechen zu lassen und die richtigen Freunde auszuwählen. Man solle sein Amt gewissenhaft auszuführen suchen und sich schließlich – das Stück heißt nicht umsonst Der patriotische Redner – um eine «männliche», «starke», «kernige» Rhetorik bemühen.15 Der kurze Text wurde von Iselin 1755 entworfen, in demselben Jahr wie sein erstes Hauptwerk, die Philosophischen und patriotischen Träume eines Menschenfreundes. Die Form des Lehrgesprächs hat Iselin auch später öfter verwendet: so etwa in den «Ermahnungen eines Eidsgenossen an seinen Sohn» in den Philosophischen und politischen Versuchen (1760), sokratisch und vor antikisierender Kulisse im Plutus (1762), den Palämon-Gesprächen (1769/70) oder den «Schinznacher Unterredungen» in den Vermischten Schriften (1770).16 Nicht nur in Bezug auf diesen formalen Aspekt weist Der patriotische Redner bereits einige wesentliche Züge auf, die für Iselins politische Schriften insgesamt charakteristisch sind. Dazu gehört auch die Anlage des Textes mit seinem päd­ agogischen Appellcharakter, der sich an den Einzelnen wendet und ihn an seine Pflichten als Bürger erinnert. So ist der Vater oder der Weise, der den 12 13 14 15 16

PR 404. Vgl. ebd. Vgl. PR 406. Vgl. PR 410-411. PPV 275-300. Auch in den «Philosophischen und politischen Briefen» im Anhang des Versuchs über die Berathschlagung ist der Briefschreiber meist ein väterlicher Freund, der Ratschläge und Mahnungen erteilt. Selbst in umfangreicheren Texten wie dem Versuch über die gesellige Ordnung (1772) wird durch Apostrophen – hier an den «liebsten Charidemus», einen «edel denkende[n] Jüngling» (VGO 89) – ­suggeriert, dass es sich um einen Brief an einen jugendlichen Freund handle. Auch die Einleitung der Philosophischen und patriotischen Träume wird bei ihrer Wiederverwendung in den Träumen eines Menschenfreundes (1776) nachträglich an den «theure[n] Charidemus» (TM I, 16) gerichtet.


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XVII

Sohn oder einen Jüngeren belehrt, eine auch in späteren Texten wiederkehrende Figur, bis hin zum Menschenfreundlichen Katechismus (1776) oder dem späten Schreiben eines Vaters an seinen Sohn, der sich der Handelschaft widmet (1781). Kennzeichnend ist ferner die Bezugnahme auf konkrete Gegebenheiten, hier auf die republikanischen Ratsversammlungen. Zwar wird kein Ort explizit benannt, aber – und auch dies trifft auf viele politische Schriften Iselins zu – die geschilderten Umstände lassen durchaus an Iselins Heimatstadt Basel denken.17 Bei allem pädagogisch-deklamatorischen Duktus sollte schließlich nicht übersehen werden, dass Der patriotische Redner, wie viele von Iselins Schriften, dessen Anliegen undogmatisch und dialogfreudig, durchaus auch mit rhetorischem Witz vorträgt. Wenn man vom Patriotischen Redner zum spätesten Werk der vorliegenden Auswahl blendet, dem Politischen Versuch über die Berathschlagung von 1761, wird deutlich, dass sich eine gleichbleibende Grundabsicht aus Iselins politischen Schriften herauslesen lässt, so heterogen ihre Problemstellungen erscheinen mögen. Als «Beschluß» des Versuchs über die Berathschlagung sind ebenfalls eine Reihe von Merksätzen aufgeführt, die sogar im Imperativ stehen. Eindringlich wiederholt wird zum Beispiel folgende Maxime: «Bestrebet euch den innerlichen und aüsserlichen Zustand des Staates, dem ihr rathet, in seinem ganzen Umfange zu kennen;18 und erweget sorgfältig alle Einflüsse, welche euere Vorschläge und die Ausführung derselben in desselben Wohlfahrt haben könnten.»19 Die weiteren Ratschläge sind eher allgemein lebenspraktisch als im engeren Sinn politisch gehalten, so zum Beispiel: «Seyd eher zu langsam, als zu geschwind, euch zu entschliessen.»20 – «Haltet zwischen der Verwegenheit und der Furchtsamkeit die Mittelstrasse. Hütet euch dißorts

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Tatsächlich basiert der Text auf einem «Entwurf meiner Pflichten, die ich als Mitglid des großen Rahtes zu beobachten habe» (Tb 4, 306-317; 30./31. Dez. 1754), war also ursprünglich ganz auf die Basler Verhältnisse zugeschnitten. Die Formulierung erinnert an eine Passage aus einer Satire Albrecht von Hallers, aus der auch zu Beginn des Patriotischen Redners zitiert wird (vgl. PR 398-399): «Fürs erste lerne der, der groß zu seyn begehret, / Den innerlichen Stand des States [sic], der ihn nähret.» (Haller: Verdorbene Sitten. In: Ders.: Versuch Schweizerischer Gedichte. 3. Aufl., 107) Hallers frühe Satiren und Gedichte werden im Umkreis der schweizerischen patriotischen Bewegung als Motti und Leitsprüche regelmäßig herbeige­ zogen. VB 136. VB 137.


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hauptsächlich vor den Fehlern euers eignen Naturells.»21 – «Seyd standhaft, ohne hartnäckigt zu seyn. Gebt auf alle nur möglichen Folgen eines Entschlusses, und auf alle Hindernisse, die der Bewerkstelligung desselben im Wege stehen können, sorgfältig Achtung.»22 – «Verlanget niemals, was durch dieselben natürlich oder sittlich unmöglich ist.»23 Und schließlich: Einen jeden besondern Rathschlag betrachtet in allen seinen möglichen Verhältnissen gegen alle Theile des gemeinen Wesens, und gegen die ewigen und unveränderlichen Gesetze GOttes. Was mit diesen nicht übereinstimmet, kan niemals gut, kan niemals weis seyn. / Die ganze Staatskunst, welche auf andre Grundsätze gebauet ist, und wäre sie die Weisheit aller Höfe und aller Rathsstuben, ist nichts anders als Arglist und Bosheit, und führet die Völker und ihre Rathgeber wie Blinde, die von Blinden geleitet werden, in den gewissesten Untergang.24

Im Patriotischen Redner waren noch Reste eines älteren Verständnisses von politischer Klugheit im Sinne von Verstellungskunst aufgeschienen. Die Maximen des Versuchs über die Berathschlagung dagegen erteilen der – andernorts von Iselin auch unter dem Stichwort «Afterpolitik» verurteilten25 – politischen Klugheitslehre beziehungsweise der ‘Staatsräson’ eine gründliche Absage.26 Ansonsten ist die Stoßrichtung jedoch in etwa dieselbe geblieben: Es wird an den angehenden Politiker respektive den Staatsbürger appelliert, Maß zu halten und umsichtig, pflichtbewusst und vor allem gesetzestreu seiner Aufgabe nachzugehen. Wie eine thematische Klammer umschließen die Merksätze des frühesten und des spätesten Textes der Auswahl somit die dazwischenliegenden Beiträge, die von demselben pädagogisch-moralisierenden Impetus durchdrungen sind – die politische Theorie ist bei Iselin immer auch Moralphilosophie: «[D]ie politische [Tugend] ist wie die moralische, dasselbige Wesen unter verschiednen Namen.»27 Die im Patriotischen Redner erstmals formu21 22 23 24 25

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Ebd. VB 140. Ebd. VB 144-145. Vgl. das Kapitel «Die Afterpolitik» in PPT [1758] 38-49, das die «verführerische Lehre» der falschen Politik ebenfalls in Maximenform vorträgt (42-45). Im Umkreis der ­Philosophischen und patriotischen Träume ist auch die Rede von einem «Afterschweizer» (Der Eidsgenoss 1 (1749) 6) beziehungsweise «Aftereidsgenoß» (Der Sintemal 1 (1759) 2). Vgl. hierzu auch die Wendung gegen die (dis)simulatio im «Antipatrioten» (PPT [1758] 337-338). PPV 35.


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lierten Grundmaximen werden in den darauffolgenden Schriften in aller Ausführlichkeit ausgestaltet und erörtert und am Schluss des Versuchs über die Berathschlagung noch einmal bündig zusammengefasst. Als Ganzes bildet das Textkorpus somit eine Art Lehrprogramm für angehende Politiker.28 Allerdings ist dieses nicht konsequent analytisch aufgebaut, sondern in essayistischem Stil verfasst. Die meisten Texte sind denn auch als «Versuche» bezeichnet, sie enthalten zahlreiche Exkurse in benachbarte und abgelegenere Themengebiete sowie «vermischte» Anhänge.29 Die Voraussetzungen und Hauptargumentationslinien von Iselins politischen Schriften sollen nun freigelegt und ihre geschichtliche Stellung im Kontext der Schweizer und der europäischen Aufklärung in Umrissen skizziert werden.30

2. «Ex senatu». Iselins Schreibsituation als Ratsschreiber Um die Problemlage, aus der heraus Iselins Schriften zur Politik entstanden sind, verständlich zu machen, gilt es zunächst, seine Stellung innerhalb der damaligen Stadtrepublik Basel zu umreißen. Damit soll keinesfalls den lokalund regionalgeschichtlichen Einzelheiten ein besonderer Stellenwert eingeräumt werden. Als prägender Aspekt der Produktionsbedingungen von Iselins politischen Schriften lässt sich dieser Kontext jedoch nicht übergehen, sind sie doch allesamt in engem Zusammenhang mit Iselins Tätigkeit in der ­Verwaltung der Stadtrepublik Basel zu sehen. Ihre Problemstellungen entspringen oft ganz konkreten Gegebenheiten im damaligen Basel oder in der Eidgenossenschaft, gerichtet sind sie jedoch stets an einen größeren deutschsprachigen Leserkreis. Aus dieser Spannung zwischen besonderem Anlass und

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Dass sich dieses in erster Linie an die Jugend richten soll, wie Im Hof verschiedentlich behauptet (z.B. Im Hof [1967] 60), ist eine plausible Lesart, die aus den Texten selbst jedoch nicht explizit hervorgeht. Von besonderem Interesse sind hier die «Philosophischen und politischen Briefe»  im Anhang des Versuchs über die Berathschlagung (VB 159-262). Für eine eingehende Diskussion der Texte im Rahmen der Schweizer Aufklärung sowie der Republikanismus-Debatte, die an dieser Stelle nicht geleistet werden kann, sei auf die Forschungsliteratur verwiesen. Vgl. die in Fn 1 genannten Arbeiten, ­insbesondere die Darstellung bei Kapossy: Iselin contra Rousseau.


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allgemeiner ‘philosophischer’ Betrachtungsweise erhalten die politischen Texte Iselins ihr charakteristisches Profil.31 Die Produktionsbedingungen von Iselins Texten wurden bereits zu seinen Lebzeiten zum Thema gemacht. So kommt zum Beispiel Johann Georg Zimmermann, der mit Iselin befreundete Arzt und Schriftsteller, im dritten Band seines Hauptwerks Über die Einsamkeit (1783/84) auf sie zu sprechen: «Einer der größten und rechtschaffensten Männer die jemals in der Schweiz lebten, mein seliger Herzensfreund Iselin», habe seine Ephemeriden der Menschheit, «ein Buch das alle grossen Herren in Deutschland hätten lesen sollen, und das viele auch gelesen haben», im «Senat zu Basel» geschrieben.32 Eine Fußnote ergänzt: Herr Iselin war Rathschreiber. Also in dem Er seine Ephemeriden schrieb, glaubten die Rathsherren in Basel, Er protokolliere was sie sagen; so wie vormals die Rathsherren zu Zürich in ihren Rathsversammlungen glaubten, der unsterbliche Geßner fange alle ihre Worte in seine Schreibtafel auf, wenn Er die drollichsten Gesichter einiger von diesen Rathsherren en Carricature zeichnete.33

Während sich der Wahrheitsgehalt der Anekdote über Salomon Gessner nicht bestätigen lässt, ist die Bemerkung über Iselin ganz wörtlich zu verstehen: Auf Iselins Handschriften findet sich häufig der Vermerk «ex senatu» – was bei ihm so viel heißt wie ‘während der Ratssitzung verfasst’. Auch sonst geht aus zahlreichen Hinweisen in Briefen und Manuskripten hervor, dass der Ratsschreiber Iselin einen erheblichen Teil seiner Entwürfe offenbar während der Sitzungen niedergeschrieben hat. Seine publizistischen Arbeiten wurden mithin ebenso wie seine umfassende Korrespondenz in enger Verbindung mit seiner Tätigkeit für die Basler Kanzlei geleistet, deren Vorsteher Iselin zeit seines Lebens geblieben ist. Von 1756 bis zu seinem Tod 1782, über ein Vierteljahrhun-

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Der Behauptung Karl Schwarbers, Iselin skizziere «in seinen Druckschriften seine politischen Systeme ausschließlich von der philosophischen Position aus und ohne irgend einen Hinweis auf die Eidgenossenschaft», wird hier also entschieden widersprochen (Schwarber: Zentralistisch-politische Reformvorschläge in der Schweiz, 258 Fn 40). Johann Georg Zimmermann: Ueber die Einsamkeit. Tl. 3. Troppau: [o.N.], 1786, 246 (Kap. 10: Vorurtheile der Einsamkeit für den Geist). Zimmermann spricht etwas missverständlich von einem «Buch» in Bezug auf Iselins Zeitschrift Ephemeriden der Menschheit – die allerdings gewöhnlich zu Jahrgangsbänden zusammengebunden wurde. Ebd.


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