Skip to main content

Philosophus orator

Page 1

Stefan Schorn, geb. 1971, ist Professor für Alte Geschichte an der KU L ­ euven. Er beschäftigt sich mit griechischer Historiographie, Biographie, politischer Theorie und Religionsgeschichte.

Männlein-Robert ∙ Rother ∙ Schorn ∙ Tornau

Philosophus orator

Christian Tornau, geb. 1967, ist Professor für Klassische Philologie an der Universität Würzburg. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Philosophie des Neuplatonismus und die lateinische Patristik, insbesondere Augustinus.

Irmgard Männlein-Robert, Wolfgang Rother, Stefan Schorn, Christian Tornau (Hg.)

interdisziplinär

Wolfgang Rother, geb. 1955, ist Professor für Philosophie an der Universität Zürich. Seine Arbeitsgebiete sind Philosophie- und Ideengeschichte, Philo­ sophie der Aufklärung, Existenzphilosophie, Hedonismus, Strafrechtsphilo­ sophie und Philosophie der Geschichte.

Philosophus orator

eV t e m u b r eV ta r e o i p i c n i r p nI s u e D t e m u e D d upa ta re m ub - n i r p n i t a r e c o h . m u b r eV t a r e re p a i n mo . m u e D d upa o ipi c o spi enis te tnus atcaf muspi m ut c a f d o uq l i h i n t s e m ut c a f u l ta r e a t i v t e ta r e a t i v o s p i n i sirbe net ni xul t e .munimo h - no c no n ma e e a rbe net t e t e c ul ssim omoh tiuf . tnu re dneherp Irmgard Männlein-Robert, geb. 1970, ist Professorin für Klassische Philo­ logie/Gräzistik an der Universität Tübingen. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind e n n a h oI ta r e n e m o n i u c o e D a Platon, Platonismus in Kaiserzeit und Spätantike, hellenistische Ästhetik und Poetik sowie kulturwissenschaftliche Fragestellungen. s et tu m ui no m it s et n i ti ne v c i h

Philosophus orator – der Philosoph und der Redner, der Philosoph als ­Redner. Rhetorik und Philosophie stehen seit den Anfängen des abend­ ländischen Denkens in einem komplexen Verhältnis zueinander, das von Konkurrenz und gegenseitiger Ablehnung ebenso wie von wechselseitiger Adaptation und Interdependenz geprägt ist. Es hat seinen guten Grund, dass dieser Band Michael Erler gewidmet ist, der neben seinen Studien zu Epi­ kur und zum Epikureismus vor allem als Platon-Forscher und Autor des wohl wichtigsten neueren Buchs über Platon bekannt ist. Zwar hat Epikur der Rhetorik bekanntlich keine große Bedeutung zugemessen, und auch Platon hatte sich in seiner antisophistischen Polemik gegen die Trennung rhetorischer Fertigkeiten von der Philosophie und der Wahrheit gewandt. Aber bei wohl keinem anderen Philosophen greifen das Literarische und das Philosophische so eng ineinander, wie Michael Erler selbst in einer Fülle von Beiträgen gezeigt hat. Im vorliegenden Band wird die Allgegenwart rhetorischer Elemente und Strategien in philosophischen Texten in einem diachronen Zugriff von den Anfängen bei den Vorsokratikern bis in die Spätantike und – in Form eines Ausblicks – bis ins Mittelalter und bis zu Hegel untersucht.

interdisziplinär I S B N 978-3-7965-3337-2

Schwabe Verlag Basel www.schwabeverlag.ch

9

783796 533372


SCHWABE INTERDISZIPLINÄR 10 HERAUSGEGEBEN VON WOLFGANG ROTHER

SCHWABE VERLAG BASEL


IRMGARD MÄNNLEIN-ROBERT, WOLFGANG ROTHER STEFAN SCHORN, CHRISTIAN TORNAU (HG.)

PHILOSOPHUS ORATOR RHETORISCHE STRATEGIEN UND STRUKTUREN IN PHILOSOPHISCHER LITERATUR MICHAEL ERLER ZUM 60. GEBURTSTAG

SCHWABE VERLAG BASEL


Publiziert mit Unterstützung des Zürcher Universitätsvereins

Copyright © 2016 Schwabe AG, Verlag, Basel Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Gesamtherstellung: Schwabe AG, Druckerei, Muttenz/Basel Printed in Switzerland ISBN 978-3-7965-3337-2 rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch


Inhalt Irmgard Männlein-Robert, Wolfgang Rother, Stefan Schorn, Christian Tornau Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 Mauro Tulli Strategien der Erzählung und der Überzeugung des Adressaten bei Parmenides . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31 Bernhard Zimmermann Theorietheater. Platon und die Komödie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47 Franco Ferrari Aporia e maieutica nel Teeteto di Platone . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63 Christopher Rowe Plato’s Rhetorical Strategies. Writing for Philosophers, Writing for Non-Philosophers . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85 Maddalena Vallozza Der Dialog in der Epideiktik: Isokrates . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109 Sabine Föllinger Literarische Strategien bei Aristoteles . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127 Holger Essler Zusammenhang bei Einzelsätzen. Zum assoziativen Aufbau der epikureischen κύριαι δόξαι . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145


6

Inhalt

Jan Erik Heßler τὸν σοφὸν οὐ δοκεῖ ῥητορεύσειν καλῶς? Rhetorik in Texten Epikurs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161 Graziano Arrighetti Filodemo, le technai e la retorica . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181 Francesca Longo Auricchio Studio della presenza dei proverbi nel linguaggio di Filodemo . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 203 Carlos Lévy La parole et ses deux fonctions dans la pensée rhétorique de Cicéron . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 221 Thomas Baier Die Versöhnung von Philosophie und Rhetorik bei Seneca . . . . . . . 239 Jürgen Hammerstaedt Strategien der philosophischen Darstellung für ein ­ Laienpublikum in der Inschrift des Diogenes von Oinoanda . . . . . . 259 Carlos Steel A Rhetorical Reading of Plato’s Parmenides . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 279 John Dillon Plotinus Orator. Literary and Rhetorical Features in the Enneads . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 297 Christian Tornau Die Sehnsucht des Logos. Seelenlehre und Psychagogie bei Plotin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 313


Inhalt

7

Dominic J. O’Meara Epistolographic Philosophy. The Many Functions of Iamblichus’ Correspondence . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 339 Michele Abbate Die rhetorischen Strategien der Sprache des Unsagbaren im Neuplatonismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 353 Theo Kobusch Pflege der Humanität. Zum Verhältnis von Rhetorik und Philosophie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 369 Wolfgang Rother Rhetorik und Philosophie bei Hegel. Zur Funktion der Antigone in der Phänomenologie des Geistes . . . . . . . . . . . . . . . . . 389 Namenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 407 Stellenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 411 Autorinnen und Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 433


Einleitung I R M G A R D M Ä N N L E I N - R O B E RT, WO L F G A N G R O T H E R , S T E FA N S C H O R N , C H R I S T IA N T O R NAU

Philosophus orator – der Philosoph und der Redner, der Philosoph als Redner. Rhetorik und Philosophie stehen seit den Anfängen des abendländischen Denkens in einem komplexen Verhältnis zueinander, das von Konkurrenz und gegenseitiger Ablehnung ebenso wie von wechselseitiger Adaptation und Interdependenz geprägt ist. Es hat seinen guten Grund, dass dieser Band Michael Erler gewidmet ist, der neben seinen Studien zu Epikur und zum Epikureismus vor allem als Platon-Forscher und Autor einer der wichtigsten großen Arbeiten über Platon bekannt ist.1 Zwar hat Epikur der Rhetorik bekanntlich keine große Bedeutung zugemessen, und auch Platon hatte sich in seiner antisophistischen Polemik gegen die Trennung rhetorischer Fertigkeiten von der Philosophie und der Wahrheit gewandt. Aber bei wohl keinem anderen Philosophen greifen das Literarische und das Philosophische so eng ineinander, wie Michael Erler selbst in einer Fülle von Beiträgen gezeigt hat. Schon Cicero sah in Platon daher den philosophus orator par excellence.2 Der vorliegende Band ist aus einer interdisziplinären und internatio­ nalen Tagung zum 60. Geburtstag von Michael Erler hervorgegangen, die vom 31. Oktober bis 2. November 2013 an der Universität Würzburg stattfand. Er thematisiert in einem diachronen Zugriff die Präsenz rhetorischer Elemente und Strategien in philosophischen Texten. Dabei geht es 1

2

Michael Erler: Grundriss der Geschichte der Philosophie. Begründet von Friedrich Ueberweg. Völlig neu bearbeitete Ausgabe. Die Philosophie der Antike, II 2: Platon (Basel 2007). Cic. De orat. I 47; siehe unten, S. 12 Anm. 11.


10

Einleitung

nicht darum, die Kontroversen zwischen Rhetoren und Philosophen fortzuschreiben, die seit dem 5./4. Jahrhundert v. Chr. vor allem aus Platons Kritik an der sophistisch geprägten Rhetorik resultieren.3 Nicht philo­ sophus versus orator, sondern philosophus sive orator: Nicht die in der älteren Forschung akzentuierte Konkurrenz von Philosophie und Rhetorik steht im Zentrum, sondern die vielfach geleugnete Interdependenz von Rhetorik und Philosophie. Der Hauptakzent liegt dabei auf philosophischen Texten, weil gerade von Seiten der Philosophen immer wieder eine dezidierte Abgrenzung von der Rhetorik proklamiert wird, während sich hingegen Rhetoren – besonders prominente Beispiele sind Isokrates und Cicero – oft gezielt und programmatisch philosophischer Themen, Methoden und Begrifflichkeiten bedienen. Für die gewählte Fragestellung ist weniger das Selbstverständnis der jeweiligen antiken Autoren ausschlaggebend, sondern vielmehr das zu beobachtende Phänomen, dass philo­ sophische Autoren in unterschiedlichen literarischen Textsorten oder Gattungen besonders häufig gerade rhetorische Methoden und Strategien anwenden.4

Zur Interdependenz von Rhetorik und Philosophie Seit der Etablierung der Rhetorik im engeren Sinne, also etwa seit dem späten 5. Jahrhundert v. Chr., kommen die griechischen Philosophen während ihrer Ausbildung vor allem in Athen mit der sophistischen Redekunst in Berührung. Aber auch über die Philosophenschulen hinaus ist das soziale und politische Umfeld stark von der Sophistik geprägt. Zur 3

4

Siehe zuletzt zu einem Teil der Kontroverse Yosef Liebersohn: The Dispute concerning Rhetoric in Hellenistic Thought (Göttingen 2010); informativ, aber nur auf einzelne Aspekte beschränkt ist Dirk M. Schenkeveld: Philosophical Prose, in: Stanley E. Porter (ed.): Handbook of Classical Rhetoric in the Hellenistic Period. 330 B.C.–A.D. 400 (Boston, Leiden 2001) 195–264. Die Beiträge in Frédérique Woerther (ed.): Literary and Philosophical Rhetoric in the Greek, Syriac, and Arabic Worlds (Hildesheim, Zürich, New York 2009) gehen vor allem auf den Konflikt zwischen Rhetorik und Philosophie und die Frage nach einer philosophischen Rhetorik ein. Mauro Tulli: All’origine del rapporto fra la retorica e la filosofia. Da Omero a Gorgia, in: A&R 47 (2002) 1–8.


Einleitung

11

gleichen Zeit findet ein komplexer Diskurs über den Prozess der zunehmenden Verschriftlichung philosophischer Gedanken und Inhalte statt. In diesem Kontext werden literarische und rhetorische Modi der Schriftlichkeit – etwa bei Platon, Isokrates und Alkidamas – kontrovers diskutiert und in ihrer Bedeutung für die Philosophie reflektiert.5 Spätestens seit hellenistischer Zeit, d.h. seit dem 3. Jahrhundert v. Chr., haben alle Philosophen auch eine rhetorische Ausbildung erhalten, bevor sie sich dem Studium der Philosophie widmeten. Dies gilt in jener Zeit ganz besonders für Athen, das sich inzwischen als Zentrum der Philosophie etabliert hat, aber auch für die kleinasiatischen Zentren (z.B. Assos, Pergamon) oder die griechischen Inseln (wie z.B. Rhodos), die im Imperium Romanum ab dem 1. Jahrhundert v. Chr. wichtige Bildungsstätten für römische Philosophen werden. Der Einsatz rhetorischer Strategien in philosophischen Texten gehört also zu einer in der griechisch-römischen Lebenswelt verbreiteten und selbstverständlich gewordenen rhetorischen Kultur, die sich in allen gesellschaftlichen Bereichen rasch etablierte. Zwar bleibt die Einstellung gegenüber der Rhetorik sowie deren Akzeptanz in Philo­ sophenkreisen zumindest bis ins 1. Jahrhundert v. Chr. (Cicero) ambivalent; doch haben sich mehrere Philosophenschulen intensiv mit Rhetorik beschäftigt und sogar eigene rhetorische Theorien entworfen (Aristoteles, Theophrast, die Stoa, Philodem etc.).6 Rhetorische Praxis gab es natürlich 5

6

Dazu Michael Erler: Einleitung, in: Michael Erler, Jan Erik Heßler (Hg.): Argument und literarische Form in antiker Philosophie. Akten der Tagung der Gesellschaft für Antike Philosophie (GAnPh), Würzburg, 28.9.–1.10.2010 (Berlin 2013) 1–12, hier: 2–3. Siehe Christof Rapp: Rhetorik und Philosophie in Aristoteles’ Rhetorik, in: Rhetorik 18 (1999) 94–113; ders.: Sprachliche Gestaltung und philosophische Klarheit bei Aristoteles, in: M. Erler, J. E. Heßler (Hg.): Argument und literarische Form, 283–303; William W. Fortenbaugh: Theophrastus of Eresus. Sources for his Life, Writings, Thought and Influence. Commentary 8: Sources on Rhetoric and Poetics (Texts 666–713) (Leiden, Boston 2005); ders.: Aristotle’s Practical Side. On his Psychology, Ethics, Politics and Rhetoric (Leiden 2006); D. M. Schenkeveld: Philosophical Prose, 198–202; zur Stoa Maria Protopapas-Marneli: La rhétorique des stoїciens (Paris 2002); Sophie Aubert: Stoic Rhetoric between Technique and Philosophy. The Example of Diogenes of Babylon, in: F. Woerther: Literary and Philosophical Rhetoric, 95–117; David Blank: Philo­ demus on the Impossibility of a ‘Philosophical Rhetoric’, ebd., 73–93; zum Epikureismus siehe Michael Erler: Epikur – Die Schule Epikurs – Lukrez, in: Hellmut Flashar (Hg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Begründet von Friedrich Ueberweg. Völlig


12

Einleitung

bereits vor der Entwicklung rhetorischer Theorien im eigentlichen Sinne – schon bei Parmenides finden sich Reflexionen über die rhetorische Praxis archaischer Dichtung.7 Mit Blick auf die Kritiker einer einseitigen Abstellung auf Rhetorik ist Platon ein erstes Beispiel dafür, wie ein Philosoph, der die zeitgenössische Sophistik aus erkenntnistheoretischen und ethischen Gründen ablehnt, ein eigenes philosophisches Rhetorikkonzept entwirft und in seinen Dialogen in großem Umfang von rhetorischen Elementen und Strategien, darunter auch die der Maieutik,8 Gebrauch macht.9 Neben der Integration etwa von Reden in seine Dialoge (z.B. in Symposion, Menexenos, ähnlich auch Apologie)10 verwendet er zahlreiche rhetorische Elemente und Techniken, so dass Cicero ihn sogar als ‘perfekten Rhetor’ bezeichnen kann.11 Gerade Platon hat mit seiner scharfen Anti­ these von Wahrheit und Überredung ein grundlegendes Problem formuliert, das als Kontrastfolie für die praktische Nutzung persuasiver Strategien in argumentierenden Texten fortan mitgelesen werden muss.12 Einen instruktiven Vergleich mit der Arbeitsweise Platons ermöglicht sein Zeitgenosse und Gegenspieler Isokrates, der für sein Bildungsprogramm ebenfalls den Namen ‘Philosophie’ reklamiert.13 Wenngleich technische philosophische

7 8

9 10

11 12

13

neu bearbeitete Ausgabe. Die Philosophie der Antike, IV 1: Die Hellenistische Philo­ sophie (Basel 1994) 29–490. Siehe dazu den Beitrag von Mauro Tulli in diesem Band, S. 31–46; vgl. Terry Papillon: Isocrates and the Greek Poetic Tradition, in: Scholia 7 (1998) 41–61. Siehe den Beitrag von Franco Ferrari in diesem Band, S. 63–83. Helen North: Combing and Curling. Orator Summus Plato, in: ICS 16 (1991) 201–219; M. Erler: Platon, 60–98 (Kapitel: «Platon als Autor»). Nach Stephen Halliwell: Philosophy and Rhetoric, in: Ian Worthington (ed.): Persuasion. Greek Rhetoric in Action (London 1994) 222–243, hier: 225 handelt es sich dabei um «paradoxically simultaneous use and rejection of rhetoric». De orat. I 47. Ebd.: in oratoribus irridendis ipse esse orator summus videbatur. Siehe auch den Beitrag von Christopher Rowe in diesem Band, S. 85–108. Dazu allgemein Heinrich Niehues-Proebsting: Überredung zur Einsicht. Der Zusammenhang von Philosophie und Rhetorik bei Platon und in der Phänomenologie (Frankfurt 1987); Samuel Ijsseling: Rhetorik und Philosophie. Eine historisch-systematische Einführung (Stuttgart, Bad Cannstatt 1988); Helmut Schanze, Josef Kopperschmidt (Hg.): Rhetorik und Philosophie (München 1989). Vgl. z.B. Takis Poulakos: Speaking for the Polis. Isocrates’ Rhetorical Education (Columbia 1997); Niall Livingstone: Isocrates. Philosophy as Refined Civic Discourse, in: F. Woerther: Literary and Philosophical Rhetoric, 43–54; Fabio Roscalla: Strategie lette-


Einleitung

13

Schriften allem Anschein nach in geringerem Umfang rhetorische Elemente aufweisen, hat gerade die jüngere Forschung gezeigt, dass selbst in solchen Texten, etwa in Pragmatien oder Kommentaren, rhetorische Elemente verwendet werden.14 Noch dezidierter als Platon lehnen etliche epikureische Philosophen die traditionelle Rhetorik ab;15 gleichzeitig werden nicht zuletzt gerade in deren protreptisch-paränetischen Schriften – noch mehr als in den technischen Traktaten – und nicht zuletzt bei Epikureern in römischem Kontext (etwa Philodem oder Diogenes von Oinoanda) vielfach rhetorischer Duktus sowie rhetorische Strategien greifbar, die in direktem Bezug zu den jeweils anvisierten Adressaten oder Rezipienten dieser Schriften stehen.16 In Rom kommt es spätestens mit Cicero zu einer Annäherung, bisweilen sogar Verschmelzung von Philosophie und Rhetorik. Für Cicero ist der vollkommene Redner Philosoph und der vollkommene Philosoph Redner.17 Rhetorik ist für ihn unentbehrlich für die Vermittlung von Philosophie an ein römisches Publikum sowie im Rahmen seiner akademisch-skeptischen Methodik ein wesentliches Mittel der größtmöglichen Annäherung an die philosophische Wahrheit.18 Cicero wirkt rarie a confronto. Isocrate e Platone, in: Athenaeum 86 (1998) 109–132; siehe auch den Beitrag von Maddalena Vallozza in diesem Band, S. 109–126. 14 Siehe den Beitrag von Sabine Föllinger in diesem Band, S. 127–143 sowie dies.: Dialogische Elemente in der antiken Fachliteratur, in: Thorsten Fögen (Hg.): Antike Fachtexte/ Ancient Technical Texts (Berlin, New York 2005) 221–234; dies.: Sokrates als Ökonom? Eine Analyse der didaktischen Gestaltung von Xenophons Oikonomikos, in: WJA n.F. 30 (2006) 5–23; dies.: Aristotle’s Biological Works as Scientific Literature, in: SHPhS 43 (2012) 237–244. 15 Michael Erler: Nüchternes Überlegen. Zum literarisch-philosophischen Hintergrund einer zentralen Kategorie epikureischen Denkens, in: Jeanette Fincke (Hg.): Festschrift für Gernot Wilhelm anläßlich seines 65. Geburtstages am 28. Januar 2010 (Dresden 2010) 99–109. 16 Damit beschäftigen sich in diesem Band die Beiträge von Jan Heßler, S. 161–179, Holger Essler, S. 143–160, Graziano Arrighetti, S. 181–201, Francesca Longo Auricchio, S. 203– 220, und Jürgen Hammerstaedt, S. 259–277. 17 Cic. Tusc. I 7. 18 Cic. Tusc. II 9. Dazu Michel Alain: Les rapports de la rhétorique et de la philosophie dans l’œuvre de Cicéron. Recherches sur les fondements philosophiques de l’art de persuader (Leuven, Paris 11960, ²2003) mit Appendix 22003 und Carlos Lévy: Rhétorique et philosophie. La monstruosité politique chez Cicéron, in: REL 76 (1998) 139–157; ders.: Philosophie et rhétorique à Rome. À propos de la dialectique de Fronton, in: Euphrosyne N.S. 30 (2002) 101–114; ders.: Les lumières de la rhétorique. Les significations rhéto-


14

Einleitung

damit traditionsbildend:19 Bereits im 1. Jahrhundert n. Chr., namentlich bei Seneca (z.B. in seinen Dialogi oder in den Epistulae), hat die Rhetorik einen festen Platz in der Technik der philosophisch basierten Seelenleitung.20 Die spätantike philosophische, und hier vor allem die neuplatonische Literatur mit ihren literarischen Gattungen (Traktat, Essay, Kommentar, Brief, philosophischer Dialog), spielt in diesem Kontext aufgrund ihrer zwar im Ansatz bekannten, bislang aber nicht hinreichend untersuchten rhetorischen Strukturen und psychagogischen Strategien ebenfalls eine wichtige Rolle. Die Neuplatoniker mit ihrer negativen Theologie stehen vor der philosophischen Herausforderung, Unsagbares in Worte zu kleiden und das rational nicht Einsehbare affektiv fassbar zu machen. Platonische Eros-Philosophie und rhetorische Persuasionsstrategie und Inszenierung greifen hier direkt ineinander, etwa wenn ein entsprechend erotisches Philosophiekonzept literarisch inszeniert wird oder etwa Porphyrios Plotins Theorie des Seelenaufstiegs in der Komposition und Sequenz von dessen Schriften editorisch spiegelt.21 Zu wenig beachtet wurde bisher, dass die neuplatonischen Platon- und Aristoteles-Kommentare rique, politique et philosophique des figures dans l’Orator, in: Maria S. Celentano, Pierre Chiron, Marie-Pierre Noël (éd.): Skhèma/Figura. Formes et figures chez les Anciens. Rhétorique, philosophie, littérature/textes (Paris 2004) 229–241. 19 Vgl. Manuel Alexandre: The Eloquent Philosopher in Philo’s De Vita Contemplatiua, in: Euphrosyne N.S. 29 (2001) 319–330. 20 Darauf konzentrieren sich die Beiträge von Carlos Lévy, S. 221–238, und Thomas Baier, S. 239–258, in diesem Band. 21 Zur kompositorischen Technik Plotins vgl. Christian Tornau: Die Enthüllung der intelligiblen Materie. Ein Versuch über die Argumentationstechnik Plotins (Enneaden II 4,1–5), in: M. Erler, J. Heßler (Hg.): Argument und literarische Form, 517–540; zur Rhetorik im Kontext des Unsagbaren der negativen Theologie bei den Neuplatonikern siehe Dominic O’Meara: The Rhetoric of the Ineffable in Late Ancient Philosophy, in: M. Erler, J. Heßler (Hg.): Argument und literarische Form, 457–467; zur rhetorischen Inszenierung philosophischer Konzepte siehe Irmgard Männlein-Robert: Biographie, Hagiographie, Autobiographie. Die Vita Plotini des Porphyrios, in: Michael Erler, Theo Kobusch, Irmgard Männlein-Robert (Hg.): Metaphysik und Religion. Zur Signatur des spätantiken Denkens (München, Leipzig 2002) 581–609; Irmgard Männlein-Robert: Zur literarischen Inszenierung eines Philosophiekonzeptes in den pseudoplatonischen Anterastai, in: Klaus Döring, Michael Erler, Stefan Schorn (Hg.): Pseudoplatonica. Akten des Kongresses zu den Pseudoplatonica vom 6.-9. Juli 2003 in Bamberg (Stuttgart 2005), 119–133; siehe auch die Beiträge von Michele Abbate, S. 353–367, John Dillon, S. 297–312, und Christian Tornau, S. 313–337, in diesem Band.


Einleitung

15

(etwa von Proklos22, Simplikios oder Olympiodor23) nicht nur den philosophischen Gehalt der kommentierten Texte, sondern auch deren literarische Form zu erschließen versuchen, indem sie über das Verhältnis von Philosophie und Rhetorik reflektieren und daraus Konsequenzen für ihre eigene pädagogische Praxis ziehen.24 Der gelernte Rhetor Augustinus schließlich verschmilzt Rhetorik und Philosophie in dem Maße zu einer Einheit, dass sich sein Denken ohne Berücksichtigung seiner argumentativen und persuasiven Strategien und ohne das Wissen um die gegenseitige Bedingtheit formaler wie philosophischer Kompositionskriterien gerade in seinen Dialogen nicht hinreichend verstehen lässt.25

Rhetorische Strategien in philosophischen Texten Wenn sich also Strategien, die vor allem in der Rhetorik kultiviert und systematisiert werden, auch in philosophischen Texten identifizieren lassen, so müssen – über die lebensweltlich leicht erklärbare Vertrautheit mit rhetorischen Usancen hinaus – vor allem folgende Problemstellungen untersucht werden: 1) In welchem literarischen Kontext (Textsorte/Gattung) und wie formen sich diese von philosophischen Autoren angewandten Strategien genauer aus? 2) Ist eine gezielte Adaptation dieser Autoren zu 22

Dazu siehe den Beitrag von Carlos Steel in diesem Band, S. 279–296. Dazu François Renaud: Rhétorique philosophique et fondement de la dialectique. Le commentaire du Gorgias par Olympiodore, in: PhilosAnt 6 (2006) 137–161. 24 Dazu grundsätzlich Philippe Hoffmann: La fonction des prologues exégétiques dans la pensée pédagogique néoplatonicienne, in: Jean-Daniel Dubois, Bernard Roussel (éd.): Entrer en matière. Les prologues (Paris 1998) 209–245. So verweist etwa Markus Asper: Narratives in (late-antique) Commentary, in: M. Erler, J. Heßler (Hg.): Argument und literarische Form, 435–456, hier: 453–454 auf die gruppen- und adressatenbezogene Funktion von Narrativen in spätantiken Kommentaren, die zur Bildung und Fixierung von Gruppenidentitäten beitragen. 25 Christian Tornau: Der Eros und das Gute bei Plotin und Proklos, in: Matthias Perkams, Rosa M. Piccione (Hg.): Proklos. Methode, Seelenlehre, Metaphysik. Akten der Konferenz in Jena am 18.-20. September 2003 (Leiden 2006) 201–229; mit Bezug auf die Soliloquien des Augustinus siehe dazu Tobias Uhle: Philosophisches Argument und literarische Form in Augustins Soliloquien, in: M. Erler, J. Heßler (Hg.): Argument und literarische Form, 541–563. 23


16

Einleitung

erkennen, und wenn ja, inwiefern? Oder sind vielmehr Reflexe eines übergreifenden rhetorischen Diskurses festzustellen? 3) An welche Adressaten richtet sich der jeweilige Text primär und mit welcher Intention? Bereits Schenkeveld26 verweist auf die Schwierigkeit, den Einfluss rhetorischer Theorie und Praxis auf philosophische Texte nachzuweisen. Auf eine solche Beeinflussung deutet nach seiner Ansicht die Verwendung auffälliger rhetorischer stilistischer Mittel hin, etwa gorgianischer Figuren oder HiatVermeidung, während die rhetorische Prägung von Komposi­tions­struk­tu­ ren und Argumentationsformen schwerer zu identifizieren sei. Strukturbildende rhetorische Elemente wurzeln in der antiken Praxis und werden im vorliegenden Band erstmals in großem Umfang analysiert, evaluiert und interpretiert. Sie dienen dazu, den Rezipienten vom Inhalt des Gesagten, Gemeinten oder Intendierten zu überzeugen und appellieren nicht lediglich an Vernunft und Intellekt, sondern in mindestens ebenso hohem Maße an Affekte und Emotionen.27 Häufig bedienen sich philosophische Schriftsteller nämlich solcher Textsorten und Gattungen, die auch Nichtphilosophen und Anfängern in der Philosophie leicht zugänglich sind, wie etwa des Dialogs, des Briefs, der Diatribe oder der eingängigen Spruchsammlung.28 Gerade diese Textsorten sind in der Antike auffällig reich an rhetorischen Strukturelementen, da sie sich an ein Publikum wenden, das längst gewohnt ist, in ‘rhetorischer Manier’ beworben und überzeugt zu werden. Diese Tatsache dürfte auch für die zunächst über­ raschende Präsenz rhetorischer Elemente in philosophischen Fach­texten (etwa Pragmatie, Epitome, Traktat, Essay, Kommentar) mitverantwortlich sein. Zu den besonders wichtigen rhetorischen Strukturelementen, die sich in antiken philosophischen Texten ausmachen lassen, gehören z.B. 26

D. M. Schenkeveld: Philosophical Prose, 196. H. North: Combing and Curling, 202; Michael Erler: Das Bild vom ‘Kind im Menschen’ bei Platon und der Adressat von Lukrez’ De Rerum Natura, in: CErc 33 (2003) 107–116; Michael Erler: ‘Argumente, die die Seele erreichen’. Der Axiochos und ein antiker Streit über den Zweck philosophischer Argumente, in: Klaus Döring, Michael Erler, Stefan Schorn (Hg.): Pseudoplatonica, 81–95; Stefan Schorn: Tears of the Bereaved. Plutarch’s Consolatio ad Uxorem in Context, in: Thorsten Fögen (ed.): Tears in the Graeco-Roman World (Berlin, New York 2009) 335–365. 28 Siehe den Beitrag von Dominic J. O’Meara, S. 339–352; vgl. den Überblick bei D. M. Schenkeveld: Philosophical Prose, 204–254. Zum Brief siehe Ruth Morello, Andrew Morrison (eds.): Ancient Letters. Classical and Late Antique Epistolography (Oxford 2007). 27


Einleitung

17

Protreptik,29 Paränese,30 Epilogismos31 und Argumenthäufung32, letzteres ein vor allem aus der Gerichtsrede bekanntes Phänomen, das etwa in die philosophische Konsolations-Topik,33 aber auch in Texte philosophischer Fachliteratur Eingang findet, wie etwa in Argumentationen für die Unsterblichkeit der Seele. Bemerkenswert ist dabei, dass hier oft Argumente unterschiedlicher philosophischer Provenienz allein durch Häufung Effekt haben. Dazu gehören auch die Konstruktion von Aporien, die Einbettung narrativer Passagen in genuin philosophische Kontexte bzw. die narrative Repräsentation philosophischer Inhalte,34 die Verwendung von (mythischen wie historischen) Exempla, die argumentative Funktionalisierung von Bildern und Metaphern,35 die szenisch-dramatische Rahmung philosophischer Gespräche sowie die besonders intensive Funktionalisierung von Affekten und Emotionen (z.B. mit Blick auf die Topoi der consolatio oder aber als intensivierte Überzeugungsstrategie). Erst kürzlich konnte gezeigt werden,36 dass etwa die Strategie der Werbung des kaiserzeitlichen Platonikers Plutarch für seine Philosophie in den Werken über praktische Ethik nicht nur auf philosophischen Argumenten beruht, 29

Mark Jordan: Ancient Philosophic Protreptic and the Problem of Persuasive Genres, in: Rhetorica 4 (1986) 309–333. 30 Dazu Albrecht Grözinger: Art. Paränese, in: HWR 6 (2003) 552–555; Leo Perdue, John Gammie (eds.): Paraenesis. Act and Form (Atlanta 1990); siehe auch Jula Wildberger: Paraenesis and Argument in Arrian, Discourses of Epictetus, in: M. Erler, J. Heßler (Hg.): Argument und literarische Form, 411–433 sowie den Beitrag von Thomas Baier in diesem Band, S. 239–258. 31 Dazu Michael Erler: Exempla amoris. Der epikureische Epilogismos als philosophischer Hintergrund der Diatribe gegen die Liebe in Lukrez De rerum natura, in: Annick Monet (éd.): Le jardin romain. Épicurisme et poésie à Rome. Mélanges offerts à Mayotte Bollack (Lille 2003) 147–162. 32 Dazu M. Erler: Argumente, die die Seele erreichen. 33 Bernhard Zimmermann: Philosophie als Psychotherapie. Die griechisch-römische Consolationsliteratur, in: Barbara Neymeyr, Jochen Schmidt, Bernhard Zimmermann (Hg.): Stoizismus in der europäischen Philosophie, Literatur, Kunst und Politik. Eine Kulturgeschichte von der Antike bis zur Moderne, Bd. 1 (Berlin, New York 2008) 193–213. 34 Siehe M. Asper: Narratives in (late-antique) Commentary. 35 Dies zeigt für Plotin deutlich Wiebke-Marie Stock: Argument und Bild in Plotins Schrift Über das Schöne, in: M. Erler, J. Heßler (Hg.): Argument und literarische Form, 495–516. 36 Lieve Van Hoof: Plutarch’s Practical Ethics. The Social Dynamics of Philosophy (Oxford 2010) 41–65, auch mit Verweis auf Arbeiten von Ingenkamp.


18

Einleitung

sondern dass seine dort vorgeschlagene ‘Psychotherapie’ eine unerwartet große Anzahl rhetorischer Elemente enthält (z.B. Exempla, Appell an die öffentliche Meinung, das Vorwissen oder das Ehrgefühl des Adressaten), mithin psychagogische Strategien aufweist, die auf die ‘vor-philosophische Motivation’ des Adressaten zielen.37 Mit Blick auf die Beiträge in diesem Band wird deutlich, dass sich das Ausmaß struktureller Amalgamierung rhetorischer Techniken und Strategien in philosophischen Texten der Antike als weit größer erweist, als das in der Forschungsliteratur bislang reflektiert wird. Diese neu gewonnenen Erkenntnisse sind auch auf philosophische Texte des Mittelalters und der Neuzeit anwendbar und eröffnen mithin entsprechende diachrone Perspektiven,38 die für die antike philosophische Literatur identifizierten rhetorischen Strategien in weiteren philosophischen Kontexten zu verorten und dort auf deren Valenz zu überprüfen. Während ältere Forschungsbeiträge, wie der damals unzeitgemäße, weite Perspektiven aufzeigende Beitrag von Hans von Arnim,39 aber auch jüngere40, auf Interdependenzen zwischen Literatur und Philosophie hinweisen, und selbst wenn zu einzelnen Autoren bereits Studien vorliegen, fehlt doch bislang eine weit ausgreifende und diachrone Thematisierung und Präzisierung der im Spannungsfeld zwischen Rhetorik und Philosophie zu beobachtenden Phänomene, wie sie dieser Band anstrebt.

37

Siehe ausführlicher Stefan Schorn: Die Vorstellung des xenophontischen Sokrates von Herrschaft und das Erziehungsprogramm des Hieron, in: Livio Rossetti, Alessandro Stavru (a cura di): Socratica 2005. Studi sulla letteratura socratica antica presentati alle Giornate di studio di Senigallia (Bari 2008) 177–203; zur situationsbedingten und adressatenbezogenen Problemstellung in Buch V von Platons Politeia siehe den Beitrag von Christopher Rowe in diesem Band, S. 85–108. 38 Dazu siehe die Beiträge von Theo Kobusch, S. 369–387, und Wolfgang Rother, S. 389– 405, in diesem Band. 39 Hans von Arnim: Leben und Werke des Dio von Prusa. Mit einer Einleitung: Sophistik, Rhetorik, Philosophie in ihrem Kampf um die Jugendbildung (Berlin 1898). 40 Michael Erler: Römische Philosophie, in: Fritz Graf (Hg.): Einleitung in die lateinische Philologie (Stuttgart, Leipzig 1997) 537–593; M. Erler, J. Heßler (Hg.): Argument und literarische Form.


Einleitung

19

Von Parmenides bis Hegel Der vorgelegte Band bietet einen chronologischen Durchgang durch die antiken philosophischen Texte von den Anfängen bis in die Spätantike mit Blick auf die Präsenz rhetorischer Elemente, ergänzt um einen Ausblick auf das Mittelalter und die Neuzeit. Der Begriff der Rhetorik wird in der Antike enger oder weiter gefasst – allgemein als Technik der Beeinflussung des Adressaten oder spezieller als formale Gestaltung mit Hilfe sprachlicher und literarischer Mittel. Das antike Grundverständnis von Rhetorik als Kunst der Überzeugung und Überredung, d.h. als Strategie, beim Adressaten das Fürwahrhalten eines Sachverhalts, eine bestimmte emotionale Einstellung dazu und eine entsprechende Motivation zum Handeln auszulösen,41 ist in allen Fällen ein relevanter Aspekt und verleiht der vorliegenden Sammlung Kohärenz. Strategien dieser Art sind in griechischen Texten lange vor der Existenz einer schulmäßigen Rhetorik präsent.42 Der Band wird daher mit einem Beitrag zu Parmenides eröffnet. Mauro Tulli weist anhand seiner Lektüre der Fragmente B 1–6 persuasive Elemente im parmenideischen Lehrgedicht nach. Die dort zu Beginn berichtete Reise zum Ort der Erkenntnis ist ein Angebot an den Leser, sich mit Parmenides zu identifizieren und sich wie er um Wissen zu bemühen, das nicht mehr, wie im homerischen und hesiodeischen Epos, als Museninspiration zum Menschen kommt, sondern durch eigene Aktivität erworben werden muss. Hierzu will Parmenides motivieren und setzt dazu – geradezu spätere Proömialtopik antizipierend – Mittel wie beispielsweise die eindringliche imperativische Redeweise ein, welche die Aufmerksamkeit des Publikums erregen sollen. Es folgen drei Beiträge zu Platon, der, wie oben dargelegt, zum einen als Inbegriff des philosophus orator und zum anderen als Kritiker sophistischer Verabsolutierung der Rhetorik gilt. Die Anwendung rhetorischer Strategien ist bei ihm daher nie eine Selbstverständlichkeit. Und seine litera­rischen Mittel, die dazu dienen, auf die Rezipienten einzuwirken, gehen weit über das im engen Sinne Rhetorische hinaus – der philosophus orator ist hier, möglicherweise an frühgriechische Traditionen anknüp41 42

Vgl. z.B. Cic. De orat. I 69. Die antiken Rhetoren fanden sie schon bei Homer, vgl. z.B. Quint. Inst. II 17, 8.


20

Einleitung

fend, zugleich philosophus poeta. Dieses Spannungsfeld leuchten die drei folgenden Beiträge aus. Bernhard Zimmermann geht der Frage nach, inwiefern in der von Platon gepflegten neuen Gattung der Sokratikoi Logoi ältere dramatische Gattungen als ‘Subtexte’ präsent sind. Elemente der aristophanischen Komödie, wie die spöttische Kritik prätentiösen pseudophilosophischen Spezialistentums, sind auch für Platons Dialoge charakteristisch, freilich ohne den komö­dientypischen Appell an die Vorurteile des Polis-Publikums. Platons Mythen führen in gewissem Sinne die ‘metaphorische Dramatisierung’ der Alten Komödie fort. Besonders das Symposion mit seinen dionysischen Anklängen und seiner Inszenierung des Sokrates als eines zugleich episch-tragischen und komischen Helden kann als gereinigte und philosophischen Zielen dienstbar gemachte Form der alten epischen und dramatischen Polis-Literatur gelten. Als für die Lektüre weniger Intellektueller bestimmtes ‘Theorietheater’ ist das Symposion freilich selbst keine Polis-Literatur und kann es nicht sein – die traditionellen Epiker und Tragiker bleiben in der Politeia und den Nomoi bekanntlich aus dem Idealstaat ausgeschlossen. Franco Ferrari wendet sich dem Theaitetos und seinem irritierenden aporetischen Ausgang zu. Den hermeneutischen Schlüssel zur Aporie findet Ferrari in der nirgendwo so explizit wie im Theaitetos vorgestellten maieutischen Methode: Sokrates ist kein Wissender, der eine Erkenntnistheorie präsentieren könnte, sondern ein Geburtshelfer, der vom Dialogpartner bereits mitgebrachte und im philosophischen Diskurs des 5./4. Jahrhunderts v. Chr. verankerte Annahmen prüft und für unzureichend befindet. Die vieldiskutierte Abwesenheit der platonischen Ideen erklärt sich zum einen aus der kritisch-maieutischen Anlage des Dialogs, zum anderen aus seiner durch mehrere Signale markierten Offenheit hin zum Folgedialog, dem Sophistes. Die dramatisch-literarische Charakterisierung des Sokrates und das philosophisch-kritische Anliegen Platons sind dabei nicht voneinander zu trennen. Dass ein Rhetorikkritiker wie Platon rhetorische Strategien nicht un­ reflektiert verwendet, bildet die Voraussetzung der Studie von Christopher Rowe, der die rhetoriktheoretische Forderung des Phaidros (277c) nach situationsadäquatem Adressatenbezug auf die Dialoge selbst anwendet. Testfall ist das fünfte Buch der Politeia, in dem Sokrates scheinbar


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook