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«Heute war ich bey Lisette in der Visite»

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«Heute war ich bey Lisette in der Visite» Die Tagebücher der Basler Pfarrersfrau Das Familienbuch des Ursula Bruckner-Eglinger Johann Conrad Schweighauser 1816–1833 Ein Basler Selbstzeugnis aus den Jahren 1663–1712

Herausgegeben Herausgegeben undvon kommentiert Silvia Flubacher und Simone Zweifel von Bernadette Hagenbuch


Selbst-Konstruktion Schweizerische und Oberdeutsche Selbstzeugnisse 1500–1850

Herausgegeben von Kaspar von Greyerz und Alfred Messerli

Band 6


«Heute war ich bey Lisette in der Visite» Die Tagebücher der Basler Pfarrersfrau Ursula Bruckner-Eglinger 1816–1833

Herausgegeben und kommentiert von Bernadette Hagenbuch

Schwabe Verlag Basel


Publiziert mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung, des Werenfels-Fonds der Freiwilligen Akademischen Gesellschaft Basel, der Johannes Oekolampad-Stiftung der Evangelisch-­reformierten Kirche Basel-Stadt, der Josef und Olga Tomcsik-Stiftung, des Dissertationsfonds und der Christine Bonjour-Stiftung der Universität Basel sowie der Gemeinde ­Binningen.

Abbildung auf dem Umschlag: Tagebücher der Ursula Bruckner-Eglinger [Juni 1819]. Staatsarchiv Basel-Stadt, PA 591 A. Copyright © 2014 Schwabe AG, Verlag, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Druck: Schwabe AG, Muttenz/Basel, Schweiz Gesamtherstellung: Schwabe AG, Muttenz/Basel, Schweiz Printed in Switzerland ISBN 978-3-7965-3328-0 rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch


Vorwort Die Edition der Tagebücher von Ursula Bruckner-Eglinger (1797–1876) geht auf meine Lizentiatsarbeit zurück, in der ich Ausschnitte des unveröffentlichten, hier integral transkribierten Originaltextes verwendet habe. Schon damals war klar, dass es sich durch seine Geschlossenheit und den grossen Zeitraum, den es abdeckt, um ein ausser­gewöhnliches Dokument und eine wertvolle Quelle für weitere Forschung handelt. Aus der Perspektive der Tagebuchautorin werden viele verschiedene Aspekte ­eines Zeitraums mit Umbrüchen und Veränderungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts b­ eleuchtet: Der Text gibt einen Einblick in die sozialen Strukturen Basels zu ­jener Zeit sowie in regionale politische Veränderungsprozesse, die schliesslich zur Trennung des Kantons Basel in die zwei Halbkantone Basel-Stadt und Basel-­ Landschaft führten. Schon bald entstand der Wunsch, den ganzen Text einer grösseren Leserschaft zugänglich zu machen. Dank Prof. Dr. Kaspar von Greyerz wurde es mir möglich, dies im Rahmen einer Dissertation zu tun. Was nunmehr zur Veröffentlichung gelangt, ist eine zum Teil stark überarbeitete und ergänzte Fassung meiner Doktorarbeit. Der Schwerpunkt der Arbeit lag in der möglichst umfassenden Identifizierung der Namen, die in den Tage­büchern genannt werden, um so ein Abbild des sozialen Geflechts und der Formen des gesellschaftlichen Lebens, in welchem sich die Autorin bewegte, entstehen zu lassen. Den glücklichen Abschluss der vorliegenden Publikation verdanke ich der grossen Unterstützung vieler Personen. In erster Linie gilt mein Dank Prof. Dr. Kaspar von Greyerz für seine geduldige und immer wieder motivierende Betreuung. Prof. Dr. ­Martin Schaffner danke ich für das Korreferat und dafür, dass er mir während des ­Studiums und der Betreuung meiner Lizentiatsarbeit den Blick für den Wert solcher Quellentexte geschärft und mein Interesse an historisch-anthropologischen Fragestellungen geweckt hat. Ausserdem danke ich den Reihenherausgebern Prof. Dr. Kaspar von Greyerz und Prof. Dr. Alfred Messerli dafür, dass sie bereit waren, meine Arbeit in die Reihe «Selbst-Konstruktion» aufzunehmen. Ohne die grosszügige finanzielle Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung, des Werenfels-Fonds der Freiwilligen Akademischen Gesellschaft Basel, der Johannes Oekolampad-Stiftung der Evangelisch-reformierten Kirche Basel-Stadt, der Josef und Olga Tomcsik-­ Stiftung, des Dissertationsfonds und der Christine Bonjour-Stiftung der Universität Basel sowie der Gemeinde Binningen wäre das Erscheinen dieses Buches nicht möglich gewesen. Ihnen möchte ich an dieser Stelle meinen herzlichen Dank aussprechen. Auch den Mitarbeitenden des Schwabe Verlags, insbesondere Stephanie Mohler, danke ich für das L ­ ektorat des Manuskripts. Mein Dank geht ausserdem an die Mitarbeitenden des Staatsarchivs Basel-Stadt, des Staatsarchivs Basel-Landschaft und des Archivs der Herrnhuter Brüdergemeine in ­Basel für die kompetente und freundliche Hilfe. Besonderer Dank gilt Andreas Barth für wichtige Tipps bei der Transkription, Debora Schmid, Markus Peter, Andrea ­Hagen und Christine Doerfel für ihre wertvolle Hilfe bei Recherchen, für fachliche


Hinweise und die Durchsicht des Manuskripts. Nicht zuletzt danke ich meiner Familie und ­meinen Freunden für ihre unerschöpfliche und geduldige Unterstützung. Basel, Juni 2014

Bernadette Hagenbuch


Inhaltsverzeichnis Vorwort. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 I. Wissenschaftlicher Kommentar. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 1. Das Tagebuch als Selbstzeugnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Begriffsklärung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Pietistischer Bezugsrahmen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Tagebuch. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2. F rommes Basel. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Pietismus. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Herrnhutertum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Frömmigkeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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3. Sozialstruktur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39 Drei Pfeiler. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39 Interaktionsnetz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41

4. Lebensabschnitte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Jugend. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Heirat . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Schwangerschaft, Geburt und körperliches Befinden. . . . . . . . . . . . . . . . .

5. Haushalt und Familie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Haushaltung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Pfarrhaus. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ehe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kindererziehung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gesinde. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Musse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

45 45 46 50 54 54 55 56 58 59 61

6. Exkurs: Pfarrwahl. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64 7. Ereignisgeschichtlicher Hintergrund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67 Vom Ancien Régime bis zur Bundesverfassung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67 Basler Unruhen und Kantonstrennung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72

II. Edition der Tagebücher . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89

Bemerkungen zur Handschrift und zur Edition. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Tagebuch, 1816–1820. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Tagebuch, 1824–1826. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Tagebuch, 1826–1829. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Tagebuch, 1829–1831. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Tagebuch, 1832–1833. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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8 Inhaltsverzeichnis

Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 533 AbkĂźrzungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Glossar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bibliographie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Personenregister. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Familienregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ortsregister. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Einleitung Mit der Entwicklung der Selbstzeugnisforschung in den letzten zwei Jahrzehnten nahm das Interesse an autobiographischen Originaltexten stark zu. In den 1990er Jahren hat eine niederländische Gruppe von Historikerinnen und Historikern um Rudolf Dekker begonnen, systematisch autobiographische Texte zu erschliessen und zugänglich zu machen.1 Wenig später begann in der Schweiz ein von Kaspar von Greyerz angeleitetes Team an der Universität Basel mit dem Aufbau einer stetig wachsenden Datenbank für Selbstzeugnisse der Frühen Neuzeit.2 In Deutschland hat sich unter anderem in Berlin eine Gruppe mit dem Forschungsschwerpunkt Selbstzeugnisse in transkultureller Perspektive um Claudia Ulbrich gebildet,3 und die Anzahl einzelner Forscherinnen und Forschern in verschiedenen europäischen Ländern, die sich mit diesem Thema beschäftigt, wird immer grösser.4 Das gewachsene Interesse an autobiographischen Schriften geht auf veränderte Fragestellungen in der Geschichtswissenschaft und ihren Nachbardisziplinen zurück. Mit der sogenannten kulturalistischen Wende in den 1980er Jahren, der damit verbundenen Aufwertung der Mikrohistorie und von historisch-anthropologischen Forschungsansätzen, gelangte der einzelne Mensch vermehrt in den Blickpunkt und mit ihm Quellen, die den Zugang zu individuellem Handeln, Wissen und Deuten eröffneten.5 Eine der Faszinationen für Selbstzeugnisse, insbesondere für Tagebücher, ist ihre Unmittelbarkeit, ihre Nähe zum gelebten Alltag. Bei der Frage, wie weit wir uns der Lebenswelt einer schreibenden Person annähern können, ist es wichtig, einerseits die Relativität der Position der Forschenden im Blick zu behalten und andererseits die Suche nach einem Subjekt jenseits von Selbstinszenierung und formalen Konventionen zu verabschieden. Stattdessen ist nach Handlungsspielräumen, Beziehungsgeflechten und Erfahrungen zu fragen, die ein solcher Text aufzuzeigen vermag. Der Akt der schriftlichen Aufzeichnung wird bei dieser Herangehensweise selbst als soziale Handlung, als Form gelebter Wirklichkeit verstanden. 1

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Siehe: Rudolf Dekker, Childhood, memory and autobiography in Holland: From the golden age to romanticism, London, 2000; Inventare zu niederländischen Texten: Ruud Lindeman, Yvonne Scherf, Rudolf Dekker (Hg.), Egodocumenten van Noord-Nederlanders zit de zestiende tot begin negentiende eeuw: een chronologische lijst, Rotterdam, 1993; Ruud Lindeman, Yvonne Scherf, Rudolf Dekker (Hg.), Reisverslagen van Noord-Nederlanders zit de zestiende tot begin negentiende eeuw: een chronologische lijst, Rotterdam, 1994. Basler Selbstzeugnisse-Datenbank Online: Deutschschweizer Selbstzeugnisse (1500–1800), Deutsche und österreichische Selbstzeugnisse (1000–1600), Historisches Seminar Universität Basel, 2003, http:// selbstzeugnisse.histsem.unibas.ch (12.11.2013). Gabriele Jancke, Claudia Ulbrich (Hg.), Vom Individuum zur Person, Göttingen, 2005 (Querelles: Jahrbuch für Frauen- und Geschlechterforschung, Bd. 10); Gabriele Jancke, Selbstzeugnisse im deutschsprachigen Raum: Autobiographien, Tagebücher und andere autobiographische Schriften, 1400–1620, http:// www.geschkult.fu-berlin.de/e/jancke-quellenkunde (12.11.2013). Kaspar von Greyerz, Egodocuments: the last word?, in: German History, 28/3 (2010). S. 273–282. Zur Mikrohistorie vgl. u.a.: Carlo Ginzburg, Mikro-Historie, in: Historische Anthropologie, 1. Jg. 2 (1993). S. 169–192; Alf Lüdtke, Einleitung, in: Ders. (Hg.), Alltagsgeschichte, Frankfurt a.M., 1989. S. 9–47; Hans Medick, Mikro-Historie, in: Winfried Schulze (Hg.), Sozialgeschichte, Alltagsgeschichte, Mikro-Historie, Göttingen, 1994. S. 40–53; Otto Ulbricht, Mikrogeschichte: Menschen und Konflikte in der Frühen Neuzeit, Frankfurt a.M., 2009.


10 Einleitung

Diese Arbeit soll dazu beitragen, die Quellenbasis der Selbstzeugnisforschung zu erweitern. Das Hauptgewicht liegt daher in der mit umfangreichen Verweisen ver­ sehenen Edition des fünfbändigen Tagebuchs aus dem Nachlass von Ursula BrucknerEglinger. Ursula Eglinger wurde am 21. Oktober 1797 in Liestal als zehntes der elf Kinder des Ehepaares Simon Eglinger (1755–1826) und Anna Margaretha Brenner (1759– 1820) geboren,6 fünf ihrer Geschwister starben schon im Kindesalter, zwei als junge Erwachsene. Bis zu ihrem sechsten Lebensjahr lebte sie mit ihrer Familie in Liestal. Zu dieser Zeit hatte ihr Vater das Pfarramt von Rothenfluh und Lausen inne, 1803 wurde er nach Benken versetzt, wo Ursula Eglinger im Kreis ihrer Geschwister7 aufwuchs. Ihre Familie gehörte der Herrnhuter Brüdergemeine in Basel an, einer pietistischen Gemeinschaft, deren Anfänge in die zwanziger Jahre des 18. Jahrhunderts zurückreichen. Es war bei den Mitgliedern der Gemeine üblich, ihre Nachkommen nach Abschluss der Schule zur Vervollständigung der Ausbildung in ein Institut zu schicken. Auch Ursula Eglinger verbrachte vier Jahre im Welschland in der Erziehungsanstalt Montmirail (Neuenburg), einem Institut der Herrnhuter Brüdergemeine. Nach dieser Zeit kehrte sie in ihr Elternhaus zurück und blieb dort bis zu ihrer Heirat im Jahr 1819. Im Alter von 22 Jahren heiratete sie Abraham Bruckner (1790–1866), ebenfalls Mitglied der Herrnhuter Brüdergemeine und Pfarrer in der Gemeinde Binningen. Dort lebte die Familie während der nächsten 13 Jahre. Ursula Bruckner-Eglinger wurde Mutter von fünf Söhnen, wobei der erste bei der Geburt starb. In Folge der politischen Unruhen während der Teilung des Kantons Basel (1830–1833) zog die Familie im Jahr 1832 in die Stadt Basel, wo Abraham Bruckner in der Pfarrgemeinde St. Leonhard eine Anstellung als Pfarrhelfer fand, die er bis 1862 innehielt. Ursula BrucknerEglinger starb 1876 im Alter von 78 Jahren. Die vorliegenden Aufzeichnungen geben einen vielfältigen Einblick in die Lebenswelt der Autorin. Ursula Bruckner-Eglinger schildert die letzten Jahre in ihrem Elternhaus, das Zustandekommen der Heirat, die Geburten ihrer Kinder, politische Ereignisse, viele Facetten ihres Alltags sowie ihres sozialen Umfelds, und sie äussert sich zu emotionalen und körperlichen Befindlichkeiten. So werden Handlungsräume, Kommunikationsstrukturen sowie Diskurse sichtbar und die sich im Laufe der Jahre verändernden Bedeutungen werden deutlich. Den edierten Tagebüchern wird ein wissenschaftlicher Kommentar vorangestellt, in dem einleitend zentrale Aspekte der Aufzeichnungen thematisiert und die Tage­ bücher in ihrem historischen Kontext verortet werden. Das erste Kapitel soll Einblick in die laufende Diskussion um autobiographische Schriften als Quellen der Geschichts6

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Die biographischen Angaben stützen sich auf folgende Quellen: Den von Ursula Bruckner-Eglinger kurz vor ihrem Tod selbst verfassten Lebenslauf, der Bestandteil der Leichenpredigt war, die an ihrem Begräbnis am 2. Juli 1876 gehalten wurde: StABS, Totenregister S. 364, Nr. 727, Leichenpredigt von Ursula Bruckner-Eglinger; StABS, Stammbaum 67, Eglinger; Archiv der Herrnhuter Brüdergemeine Basel. Vgl. auch Rolf Hartmann, Das Autobiographische in der Basler Leichenrede, Basel, 1963. Susanna Eglinger (‘Susetteʼ) (1784–1873), Christoph Eglinger-Weber (1790–1857), Emanuel EglingerFürstenberger (1803–1866). (StABS, Stammbaum 67, Eglinger). Ausführliche Informationen zu den im Folgenden identifizierten Personen finden sich in den edierten Tagebüchern und im Personenverzeichnis.


Einleitung 11

wissenschaft und die Definition des Begriffs Selbstzeugnisse geben. Die Textgattung und ihre begriffliche Eingrenzung werden ebenso in Frage gestellt wie die sich im Laufe der Zeit verändernden Problemstellungen der verschiedenen Forschungsansätze. Ausserdem wird nach der Intention der Autorinnen und Autoren von Selbstzeugnissen gefragt und inwieweit sie als Personen durch ihre Aufzeichnungen fassbar werden. Dabei wird der Begriff des Selbst thematisiert, in Frage gestellt und die Entwicklung von der Suche nach einem historischen Subjekt hin zum Verständnis von Personen als Teil von Beziehungsnetzen skizziert. Die Autorin wuchs in einer bürgerlich-pietistischen Familie auf, die damals zu einer der einflussreichsten Gesellschaftsschichten in Basel gehörte. Das zweite Kapitel befasst sich mit diesem religiös geprägten Milieu, mit speziellem Blick auf das «Fromme Basel». In den Kapiteln drei bis sechs wird der von pietistischen Traditionen gestaltete Alltag von Ursula Bruckner-Eglinger beleuchtet. Soziale Räume, Kommunikations- und Beziehungsmuster werden herausgearbeitet (Kapitel drei), verschiedene Stationen ihres Lebens (Kapitel vier) sowie thematische Aspekte ihres Alltags (Kapitel fünf und sechs) werden nachgezeichnet. Die fünf Tagebücher entstanden zwischen 1816 und 1833 in einem von der Sozial­ geschichte als Sattelzeit8 bezeichneten Zeitraum des Übergangs vom Ancien Régime zur Industrialisierung. Diese Zeit war geprägt von der Gleichzeitigkeit zweier Strömungen, der sogenannten Modernisierung als auch der Reaktion. Reinhart Koselleck spricht von der «Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen» und beschreibt damit eine Phase des Umbruchs, in der Zukünftiges nicht von Vergangenem abgeleitet werden kann, in der «die Differenz zwischen Vergangenheit und Zukunft wächst, so dass die erlebte Zeit als Bruch, als Übergangszeit erfahren wird, in der immer wieder Neues und Unerwartbares zutage tritt».9 Die Zukunft in einem solchen Kontext ist gekennzeichnet durch Andersartigkeit und Beschleunigung10 und demzufolge durch den ­Verlust von Zeitgeschichte, die voraussetzt, dass eine vorstellbare Zukunft genauso wie eine Vergangenheit und eine Gegenwart in die Beschreibung der geschichtlichen Prozesse einbezogen werden.11 Ursula Bruckner-Eglinger lebte zu einer Zeit, in der sich grundlegende Veränderungen vollzogen. In vielen Gebieten Europas fanden Kriege statt, die Schweiz durchlief Veränderungsprozesse, die die Zukunft des Landes massgeblich bestimmen sollten, und Basel wurde im Jahr 1833 nach einer langen Zeit des Ringens und bürgerkriegsähnlichen Zuständen in die zwei Halbkantone B ­ aselStadt und Basel-Landschaft geteilt. Dieser politische Hintergrund wird im ­siebten ­Kapitel zuerst auf die Schweiz und dann auf die Region Basel bezogen und unter ­Berücksichtigung der im Tagebuch geschilderten persönlichen Situation von Ursula  8

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Zum Begriff der Sattelzeit im schweizerischen Kontext siehe: Beatrix Mesmer, Die Modernisierung der Eidgenossenschaft – Sattelzeit oder bürgerliche Revolution, in: Thomas Hildbrand, Albert Tanner (Hg.), Im Zeichen der Revolution: der Weg zum schweizerischen Bundesstaat 1798–1848, Zürich, 1997. S. 13. Zu den Ursprüngen des Begriffs siehe: Otto Brunner, Werner Conze, Reinhart Koselleck (Hg.), Geschichtliche Grundbegriffe, Stuttgart, 1972. Einleitung, S. XV; Reinhart Koselleck, Vergangene Zukunft: zur Semantik geschichtlicher Zeit, Frankfurt a.M., 1979. S. 328f., 332, 336. Koselleck, Vergangene Zukunft. S. 336. Ebd., S. 329. Ebd., S. 332, 335.


12 Einleitung

­ ruckner-Eglinger kurz umrissen. Der einführende Teil beansprucht in keiner Weise B Vollständigkeit, auf weiterführende Literatur wird soweit wie möglich in den Fuss­ noten verwiesen. Die Edition umfasst vier handgeschriebene Tagebücher aus dem unveröffentlichten Nachlass von Ursula Bruckner-Eglinger sowie einen fünften Band aus dem Familienarchiv der Familie Bruckner.12 In die Arbeit miteinbezogen wurden ausserdem ein Haushaltsbuch (1822–1850), Bestandteil des Nachlasses von Ursula BrucknerEglinger,13 ein Album von Ursula Eglinger im Familienarchiv der Familie Bruckner,14 eine an ihrem Begräbnis am 2. Juli 1876 gehaltene Leichenrede – zum grössten Teil bestehend aus einer Lebensbeschreibung, die sie selbst kurz vor ihrem Tode verfasst hatte15 – und die Stammbäume der Familien Bruckner und Eglinger.16 Am Anfang des ersten Buches weist die Zeile im Buchdeckel «Tagebuch angefangen im July 1816» darauf hin, dass vorher keine Eintragungen gemacht wurden. Das erste Buch endet am 25. Dezember 1820, danach folgen etliche leere Seiten. Das zweite Buch beginnt am 1. Januar 1824 mit der Eintragung «Mit diesem neuen Jahre fange ich auch ein neues Buch an». Es ist unklar, ob es weitere Bücher gibt, die die dazwischenliegenden drei Jahre dokumentieren und die verlorengegangen sind. Der Abschluss des ersten und der Anfang des zweiten Buches bilden allerdings klare Zäsuren, was die Annahme nahelegt, dass das Tagebuch in der Zwischenzeit nicht weiter­ geführt wurde. Die nachfolgenden Eintragungen sind zusammenhängend, jedes Buch ist die Fortsetzung des vorhergehenden. Die letzte Eintragung im fünften Buch im März 1833 bildet inhaltlich keinen klaren Abschluss und fällt nicht mit wichtigen äusseren Ereignissen zusammen, der Umzug der Familie von Binningen nach Basel lag ungefähr ein Jahr zurück. Auf diese letzte Eintragung folgen Notizen des Enkels Albert.17 Es kann angenommen werden, dass das Tagebuch von diesem Zeitpunkt an nicht mehr weitergeführt worden ist.

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StABS, PA 591 A1–4, Tagebücher der Ursula Bruckner-Eglinger (1797–1876); StABS, PA 706 Familienarchiv Bruckner (1808–1967). 1.2 1, 1. Teil,Tagebuch von Pfarrer Abraham Bruckner und seiner Frau ­Ursula Eglinger (1797–1876). Die Tagebücher wurden in den Jahren 1816–1820 (Bd. 1), 1824–1826 (Bd. 2), 1826–1829 (Bd. 3), 1829–1831 (Bd. 4) und 1831–1833 (Bd. 5) geschrieben. StABS, PA 591 B, Pfarrer Abraham Bruckner-Eglinger (1790–1866), Haushaltungsbuch (1822–1850). StABS, PA 706 Familienarchiv Bruckner (1808–1967). 1.3, Album der Ursula Eglinger (1797–1876), Frau von Pfr. Abraham Bruckner. StABS, Totenregister S. 364, Nr. 727, Leichenpredigt von Ursula Bruckner-Eglinger. StABS, Stammbäume Bruckner, Eglinger. StABS, PA 706 Familienarchiv Bruckner (1808–1967). 1.2 1, 2. Teil, Geschichtsheft von Albert Bruckner (1872–1912).


I. Wissenschaftlicher Kommentar 1. Das Tagebuch als Selbstzeugnis Begriffsklärung Selbstzeugnisse sind Autobiographien, Tagebücher, Reiseberichte, Briefe, Chroniken, Familiengeschichten, Lebensläufe, zum Teil auch Leichenreden oder Memoiren. Bei der begrifflichen Benennung dieser Textgattung herrscht bis heute kein wirklicher Konsens und die Diskussion um eine präzise Begriffsbestimmung, auf die man sich berufen könnte, ist noch nicht abgeschlossen.1 In vielen Arbeiten wird bei der Begriffsdefinition auf Winfried Schulze verwiesen, durch den die Bezeichnung Ego-­ Dokumente neue Verbreitung fand.2 Mit Bezug auf die niederländischen Historiker Jacob Presser, der den Begriff 1958 einführte, und Rudolf Dekker, der ihn aufgegriffen und neu diskutiert hat, verwendet Schulze den Begriff Ego-Dokumente in einem umfassenderen Verständnis. Er benutzt ihn für personenbezogene Quellen, die absichtlich oder unabsichtlich Auskunft über die Selbstwahrnehmung eines Menschen geben.3 In der Folge wurde und wird der Ausdruck Ego-Dokumente auch beispielweise für juristische, wirtschaftliche und administrative Akten verwendet, die nur auf indirekte Weise Einblick in die Lebenswelt einzelner Personen geben.4 In diesem Verständnis werden Selbstzeugnisse zu einem Teilbereich der Ego-Dokumente. Benigna von Krusenstjern versuchte unter anderem in ihrer Publikation «Was sind Selbstzeugnisse?» mehr Klarheit in die verschiedenen Erklärungsansätze zu bringen.5 Beim Versuch einer genaueren Definition des Begriffs Selbstzeugnisse weist sie auf die Schwierigkeiten hin, die bei einer reinen Aufzählung der Textgattungen auftreten und schlägt eine weitere Unterscheidung vor, die stärker auf den Inhalt der Dokumente fokussiert. Sie unterscheidet Aufzeichnungen anhand des Bezugs, den die Verfasserin oder der Verfasser zu ihrem resp. seinem Leben und der eigenen Person schafft.6 Als Beispiel nennt sie Tagebücher, die gemeinhin zu den Selbstzeugnissen 1 2

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Vgl.: Greyerz, Egodocuments. Winfried Schulze, Ego-Dokumente: Annäherung an den Menschen in der Geschichte?, in: Ders. (Hg.), Ego-Dokumente, Berlin, 1996. S. 11–30; Zu Selbstzeugnissen vgl.: Kaspar von Greyerz, Hans Medick, Patrice Veit (Hg.), Von der dargestellten Person zum erinnerten Ich: europäische Selbstzeugnisse als historische Quellen (1500–1850), Köln, 2001; Kaspar von Greyerz, Vom Nutzen und Vorteil der Selbstzeugnisforschung für die Frühneuzeithistorie, in: Jahrbuch des Historischen Kollegs, München, 2004. S. 27– 47; Sebastian L ­ eutert, Gudrun Piller, Deutschschweizerische Selbstzeugnisse (1500–1800) als Quellen der Mentalitätsgeschichte, in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte, 49/2 (1999). S. 197–221. Schulze, Ego-Dokumente. S. 14, 20f. Bernd-A. Rusinek (Hg.), Einführung in die Interpretation historischer Quellen, Zürich, 1992. S. 27–43. In neuerer Zeit gewannen Gerichtsprotokolle bei der Annäherung an Bedeutungszusammenhänge vor allem in Bezug auf Gesellschaftsschichten, die sich nicht oder nur sehr selten in schriftlicher Form äusserten, an Wichtigkeit. Benigna von Krusenstjern, Was sind Selbstzeugnisse?, in: Historische Anthropologie, 2. Jg. (1994). S. 462– 471. Ebd., S. 464.


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I. Wissenschaftlicher Kommentar

gezählt werden, jedoch sehr wohl ausschliesslich beobachtende Beschreibungen politischer, wirtschaftlicher oder wissenschaftlicher Natur enthalten können und dabei den direkten Bezug zur Person der Verfasserin oder des Verfassers ausklammern. In Anlehnung an Alois Hahn definiert sie Selbstzeugnis entsprechend als Aufzeichnung mit explizitem, freiwilligem Selbstbezug, gemäss Hahn mit Bezug auf ein Ich, «das seine Selbstheit ausdrücklich macht, sie als solche zum Gegenstand von Darstellung und Kommunikation erhebt».7 Oder in der Formulierung von Eva Kormann: «Als auto­ biographisch gelten Texte, in denen sich ein Autor oder eine Autorin auf sich selbst bezieht […] und in denen Leben beschrieben wird.»8 Diese Definition grenzt sich von der Überzeugung ab, dass jede schriftliche Darlegung allein durch die thematische Auswahl Rückschlüsse auf das schreibende Selbst und seine Lebenswelt zulässt, und dadurch das Verständnis von Selbstzeugnis so stark erweitert, dass der so definierte Begriff kein nützliches Arbeitswerkzeug mehr darstellt. Von Krusenstjern geht noch weiter und unterscheidet Selbstzeugnisse in vier Typen (Typ A bis D), gemessen am Grad dieses Selbst-Bezuges respektive dem «Anteil an Welt», der in den Aufzeichnungen sichtbar wird: bei Typ A beziehen sich die Schreibenden ausschliesslich auf sich selbst, während bei Typ D die Person des Verfassers oder der Verfasserin kaum mehr wahrzunehmen ist und das Dokument ausschliesslich als Zeitzeugnis einzustufen ist.9 Die genauere Umschreibung des Begriffs freiwillig scheint mir nicht erforderlich, da die oben genannte Definition Motivationen verschiedenster Art, die zum Schreiben veranlassen, einschliesst. Ob die Aufzeichnungen aus einem inneren Bedürfnis entstanden, religiösen oder andersartigen Konventionen entsprachen, ändert nichts an der für die Definition von Selbstzeugnissen zentralen Frage, ob die eigene Person Gegenstand der Beschreibungen ist oder nicht. Von Krusenstjern problematisiert auch den allzu umfassenden Gebrauch des Begriffs Autobiographie, der die Beschreibung eines Lebenszusammenhanges voraussetzt, und plädiert stattdessen für den heterogene Formen abdeckenden Begriff Selbstzeugnis.10 Kormann schlägt vor allem aus literaturwissenschaftlicher Sichtweise den Gebrauch des Begriffs Autobiographik vor, der das Konstruierte zum Ausdruck bringt: «Er rekurriert auf das ‘Grapheinʼ, das Schreiben, das Geschriebene dieses Lebens.»11 Sie betont damit die Referenz auf Leben, das in einer autobiographischen Schrift zum Ausdruck kommt, den sogenannten «referentiellen Pakt»12, den die Autorinnen und Autoren mit den Lesenden schliessen und durch den die Lesenden vom Leben der Schreibenden erfahren. Kormann grenzt sich mit diesem Ansatz bewusst vom gängigen Gebrauch der Begriffe Ego-Dokumente und Selbstzeugnisse ab, da sie in diesen Bezeichnungen durch die Bestandteile Dokument und Zeugnis den  7

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Alois Hahn, Identität und Selbstthematisierung, in: Ders. (Hg.), Selbstthematisierung und Selbstzeugnis, Frankfurt a.M., 1987. S. 10. Eva Kormann, Ich, Welt und Gott. Autobiographik im 17. Jahrhundert, Köln, 2004. S. 299. Von Krusenstjern, Selbstzeugnisse. S. 464–466. Ebd., S. 466–471. Eva Kormann, Selbstvergewisserung in einer verkehrten Welt, in: Daniela Hacke (Hg.), Frauen in der Stadt: Selbstzeugnisse des 16.–18. Jahrhunderts, Ostfildern, 2004. S. 61. Der Begriff geht zurück auf Philippe Lejeune: Le pact autobiographique, Paris, 1975.


1. Das Tagebuch als Selbstzeugnis 15

Zugang zu einer vortextuellen Realität mitgedacht sieht. Genauso setzt sie den Begriff Autobiographik und die damit ausgedrückte Referentialität von konstruktivistischen Ansätzen ab, die autobiographische Schriften als reine Texte ohne aussertextuellen Wirklichkeitsbezug betrachten. Tatsächlich bleibt auch nach der vorgenommenen Präzisierung des Begriffs Selbstzeugnis ein Unbehagen bestehen, was den Bezug auf ein Selbst betrifft. Entstanden in einem wissenschaftlichen Umfeld, in dem auf essentialistische Weise vom Individuum als fester Grösse ausgegangen wurde, lässt sich diese Bezeichnung heute nicht unhinterfragt übernehmen. Was ist unter dem Begriff des Subjekts zu verstehen, das sich aus Selbstzeugnissen erschliessen soll? Die Haltung, dass autobiographische Schriften – Tage­ bücher im Speziellen – Einblick in ein authentisches, von historischen Gegebenheiten abstrahiertes Subjekt gewähren, hat sich mittlerweile radikal verändert. Bei der Annahme eines Subjekts, das «bloss ‘überʼ sich schreiben» kann, stellt sich laut Esther Baur «die Frage nach dem Ort, von dem aus das Subjekt schreibt, wenn es dort, wo es schreibt, sich teilt».13 Heute wird von der Bedingtheit sowohl der Perspektive der Forschenden als auch des zu untersuchenden Textes ausgegangen. Die Begrifflichkeit hinkt hier dem inhaltlichen Verständnis hinterher, denn die Annahme eines determinierten Bezugspunktes entspricht nicht mehr dem heutigen auf Vernetzung und Wandel verweisenden Verständnis von Individualität und Selbst.14 In vielen Forschungsansätzen wie beispielsweise der historischen Anthropologie wird inzwischen der Notwendigkeit zur Historisierung Rechnung getragen, indem materielle, körperliche und soziale Aspekte der schreibenden Person in die Fragestellung miteinbezogen werden. Forschungsschwerpunkte richten sich häufiger auf Themenbereiche wie Kindheit, Familie, Körpererfahrungen oder Tod aus, als auf Konzepte wie Individualität oder Selbstbewusstsein, wobei die autobiographischen Schriften eine Quelle unter anderen sind.15 Doch inwiefern lassen sich über Selbstzeugnisse Einblicke in das Leben und die Wirklichkeit der Person gewinnen, die die Aufzeichnungen verfasst hat? Natalie Zemon Davis wies schon 1986 darauf hin, dass die Menschen in den von ihr untersuchten Dokumenten der Frühen Neuzeit Grenzen über die soziale Gruppe wahrnahmen, in der sie in ganz bestimmten Positionen und Rollen interagierten. Aufgrund dieser Beobachtung lehnt sie das Konzept einer klar umgrenzten Individualität zugunsten von gruppeninternen Beziehungen und Netzwerken ab.16 Den Begriff Individualität gebraucht sie in einem erweiterten Sinn als subjektive Perspektive eines einzelnen Menschen sowie als dessen Orientierung im Hinblick auf sein soziales Umfeld.

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Esther Baur, «Sich schreiben»: zur Lektüre des Tagebuchs von Anna Maria Preiswerk-Iselin (1758– 1840), in: Greyerz et al. (Hg.), Von der dargestellten Person zum erinnerten Ich. S. 99. Vgl.: Fabian Brändle, Kaspar von Greyerz, Lorenz Heiligensetzer, Sebastian Leutert, Gudrun Piller, Texte zwischen Erfahrung und Diskurs: Probleme der Selbstzeugnisforschung, in: Greyerz et al. (Hg.), Von der dargestellten Person zum erinnerten Ich. S. 3–31. Gabriele Jancke, Autobiographie als soziale Praxis: Beziehungskonzepte in Selbstzeugnissen des 15. und 16. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum, Köln, 2002 (Selbstzeugnisse der Neuzeit, 10). S. 9. Ebd., S.13. Natalie Zemon Davis, Boundaries and the sense of self in sixteenth-century France, in: Thomas C. Heller et al. (Hg.), Reconstructing individualism, Stanford, 1986. S. 53–63, 332–335. (Dt.: Bindung und Freiheit, in: Dies.: Frauen und Gesellschaft am Beginn der Neuzeit, Berlin, 1986. S. 7–18, 133–135.)


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I. Wissenschaftlicher Kommentar

Gabriele Jancke und Claudia Ulbrich versuchen unter Einbezug dieser Aspekte eine neue Beschreibung des Begriffs Individuum.17 Ausgehend von der Kritik an der immer noch verbreiteten Annahme, dass sich Individualität und autobiographisches Schreiben parallel entwickelt hätten, hinterfragen Jancke und Ulbrich binäre Denkmodelle wie Westen – Nicht-Westen oder Moderne – Tradition mit Hilfe von inter- und transkulturellen Studien. Dadurch gelangen sie zu neuen Denkansätzen und weisen darauf hin, dass die enge Verbindung von Individualität und autobiographischem Schreiben ein explizit westliches Modell ist, das es in der Diskussion um Selbstzeugnisse aufzubrechen gilt.18 Ausserdem zeigen sie auf, wie stark beispielsweise diese Annahme – die zeitliche Verknüpfung von autobiographischem Schreiben und Individualismus um 1800 – ein Ergebnis der spezifischen Quellenlage und -auswahl ist. Die Schlussfolgerungen sollten daher nicht vorrangig als quellenbezogene Beobachtungen, sondern eher als Hinweis auf die Art der wissenschaftlichen Herangehensweise betrachtet werden.19 Die Infragestellung des literatur- und geschichtswissenschaftlichen Individualitätsbegriffs und seine Verknüpfung mit autobiographischen Aufzeichnungen führen hin zum «Personkonzept», das das Verständnis von Individuum um seine soziale Einbindung erweitert.20 Mit dem Fokus auf den Entstehungskontext von Selbstzeugnissen sowie der Verschiebung des Blicks vom isolierten Individuum auf Beziehungsnetze soll die Herangehensweise der Forschenden verändert werden, was erwartungsgemäss einen wesentlichen Einfluss auf die Ergebnisse hat.21 Das Geschriebene respektive die Sprache werden als symbolische Handlungen verstanden, als Ausdruck von Kulturmustern, die Bedeutungszusammenhänge und Wissen jenseits von Innen und Aussen, Erfahrung und Diskurs generieren. Menschen als Wesen, die mit und in ihrem sozialen und kulturellen Umfeld handeln und dieses immer wieder neu aushandeln, geben schreibend diesem Prozess Ausdruck. Über sich selbst schreiben ist in diesem Sinne eine Form des sozialen Handelns in einem bestimmten Kontext.22 Die Forderung nach konsequenter Historisierung und Kontextualisierung von Personen der Vergangenheit stützt sich auf diesen Ansatz.23 Schreiben über das eigene Leben in verschiedenen geographischen Räumen, eingebettet in spezifische Interaktionszusammenhänge, wird so als geographisch-kulturell konnotierte Praxis betrachtet. Dabei spielen ritualisierte Aspekte des gesellschaftlichen Lebens eine wichtige Rolle. Mit dieser Herangehensweise werden Selbstzeugnisse als Ausdruck kommunikativen Handelns im entsprechenden sozialen Kontext verstanden. Methodisch sieht Jancke das Ziel ihres Ansatzes darin, die Ebene der lebensgeschichtlichen Tatsachen und Erfahrungen eines Menschen mit den «je spezifischen, subjektiven und konstruierten Wahrnehmungen dieses Wirklichkeitsbereichs» zu verknüpfen.24 Ge17 18 19 20 21 22 23 24

Jancke, Ulbrich (Hg.), Vom Individuum zur Person. S. 7–27. Vgl. auch: Jancke, Autobiographie. Jancke, Ulbrich (Hg.), Vom Individuum zur Person. S. 7f. Ebd., S. 14f. Ebd., S. 24f. Ebd., S. 16f. Vgl.: Jancke, Autobiographie. Brändle et al., Texte. S. 5. Jancke, Autobiographie. S. 25.


1. Das Tagebuch als Selbstzeugnis 17

rade die Gleichzeitigkeit von Lebensbeschreibung und subjektiver Wahrnehmung, die in autobiographischen Texten zur Deckung kommen, sieht sie als Chance. So wird der autobiographische Text zum aktiven, ordnenden Eingreifen, zum Gestaltenden und Sinngebenden des eigenen Lebens. «Alle biographischen Inhalte und Konstruktionen sind von dieser Ebene aus und damit in ganz konkreten persönlichen Situationen und sozialen Kontexten formuliert»25 und geben Einblick in Kommunikationssituationen, Inhalte und praktizierte Beziehungskonzepte.26 In diesem Sinne ist der Vorbehalt, dass autobiographische Texte nur indirekten, nämlich vermittelten Einblick in das Leben der schreibenden Person gewähren, nicht haltbar, da schon der Akt des Schreibens kommunikatives Handeln im entsprechenden Umfeld ist und nicht von einem unveränderlichen Selbst ausgegangen wird. Die Gegenüberstellung von Text und Realität löst sich auf, wenn das Schreiben selbst als Teil der Realität angesehen wird und im Schreiben «Selbstvergewisserung des Lebens» entsteht.27 Der Begriff Selbstzeugnisse wird autobiographischem Schreiben als praktischem Handeln, also geschriebenem Leben, nicht gerecht. «Autobiographische Texte liefern nicht einfach Material über das Leben und die Auffassungen von Menschen, die auf diese Weise stets nur indirekt und sprachlich vermittelt greifbar werden, sondern sie machen solche lebenden und handelnden Menschen in einem Augenblick oder einer Phase ihres Lebens unmittelbar zugänglich – insofern nämlich das autobiographische Schreiben eine ihrer Aktivitäten war. Diese Aktivität lässt sich direkt beobachten.»28 Das heisst, autobiographische Texte müssen den Entstehungskontext sowie das gesellschaftliche Umfeld der Verfasserinnen und der Verfasser mitberücksichtigen. Bei Konzepten wie Individualität und Selbst besteht ausserdem die Gefahr, dass die Lebenswelt der Verfasserinnen und der Verfasser von autobiographischen Schriften derjenigen der Forschenden angepasst und dadurch das Fremde eingeebnet wird.29 Unter der Voraussetzung, dass Kulturmuster lebensnotwendige Orientierungsrahmen bilden, die von den Menschen hervorgebracht und fortwährend im individuellen Vollzug neu geschaffen werden, zeigt die Analyse einer konkreten Lebenssituation die Möglichkeiten und Bedingungen für dieses Handeln auf. Gesellschaftliche Strukturen sind sowohl Ausgangspunkt als auch Handlungsspielraum einer Person, sie entstehen und verändern sich durch die alltägliche Lebenspraxis. Erst am Kleinsten, am historisch Besonderen – Edoardo Grendi nannte es das «eccezionale-normale»30 – wird das Wirken gesellschaftlicher Bedingungen nachvollziehbar. Soziale Komplexität bildet sich demnach durch minimale Abweichungen im Alltagsleben, die unreduzierbar verschieden sind und die Fähigkeiten und Möglichkeiten der Menschen zum Ausdruck bringen. 25 26 27

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Ebd., S. 26. Ebd., S. 34. Ulrike Gleixner, Schlussdiskussion, in: Daniela Hacke (Hg.), Frauen in der Stadt: Selbstzeugnisse des 16.–18. Jahrhunderts, Ostfildern, 2004. S. 228. Jancke, Autobiographie. S. 26. Vgl. Medick, Mikro-Historie. S. 40–53; Hans Medick, Missionar im Ruderboot, in: Alf Lüdke (Hg.), Alltagsgeschichte, Frankfurt, 1989. S. 48–84. Edoardo Grendi, Micro-analisi e storia sociale, in: Quaderni Storici, 35 (1977). S. 512.


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I. Wissenschaftlicher Kommentar

Die Analyse autobiographischer Texte – wie den vorliegenden Tagebüchern –­ e­ rmöglicht es, in Aussagen und Handlungen zum Ausdruck kommende Bedeutungsmuster aufzudecken, um so den sinngebenden Kontext eruieren zu können. Das Beziehungsgeflecht und dessen symbolischer Ausdruck stehen im Mittelpunkt einer solchen Interpretation. Auf diese Weise werden Mechanismen deutlich gemacht, durch die gesellschaftliche Strukturen als offene Systeme produziert, rezipiert, reproduziert und verändert werden. So erhalten übergeordnete Strukturen ihre Bedeutung erst durch das entsprechende Verhalten der konkret Handelnden, die ihnen diese Bedeutung zuschreiben. In diesem Spannungsfeld individueller und zugleich sozialer Handlungsweisen wird Realität erschaffen. In den Worten von Maurizio Gribaudi: «Si un procès évolue de manière non prévisible, cela signifie que les facteurs qui ont favorisé la concrétisation dʼune issue plutôt que dʼune autre sont contextuels; ils sont liés à la spécificité de choix et de dynamiques qui se sont actualisés dans un moment et dans un lieu particuliers.»31 Die vom Forschenden gewählte Perspektive der Beobachtung bestimmt, was durch die Analyse sichtbar gemacht wird und ist daher nie neutral. Fasst man die Beschäftigung mit Selbstzeugnissen früherer Zeiten als eine Beschäftigung mit dem Fremden und seinerseits als einen kommunikativen Akt auf, so entsteht im besten Fall etwas Drittes – ein Raum der Begegnung, der sowohl das von den Verfasserinnen und Verfassern Intendierte als auch die Perspektive der Lesenden verändert. Doris Bachmann-Medick spricht von der Notwendigkeit eines «dritten Raumes», eines «hybriden Überlappungsraumes», in dem kulturelle Widersprüche ausgehandelt und fruchtbar gemacht werden.32 Wie soll nun mit der kulturellen Differenz bei der Wahrnehmung des Fremden umgegangen werden? Kann und soll das Fremde überhaupt gedeutet werden und was wäre der Sinn eines solchen Vorgehens? Wie kann die Dichotomie Fremdes–Eigenes gewinnbringend genutzt werden, ohne den heutigen Diskurs lediglich auf den untersuchten Gegenstand zu übertragen, und ist ein anderer Weg überhaupt gangbar? Als einen Leitbegriff nennt Bachmann-Medick den Dialog. Nicht nur Vielfalt oder gar Konsens sollen angestrebt werden, sondern in erster Linie der prozesshafte Dialog mit dem Untersuchungsgegenstand. Wichtig für die dabei notwendigen Über­set­zungs­ vorgänge ist die Abkehr von fest umgrenzten Bedeutungen und Kultureinheiten. Ein weiterer zentraler Begriff ist der der Differenz. Anstatt auf Gemeinsamkeiten oder Übereinstimmungen liegt der Schwerpunkt auf der «Produktivität von atonalen Ensem­blen, von Grenzerfahrungen, Widersprüchen, Hindernissen und Konflikten zwischen den Kulturen».33 Mit Produktivität ist die Chance gemeint, durch die Konfrontation mit dem Fremden Alternativen zu eigenen Lebensformen und Normen erkennen zu können, wobei die Unterschiede aufrechterhalten werden. Die Voraussetzung für diesen neuen Raum, einen Verständigungsraum zwischen Kulturen, ist die Anerkennung von Differenzen in Texten, Sprache und Zeichen. In diesem Raum, in dem der Austausch kultu31

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Maurizio Gribaudi, Echelle, pertinence, configuration, in: Jacques Revel (Hg.), Jeux d’échelles, Paris, 1996. S. 20. Doris Bachmann-Medick, Einleitung, in: Dies. (Hg.), Kultur als Text, Frankfurt a.M., 1996. S. 7–64; Doris Bachmann-Medick, Multikultur oder kulturelle Differenzen?, in: Ebd., S. 262–296. Bachmann-Medick, Multikultur. S. 273.


1. Das Tagebuch als Selbstzeugnis 19

rellen Wissens möglich wird, setzt man sich dem Anderen aus und ermöglicht dadurch die Infragestellung von Traditionen, an denen sich das eigene Selbstverständnis orientiert. Dadurch werden neue Positionen möglich. Aus dieser Sicht werden Missverständnisse und Konflikte als «notwendige Triebkräfte zu einer wechselseitigen Auseinandersetzung der Kulturen miteinander eingesetzt und weiterentwickelt».34 Anstelle des Begriffs Kultur als Text tritt so der Begriff Kultur als Übersetzung, was den Verhandlungscharakter der Verständigung zwischen den Kulturen betont.35 Eine Loslösung von der eigenen kulturellen Bedingtheit bleibt ebenso unmöglich, wie das vollkommene Erfassen des Andersartigen. Auf der Grundlage von Differenz und Dialogizität wird die Gefahr, dem Fremden eigene Informationen einzuschreiben, wohl vermindert, aber nicht verhindert. Dass der Versuch, Fremdes zu beschreiben trotzdem ein lohnendes Unterfangen ist, begründet Christopher L. Miller mit der gegenteiligen Gefahr des Verharrens in reiner Selbstreflexivität. Die Annäherung an das Fremde nicht zu wagen setzt er mit dessen Auslöschung gleich. Die Chance, die eigene Wirklichkeit durch die Konfrontation mit Unbekanntem zu reflektieren und den persönlichen Verständnishorizont zu erweitern, ginge so verloren. «Es gibt also durchaus ethische Gründe […], das Risiko einer Beschreibung anderer Kulturen einzugehen.»36

Pietistischer Bezugsrahmen Der Pietismus brachte seit der Mitte des 18. Jahrhunderts eine eigene Schreibkultur hervor, die Frauen, Männer und Kinder mit einschloss.37 Die Verfassung eines Lebenslaufes oder einer Autobiographie wurde bei der gebildeten Mittelschicht zum Standard, autobiographische Veröffentlichungen wie zum Beispiel «Die Bekenntnisse» von Jean Jacques Rousseau, Goethes «Dichtung und Wahrheit» und Lavaters Tagebücher hatten Vorbildcharakter.38 Bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts waren Biographien, Tagebücher und Leichenpredigten Teil dieser ausgeprägten pietistischen Gedächtniskultur, die Tradition und Identität schaffte. «Die Intention der Biographien ging dahin, eine bis ins 17. Jahrhundert zurückreichende Tradition von Frömmigkeit zu schaffen, mit der eine heilsgeschichtliche Kontinuität etabliert und der Wandel in der Gruppe ausgeblendet werden sollte.»39 Ulrike Gleixner betont den Aspekt der Gruppenidentität, in deren Zentrum die Biographie als Erinnerungsträger stand. Die Leserinnen und Leser konnten sich so an den exemplarischen Lebensentwürfen, die ihnen als Vorbild für die pietistische Heiligung des Lebens dienten, orientieren.40 Ge34 35 36

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Ebd., S. 278. Ebd., S. 287. Christopher L. Miller, Lesen mit westlichen Augen, in: Doris Bachmann-Medick (Hg.), Kultur als Text, Frankfurt a.M., 1996. S. 238. Ulrike Gleixner, Warum sie soviel schrieben: Sinn und Zweck des (auto-)biographischen Schreibens im Württembergischen Pietismus (1700–1830), in: Udo Sträter et al. (Hg.), Interdisziplinäre Pietismusforschung, Bd. 1, Tübingen, 2005. S. 521. Baur, «Sich schreiben». S. 98f. Ulrike Gleixner, Familie, Traditionsstiftung und Geschichte im Schreiben von pietistischen Frauen, in: Hacke (Hg.), Frauen in der Stadt. S. 131, 133. Ebd., S. 134.


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stützt auf die oben vorgenommene Einschränkung des Begriffs Selbstzeugnisse kann eine Häufung solcher Texte im 18. Jahrhundert festgestellt werden, wobei sich der Anteil der von Frauen geschriebenen Aufzeichnungen ab der Wende vom 18. ins 19. Jahrhundert stark erhöhte.41 In dieser Zeit entstanden auch die vorliegenden Tagebücher von Ursula Bruckner-Eglinger. Sie stehen sowohl stellvertretend für die Zeit, in der vermehrt Texte dieser Art entstanden sind, als auch für die religiösen und gesellschaftlichen Kreise, in denen sie hauptsächlich zirkulierten. Vor allem das Genre des Lebenslaufs fand grosse Verbreitung und wurde Teil fast jeder Leichenpredigt einer gebildeten pietistischen Person, egal ob männlich oder weiblich.42 Sehr oft wurden diese biographischen Aufzeichnungen von der betroffenen Person kurz vor ihrem Tod selbst verfasst. Sie hatten neben der Funktion, Rechenschaft über das Leben abzulegen, den weiteren Zweck, den eigenen göttlichen Gnadenstand vor der Glaubensgemeinschaft zu bezeugen.43 Solche Lebensberichte, die oft ein zentrales Bekehrungserlebnis schilderten, wurden in der Gemeinde vorgelesen. Sie waren Lebens-Vorgabe und -Erklärung und unterstützten das institutionalisierte Erinnern.44 Pietistische Selbstzeugnisse waren in hohem Mass an Schreibkonventionen gebunden. Sie folgten ganz bestimmten inhaltlichen und formalen Regelungen, dienten der Selbstvergewisserung und – indem Ereignisse und Befindlichkeiten eingeordnet wurden – der Aneignung religiöser Vorgaben. Das Tagebuch war ein Forum, in dem pietistische Frömmigkeit in schriftlichen Bekenntnissen ihren Ausdruck fand,45 es war ein Ort der stetigen Prüfung und Eigenverortung im vorgegebenen Rahmen der religiösen Gruppe.46 Sont. 24. […] Des Nachmittags war Confirmation von 17 Knaben auf die hlg. Weinacht und Abends hatte ich noch eine recht gesegnete Prüfung meiner selbst in welcher ich mit m[einem] H[ei]l[an]d ganz ausreden konnte, u. auch Gnade u. Vergebung m[eine]r Sünden bey Jhm fand.47 [Donst.] 13. […] Nach der Bethstunde machten AB u. ich noch einen kleinen wohlthätigen Lauf, es war ein herrlicher Herbstabend. Jn meinem Herzen sieht es nicht so recht aus wie es sollte, ich bin übernatürl[ich] träge zum Gebet u. lau in meinem Gang. O ich wünschte so sehr dass es besser mit mir werden möchte. Herr mein Hld ach erbarme Dich doch meiner.48 41

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Vgl. sowohl zu einer ausführlichen Auflistung von Texten, die zur Gattung der Selbstzeugnisse gerechnet werden können, als auch zu definitorischen Unterscheidungen und Mischtypen: Leutert, Piller, Deutschschweizerische Selbstzeugnisse. S. 207f. Zur Vertiefung des Themas Leichenpredigten siehe: Gleixner, Warum sie soviel schrieben. S. 522. ­Thomas K. Kuhn, «Unsre liebe Schwester»: Lebensläufe von Frauen der Herrnhuter Brüdergemeine (18.–20. Jahrhundert), in: Sträter et al. (Hg.), Interdisziplinäre Pietismusforschung, Bd. 1. S. 549–559; Vgl. zum Thema Leichenpredigten: Hartmann, Das Autobiographische; Rudolf Lenz (Hg.), Leichenpredigten als Quelle historischer Wissenschaften, 4 Bde., Marburg, 1975–2004. Gleixner, Warum sie soviel schrieben. S. 522. Ebd., S.526. Siehe dazu auch Kapitel 2, Frömmigkeit. S. 31. Gleixner, Familie. S. 138. Tagebuch Ursula Bruckner-Eglinger, 24. Dezember 1823. Ebd., 13. November 1824.


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