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Ernst Ziegler
Der Frankfurter Philosoph Arthur Schopenhauer und der Basler Historiker Jacob Burckhardt sind einander nie persönlich begegnet. Burckhardt bekannte, er sei zeitlebens «kein philoso phischer Kopf» gewesen. Für Schopenhauer war die Geschichte keine «Wissenschaft im eigentlichen Sinne». Wieviel die beiden Gelehrten dennoch verband, wird in der vorliegenden Antho logie deutlich anhand vieler Zitate aus ihren Werken und Briefen – getreu dem Dictum Jacob Burckhardts: «Ich liebe das Wissenschaftliche; aber nicht das Streng-Wissenschaftliche!»
Burckhardt und Schopenhauer
PANTONE 647 U
I S B N 978-3-7965-3324-2
Schwabe Verlag Basel www.schwabeverlag.ch
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783796 533242
Ernst Ziegler
Burckhardt und Schopenhauer Eine Anthologie
Schopenhauer und Burckhardt kannten einander nicht persönlich. Der eine hatte nicht viel übrig für die «Geschichtsschreiber», die er als «umgewandte Propheten» bezeichnete, der andere bekannte, zeitlebens «kein philosophischer Kopf gewesen» zu sein. Wieviel die beiden Gelehrten dennoch verband, wird anhand von Quellen, Werken und Briefen im vorliegenden Band auf unterhaltsame Weise deutlich. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit und tiefe philosophische Gedankengänge versammelt Ernst Ziegler Äusserungen der beiden Gelehrten über ihre wissenschaftlichen Anfänge, ihre Ansichten zu Entwicklung und Fortschritt, über ihr Verhältnis zu Kollegen und Freunden, über Erdenglück, Kosmopolitismus und Patriotismus. Ein Kapitel ist Burckhardts Schopenhauer-Rezeption gewidmet, wie sie in seinen Vorlesungen zum Ausdruck kommt. Zwar gestand er Nietzsche 1866 «in vertrauten Spaziergängen» seine Distanz zur Philosophie, nannte aber Schopenhauer um 1870 dennoch «unseren Philosophen». Schopenhauers Werke wurden von der «Universitäts-Philosophie» viele Jahre lang ignoriert, was ihn veranlasste in den Parerga und Paralipomena, den kleinen philosophischen Schriften, Ueber die Universitäts-Philosophie ein böses Kapitel zu verfassen. Ernst Ziegler (geb. 1938) studierte in Basel Geschichte, Germanistik und Philosophie u.a. bei Werner Kaegi, Edgar Bonjour, Walter Muschg und Karl Jaspers. Promotion 1970 über Jacob Burckhardts Vorlesung über die Geschichte des Revolutionszeitalters; 1971 bis 2003 Stadtarchivar in St. Gallen, seit 1996 Privatdozent an der Universität St. Gallen, Mitarbeit an der Kritischen Gesamtausgabe der Werke Jacob Burckhardts; 2010 zusammen mit Franco Volpi Herausgeber von Schopenhauers philosophischem Tagebuch Senilia; derzeit Edition von Schopenhauers Gedankenbüchern Spicilegia und Pandectae und Transkription einer stenographischen Nachschrift von Burckhardts Vorlesung über Die Kultur des Mittelalters.
Ernst Ziegler
Burckhardt und Schopenhauer Eine Anthologie
Schwabe Verlag Basel
Schwabe reflexe 36 Copyright © 2015 Schwabe AG, Verlag, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Lektorat: Barbara Handwerker Küchenhoff Umschlaggestaltung: Heike Ossenkop, h.o.pinxit // editorial design, Basel Schrift: Quadraat Gesamtherstellung: Schwabe AG, Muttenz/Basel, Schweiz Printed in Switzerland ISBN Printausgabe 978-3-7965-3324-2 ISBN eBook 978-3-7965-3325-9 rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch
fĂźr Maria
Ja, ich neige mich mehr und mehr zu der Meinung, daß es für die Philosophie heilsamer wäre, wenn sie aufhörte, ein Gewerbe zu seyn, und nicht mehr im bürgerlichen Leben, durch Professoren repräsentirt, aufträte. Arthur Schopenhauer, Parerga und Paralipomena Erster Band, Ueber die Universitäts-Philosophie
Zeitlebens bin ich kein philosophischer Kopf gewesen und schon die Vergangenheit der Philosophie ist mir so viel als fremd. Jacob Burckhardt an Friedrich Nietzsche Basel, 26. September 1886
Inhalt Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Bürgerhumanismus und Kaufmannsehre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12 Kollegen und Freunde . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22 Musizieren, Spazieren, Schlafen und das Alter .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26 Frauen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38 Geschichte und Philosophie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42 Aristoteles . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49 Friedrich der Grosse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52 Napoleon .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58 Entwicklung und Fortschritt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63 Erdenglück .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67 Kosmopolit oder Patriot .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71 «Wie hast dus mit der Religion?» .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79 28
Burckhardts Schopenhauer-Rezeption . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82 In seinen Briefen .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82 In Zeugnissen seiner Schüler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86 In seinen Vorlesungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89 Quellen und Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94 Abkürzungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94 Literatur .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98 Anmerkungen .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100 Abbildungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110
Einleitung Arthur Schopenhauer, einer der grössten deutschen Philosophen, und Jacob Burckhardt, der bedeutendste Schweizer Historiker, sind einander nie begegnet. Schopenhauer wusste nichts vom Basler Geschichtsforscher; Burckhardt kannte den Frankfurter Philosophen nur aus seinem Werk. Für Schopenhauer waren die Naturwissenschaften ein wichtiger «Bestandteil des Prozesses des Philosophierens», während Burckhardt diese vernachlässigte zugunsten der Kunst, die ihm eins und alles war; man hat ihn deshalb auch immer wieder als «Kultur- und Kunsthistoriker» bezeichnet. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass Jacob Burckhardt ein grossartiger Zeichner war, dessen Skizzenbücher «Zeugnisse seiner Fähigkeiten als gestaltender Künstler» sind.1 Von Arthur Schopenhauer sind hingegen bloss seine «Kritzeleien» bekannt, «eine Reihe kleiner Skizzen und Zeichnungen», die er meist auf den hinteren Innendeckeln der von ihm gelesenen Büchern hinterlassen hat.2 Schopenhauer war der schreibende Philosoph und Privatgelehrte, dessen Werke lange Zeit nicht zur Kenntnis genommen wurden, was ihn viele Jahre beschäftigte und schwer enttäuschte. Burckhardt schrieb, nachdem er Professor in Basel geworden war, nichts mehr und lebte zufrieden und vergnügt als Lehrer in der alten Humanistenstadt. Schopenhauer versprühte Invektiven nach allen Seiten, in Briefen, Vorreden seiner Werke, in seinen so genannten «Gedankenbüchern», in Gesprächen; Burckhardt dagegen war zurückhaltend, überlegt, ein Gentleman durch und durch. Ich wüsste kaum zwei grössere, gegensätzliche Charaktere. Von 1911 bis 1942 erschienen, herausgegeben von Paul Deussen, Franz Mockrauer, Erich Hochstetter, Robert Gruber und Arthur Hübscher «Arthur Schopenhauers sämtliche Werke» in 16 Bänden, wobei drei Nachlassbände nicht erscheinen konnten. Ebenfalls um diese Zeit, von 1929 bis 1934, gaben Hans Trog, Emil Dürr, Felix Stähelin, Heinrich Wölfflin, Werner Kaegi, Albert Oeri und Samuel Merian die «Jacob Burckhardt-Gesamtausgabe» in 14 Bänden heraus. Obwohl der Philosoph Prof. Dr. Harald Schöndorf (geb. 1944) bereits 1992 eine «kritisch-vergleichende SchopenhauerAusgabe» bzw. eine «wissenschaftliche Gesamtausgabe der 9
Werke Schopenhauers» angeregt und Matthias Koßler, der Präsident der Schopenhauer-Gesellschaft, sich seit etwa 2001 vergeblich um eine «vollständige historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke, Manuskripte und Briefe» Schopenhauers bemüht hatte, konnte erstaunlicher Weise bis heute nichts dergleichen in Angriff genommen werden. Dagegen erscheint seit dem Frühjahr 2000 die Kritische Gesamtausgabe der Werke Jacob Burckhardts, angelegt auf vorläufig 29 Bände. Davon wurden bis Februar 2014 bereits 17 Bände publiziert. Ich habe seit dem Wintersemester 1959/60 an der Universität Basel auch philosophische Vorlesungen gehört, u.a. bei Karl Jaspers. Etwa 1960 begann ich mit der ernsthaften Lektüre Arthur Schopenhauers, dessen sämtliche Werke und handschriftlichen Nachlass sowie seine Briefe und Gespräche ich inzwischen gelesen und teilweise exzerpiert habe. Mit Jacob Burckhardt begann ich mich 1965 eingehend zu befassen, indem ich seine Vorlesung über die «Geschichte des Revolutionszeitalters» aufgrund von Nachschriften rekonstruierte. Im Auftrag Werner Kaegis, dem Biographen Jacob Burckhardts, habe ich mich dann um 1969 intensiv mit Burckhardts Vorlesung «Über das Studium der Geschichte» und den Weltgeschichtlichen Betrachtungen beschäftigt. Zunächst habe ich die Aufgabe übernommen, auf dem Staatsarchiv Basel-Stadt die Manuskripte Jacob Burckhardts mit dem von Jacob Oeri im siebten Band der Gesamtausgabe (1929) gedruckten Text der Weltgeschichtlichen Betrachtungen zu vergleichen und Abweichungen festzustellen. Ebenfalls in dieser Zeit transkribierte ich drei bisher bekannte Nachschriften von Studenten aus der Vorlesung «Über das Studium der Geschichte» aus den Wintersemestern 1870/71 und 1872/73. Dies alles war Vorarbeit für Kaegis Biographie und für eine künftige kritische Edition der Vorlesung. Diese Arbeiten waren im Februar 1970 abgeschlossen, aber die erste kritische Edition erschien dann erst 1982, bearbeitet von Peter Ganz. Nach meiner Pensionierung im Juni 2003 widmete ich mich als Mitarbeiter der kritischen Gesamtausgabe seiner Werke vor allem dem «Schopenhauerianer» Jacob Burckhardt. Nach Beendigung der Arbeit am rund 1700 Seiten umfassenden Band 28 Geschichte des Revolutionszeitalters, erschienen 2009, konnte ich, sozusagen als «Zwi10
schenspiel», 2012 noch Jacob Burckhardts «Vorlesungen über die Zeit Friedrichs des Großen» edieren und 2011 am Band 1 der Kritischen Gesamtausgabe mitwirken: Jacob Burckhardt, Die Zeit Constantin’s des Großen, 2013.3 Dann wandte ich mich 2005 endgültig «meinem Philosophen» zu und begann die Senilia zu transkribieren und zu bearbeiten, Arthur Schopenhauers philosophisches Tagebuch, das er von 1852 bis zu seinem Tode 1860 führte. Zusammen mit Franco Volpi (1952–2009) konnte dieses «Gedankenbuch» mit dem Untertitel Gedanken im Alter 2010 herausgegeben werden. Zwei weitere Manuskriptbücher aus Schopenhauers Nachlass sind im Druck bzw. in Bearbeitung; es handelt sich um die Spicilegia, das Frankfurter Gedankenbuch von 1837 bis 1852, und die Pandectae, das philosophische Tagebuch, das er von 1832 bis 1837 führte. Neben dieser Editionsarbeit konnten vier kleinere Anthologiebändchen veröffentlicht werden. Diese jahrelange Beschäftigung mit Jacob Burckhardt und Arthur Schopenhauer bewog mich, Leben und Werk der beiden miteinander zu vergleichen. Im Hinblick auf einige Parallelen und Unterschiede zwischen ihnen ist so diese kleine Anthologie entstanden.
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Bürgerhumanismus und Kaufmannsehre Als Jacob Burckhardt am 25. Mai 1818 in Basel zur Welt kam, lebte der 1788 geborene Arthur Schopenhauer in Dresden und vollendete sein Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung, dessen Vorrede er mit «geschrieben zu Dresden im August 1818» datierte. Schopenhauer war der Sohn des sehr wohlhabenden Kaufmanns Heinrich Floris Schopenhauer (1717–1805); seine Mutter war die «durch ihre Schriften berühmt gewordene» Johanna Henriette Trosiener (1766–1838).4 Burckhardts Vater Jakob Burckhardt (1785–1858) war Pfarrer, seit 1816 «Obersthelfer in Basel», seit 1838 Pfarrer der Münstergemeinde und als Antistes (evangelisches bischöfliches Amt) Vorsteher der Geistlichkeit des Basler Staates; Burckhardts Mutter Susanna Maria Schorndorff (1782–1830) stammte aus einer alten Basler Familie und starb, als Jacob zwölf Jahre alt war.5 Basel war Universitätsstadt, aber, wie Danzig, auch eine Handelsstadt, mit konservativer und humanistischer Atmosphäre, wo ein Geist «nüchterner, fleißiger Arbeitsamkeit und Pflichttreue» wehte; hier gedieh, was man Burckhardts «bodenständigen Bürgerhumanismus» genannt hat.6 Schopenhauer betrachtete die Kaufleute als «den einzigen ehrlichen Stand», und als besondere der «verschiedenen Gattungen der Ehre» bezeichnete er «die Kaufmännische Ehre».7 Von den Theologen hielt er nicht allzu viel; er schrieb: Zwar athmen also die Schriften unserer Universitäts-Philosophen den lebendigsten Eifer für die Theologie; dagegen aber sehr geringen für die Wahrheit. Denn ohne Scheu vor dieser werden Sophismen, Erschleichungen, Verdrehungen, falsche Assertionen, mit unerhörter Dreistigkeit, angewandt, ja angehäuft, werden sogar, wie oben ausgeführt, der Vernunft unmittelbare, übersinnliche Erkenntnisse, – also angeborene Ideen, – angedichtet, oder richtiger angelogen; Alles einzig und allein um Theologie herauszubringen: nur Theologie! nur Theologie! um jeden Preis, Theologie! – Ich möchte den Herren unmaaßgeblich zu bedenken geben, daß immerhin Theologie viel 12
werth seyn mag; ich aber doch etwas kenne, das jedenfalls noch mehr werth ist, nämlich die Redlichkeit; Redlichkeit, wie im Handel und Wandel, so auch im Denken und Lehren: die sollte mir um keine Theologie feil sein.8 Schopenhauer bezog 1809 die Universität Göttingen, wo er sich «als Mediziner einschreiben ließ» und nach eigenem Bekunden auch «Naturwissenschaften und Geschichte hörte». Er gab dann aber die Medizin auf und widmete sich «ausschließlich der Philosophie».9 Im Herbst 1811 wechselte er an die Universität Berlin, von wo ihn 1813 «Kriegsunruhen vertrieben». Schopenhauer begab sich nach Rudolstadt und vollendete dort seine Dissertation Ueber die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde, die 1813 im Druck erschien. Im Zusammenhang mit dieser Dissertation erzählt Angelika Hübscher folgende Anekdote: Schopenhauer brachte das Buch der Mutter, sicher mit einigem Stolz über das in verhältnismäßig kurzer Zeit Erreichte. Aber die mittlerweile erfolgreich schriftstellernde Johanna spöttelte verständnislos: das sei wohl etwas für Apotheker (der ‘Hausfreund’ stimmt hinterrücks in den Spott mit ein). Es erfolgt der berühmte Schlagabtausch: Schopenhauer: ‘Man wird es noch lesen, wenn von Deinen Schriften kaum mehr ein Exemplar in der Rumpelkammer stecken wird’ – die Mutter, schlagfertig: ‘Von den Deinigen wird noch die ganze Auflage zu haben sein.’ Beide sollen Recht behalten.10 1820 habilitierte er sich an der Berliner Universität, wo er jedoch als Privatdozent nur das erste Semester las, obwohl er bis 1831 «immer noch im Lektions-Katalog» stand.11 Jacob Burckhardt studierte nach dem Schulbesuch in Basel zuerst in Neuenburg und dann von 1837 bis 1839 auf Wunsch des Vaters evangelische Theologie an der Universität Basel. In seiner «Rückschau auf sein Leben» schrieb Burckhardt: Nachdem das letzte Semester in Basel bereits dem neuen Studium [d.h. der Geschichtswissenschaft] angehört hatte, bezog er im Herbst 1839 die Universität Berlin, welcher er bis 13
zum Frühling 1843 angehörte, mit Ausnahme des in Bonn zugebrachten Sommersemesters 1841. Er studierte Geschichte und Kunstgeschichte und trat schon im zweiten Berliner Studiensemester «in das Seminar Leopold Rankes ein». Für Rankes Seminar lieferte Burckhardt «zwei umfangreichere Arbeiten»: 1840 jene über «Carl Martell» (um 676–741) und im Wintersemester 1841/42 jene über «Conrad von Hochstaden, Erzbischof von Köln» (1238–1261).12 Mit diesen beiden Arbeiten promovierte Burckhardt am 19. Mai 1843 an der Universität Basel, «ohne daß er sich zum mündlichen Examen zu stellen brauchte».13 Nach einem längeren Aufenthalt in Paris habilitierte sich Burckhardt 1844 in Basel «als Dozent der Geschichte» und «erhielt 1845 den Titel eines außerordentlichen Professors». Zu eben dieser Zeit erschien von Schopenhauer die «zweite, durchgängig verbesserte und sehr vermehrte Auflage» von Die Welt als Wille und Vorstellung, mit der umfangreichen und höchst eindrücklichen «Vorrede», «geschrieben in Frankfurt a.M. im Februar 1844». 14 Vom Herbst 1855 bis zum Frühling 1858 war Burckhardt dann Professor für Kunstgeschichte am Eidgenössischen Polytechnikum in Zürich. 1858 schließlich kehrte er als «ordentlicher Professor der Geschichte» nach Basel zurück, wo er bis 1893 Geschichte und Kunstgeschichte lehrte. Nachdem Burckhardt einige «Schriftwerke» ausgearbeitet und beendigt hatte, lebte er, wie er schrieb, «ausschließlich seinem Lehramt» und schrieb keine Bücher mehr.15 Von den Werken seien nur erwähnt Die Zeit Contantin’s des Großen von 1852, Die Cultur der Renaissance in Italien von 1860 sowie Der Cicerone von 1855. Über «gelehrte Autorschaft» schrieb er 1874 dem Historiker Bernhard Kugler (1837–1898): Ich meinerseits, der ich meine Werke auf andere Schultern a bgeladen und keine Bücher mehr schreibe, erfreue mich einer Gesundheit, wie ich sie eigentlich gar nicht mehr haben sollte, bin auch jeden Tag bereit, deren allmälige Abnahme zu erleben, und will mich dann in Geduld fügen. Einstweilen aber geht meine Erfahrung dahin, daß gelehrte Autorschaft eins der ungesundesten und bloßes Dociren (so beschwerlich es sei 14
und so umständlich die dazu gehörenden Studien und Vorbereitungen) eines der gesundesten Metiers auf der Welt ist. Alles nur Stehen, Gehen und Sprechen, dazwischen alle 8 Tage ein tüchtiger Bummel bei irgend welchem Wetter, und hie und da eine Flasche vom Besseren, ferner keine überheizten Zimmer im Winter, und den Hals frei tragen, das thut gut. Das Einzige was ich sehr vermeide, sind nasse Füße.16 Erinnerungen aus Rubens (1898), die Griechische Culturgeschichte (1898, 1900, 1902) und die Weltgeschichtlichen Betrachtungen (1905) wurden erst nach Burckhardts Tod herausgegeben. In seinen sogenannten «Personalien», die nach altem Basler Brauch bei seiner Beerdigung am 10. August 1897 in der Elisabethenkirche von seinem ehemaligen Schüler, dem Pfarrer und Antistes Arnold von Salis (1847– 1923), verlesen wurden, steht: Möge die wohlwollende Erinnerung der ehemaligen Studierenden der Universität Basel, die seine Zuhörer waren, der Schüler des Pädagogiums und der Zuhörerschaft der Wintervorträge ihm über das Grab hinaus gesichert bleiben; er hat dies Amt in seinem ganzen Umfang stets hochgehalten und daneben auf literarische Erfolge von Herzen gerne verzichtet. Ein bescheidener Wohlstand hat ihn in der spätern Zeit davor bewahrt, um der Honorare willen schreiben zu müssen und in der Knechtschaft buchhändlerischer Geschäfte zu leben.17 Über Burckhardts Amtsverständnis hat sich der Philosoph Wilhelm Dilthey (1833–1911) der 1867/68 drei Semester lang Professor in Basel war, in einem Brief an seinen Vater mokiert: Noch mehr fällt etwas anderes auf: ein Mangel an Glaube, an Zuversicht auf die Welt. So war mir ganz überraschend, wie ein Mensch wie Burckhardt plötzlich damit hervorkam: er habe wenig Hoffnungen in irgendeiner Art, Europa werde alt, mit unsrer Kultur neige es zu Ende. Wahrhaftig, man müßte das letzte Jahr in Berlin nicht erlebt haben, um solche Ideen auf etwas Anderes als Unkenntnis der eigenen Zeit zurückzuführen. Das macht so eng, daß man sieht, wie hier alles doch 15
aus einem Winkel gesehen und beurteilt wird. Das macht sich dann auch darin geltend, daß niemand hier fast an Schreiben denkt: der Wirkungskreis an der Universität wird als allein wichtig angesehen. Dies hat die meist sehr störende Folge, daß die Vorlesungen auch von den Tüchtigsten als ausschließlicher Lebenszweck behandelt werden. Obenan steht dabei mein Kollege Steffensen, von dessen Vortrag Wunderdinge erzählt werden. Ich, mit soviel Arbeiten auf dem Halse, werde also einen sehr schweren Stand haben.18 Was der spätere Berliner Professor hier schreibt, tönt nach dem grosssprecherischen Kaiser Wilhelm II. (1859–1941). Dilthey erlebte den Aufstieg «Deutschlands zur Kaiserzeit» noch; 1914, «das Schicksalsjahr des 20. Jahrhunderts», den ersten Weltkrieg und die Flucht Wilhelms nach Holland ins Exil musste er nicht mehr erleben.19 «Unkenntnis der eigenen Zeit» muss im Nachhinein Dilthey und nicht Burckhardt vorgeworfen werden, und seine vielen «Arbeiten» – wohl Publikationen – weisen auf das hin, was heutzutage mit der im Wissenschaftsbetrieb der Universitäten gängigen Redewendung «publish or perish» bezeichnet wird. Dilthey hätte wohl auch kaum begriffen, dass Burckhardt einer Anfrage der Universität Berlin, die Nachfolge Leopold von Rankes (1795–1886) zu übernehmen, eine Absage erteilte. Burckhardt schrieb darüber seinem Neffen Johann Jacob Oeri (1844–1908) am 17. Mai 1872, er habe unter demütigstem Dank abgesagt, weil ich die Malediction nicht auf mir haben will, die Universität Basel im Stiche gelassen zu haben und weil ich mit meiner ganzen dilettantischen Art besser an eine kleine als an eine große Universität passe. Auch mochte ich nicht gerne noch einmal in meinen alten Tagen in die Fremde gehen.20 Hier mag eine Parallele zu Sokrates etwas weither geholt sein, aber in Burckhardts Griechischer Kulturgeschichte steht, Sokrates habe sein Athen fast nie verlassen, und er «hatte kein Bedürfnis nach einer Ortsveränderung».21 Und noch weniger hätte der Deutsche vermutlich verstanden, dass Burckhardt den vom bayrischen König bestimmten Maximi16
liansorden für Verdienste in Wissenschaft oder Kunst bzw. die Mitgliedschaft im Ordenskapitel nicht annehmen wollte. Er schrieb am 12. November 1875 an Paul Heyse (1830–1914), man solle damit «einen Andern glücklich» machen. Meine Pflicht gegen die Universität Basel lautet einfach: auf dem Posten aushalten so lange man mich duldet. Wir haben seit einigen Wochen einen sog. democratischen Chef und nun kann die Desorganisation bald auf diesem bald auf jenem Punct in Scene gehen. Und wir waren in einem so guten Zuge und hatten seit 45 Jahren zum erstenmal wieder 200 Studenten. Freilich fahre ich fort zu hoffen; mitten in meiner sonst sehr zweifelhaft gewordenen Taxation des Erdenglückes statuire ich nämlich eine große Lücke und Ausnahme, indem ich das Dasein der Universität Basel nicht nur für irdisch wünschbar sondern für metaphysisch nothwendig erkläre.22 Der hier erwähnte «democratische Chef» war Wilhelm Klein (1825– 1887), der Führer der Basler Radikalen; er übernahm 1875 als Mitglied der freisinnigen Basler Regierung das Erziehungsdepartment.23 Burckhardt war konservativ und alles andere als ein Demokrat. «Das alte Basel freilich geht dahin», klagte er 1882 dem in Karlsruhe tätigen badischen Beamten Friedrich von Preen (1823– 1894).24 Er war überzeugt, «daß mit der Demokratie in Griechenland der Tag des Untergangs heraufgestiegen sei».25 Als am 9. März 1888 Wilhelm I. starb, korrespondierten von Preen und Burckhardt über den Kaiser (1871–1888); Burckhardt schrieb am 17. März: Ihre Worte über Kaiser Wilhelm, von welchem Sie so viel mehr Kunden und lebendige Eindrücke besaßen als Unzählige die ihn ebenfalls gekannt, waren mir vom höchsten Werthe. Wenn die ganze jetzige Welt meint, man könne es von unten herauf mit der Masse und mit den von Majoritäten Emporgehobenen genügend machen, dann protestirt ein solcher Mann durch sein bloßes Dasein; er war das Seltene, wie Sie sagen. Für das Seltene hat denn freilich die Demokratie keinen Sinn und wo sie es nicht läugnen oder entfernen kann, haßt sie es von Herzen. Selber eine Ausgeburt mediokrer Köpfe und ihres Neides, 17
kann sie auch als Werkzeuge nur mediokre Menschen brauchen und die gewöhnlichen Streber geben ihr alle wünschbare Garantie der Mitempfindung. Freilich fährt dann etwa in die Masse untendran ein neuer Geist, daß sie in dunklem Drange wieder das Seltene sucht, aber sie kann dabei erstaunlich schlecht berathen sein [...].»26 Nach dem deutschen Historiker und Soziologen Alfred von Martin (1882–1979) optierte Burckhardt gegen die Masse und für die Autorität; er wetterte schon in den Jahren der revolutionären Gärung vor 1848, beispielsweise 1845, gegen die «Brüllmasse, Volk genannt», gegen «Massendespotismus», gegen «kommunistische Knoten».27 Dazu aber noch eine Parallele zu Sokrates aus der Griechischen Kulturgeschichte und dem Kapitel «Die freie Persönlichkeit»: «Dabei war er der pflichttreuste Bürger und Krieger, wenn auch ohne aktive Teilnahme am Staatswesen, da er von der Erziehung der Jugend das Hauptheil des Staates erwartete.»28 Dies sei auch ganz im Sinne Schopenhauers und dessen Testament, meinte Alfred von Martin. In den Spicilegia steht nämlich: «Wie das Schlimmste, was einem Staate widerfahren kann, ist, daß die verworfenste Klasse, der Hefen der Gesellschaft ans Staatsruder kommt [...]», und in Schopenhauers Testament von 1852 lautet der betreffende Passus: Zu meinem Universalerben setze ich ein den in Berlin errichteten Fonds zur Unterstützung der in den Aufruhr- u. Empörungs-Kämpfen der Jahre 1848 & 1849 für Aufrechthaltung u. Herstellung der gesetzlichen Ordnung in Deutschland invalide gewordenen Preußischen Soldaten, wie auch der Hinterbliebenen solcher, die in jenen Kämpfen gefallen sind.29 Ruhe und Ordnung dank der «Staatsmaschine» – in den Spicilegia heisst es dazu: Der Mensch ist ein wildes, entsetzliches Thier: wir kennen es nur im Zustande der Zähmung, welche Civilisation heißt, und erschrecken über gelegentliche Ausbrüche seiner ursprünglichen Natur. Aber wenn einmal Schloss und Kette der Gesetz 18
lichen Ordnung abfallen und Anarchie eintritt, da zeigt sich was er ist. […] Wenn man bedenkt, welcher Vorrath von Haß, Zorn und Bosheit in jeder Menschenbrust nistet, und wie überwiegend der Hass gegen die Liebe ist, so muß man sich wundern, daß es im Ganzen noch so friedlich in der Welt hergeht, und die Staatsmaschine, die das hauptsächlich zu Wege bringt, verehren.30 Zu Schopenhauers Staatsverständnis finden sich auch in seinen philosophischen Tagebüchern einige bedeutende Aussagen: Da nämlich den Schutz unsrer Rechte der Staat übernommen hat; so würde daraus nur hervorgehn, daß wir allezeit fertige Kläger sind. Allein die schweren Angriffe gegen unsre Person bestraft der Staat, als Kriminalfälle, auch ohne daß wir klagen: hingegen sind die kleinen Kränkungen unsrer Person meistens nicht viel mehr als bloße Neckereien und werden daher vom Staat entweder gar nicht oder äußerst leicht bestraft.31 Für ihn war der Staat durchaus nur eine Schutzanstalt, deren Nothwendigkeit ganz allein auf dem Egoismus, der Ungerechtigkeit und der Bosheit des Menschengeschlechts beruht: den schlimmen Folgen dieser dadurch vorgebeugt werden soll. Und er fragt: Was sind denn die Staaten, mit alle ihrer künstlichen, nach außen und nach innen gerichteten Maschinerie und ihren Gewaltsmitteln Anderes, als Vorkehrungen der gränzenlosen Ungerechtigkeit der Menschen Schranken zu setzen? Schopenhauer glaubte, das monarchische System sei «dem Menschen natürlich», das republikanische hingegen sei «so widernatürlich, wie es allen edleren Bestrebungen des Menschengeschlechts ungünstig ist». Vermutlich als Folge der «Aufruhr- und Empörungskämpfe» schrieb er 1848 in sein philosophisches Tagebuch: 19
Die Einrichtung der menschlichen Gesellschaft schwebt wie ein Pendel zwischen zwei Anstößen, zwei polarisch sich entgegengesetzten Uebeln: Despotismus und Anarchie. So weit sie vom Einen sich entfernt, so viel nähert sie sich dem Andern. Dabei geräth Jeder auf den Gedanken, daß die gerade Mitte das Rechte wäre. Aber weit gefehlt! Denn jene zwei Uebel sind keineswegs gleich schlimm und gefährlich; sondern das Erstere ist ungleich weniger zu fürchten: seine Schläge sind zunächst bloß in der Möglichkeit vorhanden, und treffen, auch wenn sie wirklich kommen, nur Einen unter Millionen. Bei der Anarchie ist die Möglichkeit und Wirklichkeit unzertrennlich: ihre Schläge treffen Jeden und täglich. – Also soll jede Verfassung sich viel mehr der Despotie, als der Anarchie nähern: ja, sie muß eine kleine Möglichkeit des Despotismus enthalten.32 Schopenhauer und Burckhardt waren konservativ, weder Demokraten noch Republikaner; sie waren für Autoritäten und gegen die Masse und lebten in ihren «Stadtstaaten» ein recht geruhsames Leben. In einem sogenannten «Lebensabriss» schrieb Schopenhauer 1851: Ich habe das für einen Mann meiner Art unschätzbare Glück gehabt, stets meine Subsistenz gesichert zu wissen und nie in den Fall zu kommen, für Geld arbeiten, oder ein Amt suchen zu müssen. Dies hat mir den ungestörten Besitz meiner Zeit und Kräfte gelassen und zudem mir jene aufrechte Haltung verliehen, ohne welche Werke, wie die meinigen, ebenfalls nicht zu Stande kommen.33 Weder der eine noch der andere musste also «um der Honorare willen schreiben», wobei Schopenhauer fleissig weiter geschrieben hat, erschienen doch beispielsweise in eben diesem Jahr 1851 die Parerga und Paralipomena, die kleinen philosophischen Schriften.34 Jacob Burckhardt war Lehrer mit Leib und Seele, war Universitätsprofessor und Historiker. Die Lehrtätigkeit des Privatdozenten Schopenhauer endete hingegen «nach zehnjährigem Bemühen erfolglos»; er hatte nur im Sommer 1820 an der Universität Berlin 20