Schwabe AG
JUBILÄUMSREDEN ZUM 525-JÄHRIGEN FIRMENBESTEHEN
Schwabe Verlag Basel
978-3-7965-3300-6
1488 Petri – Schwabe 2013
Schwabe AG
JUBILÄUMSREDEN ZUM 525-JÄHRIGEN FIRMENBESTEHEN Gehalten an der Feier am 6. September 2013 im Ackermannshof in Basel Es gilt das gesprochene Wort
Schwabe Verlag Basel
Copyright © 2013 Schwabe AG, Verlag, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Schrift: Stempel Garamond LT Std, Corpid C1 Gesamtherstellung: Schwabe AG, Muttenz/Basel, Schweiz Printed in Switzerland ISBN 978-3-7965-3300-6 rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch
Inhalt
7 Begrüssung Ruedi Bienz Inhaber, Vorsitzender der Geschäftsleitung Schwabe AG 15
Grussbotschaft der Eidgenossenschaft Maya Graf Präsidentin des Nationalrates
21
Grussbotschaft des Kantons Baselland Urs Wüthrich Präsident des Regierungsrates
25
Grussbotschaft des Kantons Basel-Stadt Barbara Schüpbach-Guggenbühl Staatsschreiberin
33
Grussbotschaft der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte FMH Dr. Jürg Schlup Präsident der FMH
37
Grussbotschaft der Universität Basel Prof. Dr. Maarten J.F.M. Hoenen Vizerektor der Universität Basel
41
Der Humanismus des Buches Prof. em. Dr. Dr. h.c. Helmut Holzhey Emeritierter Professor für Geschichte der Philosophie der Universität Zürich
49
Unternehmensgeschichte
Ruedi Bienz Inhaber, Vorsitzender der Geschäftsleitung Schwabe AG
Sehr geehrte Frau Nationalratspräsidentin Maya Graf Sehr geehrter Herr Regierungspräsident Urs Wüthrich Verehrte Rednerinnen und Redner, geschätzte Gäste und Freunde unseres Hauses, liebe Anwesende
Herzlich willkommen zu unserem Jubiläum «525 Jahre Schwabe». 525 Jahre – das ist eine stolze Zeitspanne! Doch ein Jubiläum legitimiert sich nicht nur aus der reinen Anzahl an Jahren, sondern vielmehr aus den Inhalten, der Geschichte und den Geschichten, mit denen diese angefüllt sind. Wir haben das Glück, dass uns von der langen Ahnenreihe engagierter und renommierter Druckerverleger ein Unternehmen hinterlassen wurde, das mit einer Fülle von Inhalten aufwarten kann. Hiervon zeugt bereits die monumentale, zweibändige und über 2000 Seiten starke Schrift von Frank Hieronymus «1488 Petri – Schwabe 1988», erschienen zum 500-Jahr- Jubiläum vor 25 Jahren. Herzlich willkommen bei uns, Frank und MarieLouise Hieronymus. Und diese Geschichte begann vor 525 Jahren hier an diesem Ort, im Ackermannshof, der, dank privater Initiative vor kurzer Zeit renoviert, so schön hergerichtet wurde und für kulturelle Veranstaltungen und Aktivi täten wieder zur Verfügung steht. Unter Federführung von Alicia Soiron, die unter uns weilt und die ich mit ihrem Gatten Rolf Soiron ebenfalls herzlich begrüsse, wurde hier ein für Basel kunst- und kulturgeschichtlich wichtiger Ort erhalten und zugänglich gemacht. Informationen zur Historie und Renovierung des Gebäudes finden sich im vor kurzem erschienenen GSK-Kunstführer. Aber was ist schon ein Jubiläum, wenn es bei einem Rückblick auf Vergangenes verbleibt, ohne dass sich daraus Perspektiven für die Zukunft ergeben? Der vorherige Firmeninhaber Christian Overstolz, herzlich will7
kommen bei uns, Christian und Angelika Overstolz, hat zusammen mit seiner Schwester Margret Fröhlich 1988, zum 500-jährigen Bestehen der Firma, eine Nachfolgeregelung initiiert, mit der er den Grundstein für die Gegenwart gelegt hat. Er hat das Unternehmen treuhänderisch an damals junge Mitarbeiter übergeben, denen er die Fähigkeit zusprach, Schwabe in die Zukunft zu führen. Christian Overstolz hat damals den aus seiner Sicht für Unternehmen und Arbeitsplätze sichereren, für ihn selbst finanziell weniger lukrativen Weg gewählt. Eine bemerkenswerte Entscheidung. Die Aufgabe, die wir uns damals bei der Übernahme stellten, formulierte ein über unsere Zeit hinausgehendes Ziel: Schwabe, so der noch immer gültige Wunsch, soll im Jahre 2088 auch das 600-Jahr-Jubiläum feiern können als ein stolzes, selbständiges Unternehmen mit qualitativ hochwertigen Produkten und als Firma, die ihre soziale Verantwortung wahrnimmt und gute Arbeitsplätze bietet. Eine ambitionierte Zielsetzung in diesen Zeiten des Umbruchs. Wenn wir aber in die Vergangenheit blicken, merken wir, dass nicht nur wir mit wirtschaftlichen, technologischen und gesellschaftlichen Umwälzungen konfrontiert sind. Die Geschichte unseres Unternehmens liest sich über weite Strecken wie ein Abenteuerroman mit ungewissem Ausgang. Oft schon in den vergangenen 525 Jahren waren der Fortgang und die Ausrichtung des Unternehmens nicht klar abzusehen. Immer wieder stellten sich unseren Vorgängern grosse, kaum zu überblickende Probleme in den Weg. So schrieb zum Beispiel Ende der 1930er Jahre Benno Schwabe: «Heute dürfte das Schicksal des Buches mehr als unsicher, ja gefährdet sein. Trotzdem glauben wir, das Verlegen nicht einstellen zu sollen.» Noch immer glauben wir an die Zukunft von relevanten, seriös er arbeiteten und aufbereiteten Inhalten. Das Buch, ob in gedruckter oder elektronischer Form, ist und wird weiterhin ein Träger dieser Inhalte sein. Wir wissen, dass wir heute wie auch in den kommenden Jahren und Jahrzehnten grossen technologischen und gesellschaftlichen Veränderungen ausgesetzt sind. Wir werden uns, wie schon unsere Vorfahren, beständig den Zeichen der Zeit anpassen müssen oder – je nach Sichtweise – weiter8
entwickeln dürfen. Wir freuen uns auf neue Herausforderungen und werden als gesundes Unternehmen mit heute rund 170 gutausgebildeten und motivierten Fachleuten im Hause sowie einer grossen Zahl von uns zugewandten externen Spezialisten in Redaktionen, Institutionen und Gremien in die Zukunft gehen. Um den Weg in diese Zukunft zu skizzieren, um uns Leitlinien zu setzen und die Ziele, die wir erreichen wollen, greifbar und vorstellbar zu machen, haben wir folgende Grundsätze für unser Handeln festgelegt: 1. Die langfristige qualitative Entwicklung des Unternehmens steht über kurzfristiger Gewinnoptimierung. Dies auch in Anlehnung der von Christian Overstolz initiierten Nachfolgeregelung. 2. Qualitatives Wachstum steht über quantitativem Wachstum. Diesen Kernsatz nachzuleben ist nicht immer einfach. Manchmal bringt qualitatives Wachstum auch quantitatives Wachstum mit sich, und manchmal schafft quantitatives Wachstum erst die Grundlage für qualitatives Wachstum. Wir haben die Zahl unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den vergangenen rund 20 Jahren nahezu ver doppelt. 3. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Geschäftspartnerinnen und Geschäftspartner, Autorinnen und Autoren sind unser wichtigstes Zukunftspotential. Also Sie hier in der Druckerei des Ackermannshofs. Wir danken Ihnen für Ihre Unterstützung. 4. Der Erhalt sicherer Arbeitsplätze zu fairen Arbeitsbedingungen ist ein zentraler Punkt unserer Unternehmenspolitik. Heute mehr denn je ein wichtiger Standpunkt, der nicht überall auf ungeteilte Zustimmung trifft. Schwabe-Produkte werden in Schweizer Qualität, in der Schweiz, zu Schweizer Löhnen hergestellt. Wir kämpfen für die Arbeitsplätze in unserer Region und für die Arbeitsplätze unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. 5. Die erzielte Rendite soll die Unabhängigkeit der Firma sicherstellen. Oft muss man sich rechtfertigen, dass ein Drucker und Verleger auch 9
noch Gewinn erzielen will. Dabei handelt es sich nicht um Gewinne in astronomischer Höhe, die in Form von Boni und Dividenden an leitende Angestellte und Aktionäre ausbezahlt werden. Es geht um eine Rendite, die erwirtschaftet werden muss, um eine solide betriebswirtschaftliche Grundlage für die Firma zu erhalten. Wir wollen und müssen Jahr für Jahr investieren, in unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, in Maschinen und Technik, damit wir mit der Entwicklung mithalten oder vielleicht sogar diese mitprägen können. 6. Ethisches Handeln und ökologische Verantwortung prägen unsere Entscheide. Eine Solaranlage auf dem Dach des Produktionsgebäudes der Druckerei in Muttenz, die neu isolierte Fassade, die Einhaltung und Zertifizierung für SwissPSO, FSC und Produktion nach «MyClimate»-Richtlinien, die Produktion in der Schweiz, nach den strengen Umweltregelungen und den mit der Produktion vor Ort verbundenen kurzen Transportwegen belegen, dass wir hier nicht einfach schöne Sätze zu Papier gebracht haben. Mit diesen 6 Kernsätzen sind wir heute unterwegs, um das Ziel «600 Jahre Schwabe» im Jahre 2088 zu erreichen. Wir setzen alles daran, als kompetenter, engagierter Partner in der ganzen Palette unseres Dienstleistungs angebots, von der Konzeption über ein akademisches Lektorat, Gestaltung und Produktion, ob digital oder als Printprodukt, bis hin zu Marketing und Vertrieb, Ihr kompetenter Partner zu sein. Wir gehen diese Aufgabe optimistisch und mit Freude an. Ich habe mich mit meinen Ausführungen absichtlich mehrheitlich in der Gegenwart oder in der Zukunft bewegt. 525 Jahre in einem Grusswort zusammenzufassen ist schlicht nicht möglich. Die Vergangenheit ist im angesprochenen Werk von Frank Hieronymus ausgezeichnet dokumentiert, und am 6. Dezember erscheint die rund 400-seitige von Corinna Lanfranchi verfasste Publikation «Gut zum Druck!», welche in leicht lesbarer Form, ergänzt mit Beiträgen von verschiedenen Gastautoren, eine Reise durch Basel, durch 525 Jahre Firmengeschichte und durch den Basler 10
Buchdruck bieten wird. Notieren Sie sich jetzt schon den Vernissagetermin: 6. Dezember abends in unserer Buchhandlung «Das Narrenschiff». Schlussendlich will ich meinen Dank auch all den Kolleginnen und Kollegen im Verwaltungsrat und in der Geschäftsleitung sowie allen Mit arbeiterinnen und Mitarbeitern der Schwabe AG sowie des Tochterunternehmens EMH Schweizerischer Ärzteverlag AG aussprechen. Sie alle ermöglichen mit ihrer Arbeit und ihrem täglichen Einsatz das Erreichen der gesetzten Unternehmensziele. Ich komme zum Schluss: Der weitere Ablauf des Programms erfolgt ohne zusätzliche Ansage. – Als Erstes überbringt die Nationalratspräsidentin, Frau Maya Graf, die Grüsse der Eidgenossenschaft; – dann hören wir Urs Wüthrich, Regierungspräsident des Kantons Baselland. Ich freue mich über die starke Delegation des Kantons Baselland und insbesondere aus Sissach, mit der höchsten Schweizerin, und dem Präsidenten des Regierungsrats, unterstützt vom Chefredaktor der «Volksstimme», Jürg Gohl, und dessen Partnerin Simone Tacheron, die ich ebenfalls herzlich begrüsse. In der Volksstimme hatte ich doch meine Berufslehre absolviert und mein erstes Geld verdient, mit welchem ich dann in Basel die Technikerschule besuchte, die leider schon vor Jahren den Sparmassnahmen zum Opfer fiel. Heute sind wir wieder in einer schwierigen Situation, und es tut gut zu wissen, dass wir mit Urs Wüthrich einen Partner im Kanton Baselland haben, der das Möglichste tut, um die Bildung und Kultur vor der grassierenden, undifferenzierten Sparwut zu schützen. Gerade diese Woche hören wir, dass die Schweiz die wettbewerbsstärkste Nation sei, unter anderem dank dem starken Bildungssystem. Nach diesen beiden Grussadressen hören wir ein musikalisches Intermezzo des Bläserquintetts des Kammerorchesters Basel, das in diesem Hause beheimatet ist. 11
Anschliessend, als Vertreterin des Kantons Basel-Stadt, mit welchem wir in freund- und partnerschaftlicher Beziehung unter anderem das Kantonsblatt seit dessen Gründung im Jahre 1798 herausgeben, die Staatsschreiberin Frau Barbara Schüpbach-Guggenbühl, anschliessend den seit einem knappen Jahr amtierenden Präsidenten der FMH, Jürg Schlup. Die FMH, die Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte, ist unsere Partnerin im Schweizerischen Ärzteverlag EMH. Wir konnten uns in diesem knappen Jahr mit dem neuen Präsidenten davon überzeugen, dass klare, geradlinige und offene Kommunikation sehr viel vereinfacht und ermöglicht. Im Anschluss überbringt uns Professor Maarten Hoenen, Vizerektor der Universität Basel, in Vertretung des Rektors Antonio Loprieno, der zusammen mit Bundesrat Schneider-Ammann in Südafrika weilt, die Grüsse unseres wichtigen Partners, der Universität Basel. Nach einem weiteren musikalischen Intermezzo aus der «GutenbergKantate» von Felix Mendelssohn Bartholdy, dargeboten durch den Männerchor sowie den Kinder- und Jugendchor St. Johann, begleitet durch das Bläserquintett des Kammerorchesters Basel, hören wir die Festansprache von Prof. Dr. Dr. h.c. Helmut Holzhey, emeritierter Professor der Universität Zürich und in verdankenswerter Weise engagierter, aktiver Heraus geber des «Ueberweg, Grundriss der Geschichte der Philosophie». Eines monumentalen Werkes, man rechnet mit rund 40 Bänden, die des grossen Umfangs wegen auch in Halbbände aufgeteilt werden können, und mit einem Gesamtumfang von rund 40 000 Seiten. Rund ein Viertel davon ist bereits erschienen, und zwar im renommierten Verlag … dreimal dürfen Sie raten … Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und dafür, dass Sie uns heute mit Ihrem Kommen die Ehre erweisen. Ich wünsche Ihnen viel Freude am weiteren Programm, freue mich auch auf gute Gespräche beim an schliessenden Apéro und übergebe das Wort Frau Nationalratspräsidentin Maya Graf.
12
Maya Graf Nationalratspräsidentin
Sehr geehrter Herr Bienz Sehr geehrter Herr Regierungspräsident von BL Sehr geehrter Herr Rektor der Universität Basel Geschätzte Mitglieder der Geschäftsleitung Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Sehr geehrte Damen und Herren
Drehen wir das Rad ein halbes Jahrtausend zurück. Wir schreiben das Jahr 1488: – Noch weiss man in Europa nicht, ob die Ozeane zusammenhängen. Der Portugiese Bartolomeu Diaz umsegelt auf der Suche nach einem Seeweg nach Asien als erster Europäer das Kap der Guten Hoffnung. – Der Buchdrucker und Schriftsetzer Johannes Petri erhält von Basel das Bürgerrecht, wird Zünfter bei der Safranzunft und gründet das älteste, heute noch bestehende Druck- und Verlagshaus der Welt, den Schwabe Verlag. Während uns Bartolomeu Diaz mit seiner abenteuerlichen Entdeckungsreise zwar den Horizont erweiterte und zu einem Wegbereiter der Globalisierung wurde, so eröffneten Johannes Gutenbergs Erfindung und die Weiterverbreitung durch Leute wie Schriftsetzer Petri der Menschheit den Zugang zu unserer Galaxis. Durch den Buchdruck wurde die Reproduktion und Verbreitung von Wissen so stark vereinfacht und beschleunigt, dass es innerhalb von kurzer Zeit zumindest in Europa zu grundlegenden gesellschaftspolitischen Veränderungen kam. Auch der Schwabe Verlag trug in den vergangenen 525 Jahren dazu bei, dass wir die Galaxien erforschen können: Sie entdeckten interessante Autorinnen und Autoren für uns, machten Wissen einem breiten Publikum 15
zugänglich … Dafür möchte ich Ihnen herzlich danken – auch im Namen des Eidgenössischen Parlaments. Die Welt ist dank Gutenbergs beweglicher Lettern eine komplett andere als 1488: Gewaltige gesellschaftliche, kulturelle, wissenschaftliche und soziale Entwicklungen haben stattgefunden. Und für mich als Politikerin ist klar: Ohne Buchdruck gäbe es auch keine Demokratie. Meine Damen und Herren Die aktuellste Medienrevolution löste das Internet aus. Es wurde damit quasi zum Nachfolger Gutenbergs. Das Internet verändert das Leben in allen Bereichen – auch wenn wir uns wohl noch für gewisse Zeit in einer Übergangsphase befinden, zwischen der Gutenberg-Galaxis und einer Welt, die von einer neuen Denkweise geprägt sein wird. Am deutlichsten, so meine ich, zeigen sich die Folgen in den veränderten Machtverhältnissen durch die Demokratisierung der Massenkommunikation. Buchdruck, Zeitung, Radio oder TV funktionierten bisher nach dem Prinzip, dass eine Minderheit eine grosse Mehrheit von Konsumentinnen und Konsumenten mit Inhalt versorgt. Das Internet ist das erste Medium, das dieses Prinzip durchbricht. Heute könnte jeder Mensch sein Buch selbst verlegen und vertreiben. Und jeder ist potentiell in der Lage, ein Meinungsführer oder eine Meinungsführerin zu werden, eine Debatte loszutreten, zu beeinflussen, zu bereichern oder zu verändern. Die «Medienrevolution» prägt natürlich die Politik. Das Eidgenössische Parlament ist seit Herbst 1995 online. Seither wurden, wie überall auf der Welt, die elektronischen Dienstleistungen ausgebaut und professiona lisiert. Das Schweizer Parlament als Institution ist auf Twitter und Facebook präsent, wo zum Beispiel Kommissionsentscheide und Medienkonferenzen kommuniziert werden. Eine Interaktion mit den Nutzern findet aber nicht statt. Eine Reihe meiner Ratskolleginnen und -kollegen pflegen ihre eigenen Accounts, ich gehöre nicht dazu. Ein weiteres Stichwort ist «open data»: Die wichtigsten Daten der parlamentarischen Arbeit sind über eine offene und maschinenlesbare Schnittstelle zugänglich. Und als jüngste Entwicklung kam 16
vor wenigen Wochen eine mobile Website hinzu. Ich gehe aber nicht davon aus, dass der Gesetzgebungsprozess an sich durch die neuen Technologien wesentlich beschleunigt wird: Verfahren haben, wie Sie alle wissen, ihre ganz eigenen Gesetzmässigkeiten und Tempi. Wir werden nicht schneller denken können. Und wir werden Vorlagen trotz vieler praktischer elektronischer Hilfsmittel auch nicht weniger ausführlich beraten oder diskutieren. Meine Damen und Herren Ausgelöst durch den Arabischen Frühling, bei dem die sozialen Netzwerke eine wichtige Rolle spielten, wird dem Internet eine «demokratisierende» Wirkung zugeschrieben. Ich spreche lieber von einer «mobilisierenden» Wirkung. Soziale Medien sind keine öffentlichen Infrastrukturen, und man darf sich fragen, wie demokratisch legitimiert sie sind. Denn es sind ja die Anbieter der Plattformen, die die Regeln aufstellen, und nicht deren Nutzerinnen und Nutzer. Und es ist dabei auch viel Geld im Spiel und wirtschaftliche Vormachtstellung. Die öffentlichen Diskussionen stehen hier erst am Anfang. Vor uns steht nicht mehr eine Galaxie, sondern vermutlich ein Universum. Es gilt, schwierige Fragen zu klären: Was müssen wir tun, damit die Zweiklassengesellschaft – die mit und die ohne Internetanschluss oder diejenigen mit weniger und mehr Bedienungskompetenzen – nicht noch mehr auseinanderdriftet? Wer kann digitale Informationen und Inhalte abrufen? Wer verteilt, filtert oder zensiert gar den Zugang? Wie sieht es mit ethischen Richtlinien in diesem ganzen Bereich aus? Wer schützt uns vor der Überwachung durch Geheimdienste? Und natürlich stellt sich auch die Frage der Ressourcen, der Energie und der Nachhaltigkeit, wenn wir an die immense Energie denken, die nur schon für die immer grösseren Datenspeicher und Datenverarbeiter rund um den Globus aufgewendet werden müssen. Meine Damen und Herren In der Politik wird eine entscheidende Veränderung auf uns zukommen, wenn es möglich sein wird, politische Rechte über elektronische Verfahren 17
wahrzunehmen. Für die Schweiz mit ihrer direkten Demokratie und den vielen Abstimmungen kann das e-Voting neue Chancen eröffnen. Die politischen Partizipationsmöglichkeiten müssen Schritt halten mit sich ändernden Lebensgewohnheiten der Bürgerinnen und Bürger. Welche Folgen das e-Voting letztlich für die parlamentarische Arbeit hat, bleibt abzuwarten. Unwahrscheinlich scheint mir, dass Politik dereinst nur noch virtuell im Cyberspace gemacht wird. Politik lebt von den direkten Kontakten, von den Debatten und vor allem von den Menschen, die dahinter stehen. Dasselbe gilt auch beim Erstellen, Aufbereiten und Verbreiten von Inhalten: Auch hier braucht es den direkten Austausch und die Menschen, die sich dafür engagieren, Publikationen die angemessene Form zu ver leihen. Menschen, die dafür Sorge tragen, dass Wissen nicht in Beliebigkeit versinkt oder in der allgegenwärtigen Informationsflut untergeht. Ob Bücher in Zukunft gedruckt oder elektronisch erscheinen – die Qualität des Vermittelten ist entscheidend! Hierin liegen die Aufgaben und auch die Zukunft des Verlagswesens. «Wohin sich das Buch entwickelt, hängt aber auch in starkem Mass davon ab, wie eine Gesellschaft die Kreativen und Künstler und Künstlerinnen achtet, behandelt und fördert»: Dieser Aussage der deutschen Publizistin Petra van Cronenburg kann ich mich nur anschliessen. Dass der Schwabe Verlag diese fünf Jahrhunderte überdauern konnte, beeindruckt mich sehr. Das ist eine ausserordentliche Leistung. Kein anderes Druck- und Verlagshaus der Welt vollbrachte dies. Herzlichen Glückwunsch zu diesem Jubiläum! In diesem Sinne wünsche ich dem Schwabe Verlag noch viele weitere erfolgreiche Jahre und Publikationen im Dienste der Wissensvermittlung. Und vergessen Sie nie, Ihre Arbeit ist wichtig für eine funktionierende Demokratie. Vielen Dank!
[Quellen: Reihe «Aus Politik und Zeitgeschehen»: «Die Zukunft des Publizierens» (41–42/2012) sowie «Digitale Demokratie» (7/2012).]
18