Begegnungen mit Personen aus anderen Welten sind weit verbreitet und für die Betroffenen meistens positiv und bedeutsam. Sie werden aber immer noch pathologisiert oder dämonisiert. Aufbauend auf einer sorgfältigen Definition des Begegnungsbegriffs bietet das Buch eine umfassende wissenschaftliche Phänomenologie transzendenter Begegnungen und eine grundlegende Kritik gängiger wissenschaftlich und religiös motivierter Abwertungen dieser Erfahrungsform. Aus der Analyse der Erfahrungsberichte gewinnt der Autor Ansätze für ein neues Verständnis von Person, von Wahrnehmung und Halluzination und von Körperlichkeit.
Heiner Schwenke, geb. 1961, Dr. rer. nat. Dr. phil., ist Philosoph und Naturwissenschaftler. Seine Forschungsschwerpunkte sind Philosophie mystischer Erfahrungen, Personalismus sowie Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie.
I S B N 978-3-7965-3259-7
Schwabe Verlag Basel www.schwabeverlag.ch
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783796 532597
Schwenke Transzendente Begegnungen
Schwabe Mystica I
UG_Mystica_Band_1_Layout 1 27.01.14 09:29 Seite 1
Heiner Schwenke
Transzendente Begegnungen Phänomenologie und Metakritik
Schwabe Mystica
Schwabe Mystica I
HERAUSGEGEBEN VON MICHAEL BANGERT UND HEINER SCHWENKE
SCHWABE VERLAG BASEL
HEINER SCHWENKE
TRANSZENDENTE BEGEGNUNGEN PHÄNOMENOLOGIE UND METAKRITIK
SCHWABE VERLAG BASEL
Gedruckt mit freundlicher Unterstützung der Berta Hess-Cohn Stiftung, Basel Copyright @ 2014 Schwabe AG, Verlag, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Lektorat: Barbara Handwerker Küchenhoff, Schwabe Umschlaggestaltung: Lukas Hartmann, hartmann bopp, Basel Layout: Thomas Lutz, Schwabe: Gesamtherstellung: Schwabe AG, Muttenz/Basel, Schweiz Printed in Switzerland ISBN Print Ausgabe 978-3-7965-3259-7 ISBN E-Book 978-3-7965-3260-3
rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch
FĂźr Elisabeth und Hans Joachim Schwenke
Inhaltsverzeichnis
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Ein Stern über Tartu
16 Einleitung
ER STES K A PITEL
19 Was sind transzendente Begegnungen? Begegnungen 20. – Transzendente Begegnungen 21. – Abgrenzung von Erscheinungen 21. – Abgrenzung von nichtphysischen Wahrnehmungen 22. – Abgrenzung von Nachtodkommunikation, Nachtodkontakt und Nachtodbegegnung 23. – Abgrenzung von mittelbaren Kontakten 26. – Verbreitung 26. – Quellen 27. – Auswahl und Wiedergabe der Berichte 31.
Z W EITES K A PITEL
33 Wer begegnet sich in transzendenten Begegnungen? 34 Die irdische Seite Menschen 34. – Insbesondere Kinder 35. – Nichtmenschliche Tiere 42.
52 Die transzendente Seite 52
Verstorbene irdische Lebewesen Verstorbene Menschen 52. – Verstorbene nichtmenschliche Tiere 52. – Unbekannte transzendente nichtmenschliche Tiere 55. – Nachprüfbare Aspekte 57.
58 Engel Polymorphie der Engel 58. – Hilfe und Trost ohne Wahrnehmung einer Person 58. – Hilfreiche unbekannte menschliche Personen 59. – Hilfreiche unbekannte menschliche Personen mit transzendenten Merkmalen 60. – Hilfreiche unbekannte nichtmenschliche Tiere mit transzendenten Merkmalen 62. – Übermenschliche Lichtwesen 63. – Engelbegegnungen in Nah toderfahrungen 65. – Unbestimmtheit der Engel und Bevorzugung der Engeldeutung 67. – Weitere Beispiele der Angelisierung transzendenter Kontakte 67. – Humanisierung der Engel 69.
70 Naturgeister Begegnung mit einem Faun 71. – Kindliche Erfahrung mit einem Zwerg 72. – Unscharfe Abgrenzung der Naturgeister von anderen transzendenten Wesen 72.
8
Inhaltsverzeichnis
73 Götter Wenig Material zu Begegnungen mit Göttern 73. – Eine Begegnung mit Pan 73. – Ehrfurcht verhindert eine Begegnung 74. – Fließende Grenzen zwischen Göttern und Menschen 75.
75
Dämonen und Teufel
75
Machtvolle (Licht-)Wesen in Nahtoderfahrungen
76 Gott Begegnung mit einem absoluten Gott? 76. – Gottesbegegnung bei Gerda Walther 77. – Nahtoderlebnisse: Auflösung der menschlichen Person in Gott? 78.
DR IT TES K A PITEL
81 Wie finden transzendente Begegnungen statt? 83
Begegnungen im Wachzustand
83
Ohne sinnliche Eindrücke
87 Gedankengespräche 88
Mit Hörerlebnis
91
Mit Berührungen
93
Mit Geruchserleben
95
Mit Veränderungen des Körpergefühls (kinästhetische Erfahrungen)
96
Mit visuellem Erleben Visuelle Kommunikation durch Bilder und Symbole 96. – Visuelle jenseitige Wahrnehmungen der transzendenten Person 96. – Diesseitige visuelle Wahrnehmungen der transzendenten Person 97. – Reines Licht oder Gesichter im Licht 98. – Energie-Körper 101. – Durchscheinende, fest umrissene Gestalten 103. – Intransparente, lebensechte Gestalten 104. – Das Licht nimmt Gestalt an 106. – Licht und seelischer Zustand 107.
108 Multisensorische Begegnungen 111 Begegnungen im Halbschlaf Schwierige Abgrenzung zum Wachzustand 111. – Völliges Erwachen beendet das Erlebnis nicht immer 111.
113 Begegnungen im Schlaf Unterschiede zu normalen Träumen 114. – Das Einbrechen in normale Träume 115. – Transzendente Begegnungen im Schlaf sind in der Regel multisensorisch 117. – Die Ähnlichkeit von Traumerscheinungen mit multisensorischen Erscheinungen im Wachzustand 118. – Physische Nachwirkungen des Traumes nach dem Aufwachen 119. – Träume als Jenseitsreise 120. – Bewusstseinserweiterung im Traum? 121.
Inhaltsverzeichnis
9
122 Begegnungen während einer Nahtoderfahrung Kollektive Nahtoderfahrungen 126. – Nahtoderfahrungen von Kindern 127. – Transzendente Begegnungen bei außerkörperlichen Erfahrungen ohne Todesnähe 128. – Miterleben des Sterbens von anderen (shared death experiences) 130.
132 Begegnungen im Rahmen von Sterbebettvisionen 136 .Begegnungen unter der Mitwirkung von Materialisationsmedien 141 Verwandte Erfahrungen
141 Begegnungen mit irdischen Personen außerhalb ihres physischen Körpers Erscheinungen irdischer Personen 141. – Reduziertes Bewusstsein 142. – Der Wilmot-Fall: Begegnung mit Zeugen 144. – Don Bosco besucht Don Branda in Barcelona 145.
148 Wahrnehmung von Gedankenformen Wahrnehmbare, mental erzeugte Gebilde 148. – Erzeugung von Gedankenformen in einer Nahtoderfahrung 148. – Gedankenformen im tibetischen Buddhismus 149.
1 50 Gespenstererscheinungen und transzendente Begegnungen: Hypopräsenz vs. Hyperpräsenz Personale Hypopräsenz bei ortsgebundenen Erscheinungen Verstorbener 150. – Materiell wirkende, geistesabwesende Erscheinungen Verstorbener kurz nach ihrem Tod 151. – Ähnlichkeit mit Erscheinungen irdischer Personen 152. – Materiell wirkende Erscheinungen Verstorbener mit Anzeichen von Bewusstsein 153. – Korrelieren Materialität und personale Hypopräsenz von Erscheinungen? 154.
V IERTES K A PITEL
157 Umstände und Wirkungen transzendenter Begegnungen 158 Umstände Unabhängigkeit von äußeren Umständen 158. – Erwartung eher hinderlich 158. – Überwiegende Zahl der Begegnungen nicht im Zustand der Trauer 159. – Bewusstseinszustand 159.
160 Wirkungen Intensität trotz Kürze 160. – Starke, nachhaltige biographische Wirkungen 161. – Trost, Frieden und Glück 161. – Versöhnung 162. – Warnungen 163. – Bewahrung vor Suizid 163. – Beistand am Sterbebett 164. – Verringerung der Furcht vor dem Tod und Gewissheit eines Lebens nach dem Tod 164. – Inspiration 165. – Wenig negative Wirkungen 165. – Wirkungen von Nahtoderfahrungen als Paradigma 166.
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Inhaltsverzeichnis FÜ NFTES K A PITEL
1 69 Wissenschaftlich motivierte Kritik an transzendenten Begegnungen
170 Einleitung 170 Widersprechen transzendente Begegnungen der Wissenschaft? 171 Neurowissenschaften: Bewusstsein ist an ein Gehirn gekoppelt Die Kopplungsthese 171. – Transzendente Personen haben kein (physisches) Gehirn 171. – Transzendente Begegnungen im Koma unmöglich 172. – Transzendente Personen können uns nicht erreichen 172.
172 Kritik an der Wissenschaftlichkeit der Kopplungsthese Bewusstsein ist kein Gegenstand der Wissenschaft 172. – Epistemische Asymmetrie hinsichtlich Bewusstsein 173. – Die Unmittelbarkeit des Wissens vom eigenen aktuellen Bewusstsein 174. – Wissenschaft kann Bewusstsein im Koma nicht widerlegen 175. – Die These der Abgeschlossenheit des physikalischen Universums ist wissenschaftlich nicht prüfbar und mit wissenschaftlichem Handeln unvereinbar 177. – Widerspruch einer Erfahrung zur Wissenschaft nicht nachweisbar 178.
179 Sollte man nicht an transzendente Begegnungen glauben,
weil sie wissenschaftlich nicht bewiesen sind?
179 Szientismus: Man soll an nichts glauben, was nicht wissenschaftlich bewiesen ist 180 Der Szientismus führt zur Unmöglichkeit von Wissenschaft Voraussetzungen eines wissenschaftlichen Nachweises 180. – Nichtwissenschaftliches Wissen als externe Bedingung der Wissenschaft 181. – Nichtwissenschaftliches Wissen innerhalb der Wissenschaft 182. – Ohne nichtwissenschaftliches Wissen sind wissenschaftliche Unter suchungen unmöglich 182. – Ohne nichtwissenschaftliches Wissen würden wissenschaftliche Diskurse blockiert 182. – Naturalisierung von Bewusstsein zerstört die Wissenschaft 183.
184 Man dürfte nicht mehr an irdische Personen und an diese Welt glauben Die Existenz von irdischen Personen kann wissenschaftlich nicht nachgewiesen werden, weil sie eine Bedingung der Möglichkeit von Wissenschaft ist 184. – Wegen der wissenschaftlichen Unerreichbarkeit von Bewusstsein dürfte man nicht an die Existenz von irdischen Personen glauben 185. – Das notwendige Scheitern einer beweisorientierten ‘Survival-Forschung’ 185. – Der Personifikationsvorwurf trifft auch irdische Personen 186. – Man dürfte nicht mehr an die Existenz dieser Welt glauben 186.
187 Berichte über Untersuchungsergebnisse als nicht prüfbare Anekdoten Der Wächter-Regress 187. – Bolzanos Baum, oder: Was geschah wirklich in Labor X? 187. – Reproduzierbarkeit und Existenz 188. – «Anekdoten sind die Beobachtungen anderer» 190.
192 Die Pathologisierung transzendenter Begegnungen
Inhaltsverzeichnis
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192 Einleitung Anfänge der Pathologisierung 192. – Pathologisierungsmanie im 19. Jahrhundert 193. – Ethnopsychologie 194. – Pathologisierung ganzer Bevölkerungsteile? 195. – Spezifische neurophysiologische Funktionsstörung 195.
196 Die unmittelbare Begegnung als Ich-Störung Die Unmittelbarkeit von Begegnungen 196. – Die Unmöglichkeit unmittelbarer Begegnungen in der Psychopathologie 196. – Psychopathologische Diagnose: Störung der Abgrenzung von innerer und äußerer Welt und der Selbst-Fremd-Differenzierung 197.
198 Kritik der Pathologisierung unmittelbarer Begegnungen Das ‘Homo-clausus-Modell’ als Basis der Pathologisierung unmittelbarer Begegnungen 198. – Allgemeine erkenntnistheoretische Kritik des Homo-clausus-Modells 199. – Ein (zwei) Ich zuviel? Transzendente Personen als Ich-Illusion der rechten Hirnhälfte? 204. – Kritik an der Illusionstheorie des Ich 205. – Jedes Du eine Illusion? 206.
206 Wahrnehmungen transzendenter Personen als Halluzination
Psychiatrisch-neurologische Halluzinationsdefinitionen und -erklärungen 206 Wahrnehmung ohne Objekt 206. – Fehlender Reiz der physischen Sinne 207. – Wahrnehmung des Psychiaters als Kriterium der Objektivität 208. – Nur Wacherlebnisse 208. – Externalisierung (Projektion) innerer Reize 210. – Ursache der Projektion: Störung der Selbst-Fremd-Differenzierung 210.
Transzendente Wahrnehmungen als Halluzination 211 Materialismus: Transzendente Personen kann es nicht geben 211. – Materialistische Wahrnehmungstheorie 211. – Materialisierung transzendenter Personen? 211.
Pathologisierung der Wahrnehmung transzendenter Personen 212 Epilepsie 213. – Schizophrenie 214. – Abhängigkeit der Diagnose vom Glauben an die Realität des Wahrgenommenen 215. – Schizotypie 215. – Nichtpathologische Trauerhallu zinationen 216. – Nichtpathologische Funktionsstörung des Gehirns 216.
216 Kritik der Halluzinationstheorie Kritik der materialistischen Grundannahme 216. – Universelle Es-gibt-Sätze sind nicht falsifi zierbar 217. – Kollektive Wahrnehmungen transzendenter Personen 217. – Transzendente Begegnungen von nichtmenschlichen Tieren 218. – Verifizierbare Details im Zusammenhang mit nichtphysischen Wahrnehmungen 218. – Wahrnehmung von Zahlen 220. – Repräsentationstheorie der Erkenntnis als philosophische Wurzel der Halluzinationskonzeption 222. – Die ‘äußere’ Welt als Halluzination 223. – Die Welt als Projektion des Gehirns? 224.
225 Die Repräsentationstheorie der Erkenntnis als philosophischer Kern der Pathologisierung 226 Weitere wissenschaftsorientierte Abwertungen transzendenter
Begegnungen
Erklärung des Glaubens an transzendente Begegnungen 226. – Konstruktivistische Erfahrungs entwertung 228.
229 Verteidigung der epistemischen Hegemonie als Motiv
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Inhaltsverzeichnis
SECHSTES K A PITEL
231
Religiös motivierte Kritik an transzendenten Begegnungen
232 Das Streben nach dem Monopol des Transzendenzkontaktes 236 Strategien zur Erlangung und Erhaltung eines Monopols
auf transzendente Begegnungen
237 Eliminierung und Dämonisierung transzendenter Konkurrenten 237 Artensterben im Himmel Götter 237. – Naturgeister 237. – Tiergeister 238.
238 Der menschenleere Himmel Auslöschung der Ahnen 238. – Seelenschlaf und Ganztod 239. – Theozentrische Ausblendung und Eliminierung jenseitiger Menschen 240. – Partikulärer Monotheismus und Idealismus vs. Panentheismus 242. – Seelenschlaf im Islam 242.
243 Die Dämonisierung der Dämonen Dämonisierung transzendenter Konkurrenten 243. – Dämonen als Mittler des Göttlichen 243. – Identifizierung der Dämonen mit den gefallenen Engeln 245. – Dämonisierung fremder Götter 245.
246 Leugnung der Möglichkeit oder Zuverlässigkeit transzendenter Kontakte 246 «Ein tiefer Abgrund» trennt die Lebenden von den Toten Kontaktunmöglichkeit als Ziel 246. – Räumliche Trennung 247. – Verbliebene Infor mationskanäle 247.
248 Transzendente Begegnungen als gottgewirkte Visionen Engelgewirkte Traumgesichte 248. – Auswirkungen einer Geistesstörung 248. – Das imaginative Erklärungsmodell der Vision 248.
249 Die Täuschungsanfälligkeit der visio imaginativa Teilhabe von Begegnungserlebnissen an der Unzuverlässigkeit von Träumen 249. – Nur visio intellectualis irrtumsfrei 249. – Dämonischer Einfluss auf die visio imaginativa 250.
251 Abschreckung, Kontrolle und Ausgrenzung 251 «Wenn durch jemanden ein Totengeist spricht, dann soll er auf alle Fälle getötet werden» Todesstrafe für Transzendenzkontakte im Alten Testament 251. – Ausstrahlung in die christliche Geschichte 253. – Todesstrafe für transzendente erotische Begegnungen 254. – Erotische Kontakte und Nachkommenschaft mit göttlichen Gestalten 255
Inhaltsverzeichnis
257 «Selbst der Satan verkleidet sich als ein Engel des Lichts» Abschreckung durch Erzeugung von Angst 257. – Undurchschaubarkeit, Allgegenwart und Gefährlichkeit der dämonischen Täuschung 257.
258 Teresa von Ávila muss Jesus «den Stinkefinger zeigen» Entmündigung und Kontrolle 258. – Entfremdung von der eigenen Erfahrung 258.
260 Die Abgeschlossenheit der offiziellen Offenbarung Offizielle Offenbarung als Maßstab 260. – ‘Öffentliche’ vs. ‘private’ Offenbarung 260. – Offenbarungsgehalt transzendenter Begegnungen 261. – Die Überflüssigkeit von ‘Privatoffenbarungen’ 262.
262 «Außerhalb der Kirche keine Mystik» 263 Abwertung natürlicher Zugänge zur Transzendenz Nur wer tot ist, wisse etwas über den Tod 263. – Das Widerspruchsargument 264.
265 Verteidigung der transzendenten Hegemonie als Motiv
SIEBTES K A PITEL
267
Theoriebildung auf der Grundlage der Erfahrungsberichte
268 Theoriebildung als Komplexitätsreduktion 270 Personen mit durchlässigen Grenzen 271 Direkter Realismus und ein neues Halluzinationskonzept 274 Zum Verhältnis von physischer und nichtphysischer Sinnlichkeit 277 Nichtphysische Körperlichkeit 281
Abkürzungen und Siglen
282 Literatur 303 Sachregister 314 Personenregister
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Ein Stern über Tartu Sally, die Frau des Philosophen Gottlob Benjamin Jäsche,1 der an der Kaiser lichen Universität zu Dorpat (Tartu)2 in Estland lehrte, war am siebten Februar 1808 an den Folgen der Geburt des dritten Kindes gestorben. 3 Die Bibliothek der Universität Tartu bewahrt ein unveröffentliches Manuskript mit dem Titel Liebe und Glaube auf, in dem Jäsche eine nachtodliche Begegnung mit seiner Frau schildert: Es war in der ersten Nacht (vom 7ten zum 8ten Febr. [1808]) des Todes Schlummers der verewigten [31v] Gattinn u. Freundinn, als ich die auserordentliche Erscheinung erlebte. […] [32r] In diesem wachen Zustand werde ich plötzlich und unerwartet〈,〉 ohne durch irgend einen Gedanken, ein Gefühl und irgend eine aufgeregte Begierde der Art dazu vorbereitet und gleichsam gestimmt worden zu seyn, [32v] von einem nie zuvor empfundenen, von jeder Anwandlung irgend einer Gespenster Furcht, dergleichen ich mich aus meiner früheren Jugend noch erinnere, himmelweit unterschiedenen Gefühl eines heiligen Schauers ergriffen. Ohne eine Gestalt〈,〉 irgend ein Schattenbild zu erblicken – es war nicht ganz dunkel im Zimmer, obgleich kein Mondlicht es erhellte – oder irgend einen Fuß〈-〉tritt zu hören, empfinde ich die Nähe des Schutz-Geistes der im Leben vor wenigen Stunden erst von mir geschiedenen Geliebten. «Gieb mir deine Hand» – sage ich, mit leiser aber unerschrockener und mit merklich gefühlter Bewegung der Lippen begleiteten Stimme; und in dem Augenblicke fühle ich die Wurzel meiner Rechten – nicht etwa berührt von den Fingern einer körperlichen Hand – nein, nur leise und sanft〈,〉 aber doch merklich angeweht und angehaucht von einem kalten Hauche. Und den Augenblick darauf hört mit einer himmlisch melodischen Stimme mein inneres Ohr die Worte ihm zurufen: «Gute Nacht!».4 – Die Glieder bebten mir von dem fort dauernden heiligen Schauer durchdrungen; – mein ganzes Inneres wurde in seiner Tiefe bewegt. Es war, als ob die wache Seele, der augenblicklich wieder verschwundenen himmlischen Erscheinung gleichsam nachsehend und dem Nachklange ihrer Engels
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2 3
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Gottlob Benjamin Jäsche (1762–1842) habilitierte sich 1799 in Königsberg, gab 1800 die Logik Kants heraus und wurde 1802 ordentlicher Professor der Philosophie in Dorpat (siehe Allgemeine Deutsche Biographie XIII, 1881, 730). Dorpat war der damalige deutsche und schwedische Name der estnischen Stadt Tartu. Jäsche hatte Sally (Sara) Straker aus Newcastle upon Tyne, ein «edles, charaktervolles, gebildetes Weib von reinem Sinne», 1801 in Danzig kennengelernt und 1802 geheiratet (Karl Morgenstern: G. B. Jäsche, 1843, 33). Siehe zu Jäsche und der Ursache von Sallys Tod [Johann Wilhelm von Krause]: Das erste Jahrzehnt der ehemaligen Universität Dorpat, 1902, 384–385. «Gute Nacht» war für Jäsche «Zeichen und LosungsWort des vertrautesten und liebevollsten Einverständnisses unsrer Herzen, wenn wir im Leben mit einem Kusse der Liebe uns Gute Nacht! sagten» (Gottlob Benjamin Jäsche: Liebe und Glaube, 33r).
Ein Stern über Tartu
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Stimme nachgehend, hinter der selben, einen Lichtstrahl aus dunkler Ferne, von einem allda leuchtenden [33r] Sterne der Hoffnung herüber schimmernd, erblickte, der in ihr Inneres sich senkte.5
Dieses kurze, schlichte Erlebnis ist ein typisches Beispiel transzendenter Begegnungen. Obwohl es nur einen geringen sinnlichen Gehalt besitzt, wirkt es sehr tief und nachhaltig. Es spendet nicht nur Trost, sondern scheint auch Jäsches Denken zu beeinflussen.6 Er versucht seinen Kantianismus mit der Echtheit dieses Erlebnisses und der Gewissheit, die es ihm schenkte, in Einklang zu bringen. Es könne «[n]icht bewiesen und im objectiv gültigen Sinne gerechtfertiget [werden] als Wahrheit; aber auch nicht widerlegt als bloßer Schein und als bloße Täuschung».7 Das Erlebnis vermittle vielmehr eine subjective Wahrheit […], die sich […] nicht mittheilen und für Andere geltend machen läßt, weil sie im Princip der Individualität des einzelnen Subjects, seiner eigensten Sinnes- u〈nd〉 Denkart – seiner Empfindungs- u〈nd〉 Handlungsweise – gegründet ist. Aus dieser Quelle der Individualität entsprungen, kann die Wahrheit nur dem eigensten Sinne u〈nd〉 Gefühle erscheinen, und von diesem von der Täuschung und dem leeren Schein unterschieden werden[.]8
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Ebd. 31r–33r (Transkription H.S.). Eingriffe in Wortlaut und Satzzeichenbestand des Originaltextes werden in Winkelklammern 〈 〉 vermerkt, Zusätze wie Seitenangaben in eckigen Klammern [ ]. Die hochgestellten Buchstaben r und v bedeuten Vorderseite (recto) bzw. Rückseite (verso) eines Manuskriptblattes. So Eduard Parhomenko: Himmel als Stimmungsbogen des Denkens über Tartu im Februar 1808 – Kant-Rezeption an der Universität Tartu zu Beginn des 19. Jahrhunderts, Vortrag an der Universität Tartu am 5. Juni 2008. Ein Indiz für den noch unerforschten Wandel in Jäsches Philosophie ist, dass er sich Friedrich Heinrich Jacobi zuwendet, den er früher m assiv kritisiert hatte (siehe dazu [Gottlob Benjamin Jäsche]: Die Philosophie des vernünftelnden Verstandes, 1813, 28–30, 39–42; [ders.]: Ueber reinen Naturalismus und positive insonderheit christliche Religion, 1790, 91–92). Gottlob Benjamin Jäsche: Liebe und Glaube, 75r (Transkription H.S.). Ebd. 75v (Transkription H.S.).
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[Es ist] meine Überzeugung, dass uns eine umfangreiche Kenntnis von Einzelheiten häufig klüger macht als der Besitz abstrakter Formeln, wie tiefgründig sie auch sein mögen[.] (William James)9
Einleitung Die Wissenschaft hat das verbreitete Phänomen der transzendenten Begegnungen bisher weitgehend ignoriert, obwohl es sich um Erfahrungen mit großen und nachhaltigen biographischen Wirkungen handelt. Der Hauptgrund für das Desinteresse an Formen und Wirkungen von Begegnungen mit Personen aus anderen Welten liegt vermutlich darin, dass sie nach der unter Wissenschaftlern herrschenden Meinung unmöglich sind und daher nur Illusionen sein können. Wenn transzendente Begegnungen bisher wissenschaftlich thematisiert wurden, wollte man entweder beweisorientiert die Frage ihrer Realität untersuchen10 oder setzte ihre Irrealität voraus und versuchte zu erklären, wie diese angeblichen Illusionen verursacht werden, ohne das zu erklärende Phänomen näher zu kennen.11 Die Grundlage einer wissenschaftlichen Erforschung dieser Erfahrungsform ist eine umfassende Phänomenologie. Sie fehlt bisher in der wissenschaftlichen Literatur. Deshalb werde ich transzendente Begegnungen nach einer definitorischen Erörterung auf der Basis zahlreicher Erlebnisberichte ausführlich phänomenologisch analysieren: Wer erlebt diese Begegnungen und wie werden sie erlebt? Auch der Frage nach den Umständen und Wirkungen dieser Erfahrungen werde ich nachgehen. Danach werde ich mich mit gängigen Abwertungen dieser Erfahrungsform beschäftigen. Unter Berufung auf die Wissenschaft wird oft angenommen, dass es transzendente Begegnungen nicht geben könne. Deshalb werden diese Erlebnisse als illusionär eingestuft und die betroffenen Personen pathologisiert. Von religiö-
9 William James: The Varieties of Religious Experience, 1902, iii (Übers. H.S.). 10 So schon Henry Sidgwick in seiner Ansprache zur Gründungssitzung der Society for Psychical Research am 17. Juli 1882 (Henry Sidgwick: President’s Address, 1883), worin er sagte, das vorrangige Ziel dieser Gesellschaft sei es, die Frage nach der Realität von Phänomenen wie Gedankenübertragung, Hellsehen oder eben Kontakten zu verstorbenen Personen («spiritualistic phenomena») wissenschaftlich zu beantworten. 11 Siehe dazu S. 192-230.
Einleitung
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ser Seite – ich untersuche vor allem das Christentum – wurden und werden transzendente Begegnungen zwar nicht generell, aber doch sehr häufig als Illu sionen angesehen, die jedoch nicht primär pathologischen, sondern vor allem bösen, teuflischen Ursprungs seien. Pathologisierung und Dämonisierung er folgen sehr häufig gegen die Selbsteinschätzung der Betroffenen, die ihre Erfahrungen als real und wertvoll erleben. In meiner Analyse werde ich zeigen, dass sich transzendente Begegnungen – wie alle Erlebnisse – dem direkten Zugriff der Wissenschaft entziehen. Wissenschaft kann ihre Realität nicht prüfen. Der beweisorientierte Ansatz ist verfehlt. Er ist auch keine komplementäre Ergänzung der erlebnisorientierten Forschung,12 sondern überhaupt nicht gangbar.13 Die Pathologisierung und anti-aufklärerische epistemische Entmündigung der Betroffenen ist daher wissenschaftlich nicht zu rechtfertigen. Die religiös motivierte Tendenz, transzendente Begegnungen abzuwerten, scheint hingegen vor allem dem Ziel zu dienen, ein Monopol der eigenen Religion auf den Zugang zur Transzendenz zu etablieren und aufrechtzuerhalten. Ich selbst enthalte mich in dieser Studie einer Einschätzung der Realität und des Wertes transzendenter Begegnungen und überlasse sie den Betroffenen, die dafür in der besten Position zu sein scheinen. Da das Phänomen transzendenter Begegnungen noch zu wenig erforscht ist, um eine Gesamtdeutung zu versuchen, werde ich im abschließenden Kapitel nur einige Aspekte beleuchten. Dabei klammere ich die Realitätsfrage aus und diskutiere ex suppositione,14 welche philosophischen Konzepte am besten zu den herausgegriffenen Erfahrungsmomenten passen: (1) Viele der berichteten Erfahrungen passen nicht zum traditionellen philosophischen und psychologischen Personmodell, das eine strenge Trennung der Erlebenswelten postuliert. Die Erlebnisberichte verlangen nach einem Konzept, das eine zeitweilige Überlappung der Erlebenswelten verschiedener Individuen erlaubt. (2) Die Unmittelbarkeit transzendenter (und irdischer) Begegnungen ist mit dem erkenntnistheoretischen Repräsentationalismus unvereinbar. Sie fordert vielmehr einen direkten Realismus, auf dessen Grundlage ich auch einen neuen Halluzinationsbegriff vorschlage. (3) Die Erfahrung der Intensivierung der Sinnlichkeit transzendenter Begegnungen bei abnehmender Funktionsfähigkeit der physischen Sinne legt die Annahme 12 Siehe dazu Fiona Steinkamp: Experimentieren oder Erleben?, 1997, und die dort angeführte Literatur. 13 In einer früheren Arbeit habe ich die Unmöglichkeit beweisorientierter Forschung bereits für das Phänomen der sogenannten außersinnlichen Wahrnehmung dargelegt (siehe Heiner Schwenke: Außersinnliche Wahrnehmung als Erleben, 2012). 14 Zu Argumenten ex suppositione siehe Alec Fisher: Suppositions in Argumentation, 1989.
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Einleitung
eines ständig präsenten, nichtphysischen Wahrnehmungsvermögens nahe. (4) Das nichtphysische Wahrnehmungs- und Denkvermögen scheint nach den Erfahrungsberichten tendenziell mit einem nichtphysischen Körper verbunden zu sein. Diesen nichtphysischen Körper bemerken irdische Personen bei außerkörper lichen Erfahrungen bei sich selbst. Er scheint von ähnlicher Art zu sein wie die Körper der begegnenden transzendenten Personen.
ER ST E S K A PI T EL
Was sind transzendente Begegnungen?
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Was sind transzendente Begegnungen?
Begegnungen. – Unter ‘Begegnung’ verstehe ich eine wechselseitige, bewusst erlebte und unmittelbare Verbindung zweier oder mehrerer Personen. Das Merkmal der Wechselseitigkeit (Reziprozität) bedeutet: Wenn ich jemandem begegne, dann begegnet dieser Jemand auch mir. Andere alltägliche Beispiele von Wechselseitigkeit sind ‘befreundet sein’ oder ‘verheiratet sein’. Wenn ich mit jemandem befreundet oder verheiratet bin, dann ist dieser Jemand auch mit mir befreundet bzw. ver heiratet. Jede Begegnung trägt das Merkmal der Wechselseitigkeit. Einseitige Wahrnehmungen anderer Personen sind keine Begegnungen. Wenn ich jemanden auf einer Theaterbühne sehe, im Nachbarhaus Klavier spielen höre oder im Gedränge spüre, dann nehme ich zwar jemanden wahr, aber ich begegne ihm nicht. Erforderlich ist, dass auch der Andere meine Gegenwart bewusst erlebt. Aber auch das gegenseitige bewusste Erleben des Anderen reicht noch nicht aus. Es muss eine reale, lebendige Verbindung zwischen beiden zustande kommen. Wenn sie sich gegenseitig aus der Ferne wahrnähmen und jeder für sich lediglich die Anwesenheit des anderen konstatierte, dann würden wir nicht von Begegnung sprechen. Die Verbindung in einer Begegnung, wie ich sie verstehe, ist außerdem unmittelbar. Das Du wird nicht aus Anzeichen erschlossen, sondern direkt erlebt. In dieser Hinsicht deckt sich mein Begegnungsbegriff mit demjenigen Martin Bubers, wie er ihn in Ich und Du entwickelt. Auch bei Buber ist die Beziehung zum Du, die sich in der Begegnung ereignet, «unmittelbar»: «Nur wo alles Mittel zerfallen ist, geschieht Begegnung.» Zwischen dem Ich und Du gebe es dann keine Grenze; «keine Begrifflichkeit, kein Vorwissen und keine Phantasie» stehe zwischen ihnen.1 Mit dem Unmittelbarkeitskriterium kann man Begegnungen leicht von mittelbaren Kontakten abgrenzen. Wenn ich von jemandem einen Brief, eine Nachricht auf einem Anrufbeantworter oder eine Mitteilung durch eine dritte Person erhalte, dann ist das keine Begegnung mit dieser Person, sondern ein mittelbarer Kontakt. Erst recht stellt die bloße Erlangung von Informationen über eine Person – beispielsweise durch das Lesen einer Biographie – nur ein mittelbares Verhältnis zu ihr dar. Selbstverständlich kann die so bestimmte Begegnung wie alle anderen Begriffe, die sich auf reale Dinge oder Vorgänge beziehen, nur ein Idealtyp mit unscharfen Rändern sein.2 Wenn das Begegnungserlebnis sehr schwach ist, kann die 1
2
Martin Buber: Ich und Du [1927], 1979, 18–19. Dass dieser Begegnungsbegriff nicht leer ist, sieht man deutlichsten an Berichten über nichtsinnliche transzendente Begegnungen. Siehe dazu S. 83–87 und 196 Fn. 84. Siehe zu Begriffen als Prototypen Eleanor Rosch: Principles of Categorization, 1978; John R. Taylor: Prototype Semantics, 2006. In Bezug auf mathematisch-logische Gegenstände können hingegen grenzscharfe Begriffe gebildet werden, bei denen eindeutig ent-