Homöopathen versprechen uns eine «Medizin der Zukunft», Anthroposophen eine «Erweiterung der naturwissenschaftlichen Medizin», Hirnforscher ein «neues Menschenbild», Neurophilosophen eine «neue Art von Ethik». Diese Prophezeiungen scheinen wissenschaftlich begründet zu sein. Ist dies tatsächlich der Fall? Wenn nicht, wie können wir Wissen von Halbwissen, förderungswürdige von dubiosen Programmen unterscheiden? Und welche Rolle können in diesem Zusammenhang philosophische Überlegungen spielen? Diese Fragen werden anhand von zwei Debatten behandelt, die für die Gegenwart exemplarisch sind. In der einen Fallstudie geht es um die Homöopathie und ihren quantenphysikalisch begründeten Anspruch, Arzneitherapie der Zukunft zu sein; in der anderen Fallstudie um ein neues, hirnforschungsgestütztes Menschenbild. Die Gegenüberstellung dieser beiden Debatten macht sichtbar: Das Fehlen jeglicher Reflexion auf die Grenzen der Wissenschaft ist nicht nur ein Schritt zurück hinter die wissenschaftstheoretischen Leistungen der Moderne. Vielmehr bedroht die Ausbreitung esoterischer und naturalistischer Konzepte, etwa an öffentlichen Spitälern, Schulen, Kindergärten oder auch in der Strafrechtspolitik, unsere von der Aufklärung freigekämpften Spiel- und Handlungsräume. Michael Rüegg, geb. 1969, studierte Philosophie, Religionswissenschaft und Osteuropäische Geschichte in Zürich. Mit der vorliegenden Arbeit promovierte er 2013 im Fach Philosophie an der Universität Zürich.
I S B N 978-3-7965-3257-3
Schwabe Verlag Basel www.schwabeverlag.ch
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783796 532573
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ZÜRCHER ARBEITEN ZUR PHILOSOPHIE
Michael Rüegg
An den Grenzlinien der Wissenschaft Zur Kritik fataler Zukunftsversprechen von Ganzheitsmedizin und Hirnforschung
Rüegg
ZÜRCHER ARBEITEN ZUR PHILOSOPHIE
Grenzlinien
UG_ZaPh_Band_03_Layout 1 23.06.14 09:28 Seite 1
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ZÜRCHER ARBEITEN ZUR PHILOSOPHIE 3
HERAUSGEGEBEN VON WOLFGANG ROTHER, K ATIA SAPORITI, PETER SCHABER UND PETER SCHULTHESS
SCH WA BE V ER L AG BA SEL
MICHAEL RÜEGG
A N DEN GR ENZ LI NIEN DER WISSENSCH A F T ZUR KRITIK FATALER ZUKUNFTSVERSPRECHEN VON GANZHEITSMEDIZIN UND HIRNFORSCHUNG
SCH WA BE V ER L AG BA SEL
Publiziert mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung. Die vorliegende Arbeit wurde von der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich im Frühjahrssemester 2013 auf Antrag von Prof. em. Dr. Georg Kohler und Prof. em. Dr. med. Daniel Hell als Dissertation angenommen.
Copyright © 2014 Schwabe AG, Verlag, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Gesamtherstellung: Schwabe AG, Druckerei, Muttenz/Basel Printed in Switzerland ISBN Print Ausgabe 978-3-7965-3257-3 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-3258-0 rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch
Meinen Eltern
Was krumm ist, kann man nicht gerade biegen; was nicht da ist, kann man nicht zählen. Koh 1,15
Inhalt Vorwort ................................................................................................................. 11 Einleitung Postmoderne Gesellschaften: Kant als Maßstab? .......................................... 21 Erster Teil: Esoterischer Szientismus Homöopathie und Quantenphysik: Arzneitherapie der Zukunft? .............. 59 1. Anspruch auf Wissenschaftlichkeit: von Hahnemann bis Sloterdijk ..... 63 2. Methodische Probleme: das Verfahren der Potenzierung ........................ 83 3. Weltanschauliche Verstrickung: ein vormodernes M edizinkonzept ....... 95 4. Ausbreitung der Esoterik: anti-liberale G anzheitsmediziner ................... 113 Zweiter Teil: Naturalistischer Szientismus Hirnforschung und Menschenbild: Abschied vom Homo sapiens? ........... 127 1. Anspruch auf Leitwissenschaft: ein revolutionäres Manifest .................. 131 2. Methodische Probleme: bildgebende Verfahren ........................................ 149 3. Weltanschauliche Verstrickung: eine vormoderne A nthropologie .......... 163 4. Ausbreitung des Naturalismus: anti-liberale S ozialingenieure ................. 187 Schluss Grenzen der Verwissenschaftlichung: Platon-Wittgenstein-Paradox ......... 215 Literatur ................................................................................................................ 243 Personenregister .................................................................................................. 257
Vorwort Wir leben in einer Zeit, in der es normal geworden ist, auf Wissenschaftler zu treffen, die eine Gesamtschau des Menschen propagieren, und auf Esoteriker, die sich mit der Quantenphysik rechtfertigen. Damit sind schon die zwei wichtigsten Spielarten von wissenschaftlichem Aberglauben benannt. Die eine Variante bezeichne ich als naturalistischen, die andere als esoterischen Szientismus. Auch wenn es wichtige Unterschiede gibt, die uns später noch beschäftigen werden, gibt es auffällige Übereinstimmungen. So setzen sich Protagonisten beider Richtungen als wissenschaftliche Vorkämpfer in Szene und verbinden mit ihrem behaupteten Know-how große, ja revolutionäre Hoffnungen für unser Leben und Zusammenleben, etwa das neurowissenschaftlich begründete Ende traditioneller Moralvorstellungen oder die ganzheitliche Überwindung des vermeintlich materialistischen Zeitalters. Auf diese Prophezeiungen möchte ich in den folgenden Untersuchungen mit zwei Thesen antworten, wobei ich meine, dass vor allem die zweite These in den einschlägigen Debatten bislang zu wenig Beachtung findet und deshalb in meiner Arbeit zwar nicht dem Umfang, aber der Bedeutung nach vorrangig ist. Die erste These lautet: Forscher, die über die Grenzen unseres Wissens hinwegsehen und ihre eigene Weltanschauung als Wissenschaft ausgeben, haben einen vormodernen Denkstil. Die andere: Diese Ignoranz ist von allgemeinem Interesse, denn die Ausbreitung vormoderner Konzepte in öffentlichen Einrichtungen wie Spitälern, Schulen, Kindergärten oder auch in der Rechtsprechung hat Folgen für Bereiche unserer persönlichen Freiheit. Was die erste These anbelangt möchte ich, um Missverständnisse zu vermeiden, vorausschicken, dass es mir primär nicht um inhaltliche Auseinandersetzungen mit wissenschaftlichen oder weltanschaulichen Fragen geht. Im Vordergrund steht der Versuch, die zwei Fragetypen sorgfältig auseinanderzuhalten. Diese Kunst der Unterscheidung hat in der Philosophie Tradition. Ich erwähne hier nur drei besonders wirkmächtige Grenzziehungen. Die
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Vorwort
erste begegnet uns bei Platons Sokrates, der Wissen vom Meinen abgrenzt. Die zweite finden wir bei Thomas von Aquin, der die menschliche Vernunft und die göttliche Offenbarung als je eigenständige Erkenntnisquelle anerkennt, wobei letztere im Zweifelsfall Vorrang genießt. Die dritte, und für die folgenden Untersuchungen an den Grenzlinien der Wissenschaft wichtigste, stammt von Immanuel Kant. Er unterscheidet streng zwischen Fragen des empirischen Wissens einerseits und Fragen des Glaubens andererseits. Seine Besinnung auf die Grenzen unseres Erkenntnisvermögens markiert, wie Otfried Höffe im Untertitel seines Buches Kants Kritik der reinen Vernunft bemerkt, die Grundlegung der modernen Philosophie. Für Kant ist nun auch nicht mehr die Offenbarung, sondern die menschliche Vernunft das Vorrangige. Die herausragende Bedeutung Kants für die moderne Philosophie ist unbestritten. Ob der Deutsche Idealismus, die Phänomenologie, der amerikanische Pragmatismus, der Existenzialismus, die philosophische Hermeneutik oder die Kritische Theorie, um nur einige wichtige Strömungen des 19. und 20. Jahrhunderts zu nennen, sie alle sind nur denkbar in der Auseinandersetzung mit der Kantischen Philosophie. Mit gewissen Einschränkungen gilt das auch für die Analytische Philosophie und ihre Ableger. Kant selbst hat aber schon gesehen, dass die Besinnung auf die Grenzen unseres Wissens eine Sisyphos-Aufgabe ist, zu übermächtig ist der Hang des Menschen, seine Fähigkeiten maßlos zu überschätzen, zu mühselig die Aufgabe, sich selbst zu disziplinieren. Das Problem des Szientismus ist also weder neu noch originell, sondern ein ständiges Begleitphänomen der modernen Wissenschaften. Auf der einen Seite erleichtert das meine Aufgabe. Die im weitesten Sinn in der Tradition Kants stehenden Argumente gegen die Vergottung der modernen Wissenschaft sind längst bekannt (und müssen nicht alle wiederholt werden). Denker wie Edmund Husserl, Erich Adickes, Ernst Cassirer, Martin Buber, Martin Heidegger, Karl Jaspers, Theodor Adorno, Hans-Georg Gadamer oder aktuell Jürgen Habermas, um nur einige wenige aus dem deutschen Sprachraum zu nennen, haben sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit den Versuchen einer maßlosen Verwissenschaftlichung befasst. Auf der anderen Seite ist mit dem Hinweis auf Sisyphos auch gesagt, dass philosophische Argumente, egal, ob sie gültig sind oder nicht, einen schweren Stand haben. Ihre Einflussnahme auf Debatten im Spannungsfeld von Wissenschaft, Medizin und Gesellschaft ist oft ernüchternd gering.
Vorwort
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Zwei Gründe für diese Marginalisierung der Philosophie möchte ich hier hervorheben. Erstens kommen heute die erfolgreichsten Meinungsmacher aus den naturwissenschaftlichen Disziplinen. Exemplarisch dafür stehen der Astrophysiker Stephen Hawking, der neuerdings vor Aliens warnt,1 und der Biologe Richard Dawkins, der sich in einem Interview einmal als «ziemlich militanten Atheisten» bezeichnete.2 Beide sehen sich selbst in der Rolle fortschrittlicher Aufklärer und damit als die legitimen Erben der neuzeitlichen Philosophie. Ja, Hawking ging in seinem jüngsten Buch mit dem Titel Der grosse Entwurf so weit, zu sagen, die Philosophie sei «tot». Sie habe mit «den neueren Entwicklungen in der Naturwissenschaft, vor allem in der Physik, nicht Schritt gehalten». Fortan seien es «die Naturwissenschaftler, die mit ihren Entdeckungen die Suche nach Erkenntnis» voranbrächten.3 Eine solche Aussage ist natürlich sehr fragwürdig. Selbst dann, wenn unbestritten ist, dass ein Naturwissenschaftler auf seinem angestammten Gebiet Großes geleistet hat, heißt das noch lange nicht, dass er nun prädestiniert wäre, uns über die Welt als Ganzes aufzuklären. So warnt etwa Kant in seiner Grundlegung zur Metaphysik der Sitten gerade davor, verschiedene Geschäfte zugleich zu betreiben. Denn «wo jeder ein Tausendkünstler» sei, da würden «die Gewerbe noch in der größten Barbarei» liegen.4 So gesehen könnte man das Problem des Szientismus auch als Problem der Tausendkünstler bezeichnen. Der zweite Grund ist schwerer fassbar und speist sich, wie wir sehen werden, aus unterschiedlichen Quellen. Vorläufig fasse ich ihn unter den weiten Begriff der Kulturskepsis. Das gängige Argument lautet, der naturwissenschaftliche Zugang zur Welt sei auch nur eine Weltanschauung, quasi ein Sprachspiel unter vielen. Diese modische Relativierung, die jede Kunst der Unterscheidung überflüssig macht, mag auf der theoretischen Ebene funktionieren (wie jede Form von radikalem Skeptizismus) und ist historisch gesehen teilweise auch stichhaltig, in Bezug auf die moderne wissenschaftliche Ch. Titz: Warnung von Astrophysiker Hawking: Sprecht bloß nicht mit den Aliens!, (Spiegel Online 25.04.2010). 2 «I am a fairly militant atheist». (Th.A. Bass: Reinventing the Future: Conversations With the World's Leading Scientists, 118). 3 St. Hawking; L. Mlodinow: Der grosse Entwurf. Eine neue Erklärung des Universums, 11. Darin wird die These vertreten, dass für die Entstehung des Universums kein Gott nötig sei. 4 I. Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, BA VI. 1
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Vorwort
Praxis aber scheint sie mir verfehlt. Ob ich beispielsweise eine Herzklappe ersetzen, eine Rakete bauen oder Uran anreichern kann, ist keine Frage von Glauben und Weltanschauung, sondern eine bloße Frage der Naturbeherrschung (iranische Schiiten oder chinesische Marxisten können das alles nicht weniger gut als US-amerikanische Baptisten). Abstrakter formuliert: Moderne Wissenschaft ist, wie es Hans-Georg Gadamer in seinem Aufsatz Theorie, Technik, Praxis schreibt, «ein auf Machenkönnen gerichtetes Wissen, eine wissende Beherrschung der Natur, d.h. Technik».5 Und in meinem an Rorty angelehnten Sprachgebrauch ist sie einfach ein sehr potentes Werkzeug, um die Natur (also auch unseren Körper) umzugestalten. Freilich, und jetzt kommt die Weltanschauung wieder ins Spiel, wie ich dieses Werkzeug einsetze, zur Förderung von Leben oder zu seiner Zerstörung, das ist dann sehr wohl eine Frage von Glauben und Weltanschauung. Mir geht es also nicht darum Wissenschaft und Weltanschauung gegeneinander auszuspielen. Doch gerade in Bezug auf die ernsten Fragen der Verantwortlichkeit, ist es sehr wichtig, die Grenzlinien zwischen einer modernen und einer vormodernen Auffassung von Wissenschaft nicht zu verwischen. Anders formuliert: Es geht mir nicht darum, frei von jeder weltanschaulichen Fundierung zu werden (das ist nicht möglich, weder persönlich noch wissenschaftstheoretisch), sondern sich darüber klar zu werden, welche Rolle sie im Verhältnis zur modernen Auffassung von Wissenschaft spielt. In den folgenden Untersuchungen möchte ich also gegen den Zeitgeist – die Überschätzung der Wissenschaft auf der einen und ihre Relativierung auf der anderen Seite – an der traditionellen Kunst der Unterscheidung festhalten und eine moderate Auffassung von Wissenschaft verteidigen. Die Bedeutung dieser Unterscheidung wird heutzutage vielleicht auch deshalb gerne übersehen, weil sie in unseren freiheitlichen Gesellschaften so selbstverständlich geworden ist. Und so geht vergessen – damit komme ich auf die zweite These zu sprechen –, dass die stete Besinnung auf die Grenzen unseres Wissens nach wie vor von allgemeinem Interesse für unser Zusammenleben ist. Das aus folgendem Grund: Zu den Kennzeichen einer liberalen, weltoffenen Gesellschaft gehört die Freiheit, glauben zu dürfen, was man will, und das Recht, diesen Glauben auch zu praktizieren. Bedingung für die weltanschauliche Vielfalt ist aber die Einschränkung des Geltungsanspruchs. Das heißt 5
H.-G. Gadamer: Theorie, Technik, Praxis, 17.
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zum Beispiel auf mich selber bezogen, dass mein eigener Glaube nur sehr bedingt Maßstab für andere Menschen sein kann (insofern sie meine Überzeugungen teilen beziehungsweise auch insofern er nicht Grundrechte meiner Mitmenschen verletzt). Für die modernen Wissenschaften dagegen gilt, dass sie in einem unbedingten Anspruch auf Allgemeingültigkeit gründen, also immer Maßstab für alle Menschen sind, ob in Zürich, Istanbul oder auf den Osterinseln. Dementsprechend gibt es auch keine jüdische Physik oder katholische Biochemie. Der Preis der Universalität ist aber auch hier an die Einschränkung von Geltungsansprüchen gebunden. Denn empirisches Wissen ist immer vorläufig und kennt keine Aussagen, die auf das ‘Ganze’ zielen, beispielsweise über Gott oder moralische Gebote. Moderne, aufgeklärte Wissenschaftler können in der Regel sehr gut zwischen diesen beiden Bereichen unterscheiden, d.h. zwischen Fragen des Wissens und Fragen des Glaubens. Für ihre wissenschaftliche Tätigkeit spielt ihre eigene Weltanschauung zunächst einmal überhaupt keine Rolle. So ist es egal, ob ein Physiker ein Jude, Christ, Muslim oder Atheist ist. In esoterischen und naturalistischen Konzepten dagegen wird dieses gelassene Verhältnis zwischen Wissenschaft und Weltanschauung zerstört. Denn es werden Fragen des Glaubens wieder zu Fragen der Wissenschaft gemacht – und damit zu einem Maßstab für alle Menschen. Gesellschaftlich relevant werden diese Angriffe auf Bereiche unserer persönlichen Freiheit erst, wenn sich vormoderne Konzepte in öffentlichen Einrichtungen Geltung verschaffen und mit ihren Absolutheitsansprüchen unsere konkreten Spiel- und Handlungsräume einschränken, beispielsweise auf Palliativstationen in Spitälern oder bei der Beurteilung von Straftätern. Allerdings, um auch hier Missverständnisse zu vermeiden, ist meine Verteidigung einer angemessenen Unterscheidung von Wissenschaft und Weltanschauung nur eine notwendige, nicht eine hinreichende Bedingung für eine freiheitliche, pluralistische Gesellschaft. Die vorliegende Arbeit darf man also nicht als Versuch missverstehen, eine neue Theorie des Liberalismus liefern zu wollen. Mein Anspruch ist viel geringer. Doch anders als beispielsweise Richard Rorty, der in seinem Spätwerk Kontingenz, Ironie und Solidarität behauptet, dass die Naturwissenschaften in den «Hintergrund des kulturellen Lebens» getreten seien,6 bleiben sie in meinen Augen ein den Alltag 6
R. Rorty: Kontingenz, Ironie und Solidarität, 97.
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beherrschender Faktor. Das aber macht eine Besinnung an den Grenzlinien der Wissenschaft immer wieder aufs Neue notwendig, und zwar nicht nur in begrifflicher (These 1), sondern auch praktischer Hinsicht (These 2). Konzepte, die nicht durch diese Reflexionsarbeit stetig abgesichert werden, sind weder mit einer modernen Auffassung von Wissenschaft noch mit den liberalen Werten unserer Gesellschaft vereinbar. Ich komme damit zum Aufbau der Arbeit. In der Einleitung möchte ich die hier aufgeworfene Frage nach der Aktualität der Kantischen Philosophie an den Grenzlinien der Wissenschaft auseinanderfalten. Dabei stützte ich mich unter anderem auf Überlegungen von Edmund Husserl, Jürgen Habermas und Peter Schulthess. Meine Absicht ist es, einen differenzierten, aber dennoch allgemeinverständlichen Zugang zum Thema Szientismus zu eröffnen. In den beiden Hauptteilen der Arbeit sollen dann meine leitenden Thesen an zwei aktuellen Beispielen demonstriert werden: einmal an der Debatte über die Homöopathie (esoterischer Szientismus) und einmal an der Debatte über das Menschenbild in der Hirnforschung (naturalistischer Szientismus). Die Auseinandersetzung mit der Hirnforschung ist dabei natürlich einiges komplexer als die Aufarbeitung der Homöopathie. Ist die erstere auf Teilgebieten völlig unbestritten, etwa in der Tumordiagnostik oder Neurochirurgie, fristet die andere seit ihren Anfängen im 18. Jahrhundert ein Schattendasein. Auch die Datenlage ist nicht vergleichbar. So finden wir zum Thema Hirnforschung und Menschenbild eine Flut von Literatur, und vor allem die Frage der Willensfreiheit hat im deutschen Sprachraum zu einer breiten interdisziplinären Kontroverse über die gesellschaftliche Bedeutung der Hirnforschung geführt. Unter den vielen zeitgenössischen philosophischen Beiträgen ragen in meinen Augen Petra Gehrings Aufsatz Die Hirnforschung und die Macht: Von der Willensfreiheit zur Strafrechtspolitik (aus ihrem Buch Was ist Biomacht? Vom zweifelhaften Mehrwert des Lebens) und Peter Janichs Buch Kein neues Menschenbild. Zur Sprache der Hirnforschung heraus. Für das Thema Freiheit grundlegender, und für meinen Ansatz auch wichtiger, ist aber der 1962 erschienene Aufsatz von Peter Strawson mit dem Titel Freedom and Resentment, zu Deutsch Freiheit und Übelnehmen. Zur Homöopathie dagegen haben sich in kritischer Absicht fast ausschließlich Mediziner (z.B. Edzard Ernst) oder Naturwissenschaftler (z.B. Martin Lambeck) geäußert. Philosophische Kommentare erschöpfen sich, und das von den Anfängen der Homöopathie bis
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heute, in einigen wenigen Randbemerkungen, unter anderem von Hegel und Schopenhauer. Eine bemerkenswerte Ausnahme aber gibt es: Peter Sloterdijk. Anlässlich des zweihundertjährigen Jubiläums der Homöopathie hielt er 1996 eine Festrede in der Frankfurter Paulskirche, publiziert unter dem Titel Die Andersheilenden: Über einige Aspekte der Homöopathie im Lichte des philosophischen Therapiegedankens der Neuzeit. Dass eine solche Festrede wohl nur sehr bedingt in kritischer Absicht verfasst wurde, ist naheliegend. Sloterdijks wortgewaltiges Kokettieren mit der Homöopathie ist denn auch weniger ein Beitrag zum besseren Verständnis der Homöopathie, sondern, um eine Formulierung von Gehring zu gebrauchen, «Teil des Problems».7 Auch wenn fundierte philosophische Beiträge zur Homöopathie bislang fehlen, finden wir trotzdem sehr hilfreiche Literatur, sobald die Thematik weiter gefasst und die Homöopathie als eine Sonderform des magischen Denkens betrachtet wird. Vor allem Ernst Cassirer hat auf diesem Gebiet mit seiner Philosophie der symbolischen Formen Grundlegendes geleistet, aber auch einzelne Gedanken von Wittgenstein sind aufschlussreich. Schließlich möchte ich am Ende meiner Untersuchungen den Bogen zur Einleitung schließen und die beiden szientistischen Spielarten wieder aus der Distanz betrachten. Auf der einen Seite möchte ich nochmals das relativ große gesellschaftliche Konfliktpotenzial des wissenschaftlichen Aberglaubens verdeutlichen, auf der anderen Seite die aufklärerische Rolle der Philosophie überdenken. Beide Aspekte helfen zudem, die scheinbar paradoxe Gestalt unserer modernen Existenz sichtbar zu machen und daraus ein bislang vernachlässigtes Kriterium für Wissenschaftlichkeit abzuleiten. Zum Schluss des Vorworts zwei autobiographische Hinweise, die für das Verständnis meiner Arbeit von Belang sind. Die erste Anmerkung betrifft meine frühere Tätigkeit als Heilpraktiker. Neben der Pflanzenheilkunde faszinierte mich vor allem die Homöopathie, die bei vielen Menschen im Ruf steht, eine sehr effiziente, aber doch sanfte Therapie zu sein. Höhe- und dann auch Wendepunkt meiner Beschäftigung damit waren Experimente mit selbsthergestellten Arzneimitteln in der Tradition Samuel Hahnemanns. Schließlich hängte ich die therapeutische Tätigkeit während des Philosophiestudiums an den Nagel. Meine Auseinandersetzung mit dem Thema ging aber weiter. 7
P. Gehring: Was ist Biomacht?, 223.
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Mein Interesse galt nicht mehr praktischen Fragen, sondern der Kontroverse um den wissenschaftlichen Anspruch. Zunächst schrieb ich dazu im Jahr 2005 meine Lizenziatsarbeit mit dem Titel Kräfte zwischen Stoff und Geist. Über die zerronnenen Träume der Homöopathie, die in bedeutenden Teilen in diese Arbeit eingeflossen ist. Dann kam ich 2009 im Zusammenhang mit der Schweizer Volksabstimmung über die Komplementärmedizin zu einer Rolle als Experte in diesem Bereich. Die folgenden Untersuchungen werden, so hoffe ich, deutlich machen, dass das Selbstbestimmungsrecht der Patienten mein oberstes Anliegen ist. Mir geht es also weder um eine pauschale Ablehnung komplementärmedizinischer Maßnahmen noch um eine blinde Verteidigung der konventionellen wissenschaftlichen Medizin, deren Auswüchse ich aber im Rahmen dieser Arbeit nicht thematisieren kann. Die zweite Anmerkung betrifft meine ‘religiöse Musikalität’.8 Meine Verwurzelung im Katholischen wirft natürlich die Frage nach meinem eigenen Verhältnis zur Moderne auf. Zunächst einmal gilt hier das Gleiche, was ich bereits für die modernen Wissenschaften herausstrich. Ein Philosoph im 21. Jahrhundert kann Jude, Christ, Muslim oder Atheist sein. Das heißt, Philosophie ist – modern aufgefasst – immer nur ein Werkzeug, keine Weltanschauung. In Anlehnung an Robert Spaemann kann ich also von mir sagen: Ich bin Katholik und Philosoph, und eben nicht ein katholischer Philosoph.9 Dann aber hängt an diesem auf den ersten Blick haarspalterischen Unterschied noch viel mehr. Er ist nicht nur Kennzeichen und Bedingung für ein gelassenes Verhältnis zum Wissen in Wissenschaft und Philosophie, sondern auch Ausgangspunkt, um über das spannungsvolle Verhältnis von Glaube und Politik differenzierter nachdenken zu können. Dabei steht vor allem eine Frage im Zentrum, die für pluralistische Gesellschaften, aber auch für mich ganz persönlich wichtig ist. Sie lautet: Kann man ein liberal gesinnter, weltoffener Mensch sein und zugleich überzeugtes Mitglied einer Glaubensgemeinschaft mit einem absoluten Wahrheitsanspruch? So wenig wie ich den Liberalismus neu erfinden möchte, habe ich vor, auf diese vielschich8 9
Ich werde im Schlussteil der Arbeit auf diese bekannte Metapher zurückkommen. R. Spaemann: Über Gott und die Welt, 81-82. Als katholischer Philosoph würde ich in Konflikt mit der Kantischen Philosophie geraten, da diese wie eingangs erwähnt die Vernunft vor die Offenbarung setzt und damit dem christlichen Glauben sein Herzstück raubt.
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tige Frage in meiner Arbeit eine abschließende Antwort zu liefern. Dennoch hoffe ich, dass meine Untersuchungen mithelfen, die fundamentale Bedeutung der Glaubensfreiheit für säkularisierte Gesellschaften besser zu verstehen, und dass sie deutlich machen, warum eine moderne, weltoffene Haltung und Rechtgläubigkeit keine Gegensätze sein müssen. Diese Hinweise deuten auch an, welche Auffassung von Philosophie ich hier vertreten will. Im Fokus steht nicht das Finden von nobelpreiswürdigen Antworten (wie es wohl Hawking glaubt), sondern der Versuch, mit der menschlichen Maßlosigkeit besser fertig zu werden, der eigenen und der fremden, der intellektuellen und der leibhaften. Ohne vielfältige Unterstützung ist eine solche Arbeit nicht möglich. Mein erster Dank gilt meinen beiden Betreuern, Herrn Prof. em. Dr. Georg Kohler und Herrn Prof. em. Dr. med. Daniel Hell, die das Projekt mit viel Interesse und Geduld begleiteten. Ihr Vertrauen habe ich als ein großes Privileg empfunden. Besonderen Dank schulde ich Herrn Prof. em. Dr. Dr. h.c. Helmut Holzhey. Er hat nicht nur meinen Denkweg an der Universität maßgeblich beeinflusst, sondern auch das Projekt mit seiner Empfehlung angestossen. Seine Anregungen und kritischen Einwände haben mir immer sehr geholfen. Frau Doris Lier und Herrn Christoph Schnellmann möchte ich ebenfalls einen besonderen Dank aussprechen. Die gemeinsame Lektüre philosophischer Texte, die zur Uni-Zeit begann und sich auch nach dem Abschluss über viele Jahre fortsetzte, hat meine Art zu philosophieren stark geprägt. Frau Doris Lier war zudem immer meine erste Ansprechperson, wenn mein Projekt ins Stocken geriet oder eine Kurskorrektur notwendig wurde. Dank sage ich auch gerne den Herren Gerhard Jenzer, Bernhard Küchenhoff, Philippe Pfister und Stefan Stirnemann. Sie haben frühere Fassungen gelesen und wichtige inhaltliche Korrekturen vorgeschlagen. Für die Unterstützung im Zusammenhang mit dem Vortrag am Fachsymposium Gesundheit 2012 danke ich den Herren Peter Stoffel und Markus Wehrli – in dieser Phase gewann meine Arbeit ihr eigentliches Profil. Dass ich auch Freude am Halten von solchen Vorträgen bekommen habe, ist das Verdienst von Herrn Kaspar Bruggmann. Unter seiner geduldigen Anleitung habe ich gelernt, meine Stimme besser zu gebrauchen. Den Einblick in wirtschaftliche Zusammenhänge verdanke ich Herrn Raoul Egeli. Die redaktionelle Mitarbeit an
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seinen Buchprojekten zum Thema Gläubigerschutz, zuerst nur gedacht als Brotjob neben meiner Doktorarbeit, lieferte mir wertvolle Denkanstösse für den praktischen Umgang mit szientistischen Konzepten. Weiter möchte ich Herrn Karl Eschenmoser, meinem Geschichts- und Deutschlehrer am Pallottiner-Gymnasium Friedberg Gossau, einen großen Dank aussprechen. Er hat nicht nur die Schlussfassung korrigiert und mit wichtigen Kommentaren versehen, sondern mich auch seit meiner Gymnasialzeit immer wieder gefördert. Dann gab es in der Zeit der Abfassung der Arbeit natürlich noch weitere prägende Begegnungen, an die ich mich dankbar erinnere, ohne sie alle aufzählen zu können. Erwähnen möchte ich aber meine philosophischen Weggefährten und Freunde aus meinem nächsten Umfeld. Als erstes Herrn Giuseppe Gracia. Er unterstützte mein Projekt von Anfang an, sei es bei der Diskussion einzelner Kapitel, der Vorbereitung von Vorträgen oder als Begleiter auf erholsamen Spaziergängen. Weiter gehören dazu die Herren Ruedi Flüge (†), Heinrich Gmeiner, Louis Hutter, René Jungreithmeier (†), Pius Kölbener, Clemens Müller, Adrian Riklin, Vladimir Strnad und Gregor Wanner. Sie alle haben mich immer wieder auf mannigfache Weise zum Schreiben ermutigt. Viel zu verdanken habe ich selbstredend meiner Familie. Zunächst meinen Eltern, meiner Mutter, Frau Rita Rüegg, und meinem Vater, Herrn Beat Rüegg. Ihnen beiden ist auch das Buch gewidmet. Dann meiner Großmutter, Frau Rosa Brotzer, und meinen Schwestern, Frau Claudia Rüegg, Frau Bettina Zerr-Rüegg und Frau Fabienne Rüegg. Und endlich meiner Tochter Nanina. Sie alle sind für mich, losgelöst von meiner philosophischen Arbeit, ein wundervoller Rückhalt. Meiner Mutter möchte ich darüber hinaus für ihre tatkräftige und humorvolle Hilfe bei der nicht immer einfachen Überprüfung der Quellen und dem Erstellen des Registers danken. Dem Schwabe Verlag danke ich für die Aufnahme meiner Dissertation in sein Programm, speziell den Herausgebern der Reihe Zürcher Arbeiten zur Philosophie und meiner Lektorin, Frau Barbara Handwerker Küchenhoff, die sich für mein Projekt sehr einsetzte und dafür sorgte, dass ich mich nicht nur kompetent betreut, sondern insgesamt im Verlag gut aufgehoben fühlte. Mein abschließender Dank geht an die Dr. Margrit Egnér-Stiftung für das Forschungsstipendium sowie an den Schweizerischen Nationalfonds für den Druckkostenbeitrag. St.Gallen, im März 2014