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Nach der Postmoderne

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Christoph Riedweg (Hrsg.)

Nach der Postmoderne Aktuelle Debatten zu Kunst, Philosophie und Gesellschaft


Kann die gegenwärtige Umbruchszeit als Epochenwechsel bezeichnet werden? Über die Folgen der einschneidenden Ereignisse der letzten Jahre in allen Bereichen unserer Wirklichkeit – besonders dramatisch der Einbruch an der Wall Street von 2008 – wird heftig diskutiert, die Forderung nach einer kritischen Reflexion und die Frage nach einer adäquaten Haltung werden laut. Aus diesem Anlass hat das Istituto Svizzero di Roma 2012 unter der Leitung von Christoph Riedweg eine Vortragsreihe veranstaltet, in der hochkarätige Persönlichkeiten aus Politik und Kultur über die Bedingungen einer Zeit nach der Postmoderne nachdenken. Die Beiträge erfolgen zu unmittelbar aktuellen Themen aus den Bereichen Kunst, Architektur, Philosophie, Geschichte, Politik, Medien, Wirtschaft und Wissenschaft; Schweizer und italienische bzw. deutsche Beitragende beleuchten unterschiedliche Perspektiven und zeigen die Voraussetzungen und Gewichtungen ihrer komplementären Ansätze auf. Die Leitidee der Vortragsreihe steht in Zusammenhang mit der italienischen (Medien-)Debatte, die sich seit 2011 rund um das Manifesto del nuovo realismo des Turiner Philosophieprofessors Maurizio Ferraris entzündet hat. Ferraris fordert darin eine radikale Abkehr vom Konstruktivismus der Postmoderne zugunsten einer Rückkehr zur Realität. Wirklichkeit und Wahrheit sollen wieder zu erfahr- und erkennbaren Bezugsgrössen werden. Aber: Ist nach den Erkenntnissen der Postmoderne eine Rückkehr zur ‘Realität’ möglich? Der Herausgeber Prof. Dr. Christoph Riedweg, geb. 1957, studierte Klassische Philologie und Musikwissenschaft an der Universität Zürich, wo er 1987 die Promotion erlangte und sich nach Forschungsaufenthalten in Oxford, Leuven und München 1992 habilitierte. Nach einer ersten Professur in Mainz 1993–1996 ist er seit 1996 Ordinarius für Klassische Philologie/Gräzistik an der Universität Zürich. Von März 2005 bis Januar 2013 war Christoph Riedweg Direktor des Istituto Svizzero in Rom. Er hat zahlreiche Artikel und Monographien publiziert, zudem ist er Mitautor und Herausgeber namhafter wissenschaftlicher Grossprojekte, u.a. der Neuausgabe des Grundrisses der Geschichte der Philosophie (begr. von F. Ueberweg).


Christoph Riedweg (Hrsg.)

Nach der Postmoderne Akutelle Debatten zu Kunst, Philosophie und Gesellschaft

Schwabe Verlag Basel


Die Realisierung und die Publikation des Debattenzyklus Discorsi d’attualità 2012 wurden ermöglicht durch die Unterstützung von: Albert Gnägi (Zürich, Mitglied des ISR 1970/71), Dr. Charles Hummel Stiftung (Zürich), Jacobs Foundation (Zürich), Gunhild & Olaf Kübler (Küsnacht/Zürich), Georg und Bertha SchwyzerWiniker Stiftung (Zürich) sowie Istituto Svizzero di Roma (ISR). Der Herausgeber dankt auch der Übersetzerin Martina Kempter und Andrea Elmer vom Schwabe Verlag für die ausgezeichnete Zusammenarbeit, ausserdem Lena Krauss, Laura Napoli und Camille Semenzato für die grosse Unterstützung bei der Anfertigung der Druckvorlage.

Schwabe Reflexe 34 © 2014 Schwabe AG, Verlag, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form publiziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Gesamtherstellung: Schwabe AG, Muttenz/Basel, Schweiz Printed in Switzerland ISBN 978-3-7965-3250-4 rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch


Inhalt Christoph Riedweg: Einleitung  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Kunst Bice Curiger: Kunst als Manifest des prekär Vitalen  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25 Bartolomeo Pietromarchi: Die Figur des Künstlers wieder in den Mittelpunkt stellen. Die Zukunft der Museen für Gegenwartskunst in Zeiten der Krise  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50 Theoretische Philosophie Maurizio Ferraris: Politik und Philosophie von der ­Postmoderne zum Neuen Realismus  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61 Emil Angehrn: Jenseits der Postmoderne – Zwischen Neuem Realismus und Hermeneutik  .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 Geschichte Paolo Prodi: Politisches Bündnis und formelle V ­ erfassungen in der historischen E ­ rfahrung des Westens  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97 Thomas Maissen: Rückkehr zur Realität? Überlegungen eines Historikers  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114 Philosophie und politische Praxis Giacomo Marramao: Demokratie und Postdemokratie: Eine Diagnose der globalisierten Welten  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125 Ruth Dreifuss: Herausforderungen der Demokratie in einer Zeit der Krise   . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137

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Finanzen Alfredo Gysi: Banking: Back to Basics. Die Erfahrung der Schweiz  .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149 Maurizio Franzini: Die Exzesse des Finanzkapitalismus und die Notwendigkeit einer ‘Rückkehr zu den Grundwerten’  . . . . . . . . . . . . 163 Forschung und Nachhaltigkeit Richard R. Ernst: Unsere Verantwortung für eine nachhaltige Zukunft  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 179 Giuseppe O. Longo: Mensch, Technologie, Umwelt  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 203 Architektur und Kunst Jacqueline Burckhardt: Architektur und Kunst: Chancen einer riskanten Wiederbegegnung  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 213 Adriana Polveroni: Kunst und Architektur neu denken: Die Wirtschaftskrise und das Ende des Gigantismus   . . . . . . . . . . . . . 249 Stadtforschung Stanislaus von Moos: Zwischen ‘Alt’ und ‘Neu’. Le ­Corbusier und die Stadt  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 265 Marco De Michelis: Le Corbusiers Städte  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 281 Medien Peter Sloterdijk: Über Aktualität. ­Römische ­Fussnote zur Medientheorie  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 291 René Scheu: Über Brutalorealismus, Schwachheit und Freiheit  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 299 Autorinnen und Autoren  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 309

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Christoph Riedweg Einleitung Es gibt historische Momente, in denen man fast schlagartig den Eindruck gewinnt, dass sich etwas Wesentliches verändert hat: dass unsere Urteile und Gefühle, Empfindlichkeiten und Handlungen nunmehr durch andere Bezugsgrössen gesteuert und beeinflusst werden als bisher; dass die vorherrschende Kultur und mit ihr die gesamte Gesellschaft nicht mehr dieselben sind wie noch wenige Jahre zuvor. Zum ersten Mal habe ich diese Erfahrung während meiner Studienzeit in einem anscheinend begrenzten, jedoch weit darüber hinaus signifikanten Bereich gemacht: in der klassischen Musik, wo Ende der 70er Jahre die Strenge des in der Nachkriegszeit massgeblichen ‘modernen’ Serialismus sich immer mehr aufzuweichen schien und plötzlich wieder Raum für Konsonanzen, Zitate und Collagen liess. Im Lauf des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends hat sich in meinem eigentlichen Forschungsgebiet, der literarischen Hermeneutik, ein ganz ähnlicher Eindruck eingestellt: Ideen, die zuvor während Jahren den intellektuellen Diskurs beherrschten – darunter der ‘Tod des Autors’ und spezifisch postmodern-konstruktivistische Interpretationen, welche die Möglichkeit, irgendeine ausserhalb des Textes liegende Wirklichkeit zu erfassen, radikal leugnen –, begannen mit einem Mal ausgesprochen alt und überholt zu klingen. Man suchte – und sucht jetzt immer mehr – wieder einen neuen, von Theorien weitgehend unverstellten Zugang zur Literatur. Das Gefühl eines tiefen Umbruchs und einer Zeitenwende wurde überdies durch den Eindruck verstärkt, dass sich in zahlreichen anderen Bereichen unserer Gesellschaft vergleichbare Veränderungen feststellen lassen, nicht zuletzt an den Finanzmärkten, wo bis zum Sturz der Wallstreet 2008 Finanzprodukte spielbestimmend waren (und z. T. weiterhin sind), die insofern ebenfalls als postmodern-konstruktivistisch bezeichnet werden können, als sie zunehmend jeden Bezug zur Realität verloren hatten (und weitgehend noch immer haben). 7


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Bereits im April 2008 hatte das Istituto Svizzero di Roma (ISR) einen runden Tisch mit Gianni Vattimo unter der Überschrift «Vom pensiero debole zur Wiederkehr der starken Gedanken» organisiert.1 Ausgangspunkt war genau die Wahrnehmung, dass wir in einer Phase des Übergangs in ein neues Zeitalter leben, das sich durch eine gewisse Rückkehr zum ‘Realen’ und durch ein wiedererwachtes Bedürfnis nach ‘starken Gedanken’, nach Sicherheiten und nach ‘Wahrheiten’, die mehr als relativ und konstruiert sind, unterscheidet und für das ausserdem ein erneutes, ausgeprägtes Interesse an der Geschichte kennzeichnend scheint: Aus ihr, so die Hoffnung, lässt sich in der Unsicherheit und Komplexität der heutigen Welt möglicherweise eine Orientierungshilfe gewinnen. Als Maurizio Ferraris im August 2011 seinen mittlerweile berühmt gewordenen Aufsatz «Il ritorno al pensiero forte» [Die Rückkehr zum starken Denken] veröffentlichte und damit in Italien und darüber hinaus eine höchst lebhafte Debatte auslöste,2 haben wir die Gelegenheit beim Schopf gepackt und die Veranstaltungsreihe Discorsi d’attualità [Diskurse zur Aktualität] organisiert. Ziel war es, eine offene, lebendige und kontroverse Debatte zu einigen der uns heute auf den Nägeln brennenden Themen zu entfachen, wobei diese unter dem Gesichtspunkt eines – sei es realen oder auch nur gefühlten – Übergangs in historisch-vergleichender Perspektive analysiert werden sollten. Der vorliegende Band versammelt die Beiträge zu den Diskussionen, die 2012 an neun Abenden in der Villa Maraini, dem historischen Sitz des ISR, unter engagierter Beteiligung eines stets zahlreich erschienenen Publikums aus Studierenden, Dozierenden, Experten und Interessierten über die Bühne gingen. In jeder Veranstaltung sassen sich auf dem Podium zwei Gäste gegenüber, um die Begegnung, manchmal auch die Konfrontation zwischen italienischem und schweizerischem bzw. internationalem Denken und Forschen zu repräsentieren. Ausserdem zielte das gewählte Format darauf, komplementäre, aus mehr oder weniger unterschiedlichen Blickwinkeln gewonnene Analysen der aktuellen Situation in den jeweiligen Spezialgebieten zu ermöglichen: von Kunst und Architektur bis zu theoretischer und politischer Philosophie, von Geschichte und Finanzpolitik über Forschung und Nachhaltigkeit bis zu Stadtforschung und Medien. 8


Einleitung

* Einleitend sei vorausgeschickt, dass sowohl ‘postmodern’ als auch ‘Realismus’ und ‘Epochenwechsel’ höchst ambivalente und vieldeutige Begriffe sind. In einem gewissen Sinn gilt das zwar für jedes Wort der menschlichen Sprache − πολλαχῶς λέγονται, wie Aristoteles bemerkte (Worte «werden auf vielerlei Art gesagt») –, aber in unserem Fall ist die Lage besonders vertrackt. Allein schon aus seiner Etymologie geht klar hervor, dass ‘post-modern’ sich theoretisch auf zahllose nachgeordnete historische Momente und Phänomene beziehen könnte, wobei das ‘Moderne’, welches dem ‘post’ ‘voraus’-geht, seinerseits immer doppeldeutig und relativ ist (es verändert seinen Sinn im Gleichschritt mit dem ‘Alten’ oder ‘Antiken’, von dem es sich abhebt).3 Und in der Tat wurde das Label ‘postmodern’ bekanntlich seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf ganz verschiedene Phänomene angewandt: Es kann eine avanciertere Art des Malens von dem (als ‘modern’ angesehenen) französischen Impressionismus abgrenzen, aber auch die aussergewöhliche Existenz des Nietzsche’schen Übermenschen bezeichnen, der alle ‘Pathologien’ des modernen Menschen hinter sich lässt (Pannwitz).4 Ab 1949 setzt die Verwendung des Begriffs im Bereich der Architektur ein – nicht selten mit noch negativer Bedeutung −, während die zunächst nur sporadisch gebrauchte Bezeichnung ‘postmodern’ seit 1959 in der nordamerikanischen Literaturkritik auftaucht. Auch in diesem Bereich ist sie in einer Anfangsphase eher negativ konnotiert (nach der grossen Literatur von Autoren wie Eliot, Pound und Joyce glaubte der Literaturkritiker Irving Howe in der darauffolgenden, also ‘postmodernen’ Literatur ein Nachlassen der kreativen Kraft und des Innovationsvermögens ausmachen zu können), doch bald schon wird das Wort zum Schlüsselbegriff einer affirmativen und stolzen Selbstbeschreibung, mit Jean-François Lyotard als Höhepunkt.5 Ganz ähnlich hat auch das Wort ‘Realismus’ unterschiedlichen referentiellen Gehalt – um die Welt der Kunst als Beispiel zu nehmen:6 Es gibt den Realismus in der französischen Malerei des 19. Jahrhunderts (mit Gustave Courbet als dessen Hauptvertreter) und den damit verbundenen Realismus der italienischen Macchiaioli (Fattori, Signorini), doch gibt es auch die ‘Rückkehr zur Ordnung’ und zum neoklassischen und später faschistischen Realismus der 9


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Künstlergruppe um Margherita Sarfatti (die sich von den so genannten ‘Exzessen’ der Avantgarde lösen wollte), so wie es ebenfalls den sozialistischen Realismus gibt, ausserdem später, in den 60er Jahren, den nouveau réalisme von Daniel Spoerri, Jean Tinguely und anderen. Besonders viele Realismen haben wir ferner in der Philosophie, wie die Protagonisten der zweiten Begegnung der Discorsi d’attualità mit dem Themenschwerpunkt theoretische Philosophie kompetent erklären könnten. Paradoxerweise eignet auch dem Konzept des ‘Realismus’ selbst bereits ein ‘post’-Element, denn üblicherweise wollen sich seine Anhänger von ‘vorausgehenden’ Bewegungen wie dem Idealismus, der abstrakten Kunst, den Experimenten der Avantgarde oder eben der Postmoderne abgrenzen – im Kontext der von Maurizio Ferraris angestossenen aktuellen Diskussion könnte man also von einem post-postmodernen New Realism sprechen. Nicht minder zweideutig und problematisch ist schliesslich die Kategorie der ‘Epoche’, und das Bewusstsein dafür ist noch gewachsen unter dem Einfluss eben der Postmoderne mit ihrer verschärften Skepsis gegen die grossen Erzählungen und gegen eindeutige, in scholastischer Manier vorgenommene Klassifizierungen. Letztere haben unvermeidlich die Tendenz, schwächere, ihnen entgegenstehende Merkmale zu unterdrücken und folglich den Reichtum und die ‘différences/différances’ der unendlich bunten und vielgestaltigen Realität zu unterschlagen. Dennoch halte ich es nach wie vor für legitim und ergiebig, sich – natürlich mit der gebotenen Vorsicht – der historischen Periodisierung als eines heuristischen Verfahrens zu bedienen. Gewiss ist es schwierig, wenn nicht sogar unmöglich, Anfang und Ende einer Epoche wie der Postmoderne präzise zu bestimmen:7 Unsere Gesellschaft in ihrer Gesamtheit und in ihrem spezifischen geschichtlichen Kontext ist eher als ein autopoetisches System (im Luhmann’schen Sinne) zu betrachten, das sich langsam und stetig verändert, mit graduellen Übergängen und Diskontinuitäten, die sich in den verschiedenen Bereichen des Systems oft ungleichmässig schnell einstellen. Das ändert aber nichts daran, dass der ‘Zeitgeist’ hin und wieder spürbar seine Physiognomie verändert: Mit einem Mal scheint es möglich, einen klar umrissenen neuen Aggregatszustand des soziokulturellen Systems zu erkennen. 10


Einleitung

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: In solch einem neuen Systemzustand bestehen die bisher vorherrschenden Elemente weiterhin mit anderen zusammen fort, aber sie besitzen nicht mehr die selbe Sichtbarkeit. (Die Gleichzeitigkeit von im Grunde Ungleichzeitigem ist ein bekanntes Phänomen, das sich die ganze Geschichte hindurch beobachten lässt. Beispielsweise ist im Übergang der Moderne zur Postmoderne erstere nicht schlagartig verschwunden, vielmehr bleibt sie bis heute in verschiedenen Bereichen einflussreich; oder, um ein Beispiel aus meinem Forschungsgebiet zu geben: In der kaiserzeitlichen Antike blieb der mittlere Platonismus auch nach dem Beginn des Neuplatonismus noch lange Jahre gegenwärtig und wichtig.) Man hat also allgemein zu unterscheiden zwischen der Verwendung eines Begriffs zur Bezeichnung eines spezifischen historischen Augenblicks und seinem Gebrauch als Schlüsselwort für eine intellektuelle und künstlerisch-kulturelle Herangehensweise, die nicht auf eine bestimmte Zeit beschränkt bleibt: ‘Barock’, ‘Romantik’, ‘Moderne’, ‘Dada’ existieren beispielsweise auch ausserhalb ihrer respektiven Epoche.8 So kann auch das ‘Postmoderne’ als Haltung und Produktionsstil – der oft ironisch und gewollt disparat mit einer Vielzahl von Stilen und Methoden arbeitet, darunter besonders Collage und Neukombination bereits vorhandener, aus unterschiedlichen Zeiten und Milieus stammender Elemente – einerseits als eine überzeitliche, Jahrhunderte lang verbreitete Strömung angesehen werden,9 die auch heutzutage zweifellos bedeutsam bleibt. Gleichzeitig hat der Begriff ‘postmodern’ trotz all seiner Bedeutungsnuancen, seiner ‘Flüssigkeit’ und seiner Geschichte10 im aktuellen Kontext auch eine ziemlich präzise Bedeutung und bezieht sich auf einen spezifischen Aggregatszustand der westlichen Gesellschaft,11 einen intellektuellen mainstream, der über mehr als zwanzig Jahre hinweg den Diskurs der akademischen, philosophischen, literarischen, architektonischen und generell kulturellen Avantgarde beeinflusst und der als angesagte Denkweise zumindest in Europa und in Amerika ebenso wichtige Auswirkungen in den Medien, der Politik, der Wirtschaft und der Finanzwelt, ja sogar in der Religion gehabt hat. Diese postmoderne Epoche zeichnet sich über weite Strecken durch eine ausgesprochen skeptische und entschieden relativisti11


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sche Haltung gegenüber der Annahme eines linearen Fortschritts in der Moderne aus:12 Sie stellt grundsätzlich jegliche Realität in Frage und behauptet, alles sei Interpretation und die Dinge nichts anderes als soziale Konstrukte; sie nährt Zweifel – und dies oft mit gutem Grund – gegenüber jeder ‘Wahrheit’, die vielmehr als Ausdruck einer Machtstruktur betrachtet wird; ebenso hegt sie ein tiefes Misstrauen gegenüber den grossen Erzählungen (Metanarrativen), den Gründungsmythen und allgemein dem westlichen ‘Logozentrismus’. Der heikle Punkt, dass der Postmodernismus dabei lediglich einen Logozentrismus durch einen anderen ersetzt hat – den westlichen durch denjenigen der Postmoderne, die als einziger vernünftiger und vertretbarer Ansatz galt –, ist schon wiederholt herausgestellt worden.13 Bereits seit einigen Jahren gibt es Indizien, die zu der Vermutung Anlass geben, die postmoderne Epoche sei an ihr Ende angelangt und räume das Feld für eine neue soziokulturelle ‘Jahreszeit’: Es ist das grosse Verdienst von Maurizio Ferraris, auf diesen Umstand aufmerksam gemacht und die diesbezügliche Debatte in das Blickfeld eines in Italien wie anderswo immer grösser werdenden Publikums gerückt zu haben. Es scheint mir überdies auf der Hand zu liegen, dass die neue ‘Jahreszeit’ durch eine realistischere Herangehensweise gekennzeichnet ist, und zwar auf allen Gebieten. Ob das bereits ausreicht, um sie kurzerhand New Realism zu nennen,14 werden wir, wie ich meine, erst im Nachhinein sagen können. Ich für meinen Teil finde auch die Idee einer «Ära der Authentizität» (Edward Docx) – im Sinne einer verstärkten Sehnsucht nach Deckungsgleichheit zwischen Anschein und Realität – oder einer Rückkehr zum ‘starken Denken’ oder auch das Konzept eines ‘back to basics’ sehr verlockend, während ein Patristikerkollege aus London auf den Spuren des deutschen Soziologen Ulrich Beck lieber von «re-modernities» als dem Kennzeichen unserer Zeit spricht.15 Wie dem auch sei, wenn auf der einen Seite der Abschied von den konstruktivistischen Übertreibungen als Befreiungsschlag gegen eine zunehmend als steril und inhaltsleer empfundene intellektuelle Akrobatik erlebt werden mag, darf dennoch nicht vergessen werden, dass die Rückkehr zur ‘Realität’ auch das Risiko mit sich bringt, in Simplifizierungen und neue Fundamentalis12


Einleitung

men (zurück) zu fallen und die Sensibilität für die feinen Unterschiede und die Komplexität der Dinge zu verlieren, besonders in Hinblick auf die Welt der Politik («rien que la nuance!», lehrt uns Baudelaire). Denn hier ist dem englischen Schriftsteller Edward Docx zuzustimmen, wenn er bei aller Kritik an der Postmoderne als deren positive Errungenschaft hervorhebt, dass sie «der westlichen Gesellschaft geholfen hat, die Politik der Differenz zu verstehen und deshalb die bis dato vernachlässigten erbärmlichen Ungerechtigkeiten zu korrigieren».16 Nachdenklich stimmt ausserdem die Tatsache, dass in der Welt von heute geschichtlich regelmässig wiederkehrende pattern von Prozessen und Veränderungen erkennbar scheinen, die tatsächlich zu einem Vergleich mit anderen Umbruchzeiten einladen, so etwa mit dem späten Römischen Reich und vor allem mit dem Krisenjahr 1929. * In diesem Zusammenhang lässt uns eine, vielleicht sogar die Frage seit Jahrhunderten keine Ruhe, nämlich die der historia magistra vitae: Stimmt es, dass man aus der Geschichte lernen kann, dass die Geschichte als Lehrmeisterin für unser Leben taugt? Und mit dieser Frage ist eine andere verknüpft: Stimmt es, dass die Geschichte sich wiederholt und dass somit ihr gründliches Studium uns etwas lehren und eine Lektion erteilen könnte, wie es sich, sowohl auf gesellschaftlicher als auch auf individueller Ebene, vermeiden lässt, immer wieder die gleichen Fehler zu wiederholen? Einer der frühen Meister der abendländischen Geschichtsschreibung, Thukydides, war von dieser Möglichkeit offenkundig überzeugt: Im Vorwort zu seinem Werk über den Peloponnesischen Krieg bringt er die Hoffnung zum Ausdruck, dass die Mühen des Geschichtsschreibers von all jenen als nützlich angesehen werden mögen, welche «das Vergangene genau erkennen wollen und das Zukünftige, wie es wohl gemäss der menschlichen Natur so oder ähnlich sich wiederholen wird».17 Dass es «gemäss der menschlichen Natur» eine Art Gesetzmässigkeit, also so etwas wie regelmässig wiederkehrende anthropologische Konstanten gibt (κατὰ τὸ ἀνθρώπινον), wird wohl kein Geschichtsinteressierter bestreiten wollen. Und wie sollte, wer in Rom lebt, sich nicht für Geschichte interessieren? An wenigen Orten 13


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der Welt ist so umfangreiches Anschauungsmaterial vorhanden: Wo wir in dieser ausserordentlichen Stadt auch hingehen, immer treffen wir auf Spuren einer über zweitausendjährigen Geschichte, einer Geschichte, die uns anregt, über unsere eigene Wirklichkeit und über die zeitgenössischen Ereignisse nachzudenken. In der Analyse der aktuellen politisch-kulturellen Situation dient das Römische Reich – als eines der frühesten wirklich multikulturellen und globalisierten politischen Gebilde, mit denselben ökonomischen und baulichen Errungenschaften von Afrika bis England, von Portugal bis Syrien – tatsächlich oft als Modell. Ein eklatantes Beispiel dafür gab der ehemalige Leiter des amerikanischen Rechnungshofes David Walker, der sich bereits 2007 auf das Römische Reich berief, um vor den schweren Finanz- und anderen Problemen in den Vereinigten Staaten zu warnen: «Vom Fall Roms lernen − Beamter warnt USA», lautete die Überschrift eines Interviews mit Walker, das die Financial Times am 14. August 2007, also mehr als ein Jahr vor der Insolvenz der Lehman Brothers, veröffentlichte.18 Die Vorstellung, man könne aus der Geschichte lernen, setzt voraus, dass man es für möglich hält, zu einer historischen ‘Wahrheit’ vorzudringen, dass es ‘reale’ und unstrittige Fakten gibt, die das Geschehen erklären können, und dass geschichtliche Ereignisse mehr oder minder neutral und objektiv beschreibbar sind – der Historiker als ein interesseloser Beobachter, der das Geschehen sine ira et studio analysiert und erzählt. Diese ‘positivistische’ Gewissheit wurde von der konstruktivistischen Postmoderne zerschlagen. Beeinflusst vom linguistic und cultural turn, zog diese die traditionelle historische Epistemologie radikal in Zweifel und unterstrich im Gegensatz dazu den Textcharakter des Grossteils der historischen Überlieferung, sodass immer mehr «Begriffe und Konzepte der Literaturtheorie und Textanalyse» zum Einsatz kamen: In dieser Perspektive ist die Geschichte vor allem eine Erzählung und ein mit rhetorischen Tropen und symbolischen Bezügen angereichterter Diskurs, der keinen direkten Zugang zur ‘Realität’ erlaubt. Die historischen Dokumente sind folglich als literarische Konstrukte zu lesen und in Hinblick auf ihre verborgenen Voraussetzungen und die darin enthaltenen Machtstrukturen zu interpretieren.19 14


Einleitung

Die Folgen für die Auffassung und die Praxis der Geschichte und Geschichtsschreibung waren beträchtlich: Die Unterscheidung zwischen Geschichte und Literatur – Genres, die sich zweifellos seit jeher sehr nahe sind und, wenngleich unter verschiedenen institutionellen Bedingungen und mit unterschiedlichen Zielsetzungen, im Prinzip mit denselben Mitteln arbeiten – wurde immer subtiler, neue Formen der Geschichtsschreibung wie die documentary novel oder die docufiction traten auf, wobei letztere vor allem mit den Gefühlen der Zuhörer spielt, wie Miguel Gotor in einem Artikel in der Repubblica vom 5. Januar 2012 (S. 40–1) hervorhob. In seiner ex‑ tremsten Ausprägung – der Überzeugung folgend, dass «Wissen niemals objektiv und Sprache nie stabil sein kann» – riskiert dieser Ansatz, «in einem völligen Relativismus zu enden»,20 der im Grunde nicht einmal vor historischen Fakten wie Auschwitz Halt macht. Seit Anfang des neuen Jahrtausends haben sich die Zeiten indes beträchtlich verändert, und mit Gewalt und Kriegen hat sich erneut die geschichtliche ‘Realität’ durchgesetzt. Der Krieg, traditioneller Gegenstand der Geschichtsschreibung, schien zuvor, gegen Ende der 90er Jahre, ein überholtes Relikt aus der Vergangenheit zu sein, beschränkt nur noch auf ferne und unterentwickelte Weltgegenden – doch weit gefehlt: Er ist in das Herz des Abendlandes zurückgekehrt. Man kann sich fragen, welche Rolle die traumatische Erfahrung des 11. Septembers 2001 im Prozess der Rückkehr zum starken Denken gespielt haben mag: Persönlich habe ich den Eindruck, dass sie den Prozess, wenn nicht ausgelöst, so doch zumindest als Katalysator beschleunigt hat. Ich würde sogar die Hypothese wagen, dass es grundsätzlich keinen Epochenwechsel gibt ohne eine oder mehrere Krisen (im Sinne des griechischen κρίσις, d.h. «des Scheidens, der Unterscheidung»), welche als Geburtshelferinnen des Übergangs fungieren. In einer solchen Perspektive könnte der Erste Weltkrieg als Auslöser des Endes einer ersten (post-)modernen Phase des 20. Jahrhunderts betrachtet werden, die Energiekrise von 1973 hingegen als Abgesang auf die zweite Moderne,21 während sich zum 11. September 2001 mit dem Crash der Wall Street von 2008 ein weiteres Schlüsselereignis der jüngeren Geschichte hinzugesellt, das eine ebenso traumatische Wende markiert, mit Konsequenzen, deren 15


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reale Tragweite noch schwer abzuschätzen ist. Beunruhigend ist nicht zuletzt der oftmals beschworene Vergleich mit der Krise von 1929,22 die den Beginn einer Phase des ‘Realismus’ und ideologischer Fundamentalismen darstellte, wie sie heutzutage eigentlich niemand mehr wiedersehen oder wiedererleben möchte. Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt mitunter (gemäss einem Mark Twain zugeschriebenen Ausspruch), und der Historiker Miguel Gotor scheint mir auf jeden Fall Recht zu haben, wenn er im erwähnten Artikel schreibt, heute sei es dringend nötig, «den Fakten und der Realität wieder kritischen Raum zu geben und damit eine kulturelle Instanz und einen Weg vorzuschlagen, auf dem das historische Wissen mit seinen Methoden eine wichtige gesellschaftliche Funktion übernehmen kann». * Wo, wenn nicht auf dem Gebiet der Finanzen, empfinden wir so tief – und auch so leidvoll –, dass sich etwas verändert hat? Die in den 80er Jahren begonnene Phase einer zügellosen Deregulierung der Finanzmärkte und eines unhinterfragten «Credos des sich selbst regulierenden freien Marktes»23 kann inzwischen als abgeschlossen gelten, auch wenn es noch nicht alle begriffen zu haben scheinen. Zwar brachte diese Phase als willkommenen Effekt einen Boom der Gewinne und Steuereinnahmen mit sich. Auch muss gesagt werden, dass während der 90er Jahre und zu Beginn des neuen Jahrtausends wir alle in der einen oder anderen Form von diesem Boom profitiert haben, wobei wir uns über die banale Wahrheit hinwegtäuschten, dass die ökonomische Entwicklung keine Einbahnstrasse und das kontinuierliche Wachstum unseres Wohlstands alles andere als ein Naturgesetz ist. Der Crash der Wall Street 2008 führte zu einem jähen Erwachen, und es bestehen kaum Zweifel, dass die Ereignisse jenes Jahres für die westliche Welt (und darüber hinaus) eine historische Wende bedeuten. Die Auswirkungen sind heftig; immer noch spüren wir sie (und werden das noch lange tun) auch in vielen anderen Bereichen unserer Wirklichkeit, von der Kultur bis in die Sozialsysteme, ja direkt in die Politik und den – immer prekären – Zustand unserer Demokratien hinein (ein Aspekt, der in der denkwürdigen Begegnung von Giacomo Marramao und Ruth Dreifuss ausgelotet wurde). 16


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Der Vergleich mit der Grossen Depression von 1929 besitzt eine gewisse Plausibilität, und sei es nur wegen des Umstands, dass die Schere zwischen den mittleren Arbeitnehmergehältern und denen der Topmanager – treffend der Titel eines Artikels zum Thema in der New York Times «Boardroom Bonanza»24 – noch nie so weit wie heute auseinanderklaffte ausser vor 1929.25 Eine weitere Bestätigung erhält der Vergleich noch durch eine andere Tatsache: Mit Ben Bernanke stand der Leitung der Federal Reserve von Februar 2006 bis Januar 2014 paradoxerweise ein Wirtschaftswissenschaftler vor, der vertieft über die Grosse Depression geforscht hat. In einer Vorlesung, gehalten an der George Washington University im März 2012,26 stellte er persönlich klar, dass die FED seit 2008 mit allen verfügbaren Mitteln und um jeden Preis versuche, eine Wiederholung der katastrophalen Geschichte von 1929 zu vermeiden. Hoffen wir, dass er mit dieser titanischen Unternehmung Erfolg hat und dass die gewählte Medizin anschlägt. Denn andernfalls – d.h. wenn uns die Massnahmen zur Krisenbekämpfung (das Hineinpumpen von Milliarden um Milliarden ins Finanzsystem, sog. quantitative easing, unter Beibehaltung niedrigster Zinssätze bis 2015, wodurch eine weitere Entwertung des Dollars begünstigt wird) vielmehr in eine neue Krise stürzen sollten, die sich leicht als noch schwerwiegender erweisen könnte – wären auch die politischen Perspektiven alles andere als beruhigend. Alle kennen die Umwälzungen, die in den 30er Jahren passiert sind. Erste Signale in diese Richtung sind nicht zu übersehen: Man braucht sich nur die in Ungarn, Griechenland und darüber hinaus immer weiter verbreiteten nationalistischen und anti-europäischen Tendenzen anzusehen. Andrerseits gibt es aber auch die Bewegungen der Empörten, die 2011/12 mehr oder minder gleichzeitig an verschiedenen Orten der Welt aufgekommen sind. Wenngleich ihr Schwung in der letzten Zeit etwas nachgelassen hat, können sie dennoch als ein weiteres Signal dafür gelten, dass sich etwas verändert: Nach einer lange währenden Apathie – in unseren Weltgegenden gekoppelt an einen starken, für den ‘Spätkapitalismus’ (Frederic Jameson) typischen Konsumismus – entdecken die jungen Leute, und nicht nur sie, offenbar die Wichtigkeit eines starken staatsbürgerlichen Engagements neu, nehmen ihr Schicksal wieder in die eigene Hand und kämpfen für eine bessere Zukunft der Gesellschaft. Die Künst17


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ler spielen in diesen Bewegungen oft eine zentrale Rolle: Nicht zufällig hatte Artur Żmijewski, Leiter der Berlin Biennale 2012, ganz auf die Erforschung der Wirkungen gesetzt, welche die Kunst auf die Gesellschaft und die soziopolitische Realität ausüben kann, und das ISR war, zusammen mit anderen europäischen Kunstinstitutionen, zu «Solidaritätsaktionen» in Übereinstimmung mit dem Thema der BB7 eingeladen.27 * Apropos Kunst und ‘Postmoderne’: Einer der scharfsinnigsten Literaturkritiker, der Amerikaner Brian McHale, hat diesbezüglich ausgesprochen nuancierte Beobachtungen angestellt. In einem Interview28 hob er unter anderem hervor, dass die ‘Postmodernismen’ der verschiedenen Disziplinen tatsächlich ziemlich verschieden sind: «Einige Disziplinen haben starke Postmodernismen, in dem Sinne, dass es nahezu unvorstellbar ist, die Geschichte dieses Bereichs zu behandeln, ohne den Begriff zu gebrauchen» – als Beispiele nennt er Literatur, Tanz, Architektur –, «und andere Disziplinen haben schwache Postmodernismen, in dem Sinne, dass viele Leute bestens ohne diese Begriffe auskommen». Zu letzteren zählt er auch die bildenden Künste: «Natürlich könnte man im Bereich der bildenden Künste von Postmoderne sprechen, aber nicht so zwingend wie im Tanz und in der Architektur». Hochinteressant ist sodann auch seine Feststellung, dass sich nicht alle Bereiche unserer Realität gleichzeitig verändert und ‘postmodernisiert’ haben, sondern dass es asymmetrische und ungleiche Entwicklungen gibt, und dies aus einem nahe liegenden Grund: «Auch wenn der Wandel von der (mutmasslich einförmigen) ‘kulturellen Logik’ eines historischen Augenblicks vorangetrieben wird, so wird der kulturelle Wandel auch vorangetrieben durch interne Dynamiken der einzelnen Bereiche, welche von einem zum anderen Bereich verschieden sind.»29 Diese verschiedenen caveat gilt es in der Diskussion über einen allfälligen Epochenwandel von der Postmoderne zu einer neuen, ‘realistischeren’ Phase zu bedenken, und aus diesem Grund haben wir in den Diskursen zur Aktualität bewusst auch für Protagonistinnen der zeitgenössischen Kunst wie Bice Curiger und Jacqueline Burckhardt Raum gelassen, deren einflussreiches Wirken auf Kontinuität und Partnerschaften mit Künstlern basiert, die sich über lange Zeitspannen erstrecken. Für sie ist die individuelle Sprache 18


Einleitung

eines grossen Künstlers sehr viel wichtiger als dessen Beziehung und Interaktion mit einem eventuellen ‘Zeitgeist’ oder einem globalen Konzept wie der ‘Postmoderne’. Kritisch in dieser Hinsicht haben sich andere Redner wie der Nobelpreisträger Richard Ernst geäussert, in dessen Beitrag jedenfalls, nicht anders als in jenem von Giuseppe Longo, energisch auf einen Kurswechsel der gesamten Menschheit gedrungen wird. Trotz der Besonderheit der ‘internen Dynamiken’ in den verschiedenen Bereichen, die in diesem Band behandelt werden: Die Notwendigkeit einer vertieften Reflexion über die Grundlagen unseres Daseins und unseres Handelns, als Individuen wie auch in Gemeinschaft, scheint in Zeiten des Wandels und des Übergangs, wie wir sie gerade durchleben, ausser Frage zu stehen.*

Anmerkungen 1 Vgl. http://www.istitutosvizzero.it/eventi/calendario/scienze/tra-il-pensierodebole-e-il-ritorno-dei-pensieri-forti? (Zugriff am 24.07.2013 um 17:30). 2 Vgl. http://nuovorealismo.wordpress.com (Zugriff am 24.07.2013 um 17:30). 3 Siehe hierzu Historisches Wörterbuch der Philosophie (HWPh), Stichwort Modern, die Moderne und Modernismus, 6 (1984), S. 54ff. 4 Zur Geschichte des Begriffs vgl. Wolfgang Welsch, Unsere postmoderne Moderne, 7. Aufl., Berlin 2008, S. 12ff.; auch HWPh, Stichwort Postmoderne, 7 (1989), S. 1141ff. 5 Vgl. Jean-François Lyotard, La condition postmoderne. Rapport sur le savoir, Paris 1979. Maurizio Ferraris unterstreicht in seinem unten abgedruckten Beitrag die ebenfalls ausserordentliche Bedeutung des Buchs von Richard Rorty, das im selben Jahr 1979 erschien (Philosophy and the Mirror of Nature, Princeton). 6 Vgl. HWPh, Stichwort Realismus, 8 (1992), S. 171ff. 7 Ausdrücklich betont dies Giacomo Marramao, La passione del presente. Breve lessico della modernità-mondo, Torino 2008, S. 28: «Phasen und Epochen folgen in der Geschichte nicht in der Weise aufeinander, dass dabei klare Anfangsoder Endpunkte gesetzt würden»; Marramao spricht entsprechend lieber von einem «Übergang von der Nationen-Moderne zur Welt-Moderne» (S. 29) [unsere Übersetzung]. 8 Siehe hierzu Beniamino Placido, «Barocco e Scirocco» (Rezension des Buchs von Omar Calabrese, L’età neobarocca), in: la Repubblica, 15. Juli 1987, S. 27. 9 Vgl. auch Stefano Rosso und Carolyn Springer, «A Correspondence with Umberto Eco (Genua, Bologna, Binghamton, Bloomington August–Septem­ber, 1982 March–April, 1983)», Boundary 2, 12, 1 (1983), S. 2.

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Christoph Riedweg 10 Sehr erhellend hierzu die Zeichnung von Ch. Jencks im Artikel von Guia Soncini, «Postmoderno a chi?», in: la Repubblica D, 26. November 2011, S. 128f. Aus: Charles Jencks, «Post-Modernism Comes of Age», in: Glenn Adamson, Jane Pavitt (Hg.), Postmodernism. Style and Subversion, 1970–1990, London 2011, 276f. 11 Ausserhalb der westlichen Welt dürfte die Postmoderne vermutlich keine vergleichbar wichtige Rolle gespielt haben. 12 Vgl. auch Wolfgang Maderthaner; Lutz Musner, Die Selbstabschaffung der Vernunft. Die Kulturwissenschaften und die Krise des Sozialen (Wiener Vorlesungen im Rathaus 3), Wien 2007; Maurizio Ferraris, Manifesto del nuovo realismo, Roma, Bari 2012. 13 Vgl. z.B. Beat Wyss, Nach den grossen Erzählungen, Frankfurt am Main 2009, S. 16ff. 14 Der Wandel erfolgt paradoxerweise in einem historischen Moment, in dem die virtuelle Welt mit ihren simulacra immer mehr die Oberhand gewinnt. 15 Markus Vinzent, «Re-modernities: or the volcanic landscapes of religion», in: Journal of Beliefs & Values 32,2 (2011), S. 143ff. 16 Edward Docx, «Addio Postmoderno – Benvenuti nell’era dell’autenticità», in: la Repubblica, 3. September 2011, S. 35ff. [unsere Übersetzung]. 17 Thukydides, Der Peloponnesische Krieg, 1, 22, 4, übers. von August Horneffer, durchgesehen von Gisela Strasburger, Wiesbaden 2010, S. 77f. 18 Vgl. Jeremy Grant, «Learn from fall of ancient Rome, official warns US», in: Financial Times, 14. August 2007, S. 4. 19 Vgl. Stuart Woolf, «The changing role of history and of historians over the past half century», in: Storia della storiografia 52 (2007), S. 3ff. 20 Woolf, S. 17. 21 Vgl. Achille Bonito Oliva, «Il postmoderno non è un paio di occhiali, Gespräch zwischen Maurizio Ferraris und Achille Bonito Oliva», in: alfabeta2 23 (Oktober 2012), S. 34. 22 Interessant auch die Beschreibung der Atmosphäre im Paris der Jahre unmittelbar vor der Grossen Depression, wie sie in den Worten von Irène Némirovsky aus ihrem Roman Feuer im Herbst (Übersetzung von Eva Moldenhauer, München 2008, S. 141) zum Ausdruck kommt: «‘Komm und nimm’, sagten Männer und Frauen. ‘Frage dich vor allem nicht, ob es gut oder schlecht ist. Es ist eine glückliche und skrupellose Zeit.’» 23 Vgl. Guido Rossi, «Derivati e regole. Il grande assente al casinò della finanza», in: Il Sole 24 ore, 13. Mai 2012, S. 1 und 10; auch Andreas Wirsching, Der Preis der Freiheit. Geschichte Europas in unserer Zeit, München 2012, S. 392ff. 24 Vgl. Natasha Singer, «Boardroom Bonanza. The Median Pay for C.E.O.’s Is $14.1 Million: U.S. Worker Salaries Average $45,230», in: The New York Times, Beilage zu la Repubblica, 16. April 2012, S. i und iv; Massimo Giannini, «Se il manager è pagato 380 volte più dell’impiegato», in: la Repubblica A&F, 23. April 2012, S. 1.

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