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Das Wirklichkeitsproblem in Transzendentalphilosophie und Metaphysik

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Der vorliegende Band versammelt die Texte der gleichnamigen internationalen Tagung, die vom 25. bis zum 27. November 2011 auf Einladung der Heinrich Barth-Gesellschaft in Basel stattfand. Nebst einer Kontextualisierung von Barths Denken widmen sich die Autoren dem Verhältnis von Barths Wirklichkeitsbegriff zur kantianischen und neukantianischen Transzendentalphilosophie. Während das Wirklichkeitsproblem dort tendenziell ausgeklammert wird, zeigen die verschiedenen Beiträge, wie Barth die Wirklichkeit in einen erweiterten transzendentalphilosophischen Rahmen integriert. Vielseitige Perspektiven beleuchten das Werk Barths: Bisweilen stehen Themen der Bewusstseinsphilosophie oder der Existenzphilosophie im Vordergrund, bisweilen sind es geschichtsphilosophische, ästhetische oder kulturgeschichtliche Schwerpunkte. In diesem breiten Spektrum erweist sich Barths Stellung als eine Position zwischen den Positionen, die sich in einem Wedernoch einerseits und einem Zusammendenken unvereinbarer Positionen andererseits manifestiert: Das Wirklichkeitsproblem kommt weder in der Metaphysik noch in der Transzendentalphilosophie gebßhrend zur Geltung, lässt sich aber auch nicht unabhängig von diesen grossen geschichtlichen MÜglichkeiten des philosophischen Gedankens fassen. Dr. Christian Graf studierte nach einer Ausbildung zum Musiker (Lehrdiplom fßr Klavier) Philosophie, Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Musikwissenschaft an der Universität Basel (Promotion 2007). Er ist Präsident der Heinrich Barth-Gesellschaft und Mitwirkender am Philosophicum in Basel. Prof. Dr. Harald Schwaetzer ist nach Stationen in Trier, Mßnster und Brßssel Professor fßr Philosophie an der Alanus Hochschule fßr Kunst und Gesellschaft in Alfter bei Bonn. Schwaetzer ist Mitglied des Direktoriums der gemeinsamen wissenschaftlichen Einrichtung der Hochschulen von Alfter, Mainz, Oldenburg und Trier an der Kueser Akademie fßr Europäische Geistesgeschichte.

Das Wirklichkeitsproblem. Heinrich Barth im Kontext

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STUDIEN ZUR GESCHICHTE DER WISSENSCHAFTEN IN BASEL NEUE FOLGE

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Das Wirklichkeitsproblem in Transzendentalphilosophie und Metaphysik Heinrich Barth im Kontext

Herausgegeben von Christian Graf und Harald Schwaetzer

Graf ¡ Schwaetzer

STUDIEN ZUR GESCHICHTE DER WISSENSCHAFTEN IN BASEL NEUE FOLGE

, 6 % 1

Schwabe Verlag Basel www.schwabeverlag.ch

SCHWABE


STUDIEN ZUR GESCHICHTE DER WISSENSCHAFTEN IN BASEL NEUE FOLGE 9

I M A U F T R A G D E S R E K TO R S D E R U N I V E R S I T Ä T B A S E L HERAUSGEGEBEN V O N H A N S - P E T E R M AT H Y S , W O L F G A N G R O T H E R U N D R U D O L F WA C H T E R


DAS WIRKLICHKEITSPROBLEM IN TRANSZENDENTALPHILOSOPHIE UND METAPHYSIK H E I N R I C H B A RT H I M K O N T E X T

HERAUSGEGEBEN VON C H R I S T I A N G R A F U N D H A R A L D S C H WA E T Z E R

S C H WA B E V E R L A G B A S E L


Publiziert mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung.

© 2014 by Schwabe AG, Verlag, Basel Gesamtherstellung: Schwabe AG, Druckerei, Muttenz/Basel Printed in Switzerland ISBN 978-3-7965-3249-8 www.schwabeverlag.ch


Inhalt

Vorwort  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 Christian Graf, Harald Schwaetzer

ER ST ES K A PI T EL

Kantianischer und neukantianischer Kontext Christian Krijnen Anerkennung, Wirklichkeit und praktische Vernunft im Neukantianismus  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 Ernst Wolfgang Orth Die Rehabilitierung der Wirklichkeit als Kultur in ­Phänomenologie und Neukantianismus  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53 Kirstin Zeyer Heinrich Barths Philosophie der Praktischen Vernunft mit Blick auf die Wirklichkeitsproblematik  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65 Michael Hofer Reine Anschauung. Heinrich Barth und Kant   . . . . . . . . . . . . . . . . . 79


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Inhaltsverzeichnis

Z W EI T ES K A PI T EL

Systematische Positionen Thomas Rentsch Transzendenz und Wirklichkeit. Kritisch-hermeneutische Analysen mit Thesen zu Heinrich Barth  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101 Claus-Artur Scheier Begriff und Erscheinung. Heinrich Barths Grundlegung einer Philosophischen Systematik  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121

DR I T T ES K A PI T EL

Positionen im Vergleich Christian Danz Neukantianische Existenzphilosophie. Paul ­Tillich und Heinrich Barth  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137 Renate Schindler Transzendentaler Ursprung und fundamentales Lebensgesetz – Überlegungen zum Begriff der Geschichte bei Hermann Cohen und Heinrich Barth  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153 Wolfgang Christian Schneider Die Transcendenz des Erkennens von Edith Landmann und die Wirklichkeitsauffassung bei Heinrich Barth  . . . . . . . . . . . . 201 Christian Graf Position zwischen den Positionen – H ­ einrich Barth im Kontext  . . . 221

Siglen  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 243 Zu den Autoren  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 245 Personenregister  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 249


Vorwort Christian Graf, Harald Schwaetzer

Der vorliegende Sammelband geht zurück auf eine unter derselben Überschrift «Das Wirklichkeitsproblem in Transzendentalphilosophie und Metaphysik» durchgeführte Tagung, die auf Einladung der Heinrich Barth-­ Gesellschaft vom 25. bis 27. November im Philosophicum in Basel stattgefunden hat. Die Tagung konnte an mehrere frühere Kolloquien zur Philosophie Heinrich Barths anknüpfen (2004 in Prag, 2006 in Trier ­sowie zuletzt 2009 in Loccum).1 Erstmals beherbergte damit Basel, wo Barth während vierzig Jahren gelehrt und gewirkt hat, eine solche Veranstaltung,2 die jedoch im Unterschied zu den beiden vorangegangenen und im Sinne einer Erweiterung des Gesichtskreises die Bezugnahme auf Barth nicht zur Pflicht erklärte. Erfreulicherweise sind aber selbst die beiden einzigen Texte dieses Bandes, die Barth nicht unmittelbar berühren – sie stehen am Anfang – , indirekt sehr wohl auf diesen bezogen, thema­tisieren sie doch in erhellender Weise den Kontext, aus dem Barths Denken hervorgegangen ist. 1

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Hans Rainer Sepp; Armin Wildermuth (Hg.): Konzepte des Phänomenalen. Heinrich Barth – Eugen Fink – Jan Patočka, Würzburg 2010. Harald Schwaetzer; Christian Graf (Hg.): Existenz. Facetten, Genese, Umfeld eines zentralen Begriffs bei Heinrich Barth, Regensburg 2007. Christian Graf; Harald Schwaetzer; in Verbindung mit Andreas Siemens (Hg.): Existentielle Wahrheit. Heinrich Barths Philosophie im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft, Kunst und christlichem Glauben, Regensburg 2010. Wenn man von dem kleinen eintägigen Kolloquium gemeinsam mit der Hermann Cohen-Gesellschaft am 31. Oktober 2009 absieht, dessen Beiträge nicht veröffentlicht worden sind.


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Christian Graf, Harald Schwaetzer

Christian Krijnen geht in seinem Beitrag vor allem anhand des Denkens Heinrich Rickerts den problematischen Konsequenzen nach, die sich aus einer Universalisierung des Sollens und der praktischen Vernunft im Zeichen der Kantischen Formel vom «Primat der praktischen Vernunft» für das System der Philosophie, andererseits aber auch für einen Begriff des spezifisch Praktischen ergeben. Selbstgestaltung und Selbsterkenntnis sind die beiden Schlüsselbegriffe, die seine an Hegel orientierte Darstellung strukturiert und von denen her ein kritisches Licht auf die Wendung des Neukantianismus hin zu einer Kulturphilosophie fällt. Nahm Krijnen das Wirklichkeitsproblem anhand der Frage nach der systematischen Stellung von Anerkennung, Verwirklichung und praktischer Vernunft von einem objektiv-idealistischen Standpunkt auf, so bezieht sich die Exposition der Problemlage bei Ernst Wolfgang Orth auf den Standpunkt einer subjektiv-idealistischen Bewusstseinsphilosophie. Dilthey, Husserl, sowie die Neukantianer Cassirer und Hönigswald, die er für seine Überlegungen heranzieht, rücken in dieser Perspektive näher zusammen, als man dies in anderen Darstellungen findet. Ausgangspunkt ist die bei Dilthey als «Satz der Phänomenalität» formulierte These, dass alle Wirklichkeit zunächst Wirklichkeit für ein Bewusstsein und uns deshalb nie anders als schon durch dieses zumindest mitkonstituiert gegeben sei. Das, was wir gemeinhin unter Wirklichkeit verstehen, wird dadurch in zweierlei Hinsicht relativiert. Einerseits wird die Wirklichkeit, in der wir leben, als ein keineswegs von unserem Erkennen unabhängiges Sein durchschaut und läuft im Extremfall gar Gefahr, sich als blosses Konstrukt zu erweisen. Andererseits handelt es sich bei dem konstituierenden Bewusstsein, als das wir leben, um ein weltloses, transzendentales Subjekt, das seinerseits nicht als Wirklichkeit, im Sinne des vom ihm Konstituierten, gesetzt werden, aber doch auch selbst wieder nicht als blosses Konstrukt eingeführt werden darf. Orth beschreibt anhand der vier erwähnten Denker, wie es im Zeichen eines Konzepts von Kultur, das diese als intersubjektiven und subjektiv-objektiven Sinn- und Interaktionszusammenhang versteht, zu einer Rehabilitierung der Wirklichkeit kommt. Wirklichkeit, kultural verstanden, ist dieser ganze Sinn- und Interaktionszusammenhang, den wir auch prozessual als Geschichte deuten können. Den Ausgangspunkt bildet dabei eine kritische Bemerkung Diltheys gegenüber Locke, Hume und Kant: In den Adern des von ihnen konstruierten erkennenden Subjekts rinne «nicht wirkliches Blut, sondern der verdünnte Saft von


Vorwort

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Vernunft als bloßer Denktätigkeit». So gehe es zunächst darum, die spezifische Wirklichkeit des erkennenden Subjekts näher zu bestimmen. Was die von Orth nachgezeichnete Entwicklung hin zu einer Kulturphilosophie in einen scharfen Gegensatz zu Heinrich Barth treten lässt, ist die Einebnung der Differenz zwischen theoretischer und praktischer Vernunft, die aus der Universalisierung des Praktischen folgt, wie sie der Beitrag von Christian Krijnen problematisiert. Der Beitrag von Kirstin Zeyer widmet sich nun gerade wieder jener Abgrenzung der praktischen von der theoretischen Vernunft, an der Barth auf der Suche nach dem «autonomen Sinn der Praktischen Vernunft»3 so sehr gelegen ist. Kirstin Zeyer hat schon bei früherer Gelegenheit eine Darstellung leitender Thesen der Philosophie der Praktischen Vernunft vorgelegt,4 die auch für den Text in diesem Band die Vorlage bildet. Zeyer geht aus von gewissen Elementen aus Barths Wissenschafts- und Theoriekritik im Blick auf eine angemessene Erfassung dessen, was wir gemeinhin Wirklichkeit nennen, und sieht dort wie auch in der mit dieser Kritik verbundenen Unterscheidung der praktischen gegenüber der theoretischen Vernunft Parallelen zu einem anderen wenig rezipierten Denker, nämlich Hugo Dingler. Eine entscheidende Gemeinsamkeit scheint in der Betonung der Einsicht zu liegen, dass Wirklichkeit als «Fall» eines allgemeinen Sachverhalts niemals adäquat begriffen wird. Zeigt die von Kirstin Zeyer thematisierte Philosophie der Praktischen Vernunft Barths Anschluss an Kant bzw. den Neukantianismus mit Blick auf das Grundprinzip des kritischen Idealismus, wie Barth es eigenständig interpretiert und auf die praktische Problematik überträgt, so rückt der Beitrag von Michael Hofer Barths Anschluss an den Kant der Kritik der Urteilskraft bzw. die Auseinandersetzung mit dem Problem der «reinen Anschauung» ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Hofer verfolgt Heinrich Barths Kantbezug unter dem Blickwinkel des Ästhetischen durch die gut vier Jahrzehnte seiner philosophischen Wirksamkeit. Dabei bezieht er einen sehr umfangreichen Textkorpus bis hin zu noch kaum oder gar nicht beachteten Texten (so die Kant-Darstellung in der sozialistischen Wochenzeitung Der Aufbau von 1924) sowie Manuskripte aus dem Nachlass in seine Untersuchung mit ein. 3 4

PV 59. Das Verzeichnis der Siglen befindet sich auf den S. 243–244. Bull. 11 (2004) 6–30.


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Christian Graf, Harald Schwaetzer

Thomas Rentsch geht von der These aus, dass Wirklichkeit nicht ohne Transzendenz und diese nicht ohne Bezug auf jene zu begreifen sei. Schon diese Grundthese wie dann auch weitere Aspekte seiner Ausführungen zeigen eine staunenswerte Übereinstimmung mit der Position Heinrich Barths.5 Rentsch entwickelt seinen Ansatz zunächst jedoch völlig ohne Bezugnahme auf Barth. Er unterscheidet drei Transzendenz-Dimensionen: die ontologischkosmologische, die existentielle und interexistentielle Transzendenz sowie die Transzendenz der Sprache, wobei er die Gleichursprünglichkeit dieser Dimensionen betont. Entscheidender Brennpunkt von Rentschs Darlegungen ist der enge Zusammenhang zwischen Negativität und Sinnkonstitution, Begrenzung und Begründung, der auch für Heinrich Barth von zentraler Bedeutung ist.6 Rentsch beschliesst seinen Beitrag, indem er verschiedene wichtige Entsprechungen sowohl methodischer wie inhaltlicher Art zwischen seinem Ansatz und demjenigen Barths aufzeigt. Claus-Artur Scheier widmet sich als erster in der Barth-Forschung einer genauen Analyse von Heinrich Barths Logik des Urteils, wie er sie in seinem kurz nach seinem Tod veröffentlichten Hauptwerk Erkenntnis der Existenz expliziert hat. Und zwar erfolgt diese Analyse vor dem Hintergrund des modernen, metaphysikkritischen Differenzdenkens, in dessen Matrix sich Barths Bestimmung der Relation von Erscheinung und Eidos Punkt für Punkt eintra­ gen lässt, ohne dass dabei der Systemgedanken verabschiedet wird. Scheier zeigt freilich auch auf, in welcher Weise sich dadurch Charakter und Begriff einer philosophischen Systematik verändern. Die Untersuchung lässt hervortreten, wie Barth schon auf dieser elementaren, die ontologisch-gnoseologische Grundlegung betreffenden Stufe der Explikation seiner philosophischen Systematik diejenige Umorientierung im Auge hat, die er am Ende seines Hauptwerkes im Sinne des Primates der Existenzphilosophie vor der Ontologie abschliessend begründen wird. In diesem Zusammenhang weist Scheier überdies auf eine in der Barth-Forschung bisher nicht gebührend herausgestellte und sehr bedeutsame Entscheidung in der systematischen Grundle5

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Der Heinrich Barth gewidmete Beitrag von Christian Graf zum Sammelband Philosophie in Basel trägt den Titel: «Wirklichkeit und Transzendenz»; vgl. Emil Angehrn; Wolfgang Rother (Hg.): Philosophie in Basel. Prominente Denker des 19. und 20. Jahrhunderts, Basel 2011, 124–138. Vgl. das Kapitel «Die Existenz in ihrer Begrenzung und in ihrer Kontingenz» in Erkenntnis der Existenz (EE 485–549, v.a. 501).


Vorwort

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gung Barths hin: Er möchte das Moment der Auslegung «grundsätzlich und eindeutig» in den Begriff des Systems einbeziehen.7 Christian Danz stellt Heinrich Barth Paul Tillich gegenüber, und zwar im Blick auf den beiderseitigen Beitrag zu einer Existenzphilosophie auf neukantianischer Grundlage. Wie schon in seinen früheren Texten zu Heinrich Barth geht er von einem Grundtypus reflexiver Erkenntnisbegründung aus, mit dem verschiedene Denker in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts den Anschluss an die idealistische Tradition wahren und in dem sie zugleich den Rahmen finden, ihr Denken in Richtung auf «vollzugsgebundene Theorien der Existenz» weiterzuentwickeln. In der Tat ist damit eine Perspektive angedeutet, welche die Entwicklung der Barthschen Philosophie aus dem zeitgenössischen Kontext auch dort nachvollziehbar macht, wo sie in der Forschung gelegentlich zu Irritationen Anlass gegeben hat. In einem sehr reichhaltigen Beitrag vergleicht Renate Schindler Heinrich Barth und Hermann Cohen im Blick auf deren Begriff von Geschichte. Schindler rekonstruiert ausführlich die zeittheoretischen, logischen sowie ethisch-praktischen Voraussetzungen von Cohens Geschichtsphilosophie, wobei sie vor allem auch die aus dem jüdischen Glauben stammende Bedeutung einer messianischen Zukunft hervorhebt. An Barth, der Cohen im Prinzip des Ursprungs «die Voraussetzung aller Geschichtsphilosophie» zu verdanken meint, ihm gleichzeitig aber einen Begriff von Geschichte rundum abspricht, richtet sie die ebenso kritische wie in der Perspektive künftiger Nachforschung produktive Frage, ob er nicht aufgrund seiner christlichen Vor­ aussetzungen letztlich einem Primat der Gegenwart verhaftet bleibe, der ihn, im Verbund mit der lebens- und existenzphilosophischen Ausrichtung seiner Philosophie, auch daran hindere, den von ihm so ausgezeichneten Ursprungsbegriff Cohens in einer adäquaten Weise aufzunehmen. Wolfgang Christian Schneider nimmt den Gedanken einer Kontextualisierung des Barthschen Denkens auf und bezieht ihn auf das geistige Klima Basels zur Zeit von Barths Wirken. So leistet der vorliegende Band auch einen Beitrag zur Geistes- und Kulturgeschichte der Stadt Basel. Inbesondere stellt Schneider Barth Edith Landmann gegenüber, die Frau des Nationalökonomen Julius Landmann, die wie dieser dem George-Kreis angehörte. In deren philosophischer Hauptschrift Die Transcendenz des Erkennens erkennt 7

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Christian Graf, Harald Schwaetzer

Schneider – trotz offenkundiger Differenzen – auch wesentliche Gemeinsamkeiten mit Barth, zunächst einmal schon im Ansatz beim Erkenntnisproblem und näherhin dann bei der ontologischen Aufwertung der ästhetischen, künstlerischen Schau. Es gibt eine Stelle in seinem Werk, an der Heinrich Barth selbst das geistige Klima Basels kommentiert, und zwar in einer Weise, in der er damit zugleich seine eigene Philosophie charakterisieren zu können meint: Sache einer guten Philosophie ist es nicht, in Betätigung einer dunklen Eruierung immerfort in das «Sein» hineinzustaunen. Ihre Stimme vernehmen wir nicht aus einer geheimnisvollen Grabestiefe. Wir bekennen uns zu einer Philosophie, die ihr Werk in der Tageshelle des sokratischen «sic et non» vollbringt, in einer wohlartikulierten, reichhaltigen und den Problemen aufgeschlossenen Gedankenführung, die das «Wort» in der Präzision seiner Bedeutung und den «Logos» in der Einheit und Eindeutigkeit des «Systems» seiner sich ausgliedernden Entfaltung in Ehren hält. – Die Stadt am Rheine, in deren Weichbild dieses Buch [die Philosophie der Erscheinung; Ch. G.] entstanden ist, hat sich im vergangenen Jahre ihrer einstigen Zugehörigkeit zum Imperium Romanum erinnert. Wie wir an Jakob Burckhardt ersehen können, entspricht es ihrer Geistesart, nach dem Norden, aber auch nach dem Westen und nach dem Süden die Tore offen zu halten. Indem sie sich einem gewissen urgermanischen Tiefsinn sicher nicht verschließen will, möchte sie doch die Latinität ihrer geschichtlichen Ursprünge nicht verleugnen. Dies sollte auch für die hier gepflegte Kultur des philosophischen Gedankens gelten, und dies, ohne daß auf irgendwelche Tiefe des Denkens verzichtet wird.8

Etwas von diesem offenen Geist war auch an der diesem Band zugrundeliegenden Tagung in den geschichtsträchtigen Räumen des Ackermannshofes, in denen das zwei Monate zuvor neu eröffnete Philosophicum seinen Entfaltungsort gefunden hat, durchaus spürbar. Ein großer Dank gebührt an dieser Stelle der Freiwilligen Akademischen Gesellschaft, der Max GeldnerStiftung sowie der Stiftung zur Förderung der Lebensqualität in Basel und Umgebung für die finanzielle Unterstützung des Anlasses. Zu danken ist auch den an diesem Band beteiligten Autoren und Autorinnen für die ausgezeichnete Zusammenarbeit.

Basel / Alfter, im August 2012 8

PE II 10.

Christian Graf, Harald Schwaetzer


ER ST ES K A PI T EL

Kantianischer und neukantianischer Kontext


Anerkennung, Wirklichkeit und praktische Vernunft im Neukantianismus Christian Krijnen

Wer sich des Wirklichkeitsproblems in Transzendentalphilosophie und Metaphysik annimmt und sich dabei mit dem neukantianischen Beitrag auseinandersetzt, dem kann gerade vor dem Hintergrund einer Tagung, deren Themenstellung nicht zuletzt von Heinrich Barths frühem Werk Philosophie der Praktischen Vernunft (1927) motiviert wurde, die Vielschichtigkeit jenes Problems nicht verborgen bleiben. Während Barth sich ausdrücklich an den ‘kritischen Idealismusʼ der Marburger anschließt und diesen über eine eigenständige Auslegung des Begriffs der praktischen Vernunft in eine Existenzphilosophie zu verwandeln versucht, die ʻtranszendentalʼ begründet sein soll, gibt es auch innerhalb des Neukantianismus eingehende Versuche einer eigenwilligen und weitreichenden Umgestaltung des Begriffs der praktischen Vernunft. In diese Umgestaltung sind die Metaphysik und die Transzendentalphilosophie ebenso einbezogen wie die Thematik der konkreten Subjektivität. Ich beziehe mich auf die Diskussion über den Primat der praktischen Vernunft im südwestdeutschen Neukantianismus und die Folgen, die sie für die systematische Ausgestaltung seiner Philosophie gehabt hat.1 Das 1

Vgl. zu dieser Diskussion Christian Krijnen: Nachmetaphysischer Sinn. Eine problemgeschichtliche und systematische Studie zu den Prinzipien der Wertphilosophie Heinrich Rickerts, Würzburg 2001, 6.1 mit 7.2.3; ders.: Fehlt die konkrete Subjektivität im Neukantianismus? Zur systematischen Bedeutung von H. Rickerts «Zwei Wege der Erkenntnistheorie», in: Zeitschrift für philosophische Forschung 55 (2001) 409–430.


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Christian Krijnen

ʻSollenʼ, für gewöhnlich in engster Weise dem Praktischen zugehörig, bekommt hier einen schlechterdings fundamentalen Sinn, der sich so auch nicht im Marburger Neukantianismus findet.2 Wie in einem Brennpunkt, der zugleich für die Schulmitglieder zum Referenzpunkt wurde, ist die Problemlage versammelt in der Philosophie ihres systematischen Schulhaupts Heinrich Rickert. Daher gehe ich zunächst dem Sachverhalt paradigmatisch bei Rickert nach. Ziel und Zweck meiner Überlegungen ist es, nicht nur die Primatstellung der praktischen Vernunft und die damit einhergehende Universalisierung der praktischen Vernunft als werthafter Grundlage überhaupt herauszuarbeiten, sondern zugleich auf die Frage einzugehen, was denn vom tradierten spezifisch Praktischen nach seiner Universalisierung übriggeblieben ist. Es wird klar werden, daß damit höchst aktuelle, wenn auch unterschätzte und entsprechend zu wenig traktierte Probleme angeschnitten sind. Es wird aber auch klar werden, daß trotz aller Versuche, die praktische Vernunft zu universalisieren und innerhalb ihrer sodann verschiedene ʻKulturgebieteʼ zu unterscheiden, das Verhältnis von theoretischer und praktischer Vernunft sich in sublimierter Form zurückmeldet und Anlaß zu Überlegungen gibt, die mirabile dictu die systemische Anlage neukantianischer Kulturphilosophie in Frage stellen. Vorerst aber ist die angesprochene Vielschichtigkeit des Wirklichkeitsproblems hervorzukehren, denn sie führt schnurstracks auf diese Probleme hin. In einem ersten, vorbereitenden Teil gehe ich ein auf die negative und die positive Dimension des Wirklichkeitsproblems in Rickerts theoretischer Philosophie sowie auf die sich daraus ergebende Axiotisierung der Erkenntnis. In einem zweiten, exponierenden und problematisierenden Teil rückt dann die praktische Philosophie des südwestdeutschen Neukantianismus, speziell der hier wirksame Begriff des Praktischen in den Vordergrund.

2

Vgl. zum Sollen bei Cohen und Natorp Helmut Holzhey: Sein und Sollen. Postmetaphysischer Idealismus bei Cohen und Natorp, in: Christian Krijnen; Ernst Wolfgang Orth (Hg.): Sinn, Geltung, Wert. Neukantianische Motive in der modernen Kulturphilosophie, Würzburg 1998, 139–153.


Anerkennung, Wirklichkeit und praktische Vernunft im Neukantianismus

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I Das Wirklichkeitsproblem Das Wirklichkeitsproblem hat in Rickerts theoretischer Philosophie zwei Dimensionen: eine negative (i) und eine positive (ii). (i) Die negative betrifft überhaupt das Grundproblem derjenigen Disziplin, die im Neukantianismus als prima philosophia fungiert: die Logik oder ʻErkenntnistheorieʼ. Zwar macht die Entwicklung einer transzendentalphilosophischen Kulturtheorie die innere Einheit beider Hauptschulen des Neukantianismus aus, d. i. der Marburger und der südwestdeutschen Schule, so daß es zweifelsohne ein grobes wenn auch weitverbreitetes Mißverständnis ist, im Neukantianismus eine Reduktion von Philosophie auf Erkenntnistheorie zu sehen. Gleichwohl hat die Erkenntnistheorie im Neukantianismus eine besondere Stellung inne: sie ist Erste Philosophie. Als solche hat sie nicht nur eine spezifische Thematik, sondern zugleich eine darüber hinausgehende Bedeutung für das System der Philosophie, deren Methode und Grundbegrifflichkeit sie vorzeichnet, erhebt die Philosophie doch in all ihren Disziplinen Erkenntnisansprüche. Entsprechend ausführlich und umfassend haben die Neukantianer sich mit der Erkenntnistheorie auseinandergesetzt. Für sie ist Erkenntnistheorie allerdings nicht bloß ʻEpistemologieʼ anderer, nicht-philosophischer Erkenntnisse, sondern handelt ebenso von ihrer eigenen, der philosophischen Erkenntnis. Ebenfalls zu beachten ist, das sie eine Theorie ist, in der es um das Denken in seiner Objektivität, um die Objektivität des Denkens geht: es wird das Formale gerade in seiner inhaltskonstitutiven Bedeutung herausgearbeitet. So auch bei Rickert. Sein erkenntnistheoretisches Hauptwerk Der Gegenstand der Erkenntnis ist gänzlich auf die Frage nach dem ʻGegenstandʼ nicht im Sinne irgendeines Objekts, sondern eines Maßstabes und damit des Geltungsgrundes der Erkenntnis abgestellt.3 Der Gegenstand der Erkenntnis qua Geltungsgrund ist ihm «das Grundproblem der Erkenntnistheorie».4 Rickerts Gegenstandsbuch hat argumentationstheoretisch gese3

4

Vgl. dazu ausführlich Krijnen: Nachmetaphysischer Sinn, Kap. 4–6. Der Gegenstand der Erkenntnis. Einführung in die Tranzendentalphilosophie, 6. verb. Aufl., Tübingen 1928, Kap. 1.


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Christian Krijnen

hen zwei Teile, deren erster sich mit der Widerlegung nicht-transzendentaler Gegenstands-, sprich: Geltungsbegründung beschäftigt (Kap. 1–2), während der zweite Teil sich der Entwicklung einer transzendentalphilosophischen Begründungstheorie widmet (Kap. 3–5). Da Rickert den Gegenstand der Erkenntnis als Grund und Ursprung aller Objektivität denkt, liegt es auf der Hand, seinen Gegenstandsbegriff mit Kants Begriff des Transzendentalen zu verbinden. Immerhin stellen sich Kants ʻMöglichkeitsbedingungenʼ als Geltungsprinzipien der Erkenntnis heraus. Ein derartiger Prinzipieninbegriff ist auch Rickerts ʻGegenstandʼ der Erkenntnis, – mit Platon gesprochen: Der ʻGegenstandʼ fungiert als ʻIdeeʼ der Erkenntnis, die aller konkreten Erkenntnis ʻbeiwohntʼ und an der unser faktisches theoretisches Agieren ʻteilhabenʼ soll, wenn es auf ­Erkenntnis von Gegenständen aus ist. Das Sich-Richten-Auf und Sich-­ Bestimmen-Gemäß einem Objektivität verleihenden Geltungsgrund ist wiederum der Grund dafür, daß Rickert die Gegenstandsproblematik als Transzendenzproblematik begreift. Damit schließt er einerseits terminologisch an die philosophische Tradition an; anderseits versteht er das Transzendente und das Problem der Transzendenz jedoch primär geltungsfunktional, geht es ihm in grundlegungstheoretischer Hinsicht doch um die Funktion des Transzendenten als Objektivitätsgrund, sagen wir: um gnoseologische Transzendenz. In seiner Kritik nicht-transzendentalphilosophischer Begründungsmodelle rückt Rickert den historisch wirkungsmächtigen repräsentationalen Erkenntnisbegriff in den Vordergrund. Hier ist Erkenntnis als Vorstellen gedacht, und zwar: als Vorstellen einer Wirklichkeit. Das erkennende Subjekt oder ʻBewußtseinʼ ist entsprechend als vorstellendes Subjekt konzipiert; als Subjekt, dessen Vorstellungen zwecks ihrer theoretischen Geltung, d. h. ihrer Wahrheit, irgendwie mit einer sei’s transzendenten, sei’s immanenten Wirklichkeit ʻübereinstimmenʼ sollen. Dies alles läuft unter dem Titel der altehrwürdigen sog. Korrespondenz- oder Abbildtheorie der Wahrheit. Sie fungiert bei Rickert, aber nicht nur bei ihm, als Chiffre für einen grundsätzlich verfehlten Erkenntnisbegriff.5 5

Vgl. zum Wahrheitsbegriff im Neukantianismus Christian Krijnen: Der Wahrheitsbegriff im Neukantianismus, in: Jan Szaif; Markus Enders (Hg.): Die Geschichte des philosophischen Begriffs der Wahrheit, Berlin, New York 2006, 287–300;


Anerkennung, Wirklichkeit und praktische Vernunft im Neukantianismus

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Die Behandlung des Transzendenzproblems hat nun wiederum ein negatives und ein positives Ergebnis: Gegen die überlieferte Metaphysik argumentiert Rickert, der Maßstab der Erkenntnis könne nicht als transzendente Wirklichkeit konzipiert werden. Gegen den sog. ‘Standpunkt der Immanenz’, d. i. einen Empirismus und (Neo-)Positivismus, der den Geltungsgrund als immanente Wirklichkeit konzipiert, argumentiert Rickert, er schütte mit dem Bad der transzendenten Realität zugleich das Kind eines objektiven Geltungsgrundes aus und mache damit den Geltungsanspruch der Erkenntnis unverständlich. Indes führen Rickerts Überlegungen zu einem transzendenten Ersatz des real-metaphysisch Transzendenten, nämlich zum Transzendentalen. Das Transzendenzproblem transzendentalphilosophisch bewältigen heißt, das Transzendente hinsichtlich seiner Bedeutung für die Objektivität der Erkenntnis und damit hinsichtlich seiner Funktion als Maßstab theoretischer Geltung bestimmen: das Transzendentale ist das geltungsfunktional purifizierte Transzendente; gnoseologische Transzendenz ein reiner Inbegriff von Geltungsprinzipien alles theoretisch Geltenden. Die Transzendenz dieser Prinzipien ist geradezu Index ihrer transzendentalen Apriorität, d. h. Index des Apriorischen in seiner begründenden Funktion. Ohne gnoseologische Transzendenz keine Konkreta. So gesehen repräsentiert Rickerts «Gegenstand der Erkenntnis» das eigentlich Transzendente innerhalb des Theoretischen: dasjenige, was «dawider» (Kant) ist, daß subjektive Willkür herrscht. Kurzum: Das ʻWirklichkeitsproblemʼ ist zunächst die Anzeige eines Scheinmaßstabes für die Geltung unserer theoretischen, wahrheitsreferenten Leistungen.6 Es in einem aktuellen Kontext unter Einbezug des zweiten Teils von Rickerts Gegenstandsbuch weiterzuverfolgen hieße, sich auf die gegenwärtige, primär wissenschaftstheoretisch gemodelte Realismus-Debatte einzulassen – die ich an dieser Stelle aber ihrem Schicksal überlasse.7

6

7

ders.: Vom Abbild zum Begriff: Wahrheit als Übereinstimmung des Denkens mit sich. Erscheint in: Christoph Demmerling; Tomasz Kubalica (Hg.): Bild, Abbild und Wahrheit. Von der Gegenwart des Neukantianismus, Würzburg 2013, 41–58. Freilich nicht bloß für diese, sondern auch für unsere atheoretischen. Vgl. zur Debatte Krijnen: Realism and the Validity Problem of Knowledge, in: Christian Krijnen; Bas Kee (ed.): Philosophy of economics and management & organization studies. A critical introduction, Deventer 2009, 237–264.


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Christian Krijnen

(ii) Für mein Thema ist nämlich primär etwas anderes relevant, das sich im zweiten Teil des Gegenstandsbuchs herausstellt: der Gegenstand der Erkenntnis qua Maßstab muß als Sollen und damit als Wert gedacht werden, und das erkennende Subjekt folglich nicht als vorstellendes, sondern gemäß Kants Vorgaben als urteilendes, damit als Stellung nehmendes und somit als Werte anerkennendes Subjekt. Wie man heute, etwa in der «inferentialistischen» Semantik Brandoms8 sagt: das Subjekt folgt Regeln; oder wie es bei Kant heißt – und nicht umsonst hat Rickert dies als Motto seines Gegenstandsbuchs gewählt9 – die Beziehung unserer Vorstellungen auf einen Gegenstand ist in einer Regel gegründet. Durch ihren Gegenstands- und damit ihren Geltungsbezug werden Vorstellungen erst geltungsdifferente, auf den Wert der Wahrheit als Orientierungsdeterminante des erkennenden Subjekts bezogene Vorstellungen: sie werden Erkenntnisgebilde. Entsprechend faßt Rickert das Erkennen als ein wertgeleitetes alternatives Stellungnehmen und folglich als ein Anerkennen von Werten, sind diese doch (subjektiv gesehen) das Wozu des Stellungnehmens. Ein erkennendes Subjekt ist ein Werte qua Orientierungsdeterminanten anerkennendes Subjekt. Es macht sich den Wert der Wahrheit zu seiner Bestimmung und ist darauf aus, sich gemäß dieser Bestimmung zu verhalten. Damit unterwirft es sich einem ʻSollenʼ, d. h., es ist auf den Gegenstand der Erkenntnis bezogen als dasjenige, das seinem theoretischen Verhalten Gültigkeit verleiht. Dieser objektive Geltungsgrund subjektiven Agierens ist freilich keine dem Subjekt äußerliche Macht, sondern eine Selbstgestaltungsdeterminante des Subjekts, mit dessen Geltungsansprüchen also immanent verbunden. Indem das Subjekt sich unter die Normierung der Geltungsprinzipien stellt, überformt es seine Realbestimmtheit durch Geltungsbestimmtheit. Damit wird die Doppeldimensionalität der Erkenntnis greifbar, die im südwestdeutschen Neukantianismus nicht zuletzt im Kontext der von Lask angestoßenen Diskussion um den sogenannten Primat der praktischen Ver8 9

Robert Brandom: Making it explicit. Reasoning, representing, and discursive commitment, Cambridge u.a. 1994. «Wenn wir untersuchen, was denn die Beziehung auf einen Gegenstand unseren Vorstellungen für eine neue Beschaffenheit gebe, und welches die Dignität sei, die sie dadurch erhalten: so finden wir, daß sie nichts weiter thue, als die Verbindung der Vorstellungen auf eine gewisse Art nothwendig zu machen und sie einer Regel zu unterwerfen» (KrV B 242).


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