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Jean-Michel Wissmer
Die Geschichte ist im Grunde so einfach, dass man sie in einem einzigen Satz zusammenfassen könnte: Ein kleines Mädchen erfährt das Glück, in den Bergen zu leben, und strahlt dieses wunderbare Gefühl in seine Umgebung aus. Ja, alle kennen Heidi, aber wer hat das Buch wirklich gelesen? Das vorliegende Buch blättert mit kindlichem Herzen und den Augen eines Erwachsenen Seite um Seite des Klassikers um – ohne Hast und offen für so manche Überraschung, die der berühmte Roman für uns bereithält.
Heidi
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Jean-Michel Wissmer
Heidi
Ein Schweizer Mythos erobert die Welt
I S B N 978-3-7965-3247-4
Schwabe Verlag Basel www.schwabeverlag.ch
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783796 532474
Die Geschichte Heidis ist allseits bekannt: ihre unbeschwerte Kindheit in der pastoralen Idylle der Alp, ihr erzwungener Umzug in die moderne Lebenswelt der Stadt und ihre glückliche Rückkehr in die Berge. Angesichts des weltumspannenden und anhaltenden Erfolgs des Romans – er wurde seit 1880 in über fünfzig Sprachen übersetzt – wollte Jean-Michel Wissmer es jedoch etwas genauer wissen und hat die Geschichte von Heidi neu gelesen. Wissmer kontextualisiert den Roman in seiner Entstehungzeit, indem er etwa auf Vorstellungen über Pädagogik und Psychologie des späten 19. Jahrhunderts eingeht, damalige Hygienekonzepte, Migration sowie den Tourismus: Die Menschen wollten damals bereits der industrialisierten Welt entfliehen und in der unberührten Natur der Berge neue Kraft schöpfen. In dieser Sehnsucht nach einer unberührten Natur sieht Wissmer denn auch einen Grund für die Aktualität des Romans und die Faszination, die er noch heute auf viele Menschen ausübt. Aber Wissmer weist nach, dass das Bild der Berge und der Schweiz, das so häufig mit der Geschichte in romantisierender Weise assoziiert wird, im Roman differenzierter gestaltet ist. Denn dieser zeigt nicht lediglich eine Idylle, sondern einen Lebensraum, der keineswegs ungetrübt ist von Armut, Krankheit und sozialen Spannungen. Auch die Autorin, von der er zu Recht sagt, dass sie heute trotz des grossen Erfolgs ihres Buches fast vergessen ist, erhält ein deutlicheres Profil: Johanna Spyri, Tochter der mystischen Dichterin Meta Heusser, führte im Zürich der Mitte des 19. Jahrhunderts ein bürgerliches Leben und pflegte mit Persönlichkeiten wie Conrad Ferdinand Meyer und Richard Wagner Umgang. Sie wird als tief religiös beschrieben und als eine Frau, die mit Depressionen zu kämpfen hatte. Jean-Michel Wissmer ist Doktor der Literaturwissenschaft, Essayist, Schriftsteller und Dramaturg. Er ist Autor mehrerer Bücher, darunter La Religieuse mexicaine, Sor Juana Inès de la Cruz, ou le scandale de l’écriture und eines Theaterstücks, Songe d’une Soeur, das im Winter 2010 im Theater Pitoëff in Genf uraufgeführt wurde und im März 2014 unter dem Titel Sueño de Monja auf Spanisch erscheint. Ernst Grell lebt in Basel und arbeitet als Übersetzer mit Schwerpunkt Geisteswissenschaften. Mitarbeit u.a. am Historischen Lexikon der Schweiz, der Zeitschrift für pädagogische Historiographie und der Geschichte der Schweiz, die 2014 im Schwabe Verlag erscheint.
Jean-Michel Wissmer
Heidi Ein Schweizer Mythos erobert die Welt Aus dem Franzรถsischen von Ernst Grell
Schwabe Verlag Basel
Publiziert mit Unterstützung von Pro Helvetia
der Ernst Göhner Stiftung
und der Fondation Oertli Stiftung
Schwabe reflexe 32 Copyright © 2014 Schwabe AG, Verlag, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. © Originalausgabe: 2012 Éditions Metropolis © Porträt von Anna Fries, Schweizerisches Institut für Kinder- und Jugend medien SIKJM, Zürich Illustrationen Inhalt: Friedrich Wilhelm Pfeiffer Illustration Umschlag: Karl Mühlmeister Lektorat: Angela Zoller, Schwabe Umschlaggestaltung: Heike Ossenkop, h.o.pinxit //editorial design, Basel Schrift: Quadraat Gesamtherstellung: Schwabe AG, Muttenz/Basel, Schweiz Printed in Switzerland ISBN Printausgabe 978-3-7965-3247-4 ISBN eBook (epub) 978-3-7965-3248-1 rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch
FĂźr Edward, der bereit war, mit mir im Heidiland eine Reise zurĂźck in die Kindheit zu unternehmen.
Dort oben ist’s gut sein, da können Leib und Seele gesunden, und man wird wieder seines Lebens froh. Johanna Spyri, Heidi kann brauchen, was es gelernt hat Mein äusserer Lebensgang ist sehr einfach und hat durchaus nichts Besonderes aufzuweisen. Der innere war sturmvoller, wer kann den erzählen? Johanna Spyri, Briefe Il n’y a peut-être pas de lecture plus attrayante pour tous les âges que celle d’un bon livre d’enfants. Alexandre Vinet
Dans la chaleur du fœhn Caressant l’alpe, La Tamina s’écoule Sous la plume de Johanna Qui invente une enfant Pour conquérir le monde.
Inhalt An meine Leserinnen und Leser ennet der Saane und jenseits des Rheins . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 Dank .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 Zwischen Mythos, N ostalgie und Ablehnung .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17 Der Schauplatz und die Autorin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21 Heidi sucht eine Adresse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21 Bad Ragaz und das Schloss .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27 Johanna Spyri (1827–1901) – eine komplexe Persönlichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33 Heidi – neu gelesen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43 Der Zauber der Alp . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43 Das bedrohte Paradies . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55 Kulturschock .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62 Rückkehr in die Heimat .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80 Heidi kann brauchen, was es gelernt hat . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87 Hygiene und Bildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87 Stadtmenschen entdecken die Berge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96 Pia desideria . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104
Heidi und seine Avatare . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 Die Saga . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 Heidi in Japan . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125 Heidi im Kino . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129 Nicht nur Heidi .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133 Die anderen Werke Johanna Spyris .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133 Eine kurze Charakterisierung von Spyris Figuren und Erzählungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141 Schluss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151 Bibliographie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155 Anmerkungen .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161
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An meine Leserinnen und Leser ennet der Saane und jenseits des Rheins Nichts ist natürlicher als ein Buch über Heidi ins Deutsche zu übersetzen, da Johanna Spyris Roman bekanntlich in dieser Sprache verfasst wurde. Trotzdem wird mein Text vielleicht einige deutschsprachige Leserinnen und Leser überraschen. Denn er wurde zuerst und vor allem für ein französischsprachiges Publikum (insbesondere in der Romandie) geschrieben. Deshalb sind hier einige Erklärungen angebracht: die Heidi-Geschichte – oder die HeidiSaga – ist nämlich nicht auf beiden Seiten des Röstigrabens dieselbe. Zunächst muss man wissen: die Westschweizer – und in noch weit stärkerem Masse die Franzosen, Belgier oder Kanadier – kümmert es herzlich wenig, wo genau unser Alpenkind geboren wurde. Ein Berg ist ein Berg. Zudem wissen viele nichts über die Autorin, manche kennen nicht einmal ihren Namen. Aber was soll’s? Schliesslich ist es doch die Heldin, die uns interessiert! Und es handelt sich ja nur um eine Kindergeschichte! Ein weiterer Punkt: Wir Romands haben Heidi zu einem langen Leben verholfen, indem wir Fortsetzungen des Romans hinzuerfanden: wir liessen Heidi erwachsen werden, reisen (bis nach Amerika!), Mutter und Grossmutter werden … Geschichten, die den Menschen ennet der Saane und jenseits des Rheins völlig unbekannt sind. Hinzu kommt, dass uns die vielen Spielfilme, Zeichentrickfilme und Fernsehserien, die mit dem Originaltext recht unzimperlich umspringen, nicht viel weitergeholfen, sondern eher die Sicht vernebelt haben, indem sie etwa aus dem wilden Bergkind mit den «braunen krausen Haaren» eine Anziehpuppe – gerne als Tirolermädchen mit blonden Zöpfen! – gemacht haben. In diesem Durcheinander wollte ich ein wenig Ordnung schaffen, indem ich zu den Quellen zurückkehrte. Zu meinem grossen Erstaunen fand ich keine Bücher über den Heidi-Mythos. Sicher gibt es einige Arbeiten darüber in der Sparte der Jugendliteratur, ein paar Presseartikel und natürlich Biografien über Spyri, aber meines Wissens existieren nur ganz wenige Beiträge, die sich mit dem Mythos in seiner Gesamtheit befassen. Deshalb kam ich zum Schluss, dass es hier eine Lücke zu schliessen galt. Ich hege sehr 13
zärtliche Gefühle gegenüber Heidi und der Gedanke, sie zu entmystifizieren, liegt mir fern – keine Analyse des Bestsellers von Spyri könnte jemals seinen Status als Mythos gefährden. Ich habe auch andere Werke Spyris in meine Untersuchung einbezogen und in der Überzeugung, dass Heidi viel mehr als ‹nur› ein Kinderbuch ist, öffne ich einige zeitgeschichtliche Fenster auf das 19. Jahrhundert in der Schweiz und in Europa. Nicht fehlen durfte auch ein Exkurs über den in Japan endemischen Heidi-Kult. Im Weiteren wollte ich die spirituelle Dimension des Textes gebührend zur Geltung bringen, denn im Lauf der vielen Editionen und Adaptionen ist ein wenig in Vergessenheit geraten, dass Heidi fleissig betete. Nun bleibt mir nur noch – wie den Dramatikern vergangener Zeiten, wenn die Vorstellung zu Ende war – um die Gunst meiner deutschsprachigen Leserinnen und Leser zu bitten, denen es hoffentlich Vergnügen bereiten wird, den Heidi-Mythos mit den A ugen eines Westschweizers neu zu entdecken. Jean-Michel Wissmer Genf, im Sommer 2013
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Dank Meine Gedanken gehen insbesondere an Regine Schindler, die am 8. Juni 2013 von uns gegangen ist. Diese bedeutende Spezialistin auf dem Gebiet der Johanna-Spyri- und Meta-Heusser-Forschung liess mich in grosszügiger Weise an ihrem reichen Wissen und ihrer Begeisterung für ihren Forschungsgegenstand teilhaben. Bestimmt hätte es sie gefreut zu hören, dass mein Buch nun in deutscher Übersetzung vorliegt. Ich danke Colette Bertagna, Edward Bizub und François Buensod herzlich für die gründliche Durchsicht meines Manuskripts. Ferner danke ich Denise von Stockar und Roger Meyer vom Schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien in Zürich für ihre Unterstützung.
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Zwischen Mythos, Nostalgie und Ablehnung Die Geschichte Heidis ist ohne Zweifel ein nationaler Mythos, da sie Werte transportiert, die spezifisch mit der schweizerischen Kultur verknüpft sind und in denen sich die Schweizerinnen und Schweizer wiedererkennen. Trotz seiner nationalen Bindung ist dieser Mythos aufgrund seiner Rezeption und seines breiten Erfolgs universell geworden. Es ist zwar kein Gründungsmythos wie das Drama Wilhelm Tell, aber auf ihre Art ist Heidi ebenfalls eine legendäre Figur, sozusagen eine Heldin der Swissness. Obwohl die Autorin Johanna Spyri Deutschschweizerin ist, schafft es die Figur problemlos, die hierzulande in augenzwinkernder Anspielung auf unterschiedliche kulinarische Vorlieben als «Röstigraben» bezeichnete Grenze zwischen der französischsprachigen und der deutschsprachigen Schweiz zu überbrücken. Heidi ist einfach ein Mädchen, das in den Schweizer Bergen lebt, und niemand macht sich Gedanken darüber, ob es sich dabei um Waadtländer, Walliser, Berner oder Bündner Berge handelt. Der Heidi-Mythos kennt auch keine sozialen oder intellektuellen Schranken. Als ich in meinem Bekanntenkreis erzählte, dass ich ein Buch über Heidi schreiben wolle, befürchtete ich ein wenig, dass manche von ihnen – besonders meine Kollegen von der Universität – verlegen, amüsiert und wohl ein bisschen herablassend reagieren würden. Aber das genaue Gegenteil war der Fall. Meine Zuhörer versanken einen Moment in Schweigen und begannen sich in die Vergangenheit zurückzuträumen. Sie erinnerten sich an glückliche Momente in ihrer Jugend, als sie sich von Büchern, Filmen oder Fernsehserien fesseln liessen, in denen das Bergkind die Hauptrolle spielte. Vor ihrem geistigen Auge erschienen die eingeschneite Alphütte, der Alm-Öhi und der Geissenpeter. Die einen kannten die Autorin, die anderen nicht. Die wenigsten wussten, dass nur die ersten zwei Bände von Johanna Spyri stammten und dass die Fortsetzungen des Buches – Heidi als Gattin, Mutter und später Grossmutter – lediglich blasse Nachschöpfungen sind, mit denen deren Verfasser an den Geschäftserfolg des Originals anzuknüpfen hoffte. Nicht selten entstanden lebhafte Gespräche, mit 17
zahllosen Fragen zu der kleinen Heldin, die man sich immer noch gerne mit blonden Zöpfen vorstellt. Heidi nötigt uns Respekt ab und ruft zärtliche Gefühle in uns wach. Als nationales Monument scheint sie über jeglichen Spott erhaben und das Thema ist entsprechend heikel. Die Symbolfigur Heidi wird manchmal mit gewissen typisch schweizerischen Obsessionen wie der Ordnungsliebe oder der Reinlichkeit in Verbindung gebracht und steht zudem für einen gewissen identitären Rückzug, der nicht immer eine gute Presse hat. Aber eingebettet zwischen einer überwältigenden Popularität und einer gewissen Ablehnung nimmt die kleine Berglerin nach wie vor eine einzigartige Stellung in unseren Kindheitserinnerungen und der Vision einer idealisierten Schweiz ein. Als typisches Schweizerkind bringt sie auch Japaner und Amerikaner oder – so bin ich versucht zu sagen – Erwachsene schlechthin zum Träumen. Im 21. Jahrhundert fällt es Heidi gewiss nicht leicht, sich gegen die Konkurrenz von Videospielen und Harry Potter zu behaupten. Ich frage mich, ob sich die Kinder von heute noch für diese Geschichte begeistern können oder ob Heidi veraltet ist. Die Frage lässt sich teilweise mit dem Hinweis darauf beantworten, dass im Kinderbuchbereich unablässig neue modernisierte Adaptionen des Romans erscheinen. Und im Übrigen darf man sich wohl darauf verlassen, dass nostalgische Eltern alles tun werden, um den HeidiMythos am Leben zu halten. Ich selbst habe Heidi erst mit einiger Verspätung, sozusagen als erwachsenes Kind gelesen, als ich eine Heidiland genannte Gegend entdeckte, die je zur Hälfte in den Kantonen Sankt Gallen und Graubünden liegt. Man besucht diese Region, um sich Thermalkuren in Bad Ragaz zu gönnen, um die Landschaft und die Weinberge von Maienfeld und Jenins zu geniessen und natürlich um auf Heidis Spuren zu wandeln. Die Bezeichnung Heidiland weckt unweigerlich Assoziationen zu Disneyland und lässt Schlimmes befürchten. Aber wie wir gleich sehen werden, haben sich die lokalen Behörden klugerweise um Authentizität bemüht, so dass diese schöne Ecke der Ostschweiz nichts von einem Attraktionenpark an sich hat. Die literaturwissenschaftliche Aufarbeitung von Johanna Spyris Werk ist nicht sehr weit vorangeschritten und die meisten einschlägigen Bücher und Artikel sind auf Deutsch verfasst. Fast als ob 18
Nicht-Germanisten unfähig wären, Heidis Seelengeheimnisse zu ergründen oder als ob ihr Interesse nur dem Phänomen des HeidiKults gälte!1 Diese Studie entstand unter anderem, weil ich Lust verspürte, einen ausserordentlich bekannten Text neu zu lesen: einen Text, der sich in der Erinnerung oft nur auf ein paar Bilder eines kleinen Mädchens beschränkt, das mit seinem Grossvater und dem Geis senpeter auf der Alm lebt, während man andere Episoden und sehr bedeutsame, oft auch überraschende Details völlig vergessen hat. Ganz ähnlich verhält es sich etwa mit Daniel Defoes Roman Robinson Crusoe, von dem vielen nur die Inselepisode und die erste Begegnung mit Freitag in Erinnerung geblieben sind. Auch die Schöpferin von Heidi und ihr übriges Werk, das es nicht zum Bestseller geschafft hat, verdienen es, besser bekannt zu werden. Und im Übrigen ist die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert – Heidi wurde 1880 verfasst – eine faszinierende Epoche, in der die industrialisierte Welt bereits Sehnsucht nach einer Rückkehr zur Natur verspürte. Um Heidis Heimat zu entdecken, muss man nahezu die ganze Schweiz von West bis Ost durchqueren, doch sind die Distanzen hierzulande nicht so gross und die Schönheiten der Landschaft lohnen die Reise.
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