JACOB BURCKHARDT-GESPRÄCHE AU F CAST E L E N 27
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Gregor Paul
Logik und Kultur: der Westen, Indien, China und Japan
S C H WA B E V E R L A G B A S E L
JACOB BURCKHARDT-GESPRÄCHE AU F CAST E L E N 27
Gregor Paul
Logik und Kultur: der Westen, Indien, China und Japan
S C H WA B E V E R L A G B A S E L
Die Jacob Burckhardt-Gespräche auf Castelen wurden im Rahmen der Römer-Stiftung Dr. René Clavel begründet von Dr. iur. Dr. phil. h. c. Jacob Frey-Clavel. Direktorium: Prof. Dr. Gottfried Boehm · Prof. Dr. Andreas Cesana Prof. Dr. Kurt Seelmann
Copyright © 2013 Direktorium der Jacob Burckhardt-Gespräche auf Castelen, Universität Basel, und Schwabe AG, Verlag, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliess lich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Direktoriums der Jacob Burckhardt-Gespräche und des Verlags in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Gesamtherstellung: Schwabe AG, Muttenz/Basel ISBN 978-3-7965-3246-7 www.schwabeverlag.ch
1 DAS THEMA Die Formulierung des Themas bedarf einer Erklärung. Wie in ähnlichen Fällen ist sie eine grobe Vereinfachung und lädt zu Missverständnissen ein. Kategorien wie ‹der Westen› beziehen sich auf unterschiedliche Kulturen verschiedenster Zeiten und geographischer Regionen, die sich, als Ganzheiten verstanden, inhaltlich in keiner relevanten Weise gegen ‹nicht-westliche› Kulturen abgrenzen lassen. Entsprechendes gilt für die Bezeichnungen «Indien», «China» und «Japan». Die Ausdrücke sollen also keinerlei Einheitlichkeit, innere Geschlossenheit oder gar Ausschliesslichkeit insinuieren. Eine umfassende und detaillierte Erläuterung von Kulturbegriffen ist freilich eine Sache für sich.1 So weit es um Logik geht, meine ich mit dem Wort «Westen» jedenfalls die Kulturen, in denen die sogenannten aristotelischen und stoischen Logiken entstanden und Philosophen und Mathematiker wie Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716), Gottlob Frege (1848–1925), David Hilbert (1862–1943) oder Bertrand Russell (1872–1970) ihre Logiken entwickelten. Die arabischislamische Interpretation aristotelischer Logik soll trotz ihres erheblichen Einflusses auf die mittelalterliche europäische Scholastik ausgeschlossen bleiben, wenn ich generell von westlicher Kultur spreche.2 1 Vgl. Gregor Paul: Einführung in die Interkulturelle Philosophie (Darmstadt 2008). 2 Zur arabisch-muslimischen Tradition aristotelischer Logik und ihrem Einfluss auf die europäische Scholastik vgl. z.B. Dov M. Gabbay und John Woods (eds): Handbook of the History of Logic (Amsterdam, Boston, et al., 2004) 523–606, und Raimundus Lullus: Die neue Logik – Nova Logica, Lateinisch Deutsch, hg. von Ch. Lohr, übers. von Victor Hösle und W. Büchel, mit einer Einführung von Victor Hösle (Darmstadt 2002).
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Auch der Vergleich, der implizit mit dem Thema angesprochen ist, bedarf einer orientierenden Erläuterung. Vielfach gilt das Interesse kulturellen Besonderheiten, ja einer geradezu erhofften ‹Andersartigkeit› ‹fremder› Kulturen. Geht es jedoch um Logik und insbesondere um fundamentale logische Prinzipien, so sind derartige Hoffnungen unerfüllbar. Das heisst nicht, dass damit die Existenz wichtiger kultureller Differenzen bestritten würde. Doch derartige Differenzen sind durch unterschiedliche Erfahrungen, nicht aber – wie deutlich werden soll – durch eine Unterschiedlichkeit logischer Grundregeln bedingt. Wie vor allem unterschiedliche Orthopraktiken – unterschiedliche Gewohnheiten in Bekleidung, Haartracht und in Ess- und Trink-Sitten – zeigen, die bis zu Mord und Totschlag führen, können solch erfahrungsbedingte Differenzen folgenreicher sein als alles, was etwa die christlich-scholastischen Logiken an internen spezifischen Differenzen aufweisen – womit auch gesagt beziehungsweise hypothetisch zum Ausdruck gebracht sei, dass sich spezifische Unterschiede logischer Theorie innerhalb westlicher wie nichtwestlicher Kulturen finden, ohne dass damit die Übereinstimmung logischer Grundprinzipien in Frage gestellt wäre. Ich bin mir im Übrigen der Tatsache bewusst, dass Logik im Allgemeinen nur Logiker und etwa Mathematiker interessiert. Wir können logisch denken, ohne auch nur ansatzweise Logik studiert zu haben, und normalerweise bemühen wir uns auch darum. Das Bewusstsein, dass Logik, anders als Erfahrung, kein prinzipiell neues Wissen hervorzubringen vermag, sondern lediglich vorhandenes Wissen ‹transportiert› (wiewohl diese Leistung nicht unterschätzt werden sollte, da ohne sie manches nie bewusst und explizit würde), mag für das geringe Interesse mitverantwortlich sein. Dazu kommt, dass die meisten von uns Logik-Theorie für trocken bis vertrackt halten. Wenn ich im Folgenden versuche, auch ‹Miso6
logen› anzusprechen, so zwingt mich das freilich zu einer Form der Verständlichkeit, die in ihrer Vermeidung detaillierter Erörterungen gerade auch den Misologen – und nicht nur den Logiker – skeptisch stimmen mag. Der Tenor der Kritik mag dann lauten: «Ja, wenn man im Allgemeinen bleibt … und damit die im Einzelnen bestehenden Probleme nicht einmal erwähnt …» Einer derartigen Kritik vermag ich nur durch Hinweise auf entsprechend detaillierte Studien zu begegnen, die zu lesen freilich vielen bestenfalls als zweifelhaftes Vergnügen erscheinen mag.3
2 PARADOXIEN ALS FRÜHE ZEICHEN DES INTERESSES AN LOGISCHEN PROBLEMEN Viele kennen das sogenannte Lügner-Paradox. Es soll bis auf das 7. bis 5. Jahrhundert vor unserer Zeit zurückgehen. In 3
Vgl. Gregor Paul: Philosophie in Japan (München 1993); Argumente für die Universalität der Logik, in: Hōrin: Vergleichende Studien zur japanischen Kultur, I (München 1994) 72–84; Logic and Culture, in: Three Mountains and Seven Rivers, ed. by Shoun Hino and Toshihiro Wada (Delhi: Motilal Banarsidass, 2004) 463–485; Einführung in die Interkulturelle Philosophie (Darmstadt 2008); sowie Gregor Paul und Hans Lenk: Logic and Culture [...], in: Mitteilungsblatt [der Deutschen China-Gesellschaft] 53 (2009) 42–58. Vgl. ausserdem die InternetSeite http://paul.dcg.de/gomyo_Logik im Buddhismus.html (19.6.2013), die über den Stand eines einschlägigen, dankenswerterweise von der Thyssen-Stiftung finanzierten Projektes informiert, in dessen Kontext die folgenden Ausführungen auch zu sehen sind. – Mein Versuch, mit der Verwendung chinesischer Schriftzeichen auch sinologischen Interessen Rechnung zu tragen und eine entsprechende Prüfung zu ermöglichen, mag Nicht-Sinologen die Lektüre erschweren. Sie sollten einfach dem deutschsprachigen Text folgen. Für ein generelles Verständnis der Ausführungen nicht erforderlich ist ein detailliertes Verständnis von Teil 7.
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seiner wohl eingängigsten Fassung lautet es: «Ein Kreter sagte: ‹Alle Kreter lügen›.» Spricht er die Wahrheit, so lügt er. Lügt er, so sagt er die Wahrheit. Noch Bertrand Russell und im Anschluss an ihn Vertreter der mathematischen Logik setzen sich mit diesem Paradox auseinander.4 Ich zitiere es, um die Raffinesse logischen Räsonierens zu dokumentieren, die schon für frühe Kulturen nachweisbar ist. So findet sich eine Kritik des Paradoxons auch bei den Mohisten, chinesischen Philosophen des 5. bis 3. Jahrhunderts vor unserer Zeit, die die explizit artikulierte daoistische Sprachkritik, dass «alles Sprachliche verfehlt» sei, als selbstwidersprüchlich zurückwiesen. Eine besonders raffinierte – freilich weit spätere – Version stammt von dem chinesischen buddhistischen Scholastiker Wen Gui 文軌 aus dem 7. Jahrhundert. Sie lautet in einer Übersetzung: alls die Behauptung, dass alle Behauptungen falsch seien, F nicht falsch ist, wie können wir dann sagen, dass alle Behauptungen falsch seien? […] Falls der Entgegnende die Situation rettet, indem er äussert: ‹Meine ausgenommen, sind alle Behauptungen falsch›, und dann jemand, der dies hört, sagt: ‹Deine Worte sind nicht falsch; sie sind absolut wahr› – sind dann dessen Worte falsch oder sind sie wahr?5 Der bei allem Ernst auch spielerische Umgang mit interessanten logischen Fragen lässt sich auch in indischen SanskritTexten nachweisen, so etwa in der rhetorischen Frage des buddhistischen Scholastikers Ᾱryadeva (aus dem 2. bis 3. Jahr4
Vgl. etwa. de.wikipedia.org/wiki/Paradoxon_des_Epimenides. Zugriff am 4.1.2013. 5 Zit. nach der Übersetzung Christoph Harbsmeiers in: Christoph Harbsmeier: Language and Logic in Traditional China (Cambridge 1998). Vgl. auch Paul 1993 (Anm. 3) 180–181.
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hundert): «Wenn Fuss und Körper nicht voneinander verschieden sind, warum ist der Fuss dann nicht der Kopf?»6 Ein anderes frühes Beispiel theoretischen Interesses an logischen Fragen ist die Reflexion von Trug- und Fehlschlüssen, die bei Aristoteles, in der mittelalterlichen christlichen Scholastik und in der buddhistischen Scholastik seit spätes tens dem 5. Jahrhundert zur Erstellung regelrechter FehlerListen führte. Aber auch schon in den mohistischen Texten finden sich Belege einschlägiger Reflexion. So heisst es etwa: äuber sind Menschen, aber ein Überfluss an Räubern R bedeutet keinen Überfluss an Menschen. Räuber zu lieben, heisst nicht, Menschen zu lieben. […] Keine Räuber zu lieben, heisst nicht, keine Menschen zu lieben. Räuber zu töten, heisst nicht, Menschen zu töten.7
3 RELEVANZ DER FRAGE NACH ALLGEMEINGÜLTIGEN PRINZIPIEN DER LOGIK Mit den scheinbar beliebig ausgewählten Beispielen will ich belegen, dass die Auseinandersetzung mit Fragen, die ‹wir› übereinstimmend als logische Probleme bezeichnen, kein Kulturspezifikum ist. Überzeugungen wie die, dass es insbe6
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Ᾱryadeva: Śataśāstra, chin. Bailun 百論, «Traktat in 100 Strophen», zit. nach der Übersetzung von Guiseppe Tucci: Pre-Dinnāga Buddhist Texts on Logic from Chinese Sources (Baroda: Oriental Institute, 1929) 40. A.C. Graham: Later Mohist Logic, Ethics and Science (Hong Kong, 1978) 484 und 485.
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sondere sinoasiatischen Kulturen traditionellerweise an Logik mangele, dass sie keine Logik besässen oder dass sich chinesische, buddhistische oder daoistische Logik signifikant von westlicher oder aristotelischer Logik unterscheide, sind weitverbreitet und einflussreich. Freilich mag man sich fragen, ob sich eine Auseinandersetzung mit derartigen Auffassungen überhaupt lohne. Sie tut es. Heisst es doch beispielsweise, dass Menschenrechte schon deshalb nicht für Menschen aller Kulturen gelten könnten, weil sich die Logik der einzelnen Kulturen voneinander signifikant unterscheide.8 Natürlich kann man solch eine Behauptung nur dann angemessen beurteilen, wenn man weiss, wie das Wort «Logik» gemeint ist. Darauf komme ich zurück. Jedenfalls sind alle Hypothesen, denen zufolge Prinzipien wie die des Satzes der Identität, der Widerspruchsfreiheit und des ausgeschlossenen Dritten oder das Transitivitätsgesetz spezifisch ‹westlich› sein sollen, hochproblematisch. Würden sie zutreffen, so würden Menschen entsprechend unterschiedlicher Kulturen nämlich aus identischen Prämissen im Allgemeinen unterschiedliche Konklusionen ziehen, das heisst zum Beispiel aus «A grösser B» und «B grösser C» nicht «A grösser C» folgern. Nicht einmal eine einheitliche Mathematik wäre dann möglich. Ja, man müsste derartige Inkompatibilitäten als moralisch gefährlich einstufen. Im Übrigen meine ich mit «allgemeingültig» «für alle Menschen aller Kulturen, Zeiten und geographischen Räume gültig». Dagegen brauchen die Gesetze nicht für alle Gegenstandsbereiche zu gelten. Allgemeingültigkeit ergibt sich hier als allgemeingültige Schnittmenge von Gegenstandsbereichen. Ausserdem geht es um normative Gültigkeit. Logische 8
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Vgl. Wolfgang Welsch in: Frankfurter Rundschau vom 3. September 1996.
Gesetze sollten beachtet werden. Im Gegensatz zu Naturgesetzen können wir sie jedoch verletzen. Dies tut ihrer Gültigkeit freilich so wenig Abbruch, wie es die Verkehrsregeln ausser Kraft setzt, wenn wir eine Strasse bei Rot überqueren. Dies alles als eine Art Einstimmung. Und damit zum sys tematischen Teil.
4 BEGRIFFE DER LOGIK Zahlreiche Gespräche und Auseinandersetzungen über Logik und Fragen der Logik scheitern, weil unterschiedliche LogikBegriffe verwendet werden. Das ist nicht verwunderlich, sprechen wir doch zum Beispiel von der Logik eines Fussballspiels, von Fuzzy logic, Parakonsistenter Logik und von Quanten-Logik. Und Suzuki Daisetz (1870–1966), der wohl einflussreichste und dabei unglaubwürdigste Zen-Propagator im ‹Westen›, verglich aristotelische Logik mit ‹östlicher Logik›, was faktisch einem Vergleich von Theorien der Widerspruchsfreiheit und Schlussfolgerung mit der Ontologie und Soteriologie des Zen oder von Zahnstochern mit Reisbrei gleichkam. Im Folgenden verwende ich das Wort «Logik» ausschliesslich als Bezeichnung von Theorien formaler Widerspruchsfreiheit und formal gültiger Schlussfolgerungen. So verstanden, lässt sich Logik als Begriffstheorie charakterisieren. Sie ist danach eine Theorie der Relation(en) der Identität (Übereinstimmung) und Diversität (Unterschiedlichkeit) von Begriffen bzw. Begriffsinhalten oder -umfängen (Intensionen oder Extensionen). Relationen solcher Art werden im umgangssprachlichen Deutsch durch Bezeichnungen wie «Oberbegriffe», «Unterbegriffe» und «Nebenbegriffe» charakterisiert. Entsprechende technische Termini 11
lauten zum Beispiel «Gattungsbegriff» oder «Genus» und «Artbegriff» oder «Spezies». Dieser Ansatz ist in letztlich unproblematischer Weise auch auf in Indien, China und Japan entwickelte LogikTheorien und – etwa – philosophisch relevante Texte anwendbar. Dies gilt insbesondere für die von Mohisten und buddhistischen Scholastikern formulierten Beispiele. Aus Gründen der Ökonomie komme ich freilich nur kurz auf den Mohismus zu sprechen. Dessen logisch relevante Konzepte sind nur wenigen Sinologen vertraut und spielen im Kontext der verbreiteten öffentlichen Diskussionen um Logik und Kultur keine Rolle. Dagegen werden buddhistische Auffassungen immer wieder als angeblich widerlegende Instanzen der Hypothese von der Existenz allgemeingültiger logischer Gesetze – wie zum Beispiel dem Widerspruchsfreiheitsprinzip – ins Spiel gebracht. In – wie ich hoffe – exemplarischer Weise gehe ich deshalb vor allem auf den sachlichen Kern und die Geschichte einschlägiger buddhistischer Theorien und Texte von Indien bis Japan ein. In den Quellentexten, die die Logik-Theorien buddhistischer Scholastik formulieren, das heisst in der Literatur der Begründungstheorie oder Begründungslehre (skt. hetuvidyā, chin. yinming, jap. immyō 因明), verbreitete Beispiele sind die Begriffe «Sprachliche Äusserungen», «Vergängliches» und «Erzeugtes». Nach der uns vertrauten, skizzierten logischen Terminologie ist «Erzeugtes» dabei Ober- oder Gattungsbegriff des Unter- oder Artbegriffs «Sprachliche Äusserungen» und Unterbegriff von «Vergänglichem». Das Merkmal, erzeugt zu sein, kommt allen sprachlichen Äusserungen zu, und das Merkmal, vergänglich zu sein, allem Erzeugten, sodass alle sprachlichen Äusserungen durch Vergänglichkeit gekennzeichnet sind. Der Sachverhalt lässt sich auch in äquivalenten begründungstheoretischen Termini formulieren. Die Begründungs12
theorie unterscheidet nämlich zwischen skt. dharmin und dharma (chin. youfa/jap. uhō 有法, bzw. fa/jap. hō 法), «Merkmalsträger» und «Merkmal». Dabei ist «Sprachliche Äusserungen» Träger des Merkmals, «erzeugt zu sein». Wie in der aristotelischen Logik geht es in der Begründungstheorie dementsprechend darum, die Kriterien für die Begriffsrelationen (Verhältnisse zwischen Begriffen, Begriffen und Begriffsmerkmalen sowie Merkmalen und Merk malen) anzugeben, die widerspruchsfrei sind und gültige Schlussfolgerungen erlauben. Insbesondere geht es darum, die Kriterien anzugeben, denen ein Grund G (wie «erzeugt zu sein») genügen muss, um eine schlüssige Folgerung der Art «Sprachliche Äusserungen (S) sind vergänglich (P), weil sie erzeugt (G) sind» zu ermöglichen. Dass «S ist G» gelten muss, ist dabei freilich trivial, sodass lediglich das Verhältnis von P und G zu untersuchen ist. Wenn ich im Folgenden zentrale Passagen aus einem logiktheoretischen Text eines japanischen Scholastikers namens Gomyō 護命 (749?–834) unter dem Gesichtspunkt analysiere, ob sie die Hypothese bestätigen oder eher als problematisch ausweisen, dass es allgemeingültige gültige Gesetze, Prinzipien oder Regeln logischer Form gebe, dann, um zu zeigen, und dies sei denn auch explizit betont, dass Annahmen einer ‹spezifisch östlichen›, ‹spezifisch japanischen› oder ‹spezifisch buddhistischen› Logik verfehlt sind. Dass sie verfehlt sind, kann gar nicht oft und entschieden genug unterstrichen werden. Denn wenn sie zuträfen, dann gäbe es – und damit greife ich einen der oben genannten Punkte wieder auf – eine östliche Logik, nach der etwa aus den Prämissen «A ist grösser als B» und «B ist grösser als C» der Schluss «A ist kleiner oder gleich C» folgte, während sich ‹unseres Erachtens› doch «A ist grösser C» ergeben müsste. Nur in einem solchen Fall könnte im Übrigen in relevanter oder signifikan13
ter Weise von zwei verschiedenen – sprich inkompatiblen – Logiken gesprochen werden. Alle anderen Arten der Unterschiedlichkeit sind relativ belanglos und in ihrer (Ir)relevanz Differenzen vergleichbar, wie sie schon zwischen verschiedenen aristotelischen Logiken oder etwa zwei- und mehrwertigen Logiken bestehen. Anders gesagt, sind zwei Theorien der Logik nur dann nicht äquivalent, wenn die Anwendung der in ihnen formulierten Regeln auf identische Prämissen zu unterschiedlichen Konklusionen führt. Oder um es einfacher auszudrücken: Sie sind dann äquivalent, wenn deduktive Äquivalenz besteht. Aus denselben Voraussetzungen folgt dasselbe. Und dies wiederum heisst, dass die Klassen ihrer Regeln in ihrer Gesamtheit übereinstimmen.
5 ZU METHODEN DER KOMPARATION UND DER KONTEXTUALISIERUNG Zu den wichtigsten Regeln interkultureller Studien gehört eben (1) das Prinzip, zu begründen, warum man bestimmte Gemeinsamkeiten und Unterschiede namhaft macht; denn man kann, wie ich gern sage, auch zwischen zwei Hühnereiern unterscheiden, ohne dass ein Hahn danach krähte. Andererseits kann man bis hin zum fast inhaltsleeren Begriff «Etwas» verallgemeinern. Die Prinzipien herauszustellen, die alles gültige logische Denken und damit alle gültigen Logiken in gewisser Hinsicht gemeinsam haben, ist durch die oben (in Teil 3) skizzierte Relevanz und näherhin durch das Kriterium deduktiver Äquivalenz gerechtfertigt. Denn mit welchen Gründen wollte man die logischen Prinzipien, die bei identischen Prämissen zu identischen Schlussfolge14
rungen führen, auch nur als vergleichsweise unwichtig erweisen? Weitere Prinzipien interkultureller Studien sind, (2) keine doppelten Standards anzuwenden und (3) zwischen Genesis – Ort, Zeit und Autorschaft – und Geltung (oder Gültigkeit) von Konzepten, Thesen, Theorien oder Texten sowie (4) zwischen Sein und Sollen zu unterscheiden. Wer etwa überzeugt ist, dass es im sinoasiatischen Raum vor dem 19. Jahrhundert keine Logik gegebenen habe, weil das Wort oder ein sprachliches Äquivalent fehlte – und damit weise ich eines der gängigen Argumente gegen die Hypothese einer universalen Logik zurück –, der sollte auch von keiner aristotelischen Logik sprechen. Denn diese Redeweise wurde erst etwa 800 Jahre nach Aristoteles durch Boethius (2. Hälfte des 5. bis 1. Hälfte des 6. Jahrhunderts) üblich. Aristoteles selbst nannte seine Logik nie Logik in dem seither gebräuchlichen Sinn. Was die Unterschiedlichkeit von Genesis und Geltung angeht, so entstanden z.B. der Hexenhammer und Friedrich von Spees (1591–1635) Cautio criminalis unter in jeder relevanten Hinsicht ähnlichen Bedingungen. Kontextualisierung, die auf die Entdeckung oder gar Rechtfertigung sachlich relevanter Differenzen zielt, führt sich selbst ad absurdum. Das heisst, die Weigerung, Elemente einer Theorie zu isolieren und etwa darauf zu beharren, dass eine in Indien entwickelte Logik-Theorie im Gesamt-Kontext indischer Kultur gesehen werden müsse, mündet letztendlich in einen Selbstwiderspruch. Die Unterscheidung zwischen Sein und Sollen – Tatsache und Norm, Tradition und Veränderung – besagt, dass aus dem, was ist, nicht folgt, dass es auch (so) sein sollte. Ich mag 40 Jahre lang Schach gespielt haben. Aber das impliziert nicht, dass ich (weiterhin) Schach spielen sollte. Das heisst, dass Traditionalität als solche den Fortbestand keiner noch 15
so althergebrachten Tradition zu rechtfertigen oder Kritik an ihr zu verbieten vermag. Geht es um die Gültigkeit einer Logiktheorie, so spielen ihr soziohistorischer Kontext und ihre Akzeptanz keine Rolle.
6 GRUNDZÜGE UND ÜBERLIEFERUNGS GESCHICHTE SOGENANNTER ‹BUDDHISTISCHER LOGIK› 6.1 Begriffe Der verbreitete Ausdruck «buddhistische Logik» ist irreführend; denn er insinuiert, dass es sich um eine Theorie oder um Theorien oder Denkweisen handle, die Gesetzmässigkeiten behaupteten oder folgten, die spezifisch buddhistischer Art seien. Doch als Logiken haben die im Buddhismus entwickelten Theorien der Logik so wenig spezifisch Buddhistisches an sich wie die Additionsregeln. Als eine Übersetzung von skt. hetuvidyā, chin. yinming, jap. immyō, die selbst in fast allen Nachschlagewerken verbreitet ist, verführte und verführt der Ausdruck «Logik» freilich immer wieder zu der Behauptung, es handle sich bei der ‹buddhistischen Logik› – anders als im Falle aristotelischer Logik, und auch dies ist ein unhaltbarer Einwand gegen die Universalitätshypothese – um eine Mischung von Erkenntnistheorie, Argumentationstheorie, Rhetorik und (gar) religiöser Dogmatik. Korrekterweise sollte die Übersetzung etwa «Begründungstheorie» lauten. Wie im Falle des aristotelischen Organon, das wir ja auch nicht mit «Logik» wiedergeben, ist die Theorie der Widerspruchsfreiheit und Schlussfolgerung nur ein Teil von hetuvidyā und den im sinoasiatischen Raum formulierten Versionen. 16
Im Übrigen könnte die nicht unübliche Einschätzung, dass buddhistische Logiker die Widerspruchsfreiheit irgendwelchen religiösen Überzeugungen geopfert hätten,9 verfehlter gar nicht sein. Explizit und bis zum Exzess betonen sie, dass Widersprüche unbedingt zu vermeiden seien. Wie in mittelalterlichen europäischen Logiktheorien legen sie grossen Wert auf die Erstellung und Diskussion von Listen logischer Fehler. Das tat auch Gomyō, der von indischen und chinesischen Vorgängern ein Fehler-Verzeichnis von 33 Fehlern übernahm. Was aber die buddhistischen Überzeugungen der Begründungstheoretiker angeht, so führen sie nie so weit wie etwa der christliche Glaube bei Raimundus Lullus (um 1232 bis 1316), der in seiner Nova Logica den dreigliedrigen Syllogismus mit Hinweisen auf die Heilige Dreifaltigkeit zu rechtfertigten suchte, geschweige denn, dass sie jener christlich-scholastischen «Lehre von der doppelten Wahrheit» vergleichbar wären, derzufolge auch logisch Widersprüch liches religiöse Glaubenswahrheit sein kann.10 9
Diese Einschätzung findet sich in Uwe Frankenhausers: Die Einführung der buddhistischen Logik in China (Wiesbaden 1996). 10 Vgl. Max Maywald: Die Lehre von der zweifachen Wahrheit: Ein Beitrag zur Philosophie-Geschichte des Mittelalters, Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Philosophischen Facultät zu Jena, vorgelegt von Max Maywald (Berlin 1868). Mehrfach im Internet veröffentlicht. Vgl. auch: V. Hösle, in: Lullus (Fussnote 2) XXV–XLIII. Es ist freilich festzuhalten, dass es innerhalb des Buddhismus vor Dignāga (ca. 480–540), dem Begründer der Begründungstheorie, um die es geht, immerhin Positionen gab, nach denen nicht nur unmittelbare Wahrnehmung und Schlussfolgerung, sondern u.a. auch die Worte Buddhas (oder was man dafür hielt) als Erkenntnisquellen galten. Wie im ‹Westen› und wie im Übrigen auch bei ähnlichen Unterscheidungen arabisch-islamischer Scholastiker war damit ein potentieller Konflikt zwischen ‹Glauben und Wissen› angelegt. Dessen ungeachtet gibt es meines Wissens keine begründungstheoretischen Traktate, denen zufolge widersprüchliche ‹Wahrheiten› akzeptabel wären. Ein weiterer Punkt mag mögliche Missverständnisse verhindern. Ähnlich wie Leibniz oder Pascal gläubige Christen
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6.2 Geschichte Die buddhistischen Theorien der Widerspruchsfreiheit und der Schlussfolgerung wurden zunächst in Indien formuliert. Als eine Art Wegbereiter der Begründungstheorie ist dabei vor allem Nāgārjuna (um 150), als wichtigster Vertreter einer frühen Form der Lehre Vasubandhu (5. Jahrhundert) zu nennen. Dignāga (etwa 480–540) entwickelte dann jene Konzeption der «Neuen Begründungstheorie», die im sinoasiatischen Raum einflussreich wurde. Die wichtigste Grundlage dafür bildeten die chinesischen Übersetzungen, die der brillante chinesische buddhistische Gelehrte Xuanzang玄奘 (600–664) von zwei Sanskrit-Traktaten fertigte, die er von seinen langjährigen Reisen durch den indischen Kulturraum bei seiner Rückkehr mit nach Changʼan, die Hauptstadt des tang-zeitlichen China (608-907), gebracht hatte. Er übertrug 647 das Nyāyapraveśa des mutmasslichen Dignāga-Schülers Śaṃkarasvāmin (5. bis 6. Jahrhundert), das eine Art Abriss der Begründungstheorie Dignāgas bietet, und im Jahr 655 das von Dignāga selbst verfasste Nyāyamukha. Dabei wählte er die Titel Yinming ruzhengli lun (jap. Immyō-nisshōri-ron) 因明入正理論, «Traktat zur Einführung in die korrekten Prinzipien der Begründungstheorie», und Yinming zhengli men lun (jap. Immyō-shōri-mon-ron) 因明正理門論), «Zugang zu den korrekten Prinzipien der Begründungstheorie eröffund gleichzeitig brillante Logiker waren, gab es auch buddhistische Scholastiker, für die Entsprechendes gilt. Zu ihnen gehört der im Folgenden mehrfach erwähnte Xuanzang (600–664). (Vgl. dazu Gregor Paul: Xuanzang [600?–664] – Gläubiger und Logiker, in: Mitteilungsblatt [der DCG] 51 [2008] 84–94.) Ausserdem existierten und existieren buddhistische Texte, die ähnlich wie z.B. die Bibel oder mystische Glaubensbekenntnisse in sich widersprüchlich sind. So wenig wir jedoch die Bibel mit aristotelischer Syllogistik vergleichen, so wenig sollten wir derartige buddhistische Texte mit aristotelischer Syllogistik vergleichen.
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nender Traktat». Schüler Xuanzangs wie Wen Gui (7. Jahrhundert) und vor allem Kuiji 奎基 (632-682) verfassten sogleich Kommentare zu den zwei Übertragungen. Kuijis sogenannter «Grosser Kommentar» zum Yinming ruzhengli lun (Nyāyapraveśa), das Yinming dashu (jap. Immyō-daisho) 因明大疏, wurde dabei mindestens so einflussreich wie die Übersetzungen selbst. Abschriften der Übersetzungen und Kommentare dürften den Raum der Stadt Nara – die 710 Hauptstadt Japans wurde – bereits um 670 erreicht haben; denn im Kreise Xuanzangs und Kuijis hielten sich kontinuierlich auch Japaner auf. Japanische buddhistische Scholastiker verfassten denn auch seit etwa 700 eigene Kommentare und Subkommentare. Dabei schrieben auch sie Chinesisch. Zu den bereits etwas ‹späteren› herausragenden japanischen Begründungstheoretikern zählen Zenju 善珠 (723–797) und eben Gomyō.11 Vergleichbar der griechisch-syrisch-arabischlateinischen – und schliesslich auch deutschen – Geschichte aristotelischer Logik12 ist die Überlieferung der Begründungstheorie ein sozusagen historisch-linguistisches Indiz dafür, dass der Kern der Logik-Theorien, aller Unterschiedlichkeit der Kulturen, Entstehungszeiten, Entstehungsorte, Nationalitäten und Sprachen ungeachtet, von Indien bis Japan erhalten blieb und zudem mit den fundamentalen Prinzipien aristotelischer Logik übereinstimmt. Von Interesse ist in diesem Zusammenhang auch, dass die frühen japanischen 11 Vgl. Paul 1993 (Fussnote 3) 164–193 und 349–365. Die Seiten bieten die ausführlichste deutsche Darstellung der Überlieferung der Begründungstheorie von Indien über China nach Japan. Zu den meisten oben angeführten Namen finden sich auch zahlreiche Informationen im Internet. Vgl. etwa die Eintragungen im Digital Dictionary of Buddhism (www.buddhism-dict.net/ddb/). Zugriff am 15.7. 2013. Für das Verständnis des Folgenden sind solch biographische Kenntnisse freilich nicht erforderlich. 12 Vgl. erneut Dov M. Gabbay und John Woods (Fussnote 2) 523–606.
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buddhistischen Scholastiker sich geradezu für Logik-Theorien begeisterten und zahlreiche Traktate dazu verfassten. Die nachstehende Karte der Seidenstrassen, die als Verbindungen von Indien bis Japan dienten, soll die riesigen Entfernungen veranschaulichen, die die buddhistischen Gelehrten zu bewältigen hatten, und ein Verständnis für die grossen Gefahren ermöglichen, die Wüsten, Meere, Kriege und Bandenwesen seinerzeit darstellten.
Der Weg der Begründungstheorie von Nalanda über Chang’an (das heutige Xi’an) nach Nara. Nalanda war das seinerzeit berühmteste buddhistische Kloster und das Zentrum buddhistischer Scholastik in Indien. Xuanzang hielt sich dort längere Zeit auf. Chang’an war die Hauptstadt des tang-zeitlichen China. Nara bzw. der Raum um Nara war im 7. und 8. Jahrhundert Japans Zentrum buddhistischer Scholastik.
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