Gustav Teichmüller
Gustav Teichmüller Gesammelte Schriften Kommentierte Ausgabe
Band 1 Die wirkliche und die scheinbare Welt. Neue Grundlegung der Metaphysik Band 2 Religionsphilosophie Vorlesungen über Philosophie des Christenthums Band 3 Neue Grundlegung der Psychologie und Logik
Wissenschaftlicher Beirat Prof. Dr. Emil Angehrn ( Basel ) Prof. Dr. Jürgen Mohn ( Basel ) Prof. Dr. Georg Pfleiderer ( Basel ) Prof. Dr. Wolfgang Rother ( Basel / Zürich ) Prof. Dr. Andreas Urs Sommer ( Freiburg im Breisgau )
Gustav Teichmüller ( 1832–1888 ) ist einer der führenden Vertreter des Personalismus und zählt zu den Begründern der philosophischen Begriffsgeschichte. Er war von 1868 bis 1871 Ordinarius für Philosophie in Basel, danach folgte er einem Ruf an die Universität Dorpat, wo er bis zu seinem Tod lehrte. Er machte sich sowohl als Philosophiehistoriker wie als systematischer Philosoph einen Namen. Die vorliegende Edition hat das Ziel, seine vielfach schwer greifbaren Werke sowie die wissenschaft liche Korrespondenz und wichtige Manuskripte aus seinem bedeutenden Nachlass, der seit 1949 weitgehend unbeachtet in der Universitätsbibliothek Basel lagert, zugänglich zu machen und inhaltlich zu erschließen. Der Herausgeber Heiner Schwenke, geb. 1961, lehrte nach Promotionen zum Dr. rer. nat. und Dr. phil. Philosophie an verschiedenen Hochschulen und Universitäten. Zu seinen Veröffentlichungen zählt Zurück zur Wirklichkeit. Bewusstsein und Erkenntnis bei Gustav Teichmüller ( Basel : Schwabe, 2006 ).
ISBN 978-3-7965-3245-0
Schwabe Verlag Basel www.schwabeverlag.ch
Gesammelte Schriften
3 Psychologie und Logik
Gustav Teichmüller
Gesammelte Schriften Neue Grundlegung der Psychologie und Logik Kommentierte Ausgabe Band 3
In der Neuen Grundlegung der Psychologie und Logik, die 1889, ein Jahr nach Teichmüllers Tod, von seinem Schüler Jakob Ohse herausgegeben wurde, erscheint sein Personalismus in reifster Gestalt. Das große Kapitel über das Ich gehört zu den bedeutendsten Texten der personalistischen Philosophie. In diesem Werk entfaltet Teichmüller außerdem die für seine Philosophie zentrale Unterscheidung zwischen Bewusstsein und Erkenntnis, d.h. zwischen unmittelbarer Erfassung der Wirklichkeit und logischem System. Damit bereitet er den Weg für Nikolaj Losskijs Intuitivismus, eine Form des direkten Realismus, die den problematischen neuzeitlichen Repräsentationalismus zu überwinden suchte. Bisher kaum beachtet, aber bemerkenswert modern sind Teichmüllers Lehre von der normativen Rolle des Gefühls in der Erkenntnis, seine erotetische Theorie des Erkenntnisfortschritts, seine relational-holistische Begriffstheorie sowie die konstruktivistische Theorie der Kategorienbildung. Der hier gebotene Text basiert auf der Erstausgabe von 1889, die aber mit dem erhaltenen Manuskript Teichmüllers verglichen und an einigen Stellen verbessert wurde.
GUSTAV TEICHMÜLLER
GESAMMELTE SCHRIFTEN KOMMENTIERTE AUSGABE
HERAUSGEGEBEN VON HEINER SCHWENKE
BAND 3
WISSENSCHAFTLICHER BEIRAT EMIL ANGEHRN, BASEL JÜRGEN MOHN, BASEL GEORG PFLEIDERER, BASEL WOLFGANG ROTHER, BASEL/ZÜRICH ANDREAS URS SOMMER, FREIBURG IM BREISGAU
SCHWABE VERLAG BASEL
GUSTAV TEICHMÜLLER
NEUE GRUNDLEGUNG DER PSYCHOLOGIE UND LOGIK
NACH DER POSTUMEN AUSGABE VON JAKOB OHSE NEU HERAUSGEGEBEN VON HEINER SCHWENKE
SCHWABE VERLAG BASEL
Publiziert mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung und der Freiwilligen Akademischen Gesellschaft Basel Gedruckt mit Unterstützung der Berta Hess-Cohn Stiftung, Basel
Copyright © 2014 Schwabe AG, Verlag, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Umschlaggestaltung: Atelier Mühlberg, Basel Gesamtherstellung: Schwabe AG, Basel, Schweiz Printed in Switzerland ISBN 978-3-7965-3245-0 rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch
Vorwort zum Band Im Jahr 1990 sah ich die Bibliothek des Philosophischen Seminars der Universität Freiburg im Breisgau nach Büchern mit Bezug zum Leib-Seele-Problem durch. Die Möglichkeiten elektronischer Recherche waren noch sehr begrenzt. Auch gab es keine umfassenden Abstract-Bände wie in den Naturwissenschaften. Daher ging ich die Regalbretter eines nach dem anderen durch. Dabei zog ich eines Tages ein Buch mit schwarzem Bibliothekseinband aus dem Regal. Der Autor war mir unbekannt, aber beim Überfliegen des Inhaltsverzeichnisses dieser Neuen Grundlegung der Psy chologie und Logik fiel mir die Überschrift «Die Prädicate Wahr und Falsch sind auf das Bewusstsein nicht anwendbar» auf. Sie erinnerte mich an Gottlob Freges Aufsatz Der Gedanke – Eine Logische Untersuchung von 1918. Auch die im Buch vertretene Auffassung, dass Vorstellungen, Gefühle und Empfindungen nicht für sich existieren, sondern immer einem Ich zugehören, spielte in Freges Aufsatz eine wichtige Rolle. Zudem war der Stil des Autors sehr anregend. Hermann Lotze schrieb einmal darüber bei der Besprechung eines früheren Werkes: «[S]eine Methode der Darstellung, sie ist allerdings ein gedrucktes Gespräch, würde ich nicht geändert wünschen; sie ist nie langweilig und nie durch jene vornehme Unklarheit ermüdend, die so oft zu Vorschein kommt, wenn es sich darum handelt, einem Philosophen seine ‘Stellung in der Geschichte ’ anzuweisen; sie ist vielmehr durch die Mannigfaltigkeit der zur Vergleichung herbeigezogenen Gedankenstoffe überall spannend und unterhaltend» (Göttingische gelehrte Anzeigen [1876] 460). Der erste flüchtige Blick in die Neue Grundlegung der Psychologie und Logik genügte jedenfalls, um eine nachhaltige Beschäftigung mit Teichmüller anzustoßen, die schließlich zur vorliegenden Edition führte. Obwohl die Neue Grundlegung von Teichmüller nicht mehr abschließend überarbeitet werden konnte, erscheint in ihr sein Personalismus in reifster Gestalt. Das Kapitel über das Ich darf als einer der bedeutendsten Texte des Personalismus gelten. Systematisch bedeutsam ist auch das erste Kapitel über Bewusstsein und Erkenntnis. Für Teichmüller bestand Erkenntnis in einem notwendigen, kohärenten System der Gedanken. Dabei bleibt allerdings die Frage nach dem Wirklichkeitskontakt des Denkens unbeantwortet. Um diesen Mangel zu beheben, führte er mit
6
Vorwort
seinem Bewusstseinsbegriff ein direkt-realistisches Element in sein System ein. Der direkte Realismus war in der Erkenntnistheorie lange Zeit eine Randerscheinung, wird aber seit den 1990er Jahren wieder ernsthaft in Erwägung gezogen, um das Problem des mentalen Zugangs zur Welt zu lösen. Für seine Hilfe beim Abgleich der postum von Jakob Ohse herausgegebenen Erstausgabe der Neuen Grundlegung mit Teichmüllers Manuskript danke ich Nico Fehlbaum. Basel, im Herbst 2014
Heiner Schwenke
Inhalt Einleitung des Herausgebers . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 Entstehung und Stellung im Werk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10 Überblick über den Inhalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Theoretische Grundlagen aus früheren Werken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bewusstsein und Erkenntnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bewegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Ich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die absolute Methode, die Dynamik des Denkens und der Begriff der Frage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Holistisch-topologische Erkenntniskonzeption .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Konstruktiver Ursprung der Kategorien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
18 18 20 23 25 27 29 30
Rezeption .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31 Hinweise zur Edition . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33 Editorische Zeichen .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34 Abkürzungen und Siglen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34 Bibliographische Angaben .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37 1. Verzeichnis der Schriften von Gustav Teichmüller . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37 Monographien 37. – Aufsätze 38. – Herausgebertätigkeit 39. – Rezensionen und Selbstanzeigen 39. – Veröffentlichung von Manuskripten aus dem Nachlass 40.
2. Sekundärliteratur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42 Rezensionen zur Neuen Grundlegung der Psychologie und Logik 42. – Weitere Literatur zur Neuen Grundlegung der Psychologie und Logik 42. – Weitere Literatur zu Gustav Teichmüllers systematischer Philosophie 42.
Edition . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47 Vorwort. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49 Inhalts-Verzeichniss. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53
8
Inhalt
Erster Theil. Neue Grundlegung der Psychologie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59 Zweiter Theil. Neue Grundlegung der Logik. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 259 Sach- und Namen-Verzeichniss. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 347 Kommentar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 355 Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 425
Ich will Jedermanns Schüler sein; aber ich kenne keinen Meister. Gustav Teichmüller an Adolf Lasson am 10. Juni 1887, Nachlass B 1661
Einleitung des Herausgebers Teichmüllers Neue Grundlegung der Psychologie und Logik ist das dritte und wegen seines verfrühten Todes auch letzte seiner ‘speculativen’ Hauptwerke. Es ist sein letztes Buch überhaupt und nicht ganz vollendet. Verfasst wurde es im Wesentlichen 1887, herausgegeben 1889, ein Jahr nach seinem Tod, von seinem Schüler und Nachfolger auf dem Philosophielehrstuhl in Dorpat/Tartu, Jakob Ohse.1 Bei der Herausgabe, die bis auf wenige kleinere Stellen streng dem Manuskript folgt, wirkte Teichmüllers Witwe Caroline Teichmüller(-Cramer)2 intensiv mit.3 Sie erstellte auch den Index. Teichmüller charakterisiert das Buch als «Band speculat〈iver〉 Erörterungen über die Grundbegriffe meiner Philos〈ophie〉».4 Mit dem großen Kapitel über das Ich (NGPL 147–236) enthält es einen der Gründungstexte des philosophischen Personalismus. Darin wird ‘Personalismus’ anscheinend zum ersten Mal im Bereich der deutschsprachigen Philosophie zur Selbstbezeichnung eines philosophischen Systems verwendet (NGPL 156–157).5 Wahrscheinlich ist seine Philosophie das erste 1 Jakob Ohse (1860–1919) gilt als der erste akademisch ausgebildete lettische Philosoph. Er war Teichmüllers Nachfolger in Dorpat/Tartu und lehrte dort von 1889 bis 1918 Philosophie (siehe Hain Tankler, Algo Rämmer: Tartu University and Latvia [Tartu 2004] 44). 2 Caroline Cramer wurde 1844 in Joala bei Narwa (Narva) in Estland geboren, heiratete Gustav Teichmüller 1866, hatte mit ihm sieben gemeinsame Kinder und starb 1894 in Jena. 3 Aufschlussreich für ihre Rolle in der Edition ist ein an sie gerichteter Brief von Jakob Ohse von Ende Juli oder Anfang August 1888 (Nachlass BF 4z): «Im Korrekturbogen habe ich an ein paar Stellen mit Bleifeder meine Meinung angedeutet u. überlasse Ihnen die Entscheidung. Die Seitenüberschriften habe ich bis S. 261 deshalb nicht hingesetzt, weil ich nicht absolut sicher den Wortlaut kenne, von S. 263 an müßten wir, glaube ich einfach ‘neue Def. der Erk.’ drucken lassen. Ich bitte Sie, die Überschriften hinzuzufügen.» 4 Brief an Edmund Pfleiderer vom 29. Juli 1887 (Nachlass B 2318). Edmund Pfleiderer (1842– 1902), Bruder des Theologen Otto Pfleiderer, war ab 1873 Professor für Philosophie in Kiel, ab 1877 in Tübingen (NDB XX 349). 5 Mit Sicherheit falsch ist die Behauptung in der Enzyklopädie Philosophie und Wissen schaftstheorie, hg. von Jürgen Mittelstraß, Bd. 3 (Stuttgart 1995) 92, ‘Personalismus’ sei
10
Einleitung des Herausgebers
umfassend ausgearbeitete, konsequent personalistische System überhaupt. Die Selbsteinschätzung des führenden amerikanischen Personalisten Borden Parker Bowne6 aus dem Jahre 1909, er sei der erste Personalist «in any thorough-going sense»,7 trifft eher auf Teichmüller zu. Teichmüller ist überzeugt, dass sein Personalismus der «natürliche[n] und wahre[n] Menschheitsphilosophie» (NGPL 147) entspricht. Wie in früheren Bänden will er keine neuen Ideen entwickeln, sondern diese allgemeine Menschheitsphilosophie nur wissenschaftlich formulieren. Viele philosophische «Sektierer» vergäßen, «dass die durch alle Jahrhunderte reichende Zustimmung der Menschheit immer zu der wünschenswerthesten Ausstattung eines philosophischen Systems gehört» (NGPL 147). In der Neuen Grundlegung entfaltet Teichmüller seine Unterscheidung von Bewusstsein und Erkenntnis. Von ihr aus führt eine direkte Linie zu Nikolaj Losskijs Intuitivismus, eine Form des direkten Realismus, der den problematischen neuzeitlichen Repräsentationalismus zu überwinden sucht.8 Bisher kaum beachtet, aber bemerkenswert sind Teichmüllers Lehre von der entscheidenden normativen Rolle des Gefühls in der Erkenntnis und seine erotetische Theorie des Erkenntnisfortschritts, die er in der Neuen Grundlegung entwirft, sowie seine hier weiter ausgebaute relational-holistische Begriffstheorie und konstruktivistische Theorie der Kategorienbildung.
Entstehung und Stellung im Werk Den Anstoß zur Neuen Grundlegung gab die Kritik an der im Oktober 1886 erschienenen Religionsphilosophie. Eigentlich wollte Teichmüller ihr einen zweiten Band folgen lassen, der «die Philosophie des Christenthums» als «dritte[] und letzte[] Stufe religiöser Bildung» (RPh 541) enthalten sollte. Noch am 17. November 1886 schrieb Teichmüller an Guido Pingoud, er sei «völlig in die Philos. des Christen
z uerst 1903 von Charles Renouvier zur Selbstbezeichnung eines philosophischen Systems verwendet worden. 6 Borden Parker Bowne (1847–1910), ab 1876 Professor der Philosophie in Boston, war eine führende Figur des amerikanischen Personalismus; siehe sein Werk Personalism (Boston 1908). 7 Brief Bownes an seine Frau vom 31. Mai 1909, abgedruckt in: K. M. B.: An Intimate Portrait of Bowne, in: The Personalist 2 (1921) 5–15 (Zitat 10). 8 Siehe dazu näher Heiner Schwenke: Zurück zur Wirklichkeit. Bewusstsein und Erkenntnis bei Gustav Teichmüller (Basel 2006) 263–286.
Entstehung und Stellung im Werk
11
thums vertieft u. hoffe damit im nächsten Jahre herauszurücken».9 Dann melden sich die ersten Leser der Religionsphilosophie mit ihrer Kritik. Der Dorpater Theologe Alexander von Oettingen, der allerdings nur das Vorwort gelesen hatte, be zweifelte am 24. November in einer mündlichen Unterredung die Neuheit der Unterscheidung von Bewusstsein und Erkenntnis, die Teichmüller im Vorwort der Religionsphilosophie ins Zentrum seiner Philosophie gerückt hatte.10 Wahrscheinlich am 26. November traf ein empörter 36-seitiger Brief seines Schülers, des Theologen Rudolf Kallas, ein: «[D]anach, was ich in diesem Buch vom Christenthum zu hören bekommen habe, kann ich natürlich nur wünschen, dass Ihre Philosophie des Christenthu〈m〉s lieber gar nicht erscheinen möchte».11 Tags darauf stellt Heinrich von Stein, Teichmüllers engster Freund unter den deutschen Philosophen, wie von Oettingen die Neuheit der Unterscheidung von Bewusstsein und Erkenntnis in Frage und bezweifelt zudem ihre «Wahrheit». Offensichtlich bewirken diese Kritiken eine kurzfristige Änderung der Publikationspläne. Am 29. November 1886 teilt Teichmüller seinem Schüler und Vertrauten Ohse mit: K〈allas〉 in Walk12 ist außer sich, weil ihm der A.T. Gott13 genommen u. die ϑαύματα14 des N.T.15 […] Ihnen sage ich, dass die Ph〈ilosophie〉 d〈es〉 Chr〈istenthums〉 enthalten wird 1. Quellenkritik u. Methodologie 2. Leben J〈esu〉 3. R〈e〉lig〈ion〉 J〈esu〉 4. die unreinen Formen des Christ〈en〉th〈ums〉 d. h. die Confessionen u. Kirchen. –– Vorher denke ich bis Semesteranfang[¿] ein kurzes Buch: ‘specul〈ative〉 Theologie’ zu vollenden.16
Drei Tage später schreibt Teichmüller in seiner Antwort an Heinrich von Stein: Übrigens wird das ‘Neue’ bei mir, das nach Ihrer Meinung ‘nicht wahr’ sein soll, in meinem nächsten Buche in ganz üppiger Fülle hervortreten, da ich mich entschlossen habe, zunächst die speculative Theologie herauszugeben u. dabei die Theorie des Bewusstseins umfassend darzustellen.17
9 Nachlass B 2383; fast gleichlautend am selben Tag an Heinrich von Stein: «Jetzt bin ich ganz in der Phil. des Christenthums» (Nachlass B 2771). 10 Siehe Teichmüllers Brief an Alexander von Oettingen vom selben Tag (Nachlass B 2239). 11 Brief vom 25. November 1886 (Nachlass B 1494); Kallas schrieb als Jahreszahl irrtümlich 1883. 12 Walk ist das estnische Valga, knapp 90 km südlich von Dorpat gelegen. 13 Der Gott des Alten Testaments. 14 ϑαύματα: Wunder. 15 N.T.: Neues Testament. 16 Nachlass B 2198. 17 Brief vom 2. Dezember 1886 (Nachlass B 2773).
12
Einleitung des Herausgebers
Von einem ‘kurzen Buch’ ist bereits nicht mehr die Rede. Teichmüllers Antwort an von Stein spricht sehr dafür, dass die Reaktionen der Leser der Auslöser für den Einschub eines weiteren Werkes zwischen dem soeben erschienenen ersten und dem geplanten zweiten Teil der Religionsphilosophie waren, und zwar vor allem die Kritik an seinem Bewusstseinsbegriff.18 Diese These wird durch seinen Brief an den Berliner Theologen Bernhard Weiss19 von Mitte Dezember 1886 untermauert: Ich beabsichtige, ehe ich meine Philosophie des Christhenthums herausgebe, erst noch eine neue philos. Theologie erscheinen zu lassen, an der ich jetzt arbeite. Da soll die Theorie des Bewusstseins, die ich andeutete, ganz entwickelt werden; denn dies ist der eigentlich wissenschaftliche Weg, der zum Christenthum führt.20
Warum führt die neue Theorie des Bewusstseins zum Christentum? Für Teichmüller ist das Bewusstsein, genauer: das Ich- oder Selbstbewusstsein im Unterschied zur Selbsterkenntnis, der einzige Weg zur Person, zu einem individuellen, substanzia len Ich. Das Ich kann nicht mit der Erkenntnisfunktion gefunden werden, denn dann wäre es nach Teichmüller bloßer Gedankeninhalt (ideelles Sein). Da nach Teich müller die Lehre eines unsterblichen, substanziellen Ich für das Christentum zentral ist und sie sich in anderen Religionen «höchstens als eine Ahnung» finde (PhChr 22), ist folglich auch die Theorie des Bewusstseins als einziger Weg zum substanziellen Ich für eine wissenschaftliche Erklärung des Christentums unersetzlich. Philosophie und Christentum sind bei Teichmüller keine völlig verschiedenen Sphären, sondern das Christentum ist für ihn wie alle anderen Religionen «eine Weltansicht […], deren Erklärung auf metaphysischen Begriffen beruht» (PhChr 21). Der Bewusstseinsbegriff ist noch in anderer Hinsicht für das Verständnis der Religionen im Allgemeinen wichtig. Gott offenbart sich im Bewusstsein, nicht in der Erkenntnisfunktion. Die Besonderheit Jesu war sein Gottesbewusstsein: In ihm erwachte «zuerst das Bewusstsein eines von Gott nicht getrennten Wesens» (PhChr 30). Im Januar 1887 sind die Arbeiten an dieser «philosophischen Theologie» bereits fortgeschritten. Teichmüller schreibt, dass er «in der positiven Darlegung des Christenthum〈s〉 begriffen» sei, doch habe er diese Arbeiten, bei denen er sich auf 18 Teichmüller sah selbst literarische Produktionen ganz wesentlich durch gegnerische Angriffe bestimmt und verwendet dieses Postulat zur Bestimmung der Chronologie der platonischen Dialoge (siehe LF I u. II). 19 Bernhard Weiss (1827–1918) war Professor für evangelische Theologie ab 1863 in Kiel und ab 1877 in Berlin. Er verfasste zahlreiche, insbesondere textkritische Werke zum Neuen Testament (Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, hg. von Friedrich Wilhelm Bautz, ab Band 3 fortgeführt von Traugott Bautz, Bd. 13 [Hamm 1998] 666–672). 20 Brief vom 16. Dezember 1886 (Nachlass B 3186).
Entstehung und Stellung im Werk
13
das Material seiner Vorlesungen stützen kann, zugunsten der spekulativen Grundlegung hinausgeschoben: [S]o kommt jetzt erst die streng wissenschaftliche Theologie, von der wohl schon ein Drittel fertig ist; dann allein kann die historische Analyse vom Christenthum überzeugend wirken, weil man ohne diese Voraussetzung nur glauben würde, Bilder u. Gleichnisse zu hören, ohne denselben einen Werth als mit der Wissenschaft übereinstimmende Wahrheit zuschreiben zu können.21
Ähnlich heisst es im März an Hugo Sommer:22 Ich bin jetzt in einer rein speculativen Arbeit ganz versunken, da ich vor der Darstellung des Christenthums erst die philosophische Theologie herausgeben will, damit die christl. Gedanken nicht als bloße Metaphern betrachtet werden können. Ich finde da unendlich viel Neues zu sagen u. hoffe Sie auch zu gewinnen.23
Er hofft, das Buch noch 1887 zu beenden.24 Wissenschaftlich wertvoll und wahrscheinlich von spürbarem Einfluss auf die Arbeit an der Neuen Grundlegung ist der Briefwechsel mit dem Hegelianer Adolf Lasson25 in der ersten Hälfte des Jahres 1887. Teichmüller schreibt am 22. Februar 1887 an Lasson: Ich will dagegen einen ganz neuen Ausgangspunkt nehmen, der bis jetzt noch niemals in der Gesch. d. Philos. 〈–〉 ist, soviel ich davon Kenntniss besitze; denn auch Leibnitz ist bloßer Dogmatiker. Darum kann mir auch Hegel’s System nicht dienen; denn er hat eine Psychologie, bei der die Gefühle (Willen) u. Bewegungen u. das Ich in die vernünftige Erkenntniss aufgenommen u. von ihr verschluckt werden, wobei sich die Vernunft den Magen verderben muss, weil die drei Ingredienzien durch vernünftige Magensäfte nicht verdaut werden können. In meinem Buche, das jetzt unter der Feder ist, wird das, wie ich 21 Brief an seinen Schüler Nicolai Jaskowsky vom 19. Januar 1887 (Nachlass B 1437). 22 Der Philosoph und Jurist Hugo Sommer (1839–1899) war ein Anhänger Lotzes und verfass te neben seiner richterlichen Tätigkeit in Blankenburg am Harz zahlreiche philosophische Abhandlungen (siehe ADB LIV [1908] 391–392). 23 Brief vom 9. März 1887 (Nachlass B 2677). 24 Im Brief vom 4. März 1887 an den Astronomen Ernst Hartwig (Nachlass B 1172) schreibt Teichmüller, er sei «ganz versenkt in Ausarbeitung eines anderen Buches, das hoffentlich in diesem Jahr fertig wird». Hartwig (1851–1923) entdeckte 1885 von der Sternwarte Dorpat (Tartu) aus eine Supernova im Andromeda-Nebel und wurde 1886 zum Direktor der Bamberger Sternwarte berufen (siehe NDB VIII 14–15). 25 Adolf Lasson (1832–1917) studierte Philosophie u. a. bei Adolf Trendelenburg sowie Klassische Philologie, Jurisprudenz und Theologie. Er war 1860–1897 Lehrer am Luisenstädtischen Real-Gymnasium in Berlin, seit 1877 Privatdozent für Philosophie und seit 1897 ordentlicher Honorarprofessor an der Universität Berlin (siehe NDB XIII 679–681).
14
Einleitung des Herausgebers hoffe, mit voller Klarheit hervortreten, wie 〈die〉 Nichtunterscheidung von Bewusstsein u. Erkenntn〈iss〉 für Hegel u. für d. ganzen Idealismus verhängnisvoll ist. Ich freue mich darauf, Ihnen das 〈Buch〉 zu schicken[.]26
In seiner Antwort vom 10. April 1887 widerspricht Lasson fast allen Positionen Teichmüllers.27 Dieser antwortet am 10. Juni desselben Jahres: Was Sie dann ferner sagen, dass Sie keine abstracte Identität wollen, dass alle Geistesvermögen Modificationen des Denkens sind, dass das Ich immer durch Denken vermittelt würde, dass die Kategorien uns hätten u. nicht umgekehrt, dass das Scheinbare auch wirklich sei, dass wir von Zeit u. Raum das Object nicht lösen könnten, dass d〈er〉 Widerspruch dem Objectiven selbst angehöre, dass das Ich Alles sei, die sinnl. wie die geistige Welt, dass alles wahrhaf〈t〉 Seiende begriffliche Form hätte, dass die Natur nur Metapher u. Abbild sei u. s. w. – all dieses habe ich in Ihrer mir sehr angenehmen Ausdrucksweise mit Vergnügen gelesen, da dieser ganze Platonismus ja eine verhältnismäßig sehr vornehme u. edle Gesinnung ausdrückt u. über das positivistische Proletariat, wozu z. B. Wundt gehört, hoch hinausragt; ich kann hier aber nicht darauf eingehen, so gern ich im persönlichen Gespräch mit Ihnen Punkt für Punkt erörtern u. Ihnen so sehr gerne zeigen möchte, dass ich diese Sätze schon lange tausendmal hin u. her erwogen u. immer zu leicht befunden habe. Man kann leider nicht Alles auf einmal fertig bringen. So bin ich selbst Schuld, wenn ich solche Antworten von Ihnen erhalte, denn sicherlich habe ich dieselben nicht im Voraus durch einleuchtendes Räsonnement abgeschnitten. Jetzt kommt aber bald mein neues Buch, welches meine neue Methode, eine absolute Dialektik der Coordination exponirt u. die Hegelsche ausführlich erklärt u. damit überwindet. Außerdem wird Bewussts. u. Erkenntniss jetzt erst gründlich geschieden werden u. damit Licht auf einige der Hauptargumente der früheren Philosophie fallen. Kurz, ich kenne die gegnerische idealis-
26 Nachlass B 1658. 27 Lasson bestreitet die Lehre von den drei grundlegend verschiedenen Seelenfunktionen, er leugnet ein nicht-ideelles, genuin substanzielles Ich, lehnt die Konstruktivität der Kategorien ab, ebenso den Begriff der semiotischen Erkenntnis und kritisiert die Vorstellung eines unmittelbaren, nichtbegrifflichen Bewusstseins und damit auch die Unterscheidung von Bewusstsein und Erkenntnis. Siehe auch die folgenden Auszüge aus seinem Brief: «Auch das Ich haben wir nicht unmittelbar; auch das Ich ist ein Begriff u gleichzeitig ein Anschauungsbild. Nicht aus dem Selbstbewusstsein kommen wir zum Begriff der Substanz, sondern vermittelst der Kategorie der Substanz, an die unser Denken gebunden ist, zum Begriff des Selbstbewusstseins […]. Die Kategorien haben wir nicht, sondern sie haben uns; sie constituieren das Ich». Ein unmittelbares, nichtinferenzielles, nichtbegriff liches Bewusstsein könne es nicht geben: «Niemals werde ich etwas zugeben, was mir nicht bewiesen werden kann. Das wäre in jedem Fall Aberglauben. Dass uns Gegenstände unmittelbar gegeben sind, ist unzweifelhaft; aber die Aufgabe ist gerade, denkend hinter diese Unmittelbarkeit zu kommen, sie aufzulösen, sie auf ihre Quellen zurückzuführen u das bildende Ich in allem scheinbar Unmittelbaren nachzuweisen. Ein Bewusstsein, das schlechterdings nicht begrifflich wäre, kann es nicht geben» (Nachlass B 1660).
Entstehung und Stellung im Werk
15
tische Argumentation, wie sie auch in Ihrem Eckhart so schön und überredend auftritt, aus langer Freundschaft u. will gern das scheinbar Richtige darin anerkenn〈en〉, aber es ist doch alles nur scheinbar u. kann mich schon lange nicht mehr befriedigen. Es ist Projecti〈vis〉mus, so gut wie die materialistische Lehre. Jed〈es〉[¿] neue Buch von mir wird Ihnen eine Menge neuer Punkte zeigen, die sich als Lösung alter Problem〈e〉 ungezwungen darbieten[.]28
Teichmüller betont auch seine Unabhängigkeit gegenüber den bestehenden philosophischen Richtungen: Wenn Sie mich an Fichte u. Schelling anschließen wollen, so ist nichts dagegen einzu〈wen den〉, weil ich auch 〈–〉 [von ihnen] gelernt habe; aber ich habe bei Allen gelernt u. am Meisten bei den Alten. Einen unmittelbaren Anschluss an die modernen Philos. konnte ich nicht nehmen, weil ich kein Schüler eines modernen Philosophen geworden bin, nicht einmal zeitweise von Trendelenburg, wie Sie mit Recht bemerken, obgleich ich ihn als meinen Exegeten[¿] u. 〈–〉 verehre. Ich will Jedermanns Schüler sein; aber ich kenne keinen Meister.29
In der Neuen Grundlegung behandelt Teichmüller zahlreiche der von Lasson kritisierten Punkte. Wahrscheinlich ist die Auseinandersetzung mit Hegels Dialektik wegen Lasson so ausführlich geraten; vermutlich hat dessen Kritik auch zur Abfassung des umfangreichen Kapitels über das Ich beigetragen, in dem Teichmüller seine Lehre rekapituliert und abrundet. Das Thema des Ich klingt zu dieser Zeit auch in einem anderen Zusammenhang an. Am 5. März 1887 berichtet er Ohse, er habe sich mit dem jungen, hochbegabten französischen Gelehrten Lucien Herr, der einen Monat bei ihm zu Gast war, viel über das Ich unterhalten.30 Danach tritt die Neue Grundlegung der Logik in den Vordergrund. Darin wendet Teichmüller seine Lehre der Unterscheidung von Bewusstsein und Erkenntnis und seine Neuordnung der Seelenfunktionen auf die Frage der allgemeinen Denk 28 Nachlass B 1661. 29 Nachlass B 1661. 30 «Lucien Herr ist ein eminenter Gelehrter, dem nicht nur überhaupt nichts fremd ist, sondern der auch Alles zu beurtheilen versteht. Er hat sich bei uns sehr wohl gefühlt u. wird gewiss unser Freund bleiben. […] Über das Ich hatten wir viele Gespräche; er konnte es Anfangs nicht recht auffassen; jetzt aber sieht er die Sache. Aber in der Theologie ist er noch im Unklaren; ich habe ihn auf mein jetziges Buch vertröstet; denn ich mochte nicht gern mir selbst vorgreifen.» (Nachlass B 2205). Der Elsässer Lucien Herr (1864–1926) war ein bekannter sozialistischer Intellektueller. Er bestand mit 22 Jahren die Rekrutierungsprüfung (Agrégation) in Philosophie für den höheren Schuldienst, war dann 38 Jahre lang Bibliothekar der Ecole Normale Supérieure, engagierte sich maßgeblich in der DreyfusAffäre und galt als Graue Eminenz der Dritten Republik (siehe Sir Paul Harvey: The Oxford Companion to French Literature [Oxford 1959] 164).
16
Einleitung des Herausgebers
methode an. Es besteht somit eine enge innere Verbindung zwischen den beiden Teilen.31 Im April 1887 schreibt er an Ohse: «Was die Methode betrifft, so habe ich jetzt viel Neues vorbereitet u. will eine allg. wiss. u. psychol. Meth. der Hegelschen Dialektik, wie der alten Aristot. u. Überwegschen entgegenstellen. Es ist ein gewisser Schematismus, wie bei Hegel, immer wünschenswert. Strammheit!»32 Einige Wochen später heißt es ebenfalls an Ohse: «Ich habe inzwischen auch meine Methodenlehre ausgearbeitet, so dass Sie auch mancherlei Neues hören können, wie ich meinerseits auf Ihre neuen Arbeiten begierig bin.»33 Im August schreibt Teichmüller an den Philosophiehistoriker Alfred William Benn:34 «In alter Philosophie habe ich ein bisschen weitergearbeitet für die Vor lesungen; aber sonst bin ich ganz eingetaucht und fast verloren in meine neue Arbeit; ich nenne sie Theologie, worin aber auch viele andre menschliche Dinge vorkommen. Wegen dieser thörichten Versunkenheit in neue Methoden und dergl. müssen Sie mir verzeihen, wenn ich Ihrer […] nur im Stillen und im Kreise der Meinen gedacht habe, ohne Ihnen zu schreiben.»35 Das Manuskript scheint im Sommer weiter Fortschritte zu machen.36 Es hat jetzt den Charakter einer grundlegenden Weiterführung der Philosophie Teichmüllers. An Edmund Pfleiderer schreibt er: «Ich […] hoffe im Laufe des Jahres Ihnen einen Band speculat. Erörterungen über die Grundbegriffe meiner Philos. zugehen lassen zu können.»37 Der ursprüngliche Arbeitstitel ‘Speculative Theologie’ passt nicht 31 Teichmüller hatte bereits Anfang der 1880er Jahre mit einer Abhandlung zur Logik begonnen. Sie sollte anscheinend den zweiten Band zu Die wirkliche und die scheinbare Welt – Neue Grundlegung der Metaphysik bilden bzw. ein wesentlicher Bestandteil des zweiten Bandes werden. Er legte das 270 Druckseiten umfassende Manuskript, das 1940 von W. Szyłkarski unter dem Titel Logik und Kategorienlehre herausgegeben wurde, wahrscheinlich 1883 beiseite. Allerdings verwendet er daraus keine Teile für die Neue Grund legung der Logik. Auch die Themen überschneiden sich nur wenig. Seine frühere Theorie der Ideen als «das Wesen des Realen selbst» (LK 105) modifiziert er in der Neuen Grund legung (siehe insbes. NPGL 265–275, 284–298). 32 Brief vom 4. April 1887 (Nachlass B 2207). 33 Brief an Ohse, ohne Datum, auf der Briefkopie von anderer Hand mit Bleistift notiert «Mai ? 87» (Nachlass B 2211). 34 Der englische Philosophiehistoriker und Schriftsteller Alfred William Benn (1843–1916) verfasste zahlreiche philosophiehistorische Werke, insbesondere über die griechische Philosophie (International Journal of Ethics 26 [1916] 282–283). 35 Brief vom 22. August 1887 (Nachlass B 143), Hervorhebung H. S. 36 Vgl. den Brief vom 16. Juni 1887 an Lucien Herr (Nachlass B 1244): «Mein Buch aber rückt stark vorwärts u. nimmt jetzt […] meine ganze Zeit in Anspruch.» 37 Brief vom 29. Juli 1887 an Edmund Pfleiderer (Nachlass B 2318). Zur Hoffnung, das Buch noch 1887 gedruckt zu sehen, siehe den fast gleichzeitigen Brief an Adolf Lasson vom
Entstehung und Stellung im Werk
17
mehr recht.38 Im September 1887 nennt er Ohse den endgültigen Titel des Buches und ein weiteres Thema, die Theorie der Ideen: Mein neues Buch soll unter dem Titel ‘Neue Grundlegung der Psychologie und Logik’ erscheinen. Ich habe noch viel hineingearbeitet, z. B. meine neue Theorie über die Ideen, die nun ganz ihren projectivischen Theaterequipagencharakter verlieren.39
Anfang Oktober bezeichnet er gegenüber Rudolf Haym das Werk als eine «meta physische Arbeit», die ein notwendiges «Zwischenglied» zwischen der Religionsphi losophie und der Philosophie des Christentums darstelle.40 Gegen Ende 1887 fährt er zu einem längeren Aufenthalt nach Berlin,41 was die Fertigstellung des Buches hinauszögert: «Mir wird die Reise schwer, weil ich mich von unvollendeten Arbeiten trennen muss. Das neue Buch wird wohl erst Ostern fertig.»42 Von dieser Reise kommt Teichmüller im Februar 1888 mit Magenkrebs zurück und wird die Neue Grundlegung nicht mehr vollenden können. Am 22. Mai 1888 stirbt er. Auf dem Sterbebett klagt er: «Wenn ich an meine unvollendeten Arbeiten: Leben Jesu, Philosophie des Christenthums, neue Grundlegung der Logik und Psychologie denke, so möchte ich weinen.»43 Teichmüllers Manuskript der Neuen Grundlegung der Psychologie und Logik war zwar unvollendet, aber in den bestehenden Teilen weit-
38 39 40
41
42 43
5. August 1887 (B 1664): «Ich werde mich mit ihm [Masci] in d. Vorrede meines nächsten Buches, das noch in diesem Jahre erscheinen soll, auseinandersetzen.» Siehe den im vorigen Absatz zitierten Brief an Alfred Benn. Brief vom September 1887 (Nachlass B 2218). Brief vom 7. Oktober 1887 (Nachlass B 1192): «Dass Sie die Darstellung des Christenthums so sehr vermisst haben, ist mir eher lieb, als leid; denn diese Lücke hoffe ich bald stopfen zu können u. in solcher Energie mich auszusprechen, dass man die Relig.ph. darüber vergessen wird. Darum schadet der Zeitverlust nicht, u. ich werde bald erst noch eine metaphysische Arbeit veröffentlichen, die mir als Zwischenglied nothwendig zu sein scheint.» Teichmüller wollte in Berlin zum einen seine dort lebenden Kinder besuchen. Seine beiden ältesten Söhne, Hans (1867–1890) und Georg (1868–1898), studierten dort am Köllnischen Gymnasium; zu ihrer Betreuung war seine älteste Tochter, Anna (1861–1940), ebenfalls nach Berlin gezogen. Ein weiterer Zweck der ausführlichen Berlinreise war vermutlich, eine Möglichkeit zur Rückkehr nach Deutschland zu finden, die Teichmüller nicht nur wegen des von ihm immer wieder angeführten ‘sibirischen’ Klimas, sondern wohl auch wegen der fortschreitenden Russifizierung der Universität Dorpat geboten schien. Siehe den Brief vom 23. Dezember 1887 an Heinrich von Stein (B 2773). Brief an Ohse vom 27. April 1888 (Nachlass B 2225). Gegenüber seinen in Berlin studierenden Söhnen Georg und Hans drückt er seinen Schmerz über das unvollendete Lebenswerk verhaltener aus: «Leider bleiben meine liebsten Arbeiten unvollendet. Aber auch dafür wird sich mit der Zeit wer finden, der auf dieselben Gedanken kommt» (Brief vom 7. April 1888, Nachlass BF 1d).
18
Einleitung des Herausgebers
gehend druckfertig. In seinem Vorwort schreibt Jakob Ohse, dass ein Kapitel über den Begriff der Wahrheit und ein Exkurs über die Kunst ungeschrieben blieben und drei Abschnitte, deren umfangreichster der erste Teil des Kapitels über Bewusstsein und Erkenntnis war, hätten umgearbeitet werden sollen (NGPL III). Dem Wunsch Teichmüllers nach Kürzungen des Textes entsprach Ohse nicht.
Überblick über den Inhalt Das Werk ist zweigeteilt in eine «Neue Grundlegung der Psychologie» und eine «Neue Grundlegung der Logik». In der «Psychologie» behandelt er die Unterscheidung von Bewusstsein und Erkenntnis, die Seelenfunktion der Bewegung oder Handlung sowie das Ich. Die Trennung von Bewusstsein und Erkenntnis, die Teichmüller im ersten Kapitel vornimmt, ist für ihn eine Frage der Psychologie, da es um eine rechte Bestimmung der Seelenvermögen geht.44 Teichmüller beabsichtigt keine umfassende Behandlung der im Titel genannten Gebiete. Vielmehr konzentriert er sich auf Grundbegriffe seines philosophischen Systems, die «hier neu erforscht werden und erst in die Wissenschaft einzuführen sind» (NGPL 40). Seine Psychologie enthält fünf grundlegende Elemente: das Ich mit seinen drei Funktionen Erkennen, Fühlen (Wollen) und Handeln (Bewegen) sowie das von der Erkenntnisfunktion unterschiedene Bewusstsein. Seine neue Lehre der Identität von Gefühl und Wille hatte er bereits in der Religionsphilosophie dargelegt (RPh 26–67). In der «Neuen Grundlegung der Psychologie», dem ersten Teil des Buches, behandelt er daher vor allem das Ich, die Bewegungsfunktion sowie die Unterscheidung von Bewusstsein und Erkenntnis, während er sich im zweiten Teil, der Logik, seinem neuen Erkenntnisbegriff zuwendet. Dort beschreibt er in Abgrenzung von Hegel eine allgemeine Methode des Erkenntnisgewinns, eine neue erotetische Dialektik, in der alle drei seelischen Vermögen zusammenwirken.
Theoretische Grundlagen aus früheren Werken In der Neuen Grundlegung der Psychologie und Logik legt Teichmüller Konzepte zugrunde, die er in der Wirklichen und scheinbaren Welt und der Religionsphilosophie entwickelt hatte. Dazu zählt als Erstes seine relational-holistische Begriffstheorie. Da44 Siehe auch RPh VII.
Überblick über den Inhalt
19
nach sind Begriffe keine Summen von Merkmalen, sondern bilden spezifische Funk tionen, in denen Beziehungspunkte (oder Merkmale) unter einem Gesichtspunkt verknüpft sind. Da Begriffe selber Beziehungspunkte für andere Begriffe seien, bildeten alle Begriffe ein zusammenhängendes «Netz» (WSW 14) oder «Coordinatensystem» (RPh 68). Ein Begriff werde nur durch seine Beziehungen zu anderen Begriffen definiert (RPh 68). Eine Definition gebe somit den ‘logischen Ort’ eines Begriffes in diesem Koordinatensystem an (WSW 61, 16), der stets konstant bleibe (RPh 229). Da alle Begriffe ihren Ort hätten, seien alle Begriffe definierbar (RPh 444, vgl. WSW 76). Zweitens ist Teichmüllers Topik des Seins zu nennen, die er ent wickelte, um das Sein des Ich bestimmen zu können. Er unterscheidet drei Formen des Seins. Das ideelle Sein ist der Bereich der Gedankeninhalte. Reales Sein haben für ihn hingegen die Akte des Ich, die er meist Seelentätigkeiten nennt: Denken, Wollen bzw. Fühlen und Bewegen. Ideelles und reales Sein seien aufeinander bezogen, es gebe keine Seelentätigkeit ohne Inhalt und keinen Inhalt ohne Seelentätigkeit. Die Seelentätigkeit gebe es aber wiederum nicht ohne Zugehörigkeit zu einem Ich. Denken, Empfinden und Handeln seien immer an ein Subjekt, an ein Ich, gekoppelt. Das Ich, der Inbegriff des substanzialen Seins, wird bei Teichmüller also ebenfalls relational definiert durch seinen Bezug auf das reale und über dieses auf das ideelle Sein. Diese drei Seinsformen bestünden immer zusammen und seien nicht aufeinander reduzierbar (WSW 51–79, 169–180). Drittens vertritt Teichmüller die Idealität von Raum, Zeit, Bewegung und Dingheit (WSW 181–350). Die materielle, raumzeitliche Welt gehört für ihn zum ideellen Sein. Sie existiere nur in unseren Gedanken. Wirklich sei nur, wie bei Leibniz, die Welt der psychischen Individuen. Die sinnlichen Erscheinungen entsprängen nur den Wirkungen des einen psychischen Wesens auf das andere. Aus Teichmüllers Lehre von der Scheinbarkeit der Zeit fließt sein Eternalismus. Die Welt ist für ihn ein zeitloses, fertiges Ganzes, nur die Beschränktheit des menschlichen Bewusstseins, die das Ganze nie auf einmal erfassen könne, sondern stets wechselnde, einander verdrängende Ausschnitte davon, erzeuge die Illusion der Zeit, die für das unbeschränkte Bewusstsein Gottes jedoch nicht bestehe. Den Glauben an eine reale, äußere materielle Welt erklärt Teichmüller durch Projektion von Bewusstseinsinhalten, ebenso die idealistische Realsetzung von Allgemeinbegriffen. Mit der Bewusstseinsprojektion gehe die Selbstvergessenheit einher, der Grundfehler der traditionellen philosophischen Systeme, die nur die sinnlichen und begrifflichen Bewusstseinsinhalte (das ideelle Sein) betrachteten und dabei das Ich vergäßen, das dieses Bewusstsein hat (WSW XV– XVI, 346; RPh 464). Um erkenntnistheoretisch aus der Fixierung auf das ideelle Sein auszubrechen, entwickelt er das Konzept der semiotischen Erkenntnis, die er von der spezifischen Erkenntnis abgrenzt. Aus zwei Gründen sei Erkenntnis zunächst auf das Gebiet des ideellen Seins beschränkt. Teichmüller teilt erstens die traditionelle An-
20
Einleitung des Herausgebers
sicht, dass Erkenntnis Kongruenz von Gedanken und Gegenstand, von Subjekt und Objekt voraussetzt (WSW 91–95; RPh 534). Dies sei aber nur im Falle ideeller Gegenstände (ideellem Sein) möglich, da nur Gedanken mit Gedanken vollkommen kongruent sein können. Die Erkenntnis, die ideelles Sein zum Gegenstand hat, nennt Teichmüller spezifische Erkenntnis. Zweitens bestehe Erkenntnis in Verknüpfung von Gedanken. In dieses System des ideellen Seins können das reale und das substanziale Sein nicht integriert werden. Um dennoch eine Erkenntnis des nicht- ideellen Seins zu ermöglichen, was für seinen anti-idealistischen Personalismus essen tiell ist, führt Teichmüller den Begriff der semiotischen Erkenntnis ein (WSW 91–119; RPh 68). Das reale und das substanziale Sein werden nicht selbst zu einem Teil des Systems aller Begriffe, sondern kämen bloß zeichenhaft (semiotisch) darin vor.45 Schließlich wird die neue Einteilung der Seelenfunktionen vorausgesetzt, die Teichmüller in der Religionsphilosophie vorgenommen hatte. Er verwirft die traditionelle Einteilung in Gefühl, Wille und Denken (RPh 27). Hinzukommen müsse das Bewegungsvermögen, das vom Willen verschieden sei, was man daran sehe, dass bei einer Lähmung der Wille, aber nicht die Möglichkeit der Bewegung vorhanden sei. Teichmüller vermehrt aber nicht die Zahl der Seelenfunktionen auf vier, sondern postuliert die Identität von Wille und Gefühl (RPh 36).
Bewusstsein und Erkenntnis Der Abschnitt über Bewusstsein und Erkenntnis ist, wie bereits erwähnt, allem Anschein nach motiviert durch die Kritik einiger Leser der Religionsphilosophie, die Trennung dieser beiden Elemente sei weder neu noch möglich. Dementsprechend versucht Teichmüller in einem historischen Abriss die Neuheit seiner Unterscheidung nachzuweisen und die grundsätzliche Verschiedenheit von Bewusstsein und Erkenntnis darzulegen.46 Bewusstsein sei vor ihm stets als eine Art oder Stufe der Erkenntnis behandelt worden. Er stellt dagegen fest, dass Erkenntnisse sowohl bewusst als auch unbewusst sein können (NGPL 18). Das gelte auch für die anderen geistigen Funktionen, das Gefühl, welches er mit dem Willen identifiziert, und das Handlungs- oder Bewegungsvermögen. Bewusstsein falle im Gegensatz zur Erkenntnis unter die Kategorie der Intensität, es könne also mehr oder weniger intensiv sein, Erkenntnis hingegen nicht. Er definiert, Bewusstsein sei «ursprünglich ein specifischer Grad der Intensität einer einzelnen elementären geistigen Function» 45 Teichmüller verwendet den Begriff der semiotischen Erkenntnis allerdings nicht eindeutig (siehe dazu H. Schwenke: Zurück zur Wirklichkeit, 181–188). 46 Vgl. auch ebd. 221–224. Zum Folgenden ebd. 159–224.