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Kurzer Begriff aller Wissenschaften

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JOHANN GEORG SULZER GESAMMELTE SCHRIFTEN 1 KURZER BEGRIFF ALLER WISSENSCHAFTEN

Erste (1745) und zweite (1759) Auf lage

2 SCHRIFTEN ZUR PSYCHOLOGIE UND ÄSTHETIK 3 ALLGEMEINE THEORIE DER SCHÖNEN KÜNSTE Weitere Bände in Planung

Johann Georg Sulzer hatte seinen Kurzen Begriff aller Wissenschaften für die zweite Auflage stark überarbeitet. Die Edition beider Auflagen dieses Überblicks über den Stand der Wissenschaften in einem Band und mit ausführlicher Kommentierung bietet Einsicht in das Wissens- und Wissenschaftsverständnis und in dessen grundlegende Veränderungen um die Mitte des 18. Jahrhunderts. Der Aufklärer und Autor dieses bereits zu seinen Lebzeiten äußerst populären und berühmt gewordenen Kompendiums hatte ein außerordentliches Gespür für die Bedeutung derjenigen Bereiche menschlicher Erkenntnis, die sich ‹rationalen› Kriterien entziehen – und forderte eine Revision des kognitiven Rationalismus. «Unter den vielen Encyclopedien, womit uns unser Jahrhundert beschenkt, ist wohl keine, in welcher so wichtige Begriffe von Wissenschaften gegeben und ihr Zustand, ihre Theile, was man bereits in diesen geleistet und was noch in Zukunft auf behalten bleibt, was von der Kraft des Genies noch zu erwarten und was menschliche Fähigkeiten übersteigt, angezeigt worden.»

Iwan Morossow, russischer Übersetzer von J.G.Sulzers Kurzem Begriff aller Wissenschaften (1781)

JOHANN GEORG SULZER GESAMMELTE SCHRIFTEN

I

JOHANN GEORG SULZER GESAMMELTE SCHRIFTEN BAND 1

KURZER BEGRIFF ALLER WISSENSCHAFTEN Erste (1745) und zweite (1759) Auflage

ZUR AUSGABE Die Edition der Gesammelten Schriften Johann Georg Sulzers präsentiert sein Werk in philologisch zuverlässiger Form und mit fachkundiger Einleitung und Kommentierung. Die Ausgabe ist vom Bestreben geleitet, Johann Georg Sulzer (1720–1779) den ihm angemessenen Platz in der Aufklärung einzuräumen. Der Schweizer Aufklärer war lange als Pädagoge tätig und von 1750 bis zu seinem Tod führendes Mitglied der Académie Royale in Berlin. Die Perspektive, aus der heraus Sulzer bisher wahrgenommen wurde, gestattete es nicht, seiner Rolle als Aufklärer, der die Grenzen der Aufklärung als anthropologisches Faktum aufklärungskonstitutiv mit­reflektierte, gerecht zu werden. Mit der Rekonstruktion seines Denkens im Kontext von Wissensund Wissenschafts­geschichte, Philosophie, Erkenntnistheorie, Psychologie, Ästhetik und Pädagogik soll diese Edition zu einem differenzierteren Aufklärungsverständnis beitragen. Sulzer ist ein herausragendes Beispiel der Dialektik von Affirmation und Subversion in der Aufklärung. Darüber hinaus dokumentieren seine Schriften die grenzüberschreitende Wirkung aufklärerischen Denkens und Handelns und sind damit Teil des lebhaften europäischen Dialogs im 18. Jahrhundert. DIE HERAUSGEBER Hans Adler ist Halls-Bascom Professor for Modern Literature Studies an der University of Wisconsin in Madison in den Departments of German und Comparative Literature. Seit 2001 ist er Herausgeber der Monatshefte für deutschsprachige Literatur und Kultur. Er ist Träger der Herder-Medaille und hat zahlreiche Bücher und Aufsätze zu Literatur, Philosophie, Ästhetik und Theorie vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart veröffentlicht. Elisabeth Décultot ist Directrice de Recherche im franzö­ sischen Centre National de la Recherche Scientifique in Paris (CNRS/EHESS-Centre Georg Simmel). Publiziert hat sie insbesondere zu Johann Joachim Winckelmann und der Entstehung der Kunstgeschichtsschreibung, zum Kunstdiskurs der Aufklärung, Klassik und Romantik und zur Entstehung der Ästhetik als philosophische Wissenschaft in Deutschland und Frankreich.

Schwabe Verlag Basel www.schwabeverlag.ch

ISBN 978-3-7965-3217-7


JOH A N N G E ORG S U L Z E R

GE SA M M E LT E S C H R I F T E N KOM M E N T I E RT E AUS G A BE

H E R AUS G E G E BE N VON H A N S A DL E R U N D E L I SA BE T H DÉ C U LT O T

BA N D 1

S C H WA BE V E R L AG BA SE L


JOH A N N G E ORG S U L Z E R

K U R Z E R BE GR I F F A L L E R W I S SE NS C H A F T E N E R S T E (174 5) U N D Z W E I T E (1759) AU F L AGE

H E R AUS G E G E BE N VON H A N S A DL E R

M I T E I N E M BE I T R AG Z U L E BE N U N D W E R K J .  G . S U L Z E R S VON E L I SA BE T H DÉ C U LT O T

S C H WA BE V E R L AG BA SE L


Gedruckt mit Unterstützung des deutsch-französischen Programms Aisthesis (Agence Nationale de la Recherche und Deutsche Forschungsgemeinschaft, ANR-09-FASHS-031-01).

Copyright © 2014 Schwabe AG, Verlag, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Bronzemedaille auf Titelei: Johann Georg Sulzer, o. J., von A. Abramson, Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Auktion Meister & Sonntag (AMS), Stuttgart. Umschlaggestaltung: Atelier Mühlberg, Basel Schrift: Minion Pro, Frutiger Gesamtherstellung: Schwabe AG, Muttenz/Basel, Schweiz Printed in Switzerland ISBN 978-3-7965-3217-7 rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch


In h a lt Zu dieser Ausgabe (Hans Adler, Elisabeth Décultot)  . . . . . . . . . . . . . XI Johann Georg Sulzer – Leben und Werk (Elisabeth Décultot)  . . . . . XIII Einleitung (Hans Adler)  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . LVII Editorische Vorbemerkungen  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . LXXIV Siglen und Kurztitel  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . LXXV Johann Georg Sulzer Kurzer Begriff aller Wissenschafften. Worinn die natürliche Verbindung aller Theile der Gelehrtheit gezeiget, auch ein jeder ins besondere nach seinem Innhalt, Nutzen und Vollkommenheit kürzlich beschrieben wird. Leipzig, zu finden bey Johann Christian Langenheim, 1745. Motto  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4 Vorbericht  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5 Allgemeiner Begriff der Gelehrtheit. Einleitung (§ 1–14)  . . . . . . . . . 6 Von der Historischen Gelehrtheit (§ 15–50)  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10

Historie der einfachen Dinge (§ 17–32)  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10 Geschichte Gottes (§ 19). – Geschichte vernünftiger, nicht-menschlicher Wesen (§ 20). – Geschichte der menschlichen Seele und der Menschen (§ 21–31). – Kirchengeschichte (§ 23–24). – Bürgerliche Geschichte (§ 25–27). – Gelehrten-Historie (§ 28–29). – Historie der Künste (§ 30). – Kulturgeschichte und Abweichungen (§ 31). – Geschichte der Tierseelen (§ 32).

Historie der zusammengesetzten Dinge (Naturkunde) (§ 33–42) . . 15

Geographie (§ 35). – Steinkunde (Mineralogie) (§ 36–37). – Pflanzenkunde (§ 38–40). – Tierkunde (§ 41–42).

Empirie: Methodologie der historischen Gelehrtheit (§ 43–50)  . 18

Hören (§ 45). – Sehen (§ 46). – Philologie (§ 47–49). – Riechen, Schmecken, Tasten (§ 50).


VI

Inhalt

Von der Philosophischen Gelehrtheit (§ 51–93)  . . . . . . . . . . . . . . . . 21

Ontologie (§ 53–54)  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22

Wissenschaft von den einfachen Dingen (Monadologie) (§ 56–62)  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23

Monadologie (§ 56–57). – Psychologie (§ 59). – Theologie (§ 60–62). – Offenbarungs-Theologie (§ 61). – Natürliche Theologie (§ 62).

Wissenschaft von den zusammengesetzten Dingen (§ 63–75)  . . 25

Kosmologie (§ 63–64). – Naturlehre (Physik) (§ 65–72). – Physiologie (§ 68). – Geographie (mit Stoicheographie und Meteorologie) (§ 69). – Mineralogie (§ 70). – Pflanzenkunde (§ 71). – Tierkunde (§ 72–75). – Medizin (§ 73–75).

Rechtsgelehrtheit (§ 77–85)  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31

Naturrecht (§ 79–80). – Ökonomie (§ 81–82). – Politik (§ 83–84). – Kirchenrecht (§ 85).

Poesie, Rhetorik (§ 86–91)  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35

Poesie (§ 87–89). – Rhetorik (§ 90–91).

Logik: Methodologie der philosophischen Gelehrtheit (§ 93)  . . . 36

Von der Mathematischen Gelehrtheit (§ 94–136)  . . . . . . . . . . . . . . 37

Reine Mathematik (§ 94–106)  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37

Angewandte Mathematik (§ 107–136)  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40

Arithmetik, Algebra (§ 97). – Geometrie (§ 99–106).

Mechanik (§ 108–111). – Pyrowissenschaft (§ 112). – Optik (§ 113–118). – Hydrowissenschaften (§ 119–122). – Aerometrie (§ 123–124). – Musik (Akustik) (§ 125–127). – Astronomie (§ 129–130). – Geographie/ Hydrogeographie (§ 132–133). – Gnomonik (§ 134). – Chronologie/ Chronometrie (§ 135). – Architektur (§ 136).


Inhalt

VII

Johann Georg Sulzer Kurzer Begriff aller Wißenschaften und andern Theile der Gelehrsamkeit, worin jeder nach seinem Inhalt, Nuzen und Vollkommenheit kürzlich beschrieben wird. Zweyte ganz veränderte und sehr vermehrte Auflage. Leipzig, zu finden bey Johann Christian Langenheim, 1759. Motto  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52 Vorrede  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53 Einleitung. Gelehrsamkeit (§ 1–6)  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54 I. Die Philologie (§ 7–28)  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57

Sprachpflege (§ 8–10). – Wörterbücher (§ 11–15). – Grammatik (§ 16–19). – Kulturgeschichte und Altertumskunde (§ 20–21). – Wortkritik (§ 22). – Tote Sprachen (§ 24–26). – Lebende Sprachen (§ 27). – Caracteristica universalis (§ 28).

II. Von der Historie (§ 29–67)  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66

Bürgerliche Historie (§ 37–56)  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69

Inhalte: Antike (§ 38–39). – Mittelalter (§ 40). – Neuzeit (§ 41). Umfang: Allgemeine Historie (§ 42–43). – Besondere Historie (§ 44). Hilfsmittel: Qualifikation des Historikers (§ 45–46). – Chronologie (§ 47–49). – Geographie (§ 50–52). – Reisebeschreibungen, Topo­ graphien (§ 53). – Denkmal-, Inschriftenkunde (§ 54–55). – Genealogie (§ 56).

Kirchengeschichte (§ 57–62)  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78

Religionsgeschichte (§ 58–59). – Dogmengeschichte (§ 60). – Kirchengeschichte im engeren Sinne (§ 61–62).

Historie der Gelehrsamkeit (Historia litteraria) (§ 63–65)  . . . . . 80

III. Die Künste (§ 68–98)  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83

Mechanische Künste (§ 70)  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83

Freie/Schöne Künste (§ 71–98)  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84

Ästhetik (§ 72–73). – Einteilung der freien Künste (§ 73–74). – Architektur (§ 76–78). – Malerei (§ 79–82). – Tanz (§ 83–84). – Musik (§ 85–89). – Rhetorik/Oratorik (§ 90–92). – Poetik/Dichtung (§ 93–98).


VIII

Inhalt

IV. Die Mathematik (§ 99–148)  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94

Reine Mathematik (§ 101–115)  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94

Arithmetik (§ 101–102). – Analysis (§ 103–106). – Geometrie (§ 108–115).

Angewandte Mathematik (§ 117–147)  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100

Statik (§ 117–118). – Dynamik/Mechanik (§ 119–126). – Hydro­ wissenschaften (§ 122–123). – Aerometrie (§ 124–125). – Optik (§ 127–133). – Pyrowissenschaft (§ 134–136). – Astronomie (§ 137–142). – Geographie (§ 143–144). – Chronologie/Zeitmessung (§ 145–146). – Gnomonik (§ 147).

V. Die Physik (§ 149–185)  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113

Historisches (§ 150–151)  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113

Allgemeine Physik/Naturkunde (§ 152–165)  . . . . . . . . . . . . . . . . 114

Elementarlehre/Stoicheologie (§ 156–157). – Meteorologie (§ 158). – Mineralogie (§ 159–160). – Chymie (§ 161–163). – Alchymie (§ 164). – Physische Geographie (§ 165).

Spezielle Physik/Naturkunde (§ 166–184)  . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120

Botanik (§ 166–168). – Pflanzenanatomie/-physiologie (§ 169). – Pflanzenheilkunde (§ 170). – Zoologie (§ 172–176). – Tieranatomie/ -physiologie (§ 175–176). – Medizin (§ 177–184). – Anatomie (§ 178–179). – Physiologie (§ 180–181). – Pathologie (§ 182–183). – Therapeutik (§ 184).

Teleologie/Metaphysik (§ 185)  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129

VI. Die Philosophie (§ 186–239)  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131

Metaphysik (§ 191–214)  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134

Logik (§ 191–193). – Ontologie (§ 195–198). – Kosmologie (§ 199–201). – Monadologie (§ 202). – Pneumatologie (§ 203–213). – Psychologie (§ 204–210). – Natürliche Theologie (§ 211–213).

Praktische Philosophie (§ 215–236)  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145

Allgemeine praktische Philosophie (§ 216–218). – Pflichtenlehre (§ 219–227). – Moral (§ 220). – Naturrecht (§ 221). – Völkerrecht (§ 222–224). – Ethik (§ 225–227). – Ökonomie (§ 229–230). – Politik (§ 231–236).

«Philosophie der Welt»/Weltklugheit (§ 238–239)  . . . . . . . . . . . 156


Inhalt

IX

VII. Die Rechtsgelehrsamkeit (§ 240–258)  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 158

Positives/gesetztes Recht (§ 240–241). – Bürgerliches Recht (§ 244–257). – Staatsrecht/Öffentliches Recht (§ 245–249). – Bürger­ liches Recht/Privatrecht (§ 250–251). – Eigentumsrecht (§ 252–253). – Prozessrecht (§ 254–256). – Wirtschafts-, Lehnsrecht (§ 257). – Kirchenrecht (§ 258).

VIII. Die Theologie (§ 259–285)  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171

Begründung (§ 259–262). – Hermeneutik (§ 263–266). – Exegetik (§ 267–270). – Systematische Theologie (§ 271–277). – Dogmatische Theologie (§ 272–274). – Praktische Theologie/Moraltheologie (§ 275–277). – Asketische Theologie (§ 278). – Kasuistische u.a. Theologie (§ 279). – Homiletik (§ 280–281). – Polemische Theologie (§ 282–283). – Patristik (§ 284–285).

Anmerkungen zur 1. Auflage 1745  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 187 Anmerkungen zur 2. Auflage 1759  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199 Namenregister  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 225 Sachregister  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233


Zu dieser Ausga be Die vorliegende Edition der Schriften Johann Georg Sulzers hat den Zweck, dem Autor in der gegenwärtigen und zukünftigen Diskussion zum 18. Jahrhundert und zur Aufklärung den ihm angemessenen Platz einzu­räumen. Die Herausgeber gehen davon aus, dass die Perspektive, aus der ­heraus Sulzer bisher mehrheitlich wahrgenommen wurde, es nicht gestattete, seiner symptomatischen Rolle als ein Aufklärer, der die Grenzen der Aufklärung als B ­ edingungen der Kultur und der Wissenschaften seiner Zeit reflektierte, g­ erecht zu werden. Zu diesem Zweck werden hier Sulzers Schriften philologisch zuverlässig präsentiert, um sie durch detaillierte Kommentierung und Kontextuali­sierung in ihrem historisch-systematischen Profil sichtbar werden zu lassen. In ihrer Gesamtheit sollen die hier vorgelegten Schriften es ermög­lichen, die Entwicklung von Sulzers Denken im Spannungsfeld von Wissens- und Wissenschaftsgeschichte, Erkenntnistheorie, Psychologie, Ästhetik, Philosophie und Päd­ agogik zu rekon­struieren. Damit soll die vorliegende Edition auch dazu beitragen, überkommene und überholte Ansichten von der Aufklärung als Epochenkennzeichnung zu ­revidieren, und so die Tradition, die sich auf die Aufklärung beruft, kritisch zu beleuchten. Sulzers Schriften passen in ihrem Umgang mit Widersprüchen und Brüchen in der Wissensordnung der Zeit nicht nahtlos in das weit­verbreitete Bild der Aufklärung als einer von einem einseitigen Rationalismus beherrschten Kultur. Sowohl Sulzers deutliche Verunsicherung gegenüber ­einem rationalistischen Reduk­tionismus als auch sein Versuch, die philoso­phischen Traditionen eher zu v­ erbinden als gegeneinander auszuspielen, machen ihn zu einer interessanten Figur im komplexen Tableau der Aufklärung. An ihm zeigt sich geradezu e­ xemplarisch, wie sich Aufklärung nach 1750 selbst thematisiert und problematisiert und sich in diesem Prozess der Selbstreflexion der hohen Komplexität des Vorhabens ‘Aufklärung’ auch durch Ergründung der eigenen Grenzen stellt. Außerdem wird an und in Sulzers Schriften deutlich, wie sehr Auf­k lärung eine transnationale Bewegung mit gleichwohl bisweilen paradox ­erscheinenden natio­nalen Vorurteilen ist. Die Entscheidung, von den Akademie-Schriften weitgehend sowohl die französischen wie die deutschen Versionen aufzunehmen, soll in Erinnerung rufen, wie sehr die Berliner Akademie von der damaligen europäischen lingua


XII

Zu dieser Ausgabe

franca, dem Französischen, geprägt war. Darüber hinaus sollen die französischsprachigen Texte einen Beitrag zur Dokumentierung und Erforschung des deutsch-französischen Wissenstransfers im 18. Jahrhundert liefern. Sowohl in ihrer Entstehung als auch in ihrer Rezeptionsgeschichte können Sulzers Schriften als ein wichtiger Beitrag zur Aufklärung in Deutschland, der Schweiz und Frankreich – und damit zum europäischen intellektuellen Dialog im 18. Jahrhundert – betrachtet werden. Diese Ausgabe verdankt sich der Hilfe vieler Personen, die in unterschiedlicher Form diese Edition gefördert haben. Lynn L. Wolff (Stuttgart) hat die beiden Versionen des Kurzen Begriffs transkribiert und zur Erstellung des ­Registers beigetragen. Gerhard Lauer (Göttingen) hat das Projekt im Rahmen der Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Agence Nationale de la Recherche mitgetragen, und das Centre Marc Bloch (Berlin) hat den Rahmen für diese Edition bereitgestellt. Dank schulden wir auch dem Freiburger Institute for Advanced Studies (FRIAS) sowie dem Zukunftskolleg an der Universität Konstanz. Dank für Hilfe im D ­ etail schulden wir ­Thomas Leinkauf und Stefan Lorenz (beide Münster), A ­ lexander Dolinin ­(Madison) und Holger ­Böning (Bremen). Angela Zoller vom Schwabe Verlag sei herzlich gedankt für ihre aufmerksame Betreuung des vorliegenden ­Bandes. Im April 2013

Hans Adler (Madison, Wisconsin) Elisabeth Décultot (Paris)


Joh a n n Georg Su lzer – Leben u nd Wer k Elisabeth Décultot

Sulzers Werk scheint von Anbeginn eine sehr zwiespältige, ja kontroverse Aufnahme erfahren zu haben. Von einem rein bibliometrischen Standpunkt aus kann man mit Recht behaupten, dass kaum ein kunsttheoretisches Werk des 18. Jahrhunderts eine so breite Aufnahme in Deutschland erfahren hat wie die Allgemeine Theorie der Schönen Künste. Das zwischen 1771 und 1774 in zwei Quart-Bänden erschienene Lexikon wurde sehr schnell zu einem großen ­verlegerischen Erfolg, wie die zahlreichen Neuauflagen, Raubdrucke und ­Teilausgaben bis ins 19. Jahrhundert hinein beweisen.1 In den 1850er J­ahren 1

J. G. Sulzer: Allgemeine Theorie der Schönen Künste, in einzeln, nach alphabetischer Ordnung der Kunstwörter auf einander folgenden, Artikeln, abgehandelt. 2 Bde. Leipzig, M.G. Weidmanns Erben und Reich, [Bd. 1 Weidemanns (sic)] 1771–1774. Schon 1773–1775 druckte der Verlag Weidmann und Reich eine Oktav-Ausgabe des Lexikons, die vom Erfolg der zwei Quart-Bände der ersten Auflage (1771–1774) zeugt (J. G. Sulzer: Allgemeine Theorie der Schönen Künste, in einzeln, nach alphabetischer Ordnung der Kunstwörter auf einander folgenden Artikeln, abgehandelt. 2 Bde. Leipzig, M. G. Weidmanns Erben und Reich, 1773–1775). Auf diese Neuauflage folgte kurze Zeit später eine weitere: J. G. Sulzer: Allgemeine Theorie der Schönen Künste, in einzeln, nach alphabetischer Ordnung der Kunstwörter auf einander folgenden ­Artikeln, abgehandelt. Zweite verbesserte Auflage. 4 Teile in 2 Bden. Leipzig, M.G. Weidmanns Erben und Reich, 1778–1779. Einige Jahre nach Sulzers Tod veröffentlichte Christian Friedrich von Blanckenburg eine um zahlreiche bibliographische Hinweise vermehrte Oktav-Ausgabe des Werkes (J. G. Sulzer: Allgemeine Theorie der Schönen Künste, in einzeln, nach alphabetischer Ordnung der Kunstwörter auf ein­ ander folgenden Artikeln, abgehandelt. Neue vermehrte Auflage. Hg. von Friedrich von Blanckenburg. 4 Bde. Leipzig, M. G. Weidemanns Erben und Reich, 1786–1787). Von dieser Ausgabe gab es schon 1792–1794 eine verbesserte und erweiterte Auflage: J. G. Sulzer: Allgemeine Theorie der Schönen Künste, in einzeln, nach alphabe­ tischer Ordnung der Kunstwörter auf einander folgenden Artikeln, abgehandelt. Neue vermehrte zweite Auflage. Hg. von Friedrich von Blanckenburg. 4 Bde. Leipzig, in der Weidmannschen Buchhandlung, 1792–1794; Nachdruck: Hildesheim, New York, Olms, 1994. Mit einer Einleitung von Giorgio Tonelli. Ebenfalls zu nennen


XIV

J. G. Sulzer – Leben und Werk

nennt Gottfried Keller die Allgemeine Theorie, in der der grüne Heinrich andächtig liest, ein Buch, das «seinerzeit eine gewaltige Verbreitung gefunden haben [muss], da man es fast in allen alten Bücherschränken findet».2 Das Werk, das sich dieses schnellen und anhaltenden verlegerischen Erfolgs erfreute, wurde allerdings in manchen Kreisen nicht ohne Vorbehalte aufgenommen. Zwar bekundete Herder ihm als einem Zeugnis der aufkeimenden ­Ästhetik Respekt; zwar machte sich der junge Schiller schon in seiner Jugend mit Sulzers Lexikon sowie mit dessen psychologisch-philosophischen Schriften eng vertraut und entnahm ihnen grundlegende Anregungen zu seinen ­späteren ästhetischen Fragestellungen.3 Jedoch stieß das Lexikon auch auf ­heftige Kritik. Zu seinen schärfsten Gegnern gehörte bekanntlich der junge Goethe, der in seinem im Jahre 1772 veröffentlichten Verriss von Sulzers Kernaufsatz über die Schönen Künste monierte: «Wer von den Künsten nicht sinnliche Erfahrung hat, der lasse sie lieber. Warum sollte er sich damit beschäftigen? Weil es so Mode ist? Er bedenke, daß er sich durch alle Theorie den Weg zum wahren Genusse versperrt, denn ein schädlicheres Nichts, als sie, ist nicht erfunden worden.»4

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sind zahlreiche Raubdrucke und Teilausgaben. Vgl. dazu Johan van der Zande: ­Johann Georg Sulzer’s Allgemeine Theorie der Schönen Künste. In: Das achtzehnte Jahrhundert 22/1, 1998, S. 87–101, hier 90 f. G. Keller: Der Grüne Heinrich. Erste Fassung. Hg. von Thomas Böning und Gerhard Kaiser. Frankfurt a.M., Deutscher Klassiker Verlag, 1985, S. 238; Zweite Fassung. Hg. von Peter Villwock. Frankfurt a.M., Deutscher Klassiker Verlag, 1996, S. 182. Vgl. Johann Gottfried Herder: J. G. Sulzer. Geboren 1719 [sic]; gestorben 1779. In: Herder FA, Bd. 2: Schriften zur Ästhetik und Literatur 1767–1781. Hg. von Gunter E. Grimm. Frankfurt a.M., Deutscher Klassiker Verlag, 1993, S. 708–712 (zuerst in: Der Teutsche Merkur, Oktober 1781, S. 30–35). Vgl. dazu: Proß, Anthropologie, S. 1187–1191. Sulzers Schriften bildeten einen wichtigen Bestandteil des Lese­ pensums, das Jacob Friedrich Abel dem jungen Schiller und dessen Kommilitonen in der Stuttgarter Karlsschule zu studieren gab. Vgl. dazu Jacob Friedrich Abel. Eine Quellenedition zum Philosophieunterricht an der Stuttgarter Karlsschule (1773–1782). Hg. von Wolfgang Riedel. Würzburg, Königshausen und Neumann, 1995; Maurizio Pirro: Sulzers Physik der Seele und die Dramentheorien Schillers. In: Zeitschrift für Germanistik. Neue Folge XVI, 2/2006, S. 314–323. Johann Wolfgang Goethe: [Rezension von Johann Georg Sulzer:] Die Schönen Künste in ihrem Ursprung, ihrer wahren Natur und besten Anwendung betrachtet. Leipzig 1772. In: Goethe MA, Bd. 1.2. Hg. von Gerhard Sauder. München, Hanser, 1987, S. 397–402, hier 398 (zuerst in: Frankfurter gelehrte Anzeigen, 101, 18. Dezember

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Eine ähnliche Mischung aus Interesse und kritischer Distanz lässt sich in den Schriften feststellen, die sich mit der Darstellung von Sulzers Lebenslauf befassen. Zu den Hauptquellen gehört zunächst seine 1778 verfasste Auto­ biographie, die 1809 von Johann Bernhard Merian (1723–1807) und Friedrich Nicolai (1723–1811) unter dem Titel Johann George Sulzer’s ehedem Professors zu Berlin und Mitgliedes der Königlichen Akademie der Wissenschaften Lebens­ beschreibung herausgegeben wurde.5 Wenn diese Autobiographie zahlreiche Informationen über Sulzers Leben von seiner Kindheit bis kurz vor seinem Tod gibt, so liefert die von Hans Caspar Hirzel (1725–1803) bereits 1779 – d.h. noch in seinem Todesjahr – publizierte Beschreibung von Sulzers Leben und Werk eine sehr ausführliche Quelle zu seiner beruflichen und geistigen Entwicklung.6 Bis ins 19. Jahrhundert hinein wurden diese Quellen durch zahlreiche Bio­ graphien und Briefeditionen ergänzt, die sich Sulzer und seinem Kreis ­widmeten. Darunter ist zu allererst Christian Friedrich von Blanckenburgs

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1772, S. 801–807). Die von Goethe rezensierte Schrift Sulzers entspricht dem Artikel «Künste; Schöne Künste», den Sulzer aus Rücksicht auf die alphabetische Reihenfolge im ersten Band der Allgemeinen Theorie der Schönen Künste (1771) noch nicht hatte publizieren können. Johann George Sulzer’s ehedem Professors zu Berlin und Mitgliedes der Königlichen Akademie der Wissenschaften Lebensbeschreibung, von ihm selbst aufgesetzt. Aus der Handschrift abgedruckt, mit Anmerkungen von Johann Bernhard Merian und Fried­ rich Nicolai. Berlin, Stettin, [ohne Verlagsangabe], 1809. Grundlage dieser postumen Publikation ist die Abschrift einer von Sulzer selbst verfassten Lebensbeschreibung, deren Originalhandschrift kurz nach seinem Tod verbrannt worden sein soll. Dieser Text ist über Sulzers Freund Heinrich Adrian von Borcke (1715–1788) an den Prediger Johann August Ephraim Goeze (1731–1793) nach Quedlinburg gelangt, der ihn 1790 Friedrich Nicolai überreichte. Friedrich Nicolai ließ ihn «treu abdrucken» und Johann Bernhard Merian fügte ihm einige Anmerkungen hinzu (ebd., S. IV–V). In der Einleitung weist F. Nicolai darauf hin, dass der Maler Anton Graff – Sulzers Schwiegersohn – eine weitere, heute verschollene Abschrift dieser Autobiographie besitze (ebd., S. IV). Zu einem Einblick in Sulzers Berliner Zeit, vgl. Johan van der Zande: Johann Georg Sulzer. Spaziergänge im Berliner Tuskulum. In: Berliner Aufklä­ rung. Kulturwissenschaftliche Studien. Hg. von Ursula Goldenbaum und Alexander Košenina. Hannover, Wehrhahn, 2011, S. 41–68. Hans Caspar Hirzel: Hirzel an Gleim über Sulzer den Weltweisen. 2 Bde. Zürich und Winterthur, J. C. Fueßli, Heinrich Steiner und Company, 1779. Diese beiden Hauptquellen ergänzen sich gut, denn Hirzel soll seine Biographie ohne Kenntnis der von Sulzer gefertigten Autobiographie verfasst haben (Sulzer’s Lebensbeschreibung, S. III–IV).


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(1744–1796) Edition von Sulzers Vermischten Schriften zu nennen, die 1781 als Fortsetzung der 1773 herausgegebenen Philosophischen Schriften erschien und eine breit angelegte Darstellung seines Lebens und Werkes enthielt.7 Neben der schon erwähnten Publikation von H. C. Hirzel konnte sich Blanckenburg auf Johann Heinrich Samuel Formeys (1711–1797) Eloge de Mr. Sulzer stützen, die im Jahrbuch der königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin für das Jahr 1779 erschienen war, sowie auf eine Sammlung gelehrter und freundschaft­ licher Briefe, die u.a. Sulzers Briefwechsel mit Samuel Gotthold Lange (1711– 1781), dessen Frau Doris und Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719–1803) dokumentierte.8 Als wichtige historische, nach Blanckenburgs biographischer Darstellung erschienene Quelle sind noch die Briefe der Schweizer Bodmer, ­Sulzer, Gessner zu nennen, die Friedrich Heinrich Wilhelm Körte aus Gleims Nachlass 1804 herausgab.9 Weitere Briefeditionen wären zu nennen, aber der größte Teil des Sulzer-Briefwechsels ist bis heute nur in handschriftlichen Nachlässen aufbewahrt.10 7

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Christian Friedrich von Blanckenburg: Einige Nachrichten von dem Leben und den Schriften des Herrn Johann George Sulzer. In: Johann George Sulzers Vermischte Schriften. Eine Fortsetzung der vermischten philosophischen Schriften desselben. Nebst einigen Nachrichten von seinem Leben, und seinen sämtlichen Werken. Zweyter Theil. Hg. von C. F. von Blanckenburg. Leipzig, Weidmanns Erben und Reich, 1781, S. 1–144 (Nachdruck: Hildesheim, New York, Olms, 1974); Johann George Sulzers Vermischte philosophische Schriften. Aus den Jahrbüchern der Akademie der Wissen­ schaften zu Berlin gesammelt. Leipzig, Weidmanns Erben und Reich, 1773 (Nachdruck: Hildesheim, New York, Olms, 1974; der gleiche Band vereinigt diesen Nachdruck und denjenigen des oben erwähnten Werks: Johann George Sulzers Vermischte Schriften). Sammlung gelehrter und freundschaftlicher Briefe. Hg. von Samuel Gotthold Lange. 2 Bde. Halle, Carl Herrmann Hemmerde, 1769–1770, Bd. 1, S. 262–313; Johann Heinrich Samuel Formey: Eloge de M. Sulzer. In: NMAR 1779/1781, S. 45–60. Briefe der Schweizer Bodmer, Sulzer, Gessner. Aus Gleims litterarischem Nachlasse. Hg. von Friedrich Heinrich Wilhelm Körte. In: Briefe deutscher Gelehrten. Aus Gleims literarischem Nachlasse. 3 Bde. Zürich, Heinrich Geßner, 1804–1806, Bd. 1. Darunter vor allem: Briefe über die Kunst von und an Christian Ludwig Hagedorn. Hg. von Torkel Baden. Leipzig, Weidmann, 1797; Briefwechsel zwischen J. G. Sulzer und Zimmermann. In: Johann Georg Zimmermann: sein Leben und bisher unge­ druckte Briefe an denselben von Bodmer, Breitinger, Geßner, Sulzer, Moses Mendels­ sohn, ­Nicolai, der Karschin, Herder und G. Forster. Hg. von Eduard Bodemann. ­Hannover, Hahn, 1878, S. 201–291; Briefe an Karl Wilhelm Ramler. Hg. von Fried-

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Kennzeichnend für diese biographischen Darstellungen oder Kommentare ist allerdings die anhaltende kritische Distanz, aus der Sulzer dargestellt wird. So heben sowohl Hirzel als auch Blanckenburg hervor, dass Sulzer «wirklich zu spät Neigung für die Werke des Witzes gefasst» habe – eine Verspätung, die «einer ganz feinen Ausbildung seines ästhetischen Gefühls entgegen[stand]».11 Selbst die Edition von Sulzers Autobiographie trägt Spuren davon: die von ­Johann Bernhard Merian und Friedrich Nicolai verfassten Anmerkungen ­lassen nicht selten eine kritische Beurteilung von Sulzers Selbstaussagen ­vernehmen. So bemerkt etwa Nicolai in einer Fußnote, dass «Bodmer von ­Sulzer äußerst und wirklich übermäßig verehrt [wurde]».12 Formeys Eloge de M. Sulzer lässt das durchaus doppeldeutige Bild eines für das Studium der ­humaniora nicht vornehmlich begabten Menschen erscheinen, der sich in ­seiner Jugend verschiedenen Wissenschaften – darunter vor allem der Naturgeschichte – etwas dilettantisch widmete, bevor er sein interessantes, wenn auch nicht perfektes maximum opus, die Allgemeine Theorie der Schönen Künste, schrieb. «M. Sulzer s’étoit élévé [sic] fort haut dans ses spéculations; peut-être cependant qu’en faisant encore un certain chemin, & en atteignant la cime, il auroit vu que la plupart de ses projets appartenoient plutôt à l’Utopie qu’à notre Globe dans son état actuel.»13 Ein respektvoller Nachruf auf einen verdienten Akademie-Kollegen klingt anders.

Winterthur, Zürich, Maschwanden 25

Sulzer ist am 5. oder 16. Oktober 1720 als jüngster Sohn des Ratsherrn und ‘Seckelmeisters’ (d.h. Schatzmeisters) Heinrich Sulzer und dessen Frau, Anna Elisabeth (geb. Künzli), in Winterthur bei Zürich geboren. Der Vater, der es in zwei Ehen auf fünfundzwanzig Kinder brachte, hatte in seiner frühen Jugend einige Jahre in Nîmes verbracht und hätte sich dort gerne endgültig als Händ-

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rich Wilhelm. In: Vierteljahrschrift für Litteraturgeschichte 4, 1891, S. 41–79; Briefe von Johann ­Georg Sulzer. Hg. von Rudolf Hunziker. Zürich, Neue Zürcher Zeitung, 1929 (aus: Neue Zürcher Zeitung, 1929, Nr. 351, 397, 448 u. 487). Zum Briefwechsel im Nachlass, vgl. unten, Anm. 46 und 47. Blanckenburg, Nachrichten, S. 27. Vgl. Hirzel an Gleim, Bd. 1, S. 74. N. [= Friedrich Nicolai]: Fußnote, in: Sulzer’s Lebensbeschreibung, S. 29. Formey, Eloge de M. Sulzer, S. 55. Vgl. auch ebd., S. 47, 49, 53.


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ler niedergelassen, wenn nicht die Widerrufung des Edikts von Nantes die ­Verfolgung der Protestanten ab dem Jahre 1685 ausgelöst hätte. Seine frühe Kindheit verbrachte Sulzer in gesicherten bürgerlichen Verhältnissen. In seiner eigenen Lebensbeschreibung schildert er sich als ein durch das Schulstudium wenig motiviertes Kind, was an «der damaligen schlechten Lehrart» der ­Schulen gelegen habe, «nach der man nichts als unverständliche Wörter ohne Begriffe in den Kopf bekam». Abgesehen von einem «Hang […] zu reellen Kenntnissen» wie etwa zur «Erdbeschreibung» oder zur Geometrie löste der schulische Unterricht bei ihm nur «Ekel» aus.14 Für die in den damaligen schweizerischen Schulen wenig vertretenen Sportübungen sowie für die Handarbeiten, die er in seinem Elternhaus gepflegt hatte, zeigte er allerdings eine deutliche Begabung und Vorliebe.15 Diese Konstellation hat sicherlich zu ­seinem späteren Interesse an pädagogischen Neuerungen und zu seinem ­Engagement für die Reform des preußischen Schulwesens beigetragen.16 Als Sulzer vierzehn Jahre alt war, starben beide Eltern am selben Tag an ­einer ansteckenden Krankheit. Da sie ihn für den geistlichen Stand bestimmt hatten, wurde er im Alter von sechzehn Jahren von seinem Vormund auf das akademische Gymnasium nach Zürich geschickt, um sich auf die geistliche Laufbahn vorzubereiten. Dort lernte er den Naturforscher Johannes Geßner (1709–1790) kennen, und fing an, sich für die Naturwissenschaften – Geometrie, Physik und Naturgeschichte – zu interessieren.17 Allerdings blieb Sulzer nach eigener Aussage im Studium ein vielseitiger, eklektischer Kopf, der alle Zweige der ­Gelehrsamkeit liebte, «und keine so, wie es hätte seyn sollen, um darin etwas ausserordentliches zu thun». «Mit gleicher Lust» schrieb er «Anmerkungen über [ein] hebräisches Lexikon, oder über Wolff ’s mathematische Schriften und Linné’s Systema naturæ». Auch Christian Wolfs «deutsche Metaphysik» – «eines der ersten Bücher, das [er] in die Hand nahm» – las er in dieser Zeit «mit großer Neugierde».18 Diese frühe Neugierde auf alle Wissenschaften, die Sulzer

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Sulzer’s Lebensbeschreibung, S. 11–12. Hirzel an Gleim, Bd. 1, S. 19, 26. Sulzer’s Lebensbeschreibung, S. 11–12. Zu Sulzers pädagogischem Werk, vgl. unten. Ebd., S. 16. Während seines Studiums in Zürich wohnte Sulzer im Haus von Johannes Geßners Vater. Ebd., S. 16, 13. Christian Wolff: Gesammelte Werke. Hg. von Jean Ecole u.a. Hildesheim, New York, Olms, 1962 ff. Bd. I.2. Hg. von Charles A. Corr, 1983: Von Gott, der Welt und der Seele des Menschen, auch allen Dingen überhaupt und Bd. I.3. Hg. von

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in seiner Autobiographie bescheiden als eine «auf alles zerstreuete Neigung» darstellt,19 sollte seine gesamte geistige Tätigkeit prägen. Kennzeichnend für diese Tendenz ist der Kurze Begriff aller Wissenschafften, eine seiner ersten ­umfangreichen Publikationen, die einen umfassenden Überblick über alle Zweige der Gelehrsamkeit bietet.20 In seinem Selbstverständnis als Gelehrter hat diese Vielseitigkeit eine grundlegende Rolle gespielt. Neben den zahl­ reichen philosophischen Beiträgen, die er als Mitglied der philosophischen Klasse der Berliner Akademie in den Jahrbüchern der Akademie ab 1751 publizierte, finden sich auch einige naturwissenschaftliche Untersuchungen.21 Nach seinen eigenen Worten blieb Sulzer «sein ganzes Leben hindurch ein Amphibtum, das mit gleicher Lust in der Welt und in dem ruhigen Wohnsitze der Wissenschaften lebte».22 Im Jahre 1739 schloss Sulzer sein Schulstudium ab und wurde «nach einem ziemlich schlecht ausgefallenen Examen», in dem er u.a. wegen seiner schlechten Hebräisch-Kenntnisse aufgefallen war, doch unter die Zahl der ordinierten Geistlichen des Zürcher Synodus aufgenommen.23 1740 nahm er eine Stelle als Hofmeister in einem Zürcher Haus an, die er schon 1741 verließ, um im

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Charles A. Corr, 1983: Der vernünfftigen Gedancken von Gott, der Welt und der Seele des Menschen, auch allen Dingen überhaupt, anderer Theil [= Deutsche Metaphysik]. Sulzer’s Lebensbeschreibung, S. 16. J. G. Sulzer: Kurzer Begriff aller Wissenschafften. Worinn die natürliche Verbindung aller Theile der Gelehrtheit gezeiget, auch ein jeder ins besondere nach seinem Innhalt, Nutzen und Vollkommenheit kürzlich beschrieben wird. Leipzig, Johann Christian Langenheim, 1745 (zum Text, vgl. im vorliegenden Band, S. 3–48; zu den zahl­reichen Auflagen, vgl. die Einleitung zu diesem Band, S. LVII–LXXIII, vor allem S. LVII). In den Jahrbüchern der Akademie publizierte Sulzer naturwissenschaftliche Beiträge über das Barometer (1753), über den ballistischen Flug eines Geschosses (1755), über die Resistenz von flüssigen Körpern (1761) und über die Veränderungen der Erdkugel (1762). Zu einer bibliographischen Übersicht über Sulzers Schriften, vgl. [Anonym = Friedrich von Blanckenburg?:] Chronologisches Verzeichniß der sämmt­ lichen Schriften des Herrn Johann George Sulzers. In: VS 1781, unpaginiert [= S. 145– 148]; Johannes Leo: Johann George Sulzer und die Entstehung seiner Allgemeinen Theorie der Schönen Künste. Ein Beitrag zur Kenntnis der Aufklärungszeit. Berlin, Kommissionsverlag von Ernst Frensdorff, 1907, 85–109; Giorgio Tonelli: Biblio­ graphie. In: J. G. Sulzer: Allgemeine Theorie der Schönen Künste, Nachdruck 1994 (wie Anm. 1), S. VII–XIX. Sulzer’s Lebensbeschreibung, S. 16. Ebd., S. 17; Blanckenburg, Nachrichten, S. 14.


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kleinen Dorf Maschwanden im Kanton Zürich – unweit von Knonau, wo der mit ihm befreundete Sohn des Landvogts Johann Jacob Scheuchzer (1699– 1761) wohnte – eine Stelle als Vikar zu übernehmen. Neben dem Studium der Mathematik und der antiken Literatur widmete er sich dort der «Betrachtung der schönen Natur» und sammelte seine Beobachtungen darüber in verschiedenen Aufsätzen oder kleinen Büchern physiko-theologischer Ausrichtung, die als seine ersten Publikationen in den Jahren von 1741 bis 1743 in Zürich erschienen.24 Darüber hinaus interessierte sich Sulzer für antiquarische Forschungen und ließ eine römische Siedlung in der Nähe des benachbarten Dorfs Lunnern ausgraben, worüber er einen Bericht veröffentlichte.25 1742 legte er sein Vikariat nieder und übernahm eine Hofmeisterstelle in dem Haus eines

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Sulzer’s Lebensbeschreibung, S. 19–20. Zur Natur und Naturgeschichte veröffentlichte Sulzer in dieser Zeit folgende Aufsätze und Werke: J. G. Sulzer: Kurtze An­ leitung zu nuzlicher Betrachtung der Schweitzerischen Natur-Geschichten, nebst einer Uebersetzung von Carl Linné Anleitung, nach welcher ein Naturforscher die Historie eines jeden natürlichen Dinges genau und mit gutem Fortgange verfertigen kann. In: Vermischte Sammlungen auserlesener alter und neuer Merckwürdigkeiten aus der ­Philosophie, Gottesgelahrtheit, Sittenlehr, Natur-Wissenschafft, Vaterländischen und Kirchen-Geschicht, Mechanic, Critic, Dichtkunst, wie auch übrigen Künsten und Wis­ senschafften. Beiblatt zum Neuen historischen Mercurius, der das Merckwürdigste, theils aus der Politisch- theils aus der gelehrten Welt berichtet. Hg. von Johann Rudolf Ziegler. Zürich, 1741, 1. Stück, S. 51–60; ders.: Versuch einer Moralischen Betrach­ tung über die Wercke der Natur. In: Ebd., 1741, 4. Stück, S. 332–345; ders.: Moralische Betrachtung über die Wercke der Natur. Zweiter Versuch. In: Ebd., 1742, 6. Stück, S. 598–607; ders.: Zwey guter Freunden Gespräch von den Cometen. In: Ebd., 1742, 7. Stück, S. 653–689; ders.: Moralische Betrachtung über die Wercke der Natur. Drit­ ter Versuch. In: Ebd., 1742, 8. Stück, S. 848–859; ders.: Gespräch von den Cometen, Zürich, David Geßner, 1742; ders.: Beschreibung der Merkwürdigkeiten, welche er in seiner Anno 1742 gemachten Reise durch einige Orte des Schweitzerlandes beobachtet hat. Zürich, David Geßner, 1743. Zur Publikation von Sulzers Aufsätzen zur «mora­ lischen Betrachtung der Natur» in einem getrennten Band, vgl. unten Anm. 32. J. G. Sulzer: Ausführliche Beschreibung einer Merckwürdigen Entdeckung, verschiede­ ner Antiquitäten, in dem, in der Herrschafft Knonau gelegenen Dorff Nider-Lunnern in dem Jahr 1741. In: Zuverläßige Nachricht und Untersuchung von dem Alterthum der Stadt Zürich und von einer Neuen Entdeckung Merkwürdiger Antiquitäten Einer bisher unbekannten Stadt in der Herrschafft Knonau: die auf Hohen Befehl und Ver­ anstaltung Einer Gn. Hohen Lands-Obrigkeit ist befördert worden. Hg. von Johann Jacob Breitinger. Zürich, Heidegger, 1741, S. 1–32.

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