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Die Endlichkeit des Menschen

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Kunz_II_UG_HB1_Kunz_UG 12.09.14 15:57 Seite 1

Hans Kunz Werkausgabe Übersicht ı

Hans

Kunz

die anthropologische bedeutung der phantasie Zwei Halbbände

2 die endlichkeit des menschen Sieben Abhandlungen zur philosophischen Anthropologie Zwei Halbbände und ein Supplementband Aus dem Nachlass 3 sinn und wesen des erfahrenden erkennens Schriften ı955– ı975 zu Grundfragen der Psychologie und Philosophie 4 aggressivität, zärtlichkeit und sexualität Phänomenologische und anthropologische Studien zur Psychologie und Psychopathologie 5 zur frage nach der natur des menschen 6 die eine welt und die weisen des in-der-welt-seins Bemerkungen zu den Voraussetzungen der daseinsanalytischanthropologischen Interpretationen psychopathologischer Phänomene 7 die wahnhaftigkeit des menschen

und die gewissheit des todes 8 daseinsanalytische und anthropologische

studien zur psychopathologie 9 zu sigmund freud und zur psychoanalyse ı0 die philosophische bedeutung

der psychoanalyse freuds Aus dem Nachlass ıı

Von ı947 bis in seine letzten Schaffensjahre arbeitete der Phänomenologe und Psychologe Hans Kunz intensiv und ohne längere Unterbrechungen an seiner umfangreichen, in der Gänze schliesslich unvollendet und bis heute unveröffentlicht gebliebenen Schrift Die Endlichkeit des Menschen, die in dieser Ausgabe nun zum ersten Mal vorliegt. Unverkennbar knüpfen die sieben Abhandlungen dieses Textes zur philosophischen Anthropologie an das zentrale Thema des zweiten Teils seines Hauptwerkes Die anthropologische Bedeutung der Phantasie an. Wie in diesem ı946 erschienenen Buch steht auch in der Nachlassschrift die Explikation der These vom Todesursprung des Geistes im Mittelpunkt. Obwohl die geltend gemachte These sich einer direkten Verifikation entzieht und Kunz deren hypothetischen Charakter betont, lässt sich der innere Zusammenhang von Denken und Tod am Leitfaden wechselseitiger Merkmalszüge erhellen. Der phänomenologischen Methode verpflichtet, will Kunz ein faktisches, obzwar verborgenes Geschehen im Menschsein erhellen, das sich als solches unabhängig davon ereignet, ob es gedacht, erlebt oder erkannt wird.

Die Endlichkeit des Menschen Erster Halbband

HansKunz Die Endlichkeit des Menschen Sieben Abhandlungen zur philosophischen Anthropologie Aus dem Nachlass herausgegeben von Jörg Singer Erster Halbband

Hans Kunz (ı904– ı982) war ein profunder Kenner der Phänomenologie und der Anthropologie des 20. Jahrhunderts ebenso wie der psychologischen und psychopathologischen Wissenschaften seiner Zeit. Als Professor für Philosophische Anthropologie und Theoretische Psychologie an der Universität Basel stand er im kontinuierlichen Dialog mit den bedeutenden Vertretern seines Faches. Kunz befasste sich intensiv mit Denkern wie Edmund Husserl, Ludwig Klages, Max Scheler, Nicolai Hartmann, Karl Jaspers, Martin Heidegger, Helmuth Plessner, Karl Löwith und Hans-Georg Gadamer. Bestimmend für sein Denken waren nicht zuletzt auch die Psychoanalyse Sigmund Freuds sowie die daseinsanalytische Psychiatrie Ludwig Binswangers. Zur eigenständigen Diktion gelangte sein Œuvre vor allem im Versuch einer Neubegründung der philosophischen Anthropologie in seinem ı946 erschienenen Werk Die anthropologische Bedeutung der Phantasie und seiner Nachlassschrift Die Endlichkeit des Menschen. Darüber hinaus war Hans Kunz Autor von Studien zur vergleichenden Verhaltensphysiologie sowie von über zwanzig Abhandlungen zur Botanik. Der Herausgeber Dr. phil. Jörg Singer, geb. ı946, studierte zunächst Mathematik und Physik, dann Philosophie, Psychologie und Psychopathologie in Zürich und Basel, wo er Schüler von Hans Kunz war. Seit ı978 ist er um den wissenschaftlichen Nachlass von Hans Kunz besorgt. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zu Hans Kunz.

zur phänomenologie des ausdrucks

ı2 zur philosophie des 20. jahrhunderts Aufsätze, Rezensionen, Vorträge und Nachlasstexte ı930 – ı977 ı3 philosophie, psychologie und kulturkritik Rezensionen ı4 botanische schriften ı5 zur botanik Aus dem Briefwechsel, mit Illustrationen ı6 nachträge und verzeichnisse

Hans-Kunz-Gesellschaft Frauenfeld Schwabe Verlag Basel

Schwabe Verlag Basel www.schwabeverlag.ch

9 783796 532153

isbn 978-3-7965-32ı5-3

Hans-Kunz-Gesellschaft Frauenfeld

Hans-Kunz-Gesellschaft Frauenfeld Schwabe Verlag Basel


Hans Kunz

Gesammelte Schriften in Einzelausgaben In Zusammenarbeit mit der Hans-Kunz-Gesellschaft Frauenfeld herausgegeben von Jรถrg Singer

Band 2


Hans Kunz

Die Endlichkeit des Menschen Sieben Abhandlungen zur philosophischen Anthropologie

Aus dem Nachlass herausgegeben von Jรถrg Singer Hans-Kunz-Gesellschaft Frauenfeld

Schwabe Verlag Basel


Die Hans-Kunz-Gesellschaft und der Verlag danken der Dr. Margrit Egnér-Stiftung , Zürich, dem Regierungsrat des Kantons Solothurn und Solothurn-Kultur (Lotteriefonds), der Freiwilligen Akademischen Gesellschaft (FAG), Basel und Madame Jacqueline Schindler, Présidente de la fondation Zeno Karl Schindler, Hergiswil für die finanzielle Unterstützung, die die Drucklegung dieses Bandes ermöglicht hat.

Hans Kunz – Gesammelte Schriften in Einzelausgaben Band 2: Die Endlichkeit des Menschen Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek: Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie ; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Copyright © 20ı4 Schwabe AG, Verlag, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Gestaltung und Satz : Atelier Mühlberg Basel Gesamtherstellung : Schwabe AG, Muttenz /Basel, Schweiz Printed in Switzerland isbn 978-3-7965-32ı5-3 rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch


Erster Halbband


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Inhalt

erster halbband Vorbericht des Herausgebers ......................................................... xi Dank ......................................................................................... xxxvii

[ Einleitung] ................................................................................

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Der Einzelne, das Wesen und das Sein des Menschen Das Problem des Gegenstandes einer philosophischen Anthropologie .......................................... 25

Die anthropologische Grundthese .......................................... 27

Der Einzelne als Repräsentant «des» Menschen und die von der Dunkelheit seiner Herkunft ermöglichte Missdeutung als «Geschöpf» .............................. 38

Die wesenhafte Faktizität und die Seinsmöglichkeiten des Menschen ........................... 59

Das Selbstverständnis .............................................................. ı07

Die Geschichtlichkeit des Menschen ..................................... ı ı 7

Die Frage nach der Gültigkeit der Logik im anthropologischen Erkennen ............................................. ı67


viii

inhalt

Die existenzielle Relevanz des anthropologischen Erkennens ........................................... ı85

Anhang: Das Problem einer anthropologischen Reduktion theologischer Aussagen ........................................................... 22 ı

Der wirkliche und der mögliche Tod .................................. 24 ı

Der nicht-menschliche Tod ..................................................... 244

Der menschliche Tod ............................................................... 254

a. Der Tod des andern Menschen ..................................... 259

b. Das Wissen um den eigenen Tod ................................. 280

Der Endcharakter des wirklichen Todes ................................. 304

[Anhang:] Deutungen und Sinngebungen des Todes ............................... 32 ı

zweiter halbband Das vernehmende und das seinsstiftende Denken ......... 33 ı [ ca. ı956 – ı959]

Vorläufige phänomenologisch-psychologische Kennzeichnung des Denkens .................................................. 334

Das geschehend-vernehmende Denken .................................. 3 4 ı

Der nichtige Ursprung des vernehmenden Denkens ............. 353

Das Sein als Stiftung des geschehend-vernehmenden Denkens ............................... 360

Die Transzendenz des Seins .................................................... 373

Die Transzendenz des Göttlichen ........................................... 392


inhalt

[ Überarbeitete Fassung, ca. ı960 –ı964] ............................. 399

Vorläufige phänomenologisch-psychologische Kennzeichnung des Denkens .................................................. 403

Das geschehend-vernehmende Denken .................................. 4ı2

Über die inneren Beziehungen zwischen dem Sehen und dem Denken ............................. 439 Der Ursprung der Ewigkeit in der Endlichkeit des menschlichen Daseins ................. 5ı 9 Die ontologische Bedeutung der Sprache und das Wesen der dichterischen Welt ............................... 533 Die Nichtigkeit des Menschen als eine Bedingung seiner Grösse ......................................... 553

Anhang

i.

Textgestaltung und Quellentexte .................................... 565

ii. Anmerkungen und Textbeilagen ..................................... 573

iii. Literaturverzeichnis ......................................................... 637

iv. Berichtigung zu Band ı/ ii ................................................. 66ı

v. Siglen und Sonderzeichen ................................................ 662

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vorbericht des herausgebers

Vorbericht des Herausgebers

i. zur textgeschichte

Im philosophischen Nachlass von Hans Kunz im Archiv der Zentral­ bibliothek in Solothurn finden sich, katalogisiert unter der Signatur HK A ı 7 bis HK A 64, zahlreiche Manuskripte zu sieben Abhandlungen, die die über zwei Jahrzehnte sich erstreckenden Vorarbeiten für sein als Buch geplantes Werk Die Endlichkeit des Menschen dokumentieren. Von ı  947 bis in die Spätzeit seines Schaffens arbeitete Kunz ohne längere Unterbrechungen an diesem schliesslich unvollendet und unveröffentlicht gebliebenen Werk, dessen Erscheinen damals im Verlagshaus Francke in Bern für das Jahr ı  95ı   angekündigt worden war und auf das Kunz in zwei seiner veröffentlichten Schriften aus den fünfziger Jahren in Selbstanzeigen auch mehrfach verwiesen hat.ı   Dass Hans Kunz sich vorgenommen hatte, Die Endlichkeit des Menschen noch vor dem Sommer ı  950 abzuschliessen, lässt sich aus der Korrespondenz mit seinem Freund, dem Botaniker Walo Koch, belegen.2 Mit Blick auf eine geplante Alpenflora-Exkursion in das ı

2

Vgl. Hans Kunz  : Das Problem des Geistes in der Tiefenpsychologie, in  : Psyche 5 (  ı  95ı  /52  ), S. 257  ; ders.  : Über den Sinn und die Grenzen des psy­ chologischen Erkennens, in  : Sinn und Wesen des erfahrenden Erkennens. Schriften ı  955– ı  975, Gesammelte Schriften in Einzelausgaben iii, hg. von Jörg Singer. Frauenfeld u. a.  : Huber 2009, S. 36 (  Anm. 2ı  ), S. 69 (  Anm. 93  ). Hans Kunz – Walo Koch. Briefe ı  938 – ı  956. Hans-Kunz-Archiv, Zentral­ bibliothek Solothurn, HK BC / ı  – 228. Die Briefe vom ı  7.– 20.Oktober ı  949, aus denen einzelne Textpassagen im folgenden wiedergegeben werden, tragen (  in der Reihenfolge ihrer Datierung  ) die Signaturen BC / ı  47, ı  48, ı  49.

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vorbericht des herausgebers

Julische Gebirge Kärntens und Sloweniens erwähnt Kunz in einem Brief vom ı  7. Oktober ı  949 beiläufig sein neues Werk  : «… da ich von der Kärntner Landesregierung die Erlaubnis zur Begehung der ‘ Gamsgrube ’ erhalten habe, freue ich mich ganz besonders auf diese drei bis vier Sommerwochen … Ich hoffe vorher mit einem Buch fertig zu sein, … so dass ich mir auch das ‘ moralische Recht ’ zu dieser Ostalpenfahrt werde erarbeitet haben». In der Fortsetzung des brieflichen Austauschs mit seinem Freund nennt Kunz den Titel und die Kapitelüberschriften seines neuen Buches. Auf die Bemerkung Kochs (  tags darauf im Brief vom ı  8. Oktober ı  949  : «Natürlich hätte ich zuerst zur baldigen Fertigstellung Deines Buches gratulieren ­sollen, obwohl Du mir den Titel vorenthältst»  ) antwortet Kunz postwendend am 20.Oktober ı  949  : «Ja, den Titel meines neuen Produkts habe ich Dir absichtlich unterschlagen  ; ich besorge, Du könntest mir Deine Freundschaft kündigen, wenn Du mich so auf Ab­ wegen wandeln siehst  ! – aber der Mensch ist eben mal ein abwegiges Wesen. Das Buch heisst also  : ‘ Die Endlichkeit des Menschen. Sieben Abhandlungen zur philosophischen Anthropologie ’. Und um den Giftbecher grad zu füllen, sollst Du auch noch die Überschriften der sieben Kapitel vernehmen  : ı . Der Einzelne, das Wesen und das Sein des Menschen  ; 2. Der mögliche und der faktische Tod  ; 3. Das vernehmende und das seinsstiftende Denken  ; 4. Über die inneren Beziehungen des Sehens mit dem Denken  ; 5. Der Ursprung der Ewigkeit in der Endlichkeit des menschlichen Daseins  ; 6. Die ontologische Bedeutung der Sprache und die dichterische Welt  ; 7. Die Nichtigkeit des Menschen als eine Bedingung seiner Grösse. Ich denke, dass Dir ­diese Probe genügt, um davon nichts mehr hören zu wollen». Dieser Brief an Walo Koch vom 20. Oktober ı  949 – das einzige, dem Herausgeber bekannt gewordene Dokument, das die zum geplanten Buch gehörenden sieben Abhandlungen (  oder Kapitel  ) vollumfänglich benennt – gab die autorisierte Zuordnung der nachgelassenen Texte zur Endlichkeit des Menschen und eröffnete so erst die Möglichkeit, dieses Werk in der von Kunz vorgezeichneten Gestalt posthum zu publizieren. Der Brief an Koch erwies sich als glücklicher Fund, denn eine kritische Prüfung sämtlicher Nachlassschriften allein hätte nicht ausgereicht, die notwendigen textlichen Nach­ ­ weise zu erbringen, um dieses ‘ unfertig ’ gebliebene Werk zu edieren.


vorbericht des herausgebers

Nur dank dieser brieflichen Quelle konnten aus der Vielzahl der dafür in Frage kommenden Manuskripte diejenigen bestimmt und zusammengeführt werden, die Kunz für Die Endlichkeit des Menschen verfasst hat. Es wäre ein den Vermutungen und ausufernden Text­ interpretationen sich überlassendes Unterfangen geworden, diese zunächst anstehende Aufgabe auf der Grundlage der Textquellen anzugehen. Es soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, dass Kunz die Anordnung seiner Manuskripte, die für ihn völlig klar war, nicht schriftlich fixierte. Bezeichnend dafür ist, dass Kunz selbst den Titel «Die Endlichkeit des Menschen», auf den er in brieflichen Mitteilungen mehrfach zu sprechen kommt und den er – wie oben erwähnt – in zwei seiner Publikationen (  vgl.Anm. ı   ) als Leittitel ­eines in Ausarbeitung begriffenen Werkes vorstellt, nirgends in den Autographen als Überschrift eines Textes oder einer Textsammlung angezeigt hat.3 Die Ausarbeitung der Endlichkeit des Menschen war zu B ­ eginn der fünfziger Jahre so weit vorgeschritten, dass Kunz an die baldige Veröffentlichung denken konnte. Das dokumentiert die Sammlung der Nachlassschriften aus den Jahren ı  947– ı  952 : 4 in durchkomponierten, textlich geschlossenen Fassungen lagen die ­ersten vier Abhandlungen vor, in unterschiedlichem Ausarbeitungsgrad die Stu­ dien der weiteren drei.5 Offensichtlich bestanden bei Kunz damals

3

4 5

Gleiches gilt auch für den dem Haupttitel beigegebenen Verweis  : «Sieben Abhandlungen». Im Vorwort HK ı 7 von ı  947 ist zwar von der Sonderstellung einer «ersten Studie» die Rede (  vgl. S. xxiv, in diesem Band  ), doch Kunz ’ Ausführungen gehen nicht auf die disparaten Teile des Werkes ein. Hin­wei­ se, beschränkt auf die 3. und 5. Abhandlung, finden sich einzig in der Publikation von ı  957 (  vgl. Anm. ı  ). Da ferner auch die Abfolge der sieben Abhandlungen in den Originalhandschriften nicht – wie im Brief an Koch – durch Nummern gekennzeichnet ist, wäre eine Rekomposition des Werkes, wie sie in der hier präsentierten Gesamtdarstellung vorliegt, auch deshalb nicht zu realisieren gewesen. Vgl. die Datierung der Quellentexte (  Anhang i, S. 566 –572  ). Die fehlenden Schriftstücke zur fünften Abhandlung «Vom Ursprung der Ewigkeit in der Endlichkeit des menschlichen Daseins» lassen vermuten, dass deren schriftstellerische Ausarbeitung weiter fortgeschritten war als es die zugänglichen Nachlasstexte nahelegen.

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vorbericht des herausgebers

keine Zweifel daran, das geplante Buch abschliessen zu können. Am ı2. April ı  95ı   schreibt er an seinen Freund, den Psychiater Ludwig Binswanger zu dessen siebzigstem Geburtstag  : «Sie hätten mit gutem Recht erwarten dürfen, dass ich an der Festschrift zur Feier Ihres 70. Geburtstages auch mitgehalten hätte. Indessen reichte die mir eingeräumte Zeit nicht aus, etwas Ihrer Würdiges zu schreiben. So muss ich Sie auf mein kommendes Buch  : Die Endlichkeit des Menschen, vertrösten, das Ihnen gewidmet sein wird, als Zeichen des Dankes für all das, was Sie mir im Laufe der Jahre gegeben haben».6 Im weiteren Fortgang der Arbeit müssen bei Kunz jedoch Bedenken aufgekommen sein, nicht gegen die leitende Intention oder die auf sieben Abhandlungen begrenzten Anlage des Buchprojekts zur Endlichkeit des Menschen, wohl aber hinsichtlich ihrer damaligen Form. Zweifellos war Kunz sorgsam darauf bedacht, keine Kompromisse einzugehen, was die eigenen Ansprüche an die zur Veröffentlichung vorgesehene Schrift anging. Mit der Selbstkritik war zwar die Notwendigkeit einer Revision anvisiert, doch die neu ansetzende Ausarbeitung der Endlichkeit des Menschen mit einschneidenden Veränderungen musste erst noch geleistet werden. Dass Kunz dazu fest entschlossen war und dass ihm das ‘ Unfertige ’ des Buches auch zusetzte, lässt sich wiederum seinen Briefen an Ludwig Binswan-

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Ludwig Binswanger – Hans Kunz. Briefe ı  925– ı  965. Archiv der Universitätsbibliothek Tübingen, Signatur 443/2ı   (  Unter dieser Signatur finden sich sämtliche, nachfolgend zitierte Briefe aus der Korrespondenz Binswanger / Kunz  ). Ludwig Binswanger, der Chefarzt des renommierten Sanatoriums Bellevue in Kreuzlingen, bekannt geworden als Begründer der Daseinsana­ lyse in der Psychiatrie, gehört zusammen mit dem früh verstorbenen Psychologen, Arzt und Kunsthistoriker Hans Prinzhorn zu den ersten einflussreichen Förderern von Hans Kunz ’ beginnender wissenschaftlichen Laufbahn. Die beiden hatten massgeblichen Anteil daran, dass Kunz ’ frühe Arbeiten und sein Name in den Fachkreisen (  insbesondere in Deutschland  ) bekannt geworden sind. Im Brief vom 24. April ı  95ı verdankt Binswanger die von Kunz angekündigte Widmung  : «Ich danke Ihnen sehr für Ihren lieben und warmen Glückwunsch, von dessen Aufrichtigkeit ich überzeugt bin und freue mich sehr, dass Sie mir Die Endlichkeit des Menschen, auf die ich, wie Sie sich denken können, sehr gespannt bin, widmen wollen. Das ist mehr als ein Ersatz für die Nichtteilnahme an der Festschrift.»


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ger entnehmen. In der von beiden regelmässig gepflegten Korrespondenz kommt das angekündigte Buch erst drei Jahre nach den Briefen vom April ı  95ı   wieder zur Sprache. Auf Binswangers Frage  : «Wo bleibt die Endlichkeit  ?» (  im Brief vom ı . Februar ı  954  ) antwortet Kunz  : «… eingestehen zu müssen, dass ich mit der vorhandenen Fassung der Abhandlungen zur ‘ Endlichkeit ’ recht unzufrieden und daran bin, sie ein zweites mal – wenigstens grosse Stücke davon – zu schreiben, fällt mir etwas schwer. Aber ich kann’s nicht ändern  : denn das, was Ihnen zugeeignet sein soll, soll bestehen können. Jedoch macht es mir Freude» (  Brief vom 2. Februar ı  954  ). Auch die zum Teil weit ausgearbeiteten Textentwürfe aus den Jahren ı  952– ı  955,7 die Kunz ’ Ringen um eine revidierte Fassung der Endlichkeit dokumentieren, sind jedoch durchweg Fragmente geblieben. Abgesehen von einigen aus dieser Zeit stammenden Manuskripten zu den Abhandlungen v–vii (  die in Gestalt rudimentärer Textanfänge einen radikalen Neuaufbau der ersten vorausgegangenen Proben andeuten  ), greifen die durch die Revision motivierten kritischen Texteingriffe ausnahmslos auf die bereits explizierten Gedankengänge der ı  95ı   fertig gestellten Fassungen zurück, ohne deren Textgefüge zu durchbrechen. Besonders die von Kunz ı  952 – ı  955 verfassten Fragmente zur ersten Abhandlung «Der Einzelne, das Wesen und das Sein des Menschen», die erste ‘ Ergebnisse ’ der revidierten frühen Fassung von ı  95ı   vorlegen, enthalten Spuren, die einen inhaltlich relevanten – wenn auch keineswegs ausreichenden – Hinweis geben, weshalb Kunz sich mit der frühen Fassung nicht zu­ frieden geben konnte und weshalb er sich dazu genötigt sah – wie im Brief an Binswanger angekündigt – sie in «grossen Stücken» neu zu schreiben. Die neu verfassten Teile sind zumeist auf zahlreichen losen Blättern festgehalten  ; sie greifen einzelne Textpassagen (  meistens ganze Textabschnitte  ) aus der frühen Fassung auf,8 die offenbar in den Augen des Autors vertieft geklärt werden mussten. Den überarbeiteten Texten lässt sich deutlich entnehmen, dass die Revision weder eine Verwerfung noch eine Relativierung früherer Aussagen 7 8

Vgl. die Datierung der Quellentexte (  Anhang i, S. 566 –572  ). Auf diesen Blättern sind die aufgegriffenen Textpassagen mit Stellenvermerken gekennzeichnet.

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anvisiert. Ihnen ist vielmehr der Versuch eigen, Sachverhalte, die in der damals vorgelegenen Fassung bereits thematisiert und expliziert worden waren, im Lichte neu eingebrachter sachlicher Verweisungszusammenhänge schärfer zu konturieren und ihnen aufgrund der veränderten Darstellung mehr Gewicht zu verleihen. Besonders der mehrseitige, revidierte, zu einer zweiten Fassung ausholende, dann aber abgebrochene Textanfang der Handschrift A  23 ist der beeindruckende Versuch, das Hauptmotiv der Abhandlung «Das Problem des Gegenstandes einer philosophischen Anthropologie» auf der Grundlage neuer sachlicher Verweisungen und am Leitfaden eines weiter ausgespannten Fragens bestimmter zu artikulieren und vor allem in verdichteter Gestalt dessen Fragwürdigkeit zu erhellen. Nicht zu übersehen ist, dass diese neu geschriebenen Stücke zur ersten Abhandlung zwar die Komplexität der Themenschwerpunkte im Vergleich zur frühen Fassung ausgereifter entwickeln und explizieren, doch Kunz sie aufgrund neu sich einstellender Fragen nicht abschliessen konnte, was eine Fortsetzung forderte. Als Teilstücke liessen sie sich jedoch auch nicht ins Textgefüge der ersten Fassung einbauen, was Kunz offensichtlich zunächst versuchte.9 Obwohl er in den Jahren ı  952– ı  955 die Studien zur Endlichkeit des Menschen auch entscheidend weiter entwickelt hat, konnte er keinen abgerundeten Text, der das geplante Buch vorangebracht hätte, vorlegen. Zweifellos stand während dieser Schaffensperiode die Neubearbeitung der ersten Abhandlung im Vordergrund. Vermutlich hat sie Kunz so sehr in Anspruch genommen, dass er die aus der selben Zeit stammenden, noch im Anfangsstadium stehenden Entwürfe zu einer revidierten Fassung der zweiten und dritten Abhandlung «Der mögliche und der faktische Tod» und «Das vernehmende und das seinsstiftende Denken», nicht weiter verfolgt hat. Angesichts seiner gescheiterten Bemühungen, das geplante Buch zu seiner Zufriedenheit vorangebracht zu haben, bringt Kunz sein Urteil über den Stand des bislang Erreichten gegenüber Binswanger im Sommer ı  955 entschiedener zum Ausdruck als noch im oben zitierten Brief eineinhalb Jahre zuvor  : «Woran mir aber vor allem liegt, ist das Folgende  : die ‘ Endlichkeit des Menschen ’, die 9

Vgl. Kommentar des Herausgebers in  : Anhang ii, S. 584 f.


vorbericht des herausgebers

Ihnen ja als äusseres Zeichen der Dankbarkeit und Verehrung ge­ widmet sein soll, wird noch eine Weile auf sich warten lassen  ; denn da mir das Ganze in der vorliegenden Form gar nicht mehr gefällt, werde ich sie neu schreiben» (  24. August ı  955  ). Über die Beweggründe von Kunz ’ Widerständen und seines ablehnenden Urteils gegenüber dem bislang Erarbeiteten, die zum Entschluss führten, Die End­ lichkeit des Menschen neu zu schreiben, lässt sich nur spekulieren. Möglicherweise haben auch äussere Umstände dazu beigetragen, dass Kunz sich nicht imstande sah und sich auch nicht dazu drängen liess, die Ausarbeitung des für ihn zentralen philosophisch-anthropologischen Werkes nach den eigenen wie den äusseren Vorgaben eines publizistischen Zeitplans zu Ende zu bringen. Zu berücksichtigen wäre, dass Kunz, der zu den Mitbegründern der Zeitschrift Psyche gehörte, sich nicht von der Pflicht entbinden wollte, die beiden in der ersten Hälfte ı  950er Jahre verfassten grösseren Schriften (  «Zur Frage nach dem Wesen der Norm» und «Über den Sinn und die Grenzen des psychologischen Erkennens»  ) ı  0 für die Publikation im neuen Fachorgan bereitzustellen. Am 5. Juli ı  956 schrieb er an Binswanger  : «Seit dem Frühjahr liegt das Manuskript meiner Abhandlung ‘ Über den Sinn und die Grenzen des psychologischen Erkennens ’ bei Klett. Es wird … als Beiheft der ‘ Psyche ’ aber erst im nächsten Frühjahr erscheinen … Im nächsten Frühjahr werde ich indessen vermutlich auch das Manuskript der ‘ Endlichkeit des Menschen ’ Dr. Lang (  Francke Verlag  ) anbieten können … Jedenfalls habe ich das Thema für das Wintersemester angezeigt und will … dafür ein ausgeschriebenes Manuskript haben».ı  ı

ı 0 Vgl. Hans Kunz  : Zur Frage nach dem Wesen der Norm. Mit Bemerkungen zur anthropologischen und daseinsanalytischen Perversionstheorie, in  : ­Psyche 8 (  ı  954/55  ), i. Teil  : S. 24ı – 27ı  , ii. Teil  : S. 32ı  – 366. Photomechanischer Nachdruck in  : Hans Kunz  : Grundfragen der psychoanalytischen An­ thropologie, hg. von H. Balmer. Göttingen  : Vandenhoeck & Ruprecht ı  975, S. ı  20 – ı  95  ; ders.  : Über den Sinn und die Grenzen des psychologischen Erkennens. Beiheft zur Psyche, Stuttgart  : Klett ı  957. Neuauflage 2009 in  : Hans Kunz  : Sinn und Wesen des erfahrenden Erkennens, a. a. O., S. ı  – ı 96. ı  ı Vom Wintersemester ı  956/57 bis zum Sommersemester ı 958 hielt Kunz eine vierteilige Vorlesungen unter dem Titel «Die Endlichkeit des Menschen». In seinen Vorlesungsmanuskripten, die – sorgfältig bezeichnet und

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In den Jahren ı 956 bis ı 965 schrieb Kunz für das im Brief an Binswanger angekündigte, neu zu verfassende Buch die in den vorliegenden beiden Halbbänden veröffentlichten, vom Herausgeber als «Fassungen letzter Hand» bezeichneten Abhandlungen i und ii  : «Der Einzelne, das Wesen und das Sein des Menschen», mit einem «Anhang  : Zum Problem einer anthropologischen Reduktion theologischer Aussagen» (  Handschrift A   20  ), «Der mögliche und der faktische Tod» (  Handschrift A  32  ), sowie die Abhandlung iii  : «Das vernehmende und das seinsstiftende Denken» (  Handschriften A  40 und A  4ı   ). Obwohl diese drei ersten ‘ Kapitel ’ der Endlichkeit des Men­ schen in durchgängig ausgearbeiteten Manuskripten vorliegen, wird man sie nicht vorbehaltlos als druckfertige Texte letzter Hand bezeichnen dürfen. Da Kunz sie als Satzvorlage für den Druck nicht in ein maschinengeschriebenes Manuskript übertragen hat, muss die Frage offen bleiben, ob es sich hier um endgültige Texte handelt.ı 2

ı  2

datiert – stichwortartig festhalten, was Kunz jeweils in freier Rede entfaltete, finden sich keine Aufzeichnungen zu diesen Vorlesungen von ı  956– ı 958. Doch wäre es völlig abwegig, anzunehmen, dass Kunz die nach ı  955 «ausgeschriebenen Manuskripte» zur «Endlichkeit des Menschen» als Vor­ lesungstexte konzipiert hat. Kunz hat nur von den für die Publikation bestimmten, fertigen Schriften ein maschinengeschriebenes Manuskript angefertigt. Abgesehen von den darin vom Autor vorgenommenen – marginalen und sachlich unerheblichen – letzten Korrekturen, sind diese Typoskripte ausnahmslos wortgetreue Abschriften der handschriftlichen Vorlagen. Die Stetigkeit von Kunz ’ Arbeitsweise ist offenkundig  : er begann mit der Schreibmaschinenabschrift erst, nachdem der ganze zur Veröffentlichung vorgesehene Text in allen Teilen ausgearbeitet und im Manuskript fixiert war. Bei ihrer doch offenkundigen Geschlossenheit und minutiösen Ausarbeitung reicht der Verweis auf das fehlende Typoskript dennoch nicht aus, um die Publikationsberechtigung der ausgearbeiteten Fassungen letzter Hand anzuzweifeln. Der Zeitpunkt, eine für den Druck bestimmte Abschrift der Letztfassungen dieser drei Abhandlungen vorzunehmen, war für Kunz wohl nicht gekommen, solange er – wie im Brief vom August ı  956 an Binswanger angedeutet – dem Verleger nicht das ganze Manuskript der Endlichkeit des Menschen anbieten konnte. Neben diesen ersten drei Abhandlungen und der weit vorgeschrittenen frühen Fassung der vierten Abhandlung (  ı  952  ) hat Kunz nur höchst fragmentarische Textentwürfe zu den Abhandlungen v–vii hinterlassen. Doch darf davon ausgegangen werden, dass Kunz bis in die späteste


vorbericht des herausgebers

Die vorliegende Edition der ersten Abhandlung (  «Der Einzelne, das Wesen und das Sein des Menschen»  ) bedarf einiger Hinweise, dessen ungeachtet, dass die hier wiedergegebene Handschrift A 20, wenn nicht endgültig, so doch weit genug vorgeschritten ist, um ohne Begleitkommentare oder ‘ Lesehilfen ’ für sich selber sprechen zu können. Wie oben erwähnt, hat Kunz – was schon ein erster Einblick in die zahlreichen neu ansetzenden Entwürfe aus den Jahren ı  948 – ı  955 augenfällig vermittelt – besonders um die Form dieser ersten Abhandlung der ‘ Endlichkeit ’ gerungen. Die «Fassung letzter Hand» trägt, aufgrund der völlig neu konzipierten Anlage noch markanter die Züge einer Neuschrift als die in Kunz ’ späten Schaffensjahren neu geschriebenen Abhandlungen ii und iii. Von daher schien es angezeigt, die nach ı   955 geschriebenen, zur «Fassung letzter Hand» hinführenden Vorarbeiten in den nun realisierten Band aufzunehmen  : Die Einleitung (  S. ı– 24  ) und eine in Stichwortnotizen festgehaltene Zusammenfassung der neu angelegten ersten Abhandlung (  Textbeilage ı  , S. 567  ). Um mögliche Lücken in der Handschrift A 20 auszufüllen, schien es auch ratsam, jene zwei von Kunz nach ı  956 geschriebenen, längeren, nach dem Ende hin offenen Texte zum «Anhang  : Das Problem einer anthropologischen Reduktion theolo­ gischer Aussagen» vorzulegen (  Textbeilagen 2 und 3, S. 568  ). Offensichtlich handelt es sich hier um weiterführende Exkurse zu Themen, die Kunz in der Handschrift A 20 exponiert hat, doch gibt es keine Anhaltspunkte dafür, wo sie dort als Ergänzungstexte einzu­ fügen wären.ı 3

ı 3

Zeit seines Schaffens am Entschluss festhielt, die Arbeiten an der Endlich­ keit des Menschen auf der Grundlage des anfänglichen Konzeptes fortzu­ setzen und zu vollenden, d. h. sich an seine Eigenforderung zu binden, ein Werk vorzulegen, das die ı  949 im eingangs zitierten Brief an Koch genannten sieben Abhandlungen umfasste. Aufgrund des nicht vorliegenden Typoskripts nach dem ‘ Fertigen ’ oder ‘ Unfertigen ’ der ‘ Fassungen letzter Hand ’ zu fragen, greift ins Leere, da die fehlende Abschrift wohl eher darauf hinweist, dass Kunz keine Teilpublikation der drei ersten, geschlossen vorliegenden Abhandlungen beabsichtigte. Die Wiedergabe der Textbeilagen ı  –3 und die Kommentare des Herausgebers zu den Besonderheiten der Textgeschichte der ersten Abhandlung finden sich in Anhang II (  Textbeilagen  ), S. 584– 605.

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vorbericht des herausgebers

Die Textbasis für die im vorliegenden zweiten Halbband wiedergegebene dritte Abhandlung «Das vernehmende und das seinsstiftende Denken», (  in diesem Band, S. 33ı   – 399  ) ist eine in sich ­geschlossene Fassung, die Kunz in den Jahren ı  956 – ı  959 niedergeschrieben hat (  Handschrift A 40  ). Im Vergleich zur frühen Fassung von ı  95ı   ist diese eine in wesentlichen Stücken neu verfasste Schrift. Dennoch kann sie nicht als «Fassung letzter Hand» bezeichnet werden. In der ersten Hälfte der ı  960 er Jahre hat Kunz nämlich die ­ersten beiden Kapitel der Handschrift A 40 (  «Vorläufige phänome­ nologisch-psychologische Kennzeichnung des Denkens» und «Das geschehend-vernehmende Denken»  ) neu geschrieben (  Handschrift A 4ı   ). Diese Neufassung übernimmt zwar längere Textpassagen der Handschrift A 40 (  vor allem in den zum Thema hinführenden Textanfängen  ), doch ist unverkennbar, dass die Textabweichungen in der Handschrift A 4ı   sachrelevante Neuerungen anzeigen. Hätte sich der Herausgeber dazu entschlossen, anstelle der ersten beiden Kapitel der Handschrift A 40 den Text der Handschrift A 4ı einzusetzen, so wäre ein solches Vorhaben in keiner Weise zu rechtfertigen gewesen. Zum einen bleibt offen, ob Kunz eine Fortsetzung der Handschrift A 4ı vorgesehen hatte oder ob er die überarbeitete Fassung in der vorliegenden Gestalt stehen lassen wollte. Zum andern darf nicht übersehen werden, dass in der überarbeiteten Fassung Sachverhalte expliziert werden, die in der Handschrift A 40 erst an späteren Stellen (  d. h. in den Folgekapiteln 3– 7  ) – obzwar unterschiedlich gewichtet – zur Sprache kommen. So hat Kunz – das sei hier ausdrücklich betont – die überarbeitete Fassung der dritten Abhandlung zweifellos nicht als ‘ Ersatzstück ’ für die beiden ersten Kapitel der Handschrift A 40 angelegt. Um einen folgenschweren textlichen Eingriff zu vermeiden, d. h. dem Ziel verpflichtet, das Textgefüge der Handschrift A 40 nicht aufzubrechen und die Kontinuität ihres Textverlaufes zu wahren sowie Kunz ’ Motive, die die ‘ überarbeitete Fassung ’ eingeleitet haben, nicht völlig zuzudecken, war es unumgänglich, bei der Edition der dritten Abhandlung die Handschriften A 40 und A 4ı getrennt wiederzugeben. Die Auswahl und Anordnung der in der vorliegenden Nachlass­ edition publizierten Texte konnte – auch aufgrund des eingehenderen Studiums der zahlreichen Manuskripte, die Kunz in zwei Jahrzehn-


Kunz_II_UG_HB2_Kunz_UG 12.09.14 15:58 Seite 1

Hans Kunz Werkausgabe Übersicht ı

Hans

Kunz

die anthropologische bedeutung der phantasie Zwei Halbbände

2 die endlichkeit des menschen Sieben Abhandlungen zur philosophischen Anthropologie Zwei Halbbände und ein Supplementband Aus dem Nachlass 3 sinn und wesen des erfahrenden erkennens Schriften ı955– ı975 zu Grundfragen der Psychologie und Philosophie 4 aggressivität, zärtlichkeit und sexualität Phänomenologische und anthropologische Studien zur Psychologie und Psychopathologie 5 zur frage nach der natur des menschen 6 die eine welt und die weisen des in-der-welt-seins Bemerkungen zu den Voraussetzungen der daseinsanalytischanthropologischen Interpretationen psychopathologischer Phänomene 7 die wahnhaftigkeit des menschen

und die gewissheit des todes 8 daseinsanalytische und anthropologische

studien zur psychopathologie 9 zu sigmund freud und zur psychoanalyse ı0 die philosophische bedeutung

der psychoanalyse freuds Aus dem Nachlass ıı

Von ı947 bis in seine letzten Schaffensjahre arbeitete der Phänomenologe und Psychologe Hans Kunz intensiv und ohne längere Unterbrechungen an seiner umfangreichen, in der Gänze schliesslich unvollendet und bis heute unveröffentlicht gebliebenen Schrift Die Endlichkeit des Menschen, die in dieser Ausgabe nun zum ersten Mal vorliegt. Unverkennbar knüpfen die sieben Abhandlungen dieses Textes zur philosophischen Anthropologie an das zentrale Thema des zweiten Teils seines Hauptwerkes Die anthropologische Bedeutung der Phantasie an. Wie in diesem ı946 erschienenen Buch steht auch in der Nachlassschrift die Explikation der These vom Todesursprung des Geistes im Mittelpunkt. Obwohl die geltend gemachte These sich einer direkten Verifikation entzieht und Kunz deren hypothetischen Charakter betont, lässt sich der innere Zusammenhang von Denken und Tod am Leitfaden wechselseitiger Merkmalszüge erhellen. Der phänomenologischen Methode verpflichtet, will Kunz ein faktisches, obzwar verborgenes Geschehen im Menschsein erhellen, das sich als solches unabhängig davon ereignet, ob es gedacht, erlebt oder erkannt wird.

Die Endlichkeit des Menschen Zweiter Halbband

HansKunz Die Endlichkeit des Menschen Sieben Abhandlungen zur philosophischen Anthropologie Aus dem Nachlass herausgegeben von Jörg Singer Zweiter Halbband

Hans Kunz (ı904– ı982) war ein profunder Kenner der Phänomenologie und der Anthropologie des 20. Jahrhunderts ebenso wie der psychologischen und psychopathologischen Wissenschaften seiner Zeit. Als Professor für Philosophische Anthropologie und Theoretische Psychologie an der Universität Basel stand er im kontinuierlichen Dialog mit den bedeutenden Vertretern seines Faches. Kunz befasste sich intensiv mit Denkern wie Edmund Husserl, Ludwig Klages, Max Scheler, Nicolai Hartmann, Karl Jaspers, Martin Heidegger, Helmuth Plessner, Karl Löwith und Hans-Georg Gadamer. Bestimmend für sein Denken waren nicht zuletzt auch die Psychoanalyse Sigmund Freuds sowie die daseinsanalytische Psychiatrie Ludwig Binswangers. Zur eigenständigen Diktion gelangte sein Œuvre vor allem im Versuch einer Neubegründung der philosophischen Anthropologie in seinem ı946 erschienenen Werk Die anthropologische Bedeutung der Phantasie und seiner Nachlassschrift Die Endlichkeit des Menschen. Darüber hinaus war Hans Kunz Autor von Studien zur vergleichenden Verhaltensphysiologie sowie von über zwanzig Abhandlungen zur Botanik. Der Herausgeber Dr. phil. Jörg Singer, geb. ı946, studierte zunächst Mathematik und Physik, dann Philosophie, Psychologie und Psychopathologie in Zürich und Basel, wo er Schüler von Hans Kunz war. Seit ı978 ist er um den wissenschaftlichen Nachlass von Hans Kunz besorgt. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zu Hans Kunz.

zur phänomenologie des ausdrucks

ı2 zur philosophie des 20. jahrhunderts Aufsätze, Rezensionen, Vorträge und Nachlasstexte ı930 – ı977 ı3 philosophie, psychologie und kulturkritik Rezensionen ı4 botanische schriften ı5 zur botanik Aus dem Briefwechsel, mit Illustrationen ı6 nachträge und verzeichnisse

Hans-Kunz-Gesellschaft Frauenfeld Schwabe Verlag Basel

Schwabe Verlag Basel www.schwabeverlag.ch

9 783796 532153

isbn 978-3-7965-32ı5-3

Hans-Kunz-Gesellschaft Frauenfeld

Hans-Kunz-Gesellschaft Frauenfeld Schwabe Verlag Basel


Hans Kunz

Gesammelte Schriften in Einzelausgaben In Zusammenarbeit mit der Hans-Kunz-Gesellschaft Frauenfeld herausgegeben von Jรถrg Singer

Band 2


Hans Kunz

Die Endlichkeit des Menschen Sieben Abhandlungen zur philosophischen Anthropologie

Aus dem Nachlass herausgegeben von Jรถrg Singer Hans-Kunz-Gesellschaft Frauenfeld

Schwabe Verlag Basel


Die Hans-Kunz-Gesellschaft und der Verlag danken der Dr. Margrit Egnér-Stiftung , Zürich, dem Regierungsrat des Kantons Solothurn und Solothurn-Kultur (Lotteriefonds), der Freiwilligen Akademischen Gesellschaft (FAG), Basel und Madame Jacqueline Schindler, Présidente de la fondation Zeno Karl Schindler, Hergiswil für die finanzielle Unterstützung, die die Drucklegung dieses Bandes ermöglicht hat.

Hans Kunz – Gesammelte Schriften in Einzelausgaben Band 2: Die Endlichkeit des Menschen Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek: Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie ; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Copyright © 20ı4 Schwabe AG, Verlag, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Gestaltung und Satz : Atelier Mühlberg Basel Gesamtherstellung : Schwabe AG, Muttenz /Basel, Schweiz Printed in Switzerland isbn 978-3-7965-32ı5-3 rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch


Zweiter Halbband


vii

Inhalt

erster halbband Vorbericht des Herausgebers ......................................................... xi Dank ......................................................................................... xxxvii

[ Einleitung] ................................................................................

ı

Der Einzelne, das Wesen und das Sein des Menschen Das Problem des Gegenstandes einer philosophischen Anthropologie .......................................... 25

Die anthropologische Grundthese .......................................... 27

Der Einzelne als Repräsentant «des» Menschen und die von der Dunkelheit seiner Herkunft ermöglichte Missdeutung als «Geschöpf» .............................. 38

Die wesenhafte Faktizität und die Seinsmöglichkeiten des Menschen ........................... 59

Das Selbstverständnis .............................................................. ı07

Die Geschichtlichkeit des Menschen ..................................... ı ı 7

Die Frage nach der Gültigkeit der Logik im anthropologischen Erkennen ............................................. ı67


viii

inhalt

Die existenzielle Relevanz des anthropologischen Erkennens ........................................... ı85

Anhang: Das Problem einer anthropologischen Reduktion theologischer Aussagen ........................................................... 22 ı

Der wirkliche und der mögliche Tod .................................. 24 ı

Der nicht-menschliche Tod ..................................................... 244

Der menschliche Tod ............................................................... 254

a. Der Tod des andern Menschen ..................................... 259

b. Das Wissen um den eigenen Tod ................................. 280

Der Endcharakter des wirklichen Todes ................................. 304

[Anhang:] Deutungen und Sinngebungen des Todes ............................... 32 ı

zweiter halbband Das vernehmende und das seinsstiftende Denken ......... 33 ı [ ca. ı956 – ı959]

Vorläufige phänomenologisch-psychologische Kennzeichnung des Denkens .................................................. 334

Das geschehend-vernehmende Denken .................................. 3 4 ı

Der nichtige Ursprung des vernehmenden Denkens ............. 353

Das Sein als Stiftung des geschehend-vernehmenden Denkens ............................... 360

Die Transzendenz des Seins .................................................... 373

Die Transzendenz des Göttlichen ........................................... 392


inhalt

[ Überarbeitete Fassung, ca. ı960 –ı964] ............................. 399

Vorläufige phänomenologisch-psychologische Kennzeichnung des Denkens .................................................. 403

Das geschehend-vernehmende Denken .................................. 4ı2

Über die inneren Beziehungen zwischen dem Sehen und dem Denken ............................. 439 Der Ursprung der Ewigkeit in der Endlichkeit des menschlichen Daseins ................. 5ı 9 Die ontologische Bedeutung der Sprache und das Wesen der dichterischen Welt ............................... 533 Die Nichtigkeit des Menschen als eine Bedingung seiner Grösse ......................................... 553

Anhang

i.

Textgestaltung und Quellentexte .................................... 565

ii. Anmerkungen und Textbeilagen ..................................... 573

iii. Literaturverzeichnis ......................................................... 637

iv. Berichtigung zu Band ı/ ii ................................................. 66ı

v. Siglen und Sonderzeichen ................................................ 662

ix


Das vernehmende und das seinsstiftende Denken [ca. ı956 – ı959]


Das vernehmende und das seinsstiftende Denken Aufgrund der Entscheidung, die Erstfassungen der Abhandlungen i– iii von Die Endlichkeit des Menschen sowie einige Fragment gebliebene Entwürfe in einem Supplementband zu publizieren, wird in diesem Band auf die Veröffent­ lichung der von Hans Kunz auf den 22. September ı 948 datierten ersten Fassung der dritten Abhandlung (  Hs. A 39: Das seinsstiftende und -vernehmende Denken  ) verzichtet. Bei dieser ersten Fassung handelt es sich um die umfangreichste und von der thematischen Vielfalt her gesehen weitläufigste der drei im Nachlass sich findenden textlich geschlossenen Fassungen. Im Nachlass liegen keine Vor­ studien vor, die eindeutige Hinweise geben könnten, weshalb sich Hans Kunz acht Jahre nach der Erstfassung dazu entschloss, eine Neubearbeitung mit ein­ schneidenden Veränderungen zu beginnen. Das Originalmanuskript A 40 (  Das vernehmende und das seinsstiftende Denken, vgl. Anhang 1, S.  569  ), verfasst zwischen ı 956 und ı 959, ist die Textbasis für die vorliegende Wiedergabe der zweiten Fassung der dritten Abhandlung. Ebenso erfolgt in diesem Band die Wiedergabe der letzten (  dritten  ) Fassung (  Hs. A 4ı  : Das vernehmende und das seinsstiftende Denken  ), geschrieben zwischen ı 960 und ı 964: eine durchkomponierte, auf die ersten beiden Kapitel der zweiten Fassung (  Vorläufige phänomenologisch-psychologische Kennzeichnung des Denkens und Das geschehend-vernehmende Denken  ) sich konzentrierende Ab­ handlung. Die Seitenzahlen der textlich unverändert transkribierten Originalhand­ schriften A 40 und A 4ı werden im laufenden Text [in eckiger Klammer ], Strei­ chungen des Autors < in spitzer Klammer > angezeigt. Anmerkungen zu den mit Asterisken * bezeichneten Textstellen finden sich in Anhang ii (  S.  578–580  ).


das vernehmende und das seinsstiftende denken [ca. ı956 – ı959]

[  D ı  ]* Seit Parmenides ist die von ihm gemäss der üblichen Ausle­ gung erstmals vollzogene «Gleichsetzung» des «Denkens» mit dem «Sein» ein erregendes philosophisches Problem geworden und ge­ blieben. Dass die anscheinende Mehrdeutigkeit der These und der darin gebrauchten Begriffe an ihrer beunruhigenden, die Jahrtausen­ de durchziehenden Nachwirkung mitbeteiligt war, lässt sich nicht leugnen. Aber es wäre eine Verkennung der in ihr enthaltenen sach­ lichen Schwierigkeiten, jene – vielleicht ausschliesslich für uns be­ stehenden – Äquivokationen als den einzigen oder auch nur ent­ scheidenden Grund für den bis auf den heutigen Tag ungeschlichteten Streit zwischen den Zustimmungen und den Ablehnungen zu bean­ spruchen. Die Geschichte dieses Streites aufzurollen kann nicht un­ sere Aufgabe sein, sowenig wie das wohl hoffnungslose Bemühen, den «ursprünglichen», «eigentlichen» oder «wahren» Sinn des Sat­ zes, so wie Parmenides ihn selbst verstanden hat und verstanden wissen wollte, zu eruieren.ı Was uns zu tun übrig bleibt ist allein der Versuch, von der eigenen Erfahrung des Denkens her dessen Identifi­ kation mit «dem Sein» – diese «radikale Intellektualisierung des Seins», wie Ortega y Gasset die eleatische Lehre genannt hat2 – zu begreifen. Vermutlich ist es die selbstverständliche Unvermeidlichkeit im alltäglichen Gebrauch des jedermann in einem vagen Sinne vertrau­ ten Denkens gewesen, die das Staunen über dieses im Menschen ı 2

Vgl. dagegen M. Heidegger  : Einführung in die Metaphysik, S. ı04 ff. Gesammelte Werke, Band iv, S. 387.

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das vernehmende und das seinsstiftende denken [ca. ı956– ı959]

geschehende und seiner willentlichen Spontaneität begrenzt verfüg­ bare Ereignis so selten aufkommen liess. Ein Dichter des Rigveda bezeichnet es als «das einzigartige Rätsel im Innern der Geschöp­ fe»  ;3 Augustin nennt den Verstand eine «grosse und wunderbare Geistesgabe»  ;4 und Geiger schreibt einmal, das Denken, «dessen sich der Mensch als einer räthselhaften, ihm allein von allen ihm bekannten Wesen zugefallenen Gabe, wie der ihm angeborenen Or­ gane, mit einer Art von ihm selbst verborgenen Weisheit fortwäh­ rend bedient, tritt uns aus der unendlich wunderbaren Erscheinung lebendiger Mechanismen als das Wunderbarste und Vollkommenste entgegen».5 Wenn es zuträfe, was Litt behauptet, dass das Denken «heute niedrig im Kurse» stehe, eine ihm «abgünstige Stimmung» herrsche,6 so wäre damit das Urteil über dieses Heute gesprochen.7

Vorläufige phänomenologisch-psychologische Kennzeichnung des Denkens

Wir kennen den als «Denken» bezeichneten, sich in unterschied­ lichen Weisen dokumentierenden Sachverhalt in seiner Unmittel­ barkeit nur aus der Selbstbesinnung. Zwar meinen wir, das Denken eines andern Menschen «an» ihm gelegentlich «sehen» zu können, etwa eine eben aufkommende Einsicht am «Aufleuchten» des Blicks oder ein gesammeltes Nachsinnen an der Augen-Stirnmimik  ; man treffe, hat bereits Tetens bemerkt, noch nicht beim Kind, aber spä­ ter «in den Augen den Ausdruck der Reflexion, den Zug der die Über­ legung verräth», an.8 Allein wir wüssten nicht, was hier wirklich vorgeht, wenn wir nicht zuvor von unserem Denken eine gewisse 3 4 5 6 7 8

Zit. nach G. Misch  : Der Weg in die Philosophie. 2. Aufl., ı. Teil, S. ı22. Bern ı950. Vom Gottesstaat, Band ii, S. 49. L. Geiger  : Ursprung und Entwicklung der menschlichen Sprache und Ver­ nunft. ı. Band, S. 3. Stuttgart ı868. Th. Litt  : Denken und Sein, S. ı f. Zürich ı948. Vgl. auch F. J. Brecht  : Vom menschlichen Denken, S. ıı ff. Heidelberg o. J. J. N.Tetens  : Philosophische Versuche über die menschliche Natur und ihre Entwicklung. ı. Band, S. 272. Leipzig ı777.


phänomenologisch-psychologische kennzeichnung des denkens

Kenntnis erworben hätten, der wir dann eine «Allgemeingültigkeit» zuschreiben. Das heisst, wir unterstellen, dass «alle» oder doch die Mehrzahl der Menschen ein gleiches oder ähnliches «inneres Tun» vollziehen, das uns als eigenes Denken vertraut ist.9 Dieses liegt vor, wenn wir uns ein vergangenes Ereignis oder einen abwesenden sin­ gulären Gegenstand anschaulich-vorstellend vergegenwärtigen  ; oder wenn wir nach der Lösung eines aus der Lebenspraxis oder im Zu­ sammenhang der Forschung sich aufdrängenden Problems «suchen». Desgleichen gelten das Entwerfen künftigen Handelns und die pla­ nende Bereitstellung der dazu nötigen Mittel als Leistungen des Denkens. Dessen reinste Bekundungen verwirklichen sich aber nach der wohl vorherrschenden Meinung im Bilden von Begriffen, im Ur­ teilen und in den korrekten Schlussfolgerungen, die sich aus be­ stimmten Annahmen, Prinzipien oder Begriffen nach Massgabe der sog. logischen Gesetze ergeben und die als solche unmittelbar ein­ sichtig sind. [  D2  ] Die in den angeführten Beispielen sich durchhal­ tende, deshalb vermutlich den spezifischen Charakter des Denkens konstituierende Eigentümlichkeit erweist sich als ein Stiften von Bezügen zwischen verschiedenen Gegebenheiten. Daher ist die eine Bestimmung Kants als «die Handlung, gegebene Anschauung auf einen Gegenstand zu beziehen»,ı0 etwas zu eng, weil wir denkend auch Wahrnehmungen, Vorstellungen, unanschauliche Begriffe u.a. verknüpfen können. Daraus ergibt sich zunächst, dass weder «die» Vorstellungen – das Wort im üblichen mehrdeutigen, jedoch die Wahrnehmungen ausschliessenden Sinne verstanden – noch die sie produzierende imaginative Aktivität den Kern des Denkens ausmachen können. Trotzdem ist es nicht zufällig, wenn dieses so oft dem Vorstellen gleichgesetzt wird, wobei das letztere sowohl das Hervorbringen von

9

Daraus folgt nicht, dass wir in das an irgendwelchen Ausdruckserscheinun­ gen (  vermeintlich  ) wahrgenommene fremde Denken unser eigenes «proji­ zieren». Wir sagen lediglich, wir vermöchten am Denken anderer Menschen keinen Einblick in sein Wesen und seinen Vollzugscharakter zu gewinnen. ı0 Kritik der reinen Vernunft, S. 275 (  A 247, B 304  )  ; S.  ıı0 (  A 69, B 94  ) heisst es  : «Denken ist die Erkenntnis durch Begriffe.» An anderer Stelle sagt Kant auch  : «Denken ist Vorstellungen in einem Bewusstsein vereinigen». (  Prol. § 22  ).

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das vernehmende und das seinsstiftende denken [ca. ı956– ı959]

mehr oder weniger anschaulichen Vorstellungsbildern wie das inne­ re Vor-stellen, d.h. Vergegenwärtigen abwesender Gegenstände um­ greift. Denn diese anschaulichen Gebilde drängen sich als nächst­ liegende und am leichtesten fassbare der – um das Denken bemühten – Selbstbesinnung auf. Sie sind dasjenige, was wir in seinem Voll­ zug vordergründlich «bilden». Wird etwa die Frage erörtert, ob auch Tiere «denken» können, so dürfte es schwer fallen, ihnen ein so ver­ standenes «Denken» grundsätzlich abzusprechen, obgleich ein zwin­gender Nachweis nicht gelingt.ıı Indessen hat es seine guten Gründe, wenn seit alters das Hervorbringen der anschaulichen Vorstellungen einem besonderen «Vermögen» – der «Einbildungskraft», «Phanta­ sie» oder «Imagination» – und nicht dem «Verstande» oder der «Ver­ nunft» als dem «Organ» des Denkens zugeschrieben worden ist. Da­ rin dokumentiert sich die Einsicht, dass sich dessen Leistung im Vorstellen zum mindesten nicht erschöpft, sondern dazu ausserdem das «Verbinden» (  «Assoziation»  ) der Vorstellungsbilder unter sich etwa als einander ähnlich sehende und mit den darin gemeinten oder vor-gestellten (   repräsentierten   ) Gegenständen gehört. Dieses Ver­ binden ist als solches unanschaulich, jedoch auf anschauliche Phä­ nomene – Vorstellungen, Phantasmen, Erinnerungs- und eidetische Anschauungsbilder, Pseudohalluzinationen, Halluzinationen, Wahr­ nehmungen – angewiesen. Gelegentlich kommt es vor, dass wir an einen Bekannten denken, ohne dass sich das anschauliche Bild sei­ nes Aussehens einstellt  ; wir meinen ihn, von seinem Namen gelei­ tet, aber die anschauliche Erfüllung der Intention bleibt aus. Oder wir sehen ein einzelnes Haus auf dem Hintergrund seiner Umge­ bung, meinen indessen, von diesem Haus sprechend, auch die nicht bildhaft-anschaulich wahrgenommenen, mithin gedanklich-unan­ ı ı Deshalb bleibt eine These wie diejenige von Lorenz, dergemäss das «ur­ sprüngliche», «unabhängig vom Vorhandensein einer Wortsprache» funkti­ onstüchtige anschauliche Denken «ganz sicher in erheblichem Masse bei Menschenaffen vorhanden» sei, eine blosse Behauptung, die – von der empi­ rischen Verhaltensbeobachtung weder zu begründen noch zu widerlegen – sich lediglich dogmatisch auf bestimmte Voraussetzungen berufen kann  ; K. Lorenz   : Die angeborenen Formen möglicher Erfahrung. Zeitschrift f. Tierpsychol. 5 (  ı942/43  ), S.  344. Zum Problem vgl. etwa R. Bossard  : Tieri­ sches und menschliches Denken. Schweiz. Zeitschrift f. Psychol. ı0 (  ı95ı  ), S. 20ı ff. |


phänomenologisch-psychologische kennzeichnung des denkens

schaulich ergänzten Seiten. An diesen beiden einfachen Beispielen zeigt sich besonders deutlich die Unanschaulichkeit des Denkens.ı2 Das darin enthaltene Meinen realisiert offensichtlich ebenfalls eine Weise der Bezugsstiftung. Demgemäss können die anschaulichen Daten, die wir denkend meinen oder miteinander verknüpfen, ihrer Art und Herkunft nach verschieden sein und unter Umständen völlig ausfallen, ohne dass sich damit am Meinen oder Bezugsstiften etwas ändert. Daher dürfen wir in diesem mit Recht ein Wesensmerkmal des Denkens sehen. Das Meinen ist notwendigerweise ein Meinen von etwas, auch wenn dieses Etwas unbestimmt, ohne anschaulich-gegenständlichen Gehalt, gleichsam leer bleibt. Desgleichen können wir nur irgend­ welche vorgegebenen oder vom Vorstellen hervorgebrachten Sach­ verhalte denkend miteinander in Beziehung setzen. Das Denken, heisst das, impliziert ein Gerichtetsein auf …, was wir seit Brentano wieder mit dem scholastischen Begriff der «Intentionalität» zu kenn­ zeichnen pflegen.ı3 Allein dieses [  D3 ] denkende, unanschauliche Ge­ richtetsein, für das wir den erwähnten Terminus reservieren, muss von andern Arten, etwa dem gerichteten Sichbewegen unterschieden werden – und zwar auch dann, wenn sich herausstellen sollte, dass im letzteren das intentionale (  denkende  ) Gerichtetsein enthalten oder gar für es fundierend ist.ı4 Die Richtung einer Bewegung nennen wir ihren – räumlich oder (  und  ) zeitlich bestimmten – «Sinn». Darin zeigt sich ebenfalls die Notwendigkeit der proponierten Differenzie­ rung  ; denn dem intentionalen (  gemeinten, gedachten  ) Sinn fehlt je­ des räumliche Moment, und vielleicht nicht ohne Grund wird ihm oft überdies die Temporalität abgesprochen. Ferner tritt in manchen intentionalen Sinngehalten, z. B. in den Begriffen, das ­Gerichtetseins zurück und macht einer Art statischer Gebilde   : «Bedeutungen» Platz. Freilich mangelt diesen der be-deutende, gerichtet-hinweisen­

ı2 Vgl. dazu G. Anschütz  : Psychologie, S.  357 ff. Hamburg ı953. ı3 Vgl. die in  : Die anthropologische Bedeutung der Phantasie, Band ı, S. 94 f., zitierte Literatur. ı4 Faktisch sind zumal die willkürlichen und manche willentlich gesteuerten triebhaften Bewegungen des Menschen intentional mitdeterminiert. Aber das gilt keineswegs für alle Bewegungsarten und -abwandlungen.

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das vernehmende und das seinsstiftende denken [ca. ı956– ı959]

de Bezug nicht völlig, sonst vermöchten sie die «Merkmale» des Be­ griffs, bzw. des von ihm begriffenen und gemeinten Gegenstandes nicht zu einer Einheit zusammen zu fassen. Umgekehrt gelänge dem begriffsbildenden Denken die abgrenzende Bestimmung und zumal die dem Wandel entrückte Fixierung der «idealen Bedeutungsein­ heiten» (  Husserl  ) kaum, wenn seinem Gerichtetsein der gleiche Charakter wie der gerichteten Bewegtheit zukäme. Aus diesen und andern Motiven scheint uns der phänomenale Tatbestand die An­ erkennung einer Spezifität des intentionalen Sinnes des Denkens zu fordern. Wenn wir im Hervorbringen von Vorstellungsbildern nicht die zentrale Leistung des Denkens sehen können, so liegt die Sache bei den sog. «Gedanken» anders. Zwar erlaubt uns der alltägliche Sprachgebrauch, ohne erhebliche Bedeutungsunterschiede sowohl von der «Gottesvorstellung» als auch vom «Gottesgedanken» und überdies von einem «Gottesbegriff» zu reden.* Ob man die Vorstel­ lungsbilder als «abgeblasste», «schematisierte» «Reproduktionen» früherer Wahrnehmungseindrücke anspricht, ist in unserem Zusam­ menhang weniger wichtig als der in dieser Deutung mitgemeinte Bezug auf die ehemals wahrgenommenen erscheinenden realen Ob­ jekte, die wir uns als solche in ihrer individuellen Singularität oder in ihren gattungsmässigen «Verallgemeinerungen» später wieder vor-stellen können. Daraus leitet sich ihr betont anschaulicher Cha­ rakter her, der allerdings zufolge der generalisierenden Schematisie­ rungen der phänomenalen Formmerkmale in seinen Umgrenzungen verschwommen sein kann. So umfasst die Vorstellung des Triangels stumpf-, recht- und spitzwinklige Dreiecke, die als anschauliche Gebilde sich nicht zu einer bestimmten Gestalt vereinigen lassen, sondern in ihren (  anschaulichen  ) Winkelgrössen unbestimmt blei­ ben muss. Daraus zeigen sich zugleich die unanschaulichen Bedeu­ tungsmomente, die selbst den ausgeprägt anschaulichen Vorstellun­ gen nicht völlig fehlen und, wenn sie mit einem Wort verknüpft werden, ihre Begrifflichkeit ausmachen. In den Gedanken überwiegt umgekehrt der Bedeutungsinhalt, der sich nicht notwendig auf aus­ serhalb seiner gelegene Objekte bezieht  ; anschauliche Züge treten zurück oder können ganz verschwinden. Ob man die sprachliche Fixierung – mag sie sich in den sog. Wortvorstellungen, im inneren


phänomenologisch-psychologische kennzeichnung des denkens

stummen oder im verlautbarten Sprechen manifestieren – als kon­ stitutives Merkmal der Gedanken beanspruchen kann oder muss, ist schwer zu entscheiden. Sicher trägt sie zu ihrer Präzisierung bei und verhindert das Entgleiten ins Vage. Es kann auch kein Zufall sein, dass die menschliche Rede als das eigentliche Ausdrucksmittel des Denkens und ihr Verstehen als eine spezifische Leistung des Ver­ standes gilt. Dennoch gibt es vorsprachliches Denken. [  D4  ] Wir meinen damit nicht die dem in der vorsprachlichen Phase lebenden Kleinkind und den höheren Tieren supponierten Denkakte, auf die wir immer nur mit fragwürdigem Recht aus ge­ wissen Erscheinungen rückschliessen können. Vielmehr haben wir dabei bestimmte in unserer Selbsterfahrung aufweisbare Phänome­ ne im Auge  : plötzlich aufleuchtende Einsichten in vorher dunkle Zusammenhänge, weiterführende oder belanglose Einfälle, unmit­ telbares gedankliches Erfassen einer uns überraschenden Situation u.a. Schon die Mühe, die uns der Versuch einer nachträglichen For­ mulierung dieser – wenn man will  : «intuitiven» – Denkvollzüge be­ reiten kann, dokumentiert ihre Vorsprachlichkeit. Aber zugleich zeigt sich darin die ihnen wesenhaft eignende Tendenz zur wenigs­ tens innersprachlichen Gestaltung, ohne die ein zusammenhängen­ des, den Einfallscharakter überdauerndes Denken sich nicht vollzie­ hen lässt. Binswanger hat den Sachverhalt im Anschluss an Hönigswald treffend fixiert, wenn er sagt, «dass alles Denken prinzipiell worthaftig» sei, Gedachtsein heisse, «sprachlich prinzipiell formulierbar sein, formuliert werden können, weshalb allein es auch unformuliertes Denken geben kann».ı5 Von da her ist auch seine These, dergemäss «ein Denken rein als Spontaneität des Geistes und gänzlich isoliert von allem, was Sprache heisst», nirgends in der Welt vorkomme,ı6 zu begreifen. Indessen interessiert uns hier nicht der unleugbare innere Zusammenhang zwischen Denken und Spre­ chen als solcher  ; sondern wir beanspruchen ihn als Verdeutlichung und Bekräftigung des produktiven Aktivitätscharakters des Den­ kens, der sich uns zwar bereits im Hervorbringen von Vorstellungen ı5 L. Binswanger  : Ausgewählte Vorträge und Aufsätze, Band ii, S. 354. Bern ı955. ı6 A. a.  O., S.  346.

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das vernehmende und das seinsstiftende denken [ca. ı956– ı959]

und Gedanken aufgedrängt hat, in den sprachlichen Schöpfungen aber noch eine gewissermassen kosmogonische Erhöhung erfährt. Die Art dieser Aktivität bestimmt sich gerade von der sprachlichen Fassung des Denkens her genauer als ein willentliches, mit einem Freiheitsbewusstsein verknüpftes, «im» Ich des Menschen «entsprin­ gendes» oder doch darin zentriertes Tun, dessen Reichweite hinsicht­ lich des Denkens allerdings Zweifel zulässt. Denn während zum mindesten das verlautbarte Reden – von pathologischen Fällen ab­ gesehen – jederzeit völlig unserem Wollen unterliegt, scheint das Denken nicht restlos in seiner Gewalt zu stehen. Zwar vermögen wir weitgehend – diese Einschränkung muss sich Descartes’ Glaube, «dass nichts vollständig in unserer Macht sei als unsere Gedanken»,ı7 wohl gefallen lassen – die Inhalte und die Richtung unserer Gedan­ ken zu wählen und zu determinieren, aber es ist uns versagt, nach Belieben überhaupt zu denken oder nicht zu denken. Diesen Tatbe­ stand formulieren wir in der These  : nur weil Denken auch ohne eigenes akzentuiertes Tun im Wachen ständig in uns geschieht, können wir, es aktiv übernehmend und aneignend, den Gang und die Gehalte der Gedanken bestimmen. Daher sprechen wir von einem «geschehenden Denken» als dem ermöglichenden Grunde des tätigen produktiven und reproduktiven Denkens. Über dessen Angewie­ sensein auf jenes sollte der wesentliche Wortbezug zumal des vor­ stellenden Denkens nicht hinwegtäuschen. Bevor wir näher darauf eintreten, bedarf noch ein anderer Punkt einer kurzen Erörterung. Unserer Innerlichkeit werden wir uns in der Selbsterfahrung oder Selbstbesinnung bewusst. An ihrem Vollzug ist zweifellos auch das auf die Stimmungen, Impulse, Strebungen, Leibempfindungen, Vorstellungen usw. gerichtete, sie erhellende Denken beteiligt, das in dieser seiner Funktion zumeist als «Bewusstsein» in einem enge­ ren Sinne bezeichnet wird. Was in uns an Erlebnissen auftaucht und abläuft, wird solcherart zum stets fliehenden, nicht eigentlich fest­ legbaren Gegenstand der darauf bezogenen reflexiven Denk- oder Bewusstseinsakte. Können auch diese selbst in der entsprechenden Weise vergegenständlicht werden und erhalten wir so Kenntnis von ı7 R. Descartes  : Discours de la Méthode /Abhandlung über die Methode, S. 65. Mainz ı948.


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