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Farbkultur im Thurgau pflegen und gestalten

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Denkmalpflege im Thurgau 15

Herausgegeben vom Amt für Denkmalpflege des Kantons Thurgau Schriftleitung: Beatrice Sendner Redaktion: Felicitas Meile

Der 15. Band rückt die Farbkultur im Thurgau in den Fokus. Ein Team vom Haus der Farbe in Zürich untersuchte die Farbigkeit von fünf typischen Siedlungen und ana­lysierte die tradierte Farbkultur. Vier grosszügige Farbkarten, davon drei als aus­ klappbare Falttafeln, und eine Farbstudie p ­ räsentieren das Ergebnis. Die vertiefenden Texte zeigen auf, wie die bestehende Farb­identität gestärkt und weitergestaltet werden kann. Im zweiten Teil des Bandes erfährt man im Kapitel «Blick in die Kunstdenkmäler­ forschung» Wissenswertes aus der bisherigen Archivrecherche. Auch berichten die Denkmalpfleger und Denkmalpflegerinnen über abgeschlossene Restaurierungen und über Denkwürdiges aus ihrem oft wechselvollen Alltag.

Regine Abegg, Kunstdenkmälerautorin im Amt für Denkmalpflege des Kantons Thurgau Ruedi Elser, Denkmalpfleger im Amt für Denkmalpflege des Kantons Thurgau Urs Fankhauser, Denkmalpfleger im Amt für Denkmalpflege des Kantons Thurgau Bettina Hedinger, Denkmalpflegerin im Amt für Denkmalpflege des Kantons Thurgau Lino Sibillano, Co-Leiter Haus der Farbe Zürich /Berlin Marcella Wenger-Di Gabriele, Leiterin Vermittlungswerkstatt Haus der Farbe Zürich / Berlin Stefanie Wettstein, Co-Leiterin Haus der Farbe Zürich /Berlin Monika Zutter, Denkmalpflegerin im Amt für Denkmalpflege des Kantons Thurgau

Bisher erschienen: Denkmalpflege im  Thurgau 1  : Kloster Fischingen. Die Restaurierung der barocken Prälatur, 2000 Denkmalpflege im  Thurgau 2  : Scheunen ungenutzt – umgenutzt, 2001 Denkmalpflege im  Thurgau 3  : Kartause Ittingen – von einst zu jetzt, 2002 Denkmalpflege im  Thurgau 4  : Ein Blick ins Paradies. Bau- und Restaurierungsgeschichte der Kloster­ kirche St. Michael in Paradies, 2003 Denkmalpflege im  Thurgau 5  : Albert Knoepfli – erster Denkmalpfleger des Kantons Thurgau, 2003 Denkmalpflege im  Thurgau 6  : Sie bauten den Thurgau: Die Architekten Brenner, 2004 Denkmalpflege im  Thurgau 7  : Bauerngärten im Thurgau, 2005 Denkmalpflege im  Thurgau 8  : Glanzstücke. Gold- und Silberschmiedekunst aus Thurgauer Werkstätten, 2006 Denkmalpflege im  Thurgau 9  : Die Alte Thurbrücke von Bischofszell und ihre Instandsetzung 1999 bis 2006, 2007 Denkmalpflege im  Thurgau 10  : Neues Licht auf Fischingen. Die Restaurierung der Kloster­kirche 2000 bis 2008, 2008 Denkmalpflege im  Thurgau 11  : wie bist du so schön. 50 Jahre Thurgauer Siedlung und Landschaft im Wandel, 2010 Denkmalpflege im  Thurgau 12  : Max Burkhardt. Vom Dekorationsmaler zum Fotograf, 2010 Denkmalpflege im  Thurgau 13  : Höher bauen im Thurgau. Ein Blick für die Zukunft, 2011 Denkmalpflege im  Thurgau 14  : Ein Fall für … Die Denkmal Stiftung Thurgau, 2012

Restaurierungen : Arbon, Villa Bär Arbon, «Zur Taube» und «Schwanen» Bischofszell, Aula Sandbänkli Bischofszell, Sittermühle Egnach, Bahnwärterhaus Fischingen, Anwil 5 Frauenfeld, Altweg 23 Frauenfeld, evangelische Kapelle St. Georg in Gerlikon Kradolf-Schönenberg, Aspenrüti Sirnach, Hof Rütibach Stettfurt, altes Pfarrhaus

ISBN 978-3-7965-3210-8

Schwabe Verlag Basel

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Denkmalpflege im Thurgau 15

Farbkultur im Thurgau pflegen und gestalten

Denkmalpflege im Thurgau 15

Architekturfarbigkeit bestimmt unseren Alltag und prägt die Identität der Siedlungen, in denen wir leben. Ein Team vom Haus der Farbe in Zürich ist der Frage nach­ gegangen, ob es eine Farbpalette gibt, die für den Thurgau bestimmend ist. Die Er­ gebnisse der Analyse sind weit über den Kanton hinaus von allgemeinem Interesse. Die Palette reicht vom differenzierten Farbklang einer historischen Kleinstadt über die von ursprünglichen Materialien geprägte Farbigkeit einer ländlichen Siedlung, von der traditionellen Farbigkeit der typischen Thurgauer Fachwerkbauten zum Farb­ dialog von Bauten an Siedlungsrändern mit der unmittelbar benachbarten Landschaft. Zusätzlich liefert die Studie für eine Agglomerationssiedlung einfach umzusetzende Hinweise, wie durch farbliche Elemente das Erscheinungsbild eines Dorfes an Identität gewinnen kann. Der fünfzehnte Band der Reihe «Denkmalpflege im Thurgau» ist mit vier gross­ zügigen Farbkarten, davon drei mit ausklappbaren Falttafeln, und einer Farbstudie ausgestattet. Vertiefende Texte erläutern, wie die Analyse der tradierten Farbkultur als Basis für zeitgenössische Architekturfarbigkeit dienen kann.

Aus dem wechselvollen denkmalpflegerischen Alltag: Arbon, Alemannenstrasse 12

Schwabe Verlag Basel

Denkmalpflege im Thurgau 15

Die Autorinnen und Autoren dieses Bandes

Farbkultur im Thurgau pflegen und gestalten

Denkmalpflege im Thurgau 15

Schwabe Verlag Basel

01.10.13 10:15


Das Signet des 1488 gegründeten Druck- und Verlagshauses Schwabe reicht zurück in die Anfänge der Buchdruckerkunst und stammt aus dem Umkreis von Hans Holbein. Es ist die Druckermarke der Petri; sie illustriert die Bibelstelle Jeremia 23,29: «Ist nicht mein Wort wie Feuer, spricht der Herr, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmettert?»


Denkmalpflege im Thurgau | 15

Farbkultur im Thurgau pflegen und gestalten Farbe und Siedlung im ländlichen Umfeld

Lino Sibillano und Stefanie Wettstein, Konzeption und Realisierung Marcella Wenger-Di Gabriele, Farbkarten Haus der Farbe – Höhere Fachschule für Farbgestaltung, Zürich Mit einem Fotoessay von Christoph Gysin

Herausgegeben vom Amt für Denkmalpflege des Kantons Thurgau

Schwabe Verlag Basel


Die Publikation dieses Buches wurde unterstützt durch: Dr. Heinrich Mezger-Stiftung … Jubiläums-Stiftung der Thurgauer Kantonalbank CRB Schweizerische Zentralstelle für Baurationalisierung, Zürich Karl Bubenhofer AG, KABE Farben, Gossau Fontana & Fontana AG, Rapperswil-Jona Martin Vock AG, Weinfelden Schweizerischer Maler- und Gipserunternehmer-Verband SMGV Politische Gemeinde Thundorf

Copyright © 2013 Schwabe AG, Verlag, Basel, Schweiz, und Amt für Denkmalpflege des Kantons Thurgau. Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Schriftleitung: Beatrice Sendner Redaktion und Lektorat: Felicitas Meile Lektorat: Marianne Wackernagel, Schwabe Titelbild: Christoph Gysin, Basel Gestaltung und Satz: Atelier Mühlberg, Basel Schriften: Berthold Akzidenz Grotesk und Sabon Papier: PhoeniXmotion Xantur mattgestrichen naturweiss 135 gr., Papierfabrik Scheufelen, D-Lenningen Lithos: Schwabe AG, Muttenz Gesamtherstellung: Schwabe AG, Muttenz/Basel, Schweiz Printed in Switzerland ISBN 978-3-7965-3210-8 rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch


5 Inhaltsverzeichnis

Worum es geht .... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . .

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Beatrice Sendner Schön färben ...... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . 11

Ludwig Hasler

Farbkultur im Thurgau pflegen und gestalten Lino Sibillano und Stefanie Wettstein, Konzeption und Realisierung Marcella Wenger-Di Gabriele, Farbkarten Fotoessay .......... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . 21

Christoph Gysin Einleitung

Ausgangslage ...... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . Zielsetzung und Zielpublikum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . Entstehung der Farbkarten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . Anwendung der Farbkarten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . Farbbegriffe und Farbqualitäten im Architekturkontext . . . . . . . . . . . . . . . . ............. Bunte und unbunte Farben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . Warme und kalte Farben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . Bildhafte Farbbezeichnungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . Kolorit und Farbspektrum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . Farbklang ..... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . .

46 46 47 48 49 50 51 51 51 53

Farbkarte Steckborn – Kleinstadt mit historischem Kern Ein reicher Farbklang mit feinen Nuancierungen

Ausgangslage ...... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . Beschreibung der Farbkarte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . Fassaden ...... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . Fensterläden .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . Sockel, Tür- und Fensterlaibungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . Türblätter und Fensterrahmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . Dachuntersichten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . .

58 59 59 60 60 60 60


6 Farbkultur im Thurgau pflegen und gestalten

Farbkarte Lustdorf – ländliche Siedlung Ein ruhiger Farb- und Materialklang mit lebendiger Patina

Ausgangslage .. ..... ................................. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Beschreibung der Farbkarte .................. ...... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ziegel ...... ..... ................................. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Backstein ....... ................................. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Putz ............. ................................. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Natur- und Kunststein ......................... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Holz ....................................... ...... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Faserzement .............................. ...... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Metall ..................................... ...... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kunststoff ................................ ...... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

66 67 67 67 67 67 67 68 68 68

Farbkarte Zihlschlacht – rotes Thurgauer Fachwerk Ein tradierter Farbklang nach ungeschriebenem Gesetz

Ausgangslage .. ..... ................................. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Beschreibung der Farbkarte .................. ...... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Rote Erde – die Farbe des Thurgauer Fachwerks . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Grün – die Farbe der Fensterläden ............ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gebrochenes Weiss und Grau – die Farben der Putze, Fensterrahmen und Sockel ..................... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Erweiterung des Farbklangs – die Farben der Anbauten, Holzverschalungen, Verkleidungen von Wetterseiten und der Ornamente ............................ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

74 75 76 76 76

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Farbkarte Ottenberg – Bauen in der Landschaft Respektvoller Dialog zwischen Architektur- und Naturfarbigkeit

Ausgangslage .. ..... ................................. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Beschreibung der Farbkarte .................. ...... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Farben der Natur im Laufe der Jahreszeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Farbqualitäten für Bauten in der Natur ...... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das unbunte Spektrum ........................ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das bunte Spektrum ........................... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Spezialfall Blau ................................. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Spezialfall Grün ................................ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

81 81 90 90 91 91 91 92

Farbstudie Münchwilen – ein Dorf mit Vorortscharakter Farbe als Instrument der Ortsgestaltung

Ausgangslage .. ..... ................................. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97 Massnahme 1  : Farbqualitäten für ein tragendes Grundkolorit definieren . . . . . . . . . . 98 Massnahme 2  : Akzentfarben raff iniert einsetzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99 Massnahme 3  : Optische Verdichtung und Strukturierung des Raums . . . . . . . . . . . . . . 100


7 Inhaltsverzeichnis

Massnahme 4  : Hierarchien bilden und Orientierungspunkte schaffen ............. 100 Massnahme 5  : Aktive Kommunikation pflegen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . 101 Handwerkliche Umsetzung von Beschichtungen und Anstrichen

Pigmente und Bindemittel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . Anstriche auf Putz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . Anstriche auf Holz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . Anstriche auf Stein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . Kosten und Renovierbarkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . .

102 104 105 107 108

Planen und Beraten

Die Behörden ...... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . Die Handwerker ... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . Die Berufsverbände . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . Die Hauseigentümer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . Die Farbgestalter und Architekten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . Die Industrie . ...... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . .

109 110 110 110 110 111

Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . 112 Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . 114 Dank .......... ...... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . 115 Beteiligte .......... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . 116 Kontaktadressen für Informationen und Beratung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . 117 Autoren ...... ...... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . 118

Aus der Denkmalkultur des Thurgaus Ergebnisse der Inventarisation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . 120

Regine Abegg

Blick in die Kunstdenkmälerforschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . 120

Im Jahr 2012 abgeschlossene Restaurierungen

Ruedi Elser Urs Fankhauser Bettina Hedinger Monika Zutter

Arbon, Villa Bär . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . 125 Arbon, «Zur Taube» und «Schwanen» . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . 126 Bischofszell, Aula Sandbänkli . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . 128


8 Farbkultur im Thurgau pflegen und gestalten

Bischofszell, Sittermühle ................. ...... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130 Egnach, Bahnwärterhaus ................ ...... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132 Fischingen, Anwil 5 ............................ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134 Frauenfeld, Altweg 23 ......................... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 136 Frauenfeld, evangelische Kapelle St.Georg in Gerlikon . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138 Kradolf-Schönenberg, Aspenrüti ........ ...... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 140 Sirnach, Hof Rütibach ......................... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 142 Stettfurt, altes Pfarrhaus ................. ...... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144

Aus dem wechselvollen denkmalpflegerischen Alltag

Bettina Hedinger

Arbon, Alemannenstrasse 12 .................. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 146

Bildnachweis ....... ................................. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148


9 Farbkultur im Thurgau pflegen und gestalten

Worum es geht Um es gleich vorweg zu sagen: In dieser Publikation des Amtes für Denkmalpflege geht es nicht um Fragen der Farbgebung, wie sie im Zug der Restaurierung historischer Bauten anstehen. Dort werden Befunde erhoben, Stratigrafien angelegt, Pigmente und Bindemittel analysiert, historische Situationen untersucht und interpretiert, alte Fas­ sungen freigelegt oder neue Anstriche nach Befund gestaltet. Im heutigen Baugeschehen ist dieser Vorgang jedoch die Ausnahme. Ohnehin ist nur mehr ein kleiner Teil der Thurgauer Siedlungen von älteren Bauten geprägt, deren Anteil in den letzten zwanzig Jahren von nahezu 30 Prozent auf rund 25 Prozent gesunken ist. Eine beachtliche Zahl hat ihre Farbgebung nach denkmalpflegerischen Methoden bereits erhalten. Auch wenn historische Farbgebung kein spezifisches Thurgauer Thema ist, so gehört es im Amt für Denkmalpflege zur besonderen Tradition, sich mit Farbe eingehend zu beschäftigen. Der erste Thurgauer Denkmalpfleger, Albert Knoepfli, erregte vor ­einem guten halben Jahrhundert Aufsehen mit seinem Aufsatz «Bekenntnis zur Farbe» (NZZ 26. 6.1958), in dem er von der wissenschaftlichen Pigmentanalyse und deren Umsetzung im Rahmen der Restaurierung der Fischinger Klosterkirche berichtete. Wie sehr ihn dieses Thema begleitete, davon zeugt die 1980 erschienene Festschrift «Von Farbe und Farben», mit der über fünfzig befreundete Wissenschaftler dem Gründer des Instituts für Denkmalpflege an der ETH Zürich zum 70. Geburtstag gratulierten. Doch Albert Knoepfli war nicht nur der Mann der Hochkultur. Die von ihm geprägte Redewendung von «der gebündelten Kraft des Unscheinbaren» ist dem Thurgau auf den Leib geschrieben. Farbgebungen in historischer Zeit sind bestimmt durch die heilsame Beschränkung in Mitteln und Möglichkeiten, die eine selbstverständliche Verwandtschaft aller Bauten und Bauteile zur Folge hat. Mittels industriell hergestellten Pigmenten und Bindemitteln hat die Farbchemie des 20.Jahrhunderts solche Einschränkungen überwunden. Seitdem wandeln sich die Siedlungen auch farblich immer rascher. Die technischen Möglich­ keiten erlauben es, unsere Individualität zu betonen. Ob dieser Luxus der Nachkriegsund Wirtschaftswunderzeit den erhofften Gewinn bringt oder vielleicht nur mehr der verzweifelte Versuch ist, uns in der gefühlten Enge unseres Landes voneinander abzugrenzen, bleibe dahin gestellt. Sicher ist : wo alle sich unterscheiden, unterscheidet sich niemand mehr. Der bewusst gesetzte Akzent geht im Chaos der Banalitäten unter. Nun ist es gesellschaftlich keineswegs gleichgültig, wie unsere Siedlungen aussehen. Denn was und wie wir bauen «geht nicht vorbei», es hat vielmehr dauernden Einfluss auf unsere Befindlichkeit, schlimmer noch : auf die der Andern. Ohne Gegensteuer wird sich der Stress also noch erhöhen. Unsere Siedlungen verdichten, heisst nicht einfach einige Hochhäuser an prominenter Lage bauen. Der Genfer Kantonsarchitekt Francesco della Casa bringt es auf den Punkt : «Wir müssen lernen, wieder miteinander zu leben.» (Monique Keller, Interview


10 Farbkultur im Thurgau pflegen und gestalten

mit Francesco della Casa, in: Heimatschutz / Patrimoine 1/ 2012, S. 14 –17) Es geht darum, miteinander zu reden, Gegensätze und Ähnlichkeiten zu vereinbaren und Synergien zu finden. Dies gilt vielleicht mehr als in anderen Bereichen bei der Farbgebung. Jede Zeit ist aufgerufen, ihre Welt zu gestalten, nach Qualitäten zu fragen, diese anzustreben, den Spielraum – vielleicht gerade in der Beschränkung – auszuschöpfen, nicht zu resignieren. Darum geht es. Beatrice Sendner Chefin des Amtes für Denkmalpflege des Kantons Thurgau


11 Farbkultur im Thurgau pflegen und gestalten

Ludwig Hasler

Schön färben Wie die Farbe in die Welt kam. Und warum sie darin bleiben sollte

«Auf die Dauer der Zeit nimmt die Seele die Farbe der Gedanken an.» Das stammt von Mark Aurel. Dass auch Gedanken – nicht nur Fassaden – ihre Farben haben, dass sie gar auf Seelen abfärben : Das könnte die Lizenz zu diesem Vorwort sein. Denn was die «Farbkultur im Thurgau» angeht: Die liegt in diesem Buch in besten Händen, nie wurde sie kundiger erblickt, nie intimer erkannt. Sodass mir nur bleibt, über Thurgauer Kolorite hinaus ein paar Gedanken zu spinnen – zu Farbwelten, die weit hergeholt scheinen. Doch manchmal lohnt sich ein weiter Anlauf auch für die Landung. Mein Anlauf beginnt in Haiti. Im März 2013 schickte Haitis Regierung eine Staffel Arbeiter samt tonnenweise Farbe in den Jalousie Slum, das Armutsquartier für 45 000 Bewohner am Berghang über Port-au-Prince. Das Durcheinander armseliger Ziegel­ hütten verwandelte sich in einen Regenbogen aus Lila, Pfirsich, Limette und Creme, den «Städten im Himmel» gleich, die der einheimische Künstler Préfète Duffaut so zauberhaft gemalt hatte. Motto des Mal-Kommandos : «Schönheit kontra Armut». Budget: 1400 000 Dollar. Absicht: Das lethargische Gemüt der Bewohner sollte die heitere Buntheit des Farbenspiels annehmen. Schönfärberei !, lästern Kritiker: Die Fassaden werden bunt, das Leben bleibt farblos. Bewohner sehen das nuancierter: «Der Jalousie Slum ist nicht mehr derselbe», sagt Resilia Pierre, eine 53-Jährige, «jetzt ist er wie ein Bild, und wir bewegen uns anders, wir streiten nicht mehr, wenn wir bei der Wasserpumpe anstehen müssen.» Wirkt, was in Farbe getaucht wird, gleich «wie ein Bild»? Bewegen sich die Menschen darin unwillkürlich heiterer, friedlicher, freundlicher? Sieht so aus. Sogar im haitianischen Slum, in einem Fall eher kunstloser Farbgebung. Da gibt zwar der Anstrich – dank Duffauts Farbkarte – dem Hüttenchaos ein malerisches Aussehen, wenn auch eher aus Distanz; in der Nähe bleibt das Farbbild eintönig, kein Vergleich mit traditionell thurgauischen Farbklängen. Gleichwohl scheint Farbe bereits auf dieser elementaren Stufe eine seltsame Macht zu haben, Menschen in Stimmungen zu bringen, in bestimmten Einstellungen zu halten. Seltsam, weil ausgerechnet der Farbauftrag, dieses Äusserste der Erscheinung, im Innersten des menschlichen Instrumentes über eine Saite streichen kann – und schon wandelt sich die Tonart des Lebens, individuell wie kollektiv. Hat am Ende Oscar Wilde recht ? Auf die Frage : «Warum ist Amerika ein derart gewalttätiges Land ?» antwortete er : «Weil Amerikaner so hässliche Tapeten haben.» Ergo : Die Art, wie wir sind – charmant, dumpf, aggressiv – , folgt keinem inneren Programm ; wir entwickeln uns durch Anpassung an Aussenreize : an Farben, an Töne, an den ganzen Zeichensalat um uns herum. Falls «Tapete» als Vokabel für Aussenreize taugt, richten wir uns tatsächlich nach den Tapeten, nach den Kulissen unserer Lebensbühne. Wirken Tapeten animierend, laufen wir in Form auf ; wirken sie stumpf oder hässlich, schrumpfen wir – oder rasten aus. Schliesslich sind wir keine reinen Geister,


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sondern Sinnenwesen. Also kommt es darauf an, wie unsere Sinne gereizt und gefüttert werden. Höchste Zeit also, nicht nur über Wirtschafts- und Steuerstandorte nachzudenken, sondern über Farbkulturen. Prosperität ist eine Frage der Mentalität, Mentalitäten aber folgen den Aussenreizen – also muss, wer durchstarten will, zum Pinsel greifen und Tapeten färben. Bloss wie? Schön färben wie auf Haiti – bunte Farben gegen Tristesse ? Wie im Thurgau : Anmutige Fachwerkhäuser gegen die Härte, die Monotonie des Landlebens ? Überhaupt : Mit Farbzauber gegen Spätfolgen des paradiesischen Sündenfalls ? Christlich versteht sich unser irdischer Aufenthalt ja als Strafarbeit («im Schweisse deines Angesichts») und moralische Kläranlage (das Jüngste Gericht vor Augen). Wie passen dazu die fein kolorierten Ortsbilder im Thurgau ? Die wirken eher wie Stätten der Erholung vom Rechtfertigungsstress : Steckborn mit seinem malerischen historischen Kern – sieht so ein Arbeitslager aus ? Oder Zihlschlacht, diese Siedlung mit den klassischen Fachwerkbauten – sieht so eine Strafkolonie zur Läuterung notorischer Sünder aus? Beide wirken eher wie Kurorte für Paradiesgeschädigte auf Welturlaub, so schmuck, so farbig, so warm, so immerzu sonntäglich. Den Schweiss kennen die Leute auch hier, nichts läuft von allein, sie werden krank, sie sterben wie überall. Nur dass das Endliche anders eingefärbt ist, als liesse sich der Friede mit ihm machen, auch im bäuerlichen Lustdorf wirkt der Stachel der Vergänglichkeit wie im Futteral. Oben der Himmel blau, rundum die Welt grün, dazwischen gebettet die Häuser, anmutig und selbstbewusst. Wer hier ankommt, will nicht hoch hinaus. Hier lässt sich wohnen. Wohnen – vom gotischen «wunian» – heisst bleiben, zufrieden sein, im Frieden bleiben. Hier könnte, denkt man, das moderne Nomadentum zur Ruhe kommen. In der Macht der Kulisse steckt natürlich mehr als die Macht der Farbe. Doch man stelle sich Zihlschlacht bloss mal farblich monoton vor – Fachwerk grau statt rot, Fen­ sterläden grau statt grün, Ziegelsteine grau statt ocker. «Real» bliebe alles gleich, die Räume, die Funktionen, die Arbeit, die Mahlzeiten, das Leben überhaupt – und doch wäre alles komplett anders, ein grauer Unort, so, als blicke die Sonne lustlos an diesem Kaff vorbei, worin die Menschen einzig dem sogenannt Notwendigen nachgingen, nicht abgelenkt, nicht erheitert durch den Farbdreiklang, der die Werktätigen am Abend em­pfängt, der die Verliebten im Garten anzieht, die Frustrierten tröstet. Den Unterschied macht allein das Wie, am Was ändert er im Detail nichts – und doch alles : Das Leben, eine bunte Polyphonie – oder farblose Monotonie? Die Antwort gibt der Anblick : rotes Holzwerk – weisser Verputz – grüne Läden. Der Anblick ist Ausdruck – die Fassade als gebaute Lebensidee – und Eindruck – der Abdruck in der Mentalität der Bewohner. Wenn so das Wie alles Was durchdringt : Dirigiert dann, wer über Kulissen entscheidet (Bauherren, Architekten, Ortsbildpfleger, Denkmalpfleger), auch die Emotionen der Bewohner? Lassen sich mit gezieltem Farbeinsatz wünschbare Einstellungen erzeugen, kollektive Verhalten lenken? Das ist nicht schon die beliebte Frage : Welche Farben machen gute Laune – und eher miese ? Antworten darauf gibt es en gros. Etwa das Konzept «Emotion Colors


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Mobile», mit dem der Versicherungskonzern Axa Winterthur arbeitet : Mitarbeiter können je nach Stimmung einen Farbraum ihrer Wahl aufsuchen – einen in Blau, wenn sie sich konzentrieren möchten, einen in Gelb, wenn sie Brainstorming wollen. Blau empfinden wir als kühl, Gelb als anregend, Rot als warm. Darin sind sich Farbprofis einig. Sie können die Differenz gar messen : Im blau gestrichenen Raum frösteln wir schon bei 15 Grad Raumtemperatur, im orangeroten Zimmer sitzen wir noch bei 10 Grad behaglich. Das macht die Semantik der Farben. Wir verhalten uns ja nie direkt zu Realitäten, sondern über Bedeutungen, die wir ihnen zuteilen, mal spontaner, mal bewusster. Rot wirkt dann als Farbe des Blutes, des Feuers, Blau als Farbe des Meeres. Lässt sich das architektonisch nutzen ? Bedingt. Schmeckt Rot auf Haiti nach Blut, riecht es im Thurgau nach Erdbeerkonfitüre. Alles relativ. Grau, bei uns zwischen «unbestimmt» bis «deprimierend», gilt Indianern als Glücksfarbe – grau wie der verhangene Himmel, den ersehnten Regen verheissend, na ja, ich weiss nichts Genaues, prima erfunden ist es auf jeden Fall. Nach dieser Logik könnte Blau, die traditionell distanzierte Kühle, schnell zur heissen Sehnsuchtsfarbe werden, falls der Sommer – wie 2013 – erst im Juli anhebt : Blau gleich wolkenloser Himmel gleich Sommer gleich Urlaub gleich Glück. Fahrt ins Blaue. Alter Romantikertraum: Blaue Blume. Kühl? Besonders eindeutig scheinen Farben Emotionen weder zu wecken noch zu stützen. Und wo sie dies doch tun, lässt ihre Wirkung schnell nach. Setzt man Menschen in kolorierte Umgebungen, nehmen sie diese Farbe nach kurzer Zeit kaum noch wahr. Wie die Häftlinge, die heutzutage in die Pink-Zelle gesteckt werden, weil nach aktueller GefängnisPsychologen-Doktrin das sogenannte Baker-Miller-Pink, ein zartes Bonbonrosa, aggressive Delinquenten beruhigt, jedoch nur eine Zeitlang. Schliesslich arbeiten auch nicht alle glücklichen Menschen bei der städtischen Müllabfuhr – obwohl sie Tag für Tag in orangefarbener Kleidung stecken und manche Farbexperten Orange mit Glück verbinden. Schluss mit der Farbe und ihrer Bedeutung. Wer hält sich musikalisch bei einzelnen Tönen auf ? Die Musik spielt zwischen den Tönen. So kommt auch Farbkultur ins Spiel – als Konzert von Farben. Im Konzert aber lebt stets eine Idee, eine Vista vom Leben, von Leidenschaft und Unglück. Wie der Walzer sein Menschenbild vertont, so baut die Fachwerkfassade ihre Idee von Feierabend, Wohnen, Gemeinschaft. Wie in jeder Musik (Bach, Mozart, Beatles) eine Philosophie vom Menschen erklingt, so zeichnet jede F ­ arbkultur ihre Lebensphilosophie auf die Fassade. Zur Illustration zurück zum haitianischen Slum. Was unterscheidet die kolorierte Armut von der farblosen? Der Schein von Freiheit: die Idee, dem Leben eine frei gewählte Färbung zu geben. Wie wirkte der Slum vor der Bemalung ? Brutal unausweichlich wie Natur : als ein willkürliches Gewucher fast erdartiger Ausstülpungen. Wer darin lebte, hatte nichts zu sagen, es war einfach so, es war hässlich, es war Schicksal, es machte stumpf oder aggressiv – weil das Schicksal ja nicht mit sich reden lässt. Das Werk der Maler ändert an der realen Armut nichts, die sieht koloriert bloss weniger arm aus. Das Bewusstsein aber ändert sich, es hält sich an das, was es sieht. Resilia Pierre kommt


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sich in derselben Hütte vor «wie in einem Bild», sie ist nicht länger ein Elementar­ teilchen im Zufalls-Aggregat «Jalousie Slum», sie ist jetzt Teil einer Geschichte, die Geschichte hat mit Préfète Duffaut einen Autor und mit «Stadt im Himmel» einen Titel – und dies alles dank des Regenbogens aus Lila, Pfirsich, Limette, Creme. Kurioserweise fällt mir dazu der alte Sisyphus ein. Er ist verdammt, den Steinbrocken den Berg hinan zu wuchten, obwohl der garantiert hinunterfällt. Typische Menschenexistenz. Albert Camus ist jedoch der Meinung : «Wir müssen uns Sisyphus als einen glücklichen Menschen vorstellen.» Wie denn das ? Er macht den Stein zu seinem Stein, zur eigenen Sache, er beklagt nicht das Schicksal, er betreibt das Vergeblichkeitsgeschäft im eigenen Auftrag … Jetzt zur Farbe. Entspricht der Wille zum Farbauftrag der sisyphusmässigen Selbstermündigung : Das ist mein Stein, mein Schicksal gehört mir ? Beginnt mit Farbe die Überwindung des Schicksals, das eh nicht gross mit sich reden lässt? Der Stein mag von den Göttern kommen, die Farbtöne aber setzen wir, farblich geben wir den Ton an. Nimmt die Menschenwelt Farbe an, ist sie geschaffen, nicht ­gewachsen – also Kunst, ein Erzeugnis der Freiheit. Im Willen zum Farbklang hört das Schicksal auf, blind zu sein. Indem es die Farben unserer Gedanken annimmt, lässt es mit sich reden, vielleicht gefällt es sich gar im Farbdialog, vielleicht wartete es darauf, als «Stadt im Himmel» zu erscheinen oder als Thurgauer Fachwerksiedlung. Farbe als Mittel der Freiheit. Oder ist das veraltet ? Scheut zeitgemässe Freiheit Farbigkeit ? Verpflichtet sie – mit Blick auf Flexibilität – zu Farbabstinenz ? Freiheit wäre dann nicht mehr die Wahl des Farbtons (was das Leben mir auch zumutet, seine Farbe bestimme ich), eher der Wille, in allen Lagen elastisch zu bleiben, sich auf nichts fest­zulegen. Der flexible Mensch, ein postmoderner Nomade, meidet ewig sonntägliche Ortsbilder à la Zihlschlacht. Er bezieht sein Quartier dort, wo es nach provisorischem Zeltlager aussieht, funktional muss es perfekt sein, beeindruckend anzuschauen, rücksichtslos gegen Nachbarschaften, renommierfähig, basta. Bloss keine stilistischen Vorgaben, bitte keine Einmischung der Kulisse in die Domäne der Ich-Freiheit. Wer mag schon am Morgen und am Abend und durch die ganze Woche denselben Farbton ? Wer mag sich in historische Ortsbilder einfügen? Da müsste er ja Haltung annehmen – und wo bleibt dann die Elastizität ? Ergo: Der Wohnort des neuen flexiblen Menschen verhält sich besser neutral, rein funktional, am besten beliebig, also gar kein Ort, da drin wohnt eh keiner, der Besitzer ist sowieso online, also überall, dazu passt ideal eine farblos nichtssagende Hülle, grauweisser Kubus, grosse Löcher. Farbe kann stören. Man kann sie nicht, wie Musik, abstellen. Sie hat ihre aufdringliche Präsenz – als Aufforderung, als Behauptung. Ein Seitenblick auf die Fotografie: Seit den Achtzigerjahren wurden Fotografien auf dem Kunstmarkt stets grösser, farbiger, bunter, leuchtender, oft richtig «fett» : «massive, laute, manchmal schreiende Behauptungen. Behauptungen, dass wir die Welt verstehen, mehr noch, dass wir sie weiterhin im Griff haben. Fotografie suggeriert in ihren bunten Farben, dass sie weiss, wie die Welt läuft, dass sie die Probleme benennt und deshalb auch schon halb gelöst hat. Doch glauben wir das noch? Glauben wir den Bildern, diesen bunten Glaubensbekenntnissen,


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weiterhin?» So fragt Urs Stahel, ehemaliger Chef im Fotomuseum Winterthur. Ich frage: Sind auch Ortsbilder à la Steckborn bunte Behauptungen? Farbige Glaubensbekenntnisse? Schau, wie schön ich bin, sagen sie, wie gediegen, wie zuverlässig seit Jahrhunderten. Schau mich an, ich weiss, was ein lebensdienliches Haus ist, ich weiss, wie Menschen am besten wohnen, schliesslich bin ich um vieles älter als du, in mir steckt die Erfahrung ungezählter Generationen, ich weiss alles über handwerkliche Künste, über das menschenmöglich Rechtschaffene und Behagliche, über das ländliche Arrangement mit der Natur, über ein Dorfleben, das die Balance wahrt zwischen Nähe und Distanz. Kann das, bei aller unbestrittenen Schönheit, zu viel Kulisse sein ? Zumal farbige Bekenntnisse nicht nur ein diffuses Lebensgefühl vorgeben. Sie entfalten auch eine beträchtliche moralische Kraft. Wer täglich Fachwerkfassaden vor Augen hat, verwirft den Tugendkatalog traditionellen Handwerks nicht leichtfertig, er übernimmt stillschweigend Verhalten, die den Fassaden eingeschrieben sind: Augenmass, Sorgfalt, Liebe zum Detail. Wer beliebig mobil und flexibel bleiben will, bevorzugt gesichtslose Immobilien in der freien Landschaft. Dieses Buch zeigt an der Farbkarte Ottenberg, wie Architektur und Landschaft farblich in einen Dialog treten können und sollen. Naturfarbigkeit als Verführung zum Übersehen der Fremdheit zwischen Bauten und Landschaft. Anders als die MainstreamArchitektur, die jenseits der Buchshecke den Erbfeind zu wittern scheint, plädiert dieser Dialog für das Interesse am Umfeld, an Nachbarschaft, an Himmel und Erde, und zeigt, wie bereichernd dieses Interesse für eine Baukultur werden kann, die nicht am Com­puter hingerotzt wird, sich vielmehr respektvoll einfügt in die einmalige Landschaft mit ihren jahreszeitlichen Farbspielen. Woher kommt der ganze Farbzauber ? Aus der Natur. Also muss, wer sich auf Farbkulturen einlässt, mal durchatmen – und fragen : Moment, wie kam Farbe überhaupt in die Welt ? Wozu kam sie evolutionär ins Spiel ? Dann schlagen wir nach bei Charles Darwin. Die Welt als Evolution, als Triebkraft die «natürliche Auslese», Konkurrenz um Überlebensfitness, and the Winner : der optimale Anpasser an laufend veränderte Umstände. Evolution als Anpasser-Wettbewerb. Fehlt da nicht etwas ? Die Farbe. Anpasser bleiben grau. Farbe kommt mit der zweiten Triebkraft : «sexuelle Auslese» nennt sie Darwin. Tierischer Sex ist bekanntlich Damenwahl. Wer profitiert davon? Mehr der Ästhet als der Muskelprotz. Das weibliche Auge wählt aus «Sehnsucht nach Variation»: Sexuelle Selektion wird gesteuert durch das weibliche Verlangen nach Ästhetik, nach Verwandlung naturhafter Plumpheit durch Schönheit, nach Überwindung der Eintönigkeit durch Farbe. Evolution, eine einzige erotische Kunstgeschichte. Das Weibchen sucht Variation (Farbe, Fantasie, Überschwang), das Männchen macht, was es kann, im Kopf hat es nichts als Sex, bekommt ihn aber nur, wenn es sich und das Nest so luxuriös schön herrichtet, dass ein Weibchen davon begeistert ist. Also muss das Männchen sich und die Welt zum Kunstwerk wandeln – auf gut deutsch : mutieren. Sex als Lohn für Farbe, Pracht, Kultur – nach diesem Plan läuft Evolution. Am bekannten Exempel : Der blaue Pfau mit seiner Wahnsinnsschleppe, bunt, verschwende-


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risch und lebensgefährlich – doch die Weibchen sind hin und weg, sie wählen nicht den stärksten Bullen, sondern den attraktivsten : einen, der Zeit und Energie hat, sich – über das Tagesnotwendige hinaus – farblich zu steigern, ästhetisch zu verwandeln. So kommt Farbe in die Welt : als Medium der Verwandlung. Und so ist sie gemeint : als Paradefall produktiver Verschwendung. Evolution kommt nur voran, wenn das Reich der Möglichkeiten durchprobiert, wenn der Stachel der Abweichung ausgereizt wird. Was nur passiert, wenn der Lohn für diese Anstrengung reizt : das Interesse des weiblichen Auges, Sex. Honoriert Evolution also den Paradiesvogel ? Farbe statt Sicherheit, Buntheit vor Seriosität? Eben nicht – und das ist für unser Nachdenken über Farbe im Dorf, im Quartier, in der Stadt aufschlussreich: Schönheit wird evolutionär mit Sicherheit gepaart. Nach der Logik : Wer Zeit für Farbe und Variation hat, hat auch die Kraft, kräftige Nachkommen zu zeugen und für den Nachwuchs zu sorgen. Tatsächlich ist es so : Preisen Männchen mit Schmuck und Farbe ihre genetische Qualität an, geben sie meistens ehrliche Signale. Zum Beispiel die Amsel: Je mehr Carotin sie im Schnabel einlagert, je roter er ist, umso stärker ist das Immunsystem, das sie den Nachkommen vererbt. Auch die satte Farbe des Hahnenkamms signalisiert den Hennen Gesundheit und gute Gene. Da Vögel das Carotin mit der Nahrung aufnehmen müssen, beweisen Männchen mit viel Rot ihre Fähigkeit, gutes Futter finden zu können. Diesen Befund erfüllt die Natur in ungezählten Varianten: Luxuriöse Farben leistet sich, wer vor Kraft und Gesundheit strotzt. Farbe ist in der Evolution nicht (wie auf Haiti) dazu da, Mängel zu schönen. Sie streicht Stärken heraus. Zu weit hergeholt für Häuser am Ottenberg ? Für Thurgauer Farbkulturen überhaupt ? Zugegeben, für Rezepte zeitgemässer Baufarbigkeit gibt Darwins Farbenlehre wenig her; das schaffen die Leute im Haus der Farbe ohnehin prächtig alleine (ihrem «dialogischen» Ansatz – Dialog mit Tradition, Dialog mit Landschaft – würde Darwin zustimmen, mit einem Schuss mehr Trial-and-Error). Für unsere prinzipielle Einstellung zu Farbe stellt der evolutionäre Crashkurs die entscheidende Frage : Bin ich der Typ ‹grauer Anpasser › – oder der Typ ‹bunter Verführer›? Der Anpasser-Typ ist der Pragmatiker, der aus den Umständen den grössten Profit schlägt, er nimmt die Dinge realistisch, ohne sie je schönzufärben, seine Welt ist praktisch, aber nicht sonderlich interessant, weshalb sich interessante Frauen kaum für ihn interessieren, auch wenn er finanziell mit den Muskeln spielen kann. Der Typ ‹bunter Verführer› ist genetisch so gut drauf, dass er – über das praktische Überleben hinaus – Zeit findet, in allen Dingen den Klang, den Farbton zu suchen ; er ist der Ästhet, der aus allem einen Zauber schlägt, bei ihm wird die Welt farbig, bunt, variantenreich, also schön («schön» kommt von skauni, «schauenswert»), es gibt bei ihm viel zu schauen, das ist interessant für interessante Frauen (von «Sehnsucht nach Variation» geleitet), es finden tolle Gene zueinander … So wird aus «Farbe oder nicht Farbe?» das existenzielle Entweder-oder von «pragmatischem» und «ästhetischem» Charakter. Der ästhetische Typ nimmt die Welt nicht,


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wie sie ist, er färbt sie, färbt sie schön, verwandelt sie in Kunst, in Freiheit. Er folgt dabei dem romantischen Lebensverständnis, wie Novalis es formulierte: «Die Welt muss romantisiert werden. So findet man den ursprünglichen Sinn wieder. Romantisieren ist nichts als eine qualitative Potenzierung. … Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Un­ bekannten, dem endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es.»


Farbkultur im Thurgau pflegen und gestalten

Lino Sibillano Stefanie Wettstein


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