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Scholion Bulletin 8/2014

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8 /2014

S cholion

Stiftung Bibliothek Werner Oechslin

Scholion

Schwabe Verlag Basel www.schwabeverlag.ch

Stiftung Bibliothek Werner Oechslin

Bulletin 8 /2014


Scholion Bulletin 8 / 2014

© St if tung Bi bli othek Werner Oechslin Schwabe Verlag Basel


I. Von der Materie zum Medium Eine Bemerkung zur Physik des 20. Jahrhunderts Claus-Artur Scheier

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Kontext(e), “contexture” und der “nun doch einmal unausweichliche Empirismus” Werner Oechslin

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Tafelteil

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II. ʻDunkle Basiliken’ Überlegungen zu hochmittelalterlichen Umbauten frühchristlicher Kirchen in Rom Daniela Mondini Lezioni vitruviane. Guillaume Budé e Giano Lascaris Francesca Mattei e Francesca Salatin Einkäufe bei Jean Mariette Französische Druckwerke für das Bauwesen in Ludwigsburg Martin Pozsgai

65 80

103

Caylus versus Pline: le théâtre de Scribonius Curion Olga Medvedkova

120

“Lob auf Sisyphos” Ronny Hardliz

144

Collecting for Classics: Rare Architectural Books at the Avery Architectural and Fine Arts Library Carolyn Yerkes

155

III. Personen / Nachrufe

165

Veranstaltungen 184 Bucherwerbungen, Schenkungen und Buchgeschichten

205

Mitteilungen der Stiftung Bibliothek Werner Oechslin

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Impressum 215


… wo der Mensch sich wehrt und für Selbstbestimmung und für seine Rechte eintritt, da finden sich auch schnell die Bücher …, Bibliothek, Gezi-Park, Istanbul, 4. Juni 2013, in: http://www.sendika.org/wp-content/uploads/2013/06/KUTUPHssANE.jpg (per 30.7.2014)


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Von der Materie zum Medium

Eine Bemerkung zur Physik des 20. Jahrhunderts*

Claus-Artur Scheier

Wenn Erwin Schrödinger (1887–1961) die “Gründe für das Aufgeben des Dualismus von Denken und Sein oder von Geist und Materie” sichtet,1 dann versteht er unter Gei st, was im Englischen mind heisst, im Lateinischen mens. Die alte deutsche Übersetzung dafür ist Gemüt, in der Phänomenologie des 20. Jahrhunderts i ntent ionales Bewusstsein. Strukturell ist das intentionale Bewusstsein, wo erforderlich, von der Psyche zu unterscheiden, der systemtheoretische Terminus psychisches System nimmt beides zusammen. Mate rie heisst im englischen matter, die lateinische materies oder materia, Übersetzung der griechischen ὕλη. ῞Υλη nennt ursprünglich den Wald und näher den Baumstamm, der in seiner natürlichen Fruchtbarkeit Sprossen treibt, sich aber (wie Stein, Knochen, Felle usw.) als Gegenstand zur Bearbeitung mit Hilfe mannigfacher Werkzeuge anbietet, die ihrerseits hergestellt sind aus derlei “Stoffen”. So hat der Begriff der Materie seinen Ort zunächst im Handwerk, aus dem ihn erst die aristotelische Physik um die Mitte des vierten vorchristlichen Jahrhunderts überträgt auf die Produktivität der Natur im Ganzen (φύ σι ς). Ein Baumstamm ist ein Baumstamm – nur wenn einem einfällt, ‘etwas daraus zu machen’, wird er zu Materie. Darum konnte nie die Rede davon sein, dass es Materie “gibt”,2 sie war immer ein Verhältnisbegriff, nämlich Mat erie-f ür …, Holz für ein Brett, Ton für einen Ziegel, Bronze für ein Schwert usw.; das Wofür ist die bestimmte, vorweg geplante G estal t (µο ρφή ) oder Form (εἶδος, forma). Der handwerkliche Produktionsprozess erscheint so als die Ersetzung der unzweckmässigen Form eines Werkstücks (etwa “Holzblock”) durch eine zweckmässige Form (etwa “Kochlöffel”). Damit Etwas überhaupt in zweckmässige Form gebracht werden kann, muss es allerdings schon da sein (das Holz sowohl des Blocks wie des Löffels), und wenn man in Gedanken von ihm nicht nur die zweckmässige Form, sondern auch noch die unzweckmässige Form abzieht (“abstrahiert”), dann ergibt sich das andere tragende Begriffspaar der aristotelischen Physik: Die Materie ist die Möglichkeit (δύναµις) einer


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Wirklichk eit (ἐνέργει α = Im-Werk-Sein), d. h. einer Form, die, wenn sie als zweckmässige Form die unzweckmässige Form vollständig ersetzt hat, sehen lässt, dass “das Produkt fertig” ist (ἐντελέχεια = Fertigsein, Sein-­ Ziel-erreicht-Haben: τέλ ος = Ziel, Zweck). Das Produkt (Naturprodukt wie technisches Produkt) ist geformte Ma­ terie als verwirklichte Möglichkeit (Michelangelo sah einem verhauenen Marmorblock die Möglichkeit an, ein David zu sein). Die Materie ist die Möglichkeit in der Wi rkli chkeit (das Holz des vorhandenen Kochlöf­ fels die Möglichkeit, daraus ein paar kleinere Kochlöffel oder Zahnstocher usw. zu machen). Sie ist damit nicht nur die Möglichkeit ihrer eignen ­Wirklichkeit (wie das Holz des fertigen Kochlöffels), sondern zugleich die Möglichkeit ei ner anderen Wirklichkeit (wie das Holz der aus dem Kochlöffel herstellbaren – aber noch nicht hergestellten – Zahnstocher). Ins Spiel kommt damit ferner der Begriff des Anderen, ein weiterer Verhältnisbegriff, denn das Andere ist immer das Andere von Einem. Und daran hält sich der hartnäckige Alltagsglaube, “Geist” und “Materie” (der NichtGeist) seien andere zueinander, und quält sich gelegentlich mit der Frage: Was wirkt hier auf was? Das ist weder eine philosophische noch eine naturwissenschaftliche Frage, wie man von Schrödinger lernen kann, der keineswegs bereit ist, “die Wechselwirkung der Begebenheiten in zwei ganz verschiedenen Bereichen – wenn es wirklich verschiedene Bereiche sind – gelten zu lassen, weil das ein e (die ursächliche Bestimmung der Materie durch den Geist, engl. mind) notwendig die Eigengesetzlichkeit des materiellen Geschehens stören müßte, während das andere (die ursächliche Beeinflussung des Geistes durch Körper oder ihnen Gleichzustellendes, wie etwa Licht) sich unserem Verständnis vollkommen verschließt; kurz gesagt, weil wir ganz und gar nicht einsehen, wie materielles Geschehen sich in Empfindung oder Gedanken umsetzen soll […]”.3 Demzufolge sieht Schrödinger sich dazu gedrängt, “nur einen Bereich” anzunehmen, und “dann muß es, da das Psychische doch jedenfalls da ist (cogitat – est), der psychische sein”. Die auf Descartes (im 17. Jahrhundert) und Edmund Husserl (1859–1938) anspielende Formulierung cogitat – est liesse argwöhnen, Schrödinger wolle einfach den Dualismus Geist / Materie ersetzen durch den Dualismus Denken / Sein, aber selbstverständlich muss das Denken auch sei n, wenn es von etwas anderem unterschieden werden


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soll.4 Auch meint er mit dem Psychischen nicht dergleichen wie “Seelen­ leben” (etwa im Sinn Freuds), so dass der Dualismus wohl auch Seele / Sein heissen könnte, sondern (wie Descartes und Husserl) ganz präzis Vorstellung: “Diese Vorst el lung ist ja selbst ein mentales Gebilde und soll gar nicht in Abrede gestellt werden. Bloß wenden wir uns […] gegen die Behauptung, es müsse außer ihr oder neben ihr noch ein Objekt existieren, wovon sie die Vorstellung ist und / oder von welchem sie verursacht wird. Denn das scheint mir eine ganz überflüssige Verdoppelung, welche gegen Occams Rasierklinge verstößt; ferner wissen wir nicht, was hier ‘existieren’ bedeuten soll, ein Begriff, der für die Vorstellung selber ja nicht benötigt wird, weil sie sich, wenn auch in sehr verwickelter Art, auf schlechthin Gegebenes [nämlich auf das fürsichseiende Bewußtsein von …] aufbaut […].”5 So gelangt Schrödinger dahin anzunehmen, dass der eigentliche, der nicht mehr aufzuh ebende D uali smus mental immanent ist oder rein im Vorstellen selbst liegt und nirgendwo anders: Vorstellen  / Vorgestelltes.­ Das stimmt überein mit dem Grundgedanken der Phänomenologie Husserls. Husserl nennt das Bewusstsein int entional, weil es nur gedacht werden (sich selbst nur denken) kann als B ew usstsein-von … Und indem das, w ovon es Bewusstsein ist, wiederum nur gedacht werden kann als bewusstseinsimm anen t, heisst dies Wovon oder der Gegen-Stand Phänomen. Anders als das im alten Europa gedachte Phänomen ist das moderne Phänomen nicht Erscheinung-von, sondern nurmehr Erscheinung-für: für das Bewusstsein im Bewusstsein. Schrödinger kommt damit zu einem, wie er gesteht, “ziemlich paradoxen Ergebnis”. Denn darin liegt zum einen, dass wir gar keine Kausalität zwischen bewusstseinsunabhängigen Dingen untereinander oder gar zwischen “Materie” und “Geist” annehmen dürfen, wollen wir nicht der Gefahr zum Opfer fallen zu vergessen, “daß der besagte Kausalnexus in der Außenweltvorstellung gesetzt wird”, also selber rein phänomenal ist und dem Bewusstsein nur dazu dient, die Phänomene auf zweckmässige Weise zu ordnen (was der Philosophie schon seit David Hume und Kant selbst­ verständlich geworden­war). Zum anderen, dass wir gar kein “existierendes Objekt”, nicht einmal das berühmte “Ding an sich” hi nte r dem Phänomen annehmen dürfen. Dies Hinter mei nt das Bewusstsein zwar immer mit, indem es ein Phänomen meint, kann aber ni cht sagen, was es meint (Husserl spricht


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von “Glaubensbewußtsein” oder “Urdoxa” als einem dem Bewusstsein zu­ innerst eingewurzelten Meinen). Also schliesst der Physiker Schrödinger in schönster und gewissermassen, nämlich geschichtlich, “prästabilierter” Harmonie mit dem strengsten philosophischen Denken des 20. Jahrhunderts: “Die Bedingung dafür, daß wir, ohne uns in offenbaren Unsinn zu ver­ wickeln, das Geschehen im Leib […] auf natürliche Art […] uns denken dürfen –­[…] diese Bedingung, sage ich, ist, daß wir alles Geschehen in unserer Weltvorst ell ung vor sich gehend denken, ohne derselben ein materielles Substrat als Objekt zu unterlegen, von welchem sie die Vorstellung wäre und w elches nun wirklich gänzlich überzählig sein würde.” Bei Martin Buber (1878–1965), dem vielleicht wirkungsmächtigsten Reli­ gionsphilosophen des 20. Jahrhunderts, heisst es, unsere “Wahrnahme [sei] nur eben in der Sphäre unserer Be ziehung zum Seienden und nirgendwo sonst vorzufinden”,6 so dass das Ding selbst zum “Träger[-] der Funktion”7 werde und “aller Eigenschaften entledigt, die ihm in der Begegnung mit mir, in der Sinnenwelt zu eigen geworden”, übrig bleibe als “kleines x”.8 Dies kleine x ist wieder das von Husserls Glaubensbewusstsein immer mit­ gemeinte Andere. Die Sprachphilosophie des 20. Jahrhunderts nennt es den Referent en, weil wir nur darauf referieren können, ohne es zu bezeichnen. Jeder Versuch, es zu bezeichnen, muss scheitern, denn was irgendwie bezeichnet wird, ist schon Phänomen. Das hatte die Philosophie des sogenannten deutschen Idealismus bereits im 18. Jahrhundert verinnerlicht. Johann Gottlieb Fichte (1762–1814) entschied den seit dem Erscheinen von Kants Critik der reinen Vernunft (1781/87) schwelenden Streit über den Status des “Dings an sich [selbst betrachtet]” 1794 so, “daß unsre Erkenntniß zwar nicht unmittelbar durch die Vorstellung, aber wohl mittelbar durch das Gef ühl mit dem Dinge an sich zusammenhange; daß die Dinge allerdings bloß als E rscheinungen [als Phänomene] vor­ gestellt , daß sie aber al s D inge an sich gefühlt werden; daß ohne Gefühl gar keine Vorstellung möglich seyn würde; daß aber die Dinge an sich nur subjek t iv, d. i. nur inwiefern sie auf unser Gefühl wirken, erkannt werden;9 [und] Etwas, das lediglich durch die B eziehung eines Gefühls möglich wird, ohne daß das Ich seiner A nschauung desselben sich bewußt wird, noch bewußt werden kann, und das daher gefühlt zu seyn scheint, wird


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geglaubt . / An Realität überhaupt, sowohl die des Ich, als des Nicht-Ich findet lediglich ein Gl aube statt”.10 Ein gutes Jahrhundert später hat diese philosophische Einsicht dann auch Ein­ ­gang in die Naturwissenschaft gefunden. Hans-Peter Dürr fasst zusammen: “Eine konsistente Erklärung der Quantenphänomene kam zu der [für die Physiker] überraschenden Schlußfolgerung, daß es eine objektivierbare Welt, also eine gegenständliche Realität, wie wir sie bei unserer objektiven Betrachtung als selbstverständlich voraussetzen, gar nicht ‘wirklich’ gibt, sondern daß diese nur eine Konstruktion unseres Denkens ist, eine zweckmäßige Ansicht der Wirklichkeit, die uns hilft, die Tatsachen unserer unmittelbaren äußeren Erfahrung [die Phänomene] grob zu ordnen.”11 Die moderne Nat urwi ssenschaft entwirft aufgrund von Messdaten Modelle mit dem Ziel der systematischen Ordnung derjenigen Phänomene, die wir traditionell der “Natur” (φύ σι ς) zurechnen. Die Methode der klassischen Wissenschaft en (in der primär anschaulichen Welt des alten Europa) war dagegen die B egründung so, dass jeder Grund schliesslich auf einen erst en Grund zurückführbar zu sein hatte. Dieser Anfang überhaupt (πρώτη ἀρ χ ή , principium) war notwendig erster Grund zugleich der Erkenntnis und des Erkannten – er war actus purus: reine Produktivität.12 Die Grund-Struktur der klassischen Wissenschaft war damit ein Schluss, dessen Mitte – der sich selbst zu erkennen gebende: sich zeigende, offenbarende, manifestierende Grund – die Erkenntnis und den Erkenntnisgegenstand im wirklichen Wissen auf einander bezog: Erkenntnis (Subjekt) – Grund (Mitte) – Gegenstand (Objekt). Der Grund, kraft dessen der Gegenstand erkannt wird, ist also zugleich der Grund, kraft dessen einem Gegenstand als Subjekt eine Bestimmung als Prädikat zugesprochen (bzw. abgesprochen) wird: Gegenstand (Subjekt) – Grund (Mitte) – Bestimmung (Prädikat). Die Logik der klassischen Wissenschaft ist darum die Logik des Urteils. Das Erkennen ist als Erkennen des Grundes von etwas die Verwandlung der leeren Mitte, des “ist”, des “Seins” als des “Bandes” oder der Copula (c), in


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die erfüllte (erkannte) Mitte (M) so, dass diese Mitte nicht identifiziert, sondern in ihrer natürlichen Ident ität angeschaut wird,13 also S Δ O. Die in der industriellen Moderne sich vollziehende Ent-Bindung der ­Wissenschaften aus dem metaphysischen Kontext des alten Europa hatte aber zur Folge, dass ihre Logik nicht länger die des Urteils und also der Bezie hung sein kann. Die “positiv” gewordenen Wissenschaften gehen vielmehr davon aus, dass ihr Erkennen immer schon auf den Gegenstand gerichtet ist. S → O. Der G egen stand selbst ,14 nicht sein Grund ist jetzt die Sache der Erkenntnis – oder die Erkenntnis ist Besc hreibung des Gegenstands (in den so­ genannten exakten Wissenschaften: Messen), nicht: Was ist er? sondern: Wie v erhäl t er sich?15 Statt Erkenntnis – Grund – Gegenstand also Beschreibung → Gegenstand. Gottlob Frege (1848–1925) ist die wissenschaftsgeschichtlich epochale Entdeckung zuzuschreiben, dass das moderne Erkennen nicht urteilend, schliessend, begründend, sondern f unkti onal verfährt. An die Stelle des Urteils ist die Funktion getreten: Beschreibung(Gegenstand), allgemein f(a). Die spezifische Funktion des Erkennens ist das begriffliche (messend-­ beschreibende) Erfassen des Gegenstands. Ist das Beschreiben überhaupt


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Bezeichnen und das Bezeichnen Sele ktion eines Ereignisses plus Identifi­ kation dieses Ereignisses durch Wiederholung (Stabilisierung, Konfirmation) der Bezeichnung, dann ist das modern gedachte Erkennen: Identifikation eines Ere ignisses als Transform ati on der Differenz eines Differenzfelds zum Elem ent des jeweiligen Erkenntnissystems: Erkennen(Element ← IdentifikationEreignis), oder ganz abstrakt: Begriff(Identität ← Differenz). Das Differen zfel d garantiert den Wirklichkeitsgehalt oder Weltbezug der Erkenntnisfunktion. Denn in der Funktion Erkennen(Element = Erkanntes) ist die D ifferenz zwischen Funktion (“Erkennen”) und Argument (“Element = Erkanntes”) selbst weder Funktion noch Argument16 und daher als Vorausset zung aller Erkennbarkeit (Identifizierbarkeit) selbst nicht erkennbar: f│Differenza. Insofern ist das Differenzfeld ein im Begriff der Funktion liegendes Postulat. Allerdings hatte Schrödinger beklagt, “daß es uns jedenfalls bisher nicht gelungen ist, ein einigermaßen verständliches Weltbild aufzubauen, ohne unsern eignen Geist, den Schöpfer des ganzen Weltbildes, daraus zu verbannen, derart, daß darin für ihn kein Platz ist. Der Versuch, ihn hineinzuzwängen, führt notwendig zu Ungereimtheiten. […] Denn alles, was man in dieses Weltmodell eingehen läßt, nimmt stets die Form einer naturwissenschaftlichen Aussage an, ob man will oder nicht […].”17 Wie aber, wenn wir – was in der Quantentheorie ja genau geschieht – zwar “unsern eignen Geist”, aber eben in der “Form einer naturwissenschaftlichen Aussage”, nämlich als B eobachter, in das physikalische Weltbild einführen?


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Dann haben wir statt der einfachen identifizierenden Operation fOperationElement, die Struktur der Sel bstref erenz:18 fBeobachtung(fa). Hans-Peter Dürr schreibt: “Jede Objektivierung bedeutet Trennung, das heißt Zerstörung der nicht­ objekthaften Einheit, in der Beobachter und beobachtetes System miteinander verschmolzen sind. Ein Zuschauer ist immer gleichzeitig mitwirkender Akteur. / Verschiedenartige Beobachtungen mit Hilfe verschiedener Versuchsanordnungen bewirken verschiedenartiges Auftrennen. Sie extrahieren aus dem beobachteten System deshalb andere Erscheinungsmuster, die, bei üblicher Deutung als Eigenschaften eines beobachteten ‘Objekts’, im Widerspruch zueinander stehen und in Extremfällen ‘komplementären’ Charakter haben.”19 Bezeichnen wir in der Formel der basalen Selbstreferenz die Differenz durch│bzw.││, und ist│der unbeobachtete Hintergrund, auf dem sich die Operation und ihr Element formieren, dann bezeichnet die einfache Beobachtung das beobachtete System und unterscheidet es damit von ­ ­seinem Med ium : fBeobachtung││(fOperation│a) │Hintergrund → Medium fBeobachtung[(fOperationa) + Medium] Kraft der Refl exivi tät des Erkennens …f2[f1(a)] kommt also das postulierte Differenz- oder Wirklichkeitsfeld zum Vorschein – als konst it u iert es ( ident if izi ertes) Phänomen. Quantentheoretisch so:


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“Das, was beobachtet wird, ist aber primär nicht objekthaft, sondern entspricht einem einheitlichen Quantenzustand oder einem Gemenge aus solchen [dem Medium]. Erst durch den aktiven Eingriff einer Beobachtung werden Aspekte von Quantenzuständen in objektiv feststellbare Tatsachen [Gestalt] verwandelt.”20 Und so ist zu verstehen, was Niklas Luhmann dazu bemerkt hat: “Die Quantenphysik hat mit ihrer These der Indeterminiertheit der Materie und der nur probabilistischen Grundlagen aller Alltagssicherheiten Aufsehen erregt. Aber Physiker argumentieren nicht selten so, als ob mit Indeterminiertheit oder Unbestimmtheit eine Eigenschaft der Materie bezeichnet sei, und geben sich damit zufrieden. Da es aber Negativitäten (wie Indeterminiertheit) und Probabilitäten nur als Zustände eines Beobachters gibt, muß die Quantenphysik als T heorie des B eobachtens interpretiert werden; und in der Tat ermöglichen ihre Gleichungen es nur, auf Grund von Beob­ achtungen andere Beobachtungen vorauszusagen. Nichts anderes ist der Inhalt ihrer physikalischen Gesetze. Sie beschreiben den Beobachter als physikalisches Phänomen. Die Grenzen der Bestimmbarkeit sind Bestandteile der physikalischen Gesetze selbst; es bedarf zu ihrer Ermittlung keiner zusätzlichen Annahmen.”21 Gegenüber Schrödingers “kleine[r] Bluttransfusion von seiten des östlichen Denkens”22 bleiben wir skeptisch. Von den Weltanschauungen unterscheidet die Philosophie sich dadurch, dass sie die Einbildungskraft bindet, indem sie sich allein auf das verlässt, was sie auf logische Verhältnisse zurückführen kann. Indem sie das An-Denken der Welt-Grenzen ist, bleibt sie doch, mit Wittgensteins Tractatus (2.182) gesprochen, beim logischen Bild: “Jedes Bild ist a uch ein logisches.” ***


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Erkenntnis (S) – Grund (Mitte) – Gegenstand (O) Gegenstand (S) – Grund (Mitte) – Bestimmung (P) SΔO S → O Beschreibung → Gegenstand f(a) Erkennen(Element ← IdentifikationEreignis) Begriff(Identität ← Differenz) f│Differenza fOperationElement fBeobachtung(fa) fBeobachtung││(fOperation│a) │Hintergrund → Medium fR││(f1│Mediuma) fBeobachtung[(fOperationa) + Medium] …f2[f1(a)]


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* Vortrag unter dem Titel “Identität als Konstrukt. Zum Selbstverständnis der Moderne” (“Materie und Geist” – Podiumsdiskussion mit Hans-Peter Dürr, 8.4.2013, im Haus der Wissenschaft, Braunschweig).  1 Erwin Schrödinger: “Was ist wirklich? Die Gründe für das Aufgeben des Dualismus von Denken und Sein oder von Geist und Materie”, in: Hans-Peter Dürr (Hg.), Physik und Trans­zendenz. Die großen Physiker unseres Jahrhunderts über ihre Begegnung mit dem Wunderbaren, Bern / München / Wien: Scherz 1986, S. 184–188; Erwin Schrödinger, “Die Gründe für das Aufgeben des Dualismus von Denken und Sein oder von Geist und Materie”, in: id., Mein Leben, meine Weltansicht, Mit einem Vorwort von Auguste Dick, Zürich: Diogenes Verlag AG 1989, S. 121–128.  2 Den Atomismus ausgenommen, der den Begriff der ὕλη aber bereits importiert (Epikur).  3 Schrödinger, Die Gründe für das Aufgeben des Dualismus, op. cit. (wie Anm. 3), S. 121f.  4 Schon im frühen fünften vorchristlichen Jahrhundert hatte Parmenides gelehrt, Denken und Sein seien Dasselbe: τὸ γὰρ αὐτὸ νοεῖν ἐστίν τε καὶ εἶναι. (Fragment B 3)  5 Schrödinger, Die Gründe für das Aufgeben des Dualismus, op. cit. (wie Anm. 3), S. 125f.  6 Martin Buber, Der Mensch und sein Gebild, Heidelberg: Lambert Schneider 1955, S. 20f. (Hervorhebung CAS).  7 Id., Urdistanz und Beziehung. Beiträge zu einer philosophischen Anthropologie, Heidelberg: Lambert Schneider 41978 (11950), S. 24.  8 Id., Der Mensch, op. cit. (wie Anm. 6), S. 29.  9 Johann Gottlieb Fichte, “Ueber den Begriff der Wissenschaftslehre”, in: Gesamtausgabe der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band I, 2, hrsg. von Reinhard Lauth und Hans Jacob, Stuttgart-Bad Cannstatt: Friedrich Frommann Verlag (Günther Holzboog) 1965, S. 109. 10 Id., “Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre”, op. cit. (wie Anm. 9), S. 429. 11 Dürr, Physik und Transzendenz, op. cit. (wie Anm. 1), Vorwort, S. 12. 12 Erkenntnisgrund (ra t i o c o g no sce nd i ) u nd Seinsgrund (rat i o e s s e n d i ). 13 Der Mond verfinstert sich ist ein aristotelisches Beispiel der wissenschaftlichen Kritik alter mythischer Ängste. Denn der Mond verfinstert si ch gar nicht. Der Mond (S) i s t dunkel (P), weil die Erde zwischen ihn und die Sonne tritt (Mitte = Grund). Der Schluss ist Mond (S) – Dazwischentreten der Erde (M) – Finsternis (P). 14 Husserls Devise “Zu den Sachen selbst!” 15 Cf. Dürr, Physik und Transzendenz, op. cit. (wie Anm. 1), S. 14: “Unser Denken und deshalb auch die naturwissenschaftliche Beschreibung erfaßt nur eine Struktur, ein ‘Wie’, aber nicht den Inhalt, das Wesen, das ‘Was’ der eigentlichen Wirklichkeit.” 16 Heideggers on t o l o g i sche D i ffe re nz, Derridas d i f f é ran ce . 17 Schrödinger, “Das arithmetische Paradoxon – Die Einheit des Bewußtseins”, in: Dürr, Physik und Transzendenz, op. cit. (wie Anm. 1), S. 159f. 18 Cf. Niklas Luhmann, “Kontingenz als Eigenwert der modernen Gesellschaft” [1991], in: Beobachtungen der Moderne, Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften 2006, S. 93–128, hier S. 117: “‘Beobachtung’ und ‘System’ sind einander wechselseitig bedingende Begriffe. Dabei meint ‘Beobachtung’, verstanden als Operation, daß solche Systeme nur aus auto­ poietisch produzierten Ereignissen bestehen, also nur fortdauern, wenn und solange Anschlußereignisse produziert werden können.” 19 Dürr, Physik und Transzendenz, op. cit. (wie Anm. 1), S. 16f. 20 Id., S. 16. 21 Niklas Luhmann, Die Wissenschaft der Gesellschaft, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1992 (11990), S. 505f. (Hervorhebung CAS). 22 Schrödinger, Das arithmetische Paradoxon, op. cit. (wie Anm. 17), S. 161.


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Ko n t e xt (e ), “c o n te xt u re” und der “nun doch einmal unausweichliche Empirismus”

Werner Oechslin

i. Freiheit gegen Nötigung; “Tappen […] mit breiten Tatzen” und der Mut zum Schwanken “Meines Erachtens liegt die Schwierigkeit mehr in der Sprache, als in der Sache. Unsre Sprache ist zu schwankend, die Worte zu vieldeutig, um genau in die Fugen der Wahrheit zu passen.” Moses Mendelssohn, “Ueber Freiheit und Nothwendigkeit”, in: Berlinische Monatsschrift, Siebentes Stük, Julius 1783, Berlin: Haude und Spener 1783, S. 1–10, hier S. 4 “Nun weiss, wer dergleichen an sich oder an Andern beobachtet hat, wie es dabei zugeht; die wissenschaftliche Thätigkeit ist da, ehe man die Grundsätze derselben sich zum Bewusstsein gebracht hat; erst wenn man sein Verfahren durch die Probe befriedigend gefunden hat, entwickelt man sich selbst daran die Regeln, nach denen man schon vorher verfahren ist.” Karl Otfried Müller, Prolegomena zu einer wissenschaftlichen Mythologie, Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1825, S. [iii] Wer kennt sie nicht, die berühmte “Beantwortung der Frage. Was ist Auf­ klärung”, (Abb. 1) die Immanuel Kant – und gleich beginnt der schwierigere Teil möglicher Erinnerung, derjenige der Verortung im Kontext! – in der Berlinischen Monatsschrift, im Zwölften Stück vom Dezember 1784 veröffent­ licht hat?1 (Abb. 2) Aber wer erinnert sich daran, dass dem drei Monate zuvor in derselben Zeitschrift Moses Mendelssohns “Ueber die Frage: was heißt aufklären?” vorausging? (Abb. 3) Nachdem Mendelssohn dort festgestellt hat, dass Bildung in Kultur und Aufklärung zerfällt, fährt er fort: “Eine Sprache erlanget Aufklärung durch die Wissenschaften, und erlanget Kultur durch gesellschaftlichen Umgang, Poesie und Beredsamkeit. Durch jene wird sie geschikter zu theoretischem, durch diese zu praktischem Gebrauche. Beides


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Abb. 1: Die Frage “Was ist Aufklärung” in der Fussnote zu dem Beitrag von Johann Friedrich Zöllner, “Ist es rathsam, das Ehebündniß nicht ferner durch die Religion zu sanciren?”, in: Berlinische Monatsschrift, Zwölftes Stück, December 1783, Zweiter Band, Berlin: Haude und Spener 1783, S. 516

zusammen giebt einer Sprache die Bildung.”2 Ein Bekenntnis also zu einer alles – Wissenschaft wie Kultur – zusammenfassenden Sprache und Bildung! Man sollte noch beifügen, dass ‘dazwischen’, im Novemberheft der Berlinischen Monatsschrift von 1784, Kants ominöse Kritik an der Herder’schen “Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht” zu lesen ist, die mit der Frage nach Naturgesetzlichkeit und dem “Spiel der Freiheit des menschlichen Willens” ansetzt.3 (Abb. 4) Und dass, wenn dann die monat­ lich erscheinenden Hefte zusammengebundenen vorlagen, ein Spottgedicht auf alles Aufklärerische mit dem Titel “Der Affe. Ein Fabelchen” vor Kants nachträglich zum ‘Manifest’ der Aufklärung gekürten Text zu stehen kam.4 Jenes endete mit den Versen: “Hans Affe ist des Nachruhms werth, Er hat die Gegend aufgeklärt.” Der Autor, der “Z.” signiert, ist Johann Friedrich Zöll­ ner, Berliner Pfarrer, Freimaurer, Mitglied der Berliner Akademie der Wis­ senschaften, ein aufgeklärter Zeitgenosse, wie es so schön heisst. (Abb. 2)


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Abb. 2: I. Kant, “Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?”, in: Berlinische Monatsschrift, 1784, Zwölftes Stük, December, Vierter Band, Berlin: Haude und Spener 1784, S. [481]; mit der gegenüberliegenden Seite des vorausgegangenen Heftes, Elftes Stük, November, S. 480, mit: Z.[öllner], “Der Affe. Ein Fabelchen.”

Wir wissen, ja wir wissen und kennen das alles. Oder zumindest, wir wis­ sen, dass das alles zum Kontext gehört, der erklärt und uns aufklärt über die verschlungenen Argumente und den tatsächlichen Sachverhalt. Und das ist nur der Anfang! Kants “Beantwortung” trägt die Signatur “J. Kant. Königs­ berg in Preussen, den 30. Septemb. 1784”, und dem folgt eine Anmerkung, in der Kant schreibt, er lese “heute den 30sten eben dess.” in den Büsching’schen wöchentlichen Nachrichten eine Anzeige der Berlinischen Monatsschrift “von diesem Monat”, also vom September, “worin des Herrn Mendelssohn Beant­ wortung eben derselben Frage angeführt wird”: “Mir ist sie noch nicht zu Händen gekommen; sonst würde sie die gegenwärtige zu­rükgehalten haben, die jetzt nur zum Versuche da stehen mag, wiefern der Zufall Einstimmigkeit der Gedanken zuwege bringen könne.”5 Das erinnert an frühere bewun­ dernde Äusserungen Kants über Mendelssohn und muss wohl so gelesen werden, dass Kant durchaus darauf – und dem Zufall – vertraut und hofft, in


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Abb. 3: Moses Mendelssohn, “Ueber die Frage: was heißt aufklären?”, in: Berlinische Monatsschrift, 1784, Neuntes Stük, September, Vierter Band, Berlin: Haude und Spener 1784, S. [193]

ähnlicher Weise zu argumentieren wie Mendelssohn. Aber die Herausgeber der Berlinischen Monatsschrift kümmert das kaum; sie vermerken unter dem Titel des Kant’schen Beitrages ohne weiteren Kommentar: “(S. Decem. 1783. S. 516.)”.6 Denn dort liegen – sicherlich auch in der Meinung Herrn ­Zöllners – zumindest der äussere Anlass und Ursprung der Frage nach der Aufklärung. Man liest an der bezeichneten Stelle nämlich die Fussnote: “*) Was ist Aufklärung? Diese Frage, die beinahe so wichtig ist, als: was ist Wahrheit, sollte doch wol beantwortet werden, ehe man aufzuklären anfinge! Und noch habe ich sie nirgends beantwortet gefunden!”7 (Abb. 1) Es führt also ein langer und umständlicher Weg bis zu dem Punkt, an dem der Satz vom “Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit” als Klärung dessen gefunden und gedruckt ist, was Aufklä­ rung sei, worauf Kant dann gleich zur Empfehlung, ja zum “Wahlspruch der Aufklärung” kommt: “Sapere aude! Habe Muth dich deines eigenen


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