2012 • Band 112
Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde
Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde
Werkplatz Basler Geschichte
2012 • Band 112
Basler Zeitschrift fĂźr Geschichte und Altertumskunde Herausgegeben von der Historischen und Antiquarischen Gesellschaft zu Basel
Schwabe Verlag Basel
2012 • Band 112
Die Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde erscheint jährlich in einem Band (eine bis zwei Nummern). Zuschriften und Beiträge wissenschaftlichen Inhalts sind zu richten an einen der beiden Redaktoren: Dr. Hans Berner Universitätsbibliothek, Schönbeinstrasse 18/20, CH-4056 Basel; Dr. Hermann Wichers Staatsarchiv, Martinsgasse 2, CH-4001 Basel. Der Preis des vorliegenden Bandes beträgt sFr. 75.–. Die Zeitschrift kann durch alle Buchhandlungen oder direkt vom Verlag bezogen werden. Tauschsendungen werden an die Universitätsbibliothek Basel erbeten. Die Zeitschrift besitzt keinen Besprechungsteil; unverlangt eingehende Rezensionsexemplare können nicht zurückgeschickt werden.
Copyright © 2012 Historische und Antiquarische Gesellschaft zu Basel und Schwabe AG, Verlag, Basel, Schweiz Die Abbildung auf dem Umschlag zeigt das Areal der spätkeltischen Siedlung Basel-Gasfabrik im Jahr 2004. Flugaufnahme von Georg Gerster für die Ausstellung im Schweizerischen Landesmuseum 2005. Gesamtherstellung: Schwabe AG, Druckerei, Muttenz/Basel, Schweiz Printed in Switzerland ISBN 978-3-7965-2910-8 ISSN 0067-4540 rights@schwabe.ch www.unibas.ch/hag www.schwabeverlag.ch
Inhaltsverzeichnis Schwerpunktthema: Werkplatz Basler Geschichte. Arbeitsfelder, Vermittlungswege und Präsentationsformen von Stadtgeschichte Beatrice Schumacher: Werkplatz Basler Geschichte. Eine Besichtigung Claudius Sieber-Lehmann: Mit Wackernagel weiter kommen
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Daniel Hagmann: Taxidienste für Basels Geschichte. Zur Rolle von Archiven für die Regionalgeschichtsschreibung 33 Robert Labhardt: Basels Geschichte im Schulbuch. Ein Rückblick auf die Historiographie der Heimatkunden und ein Plädoyer für Regionalgeschichte
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Christoph Philipp Matt, Andrea Hagendorn, Markus Asal, Marco Bernasconi: Werkplatz Basler Archäologie: Von der Ausgrabung zum Lebensbild
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Gerhard Hotz, unter Mitwirkung von Hubert Steinke: Knochen, Skelette, Krankengeschichten. Spitalfriedhof und Spitalarchiv – zwei sich ergänzende Quellen
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David Tréfás, Franz Egger, Hermann Wichers und Irene Amstutz: Unerschlossene Quellen – neue Erkenntnismöglichkeiten. Das Potenzial Basler Archive, Bibliotheken und Museen für neue Forschungsfragen am Fallbeispiel «Erster Weltkrieg in Basel» 139 Bernard Degen und Pascal Maeder: Quartiergeschichte als Stadtgeschichte. Das Ausstellungs- und Buchprojekt Breite-Lehenmatt, 2008–2011
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Satu Blanc: Geschichte erleben. Eine andere Art der Geschichtsvermittlung
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Andere Beiträge Werner Baumann: Ein Basler in der Markgrafschaft. Briefliche Berichte des Magisters Ludwig Lucius 1601–1604 aus Durlach an Grynaeus und Polan
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Yvonne Boerlin-Brodbeck: Der Basler Zeichner Matthäus Bachofen (1776–1829)
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Silvia Brodmann: Die Basler St. Johannes-Kirche. Ein Bau zwischen Tradition, Neuem Bauen und Machbarkeit
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Jahresbericht und Jahresrechnung der Historischen und Antiquarischen Gesellschaft zu Basel 2011/2012
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Verzeichnis der Autorinnen und Autoren
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Verzeichnis der Gesellschaftspublikationen
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Werkplatz Basler Geschichte. Eine Besichtigung von Beatrice Schumacher
Die Beiträge in diesem Band sprechen von Erneuerungsbedarf und Aufbruch, von der Lust auf veränderte Perspektiven und nicht zuletzt von Publikumsnachfrage – und all das in Bezug auf das Geschichtsbild in und über Basel. Sie reden aber auch von Potenzial, neuen Erkenntnissen, Motivation, Herausforderungen und Schwierig keiten. Es sind die Stimmen von Historikern und Historikerinnen, die auf dem «Werkplatz Basler Geschichte» aktiv sind und ihn von ganz verschiedener Warte aus kennen und selber mitgestalten: als Buchautoren, Lehrende an Universität und Gymnasien, Forschende, Archivarinnen, Kulturvermittler. Was ist los auf diesem Werkplatz? Und was überhaupt ist der «Werkplatz Basler Geschichte», dem die Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde (BZGA) das Jahrbuch 2012 widmet? Die BZGA kreiert damit einen Begriff, der bislang nicht zum geläufigen Repertoire in der hiesigen Verständigung unter Geschichtsinteressierten, -freunden oder -forscher/innen zählt. Sie will damit einen Beitrag zu einer Debatte leisten, die etliche kulturell und politisch Engagierte seit einiger Zeit – und jüngst vermehrt – bewegt.1 Ist es an der Zeit, die Basler Geschichte neu zu schreiben? Sie – erstmals – einer Gesamtbetrachtung zu unterziehen? Bestehende Forschungsdesiderate zu orten und möglichst zu schliessen? Das ist Anlass genug für einen Blick auf den Produktionsstandort und seine verschiedenen Unternehmen. Wie soll man sich den Werkplatz Basler Geschichte denken? Als virtuelles Kollektiv von Institutionen, Firmen und Einzelpersonen? Als ein von Wettbewerb und Konkurrenz belebtes Geschäft? Was sind die Erfolgsprodukte des Werkplatzes? Woher bezieht er seine Ressourcen? Welche Rolle spielen Private, welche der Staat? Und nicht zuletzt: Wie steht es mit der Nachfrage? Das vorliegende Jahrbuch hält einige, aber längst nicht alle Antworten bereit. Es erhebt in keiner Weise den Anspruch, den Werkplatz vollständig zu erfassen, zu beschreiben oder zu durchleuchten. Vielmehr lenkt die BZGA den Blick auf ein überraschend unbekanntes Terrain: Die Institutionen und Personen, die in Basel 1 Vgl. Oswald Inglin/Isabel Koellreuter: Braucht Basel eine neue Geschichte? Debatten zur Kantonsgeschichte in der baselstädtischen Politik, in: BZGA 111 (2011), S. 205–212.
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«Basler Geschichte» dokumentieren, produzieren, herstellen, vermitteln und verkaufen, wissen wenig über ihr eigenes Werden. Die Geschichte der einzelnen Institutionen, einflussreichen Per sönlichkeiten oder auch die Wirkungsgeschichte einflussreicher Werke ist erst vereinzelt oder in Ansätzen historisch aufgearbeitet, eine Gesamtschau gibt es nicht. Dieses Jahrbuch markiert daher eher einen Anfang als eine abgerundete Synthese. Die BZGA hat unterschiedliche Akteure und Akteurinnen eingeladen, einen kritisch-reflektierenden Blick auf einen bestimmten Bereich des Werkplatzes zu werfen, mit dem sie in besonderer Weise durch ihre eigene Tätigkeit verbunden sind. Die vorliegenden Beiträge setzen Akzente und lassen dabei das Gesamtpanorama erahnen, ohne es vollständig ausleuchten zu können oder zu wollen. Sie zeichnen Institutionen- und Publikationsgeschichte nach, benennen Desiderate und zeigen Perspektiven auf. Die BZGA, eine der ältesten und langlebigsten Stimmen auf dem Werkplatz, bietet dafür eine Bühne und hält sich selber – ich bin versucht zu sagen: vornehm – zurück. Sie überlässt auch für die folgenden einleitenden Bemerkungen das Wort einer Historikerin, die den Werkplatz Basler Geschichte eigentlich eben erst mit erhöhtem Interesse zu erkunden begonnen hat. Gelegenheit dazu gibt mir das Engagement für den Verein Basler Geschichte. Gegründet im Herbst 2011 ist er gewissermassen das jüngste Kind auf dem Werkplatz, indessen kein Fremdling, sondern ein gemeinsames Dach, geboren aus dem virulenten, in der kulturellen und politischen Öffentlichkeit schon länger vorgetragenen Wunsch nach einer neuen Gesamtdarstellung der Geschichte Basels – ein Grossprojekt, das den Werkplatz fordern wird. Wie also steht es um diesen Werkplatz? Auf zur Besichtigung. Die Historische und Antiquarische Gesellschaft – eine Gründung mit Folgen
In Basel kümmert sich eine ganze Reihe von Institutionen um das Gedächtnis der Stadt. Viele, aber nicht alle, sind mittlerweile staatliche Einrichtungen. Hervorgegangen sind sie vielfach – wie auch andernorts – aus privaten Initiativen des gebildeten und vermögenden Bürgertums des 19. Jahrhunderts, dem Jahrhundert der Gedächtnisinstitutionen und der Erinnerungskultur schlechthin, wie man bei Jürgen Osterhammel nachlesen kann. Die Motivationen, sich mit der (eigenen) Vergangenheit zu beschäftigen, nährten sich aus spätaufklärerischen Überzeugungen, und sie standen unter patriotischen Vorzeichen. Den Anfang machte allerdings der Diplomat
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und Staatsmann Peter Ochs (1752–1821) mit seiner achtbändigen «Geschichte der Stadt und Landschaft Basel», erschienen in den politisch bewegten vor- und nachrevolutionären Jahren 1786–1822. Das Werk gilt heute als beachtenswerte Leistung, die unmittelbar inspirierende Wirkung blieb ihm aber aus politischen Gründen versagt. Als langfristig wirksame Grundsteinlegung eines Werkplatzes Basler Geschichte erscheint im Rückblick dagegen die Gründung der Historischen Gesellschaft 1836. Der Zeitpunkt war kaum zufällig: Einerseits lag die Gründung vaterländischer Geschichtsvereine im Trend. Neben einer (allerdings nur in Bern aktiven) schweizerischen Gesellschaft (1811–1852) entstanden ähnliche Zusammenschlüsse in Graubünden (1826) und Zürich (1832), weitere folgten für die Romandie (1837) und Genf (1838) sowie als langfristig lebensfähige Dachorganisation die Allgemeine Geschichtforschende Gesellschaft der Schweiz (1841, heute: Schweizerische Gesellschaft für Geschichte). Anderseits fiel die Basler Gründung in die Jahre der traumatisierenden Erfahrung der Kantonstrennung. Die Vergewisserung über die eigene Geschichte stand in Basel daher unter konservativen Vorzeichen. Der einflussreiche Universitäts- und Bildungspolitiker Andreas Heusler-Ryhiner (1802–1868), 1835 auch Mitbegründer der Freiwilligen Akademischen Gesellschaft (FAG), übernahm eine führende Rolle und förderte den Durchhaltewillen der noch kleinen Gesellschaft. Neben dem historischen Interesse verstärkte sich, auch das zeittypisch, das Interesse an Monumenten, Bauten und Objekten, was 1842 zur Gründung einer eigenen Antiquarischen Gesellschaft führte. 1875 kam es dann wieder zum Zusammenschluss beider Gesellschaften zur heutigen Historischen und Antiquarischen Gesellschaft (HAG). Die HAG ist eine Gründung mit Folgen: Sie entwickelte sich im 19. Jahrhundert zum sehr erfolgreichen, zahlenmässig klein bleibenden Stosstrupp der Basler Geschichtsfreunde. Zahlreiche historisch tätige Einrichtungen gehen auf Initiativen und Interessen ihrer aktiven Mitglieder zurück. Sie sind eigentliche offsprings. Ein Beitrag zur HAG fehlt nun allerdings in diesem Jahrbuch. Wenn sie in dieser Einführung etwas mehr Raum erhält, so darum, weil die Genese des Werkplatzes Basler Geschichte und ein Stück weit auch seine heutige Verfassung erst auf diesem Hintergrund erfassbar wird. Eine eigentliche historische Aufarbeitung der HAG steht im Übrigen noch aus. Immerhin liegt aber ein detailreicher Abriss vor, verfasst vom langjährigen Vorstandsmitglied Max Burckhardt.2 2 Max Burckhardt: Aus der Geschichte der Historischen und Antiquarischen Gesellschaft zu Basel, BZGA 86 (1986), Heft 1.
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Das Historische Museum – das «schöne» Mittelalter als Kapital – und morgen?
Als die beiden historischen Gesellschaften fusionierten, stand Basel ähnlich wie 1833 in politisch-gesellschaftlichen Umbruchzeiten, jetzt aber zuungunsten der Konservativen. 1875 hatte die «Alte Ordnung», nämlich das konservativ beherrschte Stadtregiment, endgültig ausgedient, ein lange hinausgezögerter Moment, befördert auch durch die Revision der Bundesverfassung 1874. Bekanntlich hatte dies eine Stärkung der bundesstaatlichen, zentralen Einrichtungen zur Folge. Dazu zählte auch der Wunsch nach Pflege der nationalen Geschichte und konkret nach einem Landesmuseum. Das lockte die Akteure auf dem Werkplatz Basler Geschichte. Rudolf Wackernagel (1855–1925), der spätere Stadthistoriker, war damals auf dem Sprung, Staatsarchivar zu werden (1877). Bereits 1856 hatte sein Vater Wilhelm als aktives Mitglied der Antiquarischen Gesellschaft eine Mittelalter-Sammlung (untergebracht im Bischofshof ) begründet und zu deren Pflege und Erweiterung 1872 einen neuen Verein gegründet. Dieser traute sich bald schon Grosses zu. 1888 bewarb er sich als Trägerschaft für das Schweizerische Landesmuseum, wobei die Mittelalter-Sammlung und die Barfüsserkirche als Hauptunterpfand galten.3 Zwar scheiterte er damit an der überlegenen Konkurrenz von Bern und Zürich, aber die enorme Überzeugungsarbeit, die Wackernagel bei den Behörden zugunsten der Sorge um die historische Infrastruktur geleistet hatte, trug Früchte – und legte Strukturen, die sich als langfristig und bis in unsere Gegenwart reichend herausstellen: Die vor dem Abbruch bewahrte und im Hinblick auf die Kandidatur für das Landesmuseum renovierte Barfüsserkirche (damals von der Expertenkommission des Bundes als für Museumszwecke ungenügend qualifiziert) wurde zum Standort eines nun gegründeten Historischen Museums, das 1894 seine Pforten öffnete. Der Verein wandelte sich in den traditionsbewussten, bis heute aktiven Verein des Historischen Museums, der das Haus durch Schenkungen, Ankäufe und andere finanzielle Leistungen bereichert.4 Heute spielt das Historische Museum – d. h. seine Standorte Barfüsserkirche, Musikinstrumentenmuseum, Haus zum Kirschgarten sowie Kutschen- und Schlittensammlung – sowohl in der Bewahrung wie in der Vermittlung eine zentrale Rolle auf 3 Benedikt Egli: «… geneigt, grosse Opfer zu bringen …». Die Bewerbung Basels um das Nationalmuseum 1888, in: Jahresbericht des Historischen Museums Basel 2009, S. 5–17. 4 Zur Unterstützung der Basler Museen vgl. auch André Salvisberg: 150 Jahre Freiwilliger Museumsverein Basel, Basel 2000.
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dem Werkplatz Basler Geschichte. Seine Geschichte wäre noch zu schreiben. Seit Mitte 2012 steht das Haus unter neuer Leitung – und unter einem gewissen Druck. Die Erwartungen nach Erneuerung, Aktualisierung und stärkerer Orientierung an den Lebenserfahrungen des Publikums sind in den letzten Jahren vielfach öffentlich vorgetragen worden. Wackernagels Basel – und wie damit weiter kommen
Von den Zeiten Rudolf Wackernagels trennen uns mittlerweile ein ganzes Jahrhundert und zwei Weltkriege. Doch Wackernagel wirkt noch immer nach: Als Staatsarchivar ordnete er das gesamte Schriftgut neu nach dem Pertinenzsystem (das für die von ihm geordneten Bestände bis heute besteht). Als einflussreicher Staatsbeamter sorgte er dafür, dass diese Wissensordnung ein entsprechendes Gebäude erhielt – das in historistischer Mittelalter-Manier gehaltene Staatsarchiv an der Martinsgasse. Als Historiograph prägte er das Bild des mittelalterlichen Basels. Das sind nur die drei augenfälligsten Erbstücke. Daniel Hagmann zeichnet in seinem Beitrag am Profil Wackernagels nach, «wie intim Archiv, Geschichtsschreibung und bürgerlich-städtische Gesellschaft einst verbunden waren» – und zeigt unter dem Titel «Taxidienste für Basels Geschichte» auf, welche Rolle das Staatsarchiv heute spielt. Claudius Sieber-Lehmann nimmt den Mittelalter-Historiker Wackernagel (von seiner Ausbildung her eigentlich Jurist) und sein Monumentalwerk unter die Lupe: die dreibändige «Geschichte der Stadt Basel», die den Zeitraum bis zur Reformation abdeckt und zwischen 1907 und 1924 erschienen ist. In eindrücklicher Klarheit zeigt er Potenzial und Begrenztheit des Wackernagel’schen ordnenden Blicks und Wissens auf. Unter dem Motto «Mit Wackernagel weiterkommen» plädiert er für eine Digitalisierung des Werks, um es systematisch ausschöpfen zu können, und umreisst den Stand der neueren Basler Mittelalterforschung sowie die bestehenden Forschungsdesiderate – fast schon ein Programm für den Mittelalter-Teil einer neuen Basler Geschichte. Die historische Aufmerksamkeit galt in der um 1900 durch Wackernagel geprägten Geschichtswerkstatt indessen nicht bloss dem Mittelalter, sondern auch der eigenen, sich rasch wandelnden Gegenwart und neuen Forschungsrichtungen. Dazu zählten wirtschafts- und gesellschaftshistorische Interessen. Aus diesem Impetus entstand 1910 das Schweizerische Wirtschaftsarchiv als Unterabteilung des Staatsarchivs; Wackernagel hatte bereits zuvor nichtstaatliche Bestände aufgenommen und somit einen Grund-
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stock geschaffen. Nach 1920 wurde das Wirtschaftsarchiv verselbständigt, blieb jedoch eine staatliche Abteilung. Seit 1976 ist es der Universitätsbibliothek angegliedert und wird seit 1963 unterstützt durch eine Förderstiftung. Im Lauf des 20. Jahrhunderts entwickelte es sich zum Kompetenzzentrum für Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte – und bietet damit gerade auch für die Geschichte des Wirtschaftsstandorts Basel sehr gute Forschungsbedingungen.5 Archäologische Bodenforschung – alte Tradition mit Innovationsschub
Wackernagels Spuren finden sich auch in der archäologischen Bodenforschung. Sie mauserte sich in den 1890er Jahren – als die Altstadt baulich massiv verändert wurde – zu einem neuen Zweig der Werkstatt. 1898 entstand auf Vorschlag Wackernagels die (ab den 1930er-Jahren so benannte) «Delegation für das alte Basel».6 Sie bestand aus einem Vertreter der HAG und des Vereins des Historischen Museums und agierte als Beobachtungsstelle für archäologische Befunde auf Stadtgebiet (während die HAG bisher vor allem in Augst archäologisch tätig gewesen war). Von Anfang an sicherte sie sich die Zusammenarbeit mit der Stadt und konnte so «im Einvernehmen und mit Unterstützung des Baudepartementes»7 bei Umbauten dafür sorgen, dass archäologische Interessen berücksichtigt wurden. Das Zusammenspiel von privater Initiative und staatlicher Unterstützung blieb auch in den folgenden Jahrzehnten ein Merkmal. 1962 ging daraus die Archäologische Bodenforschung Basel-Stadt hervor. Den Wissenszuwachs aus dem Boden «unter uns» für die Stadtgeschichte dokumentieren in diesem Band ausführlich Christoph Philipp Matt, Andrea Hagendorn, Markus Asal und Marco Bernasconi. Methoden, Interessen und Deutungsansprüche der Archäologie haben sich in den letzten Jahrzehnten stark erweitert. Das Fach hat ein Verständnis als historische Teildisziplin entwickelt und liefert Bausteine zur Sozial- und Kulturgeschichte aller Epochen. In jüngster Vergangenheit hat der Boden aber auch Funde preisgegeben, deren Auswertung die Grenzen archäologischer Methoden überschritt. Die Grabungen auf dem Gelände der ehemaligen Stadtgärtnerei (heute: St. Johannspark) förderten über 5 6 7
Irene Amstutz/Matthias Wiesmann: Sammeln – Ordnen – Vermitteln. SWA –Schweizerisches Wirtschaftsarchiv 1910–2010, Basel 2010 (auch als PDF online abrufbar). Max Burckhardt (wie Anm. 2), S. 69–72. Ebd., S. 69.
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250 Gräber des ehemaligen Spitalfriedhofs zutage. Aus anthropo logischer Sicht stellen die Skelette der zwischen 1845 und 1868 verstorbenen Menschen eine ausserordentliche «bioarchivalische Quelle» dar. Mit Hilfe molekulartechnischer Forschungsmethoden lassen sich daraus Aussagen über Herkunft, Ernährung oder Verwandtschaft treffen. Anders gesagt: Mit der Auswertung der Skelette des Spitalfriedhofs sind Naturwissenschaftler neu zu Akteuren auf dem Werkplatz Basler Geschichte geworden: Gerhard Hotz und Hubert Steinke geben Einblick in das interdisziplinäre Forschungsprojekt, das mit Methoden arbeitet, wie sie zum Teil schon aus der Publikation «Theo der Pfeifenraucher» bekannt geworden sind.8 Was das Projekt «weltweit einzigartig» macht, so die Autoren, ist die Kombination von bioarchivalischen und historischen Quellen aus der Anfangszeit der modernen Medizin: Zu den Skelettfunden liegen im Staatsarchiv Krankengeschichten vor. Eine Besonderheit dieses Forschungsprojekts liegt auch darin, dass die umfangreichen Auswertungen und Transkriptionen mit Hilfe zahlreicher Freiwilliger durchgeführt wurden. Spielarten der Teilhabe – und öffentliche Aufgaben
Die Mitarbeit Freiwilliger in Forschungsprojekten oder auch im Aufbau von Sammlungen erfährt heute unter dem Begriffen der Partizipation eine neue Wertschätzung, und es werden mit den Möglichkeiten des Internets, aber nicht nur, neue Formen erprobt – gerade auch im Feld der Stadtgeschichte und der Historischen Museen, so zum Beispiel derzeit in Frankfurt/M. und in Stuttgart.9 In der heutigen heterogenen städtischen Gesellschaft wäre es ein spannendes Experiment: der Bruch mit alten Traditionen und zugleich deren Neuerfindung. In seiner historischen Genese ist der Werkplatz Basler Geschichte enorm stark von Amateurhistorikern und geschichtsaffinen Persönlichkeiten vorangetrieben worden. Es handelte sich, so ist aus dem heute vorliegenden Kenntnisstand zu schliessen, um einen eher kleinen, aber einflussreichen Stosstrupp, dem es nach etwa 1870 gelang, die Anliegen der Bewahrung, Er forschung und Vermittlung der städtischen Geschichte zu einer Angelegenheit von öffentlichem Interesse zu machen und dafür 8 9
Gerhard Hotz/Kaspar von Greyerz/Lucas Burkart (Hgg.): Theo der Pfeifenraucher. Leben in Kleinbasel um 1800, Basel 2010. Vgl. Susanne Gesser [et al.] (Hgg.): Das partizipative Museum. Zwischen Teilhabe und User Generated Content, Bielefeld 2012, S. 22–32, 41–45.
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sowohl private Spenden wie staatliche Mittel zu gewinnen. Das Aufgleisen von Historischem Museum und Archäologischer Bodenforschung gibt dafür Beispiele. Auch die Denkmalpflege fasste 1913 aufgrund privater Initiative im Umfeld des Altertumsforschers Ernst Alfred Stückelberg Fuss, führte 1936 zur formellen Gründung eines staatlichen Amtes, das aber erst 1980 eine gesetzliche Grundlage erhielt. Auch Wackernagels Geschichte des mittelalterlichen Basels ist letztlich staatlich gefördert worden, indem ihm erlaubt wurde, dafür einen Teil seiner bezahlten Arbeitszeit als Staatarchivar zu verwenden. Generell ging alles eher langsam und in kleinen Schritten vorwärts und war zwischenzeitlich mangels Ressourcen auch gefährdet. Ein Beispiel dafür liefern die umfangreichen und langjährigen Editions- und Publikationsprojekte der HAG, für die sie – in eher bescheidenem Rahmen – öffentliche Mittel einwerben und, ökonomisch bedeutender, Arbeitsleistungen des Personals im Staatsarchiv und in der Universitätsbibliothek mobilisieren konnte. Auch die Basler Bibliographie, eine wesentliche Grundlage für jede historio graphische Beschäftigung, hat eine solche Entstehungsgeschichte. Und heute? Staatliche Gelder fliessen in erheblichem Umfang in Museen, Archive, Bibliothek, Denkmalpflege und Bodenforschung. Das im Frühjahr 2012 veröffentlichte staatliche Kulturleitbild bezeichnet die Vermittlung von historischem Wissen als wichtiges und zu unterstützendes Ziel. Das alles bringt zum Ausdruck, dass histo rische Überlieferung und die Zugänglichkeit von historischem Wissen als Angelegenheit von hohem öffentlichem Interesse gilt. Wenn der Staat hier wichtigster Träger ist, so ist er dennoch nicht a llein. Partizipation hat nicht bloss eine inhaltliche, sondern auch eine finanzielle Seite. Einige staatliche Institutionen werden von privaten Freundeskreisen oder Vereinen unterstützt. Zahlreiche weitere, hier nicht alle namentlich zu nennende Vereine, Gesellschaften, Sammlungen und Museen tragen durch ihre Arbeit und die aquirierten Stiftungs- und Fördergelder wesentlich zur baslerischen historischen Infrastruktur bei. Der Ruf nach einer grundlegenden Erneuerung der Basler Geschichte wird auch die bisherigen Traditionen der PublicPrivate-Partnership vor eine neue Herausforderung stellen. Akademische Historie und lokale Geschichte – oder vom Nutzen des fremden Blicks
Wo bleibt in diesem Bild die Universität und ihr Historisches Seminar, das seit diesem Jahr neu Departement Geschichte heisst? Welchen Part übernahmen die akademischen Historiker(innen) auf
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dem Werkplatz Basler Geschichte, und welche Rolle spielen sie heute? Eine kurze Antwort lautet: Lokalgeschichte war nie ein Schwerpunkt, dennoch liegen zahlreiche Forschungen zu Teilaspekten der städtischen Geschichte in allen Epochen vor. Die etwas längere Antwort – basierend auf der kurzgefassten Institutsgeschichte von Guy Marchal:10 Das Historische Seminar war bis in die 1960er Jahre eine eher bescheidene Einrichtung. Bei seiner Gründung 1887 meinte Seminar vorerst die Lehrform, eigene Räumlichkeiten folgten erst später, ein eigentlicher Institutsbetrieb entwickelte sich erst ab 1970. Wissenschaftlich wirkte das Erbe Jacob Burckhardts lange nach: Geistes- und Universalgeschichte war der Leitstern. Die Geschichte der Schweiz wurde erst allmählich ein Thema, das aber immer eingebettet in grössere Zusammenhänge gelehrt wurde. Wirtschafts- und kulturhistorische Perspektiven blitzen bereits in der Zwischenkriegszeit auf, konnten sich aber nicht etablieren, unter anderem weil die betreffenden Dozierenden früh verstarben. Nach 1970 entwickelte das Institut, nun mit vier Lehrstühlen, neu sozialhistorische Schwerpunkte, ohne die politische Geschichte zu vernachlässigen. Basel war im Lehrbetrieb immer wieder Bezugs- und Untersuchungsgegenstand, namentlich im Rahmen von Archivseminarien, die wiederum zahlreiche Lizentiatsarbeiten und Dissertationen anstiessen. Ende der 1980er Jahre folgte eine programmatische und bis heute wirksame Weichenstellung, in deren Folge das Seminar ein kulturhistorisches Profil ausbildete. Orientierung an der internationalen Fachentwicklung stand auch jetzt im Vordergrund, die entsprechenden Perspektiven wurden in Lehre und Forschung immer wieder mit der Bearbeitung von Quellen vor Ort verbunden. Neben wenigen publizierten Arbeiten schlummern unzählige Lizentiats- und Seminararbeiten in den Regalen – ein Fundus an Teilforschungsergebnissen, der im Rahmen eines Grossprojekts Basler Geschichte erst einmal zu sichten und auszuwerten wäre. Auch wenn das Historische Seminar seinem Charakter nach in erster Linie ein Ausbildungsort ist, hat es doch den Anspruch, sich auch öffentlich zu engagieren. Das diesbezüglich wohl ambitionierteste Vorhaben der jüngeren Vergangenheit war die massgebliche und qualitätssichernde Begleitung der Baselbieter Kantonsgeschichte (1984–2001). Ausserdem realisierten einzelne Dozierende in Verbindung mit Lehrveranstaltungen auch Aus 10 Guy P. Marchal: Kleine Geschichte des Historischen Seminars der Universität Basel, Januar 2012, online abrufbar unter: www.unigeschichte.unibas.ch. Eine ausführliche Fassung wird im Band 113 (2013) der BZGA erscheinen.
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stellungen und Publikationen für ein breites Publikum. Stellver tretend für andere seien die Ausstellung anlässlich des 100. Jahrestags des ersten Zionistenkongresses in Basel (1997) sowie die Publi kation «Orte der Erinnerung» (2008) erwähnt, die beide durch den Osteuropa-Spezialisten Heiko Haumann angeregt wurden, dessen Interessen ebenso jüdische und lokal-verortete Geschichte betreffen. Zu den jüngeren lokalhistorischen Publikationen des Historischen Seminars zählen unter anderem «Basel – Geschichte einer städtischen Gesellschaft» oder die von der Christoph Merian Stiftung (anlässlich ihres 125-Jahre-Jubiläums) angestossene Geschichte der Armutspolitik.11 Das Historische Seminar ist gelegentlich auch Ansprechpartner von privaten Körperschaften, Gesellschaften oder Vereinen. So gehen die in den letzten Jahren mit Studierenden unternommenen quartiergeschichtlichen Nachforschungen im Breite-Quartier auf einen Anstoss des dortigen Quartiervereins zurück und führten zu einer viel beachteten Plakatausstellung und einer Publikation. Bernard Degen und Pascal Maeder geben detaillierten Einblick in dieses interessante Kooperationsprojekt. Zweifellos pflegen akademisch verankerte Lehrende und Forschende einen Umgang mit historischem Wissen, der sich von jenem anderer Produzent(inn)en von lokalhistorischem Wissen unterscheidet. Unverkennbar gibt es ein gefühltes differierendes Geschichts verständnis. Analytischer oder erklärender, ja bewusst auch di stanzierter und fremdmachender Blick einerseits und anderseits persönliche oder familiäre Bezüge, Erinnerungspflege wie auch Interesse an handfesten Fakten scheinen oft unüberwindliche Divergenzen zu sein. Die Stilisierung einer solchen Verständigungsgrenze führt indessen nicht weiter. Hilfreicher, wenn auch anstrengender dürfte der Versuch sein, gegenseitig voneinander zu profitieren. Gute, substanzielle, vielseitig ansprechende lokale Geschichtsschreibung braucht beides: Reflexion und Aussenblick wie auch Konkretheit und Nähe. Institutionell betrachtet können HAG und Historisches Seminar als zwei unterschiedlich orientierte Akteure auf dem Werkplatz gesehen werden: Für Erstere ist die Geschichte der Stadt primärer und wichtigster Bezugspunkt, für Letztere ein Thema unter anderen. Personell waren HAG und akademische Lehrende dagegen über weite Strecken eng verzahnt; die HAG war für die akademische 11 Georg Kreis/Beat von Wartburg (Hgg.): Basel – Geschichte einer städtischen Gesellschaft, Basel 2000; Josef Mooser/Simon Wenger (Hgg.): Armut und Fürsorge in Basel. Armutspolitik vom 13. Jahrhundert bis heute, Basel 2011.
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Historie vielleicht so etwas wie ihr Sprachrohr zum ausseruniversitären P ublikum, das zu einem grossen Teil aus Angehörigen des Basler Bürgertums bestand. In den letzten zwei bis drei Jahrzehnten hat sich diese Nähe, die vielfach auch auf einem sozialen und weltanschaulichen Fundus aufbauen konnte, aufgelockert, ist jedoch nicht abgebrochen. Eine fundierte Erforschung der Beziehungen zwischen HAG und akademischen Historiker(inne)n steht aus. Vielleicht würde sie eine Möglichkeit bieten, um – namentlich auf dem Hintergrund von Professionalisierung und Internationalisierung des Fachs sowie des gewandelten sozio-kulturellen Profils seiner Vertreter(innen) – die heute teilweise differierenden Sichtweisen der lokalen Geschichtskultur auf nützliche Weise zu thematisieren? Basler Geschichte für alle?
Für wen produziert der Werkplatz Basler Geschichte? Wer sind seine Kundinnen und Kunden? Dem Anspruch nach würden wohl etliche Produzenten sagen: Alle, die ganze Bevölkerung, um dann je nach Institution unterschiedliche Gruppen hervorzuheben: die Archive die Historiker(innen) und Genealog(inn)en, das Museum die Geschichtsinteressierten, die Touristen und vor allem die Schulklassen. Die tatsächlichen Kundenkreise sind zumindest n umerisch bescheiden: Lokale Geschichtsprodukte konkurrieren auf dem ausgedehnten Markt der Kulturgüter mit zahlreichen anderen Produkten, nicht zuletzt auch mit den boomenden historischen Romanen und Filmen. Andere würden zu Recht monieren, dass die Frage nach dem Absatzmarkt der Sache nicht gerecht werde und es darum gehe, historisches Wissen als notwendige Ressource möglichst vielen zur Verfügung zu stellen. Diese Intention lässt an die Frage einer öffentlichen Aufgabe denken. Genau in diesem Sinn richtete sie sich ursprünglich gegen eine elitäre Abgrenzung und bewog die HAG (im Gegensatz etwa zu ihrer Zürcher Schwestergesellschaft) schon früh dazu, sich Laien zu öffnen. «Alles basierte auf der Überzeugung, dass es bei geschichtlichen Dingen jeder Art sich um etwas handelt, das letzten Endes uns alle betrifft.»12 Daraus ging unter anderem die Tradition der Montagabendvorträge hervor, die allgemeinverständlich sein sollten. Die Vorträge gibt es noch heute. Gemessen an einem heutigen Verständnis sprechen sie lediglich ein kleines, hochgebildetes Publikum an. Popularisierung ist ein relativer Begriff. Die Überzeugung selber hat aber an Aktualität nichts verloren. Wird ihr 12 Max Burckhardt (wie Anm. 2), S. 9.
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auch nachgelebt? Nein, meint Robert Labhardt in seinem Überblick zu «Basels Geschichte im Schulbuch», das ein privilegierter Ort der (nichtkommerziellen) historischen Bildung sein sollte. Weil «historische Stadtkunde» aber gerade «im Zeitalter der Globalisierung und Migration» unverzichtbare Orientierung liefere, plädiert der Autor für eine erneuerte regionale Geschichtsschreibung. Die Frage nach dem Publikum ist ein Thema ohne Ende. Hier müssen ein paar knappe Hinweise genügen: Erstens wissen wir über die Vorlieben und das Verhalten des lesenden, schauenden, zuhörenden oder durchs Netz surfenden historisch interessierten Publikums wenig. Vergleichsweise nah bei ihren Kunden sind jedoch die Stadtführer(innen). Einer von ihnen, Peter Habicht, hat seine Erfahrung genutzt und sie in die Darstellungsform einer populären Stadtgeschichte einfliessen lassen.13 Im selben Jahr hat der süddeutsche DRW-Verlag eine zweite kurzgefasste Stadtgeschichte heraus gebracht, verfasst von drei erfahrenen (nicht nur) Lokalhistorikern.14 Der unterschiedliche Duktus in Sprache und Form illustriert die Bandbreite breitentauglicher Geschichtsbücher. Die beiden ebenso handlichen wie nützlichen Publikationen zeigen aber vor allem auch, dass Verlage lokale Geschichte für marktfähig halten. Das belegen auch die Programme der einschlägigen Basler Verlage (Schwabe, Christoph Merian u.a.), in denen lokalhistorische Titel prominent vertreten sind – auch sie wichtige Akteure auf dem Werkplatz Basler Geschichte, deren Bedeutung im vorliegenden Jahrbuch nicht erfasst wird, die aber eine eingehendere Erkundung lohnen würden. Dasselbe gilt für die in der Popularisierung baslerischer Geschichte immer wieder aktive Christoph Merian Stiftung (CMS) und die Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige (GGG). Dass lokale Geschichte, vor Ort angeboten, gefragt ist, bestätigt auch der anhaltende Erfolg der Frauenstadtrundgänge, die von den Ideen, dem Wissen und den Kompetenzen mittlerweile mehrerer Generationen von Geschichtsstudentinnen leben. Frauenstadtrundgängerinnen haben dabei schon früh das konventionelle Vermittlungsrepertoire um szenisch-schauspielerische Elemente erweitert und so die Macht von Vorstellungskraft und Phantasie genutzt. Diesen Weg beschreitet die Historikerin und Schauspielerin Satu Blanc noch bedeutend konsequenter: Für sie ist die «Transformation 13 Peter Habicht: Basel – mittendrin am Rande, Basel 2008. Englische Parallelausgabe unter dem Titel: Basel – A center at the fringe. 14 Hans Berner/Claudius Sieber-Lehmann/Hermann Wichers: Kleine Geschichte der Stadt Basel, Leinfelden-Echterdingen 2008 (2. Aufl.: 2012).
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von Geschichte aus dem wissenschaftlichen Raum in den Rahmen eines Theaterstücks» der entscheidende kreative Prozess, der «histo risches Wissen auf eine publikumswirksame Ebene» bringt. Im Beitrag «Geschichte erleben» gibt sie Einblick in ihre Arbeit. Auf zu neuen Ufern
Kehren wir am Ende an den Anfang zurück: Die Autorinnen und Autoren in diesem Band reden von Erneuerungsbedarf, ja von der Notwendigkeit eines Aufbruchs, vergleichbar jenem vor einem guten Jahrhundert. Gut möglich, dass uns ‹Wackernagel› noch mehr in den Knochen steckt, als wir uns gewahr sind – und ganz ohne dass wir seine Stadtgeschichte gelesen hätten. Ganz offenkundig ist, dass der Werkplatz Basler Geschichte um 1900 eine intensive Phase des Aufbaus von Institutionen und Wissensordnungen erfahren hat. Das geschah noch im Geist positivistischer Gewissheiten des 19. Jahrhunderts. Doch während des Ersten Weltkriegs änderten sich die Vorzeichen. Unter dem Eindruck einstürzender Gesellschaftsordnungen, von Kriegsgreueln und Wertezerfall verabschiedete der deutsche Historiker Ernst Troeltsch schon 1916 den Glauben an die Einheit der Geschichte.15 Fortan werde es eine Vielzahl von Geschichten geben, die sich gegenseitig nicht verstehen müssen. Lieferte Geschichte zuvor Statements für Hoffnung und Vertrauen, so schienen jetzt Bescheidenheit und Respekt angesagt. Der Beginn des Ersten Weltkriegs jährt sich demnächst zum hundertsten Mal. Doch nicht das Jubiläum macht ihn heute wichtig, sondern seine Implikationen für die Schweiz, die die historische Forschung bis heute nur ungenügend erörtert hat. Das gilt nicht nur, aber auch für Basel. Es ist darum kein Zufall, dass sich in diesem Band auch ein Beitrag zum Forschungspotenzial Basler Archive zum Ersten Weltkrieg findet, verfasst von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen des Staatsarchivs, des Schweizerischen Wirtschaftsarchivs, des Historischen Museums und der Universitätsbibliothek. Diese kleine Kooperation ist kein schlechtes Omen für das, was eine neue Basler Geschichte für den Werkplatz bedeuten würde, bedeuten kann: die Chance zu Kooperation, Austausch, Diskussion, den Mut zum neuen Blick auf scheinbar Altvertrautes – gerade weil wir uns schon längst von einer Geschichte als einigendem Band verabschiedet haben. 15 Ernst Troeltsch: «Über die Maßstäbe zur Beurteilung historischer Dinge», in: Historische Zeitschrift 116 (1916), S. 1–47, hier S. 46.
Mit Wackernagel weiter kommen von Claudius Sieber-Lehmann In memoriam Katharina Simon-Muscheid
Wenn der Vorschlag einer neuen Basler Kantonsgeschichte auftaucht, ist häufig der Satz zu hören: «Wir brauchen keine neue Darstellung. Wir nehmen einfach Rudolf Wackernagels Werk, das bis zur Reformation reicht, und hängen eine Fortsetzung an.» In der Vergangenheit wurde dies in der Tat auch so gehandhabt, wie das Beispiel von Paul Burckhardt zeigt, der das Werk Wackernagels bis ins Jahr 1942 fortsetzte. Sein Werk ist nicht mehr im Buchhandel erhältlich, die ältere Geschichte Wackernagels kann aber immer noch für rund 200 Euro erworben werden.1 Warum also nicht einfach Paul Burckhardt ersetzen und die Zeit von Reformation bis Gegenwart ein wenig aufdatieren, um eine neue Stadtgeschichte zu erhalten? Die neueren Gesamtdarstellungen greifen nämlich für die Epoche des Mittelalters alle mehr oder weniger auf Wackernagels Monumentalwerk zurück und ergänzen es mit neueren Forschungsergebnissen. Sein Einfluss auf das Bild, das sich die Stadt Basel von ihrem Mittelalter macht, ist in der Tat immens. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen. Wackernagel amtete als erster offizieller Staats archivar der Stadt, obwohl er von der Ausbildung her eigentlich Jurist war.2 Er sichtete das vorhandene Material, erstellte eine Archivordnung und ordnete die historischen Dokumente seinem Schema zu.3 Technisch wird dieses Vorgehen bekanntlich als Pertinenzprinzip bezeichnet, d. h., es werden «Universalien» vorausgesetzt, die sich auf die Geschichte aller Menschen anwenden lassen. Am radikalsten wurde dieses Vorgehen in Frankreich als Folge von Revolution und Zentralisierung umgesetzt. Die Quellen in den 1 Rudolf Wackernagel: Geschichte der Stadt Basel, 3 Bände (in 4 Teilen), Basel 1907–1924; Paul Burckhardt: Geschichte der Stadt Basel von der Zeit der Reformation bis zur Gegenwart, Basel 1942. 2 Zu Wackernagels Tätigkeit als Archivar vgl. Andreas Staehelin: Geschichte des Staats archivs Basel, [Teil 2:] 1869–1917: Die Aera Rudolf Wackernagel, in: BZGA 103 (2003), S. 85–148. 3 Sein Einordnungsraster blieb bis heute unangetastet und wird auch für die elektronische Erschliessung via Scope benutzt (vgl. http://query.staatsarchiv.bs.ch/archivplansuche, Menüpunkt: Älteres Hauptarchiv, 1098 bis ca. 1936).
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Claudius Sieber-Lehmann
« Archives Départementales» sind für das Mittelalter und das Ancien Régime bis heute nach «Séries» geordnet, die von A–I reichen. Sie beginnen mit der «Série A : Actes du pouvoir souverain; domaine» und enden bezeichnenderweise mit «Série I: Fonds protestants». Auf den ersten Blick hat dies den Vorzug, dass sich die Forscherinnen und Forscher überall sofort zurechtfinden, aber genau wie im Falle der Universalien gibt es immer irgendeine Residualkategorie, wo all das landet, was sich der vorgegebenen Archivordnung entzieht. Berühmt sind in dieser Beziehung die «Unnützen Papiere» (Signatur UP) des Berner Staatsarchivs, die im neuen Archivsystem (leider) einen unverfänglicheren Namen erhielten. Erwartungs gemäss finden sich in diesen Restbeständen wahre Kostbarkeiten.4 Das Pertinenzprinzip gilt heute als überholt. Abgesehen vom erwähnten Problem, dass bestimmte Quellen und Überreste sich einer gängigen Klassifizierung entziehen, zerstört dieses Vorgehen die alten Überlieferungssituationen, deren Systematik das Selbst verständnis der Obrigkeit und ihrer Verwaltung widerspiegelt. So liegen die päpstlichen Bullen in Bern nach der Reformation bezeichnenderweise im «römischen Plundersack», ein hübscher Hinweis auf den gewandelten Umgang mit der religiösen Vergangenheit.5 Das Pertinenzprinzip passte aber hervorragend zu Rudolf Wackernagels Naturell. Auf diese Weise konnte er vorab seine eigene (Welt-)Ordnung im Archiv abbilden, um auf dieser Grundlage seine Geschichte Basels zu schreiben. So beginnt der Plan des Älteren Hauptarchivs mit den Urkunden, der damals wichtigsten Quelle für die traditionelle Mittelalterforschung. Weitere Einzelkategorien zeigen, wie sehr die Nahrungsmittelversorgung für den Stadtbewohner Wackernagel – im Gegensatz zu heute – noch wichtig war: Fischerei – Fleisch – Frucht und Brot – Jagd – Salz – Wein. Die Abteilung «Wacht und Sperr (1415–1907)» verweist wiederum auf die traditionelle Abgeschlossenheit der städtischen Gesellschaft Basels, die nur zögernd dem Abbruch der Stadtmauern zustimmte. Der Archivplan lässt sich geradezu wie eine Karte damaliger baslerisch-städtischer Mentalität eines Angehörigen des Patriziats lesen. Dabei bewältigte Rudolf Wackernagel trotz einer schweren körperlichen Behinderung ein Arbeitspensum, das bis heute Staunen 4 Vgl. beispielsweise Catherine Schorer: Berner Ämterbefragungen. Untertanenrepräsen tation und -mentalität im ausgehenden Mittelalter, in: Berner Zeitschrift für Geschichte und Heimatkunde 51 (1989) S. 217–253. 5 Zitiert bei Adolf Fluri: Ablassbriefe zugunsten des St. Vincenzen-Münsters zu Bern, Bern 1915 (Münsterbaubericht 1915), S. 3.