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Steinbruch oder Wissensgebäude?

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In diesem Band wird erstmals systematisch nach der Rezeption eines Werkes von Athanasius Kircher gefragt. Bislang hatte man sich von einigen bekannten negativen Stimmen zu der ­ ­Annahme verleiten lassen, mit der Frühen Neuzeit habe auch sein dafür prototypischer kompi­ latorischer Ansatz und universalwissenschaftlicher Überbau ausgedient. Die hier versammelten Überblicksdarstellungen und repräsentativen Fallstudien können jedoch wenigstens für seine Musikenzyklopädie Musurgia universalis Rezeptionsspuren bis ins 18. und

STEINBRUCH ODER WISSENSGEBÄUDE?

Istituto Svizzero di Roma | www.istitutosvizzero.it

sogar 19. Jahrhundert nachweisen, die von Irland bis St. Petersburg reichen.

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R omana

STEINBRUCH ODER WISSENSGEBÄUDE? ZUR REZEPTION VON ATHANASIUS KIRCHERS «MUSURGIA UNIVERSALIS» IN MUSIKTHEORIE UND KOMPOSITIONSPRAXIS

Folgende Leitfragen durchziehen die einzelnen Texte: Wird die Musurgia als Gesamtentwurf oder nur in einzelnen Komponenten rezipiert? Wofür steht sie? In welchen Kontexten wird auf sie ­referiert? Lassen sich konfessionell unterschiedliche Les- und Benutzungsarten identifizieren? Hat

HERAUSGEGEBEN VON MELANIE WALD-FUHRMANN

Kirchers starke Betonung der Verbindung von Theorie und Kompositionspraxis eine Umsetzung er­ fahren? Damit lädt das Buch auch dazu ein, neu über die Grenze zwischen Früher Neuzeit und Moderne

Melanie Wald-Fuhrmann ist Musikwissenschaftlerin und nach Stationen als Professorin in Lübeck und an der Humboldt-Universität zu Berlin nun Direktorin der musikwissenschaftlichen Abteilung am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik. Seit ihrer Zürcher Dissertation über Kirchers ­Musurgia (erschienen 2006 im Bärenreiter-Verlag) zählen die Frühe Neuzeit, das Musikschrifttum sowie die Verbindungen zwischen musikästhetischer Spekulation und musikalischer Praxis zu ihren regelmässig gepflegten Forschungsschwerpunkten.

I S B N 978-3-7965-2898-9

Schwabe Verlag Basel www.schwabeverlag.ch

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783796 528989

WALD-FUHRMANN

nachzudenken.

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H E L V E T I C A

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Herausgegeben von Christoph Riedweg und Philippe Mudry Istituto Svizzero di Roma | Schweizerisches Institut in Rom | Institut Suisse de Rome


MELANIE WALD-FUHRMANN (HRSG.)

STEINBRUCH ODER WISSENSGEBÄUDE? ZU R RE Z E PT IO N V O N A T H A NAS I U S K I R C HE R S « MU S UR G IA UN IV E RS A L I S » I N MU S IK TH E O R IE UN D K O M POS I T I ONS PR AXI S

S C HWAB E VE R L AG B AS E L


Gedruckt mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung

Copyright © 2013 Schwabe AG, Verlag, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Vignette Umschlag: Stierkopf, römische Bronze, gefunden in Martigny (Wallis) Abbildung Umschlag: Detail aus dem handkolorierten Exemplar der Musurgia in der Universitätsbibliothek von Glasgow, by permission of University of Glasgow Library, Special Collections. Satz: Felix Michel, Zürich Gesamtherstellung: Schwabe AG, Druckerei, Basel/Muttenz, Schweiz Printed in Switzerland ISBN 978-3-7965-2898-9 rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch


Inhaltsverzeichnis

Vorwort Melanie Wald-Fuhrmann ...................................................................................

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Grundzüge der Bewertung Kirchers im europäischen Musikschrifttum des 18. Jahrhunderts Wolfgang Fuhrmann ..........................................................................................

1

Umfeld und Kontexte Musica dell’uomo e musica di Dio: aspetti di «storia della musica» nella Musurgia universalis di Athanasius Kircher Tiziana Pangrazi .................................................................................................

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Ramificazioni dell’encyclopaedia: Caramuel e Kircher, e l’ars combinatoria nella composizione musicale Daniele Sabaino .................................................................................................

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«Sopra le sciocchezze del Kirchero stampate in Italia»: risvolti e strascichi polemici della Musurgia universalis sullo sfondo del Seicento musicale romano Claudio Annibaldi ..............................................................................................

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Inhaltsverzeichnis

VI

Rezeption im katholischen Raum «Romanarum Basilicarum Symphoniarchae praestantissimi»: la propagazione kircheriana di compositori romani e la politica musicale pontificia Klaus Pietschmann .............................................................................................

81

«Was michs kostet, die Indianer in unserer Europäischen Music zu instruiren, ist dem lieben Gott allein bekannt»: Kircher und die jesuitische Mission durch Musik in Paraquaria Jutta Toelle ........................................................................................................

93

Kircher in Wien: Einflüsse auf Theorie und Kompositionspraxis Melanie Wald-Fuhrmann ................................................................................... 107 Kirchers Kompositionsschüler an den Habsburgerhöfen: Organisten und Kaiser Herbert Seifert .................................................................................................... 131

Reaktionen und Debatten in Deutschland Kircher als musiktheoretischer Gewährsmann protestantischer Autoren um und nach 1700 Klaus-Jürgen Sachs ............................................................................................. 143 Johann Matthesons Polemik gegen Kircher: Zeichen einer gewandelten Wissenschaftskultur? Hansjörg Drauschke ........................................................................................... 163 Musik, Magie und Andacht Laurenz Lütteken ............................................................................................... 179 Ernst Anton Nicolais Die Verbindung der Musik mit der Artzneygelahrtheit (Halle 1745) Andreas Waczkat ................................................................................................ 193 Gesamtbibliographie .......................................................................................... 201 Register .............................................................................................................. 235 Abbildungsnachweise ......................................................................................... 245


Melanie Wald-Fuhrmann Vorwort


Melanie Wald-Fuhrmann

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Die Themenstellung dieses Bandes mag zunächst irritieren: Einflüsse auf Kirchers Denken, ja, die lassen sich bei einem erklärtermassen traditionsbewusst und kompilatorisch vorgehenden Autor selbstverständlich in überreichem Masse finden. Ein Weiterleben seiner Konzepte hingegen scheint allgemein nur schlecht vorstellbar, nicht zuletzt auch deshalb, weil in der Menge des Zitierten und Kompilierten zunächst kaum etwas Eigenes erkennbar wird. Viel eher ist man in der Forschung geneigt, ihn als Endpunkt einer jahrhundertealten Tradition anzusehen. Ob man ihn, titelwirksam, apostrophiert als «the last man who knew everything»,1 statt wirklicher Rezeptionszeugnisse nur die immer selben, freilich süffig zu lesenden polemischen Rundumschläge gegen ihn zitiert, oder die Frage nach der Rezeption gar nicht erst stellt: Aus alledem spricht die implizite – und durchaus mit guten Gründen zu vertretende – Überzeugung davon, dass mit Kirchers Schriften bestimmte neoplatonischfrühneuzeitliche Diskurse unwiderruflich ihr Ende gefunden haben. Kirchers Nachleben scheint folglich, wenn überhaupt, nur als Geschichte seines Vergessens erzählbar. Und man könnte mit ihr bereits im 17. Jahrhundert beginnen: Das für Kircher zentrale analogisch-magische Denken im Allgemeinen, das Festhalten an einer harmonia mundi im Besonderen gilt gemeinhin schon zu dieser Zeit als hoffnungslos überaltert. Immerhin wirkten die Heroen der sogenannten wissenschaftlichen Revolution und des neuzeitlichen Denkens – Galilei, Kepler, Francis Bacon und Descartes – neben oder bereits vor Kircher. Und spätestens an der grossen geistesgeschichtlichen Wende ab 1700, an der Verbreitung von Aufklärung, empirischer Methode und disziplinärer Ausdifferenzierung müsste Kirchers Universalwissenschaft mit dem Hang zum Dunklen, Magischen und Arkanen dann endgültig gescheitert sein; eine Narration, die im Grunde sämtliche Disziplinen bestimmt, an deren Entwicklung sich Kircher beteiligt hat. Und so findet sich auch in beinahe keiner der neueren Arbeiten – die ausgelöst durch das letzte Jubiläum 2002 mittlerweile in beträchtlicher Zahl existieren2 und neben einem Grundbestand von Themen wie dem Museum Kircherianum, der Universalwissenschaft, Kombinatorik, Enzyklopädik und dem Magnetismus auch etliche neue, originelle Zugänge und Fragestellungen präsentieren3 – eine ernstzunehmende Rezeptionsperspektive entwickelt. Eine Ausnahme wie die von Gerhard Strasser für das Lesepublikum der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel vorgenommene Erhe-

1

So der Titel eines jüngeren Sammelbandes, Findlen 2004.

2 Genannt seien hier v.a. die grossen Sammelbände: Casciato/Janiello/Vitale 1986, Stolzenberg 2001, Lo Sardo 2001, Beinlich/Daxelmüller 2002 und Vercellone/Bertinetti 2007. (Die Beiträge der Fuldaer Kircher-Tagung von 2003, hg. von Berthold Jäger, sind im Druck.) 3 Verwiesen sei etwa auf die Arbeiten von Englmann 2006, Schmidt-Biggemann 2005, Siebert 2008 und Totaro 2009.


Vorwort

bung4 scheint durch ihre Ergebnisse die vorgefasste Meinung so präzise zu bestätigen, dass eigenständige, systematische Untersuchungen zur Frage nach einer produktiven Auseinandersetzung mit Kirchers Werken gar nicht erst ins Auge gefasst wurden.5 Für den Sonderfall der Musurgia universalis und damit für Kirchers musiktheoretische und -praktische Überlegungen ist ein geringfügig modifiziertes Bild zu zeichnen: So, wie die Musikwissenschaft bei der Erforschung Kirchers für einmal den anderen Disziplinen voranging – Ulf Scharlaus Monographie zur Musurgia ist die erste neuere Kircher-Studie überhaupt gewesen,6 die Musurgia 7 sowie die mittlerweile sogar schon zweimal aufgelegte deutsche Teilübersetzung des Werkes von 1662 und die Übersetzung der Phonurgia sind bis heute die einzigen im Nachdruck vorliegenden Schriften Kirchers8 –, so wurden auch aus der Musikwissenschaft heraus erste rezeptionsgeschichtliche Untersuchungen vorgenommen: Zwar lassen sich auch für eine rapide schwindende Achtung vor Kirchers musikalischen Lebenswerk leicht ‹Beweise› finden: Die polemischen Ausfälle eines Marcus Meibom, Giovanni Andrea Bontempi oder Johann Mattheson, die Vorbehalte der englischen Royal Society scheinen hier Bände zu sprechen. Gerade Mattheson hatte ja mit dem Solmisationssystem und der mathematischen Musiktheorie überdies ostentativ (illustriert im berühmten Titelkupfer aus dem Beschützten Orchestre) auch die Fundamente von Kirchers Denken zu Grabe getragen. Doch fand schon Scharlau in dem bis ca. 1750 reichenden Rezeptionsüberblick, mit dem er seine Studie beschloss, auch Fälle einer ausgesprochen positiven Reaktion auf die Musurgia.9 Teilaspekten dieses Zeitraums widmeten sich Wolfgang Hirschmann10 und Sebastian Klotz.11 Im Lichte der aktuellen Forschungen zu Kircher und seiner Musurgia, ihren Lesern, Absichten und Kontexten schliesslich zeigt sich immer deutlicher, dass das im Kern doch negative Urteil Scharlaus revisions- und ergänzungsbedürftig ist. Eine systematische Untersuchung der Wirkungs- und Beurteilungsgeschichte dieses Werkes dürfte nicht nur ausgesprochen ertragreich und spannend sein, sondern die bisherige einseitige Stossrichtung – ausgehend von dem Paradigma der Rezeption eines Textes in Texten, und zwar ausschliesslich musikbezogenen Fach-Texten – merklich bereichern können. Es scheint daher – erstens – angezeigt, die fachbezogene Wahrneh4 Strasser 2006. 5 Ein einziges, jedoch frühes und vereinzeltes Beispiel positiver Einflussforschung bietet Glick 1971 für den Bereich der Astronomie; ein wenig auch bei Englmann 2006, 170–175. 6 Scharlau 1969b. 7 Scharlau 1970. 8 Seit 2009 freilich läuft an der FU Berlin ein von Anne Eusterschulte, Wilhelm Schmidt-Biggemann und Olaf Breidbach geleitetes Projekt, das zum Ziel hat, Kirchers Hauptwerke in kommentierten Reprintausgaben herauszubringen. 9 Scharlau 1969b. 10 Hirschmann 1996. 11 Klotz 2006.

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Melanie Wald-Fuhrmann

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mung durch die Beschreibung derjenigen in den vielen anderen Adressatengruppen zu ergänzen, die Kircher ansprechen wollte: Zeigt schon das verdoppelte Vorwort eine Ausrichtung sowohl an den Debatten und Interessen von Musikern und Musikgelehrten als auch von Angehörigen der respublica litterarum, so ergibt sich aus der Widmung und grösseren Textpassagen auch der europäische Adel als anvisiertes Publikum, während andere Abschnitte etwa dezidiert auf eine jesuitische Leserschaft zielen. Und da Kircher in seiner Musurgia nur weniges so sehr betont wie die beabsichtigte Engführung von Theorie und Praxis, so stellt sich – zweitens – auch mit allem Nachdruck die Frage nach einer eventuellen Relevanz von Kirchers Ideen für die musikalische und kompositorische Praxis des 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts. Und schliesslich lassen es nicht nur die – freilich bislang kaum je wirklich zur Kenntnis genommene – lange Präsenz Kirchers in den Nachschlagewerken und Übersichtsdarstellungen zur Geschichte der europäischen Gelehrsamkeit im Allgemeinen, des Musikdenkens im Besonderen, sondern auch gewisse Affinitäten der Jahrzehnte um 1800 zu einer gerade auch durch Kircher repräsentierten Weltanschauung als geraten erscheinen, den zeitlichen Ausschnitt solcher Spurensuchen bis in das 19. Jahrhundert hinein auszudehnen. So genoss Kircher – und damit wären wir auf der Haben-Seite einer möglichen Rezeptionsgeschichte – schon zu Lebzeiten gradezu Star-Ruhm: Unzählige Briefe wurden an ihn gerichtet. In Rom bestürmten ihn Besucherscharen und liessen sich seine Wunderkammer in den Räumen des Collegium Romanum zeigen. Immer wieder wurden solche Erlebnisse auch in Reiseberichten publiziert, wodurch das Musæum Kircherianum zu mindestens gesamteuropäischer Bekanntheit gelangte. Zeitgenossen widmeten ihm ihre meist naturwissenschaftlichen Werke;12 ein ganzer Kreis von Schülern setzte sein Werk fort und trug mit der Herausgabe seiner Vita, von Briefen und Katalogen seines Museums dergestalt zum Fortleben dieses Ruhmes bei, dass ein rasches Verschwinden aus dem kollektiven Gedächtnis schlechterdings nicht möglich war. Auch die beiden für unser Thema besonders relevanten Übersetzungen der Musurgia und der Phonurgia ins Deutsche spiegeln das grosse Interesse an Kircher wider. Ein Blick in Gelehrtenlexika oder das Musikschrifttum zeigt ferner, dass Kircher den Autoren bis ins 19. Jahrhundert hinein nicht nur ein Begriff blieb, sondern auch als – positiv wie negativ konnotierte – Schlüsselfigur einer musiktheoretischen Tradition gelten konnte und bisweilen nachdrücklichstes Interesse hervorrief. Schon aufgrund der Fülle der von ihm zusammengetragenen physikalisch-akustischen, physiologischen, historischen, philologischen, theoretischen und praktischen Informationen, die

12 So der Jenaer Mediziner Werner Rolfinck oder der Italienier Francesco Redi (Redi 1671). Zur Verbreitung von Kirchers Schriften, der Voraussetzung für jede Rezeption, Fletcher 1988a, dort S. 11 weitere Widmungen an Kircher.


Vorwort

noch zudem systematisch aufbereitet und bequem über Register und Inhaltsverzeichnis erschlossen waren, war an Kircher kein Vorbeikommen. Denn mit der wissenschaftlichen Methode wandelten sich nicht unbedingt auch die Fragestellungen. Die Musik der alten Ägypter, Hebräer und Griechen beispielsweise war ein Thema, über das man auch im 18. Jahrhundert und darüber hinaus gerne Genaueres gewusst hätte, weshalb sich die ab 1700 vermehrt entstandenen Musikgeschichten freimütig aus der Musurgia bedienten; noch 1767 wurden in einem Kompendium für hebräische Altertümer sogar zwei ihrer Bücher nachgedruckt,13 während sich das ideosynkratisch auch aus Kircher schöpfende Interesse Friedrich Creuzers an der Antike überdies in das romantische Interesse für Hermetik fügte.14 Und als Giuseppe Sarti 1790 für Zarin Katharinas II. politisches Prestigeprojekt eines nationalhistorischen Theaterspektakels eine Szene aus Euripides Alkestis möglichst antikisch vertonen musste, bediente er sich dafür Kirchers antiker Melodieprobe, der Pindar-Ode.15 Auch Kirchers Überlegungen und Experimente zur Akustik, besonders zur Schallreflexion, blieben ein wichtiger Anknüpfungspunkt für Architektur und Aufführungspraxis. Der Tarantismus sowie das gesamte Gebiet einer musikalischen Medizin faszinierte noch lange. Ganz abgesehen davon, dass die Formulierung und Veröffentlichung eines Gedankens noch keineswegs identisch mit seiner geistesgeschichtlichen Durchsetzung ist. Dafür braucht es – und die Geschichte der wissenschaftlichen Revolution ist dafür ein gutes Beispiel – oft noch Jahrzehnte. Es könnte daher lohnen, dem Beharrungsvermögen eines bestimmten, noch dazu traditionsreichen Weltbildes bis in das 18. Jahrhundert hinein zu folgen, aber auch zu fragen, wie sich die bekannte Wiederbelebung magisch-hermetischer Ideen gegen 1800 als Abwehrreflex gegen die an ihr Ende kommende Aufklärung16 zu Kircher verhält. Dass hier nur sein musiktheoretisches Œuvre zur Sprache kommen soll, lässt sich angesichts der Relevanz der Musik für die Konzepte der beginnenden Romantik durchaus rechtfertigen.17 So rekurrierte die vor allem literarisch zur Erscheinung kommende Äolsharfen-Mode um 1800 – die

13 Ugolino 1767. Auch Filippo Bonanni, der Nachfolger Kirchers in seinem Museum, griff für sein 1722 erschienenes und noch 1776 wiederaufgelegtes Gabinetto armonico auf die Musurgia zurück. Siehe dazu Ghirardini 2007. 14 Creuzer 1810–1812, 21819–1821. 15 Siehe dazu jetzt Kirillina 2013. 16 Das Interesse der sogenannten «Schwärmer» an den Gegenmodellen und Abstossungspunkten der Aufklärung wie Hermetik, Theologia mystica und Kabbala ist durch Schings 1977 aufgearbeitet worden (siehe etwa S. 148: «Die Spätaufklärung in Deutschland besteht zu einem nicht geringen Teil in der Exegese und Fortentwicklung von Ansätzen, die aus jener Epoche [der Zeit um 1700] datieren.»). Zur konkreten, literarischen Rezeption des Barock siehe Martin 2000. 17 Ein erster Einblick dazu bei Wald 2006b, 184–195, und Hust 2009.

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Melanie Wald-Fuhrmann

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nicht wenig zu tun hatte mit dem neuplatonischen Konzept der Weltenharmonie – oft sogar explizit auf die entsprechende Erfindung Kirchers. Einige der genannten Aspekte sind von der musikwissenschaftlichen Forschung der letzten Jahre bereits vermerkt worden. Im Mittelpunkt standen hierbei solche Themen, an deren Etablierung in den Diskursen man Kircher durchaus einen originellen Anteil zusprechen kann, nämlich die Nutzbarmachung der Kombinatorik für die Musik als Theorie und Praxis,18 das Konzept einer Musik als Universalsprache19 sowie die Stillehre, besonders das Phänomen des stylus phantasticus.20 All das ist Grund genug, endlich einmal in einem grösseren Zusammenhang nach dem Schicksal der Musurgia vom späten 17. bis ins beginnende 19. Jahrhundert zu fragen: Wo finden sich Anknüpfungspunkte für eine Rezeption? Lassen sich zeitliche Schnittstellen identifizieren? Wer rezipiert Kircher wie und mit welchen Inhalten? In welchen Zusammenhängen und mit welcher Absicht greift man auf die Musurgia zurück? Gibt es regionale oder konfessionelle Trennlinien? Und wie verhält sich all das zu Kirchers offenkundigen Versuchen, seine eigene Rezeption nachdrücklich selbst zu lenken? Dabei versprechen zwei Leitfragen besonderen Aufschluss. Erstens: Bleibt die Musurgia in der Rezeption und Benutzung als ein zusammenhängendes Gewebe, als ein weltanschauliches Modell in voller Integrität erhalten oder dient sie – dies die zweifellos näherliegende Annahme – doch eher als Steinbruch des in ihr versammelten Detailwissens, unabhängig von ihrem intendierten weltharmonischen und enzyklopädischen Zusammenhang? Und zweitens: Schaffte es das für Kircher so zentrale Postulat der Einheit von Theorie und Praxis – das sich schon auf dem Frontispiz der Schrift ausdrückt, in dem an den unteren Ecken Allegorien der Musiktheorie (Pythagoras und die Schmiede) und der musikalischen Praxis (eine von Instrumenten umgebene Frau) plaziert sind – jemals über die Buchseiten hinaus oder ist es doch ein spekulatives Konzept ohne jede Auswirkung auf die Praxis geblieben? Methodisch scheint es ratsam, nicht nur nach direkten, explizit gemachten Bezugnahmen zu suchen. Die Modi von Rezeption sind generell durchaus vielschichtiger: So müssten thematische Felder, in denen ein Weiterdenken ‹in seinem Geiste› am wahrscheinlichsten ist, auch bei fehlender Namensnennung in die Untersuchungen miteinbezogen werden; eine Rezeptionsform, die gegen Ende des 18. Jahrhunderts immer wichtiger werden dürfte. Unter diesen Prämissen also entstand das vorliegende Buch. Die gestellten Fragen gaben den Horizont ab für die konkreten Themenformulierungen, die ihrerseits eine bestimmte Versuchsanordnung widerspiegeln. So ist die grundlegende Einteilung in Beiträge zur katholischen und solche zur protestantischen Rezeption Folge

18 Hierzu v.a. die Arbeiten von Sebastian Klotz: Klotz 1999 und 2006. 19 Heinemann 2006. 20 Schneider 2007, Collins 2005 und Siegele 1999.


Vorwort

der These, dass diese konfessionelle Differenzierung sinnvoll und signifikant ist. Gleich mehrere Texte widmen sich überdies Formen des direkten Einflusses der Musurgia in Rom und Wien, den Zentren der geistlichen und weltlichen katholischen Macht, mit denen sich Kircher immer wieder explizit identifiziert hat.21 Es lag nahe, wenn überhaupt, dann hier einen direkten Nachhall seiner Gedanken zu erwarten. Ferner geht es um bestimmte thematische Teilaspekte, die in der Musurgia eine herausragende Rolle spielen, etwa die Propagierung einer römischen musikalischen Schule, die Mission durch Musik, die Denkfigur der «concors discordia», das durch ein Hilfsmittel ermöglichte kombinatorische Komponieren oder der therapeutische Wert der Musik. Weitere ebenso signifikante Themen liessen sich nennen, die zumeist einfach wegen der Kontingenz, denen Tagungen wie alles andere unterworfen sind, keinen Eingang in diesen Band gefunden haben: Lohnend erscheint etwa die Idee einer Mikrogeschichte von Kirchers Beteiligung am römischen Musikdiskurs und Musikleben, in der die Orte, Gesprächspartner, Gattungs- und Stildebatten, Kooperationen und massgeblichen Institutionen beleuchtet und in ihrer wechselseitigen Beeinflussung abgewogen würden. Ausserdem liesse sich denken an Überblicke zu seiner Rezeption in England (das von der Tradition der hermetischen Musik über Samuel Pepys, in dessen Besitz sich eins der nur zwei erhaltenen Exemplare der Arca musurgia befand,22 eine kolorierte Version der Musurgia im Special collections department der Glasgower Universitätsbibliothek23 – ein Ausschnitt daraus schmückt das Cover dieses Bandes – bis hin zur Royal Society etliche und zugleich ganz verschieden geartete Anknüpfungspunkte bietet24) und Frankreich (wo es zunächst gölte, das Verhältnis zu Mersenne und seiner Harmonie universelle sorgfältig neu zu bestimmen; ansonsten gibt es bislang nur Hinweise auf eine ablehnende Haltung der empirischen Akustiker wie etwa Huygens. Was die Académie de France à Rome oder die französischen Jesuiten allerdings von Kircher wahrnahmen, liegt noch gänzlich im Dunkeln.). Selbst Osteuropa, jedenfalls soweit es unter habsburgischer Herrschaft stand, scheint eine Region gewesen zu sein, in der eine relativ lebendige Auseinandersetzung mit Kirchers Musurgia stattfand, v.a. durch Personen mit jesuitischen Beziehungen wie Baltasar Janovka oder Jurai Križanić.25 Wichtig erschiene auch eine Untersuchung zur Musikpraxis und -theorie der Jesuiten nach 1650, um die Frage beantworten zu können, 21 Dass Kircher eine nicht unwesentliche Rolle bei der Neu- und Selbstdefinition des Habsburgerreiches im 17. Jahrhundert spielte, liess erstmals die Arbeit von Robert Evans (Evans 1979/1986) erkennen. 22 Heute aufbewahrt in der Pepys Library des Magdalene College in Cambridge. 23 Glasgow, University Library Sp Coll Ferguson Af-x.9 und Af-x.10. In Glasgow wird überdies ein handschriftlicher lateinischer Musiktraktat aufbewahrt, der hauptsächlich auf Kircher fusst und u.a. vier Musikstücke enthält, die ebenfalls der Musurgia entnommen sind; GB-Ge R.d.51. 24 Einige Ansätze dazu bei Gouk 1999 und Cook 2004 (hier freilich ohne jeden Bezug zur Musik). 25 Zu Križanić und seiner Beschäftigung mit der musikalischen Kombinatorik siehe Klotz 2006.

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inwiefern hier die erste und zugleich grösste Musikschrift aus den Reihen der Gesellschaft selbst nachwirkte. Hier wäre nicht zuletzt auch ein Blick in die östlichen Missionsgebiete, v.a. wohl China, sicherlich ebenso lohnend wie aufschlussreich, schließlich agierten mit Tomás Pereira und Teodorico Pedrini zwei Jesuiten als Hofmusiker des Kaisers Kangxi. Weiter wäre Kirchers Einfluss auf die Ideen über die antike hebräische und ägyptische Musik bis hin zu den Denkmodellen und Darstellungsformen früher musikethnologischer Interessen zu überprüfen. Auch das Feld des Musikinstrumenten- und Automatenbaus bietet sich für eine Rezeptionsstudie bis mindestens in das frühe 19. Jahrhundert an. Ob die grosse Orgel des Klosters Weingarten 1737 und 1739 ganz aus der Zahl Sechs heraus konzipiert wurde26 (was auffällig an Kirchers Darstellung der Weltschöpfung als von Gott gespielte Orgel mit sechs Registern/Pfeifengruppen erinnert, deren jede einen Schöpfungstag und damit einen Teil der Weltordnung repräsentierte27) und damit offenkundig symbolischen Gehalt zur Erscheinung bringen sollte, oder ob die Erfindungen neuer Instrumente um 1800, von deren Beschreibungen die Allgemeine musikalische Zeitung voll ist, auch das Bestreben dokumentiert, die Welt auf eine besondere Weise Klang werden zu lassen: Jeweils spiegelt sich hier ein Interesse, das gewissen Kircherschen Ansätzen so ähnlich ist, dass sich die Frage nach einer entsprechenden Beeinflussung wenigstens stellen liesse. Dass sich all die Mosaiksteinchen, die in diesem Band zusammengetragen sind, am Ende tatsächlich zu einem Bild fügen oder nicht doch nur Splitter, herausgebrochen aus dem kircherschen Wissensgebäude, bleiben, wage ich noch nicht zu prognostizieren. Doch immerhin hat die intensive Suche nach Rezeptionsspuren und -indizien, auf die sich die Autoren begeben haben, schon jetzt weit mehr zutage gefördert, als bislang zur Debatte stand. Neue Themen, Autoren und erstmals auch Spuren praktisch-kompositorischer Rezeption rücken ins Bewusstsein, und die bisherige Auffassung von der zeitlich und geographisch beschränkten, bald nivellierten Nachwirkung, wie sie Scharlau 1969 formulierte, kann, wenn nicht falsifiziert, so doch nachdrücklich umakzentuiert werden. Ferner ist die Herangehensweise erstmals eine systematische, wodurch bestimmte Rezeptionsmodi und Rezipientenkreise herausmodelliert werden konnten. Aufs Ganze gesehen erweist sich Kirchers scheinbar so sperrige und aus dem üblichen Rahmen des Musikschrifttums herausfallende Musurgia damit als ein Text, in den die bedeutendsten musikalischen Themen und Problemstellungen seiner Zeit in zwar origineller, aber dennoch paradigmatischer, verallgemeinerbarer und überlebensfähiger Weise aufgenommen sind. So kann sie nicht mehr länger als ein bloss 26 Zur Weingartner Orgel Spahr 1974, 153–159, und Jakob 1986. 27 Siehe Kircher 1650, II, nach S. 366, zu dieser Darstellung auch Ruf 1995 und Wald 2006b, 83–85.


Vorwort

peripheres musikhistorisches Phänomen gelten, sondern als eines, das gerade auch durch eine rege, langanhaltende und vielschichtige Rezeption als bedeutungsvoller Schlüssel für die Deutung bestimmter Repertoires ‹barocker› Musik auf der einen und als Ausgangs- und Referenzpunkt verschiedener theoretischer und praktischer Phänomene der Musik im 17. und 18. Jahrhundert fungiert. Gewissermassen als Nebeneffekt davon scheinen vielleicht auch manche ergänzende und differenzierende Aufschlüsse über die Mehrdimensionalität ideengeschichtlicher Prozesse ganz allgemein und die Rolle der Musik für verschiedenen Weltbilder auf; Nebeneffekte, die Rezeptionsgeschichte wohl überhaupt erst wirklich interessant machen. Am Ende mag das Buch auch eine Einladung sein, neu und differenzierter über die scheinbar so starre Grenze zwischen Früher Neuzeit und Moderne nachzudenken. Abschliessend ist es mir ein Bedürfnis, noch einige Worte des Dankes anzufügen: Dieser gilt zuerst Prof. Dr. Christoph Riedweg als gastfreundlichem Hausherrn des Istituto Svizzero in Rom, der im Juni 2008 die Tagung, die den Grundstein für dieses Buch legte, in seinen so schönen Räumlichkeiten beherbergte. Ihm ist ausserdem zu danken für die Aufnahme der Beiträge in die von ihm herausgegebene Reihe der Bibliotheca helvetica romana. Dem Schweizerischen Nationalfonds sind wir zu Dank für die grosszügige finanzielle Unterstützung der Tagung und des Druckes verpflichtet. Bei einem letzten finanziellen Engpass half die Schweizer Provinz der Jesuiten mit ihrem Provinzial Pater Pierre Emonet unbürokratisch und sehr entgegenkommend aus, wofür ich ganz besonders dankbar bin. Berlin, im Herbst 2011

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Wolfgang Fuhrmann Grundzßge der Bewertung Kirchers im europäischen Musikschrifttum des 18. Jahrhunderts


Wolfgang Fuhrmann

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«Wie haben sich die Jesuiten um die Wissenschaften verdient gemacht?» Diese Frage stellt ein anonymer Autor1 1801 in der Neuen berlinischen Monatsschrift, und schon in den ersten Sätzen wird deutlich, dass seine Antwort keine positive sein wird. Motiviert wurde der Text offensichtlich durch kursierende Gerüchte über eine Wiederherstellung der 1773 aufgelösten Gesellschaft. Um dieser befürchteten Wiederherstellung (die tatsächlich ja erst 1814 erfolgte) zu wehren, findet der Autor Worte, denen es an Deutlichkeit nicht mangelt: «Von dem Orden sind, wegen seiner Grundsätze und seiner tief liegenden Plane, die größten Gefahren zu besorgen; der Orden ist, als bestehende Gesellschaft betrachtet, mit Recht verabscheuungswürdig zu nennen; und von einsichtsvollen und wahrheitliebenden Männern ward schon öfter die Gemeinschädlichkeit desselben treu dargestellt und historisch erwiesen.»2 Die Frage, ob sich die Jesuiten um die Wissenschaften verdient gemacht hätten, beantwortet sich nun fast von selbst. Mit Bedacht zitiert unser Autor hier einen italienischen katholischen Geistlichen, den Barnabiten Paolo Frisi, einer der angesehensten Mathematiker und Astronomen seiner Zeit, freilich auch ein erbitterter Feind des Jesuitenordens. Entsprechend vernichtend fällt Frisis Urteil aus: In den ersten zwei Jahrhunderten der Gesellschaft Jesu hätten gerade einmal drei ihrer Mitglieder, Francesco Maria Grimaldi, Gregor a Sancto Vincentio und Paul Guldin, «die Ehre eines Andenkens bei der Nachwelt» verdient.3 Athanasius Kircher, der Held dieses Bandes, wird nicht einmal einer Erwähnung für wert befunden. Freilich soll im Folgenden keine Rezeptionsgeschichte Kirchers im 18. Jahrhundert e silentio betrieben werden; das Beispiel wurde vielmehr zur Einleitung gewählt, um eine Ahnung von der vergifteten Atmosphäre zu vermitteln, durch die sich die Wahrnehmung des Jesuitenordens selbst auf einem scheinbar neutralen Terrain wie der Wissenschaft trübte – und das nicht nur im protestantischen Raum.4 Manche sarkastische Bemerkung über, manche satirische Attacke auf Kircher erklärt sich wohl erst vor dem Hintergrund der Verschwörungstheorien, in denen Jesuiten als Drahtzieher alles Gegenaufklärerischen fungierten. 1 Möglicherweise ist er mit dem Herausgeber Johann Erich Biester selbst zu identifizieren, der aber seine Artikel für gewöhnlich namentlich zeichnete. Biester hatte die Zeitschrift als Berlinische Monatsschrift mit Friedrich Gedike gegründet, dieser war aber 1791 wieder aus der Redaktion ausgetreten. Siehe Kelchner 1875. Biester, neben Gedike und Friedrich Nicolai einer der Hauptvertreter der Berliner Aufklärung, war wie diese für seine antikatholischen und antijesuitischen Gesinnungen bekannt. Speziell seit dem Berliner «Proselytenstreit» (ab 1785, vgl. Heidrich 2001, 124–147) wurde die konfessionelle Diskussion mit unerhörter Heftigkeit geführt. Luigi Boccherini, Hofkomponist Friedrich Wilhelms II., kommentierte 1786 aus Breslau sarkastisch: «Che dite di Biester e Nicolai? Che toleranza respirano i loro scritti! Libera nos Catholicos Domine da simili Patrioti ed Amici dell’umanità», zitiert nach Biagi Ravenni 2010, 96. 2

Anonym 1801, 162.

3

Anonym 1801, 182. Zitiert wird Frisi 1778, 40.

4 Vgl. beispielsweise Cuhn 1787; ein Aufsatz über die Bekehrung von Christina von Schweden, in dem Kircher (der in dieser historischen Episode eine kleine Rolle spielte) allerdings nicht erwähnt wird.


Grundzüge der Bewertung Kirchers im europäischen Musikschrifttum

Im Falle Kirchers geht es dabei nicht um sachlich begründete Kritik – dass «des Kircheri seine relationes nicht eben alle miteinander vor Evangelien zu achten»5 sind, wie es Jacob Friedrich Reimmann 1708 formulierte, lässt sich kaum leugnen –, sondern es geht um die Frage des Tonfalls und der Auswahl, um die triumphierendgehässige Hervorhebung isolierter Fehlleistungen. Zwei Beispiele aus angesehenen Nachschlagewerken müssen genügen. In Johann Burckard Menckes Compendiösem Gelehrten-Lexicon […] von 1715 wird beispielsweise über Kircher nach einem kurzen biobibliographischen Abriss genussvoll berichtet, wie dieser, «weil er sehr leichtgläubig war», von Andreas Müller aus Greifenhagen betrogen worden war: «Denn als Kircherus statuirte, die ägyptische Sprache sey noch verhanden [sc. vorhanden], so war dieser her und fingirte eine Schrifft mit besondern Buchstaben, schickte selbige Kirchero zu, und schrieb in seinem Briefe, es käme ihm vor, als wenn dieses eine Aegyptische Schrifft wäre, doch wolte ers auf sein Urtheil lassen ankommen. Kircher gab ihm alsobald Beyfall, und schickte ihm darüber eine lange Erklärung zu, worüber Müller hertzlich lachte. In seinem Oedipo ægyptiaco hat er [i.e. Kircher] griechische Inscriptiones mit gedoppelt gezogenen Buchstaben vor ägyptisch angesehen, bloß, weil sie in Aegypten gefunden worden.»6 Und diese Anekdoten, fast der einzige inhaltliche Kommentar Menckes zu Kirchers Forschungen, werden bis in die vierte, von Christian Gottlieb Jöcher und Johann Christoph Adelung 1750 besorgte Auflage übernommen. – Zwei weitere Geschichten über Kircher, diesen «Ober-Zunfft-Meister» der «Antiquitäten-Krämer», berichtete Mencke in seinen sehr erfolgreichen und in zahlreiche Sprachen übersetzten De charlataneria eruditorum declamationes duæ: Einmal haben mutwillige Studenten einen mit rätselhaften Zeichen bedeckten Stein vergraben und «entdecken» lassen, ein andermal neckt ein Freund Kircher mit einer unverständlichen Inschrift auf chinesischem Papier, die sich als der in Spiegelschrift geschriebenen Satz «Noli vana sectari & tempus perdere nugis nihil proficientibus» entpuppt.7 Der Wahrheitsgehalt dieser Anekdoten, für die Mencke offenbar die erste Quelle darstellt, steht dahin. Einschlägiger für unser Thema sind die lexikographischen Einträge Ernst Ludwig Gerbers. Während sein Stichwort zu Kircher in der Ausgabe des Tonkünstlerlexikons von 1790–1792 ganz neutral gehalten ist,8 so setzt er in der Ergänzungsauflage von 1812–1814 – erschienen also genau zu der Zeit, als sich die Wiederzulassung des Jesuitenordens abzeichnete – nichts anderes als einen moralischen Tadel hinzu: Er zitiert Kirchers stolze Bemerkungen zu seinen eigenen praktischen musikalischen Leistungen aus der zweiten Vorrede der Musurgia «ad professores», wobei er die Ein5

Reimmann 1708–1710, I, 492. Zitiert nach Fletcher 1981, 47.

6

Mencke 1715, c. 1094.

7

Mencke[nius] 1715, hier zitiert nach Mencke 1716, die Zitate 80f., die Geschichten 82f.

8

Gerber 1790–1792/1977, I, Sp. 723f.

3


Wolfgang Fuhrmann

4

schränkung, die hier abgedruckten Kompositionen würden bezeugen, was er, Kircher, wisse und was er nicht wisse, ironisch mit «wie bescheiden!» kommentiert.9 Und in den «Berichtigungen und Zusätzen zum ganzen Werke», die den vierten Band von Gerbers Neuem Lexikon beschliessen, heisst es nur noch lakonisch: «Kircher (Athanas.) […] In Würzburg, wo er anfangs Physik und Mathematik lehrte, nannte man ihn, seiner kleinen Statur wegen, gewöhnlich: das Mäuschen.»10 Eine zweifellos biographisch essentielle Information, die Gerber wohl Mizlers Musikalischer Bibliothek entnommen hatte.11 Solche Bestrebungen im Raum protestantischer Wissenschaftshistoriographie, Kircher zum Mäuschen zu machen, lassen sich, wie es scheint, primär durch ein Vorurteil gegenüber seiner Ordenszugehörigkeit erklären – was sich freilich im Einzelfall kaum belegen lässt. Und dass Kirchers theologische Überzeugungen mit seinen wissenschaftlichen Ambitionen in der Tat nicht immer leicht zu vereinbaren waren, bot seinen Gegnern allerdings Angriffsflächen. Nach diesen einleitenden, sozusagen ideologiekritischen Bemerkungen gilt es, das Terrain der folgenden Ausführungen abzustecken. Mit dem Zerfall des universalharmonischen Weltbilds der Frühen Neuzeit, mit der epistemologischen Diskreditierung der Mathematik als Fundament der Musiktheorie, mit einem Worte: mit der Ausgliederung der «musicalischen Wissenschaft» aus dem Weltwissen in den Bezirk der schönen Künste in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts verfiel auch die prästabilierte Harmonie zwischen Kircher und seinen Lesern, verfiel Kirchers Geltung als Musiktheoretiker. Diese Feststellung darf zu den Gemeinplätzen der Kircher-Forschung gezählt werden; und auch dieser Beitrag wird sie nicht widerlegen. Es wird aber zu zeigen sein, inwiefern die stolzen Ruinen des in der Musurgia universalis errichteten Denkgebäudes Touristen, Archäologen und Räuber anzogen; und zuletzt sei die etwas paradoxe These gewagt, dass Kirchers Wirkung sich am nachdrücklichsten entfaltet, als der Autor und sein Werk langsam in die Vergessenheit sinken, nämlich in der Zeit um 1800 mit der Restauration holistischer Weltbilder, in Schwingung und Stimmung. 9 Der Passus lautet: Gerber 1812–1814/1966, III, Sp. 46f.: «Kircher (Athanasius) – Ich darf auch das Lob nicht vergessen, das er sich als Komponist, in der zweyten Vorrede zu seiner Musurgie, selbst giebt. Es heißt daselbst also: Ego tametsi Musicam dicta ratione nunquam professus sim; notum tamen est, me ab ineunte aetate uti praeclarioribus artibus, et scientiis, ita et Musicae practicae summo studio, et pertinacissimo labore incubuisse, neque speculativae solummodo musicae me occupatum fuisse, sibi persuadeant, cum et compositiones meae variae sub aliorum tamen nomine impressae in Germania, summa audientium voluptate circumferantur, et in | pretio habeantur, et specimina in hoc libro edita, quid sciam, quid nesciam, (wie bescheiden!) testari affatim possunt.» 10 Gerber 1812–1814/1966, IV, Sp. 806. 11 Tatsächlich heisst es bei dem wiedergegebenen Zeugnis von Konrad Samuel Schurzfleisch (1641–1708) über Kircher lediglich: «Da er noch ein Knabe war, hieße man ihn, weil er sehr klein war, [das Mäusgen].» (Anonym 1742, 203.) Die im Original eingeklammerten Worte sind wohl von Schurzfleisch selbst auf Deutsch gesagt worden.


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