Skip to main content

Selbsterlösung durch Erkenntnis

Page 1

Martin R. von Ostheim

Selbsterlรถsung durch Erkenntnis Die Gnosis im 2. Jahrhundert n. Chr.


Wer möchte nicht nach Erkenntnis streben? Gnostikerinnen und Gnostiker finden sie in ihrer Religion. Die Gnosis eröffnet ihnen eine neue, geistige Welt. Sie können die Welt des Materiellen verlassen und sich selbst in die Welt der Äonen erlösen. Ein Erlöser wird dazu nicht benötigt. Christliche Kirchenväter haben gnostische Schulen vehement bekämpft. Diese waren eine Bedrohung für das junge Christentum. Gnostiker haben ihre Lehren aus dem Christentum und verschiedenen philosophischen Strömungen zusammengetragen. Den meisten gemeinsam ist die Annahme eines höchsten, vollkommenen Gottes und eines unvollkommenen Schöpfergottes, Demiurg genannt, der die materielle Welt und die Menschen erschaffen hat. Manchmal wird der Demiurg mit dem Gott des Alten Testaments identifiziert. Alle Menschen tragen in sich einen göttlichen Funken des höchsten Gottes. Diesen gilt es zu entdecken und sich aus dem negativ gedeuteten Materiellen in die geistige Welt zu retten – in den Texten wird dies oft bildhaft mit Licht und Dunkelheit oder Nebel und klarer Sicht umschrieben. Es gibt keine einheitliche Gnosis, sondern verschiedene gnostische Systeme, die meist nach ihren Lehrern benannt werden. In diesem Buch soll die Gnosis von Valentinus und seinem Schüler Ptolemaios vorgestellt werden.

Martin R. von Ostheim, geb. 1977, studierte Philosophie, katholische Theologie und evangelische Theologie an der Universität Zürich, Innsbruck und der Pontificia Università Gregoriana in Rom. 2008 promovierte er zum Doktor der Philosophie an der Universität Zürich. Seine Dissertation erschien im Schwabe Verlag und setzt sich unter anderem mit der Gnosis auseinander. Seit 2010 ist er Rektor des Gymnasiums der Freien Katholischen Schulen in Zürich und unterrichtet Philosophie und Religion.


Martin R. von Ostheim

Selbsterlรถsung durch Erkenntnis Die Gnosis im 2. Jahrhundert n. Chr.

Schwabe Verlag Basel


Schwabe reflexe 25 Copyright © 2013 Schwabe AG, Verlag, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Satz: Martin R. von Ostheim Gesamtherstellung: Schwabe AG, Muttenz/Basel, Schweiz Printed in Switzerland ISBN Printausgabe 978-3-7965-2894-1 978-3-7965-2894-1 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-2925-2 rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch


Inhalt Einleitung ......................................................................... 7 Der Weg zur Erkenntnis: Aufnahme und Umdeutung von Philosophie und Religion ..... 11 Die gnostischen Äonen ...................................................... 1. Die Entstehung des Pléroma ...................................... 2. Die Zahlen der Neupythagoreer .................................. 3. Die Äonen als platonische Abbilder ............................ 4. Die Äonen und die Zeit ............................................. 5. Die Äonen und der Prolog des Johannesevangeliums ... 6. Stoische und mittelplatonische Wurzeln der Ogdoás ... 7. Die Namen der Äonen der Dekás und der Dodekás ...... 8. Der Bezug der Namen der Äonenpartner zueinander .... 9. Emanation: Festlegung der Hierarchie ....................... 10. Der Weg aus dem Pléroma .........................................

15 15 17 18 20 22 24 26 29 29 31

Der Fall der Weisheit und die Entstehung der Materie ........... 33 1. Der Fall der Sophía .................................................. 33 2. Die Emanation von Jesus als Äon ............................... 39 Die Kosmogonie und die Lehre der drei Welten ..................... 1. Die drei ousíai ........................................................... 2. Die Formung des Materiellen .................................... 3. Die Entstehung der Urelemente .................................

41 41 47 49

Der Mensch als dreiteiliges Wesen: Erkenne dich selbst! ........ 51 Selbsterlösung durch Erkenntnis ........................................ 61 1. Gnostische Eschatologie ........................................... 61 2. Gnostische Soteriologie ........................................... 65 Anhang 1: Stammbaum der Äonen ...................................... 71 Anhang 2: Glossar und Register ......................................... 73 Literaturverzeichnis .......................................................... 93 Nachweis ........................................................................ 98


Einleitung Die Unkenntnis (ágnoia) aber ist Dunkelheit, durch welche wir in sündhafte Irrtümer fallen, sie ist gegenüber der Wahrheit kurzsichtig. Die Gnosis ist nun die Erleuchtung, die die Unkenntnis verschwinden lässt und uns mit klarer Sicht ausstattet. (Clemens von Alexandrien, Paid. I 29,4) Die Gnosis ist eine Religion unbekannten Ursprungs, die sich im zweiten Jahrhundert n. Chr. im gesamten Mittelmeerraum verbreitet hat. Das griechische Wort gnôsis bedeutet Erkenntnis – und das ist auch das Ziel der Gnosis und ihrer Vertreter. Gnostikerinnen und Gnostiker versuchen, durch Studium der gnostischen Schriften und gnostischen Kult, in Form einer persönlichen Erkenntnis Antworten auf die großen Fragen der Menschheit zu erlangen. Die Erkenntnis, woher wir kommen und wohin wir gehen, was der Urgrund unseres Seins ist, ist für Gnostiker eine Befreiung aus der diesseitigen, materiellen Welt und führt zur Selbsterlösung in eine neue, geistige Welt. Hauptvertreter der Gnosis sind Basileides von Alexandrien (Wirkungszeit ca. 140–160 n. Chr.), Valentinus von Rom (Wirkungszeit ca. 135–155 n. Chr.), Ptolemaios (ein Zeitgenosse des Kirchenvaters Irenäus von Lyon und Schüler von Valentinus, ca. 135–202 n. Chr.), Herakleon (Lebensdaten unbekannt) und Bardesanes (ca. 154–222 n. Chr.). Herakleon und Bardesanes waren Schüler von Valentinus, die im zweiten und zu Beginn des dritten Jahrhunderts n. Chr. in Syrien wirkten. Das bei den frühen Kirchenvätern bekannteste gnostische System ist dasjenige von Valentinus und seinen Schülern. Bereits Justin der Märtyrer (ca. 100–165 n. Chr.) kennt die Schule der Valentinianer und nennt sie im Dialog mit Tryphon zusammen mit den anderen gnostischen Schulen «eine Schule von Gotteslästerern und Irrlehrern». Die valentinianische Schule und die mit ihr verwandten Schulen sind diejenigen gnostischen Richtungen, die von den vornizäischen Kirchenvätern am heftigsten bekämpft werden. Die Bekämpfung der Gnosis setzt bei den Kirchenvätern mit Irenäus von Lyon und seinem Werk Adversus Haereses ein, das 7


Einleitung

sich zwar gegen alle Gnostiker, hauptsächlich aber gegen die Schulen von Valentinus und Ptolemaios richtet. Letztere stellt er äußerst differenziert dar. Man erfährt, dass Valentinus längere Zeit in Rom gelebt und gewirkt hat. Er ist zwischen 138 und 142 n. Chr. nach Rom gekommen und hat Rom zwischen 154 und 166 n. Chr. verlassen. Bei Tertullian lesen wir, Valentinus sei zunächst Christ gewesen und hätte – vermutlich in Rom – als Bischofskandidat gegolten, wahrscheinlich um 142 n. Chr. bei der Wahl des Nachfolgers von Hyginus. Als ein anderer gewählt wurde, brach er mit der katholischen Kirche und wurde schließlich Gnostiker. Epiphanios berichtet, Valentinus sei in Ägypten geboren und habe seine Ausbildung, wie auch Basileides, in Alexandrien erworben. Nach einem längeren Aufenthalt in Rom soll er nach Zypern ausgewandert sein. Valentinus besaß profunde Kenntnis des Christentums dieser Zeit und war wohl durch sein Wirken in Rom für die Menschen eine gewisse Autorität in Glaubensfragen. Überliefert sind von ihm nur ein Hymnus («Ernte», vgl. S. 24) und einige wenige Fragmente von Briefen, Predigten und ein Fragment aus seinem Offenbarungsbuch. Bis 1945 besaßen wir die meisten Kenntnisse der Gnosis nur aus den sekundären Kompendien und aus der Kritik der Kirchenväter (Irenäus, Clemens von Alexandrien, Hippolyt u. a. m.). Als Primärquellen ließen sich nur einige wenige Fragmente von Gnostikern finden. Ein Meilenstein für die Quellenlage war der Fund der koptischen Schriften einer gnostischen Gemeindebibliothek in Nag Hammadi (Ägypten) im Jahr 1945, bekannt unter dem Namen Nag Hammadi Codices (NHC). Die Darstellungen der Kirchenväter wurden mit dem Fund von Nag Hammadi größtenteils bestätigt und beträchtlich ergänzt. Weitere Quellen sind im griechisch überlieferten Corpus Hermeticum zu finden, eine Textsammlung von achtzehn Schriften, die stark von der ägyptischen Mythologie beeinflusst sind. In diesen Texten lassen sich auch gnostische Schriften finden, die frei von christlichen Elementen sind (z. B. Poimandres, Asklepios). Der Codex Askewianus mit der Schrift Pistis Sophia und der Codex Brucianus mit den zwei Büchern des Jeû und einigen kleineren Schriften wurden in Koptisch abgefasst. In syrischer Sprache ist eine kleine Hymnensammlung überliefert, 8


Einleitung

die unter dem Namen Die Oden Salomos bekannt ist; ebenfalls syrisch ist das Perlenlied. Hinzu kommen gnostische Texte von Gemeinden der Mandäer und manichäische Texte. Als Religion sind die gnostischen Systeme auf der Suche nach der Wahrheit, nach Sinn und nach der Beantwortung der menschlichen Grundfragen. Die Wahrheit wird nach gnostischer Überzeugung nicht durch Gnade oder göttliche Vorherbestimmung, sondern durch individuelle Erkenntnis fassbar, in der der Mensch Sinnstiftung und Erlösung findet. Die Betonung der Erkenntnis verbindet die Gnostiker mit den frühchristlichen Theologen des zweiten und dritten Jahrhunderts, den frühen Kirchenvätern. Deren Streben gilt der Erkenntnis des Geheimnisses von Gott und Christus, dieses wollen sie in dogmatischen Aussagen fassbar machen. Die Konfrontation des jungen Christentums mit der Gnosis, insbesondere mit ihren aufgenommenen und umgedeuteten christlichen Elementen, die für die noch nicht gefestigte christliche Lehre eine ernsthafte Bedrohung darstellen, führt zu einem eruptiven Prozess der gegenseitigen Beeinflussung, in dem nicht nur christliche Elemente in die Gnosis eindringen, sondern auch gnostisches Gedankengut den Weg in christliche Lehren findet. Ein Beispiel dafür ist das zu Beginn dieser Einleitung erwähnte Zitat von Clemens von Alexandrien: Die gnostische Auffassung der Erkenntnis als Erleuchtung ist in die Lehre eines Kirchenvaters eingedrungen. Sünde als moralische Kategorie, so das Zitat, entstehe durch Unkenntnis. An anderem Ort versteht Clemens die Erkenntnis im platonischen Sinn als ein «Schauen der Dinge durch die Seele, sei es eines oder mehrerer oder aller, wenn sie [die Erkenntnis] vollkommen ist» (Strom. VI 69,3). Während das Christentum den Menschen am Ende aller Zeiten die Erlösung durch Christus offenbart und sie zu einem moralisch guten Leben verpflichtet, ermutigen die gnostischen Lehrer ihre Anhänger zum Studium ihrer eigenen Schriften, um sich durch größere Erkenntnis der gnostischen Weisheiten selbst zu erlösen. Ein moralisch gutes Leben wird nicht verlangt und ist gegenüber der Erlösung irrelevant – es bekommt erst in der explizit christlichen Gnosis Relevanz, d. h. in Schriften, die von Christen verfasst wurden, die selbst Gnostiker sind, indem als Argument die Behauptung heran9


Einleitung

gezogen wird, dass ein moralisch schlechtes Leben den Weg der Erkenntnis (gnôsis) der Geheimnisse Gottes behindere. Diese Auffassung, berichten mehrere Kirchenväter, habe bei einigen Gnostikern zu Exzessen und einem äußerst unmoralischen Lebensstil geführt. Im nichtchristlichen Corpus Hermeticum wird die Erkenntnis (gnôsis) mit der Anschauung (aísthesis) verbunden, bei der man nicht stehenbleiben darf: «Es gibt zwar vom Höhergestellten eine Anschauung, das Ziel des Wissens aber ist die Erkenntnis, und das Wissen ist ein Geschenk Gottes.» (Kleis 9,9) Diese platonisch gefärbte Aussage ist mit der Gnosis vereinbar. Gnostiker erlangen nur durch individuelle Erkenntnis einen Einblick in die göttlichen Sphären des Lichtes, die über und außerhalb der empirisch erfassbaren Welt stehen. Sie hätten die Erkenntnis aber nicht aus sich selbst, sondern stünden, wie Ptolemaios schreibt, mit den großen Gnostikern in einer «apostolischen Sukzession», deren Ursprung sie zur göttlichen Offenbarung führe. Im Gegensatz zur apostolischen Sukzession der christlichen Bischöfe wird die gnostische Sukzession ihrer Anhänger nicht auf Jesus Christus zurückgeführt, sondern je nach gnostischer Schule auf eine bestimmte gnostische Offenbarungsquelle, aus der der entsprechende Gründer einer gnostischen Schule seine Lehrmeinungen schöpft.

10


Der Weg zur Erkenntnis: Aufnahme und Umdeutung von Philosophie und Religion Bis zur Taufe nun, sagen sie [sc. die Gnostiker], bestimmt die Heimarméne (Schicksal) unser Leben; danach aber haben die Sterndeuter nichts mehr zu sagen. Das Bad [sc. der Taufe] ist nämlich nicht nur dazu da, uns zu befreien, sondern es vermittelt auch Erkenntnis (gnôsis) darüber, wer wir waren und was wir sind; wo wir waren und wo wir hineinversetzt wurden; wohin wir eilen, woher wir erlöst werden und was Geburt und Wiedergeburt sind. (Clemens von Alexandrien, Exc. ex Theod. IV 78) Die Gnosis ist ihrem Wesen nach eine synkretistische Religion. So kann im selben Satz von der christlichen Taufe und der Heimarméne, wie sie von den Vorsokratikern (v. a. Heraklit), der Stoa und dem Platonismus bekannt ist, gesprochen werden. Mit diesem Zitat aus den Excerpta ex Theodoto, einer Zusammenstellung von Lehren des valentinianischen Gnostikers Theodotos, zeigt der Kirchenvater Clemens von Alexandrien (ca. 150–215 n. Chr.) in Parallelismen vier wesentliche Elemente der Gnosis auf. Die Frage nach dem Wesen des Menschen: wer wir waren und was wir jetzt sind; die Frage nach dem Ort, an dem der Mensch leben kann: wo wir waren und wo wir jetzt sind; die Frage nach der Zukunft: wohin wir eilen und woher wir die Erlösung erlangen werden; und mit den drei ersten Fragen verbunden die Frage nach Geburt und Wiedergeburt. Dies sind Hauptfragen der Gnostiker. Bis zur christlichen Taufe, sagen die Gnostiker, bestimme das blinde Schicksal unser Leben; danach aber seien wir diesem und dem Lauf der Sterne nicht mehr ausgeliefert. Der Grund ist die dahinterliegende Überzeugung, dass die Taufe einen Menschen nicht nur von der Erbschuld befreit, sondern ihm gleichzeitig im Sinn der Gnosis durch den Taufakt eine erste Erkenntnis vermittelt. 11


Der Weg zur Erkenntnis

In der valentinianischen Gnosis werden vor allem christliche, stoische, platonische und pythagoreische Elemente aufgenommen und in Form einer Interpretatio Gnostica uminterpretiert. Durch diese Methode gibt es die Gnosis schlechthin nicht, sondern eine Menge sich teilweise widersprechender gnostischer Systeme und Schulen, die aber dennoch etliche Gemeinsamkeiten aufweisen. Hinter dem Synkretismus und der von den Kirchenvätern vorgeworfenen «parasitären» Aufnahme und Umdeutung aller verfügbaren Lehren und Religionen durch die Gnosis verbirgt sich der Gedanke, dass jede Lehre einen Funken Wahrheit in sich trägt. Gegenüber den sich teilweise widersprechenden philosophischen Schulen und Religionen hat die Gnosis bzw. jede gnostische Schule mit ihrem Lehrsystem den Anspruch, als eine Art general unified theory über diesen zu stehen und die vollkommene Wahrheit zu erkennen. Alles «Außergnostische» (z. B. das Christentum oder die Philosophie) verkündet nach gnostischem Verständnis nur teilweise Wahres, und dieses Wahre gilt es, in die gnostische Lehre, die zur Erkenntnis der vollen Wahrheit führt, aufzunehmen und zu erweitern. Dies geschieht sowohl durch direkte Übernahme einzelner Elemente als auch durch Übernahme der Terminologie einer anderen Lehre unter begrifflicher Umdeutung sowie durch eigene Spekulationen. Ein dualistisches Denken, wie es in der Geschichte der Religionen bereits früher aufgetreten ist (so z. B. im iranischzoroastrischen Dualismus, der die Welt im Kampf des Guten gegen das Böse und dem Sieg des Guten entstehen lässt, oder im indischen Dualismus zwischen Sein und Schein), wird in der Gnosis weiterentwickelt. Zwischen materiellem und immateriellem Sein wird in die Mitte ein ambivalentes Drittes gestellt. Der Mensch und die gnostische Wirklichkeit bestehen aus drei Teilen: Geist (Pneumatisches), Seele (Psychisches) und Materie (Hylisches/Choisches). Mit denselben Begriffen wird das Sein strukturiert. So postulieren Gnostiker drei Welten. Die oberste ist die Welt des Pneumatischen, das Pléroma, in dem sich die höchsten Gottheiten (Äonen) befinden. Im Gegensatz dazu bildet das Materielle (das Hylische oder Choische) als ein Niedrigstes und Abgefallenes die Welt der irdischen Menschen, der Himmelssphären 12


Der Weg zur Erkenntnis

und des Kosmos. In der Mitte befindet sich die ambivalente psychische Welt, die Welt der Seelen, die gleichzeitig diejenige Welt ist, in der ein Äon namens Christós seine Heimat hat und die damit zur Heimat der Christen wird. Neu ist in der Gnosis die Abwertung des Materiellen. Die Materie, die empirisch erfassbare Welt (Kosmos) und ihre Urheber werden gegenüber der höchsten geistigen Lichtwelt, dem Pléroma, und der ambivalenten mittleren Welt des Psychischen als böse und abgefallen bewertet. Das Materielle und alles, was damit zusammenhängt, kann keine Erlösung erlangen – deshalb kritisierten die Kirchenvätern den Lebensstil gewisser Gnostiker. Eine solche «antikosmische» Haltung findet sich in keinem der im zweiten Jahrhundert bekannten Systeme. Auch in der Philosophie und den damaligen Religionen lässt sie sich nicht finden, sie ist ein Novum der Gnosis und gleichzeitig ein Wesensmerkmal jeder gnostischen Richtung. Plotin hat in seiner Schrift gegen die Gnostiker genau diese Negativität kritisiert und ihr seine positiv bewertete Sicht der Welt gegenübergestellt. Auch mit dem frühen Christentum ist die Abwertung der Welt und des Materiellen (und damit eine gewisse Leibfeindlichkeit) nicht vereinbar und hat zu heftiger Kritik der Kirchenväter geführt, weil zum einen die Welt und die Materie nach christlicher Überzeugung der Kirchenväter von Gott geschaffen ist und zum anderen ihrer Überzeugung nach am Ende aller Zeiten nicht nur die Seelen, sondern auch die Körper auferstehen werden.

13


Die gnostischen Äonen Als im Anfang der Autopátor selbst in sich das All umfasste, das in ihm in Unwissenheit war, er, den einige den nie alternden, immer jungen, mannweiblichen Äon nennen, der überall das All umfasst und nicht umfasst wird, da wollte die Énnoia (Gedanke) in ihm, jene, die einige Énnoia, andere Cháris (Gnade) nannten […] und andere als Sigé (Schweigen) bezeichneten, weil das Mégethos (Größe) durch Gedanken ohne ein Wort alles vollbrachte, da wollte also, wie ich schon sagte, die unvergängliche Énnoia die ewigen Fesseln sprengen und erweckte das Mégethos, in seiner Begierde bei ihr auszuruhen. Und nachdem sie sich mit dem Mégethos vermischt hatte, brachte sie den Patér (Vater) der Wahrheit hervor, den die Vollendeten zutreffend Ánthropos (Mensch) nannten. (Epiphanios, Haer. I 31,5)

1. Die Entstehung des Pléroma Die Götter werden in der Gnosis Äonen genannt und sind Geistwesen. Meistens treten sie in Paaren (Syzygien) auf, die aus zwei Äonen verschiedenen Geschlechts bestehen und sich gegenseitig ergänzen. Der männliche Teil eines Äonenpaars, derjenige mit einem männlichen Wort als Name, ist formgebend, der weibliche Teil steuert das Wesen bei. In einer gegenseitigen Vereinigung und Vermischung entstehen Nachkommen, die aber nicht geboren, sondern in Form eines Ausflusses aus beiden emaniert werden. Die Nachkommen erhalten ihre Form und ihr Wesen von den Eltern. Dies ermöglicht die Erkenntnis ihrer Erzeuger. Die höheren Äonen können sie aber nicht erkennen. Die Gesamtheit der höchsten Äonen wird Pléroma (Fülle) genannt. In der valentinianischen Schule umfasst sie dreißig Äonen (vgl. den Stammbaum der Äonen auf Seite 71), in anderen Schulen umfasst das Pléroma manchmal auch 360 (12 mal 30) Äonen. Die Entstehung der Welt wird in den verschiedenen gnostischen Schulen unter15


Die gnostischen Äonen

schiedlich dargestellt. Nach Irenäus’ Erklärung der ptolemäischen Kosmogonie entsteht die Welt aus zwei ewigen, ungezeugten und unveränderlichen Äonen. Andere valentinianische Schulen gehen nur von einer einzigen Gottheit aus. Hippolyt von Rom berichtet, dass zu Beginn von Basileides’ Kosmogonie ein nichtseiender Gott stehe, der beschließt, die Welt zu erschaffen. Bei Epiphanios finden wir in seinem Häresiekompendium ein längeres Kapitel, in dem er sich mit Valentinus auseinandersetzt und den Beginn des Offenbarungsbuches von Valentinus zitiert (Haer. I 31,5–6). In dem Fragment aus dem ansonsten verschollenen Buch wird Valentinus die Entstehung und die hierarchische Gliederung der Welt von einem Icherzähler offenbart, der sich selbst Noûs (Verstand) nennt – dies geschieht in Gegenwart des Mégethos (Größe). Mégethos ist der einzige Äonenname, der neutrisch ist. Die Offenbarung des göttlichen Noûs ist wohl für die Valentinianer der Ursprung ihrer «apostolischen Sukzession». Dieses System besitzt große Ähnlichkeiten mit dem von Irenäus in seinem antignostischen Werk Adversus Haereses dargestellten System von Ptolemaios. Am Beginn der Schöpfung, so erfahren wir im Fragment, steht eine nie alternde Gottheit mit vier Namen: Mégethos (Größe), Autopátor (Selbsterzeugter), Agénnetos (Ungezeugter) und Bythós (Abgrund). Diese wird als «mannweiblicher Äon» beschrieben, «der überall das All umfasst und nicht umfasst wird». Das All existiert zunächst in seinen Gedanken in Unwissenheit. Dieser Gedanke in ihm wird zum zweiten Äon mit drei weiblichen Namen: Énnoia (Gedanke), Cháris (Gnade) und Sigé (Schweigen). Diese erweckt in ihm die Begierde und sie bringen zwei weitere Äonen hervor. Der männliche wird Patér Alétheias (Vater der Wahrheit) und Ánthropos (Mensch) genannt und ist im platonischen Sinn ein Abbild des Höchsten. Der weibliche Äon heißt Alétheia (Wahrheit). Diese vier Äonen werden Tetrás (Vierheit) genannt. Bei Ptolemaios, so erfahren wir von Irenäus, hat der männliche Nachkomme des Urvaters den Namen Noûs (Verstand). Die Alétheia erweckt danach das Begehren ihres Vaters. In ihrer Vereinigung entsteht eine Tetrás als Abbild der oberen Tetrás, die aus zwei mannweiblichen Paaren besteht: Ánthropos (Mensch) – Ekklesía (Kirche) und Lógos (Wort) – Zoé 16


Die gnostischen Äonen

(Leben). Diese acht Äonen bilden die höchste Ogdoás (Achtheit) der valentinianischen Gnosis. Nach dem Willen des Bythós vereinigen sich der Ánthropos und sein weiblicher Teil, die Ekklesía und lassen eine Dodekás (Zwölfheit) an Äonen entstehen. Die männlichen heißen: Parákletos (Tröster), Patrikós (Väterlicher), Metrikós (Mütterlicher), Aeínous (Stetsvernünftiger), Theletós (Erwünschter), der das Phôs (Licht) ist, und Ekklesiastikós (Kirchenzugehöriger); die weiblichen sind: Pístis (Glaube), Elpís (Hoffnung), Agápe (Liebe), Sýnesis (Einsicht), Makaría (Seligkeit) und als letzte die Sophía (Weisheit). Danach formen der Lógos und die Zoé eine Dekás (Zehnheit). Die männlichen Äonen sind: Býthios (dem Bythós Zugehöriger), Agératos (Niealternder), Autophyés (Selbstwachsender), Monogenés (Eingeborener) und Akínetos (Unbewegter); die weiblichen sind: Mîxis (Mischung), Hénosis (Vereinigung), Sýnkrasis (Vermischung), Henótes (Einheit) und Hedoné (Lust). Damit sind die dreißig Äonen des Pléroma, der Geistfülle der Äonen, entstanden. Die Erde und das Materielle gibt es aber noch nicht.

2. Die Zahlen der Neupythagoreer Die Benennung der Äonengruppen im Pléroma als Tetrás, Ogdoás, Dekás und Dodekás sind Elemente, die Valentinus wohl dem Neupythagoreismus entnommen hat. Der Zahl nach sind sie vier (Tetrás), den Namen nach zehn, wobei die Anzahl der Namen in Abfolge der ersten vier Zahlen erfolgt. Die Dekás steht nach dem zugrundeliegenden neupythagoreischen Verständnis mit der Zahl Zehn für die vollkommene Zahl und für die Summe der ersten vier göttlichen Zahlen (1 + 2 + 3 + 4 = 10). Sie bezeichnet im neupythagoreischen Sinn das Göttliche und Vollkommene (manchmal wird der Urvater auch als Monás bezeichnet, der zusammen mit seiner Partnerin eine Dyás bildet). Mit der Entstehung der Dekás tritt eine erste Funktion des Äonensystems zu Tage. Die Äonen stehen für das Göttliche, ihre Namen sind zugleich die höchsten göttlichen Begriffe der Gnosis. Sie werden zu personalen Wesenheiten, zu Göttern, ihre Entstehung ist gleichzeitig Theogonie. Das Pléroma, die pneumatische 17


Die gnostischen Äonen

Welt, ist die Welt der Gottheiten. Die Zahl Acht der Ogdoás steht im Altertum für die Sphären der sieben Planeten und des Fixsternhimmels. Die Zahl Zwölf der Dodekás steht für die zwölf Monate, die zwölf Tierkreiszeichen, in denen die Sonne – entsprechend der dreißig Äonen – je dreißig Tage pro Bild in einem Jahr verweilt. Direkt im Anschluss an die Aufstellung des Pléroma bei Epiphanios fährt Valentinus fort mit dem Vorwurf, die meisten Menschen wüssten nicht, was die Zahlen, die sie verwenden, bedeuten würden und sie zählten, ohne die Zahl Dreißig zu kennen. Valentinus erklärt seinen Schülern die Bedeutung dieser Zahl in seinem Offenbarungsbuch durch die Nennung der dreißig Äonen. Die Äonen selbst sind keine Zahlen, vielmehr erscheinen sie als Urbilder, Ideen der Zahlen, denen nach Valentinus der Urvater die Zahlen als Abbild gegenüberstellt, sowohl der Ogdoás wie allen dreißig Äonen. In der Folge ordnet Valentinus die weiblichen Äonen den geraden Zahlen und die männlichen den ungeraden Zahlen zu. Dies entspricht ebenfalls der pythagoreischen Philosophie. Nach diesen Zahlen richten sich das All, die Planeten und der Kosmos, deshalb spricht auch Valentinus an derselben Stelle von der Verteilung des Lichtes auf alle Äonen und vom Abbild des Lichtes, den wahrnehmbaren Lichtern. Der Himmel, die Sonne und die Sterne (die wahrnehmbaren Lichter) aber sind Teile der Zeit; das Maß der Zeit ist die Zahl, ihre Abschnitte der Lauf der Gestirne. Diese UrbildFunktion unterscheidet das Pléroma auch von der Materie, die sich außerhalb des Pléroma befindet. Die Materie benötigt die Zeit und den Kosmos.

3. Die Äonen als platonische Abbilder Hans Jonas ist der Meinung, dass es sich bei den Äonennamen im valentinianischen System nur um Kunstgebilde ohne Aussage handle (Gnosis, 220). Dies stimmt allerdings nur bedingt, wie wir noch sehen werden. Im Tractatus Tripartitus, einer Schrift aus den koptischen Nag Hammadi Codices (NHC I,5), erfährt man zu den Namen der Äonen Folgendes: 18


Die gnostischen Äonen Jeder der Äonen ist ein Name, <das ist> jede seiner Eigenschaften und der Kräfte des Vaters. Da er in vielen Namen besteht, (die) in Verbindung und Übereinstimmung miteinander (sind), ist es möglich, dass sie ihn aussagen. (TractTrip [NHC I,5] 73,8–12, zitiert nach der Übersetzung von Lüdemann/Janßen)

Der Name eines Äons ist eine Verbindung und Übereinstimmung von Eigenschaften und Kräften des Vaters, der seinerseits in vielen Namen existiert. Die Namen sind nicht zufällig gewählt, sondern sie besitzen eine spezielle Bedeutung, die in den nächsten Kapiteln erläutert wird. Der höchste Gott der Gnostiker, der Urvater, ist ein personal gedeuteter, höchster, nicht umfasster Umfassender, der als ewiges Wesen am Anfang von allem steht, ungeboren und unvergänglich und als vor allen Äonen und Zeiten bereits existierend verstanden wird. Nicht durch ein Schöpfungswort (Lógos), wie bei anderen Religionen, sondern zuvor schon in seinen Gedanken, ohne ein Wort, wird das All erschaffen. Der Lógos entsteht erst später, mit seinem Paargenossen, der für das Leben (Zoé) steht, das durch das Schöpfungswort entsteht. Der Tractatus Tripartitus schreibt dazu: Solange sie [sc. die Äonen] in dem Gedanken des Vaters sind, das heißt: (solange) sie in der verborgenen Tiefe sind, kannte die Tiefe zwar sie, vermochten sie aber nicht, die Tiefe, in der sie waren, zu erkennen. […] Aus diesem Grunde hat der Vater ihnen [auch] vorherbestimmt, nicht nur, dass sie für ihn entstünden, sondern auch, dass sie für sich selbst entstünden, dass sie also in [seinem] Gedanken entstünden wie ein gedankliches Wesen, dass sie aber [auch] für sich entstünden. [Er] säte einen Gedanken aus, als ob es ein Same von [Besamung] wäre. (TractTrip [NHC I,5] 60,16–61,8)

Die Äonen werden zu Abbildern der Gedanken des Urvaters im platonischen Sinn. Vor ihrer Entstehung als eigenständige Wesen existieren sie nur in seinen Gedanken und aufgrund seiner Gedanken entstehen sie aus ihm. Nicht die Gedanken selbst sind der Ursprung, sondern ein denkender Gott. Der Grund liegt wohl darin, dass das Denken eine Vielfalt und unendliche Bewegung 19


Die gnostischen Äonen

enthält. Dieser denkende Gott, der zu Beginn als Monás existiert, ist Ausgangspunkt der Gedanken, er ist Einheit und Vielfalt zugleich. Dem liegen zweifelsohne mittelplatonische Konzepte zugrunde und bestätigen die Vermutung, dass die Äonen nicht nur für das Göttliche stehen, sondern gleichzeitig die Bedeutung von Ideen im platonischen Sinn bekommen, die als Gedanken im Nous des höchsten Gottes gedeutet werden. Ein gewisses UrbildAbbild-Denken ist bereits in der Anordnung der Äonen ersichtlich. Die Ideen sind bei den Gnostikern aber nicht mehr, wie im Platonismus, alleine durch das Denken erfassbar, sondern sie werden gleichzeitig zu personifizierten Geistwesen und Gottheiten, die in einer Vision schaubar sind.

4. Die Äonen und die Zeit Das griechische Wort aión heißt übersetzt «Ewigkeit» und steht im Gegensatz zur Vergänglichkeit. Der Äon befindet sich außerhalb der Zeit, er ist Bedingung und Urbild von ihr. Die Ewigkeit des Äons steht zudem für die große Distanz, die zwischen dem Urvater und den vergänglichen Wesen und Abbildern außerhalb besteht. Die Verbindung des Kosmos mit dem Ausdruck «Äon» und den Zahlen als Maß der Zeit ist aber vor allem platonisches Denken. Im Timaios schreibt Platon: So sann er [sc. der Vater], ein bewegliches Abbild der Ewigkeit (aión) zu machen, und er macht, indem er dabei zugleich den Himmel ordnet, von der in dem Einen verharrenden Ewigkeit (aión) ein gemäß der Zahl fortschreitendes, ewiges Abbild, und zwar dasjenige, dem wir die Bezeichnung «Zeit» gegeben haben. Tage und Nächte nämlich, Monate und Jahre, die es, ehe der Himmel entstand, nicht gab. (Tim. 37d–e)

In dieser Schilderung vermittelt die Zahl zwischen Ewigkeit (Äon) als Urbild und Vergänglichem (Zeit) als Abbild. Auch Valentinus selbst nimmt in einer seiner Homilien, die von Clemens von Alexandrien überliefert wurde, Bezug auf den Timaios und vergleicht die Welt (Kosmos) mit dem Äon – wobei er gleichzeitig den Grund des Abbildes angibt: 20


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
Selbsterlösung durch Erkenntnis by Schwabe Verlag - Issuu