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V ERÖ FFENTLI CH UN GEN DER GES ELLSCHAFT FÜ R UNIVERSITÄTS - UN D WI S S EN S CHAFTSGESCHICHTE (GUW)
Veröffentlichungen der Gesellschaft für Universitätsund Wissenschaftsgeschichte (GUW) in Verbindung mit Rüdiger vom Bruch, Notker Hammerstein, Walter Höflechner, Martin Kintzinger und Wolfgang Proß herausgegeben von Rainer Christoph Schwinges
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I S B N 978-3-7965-2858-3
Schwabe Verlag Basel www.schwabe.ch
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783796 528583
Professorinnen und Professoren gewinnen
Professorinnen und Professoren gewinnen
Zur Geschichte des Berufungswesens an den Universitäten Mitteleuropas
C. Hesse und R. C. Schwinges (Hrsg.)
Kaum ein anderes Thema neben Finanzierung und Reformen scheint in der universitären Welt von grösserer Wichtigkeit zu sein als der Wettbewerb um die besten Köpfe. Exzellente Forscher und Wissenschaftlerinnen sollen helfen, Hochschulen zu positionieren, ihre Profile zu schärfen und so dazu beitragen, ihre Existenz zu sichern. Wie man geeignete Professorinnen und Professoren gewinnt und welche Erfahrungen man mit Bedarf und Angebot des wissenschaftlichen Spitzenpersonals im Lauf der Jahrhunderte universitären Lebens gesammelt hat, sind die Kernfragen dieses Bandes. Politik und Verfahrenspraxis des Berufungswesens werden anhand zahlreicher Beispiele aus der deutschen, niederländischen, österreichischen und schweizerischen Universitätsgeschichte erörtert. Aus der Perspektive der Institutionen stellt sich vor allem die Bedarfsfrage: Wie gewinnt man (exzellente) Professorinnen und Professoren? Im Blick auf die Anbietenden beziehungsweise «Umworbenen» geht es um akademische und soziale Qualifikationen, Netzwerke und beispielhafte wissenschaftliche Schulbildungen. Ein weiterer Themenschwerpunkt beleuchtet unter dem Stichwort «Berufungskultur» den in privaten und öffentlichen Aussagen gespiegelten Habitus der Institutionen und Personen. Die Beiträge spannen den Bogen von der spätmittelalterlichen Universität mit ihrer privilegierten Kooptationspraxis von Magistern und Doktoren über die frühneuzeitliche «Familienuniversität», den «Berufungswandel» in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der neue Qualifikationsprofile des «Professors» mit sich brachte, bis hin zu den heutigen Berufungsverfahren an den Universitäten verschiedener Reformcouleur.
Herausgegeben von Christian Hesse und Rainer Christoph Schwinges
VERÖFFENTLICHUNGEN DER GESELLSCHAFT FÜR UNIVERSITÄTSUND WISSENSCHAFTSGESCHICHTE
In Verbindung mit Rüdiger vom Bruch, Notker Hammerstein, Walter Höflechner, Martin Kintzinger, Wolfgang Proß herausgegeben von Rainer Christoph Schwinges Band 12
Professorinnen und Professoren gewinnen Zur Geschichte des Berufungswesens an den Universitäten Mitteleuropas
Herausgegeben von Christian Hesse und Rainer Christoph Schwinges
Redaktion: Melanie KellermĂźller
Schwabe Verlag Basel
Publiziert mit Unterstützung der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW) und des Friedrich-Emil-Welti-Fonds (Bern)
Abbildung auf dem Umschlag: Juraprofessoren der Münchner Universität um 1830, Lithographie von Josef Wagner, Archiv der Universität München
Copyright © 2012 Schwabe AG, Verlag, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Satz: Melanie Kellermüller, Bern Gesamtherstellung: Schwabe AG, Muttenz/Basel, Schweiz Printed in Switzerland ISBN 978-3-7965-2858-3 rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch
Inhaltsverzeichnis Vorwort ..................................................................................................... IX Rainer Christoph Schwinges Berufungswesen – eine Einführung ....................................................... 1 Teil I Wie gewinnt man Professorinnen und Professoren? Der Bedarf der Institutionen Wolfgang Eric Wagner Wer hat im Mittelalter «gerufen»? Fürsten, Städte, Universitäten und ihre Interessen an gelehrten Personen ........................................... 11 Willem Frijhoff Qualitätswahl, Kandidatenmangel oder Nachbarfreundschaft? Die internationale Berufungspraxis der niederländischen Hochschulen zwischen 1575 und 1814 ................................................ 31 Bernhard vom Brocke Berufungspolitik und Berufungspraxis im Deutschen Kaiserreich...... 55 Christian von Coelln Die Entwicklung von Berufungsrecht und Berufungsverfahren ........ 105
Hubert Detmer Berufungs- und Bleibeverhandlungspraxis – normative und faktische Entwicklungstendenzen von 1990 bis 2010........................ 127 Sebastian Brändli Berufungsstrategien als Erfolgsfaktoren. Lehrstuhlpolitik und Berufungsverfahren an den jungen Reformuniversitäten der Deutschschweiz.................................................................................. 143
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Inhaltsverzeichnis
Teil II, 1 Die Berufenen: Persönliche und sozial-kulturelle Qualifikationen Matthias Asche Biographische Profile und Rekrutierungsmechanismen von Professoren an kleinen und mittelgrossen protestantischen Universitäten im Heiligen Römischen Reich 1650–1800. Eine prosopographischkollektivbiographische Analyse von Professorenlexika..................... 185 Alfred Gutschelhofer Profilbildung von österreichischen Universitäten durch Berufungen gemäss Universitätsgesetz 2002. Praxis und Erfahrungen an der Karl-Franzens-Universität.................................................................. 247 Harald Lönnecker «... die Zugehörigkeit ist von größter Bedeutung für die HochschulLaufbahn». Mitgliedschaft in studentischen Verbindungen und Vereinen als Qualifikationsmerkmal für die Berufung von Professoren ........... 257 Wolfram C. Kändler Konservativ, protestantisch, gedient? Zur Berufungspraxis an der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert........................................................................ 285 Sylvia Paletschek Berufung und Geschlecht. Berufungswandel an bundesrepublikanischen Universitäten im 20. Jahrhundert ............... 307 Teil II, 2 Wissenschaftliche Schulbildung und Berufung Stefan Rebenich «Geben Sie ihm eine gute Ermahnung mit auf den Weg und den Ordinarius.» Berufungspolitik und Schulbildung in der Alten Geschichte ................................................................................ 353 Matthias Middell Versuchte Kontinuität über mehrere Berufungsverfahren hinweg: Das Leipziger Institut für Kultur- und Universalgeschichte .............. 373
Inhaltsverzeichnis
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Cay-Rüdiger Prüll Medizinerberufungen und Medizinerschulen im deutschen Universitätssystem zwischen 1750 und 1945 .................................... 393
Teil III «Berufungskultur», Habitus, öffentliche und private Reaktionen Elmar Schübl & Johannes Uray Auf der Suche nach geeigneten Kräften: Aktivitäten, Strategien und Kriterien in Berufungsverfahren ................................ 415 Ulf Morgenstern Vom Namensregister zum agilen Recherchewerkzeug. Überlegungen zu Geschichte und Wandel von Professorenkatalogen aus der Sicht des Catalogus Professorum Lipsiensis ........................... 441 Beatrix Dietel, geb. Kuchta Berufungswege und Berufungskonkurrenz. Die Universität Leipzig in der deutschen Hochschullandschaft der Weimarer Republik......... 471 Barbara Stambolis Beruf und Berufung(en). Historiker des Jahrgangs 1943 im Rückblick auf ihr Leben mit der Geschichte ................................ 491 Martin Kintzinger Professorinnen und Professoren gewinnen. Zusammenfassung ........ 511 Anschriften der Autorinnen und Autoren................................................. 531 Orts- und Personenregister....................................................................... 533
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Vorwort Dieses Buch, Band 12 der Reihe der «Veröffentlichungen der Gesellschaft für Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte», geht auf die gleichnamige Tagung «Professorinnen und Professoren gewinnen. Zur Geschichte des Berufungswesens an den Universitäten Mitteleuropas» zurück, welche die Gesellschaft für Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte (GUW) vom 16. bis 19. September 2009 in Leipzig durchgeführt hat. Dazu eingeladen hatte die Universität Leipzig aus Anlass ihres 600. Geburtstages. Die GUW ist der Einladung gerne gefolgt, gerade weil es zu ihren vornehmsten Aufgaben gehört, die langfristigen Gestaltungen und Veränderungen verständlich zu machen, die Universität, Bildung und Wissenschaft in vormodernen und modernen Gesellschaften sowohl selbst erfahren als auch hervorgerufen haben. Mit dem gegenwärtigen hochaktuellen Thema, dem «Wettbewerb um die besten Köpfe», hoffen wir, dies gerade auch in einer Jubiläum feiernden Universität wieder unterstreichen zu können. Behandelt werden Bedarfsfragen in der institutionellen Perspektive und in der Angebotsperspektive akademische und soziale Qualifikationen, Netzwerke und beispielhafte wissenschaftliche Schulbildungen, um schliesslich «Berufungskulturen» wahrzunehmen und den Habitus in privaten und öffentlichen Reaktionen. Dabei spannt sich der Bogen von der spätmittelalterlichen Universität mit ihrer privilegierten Kooptationspraxis von Magistern und Doktoren über die frühneuzeitliche «Familienuniversität» und die neue Schaltstation des «Berufungswandels» in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die neue Qualifikationsprofile «des Professors» mit sich brachte, bis hin zu den heutigen Berufungsverfahren in den Universitäten verschiedener Reformprofile. Leider haben wir nicht alle Referate von Leipzig für den Druck in nützlicher Frist bekommen können: Verzichten müssen wir bedauerlicherweise auf einen Überblick über den Wandel der akademischen Qualifikationen, auf Schulbildung und Berufung im Bereich von Mathematik und Physik sowie auf eine Analyse von Berufungskonflikten bzw. gescheiterten Berufungen. Zusätzlich aufgenommen in den Band wurde der Beitrag von Barbara Stambolis im dritten Teil «Berufungskultur». Für das Zustandekommen von Tagung und Buch sei im Namen der GUW sehr herzlich gedankt: der Universität Leipzig und ihrem damaligen Rektor, Prof. Dr. Franz Häuser, für die Jubiläumseinladung sowie die finanzielle und ideelle Unterstützung der Tagung, auf der wir selbst im alten Senatssaal zu Leipzig Gäste sein durften, der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW) und dem Friedrich-Emil-Welti-Fonds in Bern für die Unterstützung der Drucklegung. Im November 2008 konnten die Herausgeber den Leipziger Tagungsort ‹inspizieren›. Dabei stiessen wir auf ausserordentlich kompetente und liebenswürdige Hilfe, die bis zur Drucklegung
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Vorwort
angehalten hat. Herzlich zu danken gilt es daher den Kollegen Ulrich von Hehl und Manfred Rudersdorf (Historisches Seminar der Universität Leipzig) sowie Herrn Sebastian Kusche M.A. (Koordinationsstelle der Kommission zur Erforschung der Leipziger Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte). Das Programm für Tagung und Buch ist auch diesmal mit Zustimmung des Vorstandes in Bern und von Bern aus gestaltet worden, unter wesentlicher und verdankenswerter Beratung durch die Kollegen Sylvia Paletschek (Freiburg i. Br.) und Martin Kintzinger (Münster). Ein besonderer Dank gebührt den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Abteilung für Mittelalterliche Geschichte sowie des Repertorium Academicum Germanicum (RAG) am Historischen Institut der Universität Bern, die in der einen oder anderen Weise in alle Vorbereitungen einbezogen waren, insbesondere Frau Irène Neiger, in deren seit 1995 bewährten Händen auch diesmal die Tagungsorganisation gelegen hat, zum letzten Mal, da sie zusammen mit ihrem früheren GUW-Präsidenten Rainer C. Schwinges 2009 in Leipzig aus dem Amt geschieden ist. Sehr herzlich zu danken ist auch Frau Melanie Kellermüller MA, die mit Umsicht und grossem Einsatz die Redaktions- und Satzarbeiten in Bern ausgeführt hat, und Frau lic. phil. Tina Maurer (Bern/Luzern), die einen eindringlichen Tagungsbericht verfasst hat1. Zu danken ist ferner den bewährten Mitarbeitern des Schwabe Verlags Basel und ganz besonders den Autorinnen und Autoren, namentlich dem abschliessenden Kommentator, Martin Kintzinger, für die Bereitschaft, sich auf die Herausforderungen der Berufungsthematik eingelassen zu haben. Ihnen allen gebührt unser herzlicher Dank. Bern, im Juni 2012
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Die Herausgeber
Tina Maurer, Tagungsbericht Professorinnen und Professoren gewinnen – Zur Geschichte des Berufungswesens an den Universitäten Mitteleuropas. 16.09.2009– 19.09.2009, Leipzig, in: H-Soz-u-Kult, 23.11.2009, http://hsozkult.geschichte.hu- berlin.de/tagungsberichte/id=2859.
Berufungswesen – eine Einführung Rainer Christoph Schwinges Kaum ein anderes Thema neben der Hochschulfinanzierung scheint heute von grösserer Wichtigkeit zu sein als der Wettbewerb um die besten Köpfe. Sie sollen helfen, Universitäten möglichst exzellent zu positionieren, ihre Profile zu schärfen und existentiell zu sichern. Wie man also die geeigneten Professorinnen und Professoren gewinnt und welche Erfahrungen man im deutschen Sprachraum bzw. in Mitteleuropa mit Bedarf und Angebot des wissenschaftlichen Spitzenpersonals im Verlauf der Jahrhunderte universitären Lebens gesammelt hat, sind die Kernfragen in diesem Buch. Dabei wissen wir, dass die Antworten nur vorläufig zu finden sind. Die Geschichte der Professorinnen- und Professorenberufung ist noch nicht geschrieben; sie harrt noch ihrer systematischen Aufarbeitung, vor allem in der Koordination vergleichender Studien zwischen den einzelnen Universitäten, ganz abgesehen davon, dass die Quellen kaum aufgearbeitet und die verschiedenen universitätsgeschichtlichen Epochen sehr unterschiedlich und sehr uneben behandelt worden sind1. Dennoch war das Echo auf die Einladung zu 1
Einen ersten kursorischen Eindruck vermittelt Walter Rüegg (Hg.), Geschichte der Universität in Europa, 4 Bde. München 1993–2010. Berufung bzw. Berufungsverfahren sind freilich nur in den Bänden 2 (1500–1800) und 3 (1800–1945) eigens beschrieben, siehe Peter A. Vandermeersch, Die Universitätslehrer, in: Rüegg II (1996), S. 181– 212, hier S. 187–190; Matti Klinge, Die Universitätslehrer, in: Rüegg III (2004), S.113– 143, hier 122–126. Einzelne Studien in Auswahl: Jürgen Miethke, Die Welt der Professoren und Studenten an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit, in: Historiographie am Oberrhein im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit, hg. von Kurt Andermann (Oberrheinische Studien 7), Sigmaringen 1988, S. 11–33; Heinz Schneppen, Niederländische Universitäten und deutsches Geistesleben von der Gründung der Universität Leiden bis ins späte 18. Jahrhundert (Neue Münstersche Beiträge zur Geschichtsforschung 6), Münster 1960, bes. S. 68–74; Daniela Siebe, Berufungen zwischen Universität und Landesherrschaft: das Beispiel Jena 1650–1700, in: «Orte der Gelahrtheit». Personen, Prozesse und Reformen an protestantischen Universitäten des Alten Reiches, hg. von ders. (Contubernium 66), Stuttgart 2008, S. 159–191, und ebd., Eva-Marie Felschow, Reformen durch Berufungspolitik? Die Universität Gießen und ihr Landesherr im 18. Jahrhundert, S. 221–238. Grundlegend für das 19. Jahrhundert und die gesamte Thematik ist Marita Baumgarten, Professoren und Universitäten im
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Beiträgen ausserordentlich positiv, die Herausforderung wurde angenommen. Denn zweifellos ist das Berufungswesen ein grosses Thema; nimmt man die jeweiligen Rahmenbedingungen hinzu, so käme nichts weniger dabei heraus als ein Stück deutscher, niederländischer, österreichischer oder Schweizer Geschichte2, womit die Länderperspektiven in diesem Buch genannt sind. Den relativ wenigen historischen Studien zum Berufungswesen steht freilich eine Fülle von Arbeiten gegenüber, teils aus juristischer, wissenschaftsrechtlicher, teils aus universitäts- und wissenschaftspolitischer Perspektive, die sich mit Berufungsverfahren, Berufungsverhandlungen und aktueller Berufungspraxis beschäftigen, teils auch mit Reformvorschlägen und Thesen zur Erneuerung der Praxis bzw. der Verfahren. Nach Internet-Durchsicht ist man geneigt nach einer ordnenden Hand zumindest in den deutschsprachigen Ländern zu rufen. Für dieses Buch dürfte dies ein Stück weit gelungen sein, da neben den Universitäts- und Wissenschaftshistorikern auch Vertreter der universitären, staatlichen und verbandlichen Praxis und des Verfahrensrechts mitgeschrieben haben, deren Beiträge man im Lichte des historischen Prozesses vergleichen und würdigen kann. In meiner Einführung bin ich nun weit davon entfernt, einen angemessenen Aufriss der Berufungsgeschichte zu liefern; ich beschränke mich auf
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19. Jahrhundert. Zur Sozialgeschichte deutscher Geistes- und Naturwissenschaftler (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 121), Göttingen 1997; Dies., Berufungswandel und Universitätssystem im 19. Jahrhundert. Die Universität Greifswald, in: Die Universität Greifswald und die deutsche Hochschullandschaft im 19. und 20. Jahrhundert, hg. von Werner Buchholz (Pallas Athene 10), Stuttgart 2004, S. 87–115. Siehe ferner Peter Moraw, Humboldt in Giessen. Zur Professorenberufung, in: Geschichte und Gesellschaft 10 (1984), S. 47–71; Bernhard vom Brocke (Hg.), Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftspolitik im Industriezeitalter. Das «System Althoff» in historischer Perspektive (Edition Bildung und Wissenschaft), Hildesheim 1991; Martin Schmeiser, Akademischer Hasard: Das Berufsschicksal des Professors und das Schicksal der deutschen Universität 1870–1920. Eine verstehend soziologische Untersuchung. Stuttgart 1994; Markus Huttner, Disziplinentwicklung und Professorenberufung. Das Fach Geschichte an der Universität Leipzig im 19. Jahrhundert, in: Neues Archiv für sächsische Geschichte 71 (2000), S. 171–238; Jens Thiel, Akademische «Zinnsoldaten»? Karrieren deutscher Geisteswissenschaftler zwischen Beruf und Berufung, in: Kontinuitäten und Diskontinuitäten in der Wissenschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts, hg. von Rüdiger vom Bruch, Uta Gerhardt und Aleksandra Pawliczek (Wissenschaft, Politik und Gesellschaft 1), Stuttgart 2006, S. 167–194; Wolfram Kändler, Anpassung und Abgrenzung. Zur Sozialgeschichte der Lehrstuhlinhaber der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg und ihrer Vorgängerakademien 1851 bis 1945 (Pallas Athene 31), Stuttgart 2009; Frank Wagner, Beharrliche Einheit der Vielfalt. Das Ordinarienkollegium der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin 1809 bis 1945, Giessen 2012 (E-Book: http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2012/8608/). Formuliert in Anlehnung an den Buchtitel von Gerhard Ritter, Die Heidelberger Universität im Mittelalter (1386–1508). Ein Stück deutscher Geschichte, Heidelberg 1936 (Ndr. Heidelberg 1986).
Einführung
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erkennbar wichtige Stationen und einige Kriterien, die im Laufe der Zeit im Zusammenhang mit Berufungen aufgetreten, beibehalten, bekräftigt oder verworfen worden sind. Vor dem Hintergrund eines relativ konstanten Spannungsbogens zwischen den alten korporativen Freiheiten der Selbstergänzung und den fürstlich/staatlichen, gelegentlich auch städtisch/obrigkeitlichen Willensäusserungen, der auch in den heutigen Autonomiedebatten seine Rolle spielt, greife ich zunächst eine zentrale Station heraus, die in der Literatur mit dem Begriff «Berufungswandel» belegt ist3. Dieser Wandel ist ein Teilstück der so genannten klassischen deutschen Universität, die sich in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum und bald auch darüber hinaus in Europa und Übersee modellhaft im Ganzen oder in einzelnen Strukturelementen durchzusetzen begann und die wir gewohnt sind, mit der Chiffre «Humboldt» zu belegen4. Neben die berühmt gewordenen Prinzipien von ‹Einsamkeit und Freiheit›, der Verbindung von Forschung und Lehre, der wissenschaftlich fundierten Bildung, der Wissenschaft als Einheitsbegriff sowie der betonten Gleichgestimmtheit und Gleichberechtigung der Wissenschaft treibenden Personen, tritt der Berufungswandel gleichsam als Durchführungsinstrument der neuen Ideen hinzu und veränderte Fächer und Fakultäten von Grund auf. Entstanden ist dabei ein neuer Professorentyp, besser gesagt, er hat sich durchgesetzt oder ist durchgesetzt worden gegen viele Kräfte am jeweiligen Ort ganz unterschiedlicher Provenienz: Bloss Neu gegen Alt wäre hier eine viel zu oberflächliche Aussage. Was das Neue ausmachte, was das neue «Qualifikationsprofil» des Professors war, wird auf dieser Tagung bzw. in diesem Buch vertieft zur Sprache kommen. Nur soviel: Dass diesem Qualifikationsprofil nunmehr prinzipiell eine disziplinbezogene und darin leistungsbezogene Auslese aus dem gesamten deutschen Sprachgebiet zugrunde lag und sich dabei eine «Wettbewerbsgesellschaft» mit höchst fruchtbaren Herausforderungen bildete, dürfte von enormer, äusserst folgenreicher und bis heute nachhaltender Wirkung gewesen sein. Das könnte auch heute zumindest einmal im europäischen Hochschulraum eine Fortsetzung finden. Damals jedenfalls standen dem landesuniversitären Regionalismus erstmals die ganze Nation und teilweise auch die sprachverwandte Internationalität als Rekrutierungsraum gegenüber, so dass «Auswärtigkeit», das «Von-Auswärts-Kommen» für den Professor neuen Stils zu einem legitimierenden Profilfaktor im Berufungsverfahren wurden. Dass dahinter zahlreiche gesellschaftliche Basisprozesse abliefen, darunter 3 4
Vgl. Baumgarten, Professoren (Anm. 1), S. 93–159. Siehe dazu Rainer Christoph Schwinges (Hg.), Humboldt International. Der Export des deutschen Universitätsmodells im 19. und 20. Jahrhundert (Veröffentlichungen der Gesellschaft für Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte 3), Basel 2001.
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die absolut erstrangige, verkehrs- und kommunikationstechnische Innovation der Eisenbahn, die die neue Mobilität im Sprachraum erst möglich machte, sei nur erwähnt, zumal Zeitgenossen des Berufungswandels selbst von «Eisenbahnprofessoren oder Eisenbahnmenschen» gesprochen haben5. Für die klassische Universität, wie sie im Vergleich zur Vor- und Nachklassik schon Peter Moraw und im Hinblick auf den Berufungswandel auch Marita Baumgarten beschrieben haben6, gewann die Forschungsleistung ihrer Professoren geradezu konstitutive Bedeutung: Indem nämlich die Universität neben dem nun ganz selbstverständlich finanzierenden und immer mehr finanzierenden Staat auch durch die öffentliche Meinung und die öffentliche Überzeugung, dass die Universitäten ein wertvoller nationaler Gesamtbesitz seien, mitgetragen wurde. «Die Pfleger und Mehrer dieses Besitzes waren die Professoren, zumal die Professoren neuen Stils, die sich als Gelehrtenrepublik zusammengehörig fühlten und in dieser Zusammengehörigkeit staatliche und öffentliche Achtung genossen». Ihre Leistungen wurden allgemein anerkannt. Offenbar steuerte der wissenschaftliche Wettbewerb dabei auch die soziale Haltung der einzelnen Universitätsmitglieder, zwang zur Überprüfung der alten Kriterien und schuf neue, so jedoch, dass – was auch immer sonst noch gelten mochte – die wissenschaftliche Forschungsleistung zum Standardkriterium wurde. Im Resultat kam es jedenfalls zu einer unerhörten Qualitätssteigerung des gesamten Universitätssystems, das sich nun so etwas wie einen freien Professorenmarkt auch über Staatsgrenzen hinweg leisten konnte7. Station und Stichwort ‹Berufungswandel› besagen freilich auch, dass es einmal anders gewesen ist, nicht schlechter, nicht besser, sondern anders und der Vormoderne oder der vorklassischen Universität und ihrer umgebenden Gesellschaft durchaus angemessen, als Universitäten und Professoren 5
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Wohl zuerst Etienne Laspeyres, Über Alter und Wechsel der Professoren an den deutschen Universitäten, Giessen 1882 (Rektoratsrede); dazu Horst Rinne, Ernst Louis Etienne Laspeyres, in: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik 196 (1981), S. 194–215. Zitat nach Peter Moraw, Humboldt (Anm. 1), S. 52. Vgl. auch Ders., Aspekte und Dimensionen älterer deutscher Universitätsgeschichte, in: Academia Gissensis. Beiträge zur älteren Gießener Universitätsgeschichte, hg. von Dems. und Volker Press, Marburg 1982, S. 1–43, bes. 13–15; Ders., Kleine Geschichte der Universität Gießen 1607–1982, Giessen 21990, bes. S. 43 ff,, 104 ff., 144 ff. – Zusammenfassend Marita Baumgarten, Professoren (Anm. 1), S. 157–159; Dies., Professoren- und Universitätsprofile im Humboldt’schen Modell 1810–1914, in: Humboldt International, hg. von Rainer C. Schwinges (Anm. 4), S. 105–129, bes. 106 ff.; am Beispiel Giessens Dies., Vom Gelehrten zum Wissenschaftler. Studien zum Lehrkörper einer kleinen Universität, Giessen 1988, S. 149 ff. Vgl. Walter Höflechner, Zum Einfluß des deutschen Hochschulwesens auf Österreich in den Jahren 1875–1914, in: Wissenschaftsgeschichte, hg. von Bernhard vom Brocke (Anm. 1), S. 155–183, 166.
Einführung
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Leistung und wissenschaftliche Qualität anders definierten. Diese früheren Verhältnisse verdienen ebenfalls und für sich genommen Aufmerksamkeit. Von den bekannten Ausnahmen in Wittenberg, Halle oder Göttingen abgesehen, funktionierten die meistens vormodernen Universitäten – natürlich im idealtypischen Sinne – als ‹Familienuniversitäten›, die sich im hohen Masse im Besitz von ‹Universitätsfamilien› befanden8. Deren soziale Basis war in der aller Regel das landesstaatliche so oder so konfessionell gebundene Bürgertum aus Beamten- und Pfarrerfamilien, das vor allem aus ratsfähigen Familien des Universitätsortes oder benachbarter Städte hervorgegangen war. Lehrstuhlvererbung vom Vater auf den Sohn oder auf entferntere Verwandte war nicht nur möglich, sondern weitgehend strukturbildend. Fakultäts- und Fächerstrukturen wurden den familiären Bedürfnissen angepasst, indem der Aufstieg von der niederen zur höheren Fakultät, innerhalb der Fakultät der Aufstieg vom schlechteren zum besseren Lehrstuhl und die Kumulation von Lehrstühlen verschiedener Fakultäten möglich war, wie man es eben vom Umgang mit den Pfründen der römischen Kirche bzw. dem nachreformatorischen, säkularisierten Kirchengut gewohnt war. Nicht selten haben Gelehrtendynastien Fächer und Wissen generationenlang dominiert, nicht selten über mehr als ein Jahrhundert hinweg, wie etwa in Tübingen die Theologenfamilie Osiander oder in Basel die Hebraistenfamilie Buxtorf9. Der Professor dieses alten Stils oder alten Typs war der Gelehrte enzyklopädischer Ausbildung und ebensolcher Tätigkeit, dem ein Wissenschafts- oder Forschungsinteresse im modernen Sinne fehlte, der freilich gar keinen Bedarf danach hatte und sich dessen wohl auch gar nicht bewusst war. Er zeigt sich als das Produkt einer sozial sehr stark determinierten Gelehrtenkultur, die folglich dem Tradieren am ehesten verpflichtet gewesen ist. Zugehörigkeit war 8
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Vgl. dazu Peter Moraw, Humboldt (Anm. 1) S. 49 mit weiterer Literatur; Ders., Kleine Geschichte (Anm. 6), S. 65 ff. u.ö.; Notker Hammerstein, Bildung und Wissenschaft vom 15. bis zum 17. Jahrhundert (Enzyklopädie Deutscher Geschichte 64), München 2003, S. 26, 64 f., 118, 124; speziell ferner Matthias Asche, Über den Nutzen von Landesuniversitäten in der Frühen Neuzeit. Leistungen und Grenzen der protestantischen «Familienuniversität», in: Universität Würzburg und Wissenschaft in der Neuzeit. Beiträge zur Bildungsgeschichte, gewidmet Peter Baumgart anläßlich seines 65. Geburtstages, hg. von Peter Herde und Anton Schindling, Würzburg 1998, S. 133–149; Julian Kümmerle, «Absinkendes Niveau, fehlende Kritik und geringe Leistung»? Familienuniversitäten und Universitätsfamilien im Alten Reich, in: Orte, hg, von Daniela Siebe (Anm. 1), S. 143–157; Ders., Wissenschaft und Verwandtschaft. Protestantische Theologenausbildung im Zeichen der Familie vom 16. bis zum 18. Jahrhundert, in: Bildung und Konfession. Theologenausbildung im Zeitalter der Konfessionalisierung, hg. von Herman J. Selderhuis und Markus Wriedt, Tübingen 2006, S. 159–210. Vgl. Julian Kümmerle, Familienuniversitäten (Anm. 8), S. 145–149 (Osiander). Rudolf Smend, Vier Epitaphe – Die Basler Hebraisten-Familie Buxtorf (Litterae et Theologia 1), Berlin 2010.
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hier das entscheidende Berufungskriterium, der Standard sozialer Nähe, der wissenschaftliche Leistung jedoch nicht ausgeschlossen hat10. Man darf sich dieses System aber nicht allzu statisch vorstellen. Planung und Verhalten der Universitätsfamilien wurden immer wieder gestört, sei es durch Kriege und Kriegsfolgen, sei es durch religiös-soziale Bewegungen, immer wieder auch durch Eingriffe der Landesfürsten und ihrer Höfe, die nicht immer vom verwandten Hofbeamtentum abgefedert werden konnten. Störungen gab es auch durch den Einfluss von gelehrten Autoritäten bzw. durch deren Empfehlungen, ferner natürlich «durch Zufälle oder durch die unabweisbar gewordene Leistung eines Aussenseiters». Normalerweise heiratete jedoch der erfolgreiche Neuling in die Gelehrtenfamilie ein, so dass durchaus Bewegung entstand und durch ‹frisches Blut› verbesserte Überlebenschancen der Universitätsfamilien eintraten11. Oft ging das so bis ins frühe 19. Jahrhundert. Ob man für die ältere Vormoderne, die spätmittelalterliche Universität im Übergang zur frühneuzeitlichen, ebenfalls einen Berufungswandel postulieren muss, wird sich weisen, wenn zu klären ist, woher Berufung überhaupt kommt, wenn nicht aus dem kollegiatkirchlich-monastischen Hintergrund der Universität, und welche Kriterien hier angelegt wurden. Am Anfang stand die Kooptation, das Selbstergänzungsrecht der Magister von Paris um 1200, das zunächst mit Papstes Hilfe durchgesetzt und gegenüber örtlichen Kräften immer wieder zäh verteidigt werden musste. Dies alles entsteht mit der Universität, und zugleich als ein Kompromiss, der es auch von Anfang an ermöglichte, dass der oben erwähnte Spannungsbogen zwischen der Korporation und der Trägerschaft nicht zerbrach: Die Überprüfung gelernt-gelehrter Fähigkeiten der Kandidaten in gradus oblag den gewählten Examinatoren der Korporation, die förmliche Anerkennung der erreichten Grade und das Erteilen der zugehörigen ubiquitären licentia, also wo auch immer gradgemäss zu lehren, kam äusseren, zunächst geistlichen Kräften zu. Bei fortschreitender sozialer Determiniertheit der mittelalterlichen Gesellschaft, die die Universitäten nicht aussparte, stiess das Modell der licentia ubique docendi freilich sehr bald an seine Grenzen12. Rezeptionen, Berufungen auf technisch sozialer Ebene, waren überall streng geregelt, und die entsprechenden Fakultätsstatuten galten prinzipiell, auch wenn sie immer wieder sozial und herrschaftlich überformt werden konnten. Wer am sichersten 10
Im Überblick jeweils Notker Hammerstein, Bildung (Anm. 8), und Anton Schindling, Bildung und Wissenschaft in der frühen Neuzeit 1650–1800 (Enzyklopädie Deutscher Geschichte 30), München 1994. 11 Nach Peter Moraw, Humboldt (Anm. 1), S. 49 f. Siehe auch Eva-Marie Felschow, Reformen (Anm. 1), S. 223 ff., 233 ff. 12 Vgl. dazu Jacques Verger, Die Universitätslehrer, in: Rüegg I (Anm. 1), S. 139–157.
Einführung
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Professor werden wollte, blieb am besten an seiner einmal gewählten Universität sitzen oder kam bald aus erlaubtem Auswärtsstudium zurück, blieb also ein Hiesiger, der sich gemäss Lokationsordnung seiner Universität ausrechnen konnte, wann er als regierender Magister oder ordinarie lesender Professor zum Zuge kam, wenn nicht der Landesfürst es anders wollte. Zum 15. Jahrhundert hin verstärkte sich die Tendenz, nicht zuletzt um Einfluss und Einkommen in der eigenen Universität zu sichern, anderswo promovierte Gelehrte abzulehen und als unerwünschte Kandidaten zu behandeln, sie zumindest aber einer erneuten Prüfung zu unterziehen, was der ursprünglichen licentia oder venia docendi widersprach. Rezeptionsvorgänge sind denn auch in den höheren Fakultäten überschaubar geblieben. Im Konfliktfall jedenfalls konnte das Argument, ein non hic promotus zu sein, das Karriereende an der betreffenden Universität bedeuten13. Diese Entwicklung sollte auch mitbedacht werden, wenn vom Entstehen der Gelehrtendynastien, im deutschen Sprachraum etwa seit der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts, die Rede ist, den Anfängen der späteren, frühneuzeitlichen Universitätsfamilien14. Was nun die Berufungskriterien betrifft und die jeweils gegenseitigen Erwartungen über einen sehr langen Zeitraum hinweg, so haben wir versucht, sie für Tagung und Buch in drei Teilen jeweils epochenübergreifend zu bündeln. Der erste Teil fragt nach dem Bedarf der Institutionen, wie ihn Landesfürsten, Städte, Kirchen, territoriale Nachbarn oder Agenten der staatlichen Bildungspolitik und nicht zuletzt die Universitäten selbst zur Profilbildung vom Mittelalter bis heute formulierten – unter Hilfestellung rechtlicher Verfahren und jüngster praktischer Erfahrungen. Der zweite Teil wendet sich sodann den berufenen Personen zu. Hier geht es um die für ein Professorenamt erforderlichen Qualifikationen, seien es im Laufe der Zeit veränderte wissenschaftlich-akademische oder sozial-regionale Qualifikationen oder bestimmte Zugehörigkeitsbereiche wie Konfessionen, Landsmannschaften, Studenten-Verbindungen, Militär oder Geschlecht. Ein besonderes Gewicht legen wir in diesen Zusammenhängen auf die Frage, inwieweit wissenschaftliche Schulen die Berufungspraxis beeinflusst oder gar gesteuert haben. Auf dem Prüfstand stehen Medizin und Naturwissenschaften, Altertums-, Kulturund Geschichtswissenschaften. Im dritten Teil werden öffentliche und private Reaktionen auf Berufungen eingefangen, um damit auf vielleicht vorhandene oder vorhanden gewesene Berufungskulturen schliessen zu können. 13
Zu einem exemplarischen Fall siehe Hermann Keussen, Wilhelm Kurman von Werden, der erste Vizerektor der Universität Ingolstadt und sein Prozeß mit der Universität Köln, in: Zeitschrift für Bayerische Landesgeschichte 9 (1936), S. 99–107. 14 Zur Problematik siehe Rainer C. Schwinges, Universität, soziale Netzwerke und Gelehrtendynastien im deutschen Spätmittelalter, in: Frank Rexroth (Hg.), Beiträge zur Kulturgeschichte der Gelehrten im späten Mittelalter (Vorträge und Forschungen LXXIII), Ostfildern 2010, S. 47–71.
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Berufungsmuster, Eignungskriterien, Wege und Konkurrenzen, Konflikte und Scheitern zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten und Ländern mögen hier Einblicke verschaffen, bevor wir dann am Schluss überzeugt sind, der Geschichte des Berufungswesens wesentliche Impulse gegeben zu haben.
Teil I Wie gewinnt man Professorinnen und Professoren? Der Bedarf der Institutionen