SCHWABE PH I LOSOPH I CA
XIV
Hermann Lübbe
Geschichtsbegriff und Geschichtsinteresse Analytik und Pragmatik der Historie
Schwabe
SCHWABE PHILOSOPHICA XIV
HERAUSGEGEBEN VON HELMUT HOLZHEY UND WOLFGANG ROTHER
SCHWABE VERLAG BASEL
HERMANN LÜBBE
GESCHICHTSBEGRIFF UND GESCHICHTSINTERESSE ANALYTIK UND PRAGMATIK DER HISTORIE 2., UM EINE NEUE EINLEITUNG ERWEITERTE AUFLAGE
SCHWABE VERLAG BASEL
© 2012 Schwabe AG, Verlag, Basel Gesamtherstellung: Schwabe AG, Druckerei, Muttenz/Basel Printed in Switzerland ISBN 978-3-7965-2714-2 www.schwabe.ch
Inhalt Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Einleitung zur Neuauflage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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I. Analytik 1. Die Absicht: Analyse des nicht-theoretischen Elements der Historie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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2. Der methodische und wissenschaftspraktische Ort dieser Absicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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3. Was heisst «Das kann man nur historisch erklären»? . . . . . . . . . .
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4. Erklären, um zu verstehen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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5. Handlungsinterferenz; Heterogonie der Zwecke; Widerfahrnis; Handlungsgemengelagen; Zufall . . . . . . . . . . . . . . .
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6. Geschichten – Vorgänge ohne Handlungssubjekt . . . . . . . . . . . . .
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7. Die Einheit der Geschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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8. Geschichten – Prozesse der Systemindividualisierung . . . . . . . . . .
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9. Einheitswissenschaft? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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10. Analytischer Historismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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11. Die Rede von der Gesetzmässigkeit des geschichtlichen Prozesses . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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12. Identität durch Geschichten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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II. Pragmatik 13. Wozu Historie? Die Aktualität der Relevanzfrage . . . . . . . . . . . .
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14. Identitätspräsentation, Objektivität und Parteilichkeit . . . . . . . . .
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15. Identitätspräsentation und Ideologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Inhalt
16. «Aus der Geschichte lernen» . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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17. Historisches Verstehen und politische Praxis . . . . . . . . . . . . . . . . .
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18. Lehrgeschichten und Evolutionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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19. Historie als Kultur der Kontingenzerfahrung . . . . . . . . . . . . . . . . .
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20. Aufklärung und historische Aufklärung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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21. Evolutionäre Beschleunigung und historisches Bewusstsein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Sachregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Vorwort Mit der Dynamik im Wandel unserer zivilisatorischen Lebensvoraussetzungen intensiviert sich zugleich das Interesse, Vergangenheit zugänglich und gegenwärtig zu machen. Wie in keiner Epoche zuvor betreibt unsere Zivilisation ihre Selbsthistorisierung – musealisierend und archivarisch, mit den Mitteln des Denkmalschutzes sowie in den Geschichtswissenschaften aller Sparten von der Rechtsgeschichte bis zu den Spezialitäten der Begriffsgeschichte oder der Sprachgeschichten und von der Kunstgeschichte bis zur Wirtschaftsgeschichte. Von einem wissenschaftskulturellen Spannungsverhältnis der historischen Kulturwissenschaften («Geisteswissenschaften») zu den Naturwissenschaften kann dabei keine Rede sein. Die Natur wird vielmehr ihrerseits historisiert – von der Paläontologie bis zum historischen Teil der Kosmologie. Dieses Buch macht plausibel, wieso das so ist. Als es in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zuerst erschien, wurde der Versuch, die modernisierungsbedingte Unvermeidlichkeit, ja kulturelle und politische Aufdringlichkeit historischer Interessen darzutun, als «neohistoristisch» getadelt. Man verlangte von den Geschichtswissenschaften, statt Auskünfte darüber, wie es wirklich gewesen ist, kritische und praxisbezogene Vergegenwärtigung des Zukunftssinns unserer Vergangenheiten – bis hin zur Vergewisserung eines verpflichtenden Endzwecks unserer Gattungsgeschichte. Das hat sich inzwischen erledigt oder verloren. Ein realistischer wissenschaftspraktischer Sinn für die Orientierungsleistungen historischer Erklärung kontingenter geschichtlicher Lagen hat sich breitenwirksam gefestigt, und die analytische Geschichtswissenschaftstheorie hat sich als das wichtigste philosophische Medium der Disziplinierung unserer Erwartungen an die Leistungen moderner Vergangenheitsvergegenwärtigungspraxis erwiesen. In der ausführlichen neuen Einleitung zur Neuauflage dieses Buches ist das dargestellt. Wissenschaftstheorie – das ist ein hartes Brot. Wer sich auf die heilsame Begriffsdiät, die sie uns zumutet, nicht angewiesen wüsste, könnte bei der
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Vorwort
Lektüre dieses Buches auch mit seinem zweiten Teil («Pragmatik») den Anfang machen. Der erste Teil («Analytik») bleibt unentbehrlich für die Erklärung der kulturellen und politischen Schadensfolgen der Versuche, den «Historismus» zu überwinden und endlich auch unser historisches Wissen in den intellektuellen Adelsstand einer «Kritischen Theorie» zu erheben. Der Haupttext dieses Buches ist durchgesehen und emendiert. Herrn Professor Dr. Dr. h.c. Helmut Holzhey sowie Herrn Prof. Dr. Wolfgang Rother danke ich für die Aufnahme des Buches in die von ihnen betreute Reihe «Schwabe Philosophica», desgleichen meiner Mitarbeiterin Frau Victoria Laszlo, Herrn cand. phil. Raphael Meyer und Frau lic. phil. Erika Regös vom Schwabe Verlag für die technische Neueinrichtung des umfangreichen Textes. Zürich, Herbst 2011
Hermann Lübbe
Einleitung zur Neuauflage Das zuerst 1977 erschienene Buch «Geschichtsbegriff und Geschichtsinteresse. Analytik und Pragmatik der Historie» hat Wirkungen gehabt, die sich bis in die Gegenwart hinein fortsetzen. Das reicht von frühen Besprechungsaufsätzen1 bis zu aktuellen, auch biographisch interessierten Arbeiten zur Vergegenwärtigung meiner Kulturphilosophie historischer Wissenschaften.2 Dazwischen gibt es im Wechsel dominanter wissenschaftsinterner Sachinteressen, kultureller, auch politischer Bewegtheiten und Optionen zahlreiche kritische oder auch zustimmende Rezeptionen in Büchern und Aufsätzen analoger Thematik,3 Referate in orientierender informationspraktischer Absicht,4 freundliche Anknüpfungen in Festschriftbeiträgen oder Laudationen.5 Akademische Abschlussarbeiten beziehen sich ohnehin 1
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Oscar Köhler: Die vielen «Geschichten» und die eine «Fundamentalgeschichte», in: Saeculum 29/2 (1978) 107-146, oder auch Jörn Rüsen: Zur Kritik des Neohistorismus, in: Zeitschrift für Philosophische Forschung 33/2 (1979) 243-263. So im Kontext seiner Darstellung der Geisteswissenschaftsphilosophie der sogenannten Ritter-Schule Jens Hacke: Philosophie der Bürgerlichkeit. Die liberalkonservative Begründung der Bundesrepublik (Göttingen 2006) das Kapitel ‘Geschichtsbegriff und Geschichtsinteresse’, a.a.O. 45-93, oder auch Reinhard Mehring: Geschichtspragmatik. Eine Rekonstruktion der Geschichtsphilosophie Hermann Lübbes, in: Hanns-Gregor Nissing (Hrsg.): Hermann Lübbe. Pragmatische Vernunft nach der Aufklärung (Darmstadt 2009) 47-66. Herausragend zum Beispiel Emil Angehrn: Geschichte und Identität. Berlin (New York 1985) passim, oder, auf der anderen Seite, Wolfgang Vögele im Kapitel ‘Historistische Zeitdiagnose’ seines Buches ‘Zivilreligion in der Bundesrepublik Deutschland’ (Gütersloh 1994) 100-133. So zum Beispiel das Kapitel ‘Jürgen Habermas und Hermann Lübbe’ bei Ernst Nolte: Geschichtsdenken im 20. Jahrhundert. Von Max Weber bis Hans Jonas (Berlin, Frankfurt a.M. 1991) 552-564, oder Volker Steenblock: Transformation des Historismus (München 1991), darin das Kapitel ‘H. Lübbe: Unabdingbarkeitsbescheid und gleichzeitig Depotenzierung eines als kulturell längst etabliert behaupteten Historismus’, 69-76. So Odo Marquard: Wandlungsbeschleunigung und Illusionsbereitschaft, in: Georg Kohler, Heinz Kleger (Hrsg.): Diskurs und Dezision. Politische Vernunft in der wissenschaftlich-technischen Zivilisation. Hermann Lübbe in der Diskussion
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Einleitung
gern auf Bücher, die mit ihren Themen und Thesen Aufmerksamkeit schon gefunden haben.6 Erwähnt werden sollte noch, dass die Themen und Thesen des hier neu vorgelegten Buches nicht nur bei Philosophen, sondern auch jenseits der ohnehin ja sehr durchlässigen Fachgrenzen der Philosophie Interesse gefunden haben – bei Theologen,7 bei philosophisch kompetenten Ökonomen8, bei Politikwissenschaftlern selbstverständlich,9 und sogar Naturwissenschaftler fanden gelegentlich Anlass, auf meine Analyse der Indifferenz des Geschichtsbegriffs gegenüber dem Unterschied von Kultur und Natur zu rekurrieren.10 So liesse sich lange fortfahren, und es versteht sich von selbst, dass ich aus älteren wie aus jüngeren Stellungnahmen zu diesem Buch viel lernen konnte – aus Antithesen wie aus Bekräftigungen, aus Ergänzungen wie aus weltanschaulich oder ideologisch begründeten Vorbehalten. So oder so legen es fortdauernde Auseinandersetzungen mit meiner Wissenschaftstheorie und Kulturphilosophie historistischer Vergangenheitsvergegenwärtigungspraxis nahe, bei der Neuauflage dieses Buches, bis auf einige Fehlerkorrekturen und stilistische Glättungen, den alten Text wieder vorzulegen. Er ist es ja, der fortwirkt. Auf ihn sind die Rezeptionen bezogen,
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(Wien 1990) 167-181, oder auch Jürgen Mittelstrass: Laudatio, in: Hanns-Martin Schleyer-Preis 1994 und 1995. Veröffentlichungen der Hanns Martin SchleyerStiftung 44; 17-21. Zum Beispiel Arndt Hoffmann: Zufall und Kontingenz in der Geschichtstheorie. Mit zwei Studien zu Theorie und Praxis der Sozialgeschichte (Frankfurt a.M. 2005), oder Stefan Dreyer van Rooyen: Kontingensie, Kompensasie en die Moderne. ’n Filosofiese ondersoek in aansluiting by Hermann Lübbe en Odo Marquard, Diss. Universiteit van Pretoria 1995, oder Jean-Marc Piret: Rationliteit na de verlichting. Een reconstructie van het filosofisch werk van Hermann Lübbe, Deel I en II, Diss. Frije Universiteit Brussel, 1995-1996. Zum Beispiel bei Wolfhart Pannenberg: Anthropologie in theologischer Perspektive (Göttingen 1983) bes. 490ff. Josef Meran: Theorien in der Geschichtswissenschaft. Die Diskussion über die Wissenschaftlichkeit der Geschichte (Göttingen 1985) passim. Früh schon Dieter Ruloff: Geschichtsforschung und Sozialwissenschaft. Eine vergleichende Untersuchung zur Wissenschafts- und Forschungskonzeption in Historie und Politologie (München 1984) bes. 161ff. So Heinrich K. Erben: Leben heisst Sterben. Der Tod des einzelnen und das Aussterben der Arten (Hamburg 1981).
Einleitung
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die mit sich wandelnden wissenschaftspraktischen, kulturellen und politischen Umständen sich ihrerseits wandeln. Davon soll in dieser neuen Einleitung die Rede sein, die die alte Einleitung ersetzt. Die alte Einleitung bot auf vierzehn Seiten eine Zusammenfassung des Buchinhalts in Quintessenzen. Das erleichtert selektives Lesen. Mögliche Lektüreerträgnisse werden vorgeprägt, und eilige Rezensenten finden rascher und sicherer, worauf es dem Autor ankam. Einleitungen dieses Typus und dieser Nutzbarkeit haben sich auch in späteren umfangreichen Monographien bewährt – in meiner Religionsphilosophie zum Beispiel,11 oder auch in meiner Analyse der Zeit-Verfassung der modernen Zivilisation.12 Auch in dieser Neuausgabe meiner Geschichtskulturphilosophie sollte eine Kurzfassung ihres Inhalts nicht fehlen. Aber diese neue Einleitung möchte ja auf kulturevolutionäre Umstände aufmerksam machen, für deren Beschreibung und Erklärung sich die Konzepte und Theoreme dieses Buches als nützlich erwiesen haben. Entsprechend habe ich mich um eine Ultrakurzfassung der alten einleitenden Inhaltsangabe bemüht, und ich fand sie unüberbietbar knapp und zuverlässig in der Besprechung dieses Buches durch Thomas Nipperdey.13 Aus dieser Rezension zitiere ich die Nipperdey’sche Inhaltsangabe des analytischen Teils dieses Buches in ihren acht Punkten. «1. Ohne die – wachsende – Bedeutung sozialwissenschaftlicher theoretischer Elemente in der Historie zu leugnen (sofern sie nicht prätentiöse Theorierhetorik mit Einschüchterungswirkung sind)» – sind der Anspruch, «Historie müsse Sozialwissenschaft sein» sowie «das Ideal einer ‘nicht mehr narrativen’» Historie verfehlt. «Das Proprium der Historie ist die narratio einer Handlungs- oder Ereignisfolge, deren Regeln wir nicht kennen.» Aus diesem Grund kann Historie «nicht Gegenstand von Theorie, sondern nur von Erzählung sein».
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Hermann Lübbe: Religion nach der Aufklärung (München 32004) 9-18. Hermann Lübbe: Im Zug der Zeit. Verkürzter Aufenthalt in der Gegenwart. Dritte, um ein Nachwort erweiterte Auflage (Berlin, Heidelberg, New York 2003) 1-24. Thomas Nipperdey: [Rez.] Hermann Lübbe, Geschichtsbegriff und Geschichtsinteresse. Analytik und Pragmatik der Historie. Basel, Stuttgart, Schwabe 1977, in: Historische Zeitschrift 228 (1979) 109-112.
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Einleitung
«2. Eine Geschichte aber ist nicht einfach ein Handlungsablauf», vielmehr ein Phänomen unvorhersehbarer Handlungsinterferenzen, der Überlagerung von Handlungen durch die «Heterogenie der Zwecke, den unbeabsichtigten Folgen und dem ‘Zufall’, d.h. streng rational dem zu den Ausgangsbedingungen eines Systems Zufälligen». «3. Geschichten sind darum zwar Geschichten von jemand oder etwas, aber Vorgänge ohne Handlungssubjekt, denn ‘wir sind nicht Handlungssubjekte dessen, was uns passiert’. Aus der Räson der Handlung oder ihres Subjekts ist eine Geschichte gerade nicht abzuleiten.» «4. Nicht anders als mit den Geschichten steht es mit ‘der’ Geschichte, deren Wovon die biologische Gattung Menschheit ist. Ein ‘transzendental’ futuristischer Begriff der Gattung (Habermas) wird abgelehnt, weil er die wirkliche Geschichte zu einem Ablauf macht, dessen ‘Ziel’ die Wissenden kennen», und somit über das, was tatsächlich passiert, statt common-senseorientiert, mit intellektueller Arroganz geschichtssinngewiss «moralisierend und politisierend urteilen». «5. Geschichten der beschriebenen Art gibt es auch in der Natur; der Unterschied zwischen Natur- und Kulturwissenschaft liegt darum nicht im Historischen.» «6. Geschichten werden zuletzt definiert als ‘Prozesse der Systemindividualisierung’, Prozesse, unter denen Systeme unter externen, zu Funktion oder Sinn des Systems zufälligen Bedingungen sich umbilden zu dem, was sie dann einzigartig und unverwechselbar» macht. «7. Es ist gerade die analytische Philosophie (Popper), die Gesetz und Narration als die beiden Elemente der einen Wissenschaft bestimmt hat und damit – im Gegensatz zu verbreiteten Vorurteilen – das Insistieren des Historismus auf dem Ideographischen, auf dem Narrativen, die Eigenständigkeit der Historie gegenüber einer zumeist politisch motivierten Vermengung mit ‘Theorie’ rehabilitiert. Die analytische Reflexion befreit den klassischen Historismus von ideologischem Beiwerk wie von der Abweisung der Theorie, sie stellt ihn als analytischen Historismus wieder her.» «8. Dieser Historismus» stellt sich «gegen jeglichen ‘Historizismus’, der … an dem hölzernen Eisen» des Begriffs «Gesetz der Geschichte» festhalten möchte. «Es gibt keine Regel, nach der sich das Ende oder gar das Ziel der Geschichte oder auch nur einer Geschichte aus ihrem Anfang
Einleitung
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ableiten liesse. Die oft benutzte historizistische Begründung politischer Ziele … ist illegitim.»14 Ereignisreihen vom Typus «Geschichte» – das bringt Thomas Nipperdeys knappe Wiedergabe des analytischen Teils dieses Buches mit knappen Worten zur Evidenz – sind nicht theoriefähig. Geschichten sind weder vorhersagbar noch als Handlungen oder auch geplante Handlungsabfolgen beherrschbar und wiederholbar, vielmehr einzig jeweils im Nachhinein erzählbar. Aber wozu erzählen wir dann mit bedeutendem Aufwand historiographisch, wie es wirklich gewesen und wie es gekommen ist, wenn es sich dabei um den Gewinn von Handlungsregeln erklärtermassen nicht handeln kann und um Erleuchtungen durch den endlich erkannten Sinn der Geschichte erst recht nicht? Es bedarf keiner ausführlichen historischen Erklärung, wieso diese Frage, zumal in Deutschland, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs über Jahrzehnte hin sich mit besonderer Dringlichkeit stellen musste.15 Das erfuhr ich, als ich bald nach dem Erscheinen dieses Buches in Hamburg einen öffentlichen Vortrag zum Pflichtthema «Wozu Geschichte?» zu halten hatte. Mit Rekurs auf die analytische Wissenschaftstheorie und in der Absicht einer Kritik des im östlichen Teil Deutschlands damals ideologiepolitisch kanonisch gewesenen Historischen Materialismus bemühte ich mich plausibel zu machen, wieso Ereignis- und Zustimmungsabfolgen vom Typus naturaler Evolutionen, aber auch handlungsmitverfügter kultureller Prozesse, wieso also weder Naturgeschichten noch politische Geschichten Regeln folgen, die sich in Handlungsnormen transformieren lassen. Im Publikum dieses Vortrages sassen auch Bürgermeister Weichmann und seine Frau und zeigten sich irritiert – verständlicherweise. Die Diktatur der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei war gerade erst drei Jahrzehnte zuvor zu Ende gegangen, und das Ehepaar Weichmann gehörte bekanntlich zu den überlebenden Opfern dieser Diktatur. Wieso sollte es da nicht richtig sein, dass man in Hamburg wie überall sonst Geschichte einschliesslich ihrer totalitären Epochen lehre und lerne, nämlich in der 14 15
A.a.O. 109-110. Zum Thema «Relevanz» ausführlich Thomas Nipperdey: Über Relevanz, in: Aus Theorie und Praxis der Geschichtswissenschaft. Festschrift für Hans Herzfeld zum 80. Geburtstag. Im Auftrag des Friedrich-Meinecke-Instituts hg. von Dietrich Kurze (Berlin, New York 1972) 1-26.
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Absicht einer besseren Zukunft? Meine Antwort lautet: Geschichte lernen – das müsse man in der Tat, und so geschähe es ja auch überall in der modernen Welt, und zwar komplementär zu der sich immer noch steigernden Dynamik ihrer zivilisatorischen Entwicklungen. Aber die moralischen und normativen Konsequenzen der grossen politischen Katastrophen seien doch nicht der Lerngewinn aus den geschichtswissenschaftlichen Studien dieser Katastrophen. Die Normen des Rechts und der Moral, die ausser Kraft zu setzten die Führer der totalitären Bewegung sich ideologisch legitimiert wussten, seien doch politisch unüberbietbar durch die katastrophalen Folgen dieser totalitären Selbstlegitimation bekräftigt und öffentlich unwidersprechlich geworden. Einer nachträglichen Beglaubigung durch die Arbeit unserer Historiker bedürfe diese Erfahrung gar nicht. Auch für die Einsicht in die verfassungsrechtspolitischen Fälligkeiten der Zweiten Deutschen Demokratie sei man doch nicht auf eine vorhergehende Historiographie des Scheiterns der Ersten Deutschen Demokratie angewiesen gewesen. Es hat keinen lebenspraktischen und politischen Sinn zu sagen, dass die grossen Entscheidungen des 20. Jahrhunderts, die bis heute in zustimmungsfähiger Weise die europäische Geschichte prägen, nur in Abhängigkeit von Historikerexpertisen hätten gefunden werden können, und auch für die gesamthaft glückhaft verlaufene Geschichte der deutschen Bundesrepublik gilt das. Die ideologiepolitischen Schicksale des Totalitarismus liefern dazu, komplementär, den Gegenbeweis. Nie zuvor hatte man doch Geschichtswissen politisch für wichtiger genommen als in diesem Totalitarismus. Man glaubte, die «Gesetzmässigkeit» des Geschichtslaufs zu kennen, schrieb diesen Geschichtslauf wie eine Lehre endsiegsgewiss kanonisch fest und disziplinierte entsprechend die historische Forschung. Das ist es, was Karl Popper «Historizismus» genannt hat.16 Wozu aber dann Geschichte, wenn sie zur Generierung von Handlungsnormen weder fähig noch nötig ist und im Versuch, just dieses zu leisten, intellektuell und politisch erwiesenermassen unfreie Lebensverhältnisse legitimiert? Es ist genau diese Frage, die nicht zufällig in den ein, zwei Jahrzehnten, als der Kalte Krieg am kältesten war, tatsächlich viele Historiker
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Karl R. Popper: Das Elend des Historizismus (Tübingen 21969).
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beschäftigt hat – von Herbert Lüthy17 bis zu Theodor Schieder18 und von Reinhard Wittram19 bis zu Reinhart Koselleck.20 Das vorliegende Buch nimmt diese Fragen auf und beschreibt unsere expandierende geschichtswissenschaftlich disziplinierte Vergangenheitsvergegenwärtigungskultur als Medium der Kontingenzerfahrung. Das klingt enttäuschend im Kontrast zur hochgemuten Auskunft von Jürgen Habermas, die «historisch-hermeneutischen Wissenschaften» dienten dem ‘praktischen’ Erkenntnisinteresse, nämlich dem der Ermöglichung des «Konsensus Handelnder».21 Man braucht Verblüffungsresistenz, um der Suggestivkraft des zitierten Versuchs, das historische Interesse an ein praktisches Interesse zurückzubinden, widerstehen zu können. Am besten gelingt das mit Rekurs auf die praktische Arbeit, die unsere Historiker und sonstigen Vergangenheitsvergegenwärtigungsexperten tatsächlich leisten. Was bewegte denn, zum Beispiel, das vergangenheitsinteressierte Kölner Publikum in praktischer Absicht bei Gelegenheit der Eröffnung des Römisch-Germanischen Zentralmuseums daselbst im Anblick der antiken Sarkophage? Was hatten diejenigen normativ aus der Geschichte gelernt, die am Anschluss an ihren Museumsbesuch auch noch das einschlägige Katalogkapitel nachgelesen hatten? Oder: Was ist der praktische Sinn des ethnologischen Studiums der Waffentechnik von frühgeschichtlichen Völkerschaften, die es längst nicht mehr gibt? Was haben wir, handlungsbereit, gar als Militärangehörige, gelernt, nachdem wir uns durch unsere Historiker über die strategischen Kalküle der Generalstäbler haben aufklären lassen, denen im Ersten Weltkrieg allein bei Verdun Soldaten zu Hunderttausenden zum Opfer gefallen sind? Wie hat sich unsere Handlungssubjektivität verändert, nachdem wir einer philosophiehistorischen Geschichte
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Herbert Lüthy: Wozu Geschichte? (Zürich 1969). Theodor Schieder: Geschichtsbewusstsein und Geschichtsinteresse in der Krise? In: Vom Nutzen und Nachteil der Geschichte für unsere Zeit. Ein Cappenberger Gespräch (Köln, Berlin 1973) 19-37. Reinhard Wittram: Die Erheblichkeit der Forschung. Zum Problem der gesellschaftlichen Relevanz der Historie, in: Saeculum 23/3 (1972) 221-235. Reinhart Koselleck: Wozu noch Historie? In: Historische Zeitschrift 212/1 (1972) 1-18. Jürgen Habermas: Erkenntnis und Interesse, in: Jürgen Habermas: Technik und Wissenschaft als ‘Ideologie’ (Frankfurt a.M. 41970) 146-168; 155f.
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des Begriffs der öffentlichen Meinung entnommen haben, dass bereits Hobbes in einem Katalog von Faktoren politischer Macht die herrschende Meinung, man verfüge über sie, eigens registrierte? Bringt die Historiographie eines britisch-amerikanischen Geschichtswissenschaftlers die Marien-Erscheinungen zu Marpingen betreffend Protestanten und Katholiken in ökumenischer Absicht näher zueinander oder gerade nicht? Oder ist stattdessen nicht eher diese konsensbildungsinteressierte praktische Frage sinnlos, nämlich unverbindbar mit den Interessen, die uns heute tatsächliche religionskulturhistorische Fragen und einschlägige Geschichten erforschen lassen? Modernisierungsabhängig nimmt die Menge der Anlässe und Gelegenheiten, mit den Resultaten geschichtswissenschaftlicher Forschung praktische Erkenntnisinteressen zu bedienen, tatsächlich ab. Reinhart Koselleck hat diesen Zusammenhang just für die Zeit der Entfaltung des modernen historischen Bewusstseins, also für die Jahrzehnte vor und nach der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, glanzvoll am progressiven Verschwinden des antiken Topos «Historia Magistra Vitae» aus der Selbstverständigung der Historiker über den Sinn ihres Tuns beschrieben.22 Der Sache nach erklärt sich das aus dem Faktum, dass in Abhängigkeit von der wachsenden Dynamik und Ausbreitung der modernen Zivilisation die Wahrscheinlichkeit aufdringlich anwächst, über immer kürzere Zeiträume hinweg der eigenen Vergangenheit als einer partiell bereits fremd, ja unverständlich gewordenen Vergangenheit zu begegnen. Sowohl zeitlich wie räumlich gewinnt auch die Präsenz des anderen in seiner Andersheit und Fremdheit an Aufdringlichkeit. Der Bedarf an Erklärung vom Typus der historischen Erklärung wächst entsprechend komplementär zur wachsenden Dynamik der zivilisatorischen Evolution an. Das ist es, was in der frühen Wirkungsgeschichte dieses Buches das dritte Kapitel des AnalytikTeils mit seinem Titel «Was heisst ‘Das kann man nur historisch erklären’?» besonders beachtet sein liess. Es ist in etlichen Varianten verschiedentlich
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Reinhart Koselleck: Historia Magistra Vitae. Über die Auflösung des Topos im Horizont neuzeitlich bewegter Geschichte, zuerst in: Natur und Geschichte. Karl Löwith zum 70. Geburtstag. Hg. von Hermann Braun und Manfred Riedel (Stuttgart 1967) 196-219.
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nachgedruckt worden.23 Mit der Expansion unserer wechselseitigen Abhängigkeiten wächst zugleich die Menge der Interferenzen unseres wissenschaftlichen und technischen, ökonomischen und politischen Handelns, die keiner Planungsrationalität gehorchen, ihrer Komplexität wegen nicht prognostizierbar sind und, strukturell analog zu naturalen Evolutionen, einzig retrospektiv historisch erklärbar. Das ist es, was in letzter Instanz die historische Kultur in allen ihren Leistungen von der Geschichtswissenschaft bis zum Denkmalschutz und vom Museumswesen bis zur archivarischen Praxis modernisierungsabhängig wie nie zuvor nachgefragt sein lässt. Was ich dazu in diesem Buch sagen konnte, ist nicht zuletzt ein Resultat der Kooperation mit geschichtstheoretisch interessierten Kollegen über den vermeintlichen Grenzgraben hinweg, der nach C. P. Snow angeblich die «literarische und naturwissenschaftliche Intelligenz» voneinander trennt.24 Dafür stehen exemplarisch wenigstens drei Bände aus der Jahrzehnte umfassenden Tätigkeit der Arbeitsgruppe «Poetik und Hermeneutik» 25 und viele der Kongressdokumentationen und sonstigen Sammelbände, die in dieser neuen Einleitung später noch zitiert werden. Das vorliegende Buch beschreibt und erklärt also, dass und wieso just die moderne Kultur wie nie zuvor eine Kultur durch Tendenzen der Selbsthistorisierung geprägt ist. Das Buch widersteht damit zugleich der eminenten Wirkungsgeschichte der modernitätskritischen Diagnose Friedrich Nietzsches, wir litten «an einem verzehrenden historischen Fieber» und die «Gesundheit» der modernen Kultur sei «durch Historie gestört».26 Lebte 23
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So zum Beispiel im Band 378 der Reihe ‘Wege der Forschung’: Theorieprobleme der Geschichtswissenschaft. Hg. von Theodor Schieder und Kurt Gräubig (Darmstadt 1977) 148-163. C. P. Snow: Die zwei Kulturen. Literarische und naturwissenschaftliche Intelligenz (Stuttgart 1967). So schon vor dem Erscheinen dieses Buches in der Session 5 der Arbeitsgruppe ‘Poetik und Hermeneutik’: Geschichte – Ereignis und Erzählung. Hg. von Reinhart Koselleck und Wolf-Dieter Stempel (München 1973), alsdann Odo Marquard und Karlheinz Stierle (Hrsg.): Identität. Poetik und Hermeneutik. Ergebnisse einer Forschungsgruppe 8 (München 1979), und viele Jahre später noch Gerhart v. Graevenitz und Odo Marquard, in Zusammenarbeit mit Matthias Christen: Kontingenz (München 1998). Zur Auseinandersetzung mit diesem Modernisierungsmissverstand vgl. Dieter Borchmeyer (Hrsg.): «Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben».
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Nietzsche heute noch, so müsste er sich wundern, welche Grade des «historischen Fiebers» die moderne Zivilisation aushält, ohne darüber an innovatorischer Kraft und damit an Zukunftsfähigkeit zu verlieren. Jedes moderne Technikmuseum macht die tatsächlichen Zusammenhänge anschaulich. Als Museumsgut fungieren doch hier nicht Objekte fortschrittsverweigernder Vergangenheitsnostalgie, vielmehr jene Hervorbringungen des Fortschritts von jeweils gestern, die kraft der ungebrochenen Dynamik dieses Fortschritts als veraltet auf der Strecke blieben. Exemplarisch heisst das: Das Bergbau-Museum in Bochum, das jährlich hunderttausende Besucher anzieht, expandiert genau komplementär zur Dynamik der industriellen Transformation einer früher von Kohle und Stahl dominiert gewesenen Industrieregion.27 «Museen haben Konjunktur» schrieb Jürgen Mittelstrass und fügte in kulturkritischer Absicht hinzu: «Aber Kultur, die man ausstellt und dafür eigens eine Ausstellungskultur erfunden hat», sei doch «etwas, das unsere Welt eigentlich schon verlassen hat».28 Eben – so möchte man das kommentieren, und man hätte lediglich noch hinzuzufügen, dass es doch der offensichtliche Sinn dieser modernen «Ausstellungskultur» sei, fremd gewordene Vergangenheiten in kultureller Praxis ihrer historisierenden Vergegenwärtigung uns und anderen als unsere jeweilige Vergangenheit zuschreibungsfähig und damit uns selbst verständlich zu halten. Kurz: Die moderne Expansion der historisierten Vergangenheit ist das kulturelle Komplementärphänomen der Gegenwartsschrumpfung, das heisst der änderungstempobedingt abnehmenden
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Nietzsche und die Erinnerung in der Moderne (Frankfurt a.M. 1996), darin meinen Aufsatz ‘Geschichtsinteresse. Über die wachsende Aufdringlichkeit der Vergangenheit in der modernen Kultur’, 15-27. Vgl. dazu meinen Beitrag ‘Der Fortschritt von gestern. Über die Modernität der Vergangenheitsvergegenwärtigung’, in: 75 Jahre Deutsches Bergbau-Museum Bochum (1930-2005). Festakt anlässlich des 75 jährigen Bestehens des Deutschen Bergbau-Museums Bochum (Bochum 2005) 38-52. – Als Dokument der Historisierung, der inzwischen die Musealisierung ihrerseits unterliegt vgl. Rainer Slotta (Hrsg.): 75 Jahre Deutsches Bergbau-Museum Bochum (1930-2005) 2 Bände (Bochum 2005). Jürgen Mittelstrass: Europa erfinden. Über die europäische Idee, die europäische Kultur und die Geisteswissenschaften, in: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken 59/1 (2005) 28-37; 35f.
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Zahl der Jahre, für die wir in einer dynamischen Zivilisation jeweils mit einigermassen konstanten Lebensverhältnissen rechnen können. Über die Musealisierung hinaus gilt für den Denkmalschutz Analoges. Während bis tief in das 18. Jahrhundert hinein, schrieb Alexander Demandt, das Kolosseum «Roms grösster Steinbruch war und blieb»,29 gibt es heute in niederländischen Ziegeleien Spezialproduktionen von Klostersteinen, das heisst von Steinen längst veralteter bautechnischer Grössennorm – zu Restaurationszwecken nämlich. Es wäre blanker Missverstand anzunehmen, die Praxis denkmalpflegerischer Restauration sei ein Phänomen der Verweigerung fälliger Anerkennung vermeintlich ‘verbindlicher’ Architektur der Moderne.30 In Wirklichkeit ist die Architektur der Moderne längst ihrerseits uneingeschränkt historisiert und denkmalpflegerisch unter Schutz gestellt, und wir erfreuen uns an ihren Nachbauten als an einer Architektur, die sich zur Bautradition der Moderne verhält wie die Neogotik zur Gotik.31 Auch für die bildende Kunst gilt: Der Avantgardismus ist das wirksamste Medium der Beschleunigung ihrer Musealisierung. Wie kein anderer hat Ernst Gombrich für die gebildete Welt diesen elementaren Zusammenhang unwidersprechlich gemacht, nämlich mit seinem schon 1978 in deutscher Sprache erschienenen Buch «Kunst und Fortschritt. Wirkung und Wandlung einer Idee»32 – unter Berufung vor allem auf seine frühen Wiener Inspiratoren Hans Tietze und Karl R. Popper.33 Ein anderer bedeutender Wiener Kunsthistoriker und Museumsexperte von Verdienst fand freilich, dass «die Musealisierung … die Kunst» «entmündigt». Diese Feststellung ist in ihrem Widerspruch zur manifesten Realität und zu ihren zitierten 29 30
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Alexander Demandt: Vandalismus. Gewalt gegen Kultur (1997) 148f. Von solcher Verbindlichkeit sprach aber Jürgen Habermas: Moderne und postmoderne Architektur, in: Jürgen Habermas: Die neue Unübersichtlichkeit (Frankfurt a.M. 1985) 11-29; 15. Vgl. dazu das Kapitel ‘Denkmale in einer dynamischen Zivilisation’, in: Staatliche Denkmalpflege in Österreich 1850-2000. Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege 14/4 (Wien 2000) 532-540, wiederabgedruckt in meinem Buch ‘Modernisierungsgewinner. Religion, Geschichtssinn, Direkte Demokratie und Moral’ (München 2004) 114-128. Köln 1978. Vgl. dazu das Kapitel ‘Die Kunst und der Fortschritt’ in meinem in Anm. 31 zitierten Buch, 99-113.
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Interpreten natürlich erklärungsbedürftig. Hier mag es genügen, auf das Jahr der Publikation der zitierten ungemeinen Meinung zu verweisen, nämlich auf das Jahr nach dem Jahr 1968.34 Mit analogen Phänomenen moderner Vergangenheitsvergegenwärtigungspraxis, die in ihrer Temporalstruktur und ihrer Bedingtheit durch die evolutionäre Dynamik unserer Zivilisation in diesem Buch durchsichtig gemacht werden, liesse sich lange fortfahren – von der Dauerkonjunktur auf unseren Antiquitätenmärkten bis zum Archivwesen, von dessen politischer Bedeutung noch die Rede sein wird. Hier sei zunächst an einen folgenreichen Irrtum der Geschichtstheorie marxistischer Tradition erinnert, nämlich an die berühmte Lehre vom temporal gleichgeschalteten Umsturz von materieller gesellschaftlicher, insbesondere auch ökonomisch-technischer Basis einerseits und «ideologischem Überbau», also auch wissenschaftlicher und sonstiger kultureller Produktion andererseits. Demgegenüber wird in diesem Buch wie in späteren Publikationen35 darauf aufmerksam gemacht, dass ineins mit den kulturhistorisierenden Wirkungen auffällig gewordener Evolutionsdynamik zugleich auch diejenigen Überlieferungen hervortreten, die nun in neuer Weise ihrer auffällig grösseren Alterungsresistenz wegen wichtiger werden. Das belege ich gern mit einer Klage Schillers: «Schon wieder so viele neue Bücher», so schrieb er an Körner. Wie bewältigt man das? Schillers Antwort lautete: Für zwei Jahre werde er gar nichts Neues mehr lesen, vielmehr nur noch Homer und die Alten. Diese kleine Geschichte belegt die Geburt des Klassischen im modernen temporalen Sinn aus den Erfahrungen der alterungsbeschleunigenden Wirkungen des Avantgardismus. Weiterhin hat im kulturellen Kontext der sogenannten Geisteswissenschaften die Einsicht fortschreitend an Gewicht gewonnen, dass die spezifische Differenz von Natur und Kultur nicht die der Ungeschichtlichkeit der Natur sei. Die Einheit des Geschichtsbegriffs in der Zweiheit von Naturgeschichte einerseits und Kulturgeschichte andererseits ist eines der zentra34 35
Werner Hofmann: Kunst und Politik. Über die gesellschaftlichen Konsequenzen des schöpferischen Handelns (Köln 1969) 25. Vgl. das Kapitel ‘Evolutionäre Illaminarität’ in meiner Abhandlung ‘Zeit-Erfahrungen. Sieben Begriffe zur Beschreibung moderner Zivilisationsdynamik.’ Akademie der Wissenschaften und der Literatur. Abhandlungen der Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Klasse 5 (1996) 25ff.