Band III 3 Drucke in der Neuen Zürcher Zeitung
KWA III 3
# Frankfurt/Basel ISBN 978-3-86600-172-5 Basel ISBN 978-3-7965-2467-7
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Robert Walser
Drucke in der NZZ
Robert Walser Kritische Ausgabe sämtlicher Drucke und Manuskripte
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Kritische Robert Walser-Ausgabe (KWA) Band III 3 · Drucke in der Neuen Zürcher Zeitung
Robert Walser Kritische Ausgabe sämtlicher Drucke und Manuskripte
herausgegeben von Wolfram Groddeck und Barbara von Reibnitz Band III 3
Robert Walser Drucke in der Neuen ZĂźrcher Zeitung
herausgegeben von Barbara von Reibnitz Matthias SprĂźnglin
Herausgegeben im Auftrag der Stiftung für eine Kritische Robert Walser-Ausgabe, Basel Delegierter des Stiftungsrats für die Herausgabe: Wolfram Groddeck Publiziert mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung und des Lotteriefonds des Kantons Zürich Eine Gemeinschaftsproduktion von Stroemfeld Verlag, Basel und Frankfurt am Main und Schwabe Verlag, Basel Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. ISBN 978-3-86600-172-5 (Stroemfeld) ISBN 978-3-7965-2467-7 (Schwabe) Copyright © 2013 Stiftung für eine Kritische Robert Walser-Ausgabe, Basel Copyright für die Texte von Robert Walser, mit freundlicher Genehmigung der Inhaberin der Rechte, der Robert Walser-Stiftung Bern © Suhrkamp Verlag, Zürich 1978 und 1986 Alle Rechte vorbehalten / All rights reserved Stroemfeld Verlag CH-4054 Basel, Altkircherstrasse 17 D-60322 Frankfurt am Main, Holzhausenstraße 4 Schwabe Verlag CH-4010 Basel, Steinentorstrasse 13 Satz: Doris Kern, Frankfurt am Main Layout: Michel Leiner, Frankfurt am Main Druck und Verarbeitung: Schwabe AG, Druckerei, Muttenz / Basel Gedruckt auf säurefreiem, alterungsbeständigem Papier gemäß ISO 9706 www.stroemfeld.com www.schwabeverlag.ch www.kritische-walser-ausgabe.ch
Inhalt
Veröffentlichungen Robert Walsers in der Neuen Zürcher Zeitung
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Editorisches Nachwort
287
Dokumentarischer Anhang
325
Übersicht der Honorarbelege
491
Abbildungen
497
Alphabetisches Verzeichnis der Texte mit ihren Textzeugen
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Chronologisches Verzeichnis der Texte
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Editorische Zeichen
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Neue Zürcher Zeitung, Jg. 135, Nr. 1589, 29.11.1914, 1. Sonntagblatt, S. [1]–[2] 1 [Zeitungskopf]. 2 [Redaktionelle Mitteilung]. 3 Veto. [Zur Staatsvertragsinitiative]. 4 Die Pikettstellung von Pferden, Maultieren und Transportmitteln in der Schweiz während des Kriegszustandes. 5 Eidgenossenschaft. 6 Kantone. 7 Feuilleton. Timm Kröger. Zu seinem 70. Geburtstag am 29. November. [Von C.B.]. 8 Denke dran. Von Robert Walser (Biel). 9 Kleine Chronik. Literarisches. [Hinweis auf Robert Walser, „Aufsätze“, „Geschichten“ und „Kleine Dichtungen“ (Dok 17)]. 10 Der europäische Krieg. [Berichterstattung von den einzelnen Kriegsschauplätzen]. 11 Zur Lage. 12 Wetterberichte. 13 Telegramme. 14 Wetterbericht der schweiz. meteorol. Zentralanstalt. 15 Handel und Verkehr. →
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Denke dran. Von Robert Walser (Biel).
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Denke daran, wie du dich freutest über das süße, junge Grün im Frühjahr, wie du über den silberweißen und himmelblauen See entzückt warst, wie du die Berge grüßtest, wie du alles so schön fandest, was dir begegnete und dem du begegnetest, wie eine herrliche ungestörte weite Freiheit dich umschlang und wie du glücklich warst in der Umarmung, wie du heiter in den Tag hineinlebtest, den schönen, lieben, hellen Tag genossest, wie in den warmen Nächten dich der Mond wie ein Bruder anschaute, auf den du alles Vertrauen und allen Glauben warfest, wie die vielen Stunden so unmerklich dahinglitten, wie die Lustboote auf dem Wasser schaukelten, als sei das Wasser verliebt ins Tragen und empfinde eine unsägliche Wonne am Heben und am Stillsein dabei; wie der alte treue Berg sich so still verhielt und wie die weißen Wolken wie lodernde Flammen hinten aus dem Gebirge in den Himmel stiegen, wie die Leute auf der bald taghellen bald nächtlich dunklen Straße dich so freundlich grüßten, als seiest du ihr Freund, der du ihnen doch gänzlich unbekannt sein mußtest, wie die Dörfer mit ihren behaglichen Häusern und mit ihren üppigen, in süßer, reicher Unordnung prangenden Gärten dalagen, als wenn sie von uralten Zeiten träumten, wie das Gras und das Korn so gutmütig und so reizend reiften; wie der Hügel sich krümmte, und wie die Niederung zart verlief, wie im Walde dich eine unnennbare klostergleiche Ruhe und Stille empfing, als solltest du meinen, im Reiche der Größe und der Vergessenheit umherzuwandeln, und wie die lieben zarten Vögel im Walde sangen, daß du sogleich, wenn du den Gesang hörtest, stillstehen und horchen mußtest, daß es dich betroffen machte, wie wenn du die Stimme der Ewigkeit vernähmst; wie dich das Kind auf dem Arm seiner Mutter rührte, wie du einen alten Mann |auf dem To-
tenbette sahst, und wie es dein Vater war, der tot dalag, der zu den 7
schweigenden Toten gegangen war, – denke dran, denke dran. Vergiß, vergiß es nicht. Vergiß nicht das Süße und vergiß nicht das Schwere. Wenn dich eine Gleichgiltigkeit und Lieblosigkeit ankommen will, so spanne dein Gedächtnis an und denke an all das Schöne, denke an all das Schwere. Denke, daß es ein Leben gibt, und daß es einen Tod gibt, denke, daß es Seligkeiten gibt, und daß es Gräber gibt. Sei nicht vergeßlich, sondern denke dran!
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Neue Zürcher Zeitung, Jg. 135, Nr. 1656, 13.12.1914, 4. Sonntagblatt, S. [1] 1 [Zeitungskopf]. 2 Im heiligen Land. Wanderungen eines jungen Schweizers in Palästina und Syrien. Von A. Moesle. 8. Kapitel: Der See Genezareth. 3 Kleine Mitteilungen. Winterfahrplan. 4 Vom Büchertisch. [Der Schweizer Schülerkalender 1915]. 5 Feuilleton. Der Soldat. Von Robert Walser. 6 Kleine Chronik. – E.St. [Oktoberheft des „Heimatschutz“: Aufführungen des Heimatschutztheaters im Rahmen der Berner Landesausstellung, die aufgrund der Mobilisierung abgebrochen werden mussten].
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Der Soldat. Von Robert Walser. Der Soldat ist ruhig, ehrlich, brav, bescheiden. Murren und zanken darf der Soldat nicht. Er muß gehorchen. Gehorcht er gern, so gehorcht er um so leichter, das fühlt jeder Soldat. Soldaten, die den Gehorsam verweigern, sind keine Soldaten, und der Gehorsam, der eine Grenze gesetzt haben will, ist nicht der, den jeder Soldat dem Vaterland schuldet. Er schuldet seinem Vaterland Gehorsam bis zum äußersten. Wenn ich hier vom Soldaten rede, so denke ich auch an die Offiziere, die ebenso gut Soldaten sind wie die gemeinen Soldaten. Auch die Offiziere müssen gehorchen, ja selbst der Höchstkommandierende muß gehorchen. Die Befehle sind nur eine Vermittlung, und der schneidige Kommandoton ist nur eine Sitte. Wenn der einfache Soldat seinem Vorgesetzten gehorcht, so kann er sich sagen, daß dieser nur ein Mittel ist. Im Militärdienste muß jeder dienen. Wenn der Soldat ein Diener ist, so ist auch der General ein Diener. Auch er hat nichts Höheres und Besseres im Sinn als Dienst zu tun. Im Dienste ist Dienen das Höchste. Alles andere, wie z. B. Avancieren, ist nur ein Klang von untergeordneter Bedeutung. Das Wichtige ist, daß jeder seinen Mann stelle und daß jeder an seinem Platz seine Pflicht erfüllt. Das ist bisweilen hart, aber es ist auch sehr einfach. Der Dienst ist kein Vergnügen, aber es ist auch nicht nötig, daß er es sei. Wenn er ein Vergnügen wäre, so würden sich junge Mädchen am besten für ihn eignen. Da er das aber nicht ist, so eignet sich der Mann für ihn. Der brave Mann eignet sich doch wohl für etwas Ernstes und Schweres am besten. Ernst ist der Soldat, auf seinem Gesicht |spiegeln sich Energie und guter Wille ab. Die Energie schließt Fröhlichkeit nicht aus und Ernst ist noch keine Düsterkeit. Der Soldat ist für die Verteidigung des Vaterlandes bestimmt, und wenn es das Schicksal will, daß er ins Feuer kommt, so hält er sich tapfer, denn es ist seine Pflicht, sich tapfer zu halten. Die Gefahr ist weni10
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ger schrecklich, wenn man ihr tapfer begegnet, sie nimmt nur in des Feiglings und in des Erbärmlings Augen ungeheure Ausdehnungen an. Da der Pflichtvergessene in ein und derselben Gefahr ist wie der, welcher seine Pflicht tut, so ist Pflichterfüllung weniger schwer und Pflichtverletzung weniger verlockend. Welcher rechte Soldat wäre imstande, in der Stunde der allgemeinen Not, in der wunderbaren Stunde bitteren Ernstes, in der Stunde der Gefahr, in der Stunde der zwingenden Notwendigkeit Untreue zu zeigen und zu vergessen, was er seinem Vaterland schuldet? Einen solchen Soldaten vermag sich der Freund des Vaterlandes nicht zu denken. „Es gibt keinen solchen Soldaten“, sagt er sich. Jeder Soldat sagt sich: „Es gibt keinen solchen Soldaten“, denn jeder Soldat ist ein Freund des Vaterlandes.
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Neue Zürcher Zeitung, Jg. 136, Nr. 34, Sonntag, 10.1.1915, Extraausgabe, S. [1]–[2] 1 [Zeitungskopf]. 2 Hinter der französischen Front. 3 Der europäische Krieg. [Berichterstattung von den einzelnen Kriegsschauplätzen]. 4 Feuilleton. Drei kleine Dichtungen. Von Robert Walser, Biel. 4.1 Am See. 4.2 Die Stadt. 4.3 Das Frühjahr. 5 Kleine Chronik. [Bericht über den Aufenthalt des Theaterreformers Antoine in Konstantinopel und seine Rückkehr nach Paris].
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Drei kleine Dichtungen. Von Robert Walser, Biel.
Am See.
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Ich ging eines Abends nach dem Abendessen rasch noch zum See hinaus, der, ich weiß nicht mehr deutlich von was für einer regnerischen Melancholie dunkel umhüllt war. Ich setzte mich auf eine Bank, die unter den feinen Zweigen eines Weidenbaumes stand, und indem ich mich so einem unbestimmten Sinnen überließ, wollte ich mir einbilden, daß ich nirgends sei, eine Philosophie, die mich in ein sonderbares reizendes Behagen setzte. Herrlich war das Bild der Trauer am regnerischen See, in dessen warmes graues Wasser es sorgfältig und gleichsam vorsichtig regnete. Der alte Vater mit seinen weißen Haaren stand in Gedanken vor mir, was mich zum nichtsbedeutenden schüchternen Knaben machte, und das Gemälde der Mutter verband sich mit dem leisen, lieblichen Plätschern der zarten Wellen. Mit dem weiten See, der mich anschaute, wie ich ihn, sah ich die Kindheit, die auch mich anschaute wie mit klaren schönen guten Augen. Bald vergaß ich ganz, wo ich war; bald wußte ich es wieder. Einige stille Leute spazierten behutsam am Ufer auf und ab, zwei junge Fabrikmädchen setzten sich auf die Nachbarbank und fingen an, miteinander zu plaudern, und im Wasser draußen, im lieben See draußen, wo das holde, heitere Weinen sanft sich verbreitete, fuhren in Booten oder Nachen noch Liebhaber der Schiffahrt, Regenschirme über den Köpfen aufgespannt, ein Anblick, |der mich phantasieren ließ, ich sei in China oder in Japan oder sonst in einem träumerischen, poetischen Lande. Es regnete so süß, so weich auf das Wasser und es war so dunkel. Alle Gedanken schlummerten, und wieder waren alle Gedanken wach. Ein Dampfschiff fuhr in den See hinaus; seine goldenen Lichter schimmerten wunderbar 13
im blanken, silberdunkeln Wasser, das das schöne Schiff trug, als habe es Freude an der märchenhaften Erscheinung. Die Nacht kam bald darauf und mit ihr das freundliche Gebot, aufzustehen von der Bank unter den Bäumen, vom Ufer wegzugehen und den Heimweg anzutreten.
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Die Stadt. Ich erinnere mich, wie schön unsere Stadt an Frühlingsabenden war. Die behaglichen, breiten alten Gassen strahlten im dunkeln Licht. Lebhaft, wie unsere Stadt ist, bewegten sich zahlreiche, freie wie ruhige und manierliche Menschen in den Straßen. Die hübschen Schaufenster schimmerten. Eine der Gassen war ganz voll von Leuten aus jeglichen Ständen. Ich hörte das leichte, helle Geplauder und Gekicher von jungen Mädchen. Männer gingen einher oder standen in zwanglosen stillen Gruppen in der Mitte der Straße. Einige rauchten die Pfeife. In einer der stillen Nebengassen konzertierte eine Musikkapelle. Zahlreiches heiteres Publikum stand herum und lauschte. Aller sichtlicher Verkehr war so ruhig, so anmutig und alle Fenster standen offen, um die milde Nachtluft in die dunkeln Stuben einzulassen. Es war, als sei die hübsche, fröhliche Stadt wie für den Frühling besonders geschaffen, als könne es jetzt nirgends anderswo als nur hier herum Frühling sein. Mich entzückte alles, was ich sah, und alles, was hörte. Es war mir, als sei ich mit einemmal zehn Jahre jünger geworden. Wunderschön waren da und dort in Gärten die hohen Bäume, herrliche alte Kastanienbäume mit runder, üppiger, dunkler Krone, und an andern Stellen schlanke spitze Tannen, deren Gipfel Freundschaft oder Liebschaft mit den Sternen und mit dem Mond anzuzetteln schienen. Ueberall duftete und lispelte und tönte es nach Frühling, nach Liebe und reizenden Gesellig-
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|ich
keiten. Die Nacht und die Stadt schienen mir der Ausdruck der 14
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Harmlosigkeit und der Sorglosigkeit zu sein. Ganz mild war es mir zu Mute, und doch wieder so still. Einsamkeiten und Lieblichkeiten, Offenheiten und Heimlichkeiten hatten sich miteinander zu einem Klang und zu einem Band verbunden. Die Häuser standen bald schwarz, bald hell beleuchtet vom Straßenlichte da, wie freundliche Gestalten, mit denen man reden und verkehren konnte. Die Lichter in all der lieben dunklen warmen Nacht zwitscherten, wisperten und gaben ihre süßen zarten Geheimnisse preis, und im dichten Dunkel unter niederhängenden Baumästen fühlte ich mich wieder auf andere Art unendlich wohl aufgehoben. Die Zeit schien stillzustehen, weil sie auf all die Schönheit und auf all den Abendzauber lauschen mußte. Alles träumte, weil es lebte, und alles lebte, weil es träumen durfte. Schöne edle Frauen spazierten am Arm ihres Mannes oder ihres Geliebten langsam daher. Die ganze Stadt promenierte, und am Himmel schwebten große, wundersame Wolken, schönen Göttergestalten gleich, als ruhten gütige Hände über einer Stirne, als wollten gute Gottheiten die Stadt vor allem Bösen behüten. Die Straßen sahen so zierlich aus im Nachtkleide, so vergnüglich, so lieblich. Eltern spazierten mit ihren Kin|dern, und beiden, den Eltern wie den Kindern, war es wohl zu Mute.
Das Frühjahr.
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Das junge Frühlingsgrün erschien mir wie ein grünes Feuer. Blau und Grün ergossen sich in einen zusammentönenden Klang. Ich glaubte, die Welt nie so schön gesehen zu haben und mich selbst nie so befriedigt. Wie wohl tat es mir, auf das felsige Gestein treten zu dürfen. Der Erdboden war mir wie ein geheimer Bruder. Die Pflanzen hatten Augen, die mir Blicke voll Liebe und Freundschaft zuwarfen. Die Gebüsche redeten mit süßen Stimmen, und von überall her tönte der liebenswürdige, wehmütig-frohe Ge15
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sang der Vögel. An den Abenden war es in den Tannenwäldern rätselhaft schön – die Tannen standen wie Phantasiegebilde da, so edel, so hoheitsvoll, so zierlich. Ihre Aeste glichen Aermeln, die da und dorthin ernsthaft deuteten. Wie lieb schien an heiteren, hellen Vormittagen die Sonne, fast nur zu süß. Ich wurde immer zum kleinen Kinde in all der Freude, unter all der Farbe. Ich hätte die Hände zum vertrauensvollen Gebete falten mögen. „Wie ist die Erde schön,“ sagte ich immer wieder still zu mir selber. Auf der Anhöhe stehend, sah ich in der Ebene, welche reizend schimmerte, die Stadt mit ihren hübschen Gebäuden und Gassen liegen, durch die Gassen bewegten sich kleine Gestalten, das waren meine Mitbürger. Es war alles so friedlich und so reizend, so klar und so geheimnisreich. O, wie schön war’s auf dem Felsen über dem See, der in seiner Farbe und in seiner Zeichnung einem zärtlichen Lächeln glich, einem Lächeln, das den besten Willen und die lieblichste Güte enthält, einem Lächeln, wie es |nur Liebende zu lächeln vermögen, die stets Aehnlichkeit mit Kindern haben. Ich ging immer dieselben Wege, und immer kamen sie mir wieder gänzlich neu vor. Ich wurde nie müde, mich am Gleichen zu freuen und am Aehnlichen zu erlaben. Ist nicht der Himmel immer derselbe, sind nicht Liebe und Güte immer dieselben? Das Schöne trat mir so still entgegen. Auffälligkeiten und Unauffälligkeiten gaben sich die Hand und waren wie verschwistert. Das Bedeutende zerrann, und ich widmete den unbedeutendsten Dingen eine genaue Achtsamkeit und war sehr glücklich dabei. So vergingen die Tage, Wochen, Monate, und rasch ging das Jahr herum, aber das neue Jahr sah dem dahingegangenen ähnlich, und ich fühlte mich von neuem wohl.
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Neue Zürcher Zeitung, Jg. 136, Nr. 86, 24.1.1915, 1. Sonntagblatt, S. [1]–[2] 1 [Zeitungskopf]. 2 [Redaktionelle Mitteilung]. 3 Die „Hyänen“ von Avezzano. [Erdbeben in den Abruzzen]. 4 Eidgenossenschaft. 5 Kantone. 6 Feuilleton. Wanderung. Von Robert Walser. 7 Abende für Literatur und Kunst. [Ankündigung: Vortrag von H. Trog über Karl und Robert Walser (Dok 22)]. 8 Der europäische Krieg. [Berichterstattung von den einzelnen Kriegsschauplätzen]. →
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Wanderung. Von Robert Walser. Ich erinnere mich, daß ich eines frühen Morgens im Herbst aus dem Städtchen, wo ich in Stellung gewesen war, fortlief. Es war prächtiges Wetter, die Landstraße war die Sauberkeit selber. Mein Anzug bestand in einer jägergrünen Hose und einem blauen und weißen Kittel. Der Kittel paßte eigentlich für den Sommer besser, doch ich habe es in solchen kleinen Dingen nie genau genommen. Wandern, was bist du für eine helle, lichtblaue Freude. Ich sprang mehr, als daß ich ging, und es war mehr ein Davonschweben als ein Marschieren. Auf der schönen Straße begegneten mir allerlei Landleute, Bauern und Bäuerinnen. Es war echt bäurisches Land, durch das ich wanderte, Bergland und Wiesenland, und die allernettesten und freundlichsten Häuser standen nahe am Weg, daß ich mich so recht behaglich von ihnen konnte anlachen lassen. Die Morgensonne tanzte und blendete über die Felder und über die Wälder. Ich kam in die Berge, und bald gelangte ich in ein einsam gelegenes Dorf, ganz umschlossen von hohen Felsen. In dem Dorf war meine Mutter geboren. Ich selber war also sozusagen aus dem Dorfe her. Schüchtern trat ich ins stolze Gasthaus, ließ mir etwas zu essen und trinken geben und erkundigte mich bei der Wirtin nach den Eltern meiner Mutter. Die Wirtin schaute mich groß an, schüttelte den Kopf, sie wußte mir nichts zu sagen. Wie fremd tat die Frau. Da tat |denn ich auch fremd, bezahlte, was ich
schuldig war, und ging auf und davon. Wunderschön erschien mir das Land. Ich war ergriffen bei dem Gedanken, daß meine Mutter hier in ihrer Jugend gelebt habe. Da trat mir auf der Straße ein Landjäger entgegen, und mit einem forschenden Blick auf meine oben beschriebene phantastische Ausstaffierung von Grün, Weiß und Blau bat er mich, ihm meine Heimatspapiere vorzuweisen. Er
Vgl. Poetenleben (1918) [KWA I 9], S. 23–31 (Neufassung, unter dem Titel „Die Tante“).
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bekam sie zu sehen, und wir trennten uns leise voneinander. Bald darauf, da es leise und vorsichtig begann, Abend zu werden, trugen mich meine Schritte durch ein so stattliches, wohlhabendes und behäbiges Dorf, wie ich es noch nie im Leben gesehen und betreten hatte. Was für hochachtbare Häuser waren das, was für schöne, große Ställe und Gärten, was für respektherausfordernde, prächtige Wirtshäuser. Aus einem Garten heraus grüßte mich eine hübsche Frau, und ich hätte ein Grobian sein müssen, wenn ich sie nicht wieder gegrüßt hätte. Zum Glück war ich kein Grobian, sondern ich entpuppte mich als Mensch von einiger guter Erziehung. O wie schön war es nun im dunkleren Abendland geworden. Zart und fein schlichen die grünen Matten vor mich hin, Gedanken allerlei Art schlichen mir wie schmeichlerische Kätzchen dicht nach. Mancher von diesen Gedanken machte mich lachen. Süße, angenehme Hoffnungen, reizende Träume begleiteten mich, und die Straße, wie war sie so herbstfeucht und weich. Schon legte sich ein weißer Streifen Nebel über die Wiesen, und aus den Fenstern der Häuser strahlten die Lampen. Dunkle Menschengestalten, und alles so still und schwarz und lautlos. Ich trat in das erste Gasthaus, wo ich mir ein hübsches, gesundes, gutes, |leichtes Abendessen auftragen ließ. Ein ähnlich wie ich fahrender Handwerksbursche verzehrte ein ähnliches Essen. Wie süß, wie appetitlich war die dunkelgetäferte Gaststube, und wie freundlich-herablassend war die große, starke Wirtin. Ich ließ mir ein Zimmer geben und fand dasselbe voll Aepfelgeruch und frischer Herbstluft, und köstlich schlief ich im guten Bette. Am andern Morgen sah ich die Aepfel zerstreut am Boden liegen, ich brauchte nur aufzulesen und frisch zuzubeißen. Göttlich schön aber war die Aussicht aus dem Fenster. Ich steckte den Wanderkopf mit unaussprechlicher Lust an die Morgenluft und schaute in die grüne und morgensonnengoldige Landschaft hinaus voll Entzücken. Ein feiner, weißer Hauch 13
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lag über der Welt, Kühle und Wärme stritten miteinander. Grün und Blau und Gold gaben das schönste Gemälde ab, und dazu war es Sonntag, und um alle weichen, grünen Hügel herum erklangen die milden, lieben Sonntagsglocken. Bald war ich wieder auf meiner beliebten Landstraße und marschierte mit neugewonnenen Kräften weiter. Gegen Mittag betrat ich ein Städtchen. Es war alles so schön und fein herausgeputzt darin. Alles glänzte und lächelte sonntäglich, derart, daß ich mir wie ein Räuber im besagten Wanderkleid vorkam. Eine hübsche, junge Dame stieß einen leisen, feinen Schrei aus, als sie an mir vorübergehen wollte. Das Mädchen war meine Cousine. Wir begrüßten uns, und darauf zog sie mich in ihr Elternhaus hinein, wo ich vor ihre Mutter, meine Tante, gestellt wurde, dann gab’s ein Mittagessen. Nachmittags wurde ich neuen und andern Leuten vorgestellt. Ich blieb über Nacht im Haus, und als ich am nächsten Morgen fortlaufen und mich ver|abschieden wollte, bot mir die Tante in freundlicher Weise einen andern Anzug an, weil, wie sie ernsthaft sagte, der meinige nicht wohl als die Spitze des Gebräuchlichen und Passenden angesehen werden könne. „Er paßt mir aber herrlich, liebe Tante“, rief und entgegnete ich voll Feuer, „und ich muß Sie bitten, mir doch um Gotteswillen nicht zu zürnen, wenn ich Ihr gutgemeintes Anerbieten ablehne. Dieser wunderliche Anzug ist ein Stück meines eigenen Wesens, und wenn er ein wenig närrisch aussieht, so schadet das ja ganz und gar nichts. Sehen Sie, liebe Tante, ich will von Herzen gern ein wenig abstechen und nach Wunderlichkeit ausschauen. Diesen Anzug habe ich freiwillig gewählt, und nun soll er auch ehrlich an mir hängen bleiben, mag mir daraus noch so viel Widerwärtiges und Unangenehmes erwachsen. Ich fürchte mich nicht davor, Eigenart zu zeigen und Eigentümlichkeiten zu offenbaren. Denn wohin würde eine solche Zaghaftigkeit führen, zu was für Schmähungen meiner selber, begangen durch mich selber? Ein Mensch trage sich wie er einmal ist. Ich bin einmal selber wie mein Aeußeres, also lügt mein Kleid nicht, und wenn irgend 20
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