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Reiseberichte, Autobiographie, Varia

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JOH A N N JA KOB BACHOFENS GESA M M ELT E WERKE

BACHOFENS GESA M M ELT E WERKE

Der Band enthält zudem die 1854 ent­ standene, an Bachofens akademischen Lehrer Friedrich Carl von Sa­vigny gerich­ tete «Autobiographie», einen Nachruf auf de­n Basler Altertumswissenschafter Wilhelm Theodor Streuber und nicht zuletzt ­einen frühen Vortrag Bach­ofens zum «Wei­berrecht», der bereits 1856 vor e­ inem philologischen Fachpublikum in Stuttgart alle wesentlichen Ideen prä­ sentierte, die Bachofen später in seinem

Band I: Antrittsrede – Politische Betrachtungen über das Staatsleben des römischen Volkes – Beiträge zur Geschichte der Römer Politische Aufsätze zur Zeitgeschichte

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Johann Jakob Bachofens Gesammelte Werke

Ein Nachwort sowie ein ausführliches Register beschliessen den Band.

berichte. Neben den Tagebüchern seiner Reisen vom Peloponnes bis nach N­ord­ griechenland (damals noch unter der tür­ kischen Bezeichnung «Rumelia») sowie

Band II und III: Das Mutterrecht

in Unteritalien stehen die beiden aus­ gearbeiteten Texte «Griechische Reise»

Band IV: Versuch über die Gräbersymbolik der Alten

und «Reise in Südetrurien». Diese Texte bieten eine einzigartige Mischung zwi­

Band V: Das lykische Volk – Der Bär in den Religionen des Altertums Die Bedeutung der Würfel und der Hände in den Gräbern der Alten Die römische Wölfin auf Grabmälern der Kaiserzeit – Miszellen

schen archäologischen Berichten über die Zeugnisse früherer Epochen und subjek­

Hauptwerk «Das Mutterrecht» vollends zur Entfaltung bringen sollte.

Der Band enthält Bach­ ofens Reise­

tiven Erinnerungen an eine sehr persön­

Band VI: Die Sage von Tanaquil Band VII: Die Unsterblichkeitslehre der orphischen Theologie Römische Grablampen Band VIII: Antiquarische Briefe Band IX: Reiseberichte – Autobiographie – Varia

liche Begegnung mit den bereisten Land­

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Reiseberichte, Autobiographie, Varia

schaften und deren Bewohnern. Sie sind Zeugnisse einer Zeit der Neuorientierung und Hinwendung Bach­ofens zu seiner ureigenen Vision der frühen Menschheits­ geschichte. Die «Reise in Südetrurien» illustrieren rund fünfzig Skizzen und Zeichnungen von der Hand Bachofens. Ergänzt werden die Berichte durch zwei

Band X: Briefe

längere Zeitungsartikel Bachmanns zur

Herausgegeben von Andrea Bollinger, Andreas Cesana und Fritz Graf

politischen Lage des «Orients» und ins­ besondere Griechenlands angesichts des im Niedergang begriffenen Osmanischen

SCHWABE VERLAG BASEL

Reiches.

I S B N 978-3-7965-0015-2

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783796 500152

SCHWA B E V E R L A G B A S E L


JOHANN JAKOB BACHOFENS GESAMMELTE WERKE

Schwabe Verlag Basel


JOHANN JAKOB BACHOFENS GESAMMELTE WERKE Neunter Band

REISEBERICHTE, AUTOBIOGRAPHIE, VARIA

Herausgegeben von Andrea Bollinger, Andreas Cesana und Fritz Graf

Schwabe Verlag Basel


PUBLIZIERT MIT UNTERSTÜTZUNG DER FREIWILLIGEN AKADEMISCHEN ­G ESELLSCHAFT BASEL GEDRUCKT MIT UNTERSTÜTZUNG DER BERTA HESS-COHN STIFTUNG, BASEL

COPYRIGHT © 2015 SCHWABE AG, VERLAG, BASEL, SCHWEIZ DIESES WERK IST URHEBERRECHTLICH GESCHÜTZT. DAS WERK EINSCHLIESSLICH SEINER TEILE DARF OHNE SCHRIFTLICHE GENEHMIGUNG DES VERLAGES IN KEINER FORM REPRODUZIERT ODER ELEKTRONISCH VERARBEITET, VERVIELFÄLTIGT, ZUGÄNGLICH GEMACHT ODER VERBREITET WERDEN. GESAMTHERSTELLUNG: SCHWABE AG, MUTTENZ/BASEL, SCHWEIZ PRINTED IN SWITZERLAND ISBN 978-3-7965-0015-2 RIGHTS@SCHWABE.CH WWW.SCHWABEVERLAG.CH


J O U R NA L D E R G R I E C H E N L A N D R E I S E 1851


Am 11 März von Hause weg, Morgens ½ 8. Trüb war der Himmel. Mein Herz war es auch. Der 11te ist für mich immer Schicksalstag.1 Auf den 11 September 1842 fiel meine erste Abreise nach Italien. Auf den 11 März 1843 die nach Neapel. Auf den 11 October 18[48] die Reise nach Rom. 11 November 1848 Ankunft daselbst. 11 Mai Abreise von dort. Alles ohne Absicht und durchaus unvorgesehn. Ich vernachläßige dergleichen Zufälligkeiten nicht. Was werden mir nun alle folgenden 11ten bringen? Wohl Vielerlei, aber Eines nicht, woran ich doch alles Andere geben würde! Des Menschen Seele gleichet dem Wasser, vom Himmel kömmt es, zum Himmel steigt es, ewig wechselnd. Des Menschen Schicksal gleichet dem Sturme, hin braust er, her braust er, unwiderstehlich.2 Wie könnte ich stehen, wüßte ich nicht, daß alle Creatur harret des Herrn!3 Ich habe immer gehofft und hoffe immer von Neuem. Und über dem Hoffen bin ich ein Mann geworden, und nun leide ich mit stolzem Bewußtsein der Kraft. Aber unbeglückt ist noch nicht unglücklich. Das Entbehren mit Bewußtsein weckt ein merkwürdiges Vertrauen auf sich selbst, einen Stolz, wie ihn selbst das Bewußtsein glücklich angewendeter Kräfte kaum geben kann, und ein lebendiges Gefühl unserer Unterordnung unter eine höhere Weltordnung, welches die fruchtbarste Quelle der Tugend ganzer Völker sowie einzelner Personen ist, aber, wenn nicht recht verstanden, auch wohl die Quelle eines Energie ertödtenden Fatalismus werden kann. Übrigens habe ich an mir selbst bemerkt, welch’ ungeheuren Einfluß schwere innere Erfahrungen auf unsere ganze Weltanschauung haben. Sie führen Alles auf seinen wahren Werth zurück. Es bleibt Nichts stehen als der innerste Kern der Dinge. Und das, was uns am liebsten war, wird am härtesten getroffen. Kann den, der sich zu einem Amte berufen fühlt, Etwas ihn tiefer Berührendes treffen, als wenn ihm unmöglich wird, dieß Eine auszuüben? Aber gerade Das wird genommen, und damit verliert für ihn das Leben seinen äußern Werth. Aber das muß genommen werden, damit Nichts [Vgl. Meuli, 1063, Anm. 3.] [Vgl. Goethe, Gesang der Geister über den Wassern.] 3 [Vgl. Röm 8, 19–22.] 1 2

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JOURNAL DER GRIECHENLANDREISE

bleibe, was von dem Einen Großen abziehn könnte, das allein Werth hat. Auch unsere besten Eigenschaften können ein Hinderniß werden, das der Vollkommenheit hinderlich wird. Wenn uns so die äußere Thätigkeit, die Einwirkung auf die Welt in unserm Sinne unmöglich wird, so müßen wir annehmen, daß uns als Lebensaufgabe angewiesen worden, uns selbst zu größerer Vollendung zu bringen, und das sagt Tertullian so schön: Nemo alii nascitur, sibi moriturus.4 Diese Gedanken beschäftigten mich den ersten Tag, und als ich ihnen am zweiten wieder erlag, rettete mich aus denselben die Reisegesellschaft, welche vor 5 Uhr Morgens5 sich auf dem Dampfbot einstellte. Ich kam mit dem Apostolischen Nuntius in der Schweiz6 ins Gespräch. Das feine Wesen dieses Mannes fesselte mich sogleich, obwohl mir das conventionelle Demüthigthun der katholischen Geistlichen, mit den dazu erforderlichen Gesten, Blicken, Händefalten, immer anwidert. Ich leitete das Gespräch auf Pius ix und die Ereignisse in Rom.7 Unsere Ansichten stimmten überein, wenn auch gewiß aus ganz verschiedenen innern Gründen, und so trennten wir uns mit gegenseitiger Einladung zu spätern Besuchen. Die Ansichten des Monsignore über die Angelegenheiten der Schweiz und ihre politische Natur fand ich einfach und durchaus klar. Von da an nahm mich auf der ganzen Reise bis Flüelen und von da bis Airolo beinahe ausschließlich die Natur in Anspruch. Wer die Schweiz kennen und Manches im Charakter ihrer Bewohner erklären will, muß das Land im Winter sehen. Gleich einem Leichentuche deckt der Schnee Berg und Thal; und aus ihm ragt die stolze grüne Tanne so wunderbar schön hervor. Dieser Natur gegenüber ist der Mensch so klein, und dann doch wieder so unendlich groß! Selbst das Gemüthliche, Malerische bleibt nicht aus. Diese Kapellchen, die Christusbilder, an den Baumstämmen festgenagelt, sprechen das Herz an, und mit dem Anblick jeder Hütte verbindet sich von selbst der Gedanke an eine fröhliche, genügsame Häuslichkeit, die in dieser Abgeschlossenheit am schönsten gedeihen zu können scheint. Die Bewohner frisch und gesund, stets zu Späßen aufgelegt, aber doch einen Zug im Gesicht, der dem Ernste ihrer Natur und der Mühe [Tertullian, de pallio 5; vgl. Nekrolog Streuber, unten S. 536, Ges. Werke 10, 142f. und Meuli, 1037.] [Mittwoch, 12. März.] 6 [Giuseppe Maria Bovieri, späterer Bischof von Montefiascone und Corneto, war von 1848 bis 1864 päpstlicher Geschäftsträger in der Schweiz (Helvetia Sacra, 1, 1, Bern 1972, 57).] 7 [Vgl. B.s Darstellung in Ges. Werke 1, 397–410.] 4 5

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ihres Daseins entspricht. Als mir so Schnee und Eis im offenen Schlitten das Gesicht zerschnitt, dachte ich, wie einst auf den Ruinen von Selinunt8 unter den heißen Sonnenstrahlen an mein merkwürdiges inneres Schicksal, das außer Gott Niemand kennt. Meine äußere Lage entsprach so sehr meiner innern. Dabei begegnete mir zuweilen, über mich selbst nachzudenken, wie über eine dritte Person. «Und in dem Enkel erkennen sie nicht mehr die einst geliebten Züge des Ahnherrn». «O wie gäbe ich Alles um das Eine». Das waren die Dinge die mir durch den Kopf giengen, als ich so dahinfuhr. Warum spricht der, der das Alles geschaffen und erhält, nicht das Eine Wort? – Aber wohin gerathe ich? – Die Ansammlung der vielen Zugthiere vor dem Hospital,9 die Ochsen, Pferde, die Knechte, die regellos alle durcheinander standen, das Schreien in allen Sprachen, die Vorbereitungen zur Abfahrt, Alles bildete mitten in diesem Schneefelde eine anziehende Scene. Bald giengs weiter. Rasch erreichten wir wieder die Baumregion. Der Schneehimmel bildete mit den Bergen ein Ganzes. Kein lebendes Wesen. Nur hie und da eine Krähe, die schwer und langsam dahinfliegt. Vor und hinter mir die Pferde und Ochsen, hie und da ein Wegmacher. Ein Bild, dessen großartige Monotonie zu schildern wohl nur Wenige fähig sein möchten. Das Einfache ist so schwierig, das Bild der Natur so unerreichbar. In Airolo trägt Alles das Gepräge Italiens. Und von da weiter werden mit den Menschen und ihren Wohnungen auch die Berge anders. Man wird fremd, und fühlt es. Bei Faido die prächtigen Schluchten, mit der herrlichen Straße, die sich neben den Felsen hinzieht, in der Luft schwebend. Bellinzona, das alte Unterthanenland, mit seinen Thürmen. Von da Nacht und Schlaf, bis der anbrechende Tag10 die letzten Ausläufer der Gebirge zeigte, und fruchtbare Thäler enthüllte, mit den über die Weidenbäume hingezogenen Rebschoßen. Bei Chiasso die Gränze. Visitation. Paß. Alles mild. Dann das prächtige Como. Da erschien die Sonne, und beleuchtete die Gipfel der Berge. Das Auge wurde fröhlicher. Der Schnee war hinter uns. Alles grün auf der Flur nur die Bäume noch nicht. Ermüdend die Fahrt auf der Eisenbahn von Camerlata11 nach Mailand, wo um 9½ Uhr angelangt wird. In dieser 10 11  8  9

[B. besuchte Selinunt im Frühjahr 1843, vgl. Meuli, 1062f. sowie unten S. 25.] [Gotthardhospiz.] [Donnerstag, 13. März.] [Südlich von Como; Ausgangspunkt der Eisenbahnlinie nach Mailand.]

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elenden Stadt verbrachte ich einen langweiligen Tag, den weder der Dom noch anderes aufzuheitern vermochte. Eine liederliche Bevölkerung, die besser gar nicht existirte. Im Dom eine in Ausdruck und Gesten auffallende Predigt über die Entheiligung der christlichen Tempel. Von Mailand mit der Diligenca franchetti über Cassano, Treviglio, ­Caravaggio, Chiari, Brescia, Peschiera, Verona, Padua nach Venedig. Die Eisenbahn erst von Mailand nach Treviglio 2 Stunden. Dann Wagen – ziemlich schlechter – nach Verona, wo man 5 Uhr früh anlangt. Von Verona bis Venedig wieder Eisenbahn. Immer die bis zum Fuß mit Schnee bedeckten Alpen auf der Linken. Sonst eine fruchtbare, aber monotone Ebene. Dieselbe regelmäßige Abtheilung der Felder. Ihre Bewässerung. Endlich erscheint Venedig mit seinen Thürmen, die aus dem Wasser hervorzutauchen scheinen. Wundervoller, warmer Tag. Da die Abreise schon Abends wieder erfolgen mußte, um in Triest auf den 17ten richtig einzutreffen, so konnte nicht nach Wunsch alles besehen werden. Ich besuchte den Dogen-Pallast, besonders das Antiquarium. In diesem 3 Köpfe der Minerva, von wundervoller griechischer Arbeit, doch schlecht restituirt.12 Aber besonders die beiden Faune, der männliche und der weibliche.13 Quid sit Faunus, scit nemo.14 Aber sie sind hier, wie aufgehende Schmetterlinge, die erste Jugendnatur in all’ ihrer sinnlichen Kraft, in ihrem unschuldigen und doch schon etwas lüsternen Leichtsinn, in ihrer Unbefangenheit, in der schönsten Potenzirung eines jungen zur ganzen Lust des Daseins erwachenden Lebens; kurz die Idealisirung des Übergangs aus der unbewußten 12 [Der Katalog von Giuseppe Valentinelli (Marmi scolpiti del Museo Archeologico della Marciana di Venezia, Prato 1866), der Aufstellung und Bestand zur Zeit von B.s Besuch wiedergibt, notiert fünf Köpfe und Büsten der Athena: 14 Nr. 24 = Nr. 43, Inv. n. 268 im heutigen Katalog (Gustavo Traversari, Sculture del V˚-lV˚ secolo a.C. del Museo Archeologico di Venezia, Venedig 1973); 229 Nr. 260 (= Nr.16, Inv. n. 227); 235 Nr. 274 (= Nr. 39, Inv. n. 4); 240 Nr. 282; 243 Nr. 289 (= Nr. 17, Inv. n. 112). Sehr restauriert sind 229 Nr. 260 (= Nr. 16) sowie 240 Nr. 282, gar nicht restauriert, also kaum gemeint, ist 14 Nr. 24 (= Nr. 43); präzisere Zuweisungen sind nicht möglich.] 13 [Der Katalog von Valentinelli nennt mehrere Köpfe von «Fauni» (4 Nr. 4; 9 Nr. 15; 13 Nr. 22; 22 Nr. 40; 25 Nr. 43; 225 Nr. 250); gemeint sind die beiden zusammengehörigen kolossalen Kopfkopien von einer hellenistischen Gruppe («Aufforderung zum Tanz») eines Satyrs (225 Nr. 250; Gustavo Traversari, La statuaria ellenistica del Museo Archeologico di Venezia, Rom 1986, Nr. 23, Inv. n. 39) und einer Nymphe (Valentinelli 249 Nr. 299 = Traversari Nr. 22, Inv. n. 63); als «Satirina baccante» bezeichnet bei A. und A. Zanetti, Delle antiche statue greche e romane ehe nell’antisala della libreria di San Marco e in altri luoghi pubblici di venezia si trovano, Parte 2, Venedig 1743, Tf. 30, als «faunessa» bei Valentinelli, als «tête de satyre féminin» noch im Baedeker zu L’Italie septentrionale, 5. Aufl., 1870, 217 Nr. 299.] 14 [Vgl. Cic. nat. deor. 3, 6, 15.]

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Kindheit zur bewußten Jugendzeit, aus der Periode des Wurms zu jener des Schmetterlings. Die hervorbrechenden Hörner, der lachende Mund, das Grübchen in der wohlgenährten Wange, der üppige Haarwuchs, in die Höhe strebend, und dann nach der Seite fallend, die in eine Spitze endenden ­Ohren, die vollen kaum getheilten Zähne, der etwas geöffnete Mund, der leicht wie zur Neckerei nach der Seite geneigte Kopf; doch dießmal ohne die Hängewarzen am Halse; eine eigenthümliche, aber sinnige und so recht das Alterthum bezeichnende Idee, gewissermaßen das Alterthum selbst. In dem ersten Zimmer zu beiden Seiten der Verbindungsthüre die beiden herrlichen Statuen aus Morea (von den Propyleen weggeführt!).15 Wie schön, aber doch wie schade, daß es nicht mehr steht, wo es stehen sollte! In der Vorhalle ein Ehrenstein auf Pietro Bembo, den eleganten, herrlichen Geist. 1470 bis 1547. Am Abend bei prächtigem Mondschein auf dem großen Platze, die merkwürdige Marcuskirche mit ihrem oriental, byzantinischen Charakter. San Giorgio. Die vielen Lüster, das allmälig sich verlierende Gewühl. Wer kann sagen, welchen Reichthum von Gedanken ihm das Alles weckt – und dann 11 Uhr Abends16 im Kahn nach dem Dampfer gefahren: die monotonen Mahnrufe des Bootsmanns, die Stille, die mysteriosen Palläste, die Schatten des Mondlichts, der sich wiederholende Ruderschlag. Allmälig naht man sich dem Dampfer. Ich war eine Stunde vor der Mitternacht da, gieng gedankenvoll auf und ab, betrachtete mir Alles, um es der Seele noch so einzuprägen, wie mein Schmerz ihr eingeprägt ist. Als der Kessel zu arbeiten anfieng, stieg ich in mein enges Behältniß, schlief von Müdigkeit des Leibs und der Seele überwunden fest ein, bis am folgenden Morgen17 das Geräusch mich weckte. Aber Alles war weg, Venedig und die herrliche Witterung. Scirocco hatte das ganze Firmament mit Gewölke überzogen, das sich nun zu entleeren begann. Der ganze Sonn15 [Gemeint sind die beiden römischen Karyatiden aus pentelischem Marmor aus hadrianischer oder antoninischer Zeit, Valentinelli 29 Nr. 51 und 31 Nr. 56 = Gustavo Traversari u. Renato Polacco, Sculture romane e avori tardo-antichi e medievali del Museo Archeologico di Venezia, Rom 1988, 18 Nr. 2 (Inv. n. 161) und 19 Nr. 3 (Inv. n. 162-A). Die Herkunftsangabe ist falsch. B. folgt hierin ebenso der zeitgenössischen Auffassung wie in seiner Bewunderung für die beiden Statuen; vgl. die Polemik bei E. Guédéonoff Ann. Inst. 24, 1852, 75.] 16 [Samstag, 15. März.] 17 [Sonntag, 16. März.]

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tag war regnerisch. Ich besorgte meine noch nöthigen Einkäufe, hörte eine wässerige Predigt in gebrochenem Deutsch, und amüsirte mich an der Mannigfaltigkeit der Trachten, die in diesem Freihafen durcheinander sich bewegen. Auffallend durch geschmackvolle Tracht, herrlichen schlanken Wuchs, intelligente ovale Gesichter, durch ganz besondere Reinlichkeit sind die Landmädchen der Umgegend. Sonst herrscht hier wie in Venedig eine ungemeine Liederlichkeit und öffentliche Unsittlichkeit. So gieng die Zeit vorüber bis Montag Mittag. Da unter bangem Erwarten bestieg ich die Sofia Dorotea,18 um so Athen zu erreichen. Aber der Himmel war mir wiederum günstig, das Meer ruhig, und eine herrliche Fahrt nach Ancona. Die Sonne brach hervor und beleuchtete nacheinander die Städte der istrischen Küste, Capo D’Istria, Isola, Pirano. Dieß ist herrlich gelegen auf einem Vorgebirge. Eine dichte Häusermasse. Darüber die Kirche, noch höher (wie in Luzern) alte geschwärzte Mauern mit ihren Thürmen. Dahinter die Hügel, dann schneebedeckte Berge. Davor das leicht bewegte blaue Meer. Als die Sonne sank, stieg voll der Mond hervor. Einzelne Schiffe in der Bucht. Die Tyroler Alpen zur Linken von Triest immer maiestätischer. Der ganze Zauber der Dämmerung. Dann noch lange das Licht des Leuchtthurms zu unterscheiden. Es stieg in mir wieder eine jener Stimmungen auf, in der Schmerz und Lust so wunderbar sich verbindet. Wenn ich in die Zukunft schaute, war ich trauriger als wenn ich der Gegenwart mich hingab. Aber ich werde ein Mann sein, schwor ich mir wieder. Die empfindliche Kühle trieb mich 8 Uhr vom Deck, ich schrieb noch diese Zeilen, und endete dann durch guten Schlaf wieder einen der Tage meines nutzlosen Daseins. Und doch hatte ich recht lebendig das Gefühl, daß mich Unwürdigen des Himmels besondere Gunst geleite. Ein Trost bei so vielem Elend! Es kömmt zuletzt doch noch zu gutem Ende. Des Morgens19 7 Uhr stand ich auf. Als ich das Deck betrat, siehe da erglänzte vor uns in einer Entfernung von 18 Seemeilen die Küste Italiens, von der Montagna di Ancona im Süden mit ihrem schroffen Abfall bis über die Gegend von Sinigaglia im Norden. Am Meere niedere Hügel, aber malerisch der Anblick. Hinter ihnen, offenbar in ziemlicher Entfernung die 18 [Maria Dorotea, wie B. selbst weiter unten S. 19 sowie in der Griech. Reise, S. 75 und 102 richtig notiert.] 19 [Dienstag, 18. März.]

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Kette des Apennin, aus welcher sich 3 hohe Kuppen hervorheben, offenbar aus dem Strich von Gubbio nördlich. Alle noch hoch mit Schnee bedeckt. Frisch und muthig steuert das Schiff durch die von den Morgenlüften leicht bewegten Wogen gerade auf Ancona zu. Delphine umspielen das Vordertheil. Die Form der Stadt und ihrer beiden Hügel tritt immer klarer und bestimmter hervor. Um die Spitze des Leuchtthurms herum steuern wir in das geräumige halbmondförmige Becken des Hafens. Hier wird vor Anker gegangen. Schiffe liegen nur wenige da, das Leben des Handels ist offenbar nicht sehr bewegt. Die Anlage der Stadt aber ist merkwürdig, und wie sie schon die Alten beschrieben.20 Sie liegt um den halbmondförmigen Hafen herum. Die beiden Endpunkte des Halbmondes erheben sich ziemlich steil zu nicht unbeträchtlichen Hügeln, die herabfallen und durch ihre innere Senkung die Form eines Sattels erzeugen. Man könnte sie auch mit den 2 Hörnern eines Stieres vergleichen. Die östliche Anhöhe wird gekrönt durch die herrliche Kirche di S. Cypriano Martyre, von der aus man Meer und Stadt weit beherrscht. Herrlich erglänzt die Frühlingssonne auf dem leicht zitternden Meeresspiegel. Die niedern Hügel der Küste von Urbino stellen sich dem Auge dar, Linien deren leichte Grazie so sehr von den rohen Formen unserer nordischen Berge absticht. Die westliche Anhöhe trägt das Hauptfort. In der Mitte die Häusermasse der Stadt, welche sich bis zu beiden Höhen hinziehn, und scheinbar terrassenförmig über einander liegen. Schöne schlanke Kuppeln und Thürme zieren die Stadt wie Wimpel den Mast. Aber die Farbe der Häuser ist leichtes Grau, gleichsam ein nackter Fels. Das Innere der Stadt zeigt schöne Straßen und hohe gut gebaute Häuser. Die halbe Bevölkerung steht vor den Häusern. Schön ist der Markt, mit seiner Treppe, schön la loggia dei Mercanti. Aber ein Kleinod die Kirche von S. Cyriaco, mit ihrem Portal nach der Art derer von S. Marco zu Venedig. Darüber das Rundfenster. Alles aus Marmor, von der Zeit leicht angegriffen, nicht ängstlich regelmäßig; ein herrliches Farbenspiel der Säulen unter dem Portal und ihrer Bedeckung; wie gemacht zu einem durchsichtigen Aquarell, wie viel schöner als wenn mit dicker Oelfarbe einförmig übertüncht! Das Campanile besonders daneben.

20 [Die antike Etymologie leitet den Stadtnamen von ἀγκῶν (Arm, Ellenbogen) ab und erklärt ihn mit der Form der Bucht zwischen den beiden Vorgebirgen (Mela 2, 64; Plin. nat. 3, 111).]

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Auf dem Molo der Ostseite die Triumphpforte, dem Kaiser Nerva dedicirt. Ziemlich erhalten, leicht und hoch in seinen Formen, das Hauptstück aus der alten Zeit. So giengen 2 Stunden vorüber. Ich kehrte zum Schiff zurück, schrieb dieß nieder, und überließ mich dann dem Wonnegefühl der bevorstehenden herrlichen Fahrt längs den Küsten bis hinab zu dem alten Brundusium;21 also neben Picenum, den beiden Abruzze, der Terra di Bari und der Basilicata. Es ist der 18 März. Auf dem Schiff nur wenige Passagiere, doppelt gut erstlich für die Bequemlichkeit, dann für den innern Genuß, der durch die Trivialität der gewöhnlichen Reisenden stets wesentlich gestört wird. Mittwoch früh den 19 März begab ich mich um 8 Uhr auf das Deck. Rechts in unbedeutender Entfernung die Isole Tremiti, von geringem Umfang. Schroff und zerrissen erheben sich die Felsen aus dem Meere. Überall ist die Höhe dieselbe. Sie bilden eine regelmäßige Fläche. 2 größere liegen vorn, eine dritte kleinere verbirgt sich hinter ihnen. Nördlich von ihnen, auf dem Festlande Italiens, zeigt sich, hoch ansteigend, und bis zum Fuß mit Schnee bedeckt, der Gran Sasso d’Italia. Er ist kein schnell ansteigender Kegel, sondern vielmehr ein hoher, ziemlich langer Bergrücken, dessen schöne Linie von dem leicht blauen Äther herrlich absticht. Dann war ich genöthigt, mich auf das Bett zu legen, um der Krankheit zu steuern. Als ich mich wieder nach dem Verdeck begab, war der Küstenstrich von Rodi bis Viesti in Apulien sichtbar. Wir standen höchstens eine Seemeile entfernt. Mehrere Hügelreihen erheben sich terrassenförmig übereinander. Sie sind an Höhe unbedeutend, meist bewaldet, doch mit freien Grasplätzen, wie in unserm Jura. An dem südlichen Ende der Hügelreihe das Städtchen Viesti. Es liegt auf ­einer Anhöhe, deren Abhänge nach der See hin die dichten gräulichen Häuser bedecken. Von Norden her zeigt sich ein steiler Abhang von gelblichter Farbe, eine Sandwüste, öd und kahl. Im Süden führt in das Innere der Stadt eine Bucht. Es ist 3 Uhr. Die Sonne scheint warm, daß man den Schatten sucht. Unter ihren Strahlen zittert das Meer. Um die Spitze von Viesti herum zeigt sich noch ein kleiner Landstrich mit den nicht unbedeutenden Bergen von S. Angelo; dann aber zieht sich das Ufer nach West, und verliert sich in feinem Dunst. Das ist der Golf von Manfredonia. Deutlicher tritt das Ufer wieder hervor bei der Mündung des Ofanto, wo man mit dem Auge den Thurm von Barletta bemerkt. Wer gedenkt hier nicht des 21 [Unantike, aber in der Textüberlieferung seit den mittelalterlichen Handschriften lateinischer ­Autoren oft belegte Form (vgl. ThLL 2, Sp. 2210, 2. 58ff.).]

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Siegers von Cannae? Nach dem Mittagessen stehen wir in der Nähe von Bari. Die niedern Hügel der Küste sind in jenen leichten Nebel gehüllt, der den Übergang aus dem Wasser zum Lande so schön vermittelt. Ich sehe der sinkenden Sonne nach, die im Untergang noch am schönsten erstrahlt. Ein Sinnbild unserer eigenen Seele! Der Tod dessen, der Seegen gewirkt hat, verbreitet den schönsten Glanz, der noch lange seine Bahn bezeichnet. Der ganzen Küste entlang stehen niedere feste Thürme, die bei Viesti höchstens 5 Minuten von einander entfernt sind. Offenbar aus alter Zeit der Sicherheit wegen. Morgen beim Erwachen wird Brindisi vor Augen sein, wo wir um 3 Uhr anlangen.22 Alles in der Mitte, Bari, Mola, Ostuni, ist verloren. So viel Glück hat noch keine meiner Reisen geleitet wie diese. Auch ein Trost. Und doch gäb ich es alles hin um Eines. «Doch wohin gerathe ich»? Unglücklich bist Du nie, so unbeglückt du seist. Des Menschen Schicksal ist kein Ohngefähr. Vom Himmel kömmt es, zum Himmel führt es, vom Herrn gesandt.23 Vergebens sträubt sich das Menschengeschlecht. Zuletzt wird der Führung Weisheit auch Dem erschlossen, der jetzt noch den Himmel um Milde anfleht! Gegen 3 Uhr hielt unser Schiff im Hafen von Brindisi. Durch den plötzlichen Stillstand aufgeweckt zog ich mich an und begab mich nicht lange hernach auf das Verdeck. Alles war hier ruhig. Das Schiff lag vor Anker in dem weiten geräumigen Hafen. Nach Westen hin stand der Mond in voller Pracht, während im Osten sich schon das Licht des Tages ankündigte. Der Gegensatz beider Beleuchtungen war recht fühlbar. Aber immer mehr schwand das Silberlicht des Mondes, während die Röthe und das Leben des nahenden Tages immer entschiedener die Oberhand gewann. Endlich stieg die Sonne, goldig von Glänze, aus dem Meere empor. Unter ihren feurigen Strahlen erzitterten die Spitzen der Wogen, und am Gestade erglänzten die Glasscheiben der Häuser an der Marina von Brindisi. Lange dauerte es, bis die faulen Neapolitaner Pratica ertheilten. Endlich wurde sie erhalten, und nun ruderten wir um 6 Uhr am 20sten März nach dem Gestade hin. Am innersten Ende des Hafens liegt die altberühmte Stadt. Die Häuserreihen bilden einen rechten Winkel, dessen Spitze nach dem Meere schaut, und dessen beide Schenkel von dem Wasser gedeckt werden. Die Häuser nehmen sich von 22 23

[Donnerstag, 20. März.] [Vgl. oben, Anm. 2 u. 3.]

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Weitem stattlich aus, in der Nähe besehen erweisen sie sich als unbedeutende Bauten, von weißgelblichter Farbe, mit niederm oder völlig flachem Dache. In das Innere der Stadt führen leicht ansteigende unregelmäßige, mit viereckigen Platten gepflasterte Straßen. Der Schmutz und die Unordentlichkeit erinnern lebhaft an den Neapolitanischen Charakter. Die Stadt ist halb verlassen, ihre recht gut und sogar schön gebauten Paläste aus früherer Zeit sind verfallen und nur wenig bewohnt. Neben einzelnen gentiluomini, die durch die Straßen schleichen, findet sich nur geringes, elendes Bettelvolk. Alle tragen die Fieberluft auf ihren schmutziggelben Gesichtern, besonders die Weiber. Nahe am Ufer steht eine alte Kirche, deren Façade den schönsten Styl an sich trägt. Aber das Dachwerk und die Seitenmauern sind meist eingestürzt. Das ist la Brindisi abandonata. Eine alte schöne Loggia erinnert auch an glänzendere Zeiten. Von römischen Alterthümern nur eine colossale Säule mit schönen Verhältnissen nahe dem Ufer, von weit schon sichtbar. Von da erkennt man die Form des wundervollen, wenn auch dem Ostwind stark ausgesetzten Hafens. Seine Ufer gleichen einem einendigen colossalen Hirschgeweihe. Am Ende des äußern steht ein halb zerfallenes Kastell mit dem Telegraphen. Ein anderes Kastell mit dunkeln alten Mauern erhebt sich im Norden der Stadt. Im weiten Hafen selbst liegt ein einziges Schiff mit Gränzwächtern, um den Eingang zu schützen! Das ist die jetzige Herrlichkeit des alten Brundusium. Die Ufer zu beiden Seiten ganz flach, wie in diesem Theile Ita­ liens nun die Regel ist. Die Vegetation frisch, sogar auf den Dächern, was ungesunde Wohnung bezeichnet. Es kostete mich keine Mühe, mich von diesem Orte zu trennen. Um 10 Uhr war das Schiff wieder in Bewegung. Die Sonne entwickelte schon große Kraft. Eine Zeit lang steuerten wir noch der Küste entlang, dann etwas nördlich nach Osten. Die Gebirge von Epirus traten hervor. Es war die Gegend von Durazzo.24 Nach 2 Stunden waren wir denselben ganz nahe gekommen. Vor uns lag die Isola di Sasino, und die schroffe Küste von Albanien. Alles ist ganz kahl, von leicht graulicher Farbe. Tiefgehöhlte Einschnitte durchfurchen die Gebirge und fallen steil ins Meer. Keine Städte, keine Wälder, keine Wohnungen, kein Zeichen irgend einer Kultur. Über dieser Hügelkette erhebt sich eine zweite Bergreihe, deren Spitzen ganz mit Schnee bedeckt sind. Der Anblick ist wohlthuend. Unten das blaue Meer. Über dem Schnee das zarte 24

[Albanisch Durrës.]

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Blau des Aethers, in welches sich gegen Abend das Violet einmischt. Dem Schiffe folgt den ganzen Tag eine Schaar krächzender Seemöven, die bald im Kreise herumfliegen, bald ihre weißen großen Flügel in die Fluth tauchen. Halb sieben sinkt die Sonne unter den Wasserspiegel, blutroth und herrlich wie am ersten Tag. Nun wird der Tag gar bald von der Nacht überwunden, und am Firmament erglänzen die Gestirne. Wir sind nicht mehr weit von Corfù das um Mitternacht erreicht wird. Ruhig liegt das Schiff im Hafen. Alles schläft. Erst all’Alba beginnt die Bewegung und Geschäftigkeit. Ich komme um 6 Uhr nach dem Deck. 21 März. Das Erste, was sich dem Blicke darbietet, ist die Stadt Corfu selbst. Sie liegt dicht am Ufer in der Mitte zwischen 2 Anhöhen, welche 2 Kastelle tragen, das alte und das neue. Jenes ruht auf einem Fels, und gebietet über die ganze Umgebung. Auf ihm steht der Leuchtthurm. Wir besteigen die Höhe, und übersehen von hier die Stadt, die Festungswerke um dieselbe, die Ufer der Insel mit ihren Gebirgen, ihren Wäldern, ihren Ortschaften, ihren herr­ lichen Buchten, und dem geräumigen Hafen, in dessen Mitte die etwas kahle Insel Vido, deren Fort den Eingang ganz beherrscht. Gegenüber, nur durch eine schmale Meerenge von der Insel getrennt, die Küsten von Epirus (Gegend von Janina) mit ihren zerrissenen Hügeln und darüber hin­ aus den schönen wohlgeformten Schneekuppen. Die Linien der Insel und die dieser Gebirge laufen so ineinander, daß man nicht immer unterscheidet, was dem Festland, was der Insel a­ ngehört. Das Ganze giebt ein herrliches Bild. Die Ufer der Insel sind bergig, aber bewaldet, und mit Ortschaften belebt. Wundervoll liegt unter ­ihnen die Villa del Governatore. Schöne Straßen führen nach dem Innern. Auf dem Markte der Stadt die schönsten Gemüse, Fische, Fleisch, Orangen, Kürbisse. Alles in der größten Fülle. In einzelnen Quartieren hat der englische Einfluß den orientalischen Charakter überwunden. Im Hafen mehrere große Fregatten. Wenige Handelsfahrzeuge. Die Einwohner griechisch, im Allgemeinen ohne ausgeprägten Charakter. Nach dem Besehen der Stadt Rückkehr nach dem Schiff, das erst 12 Uhr für Cephalonia in See geht. Wir fahren längs den Küsten der Insel, die sich immer mehr von dem Festland entfernen. Den herrlichen Tag beschließt ein herrlicher Sonnenuntergang. Da sich ein nicht unbedeutender Gegenwind erhebt, so begebe ich mich zeitig nach der Kajüte. Doch bleibt der Schlaf lange aus. Und Nichts ärgert mich mehr, als solche Gegenden im Schlaf durchziehn zu müßen. Wir kommen an der Westseite 13


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der Insel S.a Maura vorüber (Lycadia).25 Dann folgt die große Cephalonia. Das Schiff legt gegen 3 Uhr Morgens26 in der Bucht von Argostóli auf der Westseite der Insel an. Die Packete werden abgegeben, und nach einer halben Stunde gehts weiter. Ich bin durch Etwas Unwohlsein genöthigt, im Bett zu bleiben, und komme erst 7 Uhr auf das Deck. Die Scene, die sich mir hier darbietet, ist prachtvoll. Das Schiff steuert in südöstlicher Richtung nach Zante (Cacynthos),27 welches Städtchen auf der Ostseite der gleichnamigen großen Insel liegt. Die Sonne scheint Feuerfarben aus der leichtblauen See zu ziehn. Im Hintertheil des Schiffs erhebt sich das steile Ufer von Cephalonia, und je mehr wir uns von der Insel entfernen, desto höher scheint der hohe Berg, der dessen Südküste ziert, anzusteigen. Sein breiter Rücken trägt noch tiefen Schnee. Im übrigen ist er kahl und ohne alle Bebauung. Das zarte Blau des Himmels in der Höhe, das tiefe des Meeres zu seinen Füßen bilden einen herrlichen Rahmen. Immer deutlicher erscheint nun zu unserer Rechten das malerische Ufer der ­Insel Zante. Die herrlichen Biegungen des Gestades, die bewaldeten Niederungen, die weißen Dörfer mitten aus dem Grün der Oliven und Cypressen, das herrliche Meer, das sie bespült, der herrliche Himmel, die herrliche Umgebung, im Rücken die hohe Schneekuppe von Cephalonia, im Ost der leichte Küstensaum von Morea, darüber die Kette schneebedeckter Gebirge: Alles wirkt zusammen, jener Insel den Namen fior di Levante zu verdienen. Die Ufer der Ostküste erheben sich zu nicht unbeträchtlicher Höhe, felsig, grau, tief durchfurcht, im Ganzen kahl. Bald aber legt sich vor diese höhere Bergreihe eine niederere Hügelkette, die jener wie zum Fußschemel bestimmt zu sein scheint. Zwischen beiden hinein zieht sich ein geräumiges Thal, wie man sagt, eine herrliche, prächtig bebaute, üppige Ebene, von allen Reizen der Natur überschüttet. Langsam senkt sich diese Hügelreihe ins Meer, von schönen Olivenwäldern bekleidet. Hier und da etwas auf der Höhe zerstreute Häuser zwischen Cypressen, deren dunkle Farbe gegen die Helle der Mauern sehr absticht. Eine Reihe großer schöner Villas verkündet die Nähe der Hauptstadt. Gegen 10 Uhr Sonnabend Morgens laufen wir in die weite Bucht ein. Im Halbmond ziehn sich die Häuser an der Marine hin. Viele zeigen Arkaden. Im Nord [Leukás bzw. Leukadía, heute Lefkás.] [Samstag, 22. März.] 27 [Griechisch Zákynthos.] 25 26

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lehnt sich die Stadt an einen ziemlich steil ansteigenden Felsen, den sie terrassenförmig bedeckt. Die Festung auf der Spitze hat den Charakter der ­Acropolis einer altgriechischen Anlage. Der Fels, steil nach Süden, fällt in Sattelform nach Norden ab. Seine Vorderseite ist kahl und sandig. Ich höre, daß die Zantesen leichtsinnig, vergnügungssüchtig und sehr heftig sind, während Cephalonia einen ernsten, festen Charakter zeigt, durch Arbeitsamkeit allgemeinen Wohlstand sich erworben hat, aber auch am ungestümsten die Vereinigung mit Griechenland, dem es so nahe liegt, anstrebt.28 Das Ein- und Ausschiffen der Waaren veranlaßt immer ein reges Leben um unser Schiff. Die Stimmen der griechischen Barkenführer gellen durch die Luft. Die Sonne brennt. Erst die Abfahrt bringt wieder etwas Kühlung. Wir steuern nun in nordöstlicher Richtung nach dem Golfe von Patras, und da zeigt sich zuerst vollkommen die Herrlichkeit des griechischen Landes. Vor uns Morea mit seinen Ufern, darüber die beschneiten Berge des innern Landes. Zur Linken noch lange der hohe Bergrücken auf ­Cephalonia. Daneben erscheint zum ersten Male, wie eine bläuliche Wolke über dem Wasser schwimmend, Ithaca. Noch entfernter schließen sich die Küsten der Isola Maura an, dann L’Albania, Alles ein förmliches Amphitheater beschneiter Kuppen, deren leichte, graziose Linien wie auf den blauen Grund hingehaucht erscheinen. Unmittelbar vor uns liegt die lange Linie von Chiarenza,29 ziemlich eintönig, kahl, unbewohnt, nur von einer für die Morea wichtigen alten Feste30 gekrönt. Zu beiden Seiten verflacht das Ufer. Bald verschwindet dieser Theil in neblichter Ferne, und man gelangt immer näher dem Eingang in die Bucht von Patrasso. Patras selbst erreichen wir Sonnabends gegen Sonnenuntergang. In der Nähe lag ein östereichischer Kriegsschooner, von dessen Bord Musick ertönte. Alles ringsum sonst still. Nur vom fernen Ufer her das Gesumse der Stadt. Milde Lüfte. Eine Szene der Ruhe. Ich spazierte lange mit dem Capitaine Rossini, einem Manne, dessen ruhiges Wesen und fester aber etwas leidender Blick mir wohl gefiel, das Verdeck auf und ab. Wir hörten nichts als unsere Worte und unsere Schritte. Öfter langes Stillschweigen. Solche Lagen waren für mein Inne28 [Kephalonia und die anderen Ionischen Inseln waren von 1815 an britisches Protektorat und wurden erst 1864 mit Griechenland vereinigt (Lauffer, Griechenland, 321).] 29 [Glarentza.] 30 [Chlemutsi oder Kastell Tornese; vgl. Andrews, Castles of the Morea, 146–158.]

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res so unendlich wohlthätig, wie Balsam. Noch vor wenigen Jahren wäre ich ans Ufer geeilt, hätte mich in das Gedränge geschäftiger Menschen gemischt. Jetzt hatte für mich die trauliche Einsamkeit des Schiffes nach vollendeter Fahrt unendlich mehr Reiz. Ich fühlte so recht, wie die Jahre und wie das Schicksal über mich ergangen. Doch war mir auch klar, wie viel mein Inneres an Hoheit und Würde gewonnen. Es kam mir vor, die Seele sei auf dem Wege, ihren Sieg über den Körper zu vollenden. Ist dieser erfochten, dann ist das Stadium erreicht, und Tod der schönste Preis. In der SonntagMorgenstunde31 lag dichter Nebel über dem Golfe und über der Stadt. Doch war in der Atmosphäre nicht die geringste Kühlung zu bemerken. Als die Sonne vergeblich auf sich warten ließ, ruderte ich nach 7 Uhr mit meinem Reisegefährten, dem Maler Wunderlich32 aus ­Petersburg, nach der Stadt. Es war die erste Stadt des griechischen Festlandes, die ich betrat. Schon der Anblick von der Seeseite zeigt, daß Pa­ tras eine neue Stadt. Wenn man ihre Straßen betritt, wird dieß noch deutlicher. Sie sind breit und nach der Schnur angelegt. Aber noch fehlt es an Pflaster, und das Ganze gleicht eher einem in Eile errichteten Lager als ­einer für die Dauer erbauten Stadt. Im Süden der Stadt erhebt sich ein nicht unbeträchtlicher Hügel, den eine mittelalterliche Festung mit un­ regelmäßigem Mauerwerk verschiedenen Styls krönt. Ihre Abhänge sind mit Schutt und Trümmern bedeckt, und ganze Quartiere unregelmäßiger halb zerstörter, meist verlassener, schlecht gebauter Häuser werden durchwandert, ehe man die Höhe der Festung erreicht. Das ist die alte, theils durch Erdbeben,33 theils durch das Feuer der Türken34 zerstörte Stadt. Die schöne Vegetation, das vielfarbige Blust, das Bäume und Gesträuche so frisch bekleidete, rechtfertigte den alten Ruf der Fruchtbarkeit. Nichts ist so voll von Poesie als der Zutritt zu der Brücke, die über den Graben in die Festung führt. Der ungeheure Baum am Eingang. Die großen Weiden, welche das Brunnhaus beschatten. Das Wasser, das frei sich seinen Weg sucht. Die Hütten, deren Vorbau mit Reben beschattet. Die malerische [23. März.] [Ließ sich nicht identifizieren.] 33 [Die Stadt wurde mehrfach durch Erdbeben stark in Mitleidenschaft gezogen, zuletzt 1785, 1817 und 1820 (Lauffer, 521).] 34 [Patras nahm 1821 als erste griechische Stadt am Aufstand gegen die türkische Herrschaft teil. Die Türken bombardierten die Stadt von der Zitadelle der Burg aus und brannten sie völlig nieder (Lauffer, 521).] 31 32

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