PSYCHIATRISCHE ORDNUNG IN GEFAHR Trotz ihrer Abgeschlossenheit waren Irrenanstalten als «totale Institutionen» um 1900 unterschiedlichen sozialen und politischen Einflüssen ausgesetzt, die die bestehenden Ordnungen in den Anstalten erschütterten. Zudem provozierten die Einweisungspraxis und die Modalitäten der Irrsinnserklärung eine wachsende öffentliche und literarisch-künstlerische Kritik. Verstärkend wirkte eine Irrenrechtsbewegung, in der betroffene Personen und deren Unterstützer organisiert waren, und eine mit Hilfe von Printmedien mobilisierte kritische Öffentlichkeit. All dies stellte die Psychiater vor deutliche Herausforderungen, auf die der Berufsstand mit unterschiedlichen Strategien zu antworten suchte. Aus einer Vielzahl von Quellen lässt Heinz-Peter Schmiedebach Psychiater, Insassen, Psychiatriekritiker, Personen aus dem Pflegebereich sowie Literaten und Autorinnen zu Wort kommen und leuchtet so die unterschiedlichen Formen und Konstruktionen der «Irrenanstalt» um 1900 aus. Heinz-Peter Schmiedebach war Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und des Instituts für Geschichte der Medizin an der Universität Greifswald. 2015 erhielt er einen Ruf auf die bundesweit erste Professur für Medical Humanities an der Charité Berlin. Er hat zahlreiche Publikationen zur Psychiatriegeschichte vom 18. bis zum 20. Jahrhundert veröffentlicht.
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MedHum 1
PSYCHIATRISCHE ORDNUNG IN GEFAHR
Edited by Vincent Barras, Mariacarla Gadebusch Bondio, Martina King, and Susanne Michl
Schmiedebach
Medical Humanities 1
PSYCHIATRISCHE ORDNUNG IN GEFAHR «Irrenanstalten» um 1900 im Blick von Öffentlichkeit und Literatur
Heinz-Peter Schmiedebach
Medical Humanities 1
Medical Humanities
Edited by Mariacarla Gadebusch Bondio, Martina King, Susanne Michl, Vincent Barras
Volume 1
Heinz-Peter Schmiedebach
Psychiatrische Ordnung in Gefahr «Irrenanstalten» um 1900 im Blick von Öffentlichkeit und Literatur
Schwabe Verlag
Publiziert mit Unterstützung der Köhler-Stiftung, Essen, sowie des Hamburger Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin.
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2021 Schwabe Verlag Berlin GmbH Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Abbildung Umschlag: Zwangsjacke 2, © Deutsche Fotothek / Hildebrand, Gustav Korrektorat: Ricarda Berthold, Freiburg i. Br. Cover: icona basel gmbh, Basel Layout: icona basel gmbh, Basel Satz: 3w+p, Rimpar Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7574-0040-8 ISBN eBook (PDF) 978-3-7574-0075-0 DOI 10.31267/978-3-7574-0075-0 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabeverlag.de www.schwabeverlag.de
Inhalt
Vorbemerkung und Dank . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
7
1. Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
9
Methodische Überlegungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
13
Zum Gebrauch der Begriffe Irrenanstalt, Irre und Wahnsinn . . . . . . . . . . . . .
27
2. Psychiatrie im 19. Jahrhundert, soziale Ordnung und die Anstalt als Polytopie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
31
Ernst Horn und die Formen einer umfassenden Disziplinierung . . . . . . . . . .
34
Patriarchale Ordnung versus moderne Wissenschaft – Heinrich Laehr und Wilhelm Griesinger . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
39
Landwirtschaftliche Kolonien und Familienpflege . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
53
Die Anstalt Langenhorn – Beispiel einer Polytopie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
61
3. Anstalten im Ersten Weltkrieg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
75
Erschütterung in Eglfing . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
76
Auflösung der Geschlechterordnung? Pflegerinnen auf Männerstationen . .
79
Nahrungsmangel, Hungersterben und landwirtschaftliche Produktion . . . . .
83
Lazarette und moderne Therapien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107 Die Behandlung der Kriegsneurosen – diverse Ansätze . . . . . . . . . . . . . . . . . 120 Das Konzept von Karl Weiler – differenziertes Management und Kooperationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132 Arbeiter-Soldaten in Lohnabhängigkeit, moderner Krieg als Analogon zur Industrie und das Konzept der Remission . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 142 Grenzen in der Praxis und Widerstände . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 150 Kriegsneurosen in der Kunst . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155
6
Inhalt
4. Öffentlichkeit, Anstalten und Irrenrecht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163 Irrengesetzgebung – Einweisung und Entmündigung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169 Psychiatriekritische Artikel in der Presse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 173 Der Bund für Irrenrechts-Reform und Irrenfürsorge und seine Zeitschrift . . . 179 Resonanz der Psychiater . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 194 Ernst Rittershaus’ Irrsin und Presse. Ein Kulturbild . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 205 Bernhard Beyer und sein Buch über die Irrenrechtsreformbewegung . . . . . . 210 Politische Resonanzen der psychatriekritischen Bewegung . . . . . . . . . . . . . . 217 Pflegepersonal, Anstaltsordnung und Irrenrechtsreform . . . . . . . . . . . . . . . . 228 5. Broschüren – besondere Stimmen von Patienten und Patientinnen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 245 Irrenanstalten unter Aufsicht der Tagespresse: Carl Herrmann: Das moderne Vehmgericht – eine sociale Gefahr! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 252 Öffentlichkeit als letzte Instanz – Gertrud Hirschberg: 17 Tage Irrenhaus! Selbsterlebtes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 271 «Querulantenwahn» – zur Verschränkung von Recht und Psychiatrie . . . . . 280 6. Literarische und künstlerische Auseinandersetzungen – Vielgestalt der Anstalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 289 Expressionismus und Verrücktheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 294 Das Rothe Haus von Oskar Panizza – Ideenrausch und Hirnschnitte . . . . . . 303 Ysbrand von Frederik van Eeden – Ignoranz und Wegsperren . . . . . . . . . . . 311 Die Turbine von Waldemar Müller-Eberhart – Eigeninteressen und qualvoller Schmerz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 315 Die Armen von Heinrich Mann – Untertanengeist und Instrumentalisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 319 Der Geldkomplex von Franziska zu Reventlow – Durchlässigkeit und Ort der Bohème . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 330 7. Conclusio . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 353 8. Archive . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 367 9. Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 369 10. Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 403
Vorbemerkung und Dank
Wie bei allen Projekten, die sich über mehrere Jahre erstrecken, haben auch bei der Erstellung dieses Buches neue Quellenfunde und Gespräche mit Kollegen und Kolleginnen immer wieder weitergehende Ideen generiert. Als Folge gab es Schwerpunktverschiebungen hinsichtlich der zu untersuchenden Felder. Letztlich wurde das vorliegende Konzept erst im Jahr 2018 als verbindlich festgelegt, obwohl erste Facetten des Themas schon im letzten Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts bearbeitet und auch teilweise publiziert worden waren. Nicht nur Personen, sondern auch Institutionen haben mit ihrer Unterstützung das Voranschreiten der Forschungen sehr gefördert. Hier ist zunächst die DFG zu nennen, die durch ihre Finanzierung des Forschungsprojektes Psychiatriekritik und Öffentlichkeit zwischen ca. 1885 und 1925 in den Jahren 2004 bis 2007 die Möglichkeiten schuf, manche Grundlage zu diesem Buch zu erarbeiten. In diesem Projekt war PD Dr. Rebecca Schwoch als damalige wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig. Sie wertete unter anderem psychiatriekritische Artikel in der erzkonservativen Kreuzzeitung und dem sozialdemokratischen Vorwärts aus und verfasste entsprechende Papiere. Teile daraus sind auch in diese Arbeit eingeflossen. Für ihre Recherche und Auswertung sei ihr herzlich gedankt. Auch dem Historischen Kolleg in München ist zu danken. Es gab mir in den Jahren 2013/14 als Senior Fellow und 2018 als Honorary Fellow die Gelegenheit zu zwei Forschungsaufenthalten. Die besonders anregende und produktive Atmosphäre dieser Jahre war ganz entscheidend für die endgültige Ausformung des Konzeptes und den Fortgang der Arbeit. Viele Kolleginnen und Freunde, mit denen ich mich in den letzten Jahren austauschte, haben mir, ohne dass dies immer mit einer konkreten Diskussion einzelner Fragen aus dem Forschungsprojekt verbunden war, zahlreiche Hinweise und Anregungen gegeben. Gedankt sei Prof. Dr. Thomas Beddies, Prof. Dr. Simone Derix, Prof. Walter Erhart, Dr. Elisabet Hüls, Prof. Dr. Céline Kaiser, Dr. Jörg Neuheiser, Prof. Stefan Rebenich, Dr. Kai Sammet, Anna Urbach, Prof. Mathias Wirth, Dr. Stefan Wulf. Vier Kolleginnen haben das Manuskript gründlich und kritisch geprüft und sich nicht gescheut, mich auf manche Ungenauigkeit des Textes aufmerksam zu machen und sehr nützliche wie auch die Qualität des Buches verbessernde Monita und Einwände zu formulieren. Dies waren Dr. Monika Ankele, Prof. Dr. Eva Brinkschulte, Prof. Dr. Susanne Michl und Prof. Dr.
8
Vorbemerkung und Dank
Dr. Yvonne Wübben. Ihnen bin ich ganz besonders zu einem großen Dankeschön verpflichtet. Zu danken ist weiterhin den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen in diversen Bibliotheken und Archiven. Stellvertretend für diese Gruppe sei Herr Nikolas Braun vom Archiv des Bezirks Oberbayern in München genannt, der sich sehr engagiert mit meinen Wünschen auseinandersetzte und diese so weit als möglich erfüllte. Die Kommunikation und Zusammenarbeit mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern beim Schwabe Verlag funktionierte tadellos. Herzlich gedankt sei dafür Dr. Thomas Hirt, Harald S. Liehr und Ruth Vachek. Einen weiteren Dank schulde ich der Korrektorin Ricarda Berthold. Das Buch erscheint als erste Publikation in der neu gegründeten Reihe «Medical Humanities». Den Herausgeberinnen Prof. Dr. Dr. Mariacarla Gadebusch Bondio, Prof. Dr. Dr. Martina King, Prof. Dr. Susanne Michl und dem Herausgeber Prof. Dr. Vincent Barras danke ich für ihre Bereitschaft, mit meinem Buch die Veröffentlichungen der Reihe zu beginnen. Für die finanzielle Unterstützung bei der Drucklegung ist der Köhler-Stiftung in Essen zu danken, auf die mich Dr. Karl-Ulrich Gelberg vom Historischen Kolleg aufmerksam machte. Sie finanzierte einen Teil der Kosten. Das Hamburger Institut für Geschichte und Ethik der Medizin übernahm einen weiteren Teil der Druckkosten, wofür dem Direktor des Hamburger Instituts Prof. Dr. Philipp Osten ein herzlicher Dank gebührt. Hamburg / Berlin, im Juni 2021
Heinz-Peter Schmiedebach
1. Einleitung
Das vorliegende Buch setzt sich mit psychiatrischen Anstalten um 1900 auseinander und erzählt, was sich in ihnen und um sie herum zugetragen hat. Es werden dabei Psychiater, Patientinnen und Patienten, Psychiatriekritiker und -kritikerinnen, Personen aus dem Pflegebereich, Literaten und Autorinnen im unterschiedlichsten Zueinander zu Wort kommen. Das dabei Mitgeteilte konstituiert eine Art diskursiv produzierte Räume, die sich um die Irrenanstalt1 als eine zentrale Referenz entfalten. Diese Räume werden mit besonderen Wahrnehmungen gefüllt, die mit vielseitigen Bedeutungszuweisungen versehen waren. Dadurch werden neue Sinnzusammenhänge hergestellt und auch die Strukturen und die Grenzen dieser diskursiv produzierten Räume immer wieder verschoben. Ein kleiner Teil dieser Räume mit ihren besonderen wechselhaften Prozessen wird durch die vorliegende Arbeit erschlossen. Sie liefert also eine Reihe von historisch erfassten Facetten, kleinen Markierungen, die im weiten historischen Feld der Psychiatriegeschichte und der Sozial- und Kulturgeschichte der Irrenanstalten neue Konturen aufzuzeigen versuchen. Es geht nicht um eine systematisch durchkomponierte und unter einem einzigen Blickwinkel verfasste Geschichte der Irrenanstalt, der Psychiatrie, von Krankheitsbildern, der Nosologie oder gar des Wahnsinns, sondern eher um eine Assemblage, die das Thema Irrenanstalt mit Variationen zu gestalten versucht. Die Anstalt bietet die Orientierung als zentraler Knotenpunkt in einem Netzwerk von Ereignissen, Akteuren und Beziehungen. Sie wird unter verschiedensten Einflusskonstellationen betrachtet, mit denen sie sich auseinandersetzen musste, seien diese nun der Erste Weltkrieg, die Kritiken der Psychiatriereformer und -reformerinnen oder die Narrative von Literaten und Autorinnen. Spätestens mit dem Entstehen der Irrenanstalt als einer eigenen Institution im 18. und 19. Jahrhundert, die sich aus dem Konglomerat von Gefängnis und Arbeitshaus herausdifferenzierte, wurde die institutionelle Voraussetzung für ein umfassendes Ordnungsregime gegenüber den Irren geschaffen. Die Anstalt und ihre Ordnung wurden zum konstitutiven Element im Umgang mit den psychisch Auffallenden. Die in den verschiedenen Anstalten Europas in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Anwendung gebrachten Mittel, mit denen die Irren zur Zum Gebrauch der Begriffe Irrenanstalt und Irre siehe die Ausführungen im zweiten Teil der Einleitung. 1
10
1. Einleitung
Vernunft gebracht werden sollten, waren zunächst drastisch und eindrucksvoll. Sie demonstrierten auf gewaltsame und höchst einschränkende Weise den Kranken die psychiatrische Macht durch die Anstalt. Als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf der Basis einer medizinischen Verwissenschaftlichung der Psychiatrie diese drastischen Mittel zunehmend infrage gestellt und andere Methoden wie Medikamente, Betttherapie, Dauerbad und Arbeitstherapie die traditionellen Zwangsinstrumente ersetzten, galt dies vielen Zeitgenossen als Ausdruck einer modernen und humanen Psychiatrie. Diese Entwicklung, teilweise historisch als Fortschritt gefasst, andererseits zivilisationskritisch als Sozialdisziplinierung ausformuliert, verweist auf die Ambivalenzen der Moderne.2 Der Überwindung von Zwang und Barbarei, der Entwicklung hin zu Freiheit und Autonomie, standen im Zivilisationsprozess auch Zwänge einer neuer Qualität gegenüber, die über die Einhaltung von Normen durch zunehmende Kontrollen im Alltag wachte und Disziplinierung, bis hin zur Selbstdisziplinierung, durchsetzte.3 Die Orientierung an Durchschnittsnormen, die besonders auf dem Gebiet der Psychiatrie schwer zu formulieren waren und sind, entsprachen eher einem antiliberalen und am Lebensalltag der kleinbürgerlichen und bürgerlichen Schichten orientierten Habitus. Im psychiatrischen Alltag in den Anstalten führten sie auch nach Abschaffung der drastischen Zwangsinstrumente aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Einschränkung individueller Freiheiten und bekämpften eigensinnige Lebensentwürfe. Hier entfaltete nach wie vor die psychiatrische Ordnung der Anstalt eine Wirkungsmacht, nunmehr medizinisch legitimiert und gesellschaftlich am Funktionieren von Menschen in ausdifferenzierten Systemen orientiert. Einige der hier skizzierten Punkte sind bereits in Publikationen behandelt worden, die sehr unterschiedliche Aspekte der Thematik abdecken. Zwei Autoren, deren Bücher in den 1960er Jahren und später erschienen sind und trotz vieler Einwände lange Jahre hindurch und immer noch die Diskussion anregen, waren der Soziologe Erving Goffman und der Philosoph und Historiker Michel Foucault. Sie lieferten die Argumente, um mit einer bis dahin vielfach betriebenen Fortschrittsgeschichte oder unkritischen Institutionenhistorie zu brechen. Goffman subsumierte psychiatrische Anstalten gemeinsam mit vielen anderen Einrichtungen, wie Altersheime, Armenasyle, Zuchthäuser, Konzentrationslager, Kasernen, Klöster unter dem Begriff der totalen Institution. Zentrale Bedeutung bei diesem Konzept besitzen folgende Aspekte: Zwischen drinnen und draußen bestehen deutlich Grenzen, die mithilfe von Übergangsriten überschritten werden, und innerhalb der Institution existiert eine fundamentale Trennung zwischen den Insassen auf der einen Seite und dem Aufsichtspersonal auf der anderen. Es dominiert ein interner Antagonismus, der hierarchisch strukturiert ist. 2 3
Baumann 1992. Meier/Bernet/Dubach/Germann 2007, 25‒27.
1. Einleitung
Die Führung der Institution zielt auf den Verlust der «Identitätsausrüstung» der Insassen, was gleich bei der Aufnahme durch zahlreiche Demütigungsakte gegenüber den neu Aufgenommenen umgesetzt wird. Dennoch kann es dazu kommen, dass die Grenzen zwischen den beiden Gruppen überschritten werden und sich Gefühle zu Personen aus der anderen Gruppe entwickeln und ein «involvement cycle» entsteht.4 Auf die für das Aufsichtspersonal daraus erwachsende Gefahr einer Auflösung der klaren Grenzen zwischen den Gruppen reagieren Personen des Personals mit einem Rückzug, um die Konflikte mit den Kolleginnen und Kollegen zu vermeiden und die Aufgabe der Institution nicht zu gefährden. Zudem gibt es institutionelle Zeremonien, wie Feste oder die Produktion einer Anstaltszeitung, die den Insassen das Privileg verschaffen sollen, für einige Zeit in einem gleichberechtigten Milieu zu existieren.5 Auch wenn diese Grenzüberwindungen im Innern der Anstalt keine Zerstörungen der Stabilität und Funktion der Anstalt bewirken können, so sind dies kleine Erschütterungen der Ordnung, die den Insassen die Möglichkeit für Strategien einer Selbstermächtigung bieten können, wie z. B. die Vorbereitung einer Flucht und deren Durchführung. Michel Foucault bezeichnete 1961 in seinem Buch Histoire de la Folie die 1796 neu gegründete Anstalt der Quäker in York, das Retreat, wie die von Philippe Pinel initiierten Reformen, bei denen die Fesselung der Irren mit Ketten durch ein die Insassen vollständig beherrschendes Ordnungsregime ersetzt wurde, als neu geschaffene richterliche Amtsgewalten, die in letzter Instanz verurteilten und ihre eigenen Strafinstrumente besaßen. Der Irre sollte sich in einer Welt des Urteils erkennen, die ihn von allen Seiten immer umgibt und ihm bewusst macht, dass er auch ohne Ketten überwacht, beurteilt und verurteilt wird.6 Das Konzept und den Begriff der Institution allerdings, wie ihn Goffman ausformulierte, sah er als zu statisch an. Er favorisierte das Konzept des Machtdispositivs. Die psychiatrische Praxis der Internierung und Entmündigung kann damit als ein Aspekt von Machttechniken entziffert werden, die an soziale und politische Strukturen zurückgebunden sind. Mit der Entmündigung und Einweisung wird der Kranke durch einen Bruch mit der Familie ihren traditionellen Machtelementen, wie z. B. der Bestrafung durch den Vater, entzogen. Diese werden durch die Machttechniken der Anstalt ersetzt und die Insassen nach dem Prinzip des Panoptikons der permanenten Überwachung unterworfen. Dabei überträgt sich das Familienmodell in das Innere des Disziplinarsystems.7 Es bleibt aber die extreme Asymmetrie in der psychiatrischen Praxis und die uneingeschränkte Macht der Goffman 1961, 79. Ebd., 91‒95. 6 Foucault 1989 (1961), 524‒525. 7 Foucault 2015, 141–180. Neuere Studien zur Besuchspraxis in Irrenhäusern zeigen jedoch, dass zumindest in einzelnen Fällen eine größere Einbindung der Anstalten in gesellschaftliche Beziehungen bestand als bisher angenommen, siehe Miron 2009, 243‒266. 4 5
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12
1. Einleitung
internen Instanz bestehen. Mit der Internalisierung der professionellen Deutung, die sich in der Ordnung der Anstalt widerspiegelte, sollten die Kranken auf den Weg der Heilung gebracht werden. Sie hatten sich der Autorität des Psychiaters, der innerhalb der Klinik die gesellschaftliche Normalität vertrat und seine Macht durchsetzte, zu unterwerfen. Das Funktionieren dieser Administration des Alltags in den Anstalten war das Vorrangige, weit bedeutender als alle theoretischen Entwürfe der Psychiatrie. Nach wie vor aber existierte der Zwang zur Ordnung weiter und bestimmte die Maßnahmen der Psychiatrie und ihrer Institutionen.8 Diese beiden Autoren bildeten in der Folgezeit wichtige Bezugsgrößen in der Diskussion zu Psychiatrie und Wahnsinn. In der Auseinandersetzung mit ihnen, in Ablehnung oder Weiterentwicklung der grundlegenden Aussagen der beiden, erschienen in den 1970er Jahren zwei weitere Bücher. Der Soziologe Robert Castel zeigte die Metamorphose auf, wie soziale Probleme in technische Verwaltungsaufgaben überführt und diese zunehmend mit psychiatrischen Mitteln gelöst und von denen immer neue Varianten entwickelt wurden.9 Der Psychiater und Soziologe Klaus Dörner untersuchte in seinem sozialhistorischen und wissenschaftssoziologischen Buch Bürger und Irre, warum die bürgerlichen Gesellschaften in England, Frankreich und Deutschland im Zusammenhang mit der industriell-kapitalistischen Revolution die psychisch Kranken als Irre wahrnahmen. Er thematisierte die Dialektik der Aufklärung in der Untersuchung des Missverhältnisses von emanzipatorischem Anspruch und integrativer Wirkung der Psychiatrie, wobei die Irrenfrage als soziale Frage verstanden wurde.10 Wenn auch in den folgenden Jahren keineswegs alle Publikationen zum Thema Irrenanstalt diese inhaltlichen Impulse berücksichtigten, wie z. B. Dieter Jetters historische Typologie des Irrenhauses, die stark von den architektonischen Besonderheiten unterschiedlicher Zeiten bestimmt war,11 bereicherten bald sozialhistorische Betrachtungen der Anstalt die Diskussion. 1981 legte der Sozialhistoriker Andrew Scull am Beispiel der Entwicklung der Anstalten im England des 19. Jahrhunderts dar, wie die Anstalt nicht als ein unabweisbareres Epiphänomen von Urbanisierung und Industrialisierung entstand, sondern als ein zwiespältiges Resultat einer Auseinandersetzung zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, der Politik und Verwaltung.12 Der Historiker Dirk Blasius schilderte 1980 in seiner Sozialgeschichte des Irrenhauses, wie die bürokratische Überformung der Psychiatrie im 19. Jahrhundert und ihre Einbindung in das System staatlicher Sicherheitsinteressen zu einem «verwalteten Wahnsinn» und einem Abschieben der Betroffenen ins gesellschaftliche Abseits führten. Ein Kapitel des 8 9 10 11 12
Siehe den Titel des Buches Meier/Bernet/Dubach/Germann 2007. Castel 1983. Dörner 1975. Jetter 1981. Scull 1981; siehe auch Scull/Eghigian 2017.
Methodische Überlegungen
Buches handelt vom Irrenhaus im Spiegel von Irrenhausprozessen, bei denen es um ungerechtfertigte Internierungen, Entmündigungen und Misshandlungen ging, die den Weg über Gerichtsprozesse in die Öffentlichkeit fanden.13 Öffentliche Auseinandersetzungen zwischen Irrenrechtsreformern und -reformerinnen und Psychiatern sowie Narrative von Autorinnen und Literaten über Irrenanstalten werden auch einen Großteil des vorliegenden Buches ausmachen. Seit den 1980er Jahren wurden verschiedene Arbeiten publiziert, die zeigten, dass Kategorien wie «uneingeschränkte Macht» oder «totale Institution» zu kurz greifen. Goffman und Foucault haben mit ihren Arbeiten und ihrer speziellen Fokussierung zentrale Argumente entwickelt, die auch die heutige Debatte zur psychiatrischen Versorgung noch immer zu Recht beeinflussen. Man sollte deswegen die Arbeiten und Argumente von Goffman und Foucault nicht einfach über Bord werfen, sondern den Blick auf andere Zusammenhänge lenken und neue Perspektiven sichtbar machen. Psychiatrische Anstalten bestehen z. B. aus sehr unterschiedlichen Abteilungen mit recht unterschiedlichen Alltagsbedingungen. Die Anstalten öffneten sich teilweise im Rahmen von sozialpsychiatrischen Ansätzen schon im 19. Jahrhundert nach außen, wie das Beispiel der Familienpflege zeigt, also der Betreuung von Kranken außerhalb der eigentlichen Anstalt. Auch die Patientinnen und Patienten entwickelten verschiedenste Aktivitäten, die als Ausdruck einer eigensinnigen Bemächtigung von Teilen der Anstalt angesehen werden können. Abgesehen von vielen Mikrostudien zu Struktur und Alltag einzelner Anstalten wurden u. a. Patientenakten über mehrere Jahrzehnte umfassend ausgewertet, Fragen der Legitimation und Kritik der modernen Anstaltspsychiatrie abgehandelt, die Darstellung von Patientinnen und Patienten durch Porträtfotos, oder Beziehungsgeflechte in Irrenanstalten analysiert.14
Methodische Überlegungen Im Folgenden werden Irrenanstalten in einem Spannungsfeld untersucht, in dem einerseits die Anstalt als Einrichtung zur Durchsetzung von verschiedenartigen Ordnungen fungiert, andererseits aber die Anstalt als ein Organismus erscheint, der zu Reaktionen gezwungen wird. Dieses Reagieren ist Folge des Umstands, dass die Einrichtung mit verschiedenen Ereignissen wie auch sehr differenten Wahrnehmungen, Kritiken, Deutungen und varianten Sinnzuweisungen sowohl von innen wie von außen konfrontiert wird, die sich überlagern und widersprechen können. Blasius 1980, 124‒141. Z. B. Beddies/Dörries 1999; Fangerau/Nolte 2006; Bömelburg 2007; Pfau 2008; Braun 2009. Andere Arbeiten, die an dieser Stelle nicht erwähnt werden, kommen ausführlich im Text an den entsprechenden Stellen zur Diskussion. 13 14
13
14
1. Einleitung
Die Heterogenität der Phänomene, die in dieser Arbeit zur Diskussion stehen, verlangt methodische Überlegungen, die dieser Vielfalt gerecht werden. Es erscheint zunächst naheliegend, die Anstalt als ein epistemisches Objekt zu betrachten. In der Wissenschaftsgeschichte und -theorie finden Dinge vor allem auf dem Weg über die Frage nach der Konstruktion wissenschaftlicher Erkenntnis ihren Weg in die Forschung. Hans-Jörg Rheinberger schuf mit dem Konzept des Experimentalsystems, in dem durch «differentielle Reproduktion» die materiellen Bedeutungsstränge des Wissens hergestellt werden, einen fruchtbaren Ansatz, um die Besonderheiten des im Zentrum der Laborforschung stehenden Erkenntnisobjekts und die damit verbundenen Dynamiken zu erfassen. Epistemische Dinge können auch Strukturen, Reaktionen und Funktionen sein. «Als epistemisch präsentieren sich diese Dinge in einer für sie charakteristischen, irreduziblen Verschwommenheit und Vagheit.»15 Sie verkörpern also das, was man noch nicht weiß. Der Ansatz Rheinbergers bezieht sich zwar in erster Linie auf die Forschung im Labor, hat aber auch die Herangehensweise an die Themen dieses Buches angeregt. Die Anstalt ist zwar als epistemisches Ding nicht in ein Experimentalsystem integriert, aber für die vorliegende Studie wird die in der bisherigen Forschung vermittelte Klarheit über die Anstalt für einen Moment zurückgestellt und eine gewisse Vagheit angenommen. Durch diese Denkvoraussetzung kann auch hinsichtlich der Anstalt nach etwas gesucht werden, was man noch nicht weiß. Dies erfolgt mittels differentieller Perspektiven, die immer wieder neue Aspekte zur Anstalt beleuchten und diese in einem zweiten Schritt mit dem bekannten Wissen kritisch zusammenführen. Neben dieser Anregung erzeugten auch andere Forschungen aus der Wissenschaftsgeschichte und -theorie für diese Studie produktive Resonanzen. In dem von Lorraine Daston mit verfassten und herausgegebenen Sammelband Things that talk von 2004 wird dargelegt, wie Dinge in ihren Entstehungs-, Nutzungs- oder Wirkungskontexten brauchbar für die wissenschaftshistorische Betrachtung sind, weil sie eine bestimmte Art zu denken evozieren und weil Dinge durch das, was sie sind, wie auch durch das, was sie bedeuten, kommunizieren.16 Diese Nutzungs- und Wirkungskontexte der Anstalten werden in ihren historisch greifbaren Bedeutungsund Kommunikationswirkungen in der vorliegenden Arbeit an verschiedenen Stellen angesprochen, wie z. B. bei den Kriegslazaretten oder in der literarischen Gestaltung bestimmter Bilder von der Anstalt. Schließlich ist noch der Soziologe Bruno Latour und die 1996 formulierte Actor-Network-Theory (ANT) zu nennen. Latour sieht Dinge und Menschen in einem Netzwerk verbunden und spricht den Dingen zu, in Handlungsabläufe einzugreifen.17 Dies wird verschiedentlich hinterfragt. So kritisiert der Ethnologe Hans Peter Hahn, dass die starke Meta15 16 17
Rheinberger 2001, 24. Daston, 2004, 9–24. Latour 1996.
Methodische Überlegungen
pher des Netzwerks eine Stabilität in der Mensch-Ding-Beziehung suggeriere, die in dieser Form nicht existiere.18 Alle drei Konzepte aber sind für die folgenden Ausführungen als Anregungen von Bedeutung. Es geht in dem Buch jedoch nicht darum, diese Theorien anhand eines neuen Gegenstands und besonderer empirischer Daten nun en detail zu überprüfen, ihre Tragfähigkeit zu erörtern oder gar Modifikationen und neue Theorien zu entwickeln. Es ist festzuhalten, dass wesentliche Denkvoraussetzungen für die Gestaltung dieser Arbeit, so die Annahme eines eher vagen Wissens über die Anstalt, ihre Berücksichtigung als Bedeutungsund Kommunikationselement und ihre Verortung in einem Netzwerk, in dem sie auch in Handlungsabläufe eingreifen kann, durch diese Theorien beeinflusst wurden. So wird z. B. besonders in den Kapiteln zum Ersten Weltkrieg und den Irrenrechtsbroschüren deutlich, wie die Anstalt als Akteurin auf zahlreiche neu auftretende Bedingungen, wie etwa die Einberufung des männlichen Pflegepersonals zum Waffendienst schnell reagieren muss und ihre internen Ordnungsregularien den neuen Gegebenheiten anpasste und dabei die psychiatrische Ordnung in der Anstalt neu strukturierte, was wiederum neue Kommunikationszusammenhänge herstellte, wie z. B. Debatten in den entsprechenden Regionalparlamenten. Den Begriff der psychiatrischen Ordnung, «l’ordre psychiatrique», machte 1976 Robert Castel zum Titel seines Buches über das Irrenwesen.19 Dieser Begriff kennzeichnet ein umfassendes Ensemble von institutionellen, gesetzgeberischen, kommunikativen, sozialen, politischen und medizinisch-wissenschaftlichen Kontexten. Deren Zusammenspiel soll den Umgang einer modernen Gesellschaft mit Personen regulieren und realisieren, die aufgrund bestimmter sozialer und psychischer Auffälligkeiten nach Meinung von Angehörigen, Nachbarn, Verwaltung und Behörden Normen verletzen und aus dem Alltag herausfallen. Moderne Gesellschaften wiesen der Medizin und der im 19. Jahrhundert entstehenden wissenschaftlichen Psychiatrie eine besondere Kompetenz zu, entsprechende Ordnungskonzepte aufgrund ihrer wissenschaftlichen Expertise zu entwickeln. Diese Ordnungen sollten das Leben der betroffenen Personen und das Zusammenleben mit den anderen Gruppen der Gesellschaft regulieren. Die Ziele der Ordnungen und ihre konkrete Ausgestaltung haben sich in den letzten zweihundert Jahren immer wieder geändert und verschoben, abhängig von politischen und sozialen Voraussetzungen, wissenschaftlich-psychiatrischen Erkenntnissen und den Haltungen gesellschaftlicher Gruppen zu den marginalisierten und exkludierten Personen. In den Erörterungen zur psychiatrischen Ordnung erlaubt die Betrachtung der Irrenanstalt als zentraler Bezugspunkt eine zweifache Perspektivierung. Die Anstalt als realer Ort erlaubt es erstens, Praktiken und Personen besonders prägnant zu erfassen. Die Anstalt als Konzept, Narrativ und Vorstellung eröffnet 18 19
Hahn 2015, 27. Castel 1983.
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zweitens einen eigenen Raum und kann zum Fluchtpunkt für Diskurse, Bedeutungszuweisungen und Möglichkeitserörterungen werden. Die Stabilisierungen oder Destabilisierungen der psychiatrischen Ordnung werden im Folgenden vorrangig im Hinblick auf die einzelnen konkreten Veränderungen der Anstalt sowie hinsichtlich des diskursiven Kontextes, der sich um die Irrenanstalt entfaltet, erörtert. Die unter diesen Voraussetzungen erkennbaren sehr differenten Bilder der Irrenanstalt fanden zu einem großen Teil Resonanzen in der medialen zeitgenössischen Öffentlichkeit und in der literarischen und künstlerischen Szene, die Vorstellungen von Irrenanstalten neu gestaltete. Hinzu kam ein Spektrum sehr unterschiedlicher Aktivitäten seitens der Patienten und Patientinnen, von denen zum Beispiel die Erstellung von Broschüren, die Psychiater und Anstalten kritisieren, nur eine ausmachte. Die Anstalt zeigte sich als eingebunden in ein Netzwerk, das die vielfältigen Binnenstrukturen innerhalb der Anstalt mit den sozialen, politischen und kulturellen Vernetzungen außerhalb umfasste. Die Anstalt entfaltete Wirkmächtigkeiten, sie musste reagieren. Sie stieß ab und zog an, sie transformierte sich, änderte ihr Image, sie provozierte zu Handlungen und bot sich als Projektionsobjekt an. Sie war Kristallisationspunkt, sie war dramatisches Sujet. Sie lieferte ein changierendes Bild, in dem sie auch als Akteurin an Kontur gewann. Die mit der Anstalt verbundenen Handelnden in und außerhalb der Anstalt agierten mit expliziten Intentionen, doch gestaltete sich das Ergebnis dieser Aktivitäten oft als neues Ensemble von Arrangements, das weit über das intendierte enge Ziel hinausreichen konnte. Die Anstalt war also ein Objekt, das einen hohen Widerstand gegen eine einfache Klassifizierung aufwies, allein schon wegen der extremen Unterschiedlichkeit von Anstaltstypen, der differenten Abteilungen mit ihren Funktionen und der sehr andersartigen Lebensbedingungen in verschiedenen Anstalten. Zudem gestalteten das literarische Narrativ oder eine Theateraufführung die Anstalt in einer besonderen Weise. Diese Narrative mit ihren anderen Bedeutungszuweisungen verweisen auf eine besondere Dimension in der historischen Erschließung der Anstalt. Ein methodisches Instrumentarium muss also eine erweiterte Sichtweise besitzen, um diese unterschiedlichen Facetten, die sich im Spannungsfeld von Alltagspraxis und narrativer Gestaltung entfalten, erfassen zu können. Dazu wird im Folgenden auf sozial- und kulturhistorische Überlegungen zurückgegriffen. Doch verlangt der schillernde Begriff der Kulturhistorie im Kontext der Medizin- und Psychiatriegeschichte noch einige verortende Ausführungen. Man könnte meinen, dass diese methodische Näherung eine Reminiszenz an den sogenannten Cultural Turn sei, der vor einigen Jahrzehnten jedem, der davon hörte, einen Begriff an die Hand gab, mit dem man sein wissenschaftliches Selbstverständnis nach dieser oder jener Seite hin ausweisen konnte. Allerdings trug dieser Turn-Terminus in keiner Weise dem Umstand Rechnung, dass schon viele Jahrzehnte vor der Erfindung des griffigen Begriffs inhaltliche und methodi-
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sche Ansätze erörtert und in Anwendung gekommen waren, die als kulturhistorische zu bezeichnen sind.20 Der Historiker Peter Burke hat für die Herausbildung der Kulturgeschichte vier Phasen abgegrenzt, von der die erste bereits um 1800 begann und erst die vierte und letzte als Neue Kulturgeschichte21 die häufig mit der Turn-Benennung erfasste Phase meint. Doch täuscht dieser Terminus auch darüber hinweg, dass die Frage, was Kultur und Kulturwissenschaften eigentlich sind, kaum scharf zu beantworten ist, wie immer wieder betont wird. So konstatierten auch die beiden Medizinhistoriker Hans-Georg Hofer und Lutz Sauerteig in einem 2007 erschienen Aufsatz, dass sich diese Frage in einem für die Medizingeschichte verbindlichen Sinn nicht beantworten lasse. In Übereinstimmung mit zahlreichen anderen Autoren und Autorinnen plädieren sie für einen offenen Kulturbegriff. Die Kulturwissenschaften betonen solcherart «das Wandelbare, Variable, Formbare und Kontingente; sie fragen nach Bedeutungen, nach Werten und Symbolen, interessieren sich für Sinnstiftungsleistungen und Deutungsangebote, die sich zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt als wirkmächtig erwiesen haben.»22 In Anbetracht der Schwierigkeit bei der Konturierung eines für die Forschung allgemein verbindlichen Kulturbegriffs verweisen die Autoren darauf, dass eine Vielzahl von Themenbereichen der Medizingeschichte mit Bezug auf «unterschiedliche Kulturbegriffe» bearbeitet worden sei oder sich zu Bearbeitung anböten. Wegweisend seien die Medical Anthropology, Postcolonial Studies, Cross-Cultural-Studies, wie auch der internationale Vergleich und der interkulturelle Transfer. Zentrale Aufgabe der Kulturgeschichte der Medizin sei die produktive Destabilisierung und Dynamisierung des Begriffs der Medizin, wobei die Kulturgeschichte der Medizin ihren Gegenstand radikal entgrenze. Es gehe also um etwas viel Ausgreifenderes und Umfassenderes als bisher gedacht; etwas, das die Lebenswelt von Menschen und die Subjektivierung andauernd berührt und beschäftigt, etwas, das überall präsent und prägend ist.23 Wissenschaft und Medizin wie auch Gesellschaft und Kontext sind durch den Austausch von symbolischen Ausdrucksformen, wie etwa Metaphern, gekennzeichnet. So lassen sich Kategorien des Innen (Wissenschaft) und Außen (Kontext), die als Entitäten für sich stehen, überwinden und Korrelationen, also Prozesse der wechselseitigen Einflussnahme, die sich als hybride Konstellationen zeigen, nachzeichnen.24 Der mit einer (produktiven) Unschärfe ausgestattete Kulturbegriff soll also die traditionell in der historischen Analyse vorausgesetzte Entität der Medizin, des medizinischen Wissens und der medizinischen Praxis auflösen und als ein dynamisch eingebundener Bestandteil des kompliziert wech20 21 22 23 24
Vgl. Schmiedebach 2018. Burke 2005, 15; Maurer 2005, 281–304; Dinges 2002b, 179–192. Hofer/Sauerteig 2007, 109. Ebd., 116–117. Ebd., 115–116.
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selseitig zusammenwirkenden Ensembles erfassen. Die Infragestellung einer eigenen festgefügten Entität Irrenanstalt bildet im Folgenden eine Grundlage des Versuchs, möglichst viele unterschiedliche Perspektiven vorzustellen. Ohne Frage werden in Anbetracht der unscharfen Grenzen des Kulturbegriffs Inhalte und Methoden unter dieses Konzept subsumiert, die auch an anderer Stelle hätten verortet werden können. Manche in der Tradition der Kulturgeschichte stehenden Themen werden heute keineswegs ausschließlich unter dem Etikett der Kulturgeschichte angeboten, wie dies u. a. Peter Burke und die Historikerin Ute Daniel feststellten.25 In den 1920er Jahren wurde verschiedentlich das Soziale mit dem Kulturellen und Soziologie mit Kulturwissenschaft gleichgesetzt.26 Der Sozialhistoriker Martin Dinges machte 1997 in der Verbindung von Sozialgeschichte und Kulturgeschichte den Begriff der «Alltagskulturgeschichte» stark. Der Alltagsbegriff erfasse das alltägliche Handeln des Individuums, welches Teil der gesamten Kulturproduktion ist. Er verweist auf Brüche und Schattierungen, die Kultur durch sozial, ökonomisch und politisch unterschiedliche Interessenlagen erhält, die sich für verschiedene soziale Gruppen ergeben. Um Kulturgeschichte mit der Sozialgeschichte zu verbinden, rekurriert er auf das «Verhaltens- und Lebensstilkonzept»27. Damit könnten strukturgeschichtliche und handlungstheoretische Zugänge zur Geschichte in einem Forschungsparadigma vereint werden. Der Ansatz wird also der doppelten Wirkmächtigkeit von Handlung und Struktur gerecht. So können Veränderungen unter strukturellen und institutionellen Aspekten mit einer Analyse der Verwendung von kulturellen Codes sowie der Gestaltung performativer Kommunikationsformen fruchtbar verknüpft werden.28 Auch diese Anregung bestimmt die folgenden Darlegungen. Die in der international stark ausdifferenzierten Fächerlandschaft bestehende Methoden- und Ideenreichhaltigkeit schafft zwar einerseits eine neue Unübersichtlichkeit, ermöglicht aber andererseits eine Annäherung an medizinhistorische Themen mit dem Ziel, traditionelle thematische Entitäten aufzulösen und die vielfältige Verwurzelung der Heilkunde in Praktiken, Glaubenssätzen und anderen kulturellen Faktoren zu erfassen. Damit werden neue Sinnzusammenhänge eröffnet, nicht zuletzt auch die Medizin selbst in ihren kulturellen und zeitbeBurke 2005, 11; Daniel 2001, 216. Ostwald 1927/28, 9. 27 Dinges 1997, 196. 28 Die Diskussion des kulturhistorischen Ansatzes in der Medizin und Medizingeschichte hat mittlerweile nachhaltig Resonanz erfahren und wirft auch die Frage auf, ob nicht die Medizin selbst als eine Kulturwissenschaft betrachtet werden kann. Der Medizinhistoriker Volker Roelcke kommt zu dem Ergebnis, dass die Medizin als Wissenschaft heute neben der Natur des Menschen gerade auch die Kultur zum Gegenstand hat, wobei sie gleichzeitig selbst ein konstitutiver Teil der Kultur ist. Weil aber Kultur kein relevanter Gegenstand von medizinischen Forschungsbemühungen oder medizinischem Unterricht ist, sei die Medizin eine «kulturell desinteressierte Kulturwissenschaft». Roelcke 2003, 106–130. 25
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dingten Formungen zum Feld kritischer Reflexion. Ein überzeugendes Beispiel, das auch die Irrenanstalt berücksichtigt, bietet die medien- und kulturhistorische Studie der Kulturwissenschaftlerin Céline Kaiser. Sie analysiert szenische Praktiken, die einen therapeutischen Raum bestimmen. In diesem Zusammenspiel von szenischen Praktiken und Raumbestimmung werden die Begegnungen der Akteure strukturiert und Interventionen im therapeutischen Prozess eingesetzt.29 An Beispielen für die fruchtbringende Gestaltung dieses Ansatzes fehlt es also nicht. Die Erweiterung der Sicht durch kulturwissenschaftliche Perspektiven ist konzeptionell sehr stark mit der materiellen Kulturforschung verbunden.30 Ein Konzept, das die vielfältige Qualität und die zeitliche Veränderlichkeit von Objekten zu ihrem Erkenntnisinteresse bestimmt, wurde unter anderem von Hans Peter Hahn entwickelt, der hierfür den Begriff vom Eigensinn der Dinge geprägt hat. Er bringt damit zum Ausdruck, dass Dinge nicht stabil, dagegen ihre Bedeutungen immer von ihrem Kontext und ihrer Betrachtungsperspektive abhängig sind. Dinge sind mehr als sie auf den ersten Blick zu sein scheinen. Sie zeigen einen Reichtum an Eigenschaften, der auch Widersprüche enthält.31 Hierzu liegen verschiedene neuere Arbeiten aus der Psychiatrie- und Anstaltsgeschichte vor. So besaßen z. B. in der 2009 publizierten Studie der Medizin- und Kulturhistorikerin Monika Ankele mit ihrem diskursanalytischen und praxistheoretischen Ansatz die besonderen Praktiken der Patientinnen in verschiedenen Anstalten und ihre dabei u. a. produzierten textilen Arbeiten im Hinblick auf die Analyse der Handlungsweisen des Augenblicks eine herausgehobene Bedeutung. Ihre Arbeiten zur Funktion von Bett und Bad in den psychiatrischen Therapien und den Anstalten entwickelten diesen Ansatz weiter.32 Weitere Arbeiten zu den materiellen Kulturen in der Psychiatrie von Katrin Luchsinger, Martina Wernli, Monika Ankele und Benoît Majerus sind kürzlich erschienen.33 Die oben skizzierten kulturhistorischen Arbeiten haben auch die vorliegende Darstellung geprägt, indem sie eine Art Referenzraum konstituieren, in dem sich einzelne Analyseschritte verorten lassen. Der zu untersuchende Gegenstand kann konkret unter verschiedenen Perspektiven betrachtet werden. Mit der kontextuellen Perspektive werden die Beziehungen der Anstalt zu bestimmten sozialen und professionellen Gruppen innerhalb als auch außerhalb der Einrichtung erschlossen. Aber auch Faktoren wie der Erste Weltkrieg mit den Reaktionen der Anstalt auf die plötzlich eintretende Lage werden in den Blick genommen. Die funktionelle Perspektive fragt in einem breiteren gesellschaftlichen Sinn nach den 29 30
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Kaiser 2019. Diese Überlegungen wurden von einem Manuskript von Asschenfeldt/Eßler 2019 angeHahn 2015, 39. Ankele 2009; Ankele 2019. Luchsinger 2016; Wernli 2019; Ankele/Majerus 2020; Majerus/Eghigian 2017.
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