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Ökonomien botanischen Wissens

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Davina Benkert studierte an den Universitäten Basel und Cambridge Geschichte und Slavistik und promovierte 2017 in Basel. Aktuell ist sie am Europainstitut der Universität Basel tätig.

www.schwabe.ch

DAVINA BENKERT

Die Entdeckung des amerikanischen Kontinents im 16. Jahrhundert ging einher mit der Erkundung einer neuen botanischen Welt. Die Erforschung neuer Pflanzen liess in Europa das Interesse an Botanik erstarken und machte diese am Ende des Jahrhunderts zur Leitdisziplin. Dieser Band untersucht Strategien und Praktiken von Basler Gelehrten und Apothekern im Umgang mit botanischem Wissen und seiner Erzeugung. Die Autorin zeigt, wie die Beschäftigung mit der exotischen wie auch mit der lokalen Flora in Basel einen Boom auslöste und zu einer neuen Art der botanischen Kennerschaft führte. Diese machte die Basler Botanik weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Anhand eines vielfältigen Quellenbestandes zeichnet das Buch ein differenziertes Bild des botanischen Basels um 1600.

ÖKONOMIEN BOTANISCHEN WISSENS

ÖKONOMIEN BOTANISCHEN WISSENS

BBG

188

BASLER BEITRÄGE ZUR GESCHICHTSWISSENSCHAFT

BASLER BEITRÄGE ZUR GESCHICHTSWISSENSCHAFT

188

DAVINA BENKERT

ÖKONOMIEN BOTANISCHEN WISSENS Praktiken der Gelehrsamkeit in Basel um 1600


Basler Beiträge zur Geschichtswissenschaft

Begründet von E. Bonjour, W. Kaegi, F. Staehelin Weitergeführt von F. Graus, K. v. Greyerz, H. R. Guggisberg, H. Haumann, G. Kreis, H. Lüthy, M. Mattmüller, W. Meyer, J. Mooser, A. v. Müller, M. Schaffner und R. Wecker Herausgegeben von C. Arni, S. Burghartz, L. Burkart, M. Lengwiler, C. Opitz-Belakhal, J. Rüdiger, F. B. Schenk und J. Tischler

Band 188


Davina Benkert

Ă–konomien botanischen Wissens Praktiken der Gelehrsamkeit in Basel um 1600

Schwabe Verlag


Die Autorin bedankt sich für Beiträge an die Druckkosten bei: Christine Bonjour-Stiftung Werenfels-Fonds der Freiwilligen Akademischen Gesellschaft Basel Max Geldner-Fonds

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2020 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Abbildung Umschlag: Stammbuch von Emanuel Ryhiner: Eintrag von Matthias Colomann. Apotheker in der Offizin. Pharmaziemuseum der Universität Basel (Cod. V1895) Korrektorat: Trude Trunk, Berlin Umschlaggestaltung: icona basel gmbh, Basel Layout: icona basel gmbh, Basel Satz: 3w+p, Rimpar Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7965-4073-8 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-4155-1 DOI 10.24894/978-3-7965-4155-1 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch


Inhalt

Dank . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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1. Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Perspektiven – Felder – Zugänge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Basel – Botanik – Wissen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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2. Die Stadt Basel um 1600 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

41

Bevölkerungsentwicklung und Sozialstruktur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

41

Politische Situation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

45

Handel und Wirtschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

49

Die Universität Basel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Die medizinische Fakultät . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Felix Platter und Caspar Bauhin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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3. Das Herbarium als wissenschaftliches Instrument und Repräsentationsobjekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Wissenssysteme: Pflanzen klassifizieren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

70

Das Herbarium als soziale Praxis: Der Institutionelle Kontext . . . . . . . .

78

«Curious» plants und begehrenswerte Bilder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

86

Nachleben: Fokus auf Vergangenheit und Gegenwart . . . . . . . . . . . . . . .

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6

Inhalt

4. Freundschaft und Geschenke: Kommunikation als Beziehungsarbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Pona, Beli und Colonna . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103 Phatische Kommunikation in Briefen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108 Freundschaft als Topos der Beziehungspflege . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 Geschenke als Instrumente der Beziehungspflege . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116 Geschenke zur Herstellung von Verbindlichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119 Uneingelöste Beziehungsarbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124 Bauhins wissenschaftliches Begehren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129 Qualitäten von Beziehungsarbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133 5. Kommunikationsbedürfnis versus Übermittlungsproblem: Aufschreibepraktiken zur Sicherung von Kommunikation . . . . . . 137

Methoden, Briefkorpus und Quellenbeschreibung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143 Aufschreibepraktiken zur Sicherung von Kommunikation . . . . . . . . . . . 153 Der Briefverkehr von und nach Basel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165 «… in balle di merce» – Paketversand von Verona nach Basel . . . . . . . . 177 6. Wissen und Wissensorganisation als Modi der Autorisierung . . 187

Der Bezoar – Forschungslage und Objektgeschichte . . . . . . . . . . . . . . . . 191 Ordnung der Informationsflut: Loci zur Sortierung und Platzierung von Wissen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 194 Erfahrungswissen und «expert witnesses» – Bezoare in der Praxis . . . . . 206 Medizin im Dienste des Ansehens der Universität . . . . . . . . . . . . . . . . . . 212 Caspar Bauhin: Gelehrter, Arzt, Experte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 220


Inhalt

7. Kunstfertigkeit und Kenntnisreichtum: Positionierungsstrategien Basler Apotheker . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223

Kontext: Basler Apotheker und ihre Konkurrenten . . . . . . . . . . . . . . . . . 229 Selbstverständnis und Reflexion – Basler Apotheker als Berufsgruppe . . 242 Das Stammbuch als Mittel zur sozialen Positionierung . . . . . . . . . . . . . . 253 Kunstfertigkeit und Kenntnisreichtum als Programm . . . . . . . . . . . . . . . 295 8. Fazit: Ökonomien botanischen Wissens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 297 Quellen- und Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 305

Ungedruckte Quellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 305 Gedruckte Quellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 306 Quelleneditionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 308 Sekundärliteratur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 308 Nachschlagewerke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 336 Abbildungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 337 Verzeichnis der Tabellen und Grafiken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 339 Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 341 Orts- und Sachregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 345

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Dank

Die vorliegende Arbeit wurde im Juni 2017 von der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität als Dissertation im Fach Geschichte angenommen. Diesem Zeitpunkt vorangegangen waren mehrere Jahre intensiver Forschungs- und Schreibarbeit. Begleitet hat diese Arbeit vom ersten, kleinen Keimling bis zum ausgewachsenen Buch Susanna Burghartz. Ihr gebührt mein grösster Dank. Sie hat mich als Erstbetreuerin stets gefördert und gefordert und der Arbeit durch pointierte Nachfragen immer wieder wichtige Impulse gegeben. Die Basel Graduate School of History förderte das Projekt in der ersten Phase mit einem Startstipendium, das die Ausarbeitung eines ersten Konzepts ermöglichte und meinem Projekt mit dem Arbeitsplatz an der Kanonengasse auch eine physische Heimat unter Gleichgesinnten gab, die wesentlich zum guten Gelingen der Dissertation beitrug. Später unterstützte die BGSH einen sechsmonatigen Forschungsaufenthalt an der Universität Cambridge, der die Arbeit um wesentliche Aspekte bereicherte. An dieser Stelle möchte ich Ulinka Rublack herzlich danken, die mich an die Faculty of History der Universität Cambridge einlud und herzlich in ihre Forschungsgruppe aufnahm. Die Gespräche mit ihr, wie auch mit Christian Kühner, Victoria Bartels, Regine Maritz, Sophie Pitman und Katy Stapleton-Bond habe ich ausserordentlich geschätzt. Die Anstellung im Rahmen des vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten ProDocs Sites of Mediation. Europäische Verflechtungsgeschichte 1350–1650 ermöglichte es mir, die Dissertation unter optimalen Bedingungen zu verfassen. Den Leitern des ProDocs, Susanna Burghartz, Lukas Burkart, der einwilligte, das Koreferat meiner Arbeit zu übernehmen, und Christine Göttler sowie allen Mitgliedern sei für die anregende gemeinsame Arbeit ein herzlicher Dank ausgesprochen. Ganz besonders möchte ich Maike Christadler, der Koordinatorin des ProDoc danken, die mir in der letzten


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Dank

Phase des Projekts eine unermüdliche Gesprächspartnerin war. Franziska Hilfiker, Stefanie Wyssenbach und Sonia Calvi danke ich für die stete Freundschaft und Unterstützung in jenen Stunden, da das Projekt zu verdorren oder in der Flut von Quellenmaterial unterzugehen schien. Der Handschriftenabteilung der Universitätsbibliothek Basel und dem Staatsarchiv Basel danke ich für die grosszügige Bereitstellung von Quellen und Martin Kluge vom Pharmaziemuseum der Universität Basel für die Möglichkeit, mit den beiden Apotheker-Stammbüchern aus der Sammlung des Museums zu arbeiten. Schliesslich gebührt ein grosser Dank dem Herausgebergremium der Basler Beiträge zur Geschichte, die das Manuskript in ihre Reihe aufgenommen haben, und Thomas Hirt, Annina Clavadetscher und dem Schwabe Verlag, die das Manuskript zu einem Buch haben werden lassen. Für Beiträge an die Druckkosten danke ich der Christine Bonjour-Stiftung, dem Werenfels-Fonds der Freiwilligen Akademischen Gesellschaft Basel und dem Max Geldner-Fonds.


1. Einleitung

Wissen ist eine zentrale Kategorie für die Konstituierung europäischer, aber auch globaler Metropolen in der Frühen Neuzeit. Solche Städte können in Verwendung des Begriffs von Antonella Romano und Stéphane van Damme als «world cities», als Stützpunkte für die Sammlung und Verbreitung von Wissen beschrieben werden. «World cities» waren also Städte, in denen die Verquickung von globalen Handelsströmen mit einer grossen Konzentration von Objekten und an gewissen Themen interessierten Personen zu einem dynamischen, sich gegenseitig befruchtenden Umgang mit Wissen führte.1 In Amsterdam und London weckten Reisende, die aus Übersee zurückkehrten, mit ihren Erzählungen und mitgebrachten Objekten Interesse für die neue Welt, ihre Flora und Fauna.2 In Basel ist um 1600 in der Auseinandersetzung mit Botanik eine grosse Dynamik erkennbar, die weit nach Europa ausstrahlte. Basel war weder in Bezug auf die Handelsströme noch auf die Grösse der Bevölkerung vergleichbar mit London oder Amsterdam. Doch sind in der Dynamik, Vielfalt und Aktualität des produzierten Wissens über Pflanzen für die damalige Zeit Charakteristiken einer «world city» erkennbar. Spezifische lokale Faktoren und lokale Interessen in Bezug auf botanisches Wissen im Zeitraum zwischen den 1570er und 1620er Jahren standen in einem produktiven Spannungsverhältnis zu globalen Entwicklungen in der Botanik im Speziellen und in der Wissensgenerierung und -verarbeitung im Allgemeinen. Um diesem Spannungsverhältnis näher zu kommen, sind einige zentrale

Romano, Antonella/van Damme, Stéphane: «Science and World Cities», in: Itinerario 33/1, 2009, S. 79–96. 2 Siehe z. B. Cook, Harold J.: Matters of Exchange: Commerce, Medicine, and Science in the Dutch Golden Age, New Haven 2007 und Harkness, Deborah E.: The Jewel House: Elizabethan London and the Scientific Revolution, New Haven 2007. 1


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1. Einleitung

Fragen zu beantworten: Inwiefern und auf welche Art nehmen Akteure in Basel über ihre Praktiken als Gelehrte Teil an einer europäischen, ja globalen Beschäftigung mit Botanik? Welche Impulse werden aufgenommen, welche ausgestrahlt? Welche europäischen, aber auch innerstädtischen und interregionalen Verflechtungen werden durch die Aneignung, Produktion und Distribution von Wissen, also durch Ökonomien botanischen Wissens, in Basel sichtbar?3 Die Stadt Basel war seit dem Mittelalter Ausgangspunkt eines weiten Handelsnetzes, das in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts unter anderem durch den Zuzug von Händlerfamilien, die aus konfessionellen Gründen Italien oder Frankreich verlassen hatten, einen Aufschwung erfuhr. In der faceto-face Gesellschaft Basels, die Bevölkerungszahl schwankte im Untersuchungszeitraum um die 10’000 Personen, gehörten Händler und Gelehrte zur selben gesellschaftlichen Elite, waren miteinander verwandt oder verschwägert, so dass Gelehrte für die Übermittlung von Nachrichten, Briefen oder Gegenständen auf diese Handelsnetzwerke direkt zugreifen konnten.4 Zudem entwickelte sich im Verlauf des 16. Jahrhunderts der Buchdruck zu einem wichtigen Bestandteil der Basler Wirtschaft. Dadurch bot die Anwesenheit zahlreicher hochqualifizierter Drucker den lokalen Gelehrten die Möglichkeit, ihre Werke qualitativ hochwertig verlegen zu lassen und über die weit gespannten Vertriebskanäle der Drucker und der Gelehrten selber verbreiten zu lassen. Dieselben Kanäle ermöglichten es auch, aktuelle Drucke aus anderen Städten in Basel zu erhalten. Schliesslich erlebte ab den 1570er Jahren, bedingt durch die Dynamik des Druckwesens und die Anwesenheit bedeutender Humanisten in der Stadt, auch die Universität eine Blütezeit. Gelehrte und Studenten aus ganz Europa kamen an die Basler Universität und trugen zur Anbindung der Universität und ihrer Vertreter an europäische Forschungsdiskussionen bei. Zur Rolle und Geschichte der Botanik und der Pflanzen in der Stadt Basel siehe Rieder, Marilise/Rieder, Hans Peter/Suter, Rudolf: Basilea botanica: Vom Safran bis zum Götterbaum, Basel 1979. Der reich bebilderte Band zeigt, dass Pflanzen – als Nahrungsmittel, Schmuck in Gärten und Architektur und als Arzneimittel und Färbemittel – eine wichtige Rolle in Alltag, Ökonomie und Geschichte der Stadt spielten. 4 Zum Wirkungskreis der Basler Händler siehe Ehrensperger, Franz: Basels Stellung im internationalen Handelsverkehr des Spätmittelalters, Zürich 1972. 3


1. Einleitung

Vor diesem Hintergrund geht diese Arbeit der Frage nach, wie die Aneignung, Produktion und Verbreitung von botanischem Wissen in Basel um 1600 erfolgten. Die Produktion und Aneignung von Wissen ist ein Prozess, der aus dem jeweiligen historischen und kulturellen Kontext heraus verstanden werden muss: Die Artikulation des Wissens ist an spezifische Institutionen, Gruppen und Orte gebunden. In der älteren Forschung wurde die Blütezeit der Medizin und Naturforschung in Basel im Wesentlichen mit der Genialität und Individualität des «Dreigestirns» Felix Platter (1534–1614), Theodor I Zwinger (1533–1588) und Caspar Bauhin (1560–1624) erklärt.5 Ein praxeologischer Zugang erlaubt es, die Genese von Wissen über konkrete Handlungsprozesse historischer Akteure in ihrem spezifischen Kontext zu analysieren, so dass «diese Akteure als Akteure, das heisst wesentlich durch ihr Handeln etwas hervorbringen, und nicht etwa als Individuum oder durch ihren Geist».6 Das Umfeld, die Orte des Wissens, müssen für eine Untersuchung beigezogen werden, da sie die Entstehungsbedingungen dieses Wissens massgeblich beeinflussen. Neben den Studierstuben der Gelehrten sind die Universität als Institution, die Druckereien, die Stadt und ihr Umland solche Orte. Diese hatten durch ihre Eigenschaften und durch die Personen, die zu ihnen Zugang hatten, ein je unterschiedliches Potential für die Auseinandersetzung mit Wissen. Die teilweise zu Verflechtungen verdichteten lokalen und überregionalen Beziehungen der Akteure, die das Wissen produzierten, waren konstitutiver Bestandteil der Herstellung von Wissen und müssen mit berücksichtigt werden. Nicht nur die Beziehungen untereinander, sondern auch die Verbindungen zu Korrespondenten in der Gelehrtenrepublik sowie anderen Personen, die sich mit Naturphilosophie auseinandersetzten, wie zum Beispiel Apotheker, ermöglichten den Basler Gelehrten Kontakte zu Gesprächspartnern.7 Basler Händler trugen wesentlich zum praktischen Aus-

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Sofern bekannt, sind die Lebensdaten bei der ersten Nennung einer Person angege-

ben. 6 Brendecke, Arndt: «Von Postulaten zu Praktiken: Eine Einführung», in: Brendecke, Arndt (Hg.), Praktiken der Frühen Neuzeit. Akteure, Handlungen, Artefakte, Köln, Weimar, Wien 2015, S. 13–20, hier S. 15. Hervorhebung im Original. 7 Siehe Stoll, Clemens: «Zum Basler Apothekenwesen im 16. Jahrhundert: Der Briefwechsel von Balthasar Hummel und Felix Platter zwischen 1555–1557», in: Fehlmann,

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1. Einleitung

tausch bei und die Basler Obrigkeit setzte in gewisser Hinsicht den Rahmen für die Produktion von Wissen, sei es durch die Einflussnahme an der Universität oder als Adressatin von gelehrtem Wissen. Nicht zuletzt muss Wissen aber auch als ökonomische Ressource gewertet werden, die von den historischen Akteuren erwirtschaftet und bewirtschaftet wurde. Gerade die Pflege persönlicher Netzwerke zeigt, wie bewusst die in dieser Arbeit untersuchten historischen Akteure mit diesen wichtigen Quellen von Wissen umgingen.8 Da die historischen Akteure in verschiedenen Kontexten tätig waren, die teils sehr unterschiedliche Arten von historischer Überlieferung generierten, ist es nötig, die Frage nach der Dynamik und Wirkmächtigkeit der Basler Botanik mehrmals zu stellen. Verschiedene Zugänge zu spezifischen Quellen und Materialien, also die Analyse von Praktiken, Orten, Verflechtungen und Wissensökonomien, geben aus verschiedenen Perspektiven den Blick auf die Stadt Basel frei.9 Jedes der analytischen Kapitel ist in sich abgeschlossen und betrachtet einen Aspekt der Fragestellung. Zusammen gelesen ergeben sie ein facettenreiches Bild der Basler Botanik und der Stadt Basel um 1600. Die Geschichte der Botanik als Leitwissenschaft des 16. Jahrhunderts ist bereits auf vielfältige und interessante Art und Weise bearbeitet worden. Anhand der Zirkulation von Pflanzen und botanischem Wissen wurden

Hans-Rudolf (Hg.), Zur Geschichte des schweizerischen Apothekenwesens dargestellt an drei Orten – Davos, Zürich und Basel, Zürich 1988, S. 93–117. 8 Zum kulturellen Kontext von Wissen und zu Wissen als kultureller Praxis siehe u. a. Detel, Wolfgang/Zittel, Claus: «Introduction: Ideals and Cultures of Knowledge in Early Modern Europe», in: Detel, Wolfgang/Zittel, Claus (Hg.), Wissensideale und Wissenskulturen in der frühen Neuzeit, Berlin 2002, S. 7–21, Bödeker, Hans E./Reill, Hans Peter/ Schlumbohm, Jürgen: «Einleitung», in: Bödeker, Hans E./Reill, Hans Peter/Schlumbohm, Jürgen (Hg.), Wissenschaft als kulturelle Praxis, 1750–1900, Göttingen 1999, S. 11–15 und Holenstein, André/Steinke, Hubert/Stuber, Martin: «Introduction: Practices of Knowledge and the Figure of the Scholar in the Eighteenth Century», in: Holenstein, André/Steinke, Hubert/Stuber, Martin et al. (Hg.), Scholars in Action. The Practice of Knowledge and the Figure of the Savant in the 18th Century, Leiden 2013, S. 1–41. 9 In Bezug auf die Geistesgeschichte hat Berchtold, Alfred: Bâle et l’Europe: Une histoire culturelle (Territoires), Lausanne 1990 Basel in einen europäischen Kontext gesetzt.


1. Einleitung

Netzwerke, ihre Konstitution und Funktionsweise untersucht. Dabei sind die Arbeiten zum flämischen Arzt und Botaniker Carolus Clusius (1526–1609) besonders aufschlussreich.10 Seine Netzwerke erstreckten sich bis in die Neue Welt. Der Transport und die Akklimatisierung exotischer Pflanzen in Europa stellte eine besondere Herausforderung dar.11 Arbeiten zur Suche nach neuen Arzneimitteln in Amerika und Asien zeigen, wie eng Handel, Wissenschaft und politische Einflussnahme durch Kolonialmächte in diesen Gebieten verzahnt waren und welche Veränderungen die Überführung dieses kolonialen Wissens nach Europa bedingte.12 Dieser Fluss von neuen Pflanzen nach Europa hatte eine zunehmende Beschäftigung mit der lokalen Flora zur Folge. Die Akklimatisation exotischer Pflanzen und das Studium lokaler Varietäten wurden auch in Arbeiten zur Entwicklung botanischer Gärten und zur gartenbaulichen Tätigkeit frühneuzeitlicher Gelehrter beschrieben.13 Neben der

Mit Clusius hat sich zuletzt Florike Egmond gewinnbringend auseinandergesetzt, siehe u. a. Egmond, Florike: The World of Carolus Clusius: Natural History in the Making, 1550–1610 (Perspectives in Economic and Social History 6), London, Brookfield, Vt 2010 und Egmond, Florike: «Clusius and Friends: Cultures of Exchange in the Circles of European Naturalists», in: Egmond, Florike/Hoftijzer, Paul/Visser, Robert (Hg.), Carolus Clusius. Towards a Cultural History of a Renaissance Naturalist, Amsterdam 2007, S. 9–48. Zum Austausch von Pflanzen siehe Dauser, Regina/Hächler, Stefan/ Kempe, Michael et al. (Hg.): Wissen im Netz: Botanik und Pflanzentransfer in europäischen Korrespondenznetzen des 18. Jahrhunderts (Colloquia Augustana 24), Berlin 2008. 11 Laird, Mark/Bridgman, Karen: «American Roots: Techniques of Plant Transportation and Cultivation in the Early Atlantic World», in: Smith, Pamela H./Meyers, Amy R. W./Cook, Harold J. (Hg.), Ways of Making and Knowing. The Material Culture of Empirical Knowledge, Ann Arbor 2014, S. 164–193. 12 Siehe vor allem Schiebinger, Londa L./Swan, Claudia (Hg.): Colonial Botany: Science, Commerce, and Politics in the Early Modern World, Philadelphia 2005 und Schiebinger, Londa L.: Plants and Empire: Colonial Bioprospecting in the Atlantic World, Cambridge, Mass. 2004. 13 Zum Bedeutungsgewinn des Lokalen grundlegend ist Cooper, Alix: Inventing the Indigenous: Local Knowledge and Natural History in Early Modern Europe, Cambridge 2007. Siehe auch Pugliano, Valentina: «Non-Colonial Botany or, the Late Rise of Local Knowledge?», in: Studies in History and Philosophy of Biological and Biomedical Sciences 40/4, 2009, S. 321–328. Zur Entwicklung botanischer Gärten siehe Findlen, Paula: «Anatomy Theaters, Botanical Gardens, and Natural History Collections», in: Park, 10

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1. Einleitung

praktischen Betätigung mit Pflanzen sind Kräuterbücher schon länger Gegenstand der Forschung, neuerdings erhielten die Abbildungen in diesen Drucken vermehrt Aufmerksamkeit.14 Der Gebrauch von Pflanzen als Arzneimittel, als materia medica, ist ein ebenfalls seit längerem etabliertes Forschungsgebiet, das in den letzten Jahren neu betrachtet wurde.15

Perspektiven – Felder – Zugänge In der vorliegenden Arbeit werden eine Reihe von Quellen und Quellenkorpora – Herbare, Briefe, Bücher, Libri Amicorum und Supplikationen – auf ihren Stellenwert in der Aneignung, Produktion und der Verbreitung von Wissen untersucht. Ihre Besonderheit liegt in der Verdichtung, die sie für einen bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit bieten, sowie in ihren spezi-

Katharine/Daston, Lorraine (Hg.), The Cambridge History of Science. Vol. 3: Early Modern Science, Cambridge 2006, S. 272–289, zu gelehrten Gärtnern van Zanen, Sylvia: «Jacques Plateau and Carolus Clusius: A Shared Passion for Gardens and Plants», in: McLean, Matthew/Barker, Sara (Hg.), International Exchange in the Early Modern Book World, Leiden, Boston 2016, S. 39–68 und Arens, Esther H.: «Flowerbeds and Hothouses: Botany, Gardens, and the Circulation of Knowledge in Things», in: Historical Social Research 40, 2015, S. 265–283. 14 Zu Kräuterbüchern grundlegend ist nach wie vor Arber, Agnes: Herbals, their Origin and Evolution: A Chapter in the History of Botany 1470–1670, Cambridge 1953. Zu Abbildungen von Pflanzen ist besonders auf die Arbeiten von Sachiko Kusukawa hinzuweisen, u. a. Kusukawa, Sachiko: Picturing the Book of Nature: Image, Text, and Argument in Sixteenth-Century Human Anatomy and Medical Botany, Chicago, London 2011, siehe aber auch Knight, Leah: Of Books and Botany in Early Modern England: Sixteenth-Century Plants and Print Culture (Literary and Scientific Cultures of Early Modernity), Farnham, England, Burlington, Vt 2009. 15 Siehe z. B. Klerk, Saskia: «Teaching the Materiae Medicae at Leiden University: Between Natural History, Botany and the Foundations of Medicine», in: McLean, Matthew/ Barker, Sara (Hg.), International Exchange in the Early Modern Book World, Leiden, Boston 2016, S. 143–169 und Anagnostou, Sabine/Egmond, Florike/Friedrich, Christoph (Hg.): A Passion for Plants: Materia Medica and Botany in Scientific Networks from the 16th to 18th Centuries (Quellen und Studien zur Geschichte der Pharmazie 95), Stuttgart 2011.


Perspektiven – Felder – Zugänge

fischen materiellen oder formalen Eigenschaften. Der Zugang zu den Quellen erfolgt aus der Perspektive von vier Forschungsfeldern, die für das untersuchte Material besonders aufschlussreich sind. Praktiken und Dinge des Wissens

Praxeologische Zugänge sind in den letzten Jahrzehnten fruchtbar auf verschiedene Bereiche der Geschichtswissenschaft angewendet worden. Standen zunächst Zugänge in der Tradition von Pierre Bourdieu und Michel de Certeau im Vordergrund, hat sich besonders in der Frühneuzeitforschung ein breiteres Begriffsverständnis etabliert, das auch auf den Überlegungen Theodore R. Schatzkis basiert. Aus diesem Verständnis formulierte Arndt Brendecke eine Definition der Praktik als «typisiertes, routinisiertes und sozial verstehbares Bündel von Aktivitäten».16 Marian Füssel nimmt in seiner Definition drei Komponenten auf, die gerade in der Wissenschaftsgeschichte in den letzten Jahren Gegenstand praxeologischer Untersuchungen wurden: Raum, Körperlichkeit und materielle Kultur. Praktiken sind demnach ein «situierter Vollzug von Sprechakten und Handlungen im Zusammenspiel von Dingen und körperlichen Routinen von Akteuren».17 Aus der Fülle an praxeologischen Studien sind insbesondere drei Bereiche für die vorliegende Arbeit wichtig geworden. Ein erster Bereich umfasst Praktiken der sozialen Distinktion, d. h. Fragen der Repräsentation von Gelehrten, der Aushandlung ihres gesellschaftlichen Rangs und der dabei involvierten Konflikte und symbolischen Kommunikation, die in der Folge eines gesteigerten Interesses an der Aushandlung von sozialer Ordnung allgemein und der Rolle von Ritualen in der frühneu-

Brendecke 2015, S. 15. Siehe auch Schatzki, Theodore R.: The Site of the Social: A Philosophical Account of the Constitution of Social Life and Change, University Park 2002, S. 70–73; Bourdieu, Pierre: Entwurf einer Theorie der Praxis: Auf der ethnologischen Grundlage der Kabylischen Gesellschaft, Frankfurt am Main 1976; Certeau, Michel de: Kunst des Handelns, Berlin 1988. 17 Füssel, Marian: «Die Praxis der Theorie: Soziologie und Geschichtswissenschaft im Dialog», in: Brendecke, Arndt (Hg.), Praktiken der Frühen Neuzeit. Akteure, Handlungen, Artefakte, Köln, Weimar, Wien 2015a, S. 21–33, hier S. 26.

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1. Einleitung

zeitlichen Gesellschaft Gegenstand neuerer Forschung wurden. Besonders interessant sind dabei Marian Füssels Untersuchungen der Rangkonflikte und Machtstreitigkeiten, die an frühneuzeitlichen Universitäten über symbolische Kommunikation ausgetragen wurden. Konkret untersucht er, wie Rang- und Kleiderordnungen, akademische Zeremonien oder Promotionen von Gelehrten zur Festlegung von Rang genutzt wurden. In seinem wichtigen Beitrag zur universitären Institutionengeschichte zeigt sich, wie verhandelbar die scheinbar fixen Ordnungen in der Praxis waren.18 Gabriele Jancke ihrerseits hat Gelehrte als Fallbeispiel für eine praxeologische Untersuchung der Gastfreundschaft gewählt und nimmt Ritual und Ressource als Analysekategorien auf. Sie zeigt, wie Gelehrte über ihre Praktiken der Gastlichkeit Zugehörigkeit und Ausgrenzung herstellten. Wichtigster Raum der Gastfreundschaft war dabei der Haushalt der Gelehrten.19 Die Arbeiten von Gadi Algazi leisten, gerade auch für Basel, einen wichtigen Beitrag zur Geschichte der Konstituierung gelehrter Haushalte nach der Reformation. Er zeigt dabei, dass sich in gelehrten Haushalten die Sphären von Arbeit und Familie vermischten. Er argumentiert, dass diese fehlenden Grenzen zur Entwicklung eines distinkten gelehrten Habitus führten, der auf symbolischen Praktiken beruhte.20

Siehe insbesondere: Füssel, Marian: Gelehrtenkultur als symbolische Praxis: Rang, Ritual und Konflikt an der Universität der frühen Neuzeit (Symbolische Kommunikation in der Vormoderne), Darmstadt 2006. Zur Konstituierung gesellschaftlicher Ordnung siehe u. a. Füssel, Marian/Weller, Thomas (Hg.): Soziale Ungleichheit und ständische Gesellschaft: Theorien und Debatten in der Frühneuzeitforschung (Zeitsprünge 15, Heft 1), Frankfurt am Main 2011 sowie Füssel, Marian/Weller, Thomas (Hg.): Ordnung und Distinktion: Praktiken sozialer Repräsentation in der ständischen Gesellschaft (Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme 8), Münster 2005. Zur Ritualforschung siehe einführend Stollberg-Rilinger, Barbara: Rituale (Historische Einführungen 16), Frankfurt am Main 2013. 19 Jancke, Gabriele: Gastfreundschaft in der frühneuzeitlichen Gesellschaft: Praktiken, Normen und Perspektiven von Gelehrten (Berliner Mittelalter- und Frühneuzeitforschung 15), Göttingen 2013. 20 Algazi, Gadi: «Scholars in Households: Refiguring the Learned Habitus, 1480– 1550», in: Science in Context 16/1, 2003b, S. 9–42.

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Perspektiven – Felder – Zugänge

Ein zweiter Ansatz begreift Gelehrsamkeit als Praxis, die der textuellen Produktion der frühneuzeitlichen Wissenschaft zugrunde liegt und deren Analyse die Möglichkeit gibt, «die implizite Logik in den textuellen Endprodukten dieser Praxis zu erkennen».21 Im Zentrum stehen die Techniken und Methoden der Gelehrten sowie ihr Arbeitsprozess; untersucht wurden Lektüre, Exzerpieren, Edition und Unterricht sowie Kommunikation und Edition.22 Wie fruchtbar die Untersuchung frühneuzeitlicher Lesetechniken sein kann, zeigt die Studie Fabian Krämers zum naturkundlichen Diskurs über Monster. Darin führt er die Veränderung in der Wahrnehmung von Hermaphroditen, Basilisken und Zentauren neben sich wandelnden Beobachtungspraktiken auch auf Änderungen in der vorherrschenden Lektürepraxis der Gelehrten zurück.23 Eine ähnliche Stossrichtung wird unter dem Begriff der

Zedelmaier, Helmut/Mulsow, Martin: «Einführung», in: Zedelmaier, Helmut/Mulsow, Martin (Hg.), Die Praktiken der Gelehrsamkeit in der frühen Neuzeit, Tübingen 2001, S. 1–7, hier S. 1. Zur Rolle von Schriftlichkeit in frühneuzeitlichen Verwaltungen ist auch auf die Arbeiten von Simon Teuscher zu verweisen. Er zeigt, welchen Einfluss Praktiken des Schriftgebrauchs auf Rechtsgewohnheiten in der Eidgenossenschaft und damit verbunden auf den Wandel lokaler Herrschaftskulturen und die Ausbildung neuer Normsysteme hatten. Teuscher, Simon: Erzähltes Recht: Lokale Herrschaft, Verschriftlichung und Traditionsbildung im Spätmittelalter (Campus Historische Studien 44), Frankfurt/ Main, New York 2007. Siehe auch das von Prof. Dr. Roger Sablonier geleitete SNF-Projekt «Schriftlichkeit, Kommunikationskultur und Herrschaftspraktiken im Spätmittelalter », verfügbar unter: http://www.hist.uzh.ch/de/fachbereiche/mittelalter/emeriti/sablo nier/projekte/nf-schriftlichkeit/schlussbericht.html [27. 10. 2019 ]. 22 Siehe dazu Zedelmaier, Helmut/Mulsow, Martin (Hg.): Die Praktiken der Gelehrsamkeit in der frühen Neuzeit (Frühe Neuzeit 64), Tübingen 2001 und insbesondere den Aufsatz Zedelmaiers darin: Zedelmaier, Helmut: «Lesetechniken: Die Praktiken der Lektüre in der Neuzeit», in: Zedelmaier, Helmut/Mulsow, Martin (Hg.), Die Praktiken der Gelehrsamkeit in der frühen Neuzeit, Tübingen 2001, S. 11–30. Für eine Übersicht über praxeologische Zugänge zur Universitätsgeschichte siehe Füssel, Marian: «Lehre ohne Forschung?: Zu den Praktiken des Wissens an der Universität der Frühen Neuzeit», in: Kintzinger, Martin/Steckel, Sita (Hg.), Akademische Wissenskulturen. Praktiken des Lehrens und Forschens vom Mittelalter bis zur Moderne, Basel 2015b, S. 59–87. 23 Krämer, Fabian: Ein Zentaur in London: Lektüre und Beobachtung in der frühneuzeitlichen Naturforschung (Kulturgeschichten 1), Affalterbach 2014, 737–382. 21

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1. Einleitung

paper technology oder Papiertechniken verfolgt. Ziel ist, über eine Analyse von «Aufschreibeformate(n), Aufzeichnungspraktiken und der dabei eingesetzten Geräte und Materialien» den Wissenspraktiken, die für die «Erhebung, Speicherung und Verarbeitung von Informationen in humanistischer Gelehrsamkeit, Verwaltung sowie Handel und Buchhaltung» zum Tragen kamen, näher zu kommen.24 Friedrich Kittler hat bekanntermassen argumentiert, dass «Aufschreibesysteme», also die Praktiken und technischen Medien, die zur Sicherung und Verarbeitung von Daten verwendet werden, Diskurse gestalten, ja geradezu Denkweisen konstituieren.25 Der Einbezug von Materialien und Objekten in die Definition von paper technology zeigt die grosse Bedeutung, die materielle Kultur als dritter hier zu besprechender Bereich für praxeologische Untersuchungen erhalten hat. Material culture studies, die zuerst im angelsächsischen Raum aus Ethnologie und Anthropologie in die Geschichtswissenschaft gelangt sind, gehen von der Grundannahme aus, dass Dinge und Artefakte erst in spezifischen Kontexten und sozialen Beziehungen Bedeutung erlangen.26 Arjun Appadurai zeigte in seiner einflussreichen Studie zum social life of things, dass Dinge je nach sozialem Kontext verschiedene Wertigkeiten, Gebrauchsweisen und

24 Hess, Volker/Mendelsohn, J. A.: «Paper Technology und Wissensgeschichte», in: NTM Zeitschrift für Geschichte der Wissenschaften, Technik und Medizin 21/1, 2013, S. 1–10, hier S. 3–4. In diesem von Hess und Mendelsohn herausgegebenen Themenheft von NTM finden sich Aufsätze, die paper technologies im Bereich der Naturwissenschaften untersuchen. In der zuvor zitierten Einleitung zu diesem Heft finden sich auch zahlreiche Literaturangaben zu Arbeiten, die dem Bereich der Verwaltung oder des Handels zuzurechnen sind. Diese Bereiche sind darüber hinaus auch im äusserst interessanten Tagungsband der 10. Tagung der Arbeitsgemeinschaft Frühe Neuzeit versammelt: Brendecke, Arndt (Hg.): Praktiken der Frühen Neuzeit: Akteure, Handlungen, Artefakte (Frühneuzeit-Impulse 3), Köln, Weimar, Wien 2015. 25 Kittler, Friedrich A.: Aufschreibesysteme 1800/1900, München 2003. 26 Siehe Freist, Dagmar: «Materielle Praktiken in der Frühen Neuzeit», in: Brendecke, Arndt (Hg.), Praktiken der Frühen Neuzeit. Akteure, Handlungen, Artefakte, Köln, Weimar, Wien 2015, S. 268–274 für einen guten Überblick über die Entwicklung dieses Forschungsfeldes. Für eine Sammlung objektzentrierter Untersuchungen, die eine Übersicht über die Vielfältigkeit dieses Zugangs gibt, siehe Findlen, Paula (Hg.): Early Modern Things, New York 2013.


Perspektiven – Felder – Zugänge

Wissen erhalten und somit Objekte eine Biographie haben.27 An der Schnittstelle von Praktiken und Objekten sind Fragestellungen interessant geworden, die danach fragen, inwiefern die Herstellungspraxis spezifischer Objekte die Produktion von Wissen bedingt, welche «mediation of meaning through materiality» erfolgt.28 Dieser Zugang verbindet explizit verschiedene kognitive Modi der Wissensproduktion – das Lesen, das Betrachten von Bildern und Dingen, körperliche Erfahrung – und löst dadurch den Gegensatz zwischen Buchwissen und Erfahrungswissen auf, der für den Untersuchungszeitraum anachronistisch ist.29 So sind neben dem durch körperliche Tätigkeit erworbenen Wissen von Künstlern und Handwerkern vor allem jene Arbeiten interessant, die «materielles» und «intellektuelles» Wissen, bzw. «Hand» und «Kopf» konsequent miteinander verbinden.30 Diese Neuinterpretation des Wissensbegriffs hat dazu geführt, dass Personenkreise, die auf verschiedenen Ebenen wissenschaftlich tätig waren in den Fokus des Interes-

Appadurai, Arjun: «Introduction: Commodities and the Politics of Value», in: Appadurai, Arjun (Hg.), The Social Life of Things. Commodities in Cultural Perspective, Cambridge 1986, S. 3–63. 28 Schmidt, Benjamin: «Form, Meaning, Furniture: On Exotic Things, Mediated Meanings, and Material Practices in Early Modern Europe», in: Brendecke, Arndt (Hg.), Praktiken der Frühen Neuzeit. Akteure, Handlungen, Artefakte, Köln, Weimar, Wien 2015, S. 275–291, hier S. 275. 29 Smith, Pamela H./Schmidt, Benjamin: «Knowledge and its Making in Early Modern Europe», in: Smith, Pamela H./Schmidt, Benjamin (Hg.), Making Knowledge in Early Modern Europe. Practices, Objects, and Texts, 1400–1800, Chicago 2007, S. 1–16. Siehe Cook, Harold J./Smith, Pamela H./Meyers, Amy R. W.: «Introduction: Making and Knowing», in: Smith, Pamela H./Meyers, Amy R. W./Cook, Harold J. (Hg.), Ways of Making and Knowing. The Material Culture of Empirical Knowledge, Ann Arbor 2014, S. 1–16, die diese Trennung auf die Vormachtstellung der «reinen» Naturwissenschaft, insbesondere der theoretischen Physik im 20. Jahrhundert zurückführen. 30 Zu Ersterem siehe Smith, Pamela H.: The Body of the Artisan: Art and Experience in the Scientific Revolution, Chicago 2004, zu Letzterem Roberts, Lissa/Schaffer, Simon/ Dear, Peter (Hg.): The Mindful Hand: Inquiry and Invention from the Late Renaissance to Early Industrialisation, Amsterdam 2007 und Smith, Pamela H./Meyers, Amy R. W./ Cook, Harold J. (Hg.): Ways of Making and Knowing: The Material Culture of Empirical Knowledge (The Bard Graduate Center Cultural Histories of the Material World), Ann Arbor 2014. 27

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Davina Benkert studierte an den Universitäten Basel und Cambridge Geschichte und Slavistik und promovierte 2017 in Basel. Aktuell ist sie am Europainstitut der Universität Basel tätig.

www.schwabe.ch

DAVINA BENKERT

Die Entdeckung des amerikanischen Kontinents im 16. Jahrhundert ging einher mit der Erkundung einer neuen botanischen Welt. Die Erforschung neuer Pflanzen liess in Europa das Interesse an Botanik erstarken und machte diese am Ende des Jahrhunderts zur Leitdisziplin. Dieser Band untersucht Strategien und Praktiken von Basler Gelehrten und Apothekern im Umgang mit botanischem Wissen und seiner Erzeugung. Die Autorin zeigt, wie die Beschäftigung mit der exotischen wie auch mit der lokalen Flora in Basel einen Boom auslöste und zu einer neuen Art der botanischen Kennerschaft führte. Diese machte die Basler Botanik weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Anhand eines vielfältigen Quellenbestandes zeichnet das Buch ein differenziertes Bild des botanischen Basels um 1600.

ÖKONOMIEN BOTANISCHEN WISSENS

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188

BASLER BEITRÄGE ZUR GESCHICHTSWISSENSCHAFT

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DAVINA BENKERT

ÖKONOMIEN BOTANISCHEN WISSENS Praktiken der Gelehrsamkeit in Basel um 1600


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