Was unterscheidet gedankliche Einfälle von gedanklichen Anfällen ? Beim « Einfall » klingt eine militärische Bedeutung mit : Man dringt in ein Gebiet ein, erobert oder besetzt es. Der Schriftsteller braucht einen Einfall, um das unbeschriebene Blatt zu « erober n». Der Einfall führt zu geplanter, stabsmässiger Aktion. Der Anfall dagegen widerfährt uns – er überfällt uns: ein Schwindel-, Schlag- oder Schwächeanfall. Der Schriftsteller braucht den Einfall, um arbeiten zu können. Der Philosoph nicht unbedingt – er braucht Anfälle, einen gewissen Geistesschwindel, der ihm etwas, was vorher selbstverständlich war, auf einmal fragwürdig, fremd, ja absurd erscheinen lässt. Die Lektüre dieser zwanzig philosophischen Anfälle zu verschiedenen Themen regt dazu an, selber Anfall-anfällig zu werden.
Ich trotze, also bin ich
Eduard Kaeser ist Physiker und Philosoph. Seitdem er als Gymnasiallehrer pensioniert ist, ist er als Publizist zu Themen zwischen Wissenschaft, Gesellschaft und Philosophie tätig. Im Schwabe Verlag erschienen sind Pop Science, Multikulturalismus revisited, Artfremde Subjekte und Trojanische Pferde unserer Zeit.
EDUARD KAESER
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REFLEXE 63
EDUARD KAESER
Ich trotze, also bin ich
Philosophische Alltagsanfälle REFLEXE
Schwabe reflexe
Band 63
Eduard Kaeser
Ich trotze, also bin ich Philosophische Alltagsanfälle
Schwabe Verlag
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Inhalt
Kleines Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Ich trotze, also bin ich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Renitenz des Alters . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Mein philosophischer Handrücken . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
27
Gedanken über Gedanken über Eiskaffee . . . . . . . . . . . . . .
33
Prolegomenon zu einer Philosophie des Arschlochs . . . . .
45
Das Tier, das spinnt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
51
Geistiger Ekel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
59
Ein philosophisches Gespür für Schnee . . . . . . . . . . . . . . . .
67
Hunde und andere Maschinen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
73
Metaphysik der Katze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
81
Die Fliege und der freie Wille . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
87
Kant und die Tulpe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
93 5
Hoch hinaus – Klettern und Denken . . . . . . . . . . . . . . . . . .
99
Landschaft – unbeschreiblich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109 Wenn jemand eine Reise tut … . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117 Wein und Kritik der geschmacklichen Urteilskraft . . . . . . 131 Scholastik am Kühlschrank . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139 Sein und Zeit – und Staub . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145 Über das, was es nicht gibt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151 Wie ist es, tot zu sein? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159 Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167 Kleine Auswahl vertiefender Literatur zu … . . . . . . . . . . . . 171
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Kleines Vorwort
Das Staunen sei der Anfang der Philosophie, vernimmt man von den alten Griechen. Das Staunen ist wie ein Stoss in den Rücken, aus dem Selbstverständlichen ins Fragwürdige. Man gerät aus dem gewohnten, sicheren Gang, man taumelt, stolpert, fällt vielleicht hin. Man hat einen philosophischen Anfall. Es gibt nicht nur gedankliche Einfälle, sondern auch gedankliche Anfälle. Der Begriff des Einfalls weist auf eine militärische Bedeutung hin: Man überfällt ein Gebiet, dringt in es ein, erobert es, besetzt es. Der Schriftsteller braucht einen Einfall, um das unbeschriebene Blatt zu „erobern“. Der Einfall leitet ihn. Er zündet ein Licht an. Er führt zu geplanter, womöglich stabsmässiger Aktion. Der Anfall dagegen ist eher ein Widerfahrnis. Er überfällt mich – ein Schwindelanfall, Herzanfall, Schlaganfall, Schwächeanfall. Der Schriftsteller braucht den Einfall unbedingt, um zu arbeiten. Nicht unbedingt so der Philosoph. Er braucht Anfälle, einen gewissen Geistesschwindel, der ihm etwas, was vorher selbstverständlich war, auf einmal als fragwürdig, fremd, absurd erscheinen lässt. Im Alltag bewegen wir uns in den Gräben der Gewohnheit. Und in diesem Sinn ist er prädestiniert für das Gebiet des philosophischen Anfalls. Er kann mich nicht nur heimsuchen, wenn ich über den Tod oder die Nichtexistenz sinniere, sondern auch, wenn ich meinen Handrücken betrachte, vor dem Kühlschrank stehe, einer Fliege an der Fensterscheibe zuschaue, Staubmäuse unter dem Bett hervorwische, von einer Gebirgs7
wanderung einen Stein nach Hause bringe, wenn ich ein Glas Wein trinke, eine Landschaft zu beschreiben versuche, wenn ich mich vor Gedanken ekle oder einem Arschloch begegne – philosophische Anfälle immerzu. Dass ein solcher Anfall, nämlich jener des Trotzes, der Essaysammlung den Titel verleiht, ist Absicht. Wie das Staunen verrät auch der Trotz eine gewisse Renitenz gegen das Selbstverständliche, Gängige, Hingenommene: Das kann doch nicht sein! Vielleicht sogar aktiver: Das soll doch nicht sein! Wir üben uns in einer denkerischen Widerspenstigkeit, die uns womöglich aus einer philosophischen Passivhaltung zum Handeln drängt. Ich denke, also tue ich etwas. Hier möchte ich ein Stichwort von Albert Camus übernehmen: Der philosophierende Mensch ist ein Mensch „in der Revolte“. 20 philosophische Anfälle sind in diesem Buch aufgelistet, eher randomisiert, dem Charakter des Phänomens nachempfunden, das uns jederzeit und überall packen kann. Die Reihe liesse sich beliebig fortsetzen. Aber das ist nicht nötig. Zu hoffen ist vielmehr, dass Leserin und Leser nach der Lektüre selbst anfallanfällig geworden sind.
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Ich trotze, also bin ich
Widerspenstig sind wir alle – von Kindesbeinen an. Aber während der kindliche Trotz als Phase der Persönlichkeitsentwicklung gilt, wird der erwachsene Trotz eher, jedenfalls oft, als Ausdruck einer Persönlichkeitsstörung wahrgenommen. Allein dies sollte schon zu denken geben. Der Prozess der Zivilisation geht nicht vonstatten ohne die Zähmung gewisser Widerspenstigkeiten. Diese Zähmung hat eine lange und unrühmliche Psychiatriegeschichte. Wir kennen sie aus Michel Foucaults Chronik „zivilisierender“ Unterdrückungstechniken. Dass der Kranke oft widerspenstig sein kann, ist eine altbekannte Erfahrung, nur folgt daraus nicht, dass der Widerspenstige krank ist. Und dennoch strotzt die Tradition der Repressalie von schaurigen Beispielen dieser Umkehrlogik. In der Tat liegt eine der einfachsten und effizientesten Unterdrückungstechniken in der Pathologisierung des Anderen, Unangepassten, Widerspenstigen. Abweichendes Verhalten wird zur Manie, Phobie oder Neurose umdefiniert und findet am Ende seinen Weg in das Manual der Krankheiten. Wir kennen diese Praxis ad nauseam aus autokratischen Systemen. Sie ist nicht auf sie beschränkt. Der Psychiater und Historiker Jonathan Metzl weist in seinem Buch The Protest Psychosis (2010) darauf hin, dass ausgerechnet in den 1960erJahren, als die Bürgerrechtsbewegung Fahrt aufnahm, sich die Diagnosefälle von Schizophrenie bei Afroamerikanern auffallend zu häufen begannen. Als Symptome wurde oft Feindschaft 9
und Aggression genannt. Interessanterweise schien eine Migration der Schizophrenie von einer sozialen Gruppe zu einer anderen stattgefunden zu haben. In den 1950er-Jahren diagnostizierte man die Krankheit viel häufiger bei weissen Hausfrauen, die suizidgefährdet waren oder kleinere Delikte wie Ladendiebstahl oder Hausfriedensbruch begangen hatten. Natürlich notierte man unter den Symptomen nicht Aggression und Feindschaft. Metzl las in Krankenberichten „Symptome“ wie: „Sie war verwirrt, redete zu laut und blamierte ihren Ehemann“, oder: „Die Patientin war ausserstande, sich um ihre Familie zu kümmern, wie sie sollte.“ Trotz oder Schizophrenie? Es geht hier nicht um Kritik an der Psychiatrie. Sie muss ja per definitionem mit dem Abnormen fertigwerden. Ein Arzt steht wohl bei jedem neuen Patienten vor dem Problem, ihn in die Muster einzuordnen, welche die Disziplin bereitstellt, und kein Patient wird jemals vollständig in solche Muster passen. Die Frage, welche die Psychiatrie nur besonders scharf aufwirft, ist eine allgemeinere. Trotz lässt sich weder ein- noch ausschalten, geschweige denn wegheilen. Im Gegenteil. Trotz macht uns menschlich. Und deshalb muss er als menschliche Existenzform – als „Existenzial“ – wahr- und ernst genommen werden. Gerade in einer Zeit wie der heutigen, die dahin tendiert, den Trotz zu dressieren, ja abzuschaffen. Betrachten wir einige besonders akute Beispiele.
„I would prefer not to“ Lebensentwürfe der Renitenz bietet uns die Literatur an, die ja schon immer die Spielwiese des Andersseinkönnens gewesen ist. Man denkt hier an Robert Walsers Figuren, die sich der Routine und der Rituale des gewohnten Alltags durch poetische Renitenz entziehen. Vor allem aber schält sich eine Figur aus 10
dem Hintergrund der Literaturgeschichte, die unversehens an Aktualität gewinnt: Hermann Melvilles Bartleby der Schreiber, quasi der Urahne sanfter Arbeitsrenitenz. „Ich möchte lieber nicht“ – auf Englisch klingt der höfliche Trotz noch formvollendeter: „I would prefer not to.“ Man neigt dazu, in Bartleby einen schwermütigen, tragischen Verlierer zu sehen, für den der aufblühende Finanzkapitalismus nur Untergang bedeuten kann. Vielleicht müsste man einmal die Optik umkehren und die Geschichte Bartlebys nicht als trauriges Ende seines Todes weiterschreiben, sondern vielmehr als Überlebenschance im Leerlauf des finanzkapitalistischen Hamsterrads. So betrachtet erwiese sich die Negativität Bartlebys als eigentlich positive Lebensgestalt. Viele haben wahrscheinlich am Arbeitsplatz, bei einer politischen Wahl, beim Gang durch die Einkaufsstrassen des Supermarkts im Geist schon einmal Bartlebys Trotzformel ausgesprochen, ohne sie womöglich zu kennen. Man will damit ja nicht so sehr dem Trotz als vielmehr einer Erfahrung, ja vielleicht nur einer Ahnung Ausdruck geben, dass sich hinter all dem, was hier abläuft, noch etwas anderes verbirgt. Wenn schon nicht ein ganz anderes Leben, so doch ein Andersseinkönnen – eine Differenz zu dem, was man ist und tut, und dem, was man lieber nicht sein und tun möchte.
In der Black Box Society Das klingt etwas diffus, wird aber in der vom Datenverkehr beherrschten Gesellschaft zusehends konkreter. Wir leben immer mehr unter dem Axiom des Verdachts. Der amerikanische Rechtswissenschafter Frank Pasquale schreibt in seinem Buch The Black Box Society vom „dunklen Axiom der NSA“: Verdächtig ist, wer etwas verbirgt. „Verbergen“ heisst, nicht in irgendeiner Datenbank aufgeführt zu sein, kein Datenprofil zu 11
haben. Wer sich also nicht oder nicht genügend am verdateten Leben beteiligt, verbirgt etwas und ist daher ein Verdachtsfall. Die Tücke dieser Entwicklung liegt darin, dass das Verbergen da, wo alles offenliegt, selbst gar keinen Sinn mehr hat. Es ist nicht einmal Zynismus, wenn Eric Schmidt von Google sagt: „Willst du etwas tun, das andere nicht wissen sollen, dann ist es vielleicht am besten, dass du es überhaupt erst unterlässt.“ Auf diese Weise unterbindet sich das Wollen gleich selbst präemptiv. Die Grundlinie der Wahrnehmung verschiebt sich – „shifting baselines“: Wir nehmen Veränderungen nicht wahr, weil sich unser Referenzpunkt – in der Regel durch Gewöhnung – verschoben hat. Überwachung ist normal, das Private wird zu einer Marotte. Sicherheit ist zentral, Freiheit wird zur impertinenten Forderung. Konformität ist Lebensform, Autonomie wird zur Trotzreaktion. Man erinnere sich: Noch in den 1980er-Jahren wurde unter Bürgerprotest eine Volkszählung in Deutschland verhindert, die anhand von Fragebögen Haushaltsdaten liefern sollte. Heute braucht man keine Befragungen. Einschalten des Smartphones genügt.
Reality Mining Die Entwicklung ist nicht abgeschlossen. Sie setzt sich mit der Transformation vom Data Mining zum „Reality Mining“ fort. Nun geht es nicht bloss um meine Daten, sondern um mich selbst, mein Verhalten, meine Gewohnheiten. Das Social Engineering nimmt in der Gestalt einer neuen Netzwerkphysik die Idee der Gesellschaft selbst ins Visier eines elaborierten statistischen Kalküls. Der technisch ausgerüstete Mensch ist hier nurmehr „Knoten“ im Netz der smarten Dinge und soziale Beziehungen sind „Kanten“. Alex Pentland, einer der neuen Soziologen, spricht ruhmredig von einer „Wiedererfindung der 12
Gesellschaft im Sog von Big Data“ und hält mit seiner Vision nicht hinterm Berg: Wer du tatsächlich bist, wird bestimmt durch den Ort, wo du deine Zeit verbringst, und die Dinge, die du kaufst […] Indem Wissenschafter diese Art von Daten analysieren, können sie dir eine Menge Dinge über dich erzählen. Sie können dir sagen, ob du eine Person bist, die ihre Kredite zurückzahlt oder für Diabetes anfällig ist.
Meine Klickgeschichte: Das bin ich. „Die Macht der sozialen Physik,“ schreibt Pentland, „leitet sich aus dem Faktum her, dass fast alle unsere alltäglichen Handlungen Gewohnheiten sind und meistens darauf beruhen, was wir durch die Beobachtung anderer gelernt haben.“1 Was in mir sonst noch vorgeht, interessiert die Sozialphysik nicht, „weil sie nicht die inneren kognitiven Prozesse zu erfassen sucht. Sie hat dadurch einen irreduziblen Ungewissheitskern, indem sie den Erklärungsfaktor des bewussten menschlichen Gedankens als Handlungsgrund vermeidet.“ Man muss sich das vor Augen führen: Die Soziologie betrachtet den Menschen als sozialen Partikel ohne Bewusstsein! Das entspricht genau dem transparenten Menschen, der seine Privatheit aufgegeben und sich in einen „Knoten“ im Netz verwandelt hat.
Die Dinge sind gegen uns Die subtile und verborgene Überwachung ist eingebaut in die smarten Dinge, auf die wir ständig angewiesen sind. Dinge werden weniger gebraucht, als dass sie uns brauchen. Sie kolonisieren unser Selbst, sie zersetzen unsere Privatheit – der erste Schritt der totalitären Inbesitznahme. Der englische Humorist Paul Jennings konnte 1948 in seiner genialen Persiflage des 13
Existenzialismus nicht ahnen, wie treffend er die neue Technologie beschrieb. Deren Prinzip nannte er „Resistenzialismus“: Die Dinge sind gegen uns. „Der Illusion wachsender menschlicher Beherrschung der Dinge“, schrieb Jennings, „entspricht die wachsende Feindschaft (und Macht) der Dinge, die sich gegen ihn wenden. Der Mensch des Mittelalters kannte nur ein paar Dinge, um die er sich sorgen musste – ungenügende Beleuchtung bei Nacht, das schlichte Loch im Dach, durch das der Rauch entweicht und der Regen eindringt […] Der moderne westliche Mensch hat viel mehr Gelegenheiten, die Schlacht gegen die Dinge zu verlieren – Büchsenöffner, Kragenknöpfe, Schubladen, offene Senklöcher, Schuhbändel …“2 Die Tücke dieser „dummen“ Dinge erscheint geradezu rührend harmlos im Vergleich zur smarten Glühbirne von heute, die alles mithört.
Anti-Transparenz Es etabliert sich also ein Blick „von aussen“ auf den Konsumbürger. Hirnforschung, Verhaltensökonomik, Marketingpsychologie, „Predictive Analytics“, „Habit Engineering“, „Health Tracking“ und andere Techniken möglichst präziser Verhaltensprognostik verabschieden das alte „Erkenne dich selbst“ und rufen unisono: Zeig dich uns, wir wollen dich erkennen! Dahinter verbirgt sich eine kümmerliche „Anthropologie“ der Zurichter für die Datenmärkte. Sie zeichnet den „neuen“ Menschen als Algorithmenfutter. Geheimdienste wie Konsumgüterindustrie haben miteinander das Interesse an einem elementaren Faktum: Menschliches Verhalten ist umso besser kontrollierbar und prognostizierbar, je mehr es sich in den Bahnen von Gewohnheiten bewegt. Gewohnheiten sind deshalb das bevorzugte Objekt der Verhaltensforschung in der Kon14
sumgüterindustrie – deren Goldgruben. Und je mehr mobile smarte Geräte unsere Gewohnheiten infiltrieren, desto transparenter werden wir. Dem Blick „von aussen“ entspricht ein „äusseres“ Selbst: die Person, die wir gegenüber anderen darstellen, eine soziale Maske. Sie ist ein Vehikel der Konformität. Unser zwischenmenschlicher Umgang ist grösstenteils die Begegnung solcher äusseren Selbste. Ich weiss zwar, dass die andere Person, die ich „von aussen“ kenne, nicht die ganze Person ist. Ein Teil von ihr ist mir verborgen, und ich akzeptiere das auch. Nun enthält mir ja die andere Person in der Regel nicht willentlich etwas vor oder täuscht mich; vielmehr basiert das soziale Leben zu einem wesentlichen Teil auf dieser Nichtkenntnis der anderen Person. Wir alle tragen ein Stück Undurchsichtigkeit in uns und wir brauchen das. Pointiert: Das Spurenelement Undurchsichtigkeit in dir macht dich für mich im wahrsten Sinn zur eigenständigen Person. In der Anti-Transparenz verbirgt sich ein renitenter Rest menschlicher Würde.
Im Kellerloch „Augenblicklich möchte ich ganz und gar nicht vernünftig sein“. Diese Worte Bartlebys verleihen der Renitenz noch eine weitere Dimension. Sie klingen zunächst wie eine antiaufklärerische Devise, galt doch die Vernunft als jene Instanz, die den Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit führt. Aber heute breitet sich die Unmündigkeit anders aus, in Form von Versprechungen, die uns die mobilen Apps machen, indem sie uns sagen, was wir tun oder wollen sollen. Projekte wie jene Pentlands legen einen radikaleren Vernunftgebrauch nahe, wie ihn Dostojewski in seinen Aufzeichnungen aus dem Kellerloch
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skizziert. Der Mann im Kellerloch nimmt es sogar mit den Naturgesetzen auf: Selbst wenn (der Mensch) sich wirklich nur als Klaviertaste erweist, und selbst wenn man es ihm sogar mathematisch und naturwissenschaftlich beweist, selbst dann würde er nicht Vernunft annehmen, sondern im Gegenteil absichtlich Unheil stiften […] eigentlich nur, um auf dem Seinen zu bestehen […] Er wird der Welt fluchen, da aber nur der Mensch fluchen kann […], wird er unter Umständen allein schon mit diesem Fluch das Seine erreichen, das heisst, er wird sich tatsächlich überzeugen, dass er ein Mensch und keine Klaviertaste ist. Sollten Sie behaupten, man könne auch dies nach der Tabelle berechnen, sowohl das Chaos als auch die Finsternis und den Fluch […] – so wird der Mensch in diesem Fall absichtlich verrückt werden […] um auf dem Seinen zu bestehen […] Sie rufen mir zu […], dass mir doch niemand den Willen streitig mache; dass man es nur darauf anlege, alles irgendwie so einzurichten, dass mein Wille ganz von selbst, aus eigenem Willen, mit meinen normalen Interessen zusammenfalle, mit den Naturgesetzen und der Arithmetik.3
Irrationalität als letzte Bastion des Individuellen Der Mensch im Exil des Kellerlochs, der verrückt aus freiem Entscheid wird, um auf dem „Seinen“ zu bestehen: Das ist die ungeheuerliche Vision einer globalen Zivilisation, in der die Irrationalität die letzte Bastion des Individuellen darstellt. Sie gewinnt in dem Mass an beklemmender Bedeutung, in dem sich die „Vernünftigkeit“ neuer gesellschaftlicher Standards durchsetzt, diktiert von Technologiekonglomeraten wie Google, Facebook und Apple. Der amerikanische Autor Dave Eggers hat dieses narrative Szenario in seinem Roman The Circle durchgespielt. Reale Ansätze zu Normenverschiebungen gibt es durchaus bereits. Sie zeigen sich überall da, wo unser Verhalten 16
sich schleichend an die neue Lebenswelt der Gadgets und Apps anpasst: das Mobiltelefon am Esstisch; das Armband, das mir ständig Blutdruck, Puls und Körpertemperatur mitteilt; die Identität, die ich mir über den Chatroom hole. Sie zeigen sich auch im achselzuckenden Positivismus der Unabwendbarkeit. Nichts ginge mehr ohne Elektronik, Photonik, Robotik, sagt die EU-Kommissarin Neelie Kroes. Ihrer Weisheit letzter Schluss: „(Die) digitale Welt ist nun einmal da und wir (können) uns nicht von ihr abwenden.“
Renitenzialismus ist der Existenzialismus unserer Zeit Wir vergessen es leicht: Die Autonomie des Individuums ist nie etwas Gegebenes, Selbstverständliches. Sie muss auf jeder neuen Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung erobert werden. In einer Informationsgesellschaft, wo die Grenzen zwischen privater und staatlicher Verfügungmacht über die Daten sich immer mehr verwischen, kommt dem Trotz in der Behauptung unserer Autonomie eine wichtige Bedeutung zu. Er ist nicht bloss eine Reaktion, sondern eine Haltung, die man verantwortet: eine existenzielle Grundlinie, die uns erlaubt, im Zugemuteten das Unzumutbare, im Unabwendbaren das Abwendbare, in unserem Sosein das Andersseinkönnen zu erkennen. Eine Bereitschaft zur Entwöhnung. Dies meint Renitenzialismus. Er ist das Recht auf gewaltlos ausgeübten Widerstand. Man sollte also in ihm nicht primär ein politisches Programm oder Aktivismus à la „Occupy“ oder „Empört euch!“ sehen, auch nicht eine Verweigerungshaltung gegenüber diesem und jenem, sondern sozusagen eine Kalibrierung des eigenen Lebens: einen Existenzialismus. Vielleicht ist der Renitenzialismus die zeitgemässe Form des Existenzialismus: Ich trotze, also
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bin ich. Es gälte, diesen Trotz in verschiedenster Gestalt in unseren Lebensbereichen zu entdecken und vor allem genau hinzuschauen, wo, wann und warum man ihn zum Schweigen bringen will: in Spitälern, Gefängnissen, Altersheimen, Schulen, Fabriken, Büros, Redaktionen, im eigenen Haus. Auf jeden Fall gibt es einen Lebenssinn in der Renitenz, den jede Person für sich heben kann.
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Renitenz des Alters
Zwei zornige alte Männer Einer meiner Grossväter war ein „angry old man“. Schon in jüngeren Jahren ein Heisssporn und Raufbold, leicht entflammbar durch Alkohol, blieb er bis ins hohe Alter ein grantiger und sperriger Kloben von Mann. Im Altersheim führte er sein raubauziges Leben fort und schlug mit seinem Gehstock auch schon mal auf seine greisen Zimmergenossen ein – allesamt „Nuscheler“ –, sodass er schliesslich in der psychiatrischen Klinik Münsingen sediert werden musste. Derart wider Willen „beruhigt“, fand er denn seine letzte Ruhe. In der gleichen Klinik starb ein weitaus berühmterer Mann im Februar 1993, einer der grössten Regisseure des Schweizer Films, Franz Schnyder. Der Grund der Einlieferung: Schnyder verlangte in einem Burgdorfer Geschäft mit vorgehaltener Pistole einen grösseren Geldbetrag, den er als ihm geschuldet betrachtete. Paranoia? Jedenfalls sass der Regisseur, ein rüstiger und stolzer Achtziger, auf einmal in der Akutstation. Der alte „Kummerbube“ nahm seine Einlieferung in die Klapsmühle nicht einfach so hin, er begehrte auf, bedingte sich einen privilegierten Patientenstatus aus, wies die Ärzte zurück und zurecht, erlaubte sich selber einen Freigang weg von der Klinik. Im Januar hatte sich Schnyder bereits mit einer Schere die Haut am Unterarm geritzt, was die Anstaltsärzte als Suizidversuch werteten. Zwangsmedikation war angesagt. Der alte 19
Mann wurde unter Neuroleptika gesetzt, sein Trotz schwand, er starb an einer Lungenembolie, man vermutete, als Folge der Behandlung.
Die Flucht in den Trotz Beide Schicksale spiegeln den gar nicht so seltenen Fall des biografischen Endpunktes vieler alter Menschen: die Flucht in die Altersrenitenz. Zunehmend isoliert, abgeschrieben, nicht wahrgenommen, von physischer und psychischer Seneszenz belästigt und bedroht, flüchten sie als Altlast der Gesellschaft in einen Trotzzustand, der ihnen vielleicht die nötige Aufmerksamkeit bringt. Die wenigsten erfreuen sich eines Prominentenstatus wie Franz Schnyder. Aber alle fordern sie im Grunde das Recht auf eine individuelle Biografie ein, die mehr ist als ein armseliger Bericht aus der Akutstation. In der Renitenz des Alters artikuliert sich ein genuines Bedürfnis des Menschen, nämlich Subjekt seiner Geschichte zu sein und zu bleiben, nicht zum Niemand zu verkommen. Im Alter droht das Verlöschen des Individuums, das unpersönliche Sterben in einer Kategorie: Senior.
Die philosophische Würde des Problems Mit dem Phänomen beschäftigt sich selbstverständlich auch die Wissenschaft. Und sie hat dafür eine aparte Bezeichnung gefunden: „Irritable Male Syndrome“ (IMS), zu Deutsch: das Genervte-Männer-Syndrom. Gut beobachtbare Anzeichen: Nervosität, Reizbarkeit, Lethargie, Depression. Man ist diesem Syndrom sicher schon im Alltag begegnet. Generell stellt man es bei erwachsenen männlichen Säugetieren fest, wenn der Testosteronspiegel abfällt. Interessanterweise behauptete der 20