Mit detaillierter Dokumentation holt dieser Betrieb mehr aus seinen Aufträgen heraus – ohne dass die Mitarbeitenden mehr arbeiten müssen. Dabei unterstützt jetzt auch eine KI.
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Was tun, wenn Geld fehlt?
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Bei einer Kassennachschau müssen sofort alle Unterlagen offengelegt werden. Seite 2
Gesa Eickhoff geht mit der Zeit: Ausbildende und Azubis profitieren von der papierlosen Variante. Seite 3
Falsche Vorurteile
Mitarbeitergespräche sind erlernbar und bergen großes Potenzial für Arbeitgeber und -nehmer. Seite 5
So sichern Sie Ihr Geld
Hohe Inflationsrate und niedrige Zinsen führen zu Problemen: Tipps für Handwerker. Seite 7
„Ein bürokratischer Akt“
Für den Umgang mit PU-Produkten besteht bald Schulungspflicht – viel Aufwand bei der Umsetzung. Seite 8
Schwerer Abschied
Weiterbildungskoordinator geht in den Ruhestand. Seite 14
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Wie KI bei der Rendite hilft
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nvorhergesehene Planänderungen rauben Zeit und strengen an. Dass besonders Baustellen ein Paradebeispiel ständiger Planänderungen sind, weiß Handwerksunternehmer Jürgen Mittmann nur zu gut. Er aber muss sich darüber nicht ärgern, er rechnet sie ab: detailliert und sauber dokumentiert. Das hinzubekommen war für den zehnköpfigen Handwerksbetrieb DILB (Digitale Logistik und Bauservice) 25 Jahre harte Arbeit. Inzwischen sei die eigens entwickelte Software „Smacra“ so weit gereift, dass sie den Gewinn des Betriebs deutlich steigere. „Früher lag meine Rendite im einstelligen Bereich, heute habe ich sie im Schnitt um den Faktor drei erhöht“, sagt Mittmann. Was zunächst unglaublich klingt, wird verständlicher, sobald der Unternehmer erläutert, wo auf der Baustelle überall Mehrarbeit anfällt. Mehrarbeit, die er – anders als üblich – abrechnet. Ein Beispiel aus dem Projektalltag der DILB, die sich auf die Instal lation von Vorhangfassaden und Wärmedämm verbundsystemen spezialisiert hat: Es sollten Anputzleisten auf Fensterrahmen geklebt werden. Problem: Die Rahmen hatten einen Vorsprung, wodurch jede Leiste in drei Teile geteilt und einzeln verklebt werden musste. „Plötzlich kostet mich die Leistung nicht mehr die kalkulierten 9,90 Euro pro Vorgang, sondern zusätzlich 11,90 Euro – und das für dutzende Fenster im ganzen Gebäude“, erläutert der Thüringer. Smacra erlaube es dem Vorarbeiter, diese unerwartete Mehrarbeit schnell und sauber zu dokumentieren und abzurechnen. „Je nachdem, wie teuer oder erklärungsbedürftig der Nachtrag ist, können wir die veränderte Leistung erst anmelden und freigeben lassen oder direkt umsetzen und dokumentieren“, sagt Mittmann.
KI liest das Leistungsverzeichnis
Für die lückenlose Dokumentation wird das Projekt mit allen für den Betrieb relevanten Eigenschaften in Smacra angelegt: Wie viele Stockwerke, Räume pro Stockwerk, Wände und Oberflächen in jedem Raum gibt es? Dann wird das Leistungsverzeichnis (LV) mit den Kurzbeschreibungen und Langtexten zu jeder Position ins Programm geladen. Nun kommt die künstliche Intelligenz (KI) ins Spiel. „Die KI ist
Rechnet auf der Baustelle wirklich jede Leistung ab: Handwerksunternehmer Jürgen Mittmann.
ein weiterer Baustein. Sie liest die einzelnen LV- Positionen und ordnet ihnen die einzelnen Tätigkeiten automatisch zu, die wir zur Erfüllung der Aufgabe durchführen müssen“, berichtet der Unternehmer. Die Tätigkeiten würden mit allen dazugehörigen Wänden, Räumen und Stockwerken des Projekts verknüpft. Das versetze den Vorarbeiter in die Lage, jede spätere Abweichung auf der Baustelle blitzschnell zu erfassen und im System zu dokumentieren. „Sieht er an Wand drei in Raum fünf in Stockwerk zwei eine Unregelmäßigkeit, schießt er ein Foto und spricht eine Beschreibung der Abweichung ein. Die Sprache wird automatisch in Text gewandelt und mit dem Bild in der Cloud korrekt dem jeweiligen Projekt und Raum zugeordnet“, erklärt der Unternehmer. Seine KI hat das Unternehmen speziell für sein Gewerk und seine Leistungen vom Dienstleister Alpha Analytics anlernen lassen. Seit Mitte 2022 laufe sie stabil ohne Fehler. „Wir haben einen Demons trator online, den Kollegen gerne mit vorgefertigten oder eigenen Texten ausprobieren können“, empfiehlt Mittmann. Er selbst spare durch die Unterstützung bei der Zuordnung zwei Stunden Zeit pro Projekt. „Bei einem Ungeübten wären es vermutlich vier Stunden Einsparung“, meint der Betriebsinhaber.
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Früher lag meine Rendite im einstelligen Bereich, heute habe ich sie im Schnitt um den Faktor drei erhöht. Jürgen Mittmann, Unternehmer
Dadurch, dass der Betrieb jede Leistung abrechnet, entstünde auch mehr Wertschätzung für die Tätigkeit der Mitarbeitenden. „Sie sind kein Kostenfaktor in Form von Arbeitsstunden, sondern schaffen unheimlich viel Wertschöpfung. Das wird erst deutlich, wenn man jede Zusatzleistung abrechnet – anstatt sie unsichtbar im Bauprozess untergehen zu lassen“, erklärt Mittmann. Er ist überzeugt: Würden alle Beteiligten an einem Projekt mit seinem System arbeiten, gingen schlecht ausgeführte Einzelleistungen gegen null und Projekte würden früher und im Budgetrahmen fertig. „Unser Ziel ist es, genau das mit den richtigen Kooperationspartnern zu beweisen“, sagt der Unternehmer. Dann könne die Software auch zur Nutzung durch andere marktreif entwickelt werden. Bis es aber so weit ist, bleibt der Betrieb in seinen Projekten wohl der einzige Akteur, der mit einer lückenlosen Dokumentation seine Rendite voll im Griff hat. „Wir werden für unsere Transparenz nicht von allen gemocht“, stellt Mittmann fest. „Doch nur so vermeiden wir es, Risiken zu tragen, die andere im Projekt verursacht haben.“ DENNY GILLE W Link zum KI-Demonstrator: svg.to/kidemo
Einwanderungsgesetz für Fachkräfte beschlossen Ende Juni hat der Bundestag das Fachkräfteeinwanderungsgesetz beschlossen. „Das Gesetz enthält zahlreiche gute Ansätze, um Hürden aus dem Weg zu räumen und den Zuzug von ausländischen Fachkräften, die im Handwerk so dringend benötigt werden, nach Deutschland zu erleichtern“, sagt der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH).
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Neue Sicht auf Wertschöpfung
Arbeitskräfte sind Mangelware. Ein neues Gesetz soll jetzt für qualifizierte Zuwanderung sorgen.
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Wirtschaftszeitung der Handwerkskammer für Ostfriesland
128. Jahrgang | Nr. 7 | 14. Juli 2023
Sielhaupt in Norden originalgetreu aufgebaut Im Zuge der Landgewinnung ist das Gastmarscher Sielhaupt im Laufe vieler Jahrzehnte „gewandert“. Seit Mitte Mai ist es in Norden wieder an der Stelle zu finden, wo es 1758 auf Befehl von Friedrich dem Großen errichtet wurde. „Mich begeistert an diesem Werk vor allem die geschichtsträchtige Funktion“, sagt Sven Thater, Steinmetz- und Bildhauermeister aus Friedeburg. Zwei Teile des Sielhaupts hat er anhand von alten Bildern rekonstruiert. Die Steine stammen von alten ostfriesischen Burgen. Einige wurden weiterverwendet, andere neu aufbereitet. Fehlende Teile hat Thater ersetzt. Alle Steine sind aus Obernkirchener Sandstein. „Es freut mich, dass ich das ehemalige Ost- und Westhaupt – eine kleine und eine größere Mauer – wieder so aufbauen konnte, wie es vor Jahrhunderten einmal war“, sagt Thater. (JA)
Kontingent verdoppelt
Zu Recht werde erstmals für ausländische Fachkräfte mit Berufserfahrung ein Zuwanderungsweg geschaffen, der nicht zwingend vorsieht, dass die Zuwanderer zuvor ein Anerkennungsverfahren durchlaufen müssen. Sollte ein solches Verfahren dennoch nötig sein, könne es auch nachträglich erfolgen – also nach dem Start in einem deutschen Betrieb. Positiv bewertet der ZDH, dass die Westbalkan-
Regelung ausgeweitet und entfristet wurde. Dadurch können künftig pro Jahr 50.000 Staatsangehörige aus den sechs Westbalkan-Staaten Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt erhalten – bislang sind es 25.000. Laut ZDH könne insbesondere das Baugewerbe von diesen zusätzlichen Arbeitskräften profitieren. Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz sieht auch Erleichterungen beim Familiennachzug vor sowie die „Chancenkarte“ zur Arbeitsplatzsuche auf Basis eines Punktesystems. Ob das „tatsächlich zu mehr Erwerbsmigration führe“, werde sich laut ZDH erst in der Praxis zeigen. Die Handwerksorganisation fordert, dass die beschlossenen Regelungen „rasch und unbürokratisch umgesetzt werden“, damit sie „tatsächlich greifen und Fachkräfte aus dem Ausland schnell und in ausreichend großer Zahl kommen“. (AML)