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Wirtschaftszeitung der Handwerkskammer Oldenburg
127. Jahrgang | Nr. 10 | 14. Oktober 2022
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Vorkasse bei Unterschrift: Ein Energieversorger verlangt bei neuen VertrĂ€gen Anzahlungen â bis zu 50 Prozent des Jahresbedarfs sofort. Kein Einzelfall.
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Foto: Privat
Versorger fordern Vorkasse
nfang August hat Hermann Strathmann einen neuen Liefervertrag fĂŒr Strom geschlossen, mit der Enercity AG in Hannover, seinem langjĂ€hrigen Versorger. Die Laufzeit: zwei Jahre. Der Preis: 300.000 Euro pro Jahr, das Dreifache der bisherigen Kosten. Dennoch hatte das Angebot fĂŒr ihn einen Vorteil: âDas ist ein Festpreis, mit dem ich zwei Jahre kalkulieren kannâ, sagt Strathmann, Chef der Uhe Feinmechanik GmbH im niedersĂ€chsischen Hemmingen. Nur einen Haken gab es: Das Unternehmen sollte eine Anzahlung leisten â 150.000 Euro sofort auf ein Enercity-Konto fĂŒr Lieferungen ab 2023.
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Neunfache Energiekosten?
Foto: Martina Jahn
BĂ€ckerei-Chefin Caterina KĂŒnne ĂŒber Sonderkonditionen und was passiert, wenn diese auslaufen. Seite 3
In Versorgungssicherheit investiert
Kosten rauf, Umsatz runter
Strathmann hat die 150.000 Euro ĂŒberwiesen. âSonst hĂ€tte ich diese Konditionen nicht bekommenâ, berichtet er. Und ohne Strom fĂŒr die Metallbearbeitung lĂ€uft wenig in dem 36-Mann-Betrieb. Eigentlich wollte Strathmann von dem Geld eine neue Maschine anschaffen. Nun hat er den Betrag in seine Versorgungssicherheit investiert. âIch kann Enercity sogar verstehenâ, sagt der Unternehmer. âDie Versorger mĂŒssen beim Stromeinkauf in Vorleistung gehen, das fĂŒhrt aktuell bestimmt zu LiquiditĂ€tsproblemen.â Dennoch mache er sich Sorgen: âWas machen andere Handwerksunternehmen, die keine RĂŒcklagen haben? Die Kollegen sollten wissen, dass das auf sie zukommen kann.â TatsĂ€chlich ist die Uhe GmbH kein Einzelfall: Mal geht es um die Stromversorgung, mal um Gaslieferungen, mal um 20 Prozent, mal um 50 Prozent. Das Gewerk scheint dabei keine Rolle zu spielen. Die Enercity AG begrĂŒndet Anzahlungen von 50 Prozent so: Der Versorger mĂŒsse âenorme Geldsummen zur Risikoabsicherung vorhalten und bis zur Belieferung bindenâ, schreibt das Unternehmen in einer Stellungnahme. Welche Kunden solche Anzahlungen leisten mĂŒssen, âhĂ€ngt vom Beschaffungsmodell abâ. Die Kunden hĂ€tten die Wahl: Bei FestpreisvertrĂ€gen wĂŒrden Anzahlungen sofort fĂ€llig, bei sogenannten âTranchenvertrĂ€genâ erst bei Order der Tranchen. Nur bei kurzfristigen SpotmarktvertrĂ€gen gebe es keine Anzahlung. Bei SpotmarktvertrĂ€gen gibt es aber auch keine garantierten Preise.
Wir haben in Betrieben nachgefragt, wie sie die gegenwÀrtige Lage einschÀtzen. Seite 4
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Trotz 50 Prozent Anzahlung zufrieden: âDafĂŒr habe ich einen Festpreis fĂŒr zwei Jahre und damit Planungssicherheitâ, sagt Hermann Strathmann.
Energieexperte: âEs ist legalâ âEnercity ist nicht der einzige Versorger, der das macht, und es ist legalâ, berichtet indes Frank-Peter Ahlers, Umweltberater und Energieexperte der Handwerkskammer Hannover. âWir reden bei SondervertrĂ€gen von GeschĂ€ftsbeziehungen zwischen Unternehmen. Da besteht im Grundsatz Vertragsfreiheit.â FĂŒr die betroffenen Betriebe bedeutet das, âjeder Unternehmer muss selbst entscheiden, welche Konditionen und Risiken er eingehtâ.
Alternativen fĂŒr den Notfall: Grund- und Ersatzversorgung Ahlers weiĂ, dass solche Risiken fĂŒr Handwerksbetriebe derzeit sehr schwer zu kalkulieren sind. Doch zumindest gebe es noch Alternativen, betont der Berater, âauch wenn sie nicht attraktiv sindâ. Er spricht von dem Ausweg, der allen Handwerksbetrieben offensteht, wenn sonst nichts mehr geht: die Grund- und Ersatzversorgung.
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Insektenhotels fĂŒr den Kinderwald Foto: LV Bau
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Auf der Ideenexpo bauten Kinder und Jugendliche diesen Sommer Insektenhotels, die nun dem Kinderwald in Hannover-Stöcken gespendet wurden. An dem Projekt beteiligt waren das Tischlerund das Malerhandwerk. Tischlermeister und Vorstandsmitglied bei Tischler Nord Andree Zoppke: âEs ist klasse, dass wir mit diesem Projekt zeigen konnten: Ja, die Besucherinnen und Besucher der Ideenexpo haben ein wirkliches Interesse daran, sich fĂŒr Nachhaltigkeit einzusetzen!â Vor Ort war auch Malermeister Christopher Schmitz. Sein ResĂŒmee: âDas Bemalen der Insektenhotels ermöglichte viele GesprĂ€che mit den SchĂŒlern: Sie konnten live erleben, dass wir in den Bau- und Ausbauberufen jeden Tag nachhaltig unterwegs sind.â (JA)
Mit diesem Preis kann ich planen. Und ich kann ihn wahrscheinlich weitergeben. Hermann Strathmann, Unternehmer
Die Grundversorgung gebe es fĂŒr Betriebe mit einem Verbrauch von maximal 10.000 Kilowattstunden im Jahr. Allen anderen stĂŒnde die Ersatzversorgung offen. Allerdings seien die Preise in beiden Varianten nicht verhandelbar. âIn der Grundversorgung kann der Anbieter den Preis monatlich neu kalkulieren und anpassen. DafĂŒr können die Kunden jederzeit kĂŒndigen.â In der Ersatzversorgung gelte der festgelegte Preis zwar dauerhaft. Doch nach drei Monaten ende der Anspruch auf Ersatzversorgung. In der Zeit âmuss der GeschĂ€ftskunde eine andere Alternative finden â aber das sollte möglich seinâ, betont Ahlers. Hermann Strathmann traf die Entscheidung im August: âDas Risiko weiterer Preiserhöhungen wollte ich nicht eingehenâ, berichtet der Unternehmer. âMit diesem Preis kann ich planen. Und ich kann ihn wahrscheinlich an meine Kunden weitergeben, die auch Planungssicherheit wollen.â JĂRG WIEBKING W
Gaspreisbremse âschnell umsetzenâ Das Handwerk begrĂŒĂt die PlĂ€ne fĂŒr eine Gaspreisbremse, sieht aber noch viele Fragezeichen. Als âein gutes Signalâ hat Hans Peter Wollseifer die erste AnkĂŒndigung der Bundesregierung fĂŒr eine Gaspreisbremse Ende September bezeichnet. Das Handwerk habe eine solche âPreisbremseâ schon Wochen zuvor vorgeschlagen, betonte der ZDHPrĂ€sident in einem Statement kurz vor Redaktionsschluss. Jetzt komme es âvor allem auf die konkrete und schnelle Umsetzungâ anâ. âHier sehen wir aktuell noch viele Fragezeichenâ, betont Wollseifer. Zudem mĂŒsse klar sein, dass energieintensive Betriebe âweiter dringend gezielte und direkte HĂ€rtefallhilfen brauchenâ, um Insolvenzen zu verhindern. Neben einer Strompreisbremse fĂŒr den âBasisverbrauchâ von KMU hatte die Regierung PlĂ€ne fĂŒr eine Gaspreisbremse vorgestellt. Details zur Gaspreisbremse soll eine Expertenkommission bis Mitte Oktober
ausarbeiten, allerdings anhand von âLeitlinienâ der Regierung: É Sie solle die Preise âzumindest fĂŒr einen Teil des Verbrauchsâ âauf ein Niveauâ bringen, âwelches private Haushalte und Unternehmen vor Ăberforderung schĂŒtztâ. É Sie solle âAnreize zur Reduktion des Gasverbrauchsâ enthalten. É Geplant ist eine zeitliche Befristung mit der Möglichkeit einer VerlĂ€ngerung. É Zudem solle die Gaspreisbremse âhandhabbarâ und âzeitlich schnell umzusetzenâ sein. Zudem sollen Unternehmen, âdie nicht in ausreichendem AusmaĂ von der Strom- und Gaspreisbremse erfasst werdenâ, LiquiditĂ€ts- und Eigenkapitalhilfen zur VerfĂŒgung stehen. Auch eine âRegelung fĂŒr HĂ€rtefĂ€lleâ will die Regierung schaffen. (JW)