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Nr 14 1941

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SCHNEE JAHRBUCH DES SCHWEIZERISCHEN AKADEMISCHEN SKI-CLUB ANNUAIRE DU SKI-CLUB A c A D ~ M I Q U ES U l S S E

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1 No. 14 / 1941

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SCHNEE Jahrbucli des Scliwcizcrischen Akademisclien Ski-Club Bd. 4, No. 1% 1941 Schriftleitung : Waltcr Amstut

INHALTSVERZEICHNIS

Schneehase - was nun? Ich gedenke der Berge.. . Von Arnold Lunn, SAS, London Die vier Stufen des Skifahrens. Von Dr. Henry Hoek, SAS, Davos Der Abfahrtssport in Schweden. Von Sigge Bergman, Stockholm Kritische Betrachtungen zur Mehrkampfbewertung in den Skikampfdisziplinen Von Dr. Christian Meisser, SAS, Winterthur

PRHSIDIAL-, S K I Jahresbericht 1941142 Rapport du Rennchef sur la Saison 1941142 I n Memoriam: Martin Fritzsche, 1920-1942 17. SAS-Rennen 1942 in Zermatt

UND CLUBBERICHTE


Auf Parsenn. Photo Eelene Fischer


A n s c h r i f t d e r S c h r i f t l e i t i i n g : D r . W a l t e r A m s t u t z , 4 5 N 端 s c h e l e r s t r a s s e , T e l . 7 1 2 1 5 , Z端rich


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SCHNEEHASE W A S N U N ?

Mit dem Erscheinen ieser Nummer läuft unser Vertrag mit dem Verleger ab. Dieses Jahrbuch ist nun seit 1927 vierze al erschienen und hat sich in dieser Zeit seinen Platz gewissermaßen selbst angewiesen. Junge U ternehmen brauchen gewöhnlich „Dynamik", von der heute so gern und so oft gesprochen wird. Der SAS kann behaupten, daß er mit diesem ,,Triebstoff", wenn auch nicht immer, so jedenfalls zeitweise, sich fortbewegen ließ. Gelegentlich miiß auch der Gang gewechselt werden. Das scheint heute wieder einmal der Fall zu sein. Der Anfang dieses Jahrbuches war Selbstverlag. Für die Finanzierung der ersten drei Nummern sorgte der Schriftleiter selbst. Es folgte ein vierjähriger Verlagsvertrag mit der Imprimerie Populaire in Lausanne und anschließend eine sechsjährige Vereinbarung mit dem Art. Institut Orell Füßli in Zürich (5 ganze und 2 halbe Nummern). Es ist dem Schreibenden eine angenehme Pflicht, dem Verlag für die großzügige Art und Weise, wie er den Wünschen des SAS und des Schriftleiters je und je entgegengekommen ist, im Namen des Clubs und auch persönlich zu danken. Wir können uns nichts Besseres wünschen, als eine neiie Vereinbarung mit dem alten Verleger wieder abzuschließen. Dabei sind wir uns bewußt, daß heute die Zeiten nicht so sind, wie sie auch schon waren, und daß wir wahrscheinlich für unser Jahrbuch in Zukunft einen größeren Beitrag leisten müssen wie bis anhin. Eine beinahe zwanzigjährige Geschichte unseres Clubs aber bestärkt uns im Glauben an uns selbst. Vielleicht brauchen wir auch wieder ein klein wenig von jener „Dynamik", die uns einst ins Leben brachte. Um uns brandet immer noch das große Chaos, und noch ist das Ende nicht abzusehen. Für internationale Belange ist die Zeit der Zusammenarbeit noch nicht angebrochen, aber sie wird einmal kommen, so sicher wie der Winter den Herbst ablöst. Und wonn einmal diese Zeit da ist, so dürfte diesem Jahrbuch - wie kaum einem anderen - der Weg offen stehen, eine große skisportliche Mission zu erfüllen, die weit über den Rahmen des ursprünglich gesteckten Zieles geht. Eine Aufgabe des Sportes wird es sein, beizutragen, daß aus den Feinden von gestern Freunde von morgen werden und nicht umgekehrt, wie dies bislang bei sportlichen Veranstaltungen der Fall war, so daß man einst den Ausspruch wagen durfte, die Olympischen Spiele seien die beste Vorbereitung zum nächsten Weltkrieg. Dabei wird es zu empfehlen seiri, dem Sport wieder die Bedeutung zu geben, die ihm von Haus aus zukommt - neben der körperlichen und geistigen Erziehung soll Sport immer noch Erholung bleiben ! Schneehase, was nun - wo geht die neue Spur?

Zürich, in1 Dezember 1942.


I C H G E D E N K E DER B E R G E . . . . T70n Arnold Lunn, SAS, London

I.

E I N JUBILHUM Grindelwald feierte das Gedenkfest seines fünfzigjährigen Bestehens als Winter-Sport-Platz,und man hatte mich gebeten ein paar Worte zu sprechen vor den im Hotel ,,Bär" versammelten Gästen. Mein Freund Grob, Kurdirektor in Grindelwald, hörte sich meine kleine Rede mit vorbildlicher Geduld an; dann führte er mich in die Bar. ,,Wissen Sie auch", so fragte ich ihn, „daß ich im Jahre 1942 mein eigenes goldenes Jubiläum feiern kann als Gast von Grindelwald? Ich wurde geboren am 18. April 1888, und meine erste bewußte Erinnerung ist die an den großen Brand, der den alten Bären zerstörte und das halbe Dorf in Asche legte." ,,Dann müssen wir Sie zu einem Bankett im Bären einladen", meinte Grob. Manchmal geschehen ja Zeichen und Wunder; und vielleicht kann ich tatsächlich und trotz allem dieses ,,Gold-Jubiläum" feiern in dem Tale, das ich liebe. Aber es wird nicht sein im „Bärenc'. Denn der ,,Bär" brannte abermals ab, zwei Jahre vor dem fünfzigsten Jahre nach seiner Wiedergeburt. Der alte ,,Bär" erlebte die goldene Zeit des Bergsteigens, der junge ,,Bär" die goldene Zeit des Skilaufs. Der junge wie der alte haben sich geweigert die Zeiten zu überleben, für die sie symbolisch waren. Der alte ,,Bar" war das geheiligte Bergheim des Alpine Club; willkommen waren die Auserwählten. Seine Atmosphäre war ein bißchen kühl für das ,,profanum vulgus", für die große Masse - das heißt für all jene, die man zusammenfassend als ,,Ausflugreisende" bezeichnen und damit gleichzeitig verdammen kann. Der Alpine Club jener Tage rekrutierte sich aus den Reihen der Bischöfe, Richter, Pfarrer, Rechtsanwälte, Dekane und Schulmeister. Er war ein Querschnitt durch die viktorianische ,,Gesellschaft" und genau so klassenbewußt wie ein Verein fanatischer Marxisten. Der neue ,,BärL'entstand irn Jugendalter des Wintersports. Die englischen Pioniere teilten ihre Tage zwischen den byzantinischen Orthodoxien der britischen Schlittschuh-Schule und Schlittelparties in das ,,Happy Valley". Vom ,,Bären" aus begann Fox seine Versuche mit den ungebärdigen Brettern. Das war bereits im Jahre 1891, kurz bevor E. C. Richardson in Davos das Fundament des englischen Skilaufs legte. Davos war der Geburtsplatz des britischen Skilaufs, in Mürren erblickte der moderne Skilauf das Licht des Schnees; denn in Mürren wurde der Kandahar-Club gegründet und die Kunst des Slaloms entwickelt. Und wenn auch das älteste internationale Abfahrtsrennen (das Anglo-Swiss University Meeting) in Mürren organisiert wurde - wo auch der Slalom-Lauf veranstaltet wurde -, so war es doch der Tschuggen-Hang, auf dem die britischen und schweizerischen Studenten zum ersten Male im Abfahrtsrennen sich maßen. Und es war in der Bar des neuen „Bärenc', wo wir die tüchtige Leistung der britischen Mannschaft feierten, die zwar geschlagen war, aber eine ehrenvolle Niederlage erlitten hatte. Allmählich begannen die Skiläufer auch nach Grindelwald zurückzukehren, statt die Hänge der beiden Scheidegg bloß von ihrem Standort in Wengen und Mürren aus zu erforschen und zu benützen. Der Kandahar-Ski-Club gründete 1936 einen Zweigverein in Grindelwald und im letzten Winter vor dem Kriege gewann Robert Readhead (der in Grindelwald das Skilaufen gelernt hatte) den Becher des Herzogs von Kent ; das war eine unoffizielle Weltmeisterschaft der im Flachland wohnenden Skiläufer. Und damit schloß ein schöner Sieg das goldene Zeitalter des britischen Skilaufs ab. Im ersten Kriegswinter besuchte ich die Alpen auf der Rückreise aus dem Balkan und zum letzten Male sah ich den ,,Bärenu im Februar 1940, geschlossen und verlassen. Ich war in Florenz, als die Deutschen in Holland einrückten, und ich verließ Paris unmittelbar nachdem die Deutschen die Maginot-Linie bei Sedan umgangen hatten. Das europäische Festland betrat ich erst wieder, als ich am 11. Oktober 1941 in Lissabon landete. ES tat mir sehr leid, England zu verlassen; als aber der Clipper einmal auf dem Wege nach Lissabon war, wurde mein Bedauern gemäßigt durch die Vorfreude, wieder in den lateinischen Süden zu


kommen; schon lange vor dem Morgengrauen war ich wach und hielt am Horizonte Ausschau nach den ersten Anzeichen von Land. Noch lange nachdem bereits das Dunkel am östlichen Himmel geschwunden, lag die Nacht noch über dem Atlantik. Tausende von Fuß unter uns war der dunkle Ozean sichtbar durch Risse in einer Nebeldecke, auf deren Oberfläche mit regelmäßigen Unterbrechungen ein Licht aufleuchtete - wie ein Stern, der auf seinem Falle zur Erde in einem Wolkennetze gefangen wurde. Und dann entpuppte sich der Stern als die Lichtkegel eines Leuchtturmes, dessen Kopf sich gerade noch durch die niederen Nebel auf dem Wasser bohrte. Was aber waren die schwarzen Gestalten im Osten? Wolken? Mein Herz schlug schneller wie diese wolkenähnliche Formen sich als Berge erkennen ließen - als richtige Berge. Ich hatte Abschied genommen von den Alpen auf der Terrasse vor dem Bundeshaus in Bern, als die deutschen Panzerwagen bei Sedan durchbrachen, und die nächsten Berge, die ich sah, waren die Rockies von Denver aus. Auch sie sind schön in ihrer Art; aber mir fehlten die Toten alle, die Römer, die Burgunder, die Habsburger. Denn zuzeiten hört man auch heute nooh den Tritt der Legionen auf den Straßen, die die Römer bauten; und das Echo von Rolands Horn schwingt noch leise im Tale von Roncevalles. Es war schön zurückzukehren zu Bergen, die verwurzelt waren in den Jahrhunderten der Geschichte ;zu Bergen, die die Römer hatten kommen sehen und die den Rückzug der Sarazenen erlebt hatten; zu Bergen, deren Vorland beschützt wird von alten Burgen, in deren Täler christliche Heiligtümer stehen und wo Virgil's Flüsse, ,,fluminaque subterlabenta muros", die Mauern zerfallener Befestigungen spiegeln. Unser Clipper segelte über spielzeugkleine Kastelle und machte dann eine perfekte Landung auf dem glatten Wasser der großen Bucht. Vor Ausbruch des Krieges hatte ich in dem verzauberten Garten von St. Remigio, oberhalb Pallanza, gewohnt, und wie ich nun vor dem Zollhause stand und den Tagus erwachen sah zum Glanze eines Tages im Süden, da fühlte ich, daß der Lago Maggiore ein bißchen näher gerückt war. Hier, wie dort, schwanden allmählich die Schatten, wie die Sonne stieg; ich sah denselben goldenen Schimmer auf den Hügeln, die sich der wachsenden Hitze ergaben; fühlte dieselbe zarte Brise, die dem Morgendämmern folgte und das Wasser fast unmerkbar kräuselte in einer Landschaft, die erfüllt war von geschmolzenem Silber und durchsichtigstem Blau. Noch am selben Nachmittag reiste ich weiter nach Madrid, das ich zum letzten Male während des Bürgerkrieges vom Friedhof aus gesehen hatte. Das Madrid, in das ich zuriickkehrte, war eine leiderfüllte Stadt, überschattet von einer ungewissen Zukunft, und ich war Miß Aileen O'Brien sehr dankbar für das Auto, in dem wir für einige Stunden in die Berge flohen. Wir fuhren durch die Ruinen des Universitätsviertels und vorbei an Dörfern, die der Krieg gezeichnet hatte, zur langgezogenen Mauer der Sierra, in der der Escorial steht. Die ruhige Schönheit der herbstlichen Berge, deren Gipfel vorzeitigen Schnee trugen, erinnerte mich an die Pracht der Alpen im Oktober. Ich mußte an das Berner Oberland denken, an das fahle Grün der verlassenen Alpen, überzuckert vom ersten Herbstschnee, an den edlen Vorhang der Wälder, der sich hinabsenkt zu den Seen, an die Flammen der Lärchen im dunkeln Hang der Tannen, an das Purpur sterbenden Laubes, das sich kopfstehend spiegelt im klaren Blau des Brienzer Sees und an das milde goldene Licht, zart und doch klar, märchenhaft in seiner Verbindung von Durchsichtigkeit und Atmosphäre. Unser Wagen hielt in der Nähe des Escorial und plötzlich hörte ich einen Ton, der eine ganze Flut von Erinnerungen aufsteigen ließ : Es war das Bimmeln einer Kuhglocke! Ein Stier zog langsam auf der Straße seines Weges. Ich schloß die Augen und versuchte mir weiszumachen, daß ich einem dirigentenlosen Orchester der Wengeneralp lauschte. Aber die Berge oberhalb des Escorial erwecken Erinnerungen, die sehr verschieden sind von denen der Alpen. Denn ich hatte diese Berge das letztemal während des Bürgerkrieges gesehen. Der Sohn eines Freundes von mir war Befehlshaber einer Kompanie, die einen Vorposten nahe dem Gebirgsrücken zu verteidigen hatte. Er war von der Höhe herab gekommen, um seinen Vater zu sehen; nooh kann ich mich erinnern an das Heulen einer verirrten Kugel, wie sie zusammen fortgingen; noch sehe ich den Gegensatz zwischen der ganzen Verwüstung durch den Krieg auf den Bergkuppen und der Schönheit der Frühlingsblumen im Tale. „Vom Gipfel des Berges, wo mein Sohn kämpfti', hatte mein Freund gesagt, „kann man den Escorial sehen."


Der Escorial ist ganz autochthon, denn er ist erbaut aus dem Granit der benachbarten Sierra. Er ist so streng und hart wie das Material, das für ihn gebrochen wurde; er ist so finster wie das Spanien, in dem er entstand; so abweisend-unnahbar wie der König, der ihn sich als Grabmal errichtete. Großartig ist er - jawohl. . . Und doch sehnte ich mich nach den Türmen von Thun oder Chillon. Und Erinnerungen stiegen auf an Byron's Gefangenen, an „das Stückchen See, das mich lächelnd grüßt", an die blauen Weiten des Genfer Sees mit seinen lateinischen Segeln; und eine Bemerkung meiner Frau kam mir in den Sinn - kurz bevor Chamberlain nach München flog -, wie wir zurückkehrten in die Schweiz. Wir hatten in St.Remigio gewohnt; und obwohl die Italiener nicht angesteckt waren vom Engländerhaß, den die Fascistische Presse predigte, so schien doch die Sonne Italiens bereits verdunkelt von Schatten kommender grausamer Geschehnisse. Es war das erstemal in meinem Leben, daß ich froh war, Italien hinter mir zu lassen. Und als der Zug aus dem Dunkel des Simplon-Tunnels tauchte in das Licht der gesunden und nicht krankhaft aufgeblasenen Schweiz, da rief meine Frau aus: „Ist es nicht herrlich, wieder in diesem schonen Land zu sein, das Gottes Hand liebkoste?" Wenn Gottes Hand aber auch über die Berge ging, die auf den Escorial herabschauen, so ging sie in diesem Falle gegen den Strich. Die unfreundlichen Büschel stachligen Grases auf den Kämmen lassen nicht an Schatten für den Liebhaber der Berge denken, sie taugen höchstens als Deckung für den Kampfer irn Gebirge. Und die mageren Wälder stehen starr wie die gesträubten Haare auf dem gekrümmten Rücken einer fauchenden Katze. Und dies ist wieder einmal ein gutes Beispiel für das, was Ruskin den ,,pathetischen Fehlschluß" nennt, der Fehlschluß, aus dem heraus wir unsere in die Natur hinausprojizierten Gefühle auf uns wirken lassen. So kam es, daß in einer Stimmung, die erfüllt war vom Heimweh nach den Alpen, die ernsten Sierren mir den kompromisslosen Fanatismus Spaniens zu symbolisieren schienen. Alles oder nichts - Todo o nada - ist der Schlüssel zum Verständnis der Geschichte dieses Landes; und das schweizerische Mosaik von Sassen würde sich schon längst aufgelöst haben, hätten die Schweizer nicht die Technik gemeistert „die Unterschiede zu zerlegen" übrigens eine Technik, in der die Briten ihre einzigen Rivalen sind. Auch die Schweiz wurde von den Wogen der Reformation und der Revolution erfaßt - aber diese geistigen Unwetter hatten sich der Hauptsache nach schon ausgetobt, bevor sie die Schweiz erreichten. Die Schweiz hat keinen Torquemeda noch Robespierre hervorgebracht, und es ist ganz bezeichnend, daß die Grenzstadt Genf, die am wenigsten schweizerische der StBdte des Landes, der Schauplatz war von Calvins Experiment und Fanatismus. Sogar die Schweizer Bürgerkriege machen keine Ausnahme; und der Sonderbund-Krieg von 1848 verursachte weniger Verluste an Menschenleben, als der Monat sogenannten Friedens, der dem Bürgerkrieg in Spanien vorausging. Das Leben zwingt uns unter Opfern zu wählen . . . Und große Kunst ist nicht das Nebenprodukt von Toleranz, sondern kritiklosen Glaubens. Das Zeitalter, das den Escorial hervorbrachte, war eine Zeit fanatischer Glaubensüberzeugung, starren Feudalismus, edler Kunst - eine Zeit voller Grausamkeit und Dreck. Das neunzehnte Jahrhundert war eine Zeitspanne wachsenden Skeptizismus, des Aufkommens der Demokratie und des Humanitarismus, künstlerischer Dekadenz und bewundernswerter Hygiene. Leider aber - wie uns Cnossos beweist - kann auch eine gute Installation eine Zivilisation nicht retten. Torquemeda war gewiß ein hoher Preis für den Escorial - aber „Main Street" gibt uns zu bedenken, daß ein Fortschritt in der Architektur nicht unbedingt auch einen solchen in ethischer Beziehung bedingt. Schöpferische Rassen sind wie die Bienen: nimmt man ihnen den Stachel, so sterben sie. Wäre unsere Welt weniger grausam als Torquemeda, und hatte die Überzeugung, daß kein Preis zu hoch ist, den man für den Frieden bezahlt, uns wirklich den Frieden gebracht - nun, dann könnte man sich abfinden mit dem Untergang der Kunst. Aber so ist es nicht . . . Das verweichlichte und schmerzfürchtende Temperament eines skeptischen Humanismus hat den Weg bereitet für einen neuen Fanatismus und für ein Zeitalter des totalen Krieges. Alle Grausamkeit vergangener Epochen erwacht wieder zum Leben - aber ohne deren versohnende künstlerische Glorie. Auf konkrete Beispiele, die dies beweisen, möchte ich lieber verzichten. Ich nahm Abschied von Europa auf den Azoren und von dem letzten Vorposten Großbritanniens


a b der Clipger Bermuda verließ. Stunde um Stunde flogen wir über einen Teppich in zartesten Farben leuchtender Wölkchen; das erinnerte an ein alpines „NebelmeerU; aber die ungeheure Monotonie dieser unbelebten und leeren Riiume, ,„vacuaet i n a h regna", wurde nicht gemildert durch ragende, die Wolken durchbrechende Gipfel, die wie Inseln über dem Schaum dsr Nebel stehen. Und unter dimen Wolken war kein geliebtes Brienz oder Luzern, sondern nur die dunklen Einöden dee wogenden Atlantik. Die ersten Zeilen dieses Kapitels schrieb iah am 15. November 1941 in Lissabon, und ich schlieRe es ab mitten im Sommer 1942. I& habe aber keine sechs Monate gebraucht, um meine Siltze auszufeilen. Denn ich schreibe diese letzten Worte in Lima - und wenn wir auch mitten im Sommer sind, so ist das Datum 12. Januar 1942. Mein Sehiff verlieG New York kurz nachdem die Vereinigten Staaten in den Krieg eingetreten waren. Alle Liehter waren verdunkelt und alle Kabinenfenster des Nachts hermetisch geschlossen. Da8 hatte zur Folge, daI3 dm Leben unter Deck fast unerträglich war, nachdem wir die Tropen erreicht hatten. So schlief ich denn auf Deck und sah den Polarstern unter den Horizont sinken, wahrend das Kreuz des Südens über die Wogen empor stieg; und dann wußte ich, da13 nicht nur der Atlantik, sondern auch der Äquator mich trennte von allem, was ich liebe. Weihnwhten in dem Caribkhen Meer war eine groteske Parodie von Weihnachten in Mürren. Die Mitternachtmesse wurde zelebriert in einem M t losen Salon bei abgeblendetem Licht und versiegelten Luken. Dar Priester wie die Versammlung der Glilubigen troffen vor Schweiß. Und ich gedachte der frosthellen Sterne der Weihnachtstage in den A l p n und aller Freunde, die Mürren nie mehr sehen werden. Soeben bin ich in mein Zirnmer zurückgekehrt, nachdem ioh mir eine Abendzeitung gekauft habe, in der eine ganze Menge unnötiger Einzelheiten stehen über die Pläne der A~hsesun(Ic.hte,soweit ~ i e Malta betreffen. Es sind zurzeit zu viele Lunns in Malta! Peter ist da und Antoinette und mein Enkel


David und die kleine Innominata. Ich nenne sie so, weil ich ihren Namen noch nicht weiß. Alles, was ich von ihr weiß, ist, daß sie ,,ihrem Großvater erschreckend ähnlich sieht" -wie in dem etwas unehrerbietigen Telegramm stand, das ich bei meiner Landung in New York bekam. „Los bombardeos Contra Malta han sido casi continuos en las ultimas semanas." Ich denke, ich werde die Abendausgabe von ,,La Noche" morgen nicht kaufen. . . Ich landete in Callao, dem Hafen von Lima, am 1. Januar. Und wie ich über die staubige Straße der „verbrannten Erde" den regenlosen Bergen zufuhr, dachte ich an Ernst Gertsch, der den „Neujahrs-Slalom" aussteckte. Wenn der Tag des jüngsten Gerichts auf den 2 . Januar festgesetzt würde, ich bin überzeugt, Ernst würde sein klassisches Rennen ausfahren lassen noch vor dem letzten Posaunenton. Ich hatte das Gefühl, daß der Kalender etwas in Unordnung sei, denn der peruanische Januar schien mir so grotesk wie manche Versuche einer Neuordnung der Welt. Und ich sehnte mich nach dem zarten Singen der Schneekristalle, wenn der Ski eine geschützte Lichtung furcht; sehnte mich nach den Schneehängen, die übergoßen sind von dem gemlißigten Licht einer belebenden Sonne, so himmelweit verschieden von der glühenden Kugel, deren mitleidloses Leuchten jedes vorwitzige grüne Bliittchen Grases in den Küstenbergen Perus ausgemerzt hat. ES waren nicht nur die Jahreszeiten, die vertauscht waren, wie ich den Äquator überschritten hatte. Ich kam wieder in den Sommer zurück und gleichzeitig in die Vergangenheit der Kolonialzeit. Eine neue Zivilisation wird gerade in Nordamerika geboren - und eine alte Kultur stirbt in Peru. Was geblieben ist vom Vizekönigtum Lima ist ein kleines Stückchen altes Spanien, verlassen und vergessen, an der fernen Küste des Pazifiks. Die herrschenden Familien, der Hauptsache nach Spanier, oder wenigstens spanischer Herkunft, werden an Zahl zwanzig- oder dreißigmal übertroffen von den


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