ZU BESUCH BEI DEN
LANGHALSFRAUEN Fotostory: Tom Richter
Diese Frauen lächeln. Sie gucken nicht besonders ernst, vielleicht etwas majestätisch, aber das Lächeln ist ganz eindeutig und es ist in vielen Gesichtern zu sehen. Warum auch nicht? Ihre Bräuche sind ihnen längst Alltag geworden. Vielleicht würden die Frauen und Mädchen an den Halsschmuck nicht oft denken – wenn wir nicht
wären, die wissensdurstigen Besucher aus Europa. Unsere Augen müssen sich eine Weile an die „Giraffenfrauen“ gewöhnen, und an ihre eigentümlichen, langsameren, vorsichtigen Halsbewegungen.
Wir sind im Norden Thailands in der Nähe der Provinzhauptstadt Mae Hong Son, wo wir drei Dörfer besuchen. Besonderes Kennzeichen unseres alten Toyota: die zerbrochene Fensterscheibe. Etwa eine Stunde geht es bei sonnigem Wetter durch die Landschaft, vorbei an grünen Anhöhen und kleineren Bergen. Knapp drei Stunden haben wir Zeit, um dieses besondere Volk kennenzulernen. Der ursprüngliche Glaube der Menschen hier ist animistisch: mit Geisterwesen, Prophezeiungen, Traumdeutungen, dem berühmten Hühnerknochenorakel. Durch Missionierung italienischer Mönche kam der katholische Glaube dazu, außerdem spielt Buddhismus eine Rolle. Unser Guide nennt sie Padaung, wobei die Langhalsfrauen selbst diese Bezeichnung nicht oft verwenden. Bunte Bänder schmücken die bis zu 40 Halsringe der ältesten Trägerinnen. Um das Kopfhaar wehen leichte, farbige Tücher. Ihre Körperbekleidung ist traditionell, manchmal gemixt mit westlichen Einflüssen. So sind hier und da Armbanduhren zu sehen, die gerade auch bei uns hip wären. Die Ringe aus Messing, von denen man schon an vielen Orten der Welt gehört hat, werden spiralförmig um den Hals und Nacken gelegt, ähnliche Objekte um die Unterarme und Knie. Der Schmuck wird regelmäßig am Körper gesäubert. Man kann die mehrere Kilogramm schweren Spiralen abnehmen und wieder anlegen lassen, um sie zu strecken, wobei das Anlegen mehrere Stunden dauert. Zum Arbeiten oder Schlafen werden sie jedoch nicht abgelegt, im Laufe des Lebens allerdings mehrmals durch größere Exemplare ausgetauscht.
Anatomisch gesehen nimmt durch das jahrelange Tragen nicht eigentlich der Hals an Länge zu, auch wenn es optisch so wirkt, sondern die Schulterknochen werden nach unten gedrückt. Allerdings kommt es dann zu einer Rückbildung der Halsmuskulatur - ein Problem, wenn die stützende Spirale dauerhaft entfernt wird. Überraschend: Gerade der Gold- bzw. Messingschmuck an Armen und Füßen zeigt Ähnlichkeiten mit afrikanischen Stämmen. Traditionell übten die Padaung andere Berufe aus: Landwirtschaft mit Terrassenfeldern, Tierhaltung, Jagd, das Weben. Das veränderte sich im Lauf der Zeit durch die vielen Reisenden. Heute empfangen die Frauen Besucher, lassen sich fotografieren und erzählen, wie die Ringe um ihren Hals kamen und was ihnen der Schmuck bedeutet. Teilweise lassen sich Mädchen bereits im Kindergarten das Messing anlegen – verbunden mit einer Zeremonie, bei der auch das Horoskop zu Rate gezogen wird. Jedes Jahr kommt durch das Weiterdrehen und Formen der Metallspirale ein neuer Ring dazu. Durch diese
zeitliche Verzögerung werden dauerhafte Schmerzen vermieden. Der Körper passt sich langsam an. Woher stammt eigentlich dieser Brauch? Realistische Erklärungen besagen etwa, dass der glänzende Metallschmuck als Schutz vor dem früher oft vorkommenden Frauenraub zwischen verschiedenen Stämmen diente. Durch die Messingspirale und das körperliche Erscheinungsbild waren die Padaung eindeutig und schon von weitem zu identifizieren. Eine alte Legende wiederum erläutert: Die Frauen mit den goldenen Hälsen wurden von einem am Nacken gepanzerten Drachen gezeugt, der sich in Frauengestalt mit einem Mischwesen vereinigte, halb Mann, halb Engel. Zwei Kinder wurden geboren – die Urahnen. Um ihre Abstammung zu zeigen, werden die Metallspiralen bis heute verwendet, als Referenz an den Drachen. Vielleicht die schönste Erklärung in einer Zeit, die wieder empfänglich wird für Mythen und Legenden.
STAMM DER PADAUNG
· eigene Bezeichnung: Kayan Lahwi · Volksstamm der Karen · siedelt an der thailändisch-burmesischen Grenze, aktuell etwa 7.000 Menschen · die ursprünglichen Dörfer liegen im Hochgebirge Myanmars · aufgrund von Bürgerkriegen und Militärdiktatur flüchteten die Padaung nach Thailand · je mehr Ringe eine Frau trägt, umso höher traditionell das Ansehen der Familie