GEHEIMNISVOLLE RITUALE
DES TODES Fotoreportage: Tom Richter Redaktionelle Bearbeitung: Luisa Schröder
Der Tod ist bei uns in Deutschland eher ein Tabuthema. Für die Menschen Indonesiens, insbesondere für die Toraja-People auf der Insel Sulawesi, ist es mehr ein fröhliches Fest, den Toten ins Jenseits zu verabschieden.
Eines Abends saß ich in Rostock mit einem Freund zusammen. Wir aßen Fisch im Restaurant Borwin und waren guter Dinge, als er mich fragte, wo ich im Februar dieses Jahres gewesen wäre. „Auf der Insel Sulawesi“, antwortete ich. „Ist das in Afrika?“, fragte er weiter. „Nein, die Insel liegt in Indonesien, gefühlt ist das am Ende der Welt - so kurz vor Australien.“ Kurze Pause. „Und warum ausgerechnet dorthin? „Weil dort die Toraja leben. Das auf dem Hochland siedelnde Volk ist berühmt für seine besonderen Riten. Die Menschen zelebrieren diesen animistischen Todeskult, der uns als Europäern fremd ist. Ich habe mir dort eine Trauerfeier angeschaut, ein sehr spezielles Ereignis für mich.“ Und so begann eine längere Geschichte. Das Außergewöhnliche bei diesem christlich geprägten Bergvolk: Wenn ein Mensch stirbt, wird dieser auf eine unbestimmte Zeit, manchmal über Jahre hinweg, in seinem Haus aufgebahrt. Täglich wird er mit Essen und Trinken versorgt und lebt solange mit der Familie weiter, bis er schließlich beerdigt wird. Bei den Toraja gelten die Verstorbenen nämlich nicht als tot, sondern als krank. Erst wenn sie zu Grabe getragen werden, sind sie tot. Aber auch das ist nur der Übergang ins nächste Leben. Die verstorbene Frau, deren Trauerfeier ich als Gast verfolgen durfte, war ein Mitglied der obersten Klasse. Fast 1.000 Gäste kamen ins Dorf, um von ihr Abschied
zu nehmen. Ich hatte das Glück, mit einem persönlichen Guide unterwegs zu sein, Erick, den ich einige Wochen zuvor per Internet kennengelernt hatte. Es handelte sich um seine entfernte Tante, die beerdigt wurde. Die Frau wurde auf einen zentralen Platz ihres Geburtsortes, den sogenannten Rante, gebracht und nach mehreren Tagen in den Tod verabschiedet. Auf dem Platz stehen traditionelle Holzhäuser. Die „Tongkonan“ fallen durch ihr spezielles Aussehen ins Auge. Ihre Satteldächer ähneln Schiffsrümpfen, die mächtig in den Himmel ragen. Daneben befinden sich Bambushäuser, die extra einige Wochen vorher für die Trauerfeier gebaut und nach der Zeremonie wieder abgerissen werden. In diesen Häusern hält sich ein Teil der Trauergäste auf. Das Ritual der Feier beginnt mit dem Heranbringen der Toten. Die 74 Jahre alte Frau wird in einem Sarg, prunkvoll mit den Farben Rot und Gold verziert, auf dem Totenturm aufgebahrt. Während der fünftägigen Zeremonie verweilt er dort. Die Tradition sieht vor, dass der Sarg am ersten Tag vor 12 Uhr mittags aufgebahrt werden muss. Punkt 12 Uhr ertönt dann ein Gong und die Reise ins Jenseits beginnt. Vor der Mittagszeit ist ein entscheidendes Detail, da die Sonne im Westen liegen muss. Der Westen symbolisiert nämlich den Tod, erklärt mir Erick.
Am zweiten und dritten Tag bringen die Trauergäste ihre Geschenke: Schweine und Wasserbüffel. Für die Gäste ist es eine Ehre, diese Tiere zu überreichen. Umso mehr Tiere, desto angesehener sind die Familien. Allgemein ist es abhängig vom Geldbeutel des Verstorbenen, wie groß das Begräbnis gefeiert wird. Viele Familien verschulden sich sogar oder nehmen Kredite auf, um sich eine derartige Feier leisten zu können. Es ist teilweise eine Lebensaufgabe, das alles zu finanzieren. Männer tragen die Schweine auf den Schultern, die Füße nach unten, mit je einem Bambusstab am Rücken und am Bauch bewegungsunfähig gemacht. Viele der Tiere werden direkt auf dem zentralen Festplatz geschlachtet. Das gekochte Fleisch dient den Bedürfnissen der Lebenden und versorgt die hungrige Trauergemeinde. Dazu gibt es Kaffee, Tee, Palmwein und Gebäck. Die Gäste dürfen sich das übrig gebliebene Schweinefleisch mit nach Hause nehmen und machen davon auch reichlich Gebrauch. Die Gäste sind in dunklen Farben gekleidet. Auch Besucher wie ich dürfen dem Brauch beiwohnen. Es gilt sogar
als Ehre für die Familien, wenn ausländische Touristen zuschauen. Vorausgesetzt, sie bringen ein kleines Geschenk mit, wie zum Beispiel Nelkenzigaretten. Diese sind sehr beliebt. Allerdings sollten Besucher gute Nerven haben, damit sie sich die für unsere Augen ungewohnte Schlachtung angucken können. Insgesamt wurden 28 Büffel und viele, viele Schweine geschenkt. Der Zeremonienmeister, er trägt ein rotes Stirnband und hält einen langen Stock in der Hand, begleitet die Trauergemeinde zum Totenhaus. Da es so viele Menschen sind, werden sie in kleine Gruppen aufgeteilt und geführt. Das ist aufwendig und dauert bis in den nächsten Tag hinein. Die Gäste werden von Männergesang begrüßt – dieser Chor singt über das Leben und den Tod. Gleichzeitig hallt die Rede des Zeremonienmeisters aus den Lautsprechern über den gesamten Platz. Gesänge und Lautsprecherdurchsagen bilden eine teils hypnotische Geräuschkulisse, der man sich kaum entziehen kann. Der Meister liest vor, wer welches Schwein geschenkt hat. Das ist ein ganz wichtiger Punkt und wird peinlich genau notiert. So weiß man exakt, wie viel man den anderen bei der nächsten Trauerfeier zurückschenken muss.
Ein Teil der Trauergemeinde verweilt während der Nacht auf dem Festplatz. Es wird Karten gespielt, über die Familie, den Verstorbenen, das Leben und den Tod gesprochen und dazu reichlich Palmwein getrunken. Die engere Familie hat zudem das Privileg, unter den traditionellen Häusern zu sitzen. Sie wird von Helfern bedient. Die entfernten Verwandten bleiben in den Bambushäusern. Insgesamt herrscht eine eher fröhliche als traurige Stimmung bei der Beerdigungsfeier. Palmwein, ein alkoholisch vergorener Saft aus unterschiedlichen Palmenbäumen, ist hier übrigens äußerst beliebt und weit verbreitet. Wir probieren natürlich auch. Neben der Süße bleibt vor allem die Erinnerung an einen säuerlichen, recht herben Geschmack.
Der vierte Tag ist der schwierigste Tag für uns westlich geprägte Zuschauer. Denn dieser wird mit der großen Schlachtung der Büffel und Schweine eingeläutet. In der Regel werden Büffel nicht gegessen, dies geschieht nur zu diesem besonderen Anlass. Nach dem Glauben der Animisten ist es so, dass der Büffel die Seele des Verstorbenen symbolisiert und er dadurch das Jenseits erreicht. Geschmacklich gesehen ist dieses Fleisch besonders beliebt und wird bis zur letzten Hufe aufgeteilt, es bleiben keine Reste. Die Hörner der geopferten Wasserbüffel werden später am Geburtshaus des Toten angebracht. Sie stehen für Prestige und Wohlstand. Je mehr Hörner angehängt werden, desto größer scheinen Besitz und Reichtum der Familie zu sein.
Der prunkvolle Sarg wird am fünften Tag vom Totenturm heruntergeholt. Als Erinnerung fotografiert sich die Familie vor diesem auf dem großen Platz. Anschließend bringen Helfer den Leichnam in das Hausgrab. Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten, um die Verstorbenen zu bestatten: Hausgräber oder einfache Felsengräber, dazwischen entscheidet man sich. Die großen, repräsentativen Königs-Felsengräber in ausgedehnten Höhlen werden in dieser Form nicht mehr angelegt. Das Grundgefühl und der Gemütszustand während der Zeremonie sind vor allem durch Freundlichkeit geprägt, wie Erick mir erzählt. Vor das Hausgrab wird ein Tau-Tau gestellt: eine Holzfigur, die das Aussehen des Toten für eine Ewigkeit zeigen soll. Schließlich ist die Zeremonie beendet und die Familie kehrt in ihren Alltag zurück. Für uns wurde dieser Abend am Ufer der Warnow eine kleine Reise ans Ende der Welt. Unser Alltag sieht anders aus, wir pflegen oft vollkommen andere Rituale. Aber das ist die Vielfalt des Lebens, die schon ihren tieferen Sinn hat. Wir spazieren auf dem Weg in die Stadt noch die Kaikante entlang und müssen dabei an Königsgräber, Büffel und Palmwein denken.
Baby-Baum Ein weiterer Brauch ist der sogenannte „Baby-Baum“. Er entstammt der Naturreligion Indonesiens, dem Animismus. Im Glauben der dort lebenden Toraja sind Babys, die das erste Lebensjahr nicht erreicht haben, heilig und rein. Da sie noch keine Milchzähne haben, können sie demnach auch kein (sündiges) Wort sprechen. Die verstorbenen Babys werden in alten dicken Bäumen beerdigt, den sogenannten Baumgräbern, damit ihre Seele mit dem Baum in den Himmel wächst. Damals verlief die Prozedur folgendermaßen: Ein Loch wird in den Stamm eines Tarra-Baumes gegraben. Je höher der Status der Familie, desto höher wurde das Loch ausgehöhlt. Das Baby wird ohne Kleidung und hochkant in sein Grab gestellt. Da Tarra-Bäume viel natürlichen Saft produzieren, symbolisiert dieser die Milch der neuen Mutter. Dem Glauben nach kehrt das Kleinstkind so in die Gebärmutter zurück, es ist gerettet und wird wiedergeboren. Die ausgehöhlte Stelle im Stamm wird mit einer Tür aus Federn und Holz verschlossen. Nach einigen Jahren hat sich das Baby schließlich im Baum aufgelöst. Heutzutage gibt es diesen Brauch allerdings nicht mehr, denn die Naturreligion ist fast ausgestorben. Trotzdem sollte der Besuch eines Babybaums unbedingt zum Reiseprogramm gehören.
Hüterin eines Babybaumes (Tarra)
Das Ma´nene-Ritual
Ein ungewöhnlicher Brauch auf Sulawesi Der vielleicht ungewöhnlichste Brauch der Toraja ist das Ma´nene-Ritual, was soviel bedeutet wie „die Reinigung der Toten“. Dieses besondere Ritual findet in einem kleinen Dorf in der Nähe von Rantepao statt. Sobald man das Dorf erreicht, kann man diese traditionelle Atmosphäre bereits spüren. Für die Bewohner ist es jedoch ein alltäglicher Anblick. Während der Prozession dürfen wir Touristen mit Zustimmung der Dorfgemeinschaft den Toten fotografieren. Dieser ist aufgrund der Mumifizierung oft in einem erstaunlich guten Zustand.
© Ismalia Septiany
Alle drei bis fünf Jahre werden die Gräber geöffnet und die Verstorbenen herausgeholt. Dieses Privileg kommt allerdings nur der engen Familie oder den Verwandten des Toten zu. Eine der Phasen des bizarren Brauchs ist das Beten. Nur die Führer des Stammes dürfen das Gebet abhalten, das noch vor der Entfernung des Leichnams gesprochen wird. Dann erfolgt die Reinigung der Mumie – mit einem Pinsel und anderen Werkzeugen. Sobald dies beendet ist, wird der Tote neu angezogen. Danach wird er wieder zurück in den Sarg gelegt und zu seinem Grab getragen.
Im Schattenreich Die Felshöhlen im Toraja-Land
Gräber von Kete Kesu, Tau-Tau-Figuren in Kete Kesu
Eine besonders faszinierende, ungewöhnliche Sehenswürdigkeit sind die Felshöhlen von Kete Kesu. Neue Felsgräber gibt es noch heute, ganze Höhlen werden jedoch nicht mehr errichtet, da sie in früherer Zeit vor allem Königen und Mitgliedern von Adelsgeschlechtern vorbehalten waren. Man kann ohne Probleme in sie hineingehen und die Särge besichtigen. Viele von ihnen sind nicht mehr intakt, wurden von der Zeit „aufgebrochen“ oder sind langsam verwittert. Einige Exemplare stehen auf Balken, die am Felsgestein befestigt sind. In manchen Momenten hat man das Gefühl, die Särge würden durch die Luft schweben.
Grabhöhle bei Tampang Allo – hier liegen Mitglieder der königlichen Familie, Steingräber von Lemo in der Nähe vom Dorf Liang Pa
So wie es der Glaube vorsieht, bringen die Verwandten noch immer kleine rituelle Gaben zu Ehren ihrer Vorfahren an diesen Ort. Das können Stofftiere sein, Bücher, Zeitungen oder sogar Zigaretten. In den Felshöhlen entdecken wir die Tau-Tau-Figuren: Bei ihnen handelt es sich um die Ebenbilder bzw. Masken der Toten. Sie sind oft mit den Kleidern der Verstorbenen behängt und einige tragen sogar die echten Haare des Verblichenen. Weil die Figuren als sehr wertvoll gelten, werden sie leider manchmal von Souvenirjägern mitgenommen. In der Zeit unseres Besuchs kam das glücklicherweise nicht vor. Manche der ältesten traditionellen Särge, genannt Erong, sind geformt wie ein Boot, andere imitieren die Form eines Büffels oder Schweins. Viele Exemplare sind kunstvoll verziert. Je höher der Status der Toten, desto höher liegen auch die Särge in den Felskammern. Die traditionellen Toraja-Siedlungen wie Kete Kesu oder Lemo und die in ihnen gelebte Kultur haben eine solche Bedeutung, dass die indonesischen Behörden sie auf die Vorschlagsliste für die Aufnahme in das UNESCO-Weltkulturerbe gesetzt haben. Ganz ohne unheimliche Gefühle geschieht der Besuch eines solch speziellen Ortes natürlich nicht. Alles sieht doch ein wenig rätselhaft, gespenstisch, auch etwas unwirklich aus und erinnert an manche Szenen aus einem Gruselfilm, die man im Unterbewusstsein gespeichert hat. Der strahlende Sonnenschein draußen holt uns wieder in den Reisealltag zurück.
„Für Touristen sind die Stein- und Höhlengräber der Animisten sehr interessant. Das alles ist geheimnisvoll, weil die Animisten auf eine so lange Geschichte zurück blicken. Die Toraja sind berühmt und bekannt für ihre Traditionen, z.B. die Hochzeitsfeiern, besonders jedoch für die Totenfeiern. Etwas Ähnliches gibt es wohl nirgendwo auf der Welt. Auch die schöne Natur zeigt sich mit den üppigen Landschaften und Reisterrassen. Außerdem leben die Menschen mit unterschiedlichen Religionen hier friedlich zusammen – zum Beispiel Hindus, Buddhisten, Christen und Muslime. Es gilt als ungefährlich, das Land zu bereisen.“ Erick Tangke, einheimischer Reiseführer, rechts Eros Marampa, Fahrer, links