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Heilig Abend Predigt

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Liebe Gemeinde, das Paket der Großeltern ist pünktlich angekommen. Aufgeregt wickeln die Kinder den großen Gegenstand aus. Ein langer flacher Holzklotz, in der Mitte aufgerichtet ein Mast mit drei Querbalken. Daran sind nicht Segel befestigt, sondern kleine Blecheimer und bunte Tüten, 24 an der Zahl. Ein Schiff, voll beladen! Nun haben die Kinder auch die Karte entdeckt. „Liebe Enkel“, schreibt die Oma, „nun seid ihr schon groß. Deshalb sieht euer Adventskalender diesmal anders aus als gewohnt. An jedem Tag findet ihr ein Wort, das Gott euch sagen will. Es ist das Beste, was wir haben. Das wollen wir euch geben. Weil wir euch lieben. Jetzt macht nicht gleich lange Gesichter. Es ist immer noch eine Kleinigkeit dabei, etwas Süßes, ein Spielzeug oder ein bisschen Geld. Und Achtung: Es geht schön der Reihe nach!“ Jeden Morgen stürzen die Kinder zu ihrem Adventsschiff. Reißen Papier auf. Packen Kaugummi aus, eine winzige Taschenlampe, ein Stoffpüppchen. Und einen Zettel mit einem Spruch. Der wird manchmal erst am Abend gelesen oder am nächsten Tag. Und schnell wieder vergessen. Es kommt aber auch vor, dass er den jungen Leser sofort berührt. „Hör mal, Mama“, sagt er dann, „was hier steht. Gott sagt zu dir: Du bist wunderbar gemacht! Findest du das nicht auch?“


Es kommt ein Schiff, geladen. Die Liebe der Großeltern ist mit Händen zu greifen. Die Kinder verstehen auch: Oma und Opa wollen uns weitergeben, was ihnen wichtig ist. Gottes Wort. Nahrung für die Seele. Nicht immer schmeckt den Kindern die Erwachsenenkost. Aber manchmal ist ein Wort dabei, das trifft und sie stärkt. Wie Oma und Opa, begreifen sie in dem Moment, so liebt mich Gott. Es kommt ein Schiff. An seine Ankunft sind Sehnsüchte geknüpft. An Bord ist lang erwartete Fracht. Sättigendes Getreide, kostbare Gewürze, edle Hölzer. Briefe mit Nachrichten von fernen Angehörigen. Die Besatzung. Der Freund, der zur See fährt, der Geliebte, der Ehemann. Das Schiff verbindet, was getrennt war. Es ist zwischen den Welten unterwegs. Aus weiter Ferne, dem 15. Jahrhundert kommt auch das Lied zu uns. Es kommt ein Schiff, geladen bis an sein' höchsten Bord, trägt Gottes Sohn voll Gnaden, des Vaters ewig's Wort. Das Schiff geht still im Triebe, es trägt ein’ teure Last; das Segel ist die Liebe, der Heilig’ Geist der Mast. Der Anker haft' auf Erden,


da ist das Schiff am Land. Das Wort tut Fleisch uns werden, der Sohn ist uns gesandt. Zu Bethlehem geboren im Stall ein Kindelein, gibt sich für uns verloren; gelobet muß es sein. Und wer dies Kind mit Freuden umfangen, küssen will, muß vorher mit ihm leiden groß’ Pein und Marter viel, danach mit ihm auch sterben und geistlich aufersteh’n, ewig’s Leben zu erben, wie an ihm ist gescheh’n. Maria, Gottes Mutter, gelobet musst du sein. Jesus ist unser Bruder, das liebe Kindelein. Fremd und vertraut die Melodie, alt und geheimnisvoll die Worte. Jede Strophe zweigeteilt. Wie auf sanften Wogen schaukelt das Schiff im ersten Teil. Die Töne loten die Tiefe aus. In der zweiten Hälfte setzt der Reisende den Fuß aufs Land. Schreitet kräftig und fröhlich aus. Steigt mit der Melodie hinauf vom Hafen in die Stadt und kehrt


wieder zurück zum tiefen Anfangston. In den Schiffsbauch hinein. Seit alter Zeit ist das Schiff Sinnbild für die Begegnung zweier Welten. Meer und Land, Himmel und Erde, Gott und Mensch. Das Lied lässt mehrere Deutungen zu. Es ist als Marienlied gesungen worden. Maria, die Schwangere, ist wie ein Schiff. Sie trägt eine teure Last. Gott schickt das Allerkostbarste, das Beste, was er hat: Seinen Sohn. Seine Liebeserklärung an uns. Sein ewiges Wort. Was Gott sagt, ist verlässlich. Er sagt nicht nur: Ich habe euch lieb. Er schickt uns einen Menschen. Jesus. Den Freund, der mit ausschreitet auf unserem Weg. In dem Schiff haben die Christen auch ein Bild für die Kirche gesehen. Für das Gebäude, in dem wir zusammenkommen. Und für die Gemeinde, die mit Jesus unterwegs ist. Aber auch die Seele jedes einzelnen Christen können wir als Schiff betrachten. Ruhig treibt es dahin. Wenn der Wind stark bläst, wird es schneller. Liebe ist das Segel. Sie fängt die Windkraft auf, damit wir Fahrt gewinnen. Die Liebe hält unser Lebensschiff in Gang. Liebe ist Bewegung, äußerlich und im Innern. Wir gehen auf den andern zu und mit ihm mit. Wir wollen wissen, was ihn bewegt, mit ihm lachen und trauern, zürnen und hoffen, wandern und ausruhen. Der Dichter C.F. Meyer beschreibt das so: Zwei Segel erhellend


Die tiefblaue Bucht! Zwei Segel sich schwellend Zu ruhiger Flucht!: Wie eins in den Winden Sich wölbt und bewegt, Wird auch das Empfinden Des andern erregt. Begehrt eins zu hasten, Das andre geht schnell, Verlangt eins zu rasten, Ruht auch sein Gesell. Wie das eine Segel vom andern, so lässt sich Gott von uns bewegen. Wir sind ihm nicht egal. Er nimmt an unserem Schicksal Teil. Deshalb hat er uns Jesus geschickt. Er hört den Hilferuf des Blinden bei Jericho: Sohn Davids, erbarme dich meiner! Er gibt der Bitte der Mütter nach: Segne unsere Kinder! Er erfüllt die Hoffnung des königlichen Beamten, dessen Sohn schwer krank ist. Herr, komm herab, bevor mein Kind stirbt! Der Kurs, den unser Lebensschiff nimmt, ist nicht ein für allemal festgelegt. Wir können Jesus mit ins Boot nehmen. Das schützt uns nicht vor den Stürmen. Aber es hilft, sie durchzustehen.


Und wenn der Wind zu stark wird? So wie vielleicht in diesem Jahr 2020? Dann muss ich die Segel streichen, sonst kentert mein Schiff. Manchmal habe ich keine Kraft zu lieben. Fühle mich verlassen von Gott und den Menschen, enttäuscht, unfähig, mein Boot zu steuern. Aber auch wenn die Segel eingefaltet sind - der Mast steht noch da. Der Heilige Geist, sagt unser Lied. Unerwartet wirkt Gottes Kraft in uns. Der Tröster, der uns aufrichtet. Wie ein Kreuz sieht der Mast aus, wenn das Segel gerefft ist. Oder wie ein Mensch mit ausgestreckten Armen. Er erinnert uns: Jesus fährt mit. Er kann dem Wind befehlen, still zu sein, und die Wellen beruhigen. Zwei Welten verbindet das Schiff: Himmel und Erde. Gott wirft Anker in unserer Welt. Er macht bei uns fest. Macht unser Herz fest, damit wir nicht untergehen. Auch wenn die Wellen hoch schlagen. Gottes Wort, das alles ins Leben gerufen hat - dieses Wort ist selber Mensch geworden. Von Maria geboren. In Windeln gewickelt. In einem Stall untergebracht. Aber das ist kein niedliches Bild. Das Kind umarmen heißt nicht das Leiden ausblenden. Das Kind ist auf der Durchreise mit seinen Eltern und bald muss es flüchten. Immer wird es den Verlorenen nahe sein, die noch keinen Ankerplatz gefunden haben, keinen geliebten Menschen, kein Vertrauen zu sich selber und auch keins zu Gott. Gerade zu ihnen sendet Gott seinen Sohn. Nahrung für die Seele enthält das Adventsschiff, Gottes Wort und Süßigkeiten und kleine Geschenke. Proviant für


die Lebensreise. Wenn wir Jesus an Bord haben, sind wir versorgt. Von einer Reise nach Übersee habe ich im Deutschen Schifffahrtsmuseum Bremerhaven erfahren. Ein Viermaster im 19. Jahrhundert. Ein Frachtschiff. Viel Proviant hat die Besatzung dabei; die Reise kann viele Wochen dauern. Von Hamburg um Kap Horn herum bis Chile. Wie lange sie unterwegs sein werden, wissen sie nicht. In der ersten Woche sind sie gut versorgt. Frisches Obst gibt es und Gemüse, Kartoffeln und Brot. Je länger die Reise dauert, desto eintöniger wird die Nahrung. Gesalzenes Fleisch und Weißkohl. Schiffszwieback mit Maden und abgestandenes Wasser. Zitronensaft, damit sie nicht krank werden, und ab und an ein Glas Rum für die Stimmung. Wenn es regnet, legen sie ein Segel flach und fangen süßes Wasser darin auf. Dankbar, wer am Ende wieder Heimaterde betritt. Es gibt üppige Zeiten und Durststrecken. Auf der Reise eines Frachters, in der Geschichte einer Gemeinde, in unserer Menschheitsgeschichte und auf dem Weg eines jeden von uns. Manchmal bietet der Glaube leckere Speise. Dann wieder ist Gottes Wort trocken wie Schiffszwieback. Bei starkem Seegang können wir vielleicht gar nichts zu uns nehmen. Es kann dauern, bis wir wieder zu Kräften kommen nach einem Orkan. Vielleicht ist das Schiff leck geschlagen. Oder wir selbst haben Verletzungen davongetragen. Wir können nicht machen, dass der Glaube uns schmeckt. Oder der Weg, den unser Lebensschiff nimmt.


Das Lied, das wir singen, ist nicht lieblich. Es erzählt von Weihnachten, aber es verschweigt das Kreuz nicht. Weil sich gerade im Leiden zeigt, dass der Glaube trägt! Aber andere sind mit uns unterwegs. Gemeinsam greifen wir auf unseren Proviant zurück. Lieder und Gebete, Gespräch und Stille und Gottes Wort. Du bist wunderbar gemacht! Uralt ist das Lied von dem Schiff. Es gehört zu den ältesten geistlichen Gesängen in unserer Sprache. In manchen Frauenklöstern hat man es nicht nur gesungen, sondern auch getanzt. Die ruhige Wellenbewegung der ersten Zeilen. Das mutige Ausschreiten der letzten. Im Singen überbrücken wir die Jahre. Was wir singen, wird gegenwärtig. Es kommt ein Schiff. Es bringt Gottes Sohn. Sein lebendiges Wort für uns. Wir öffnen unser Herz. Für Gottes Gegenwart. Wir öffnen unser Herz. Für die Gegenwart der anderen, die mit uns gemeinsam Weihnachten feiern, wenn auch dieses Jahr nicht an einem gemeinsamen Ort, sondern alle in ihrem eigenen Haus. Wir öffnen unser Herz fuereinander und auch für uns selbst. So wird das Lied uns zur Stärkung. Proviant für unseren Weg der vor uns liegt als Gemeinschaft und als Einzelne. Und dieses Lied ist auch ein Vorgeschmack der Freude und des Friedens, die uns im Hafen am Ende unserer Lebensreise erwarten wird. Amen.


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