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Predigt 10-25-2020

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Markus 2: 23-28 Das Predigtwort aus dem Markusevangelium lädt uns ein, gedanklich ein paar Monate im Jahreskreislauf zurückzugehen: Es ist Spätsommer und das Korn steht noch in voller Pracht auf dem Feld. Weizen, Roggen und das andere Getreide sind reif zur Ernte. Doch es ist Sonntag und die Bauern lassen die Arbeit an diesem Tag weitgehend ruhen. Wenn das Wetter gut bleibt, werden sie bald mit ihren Maschinen ausfahren und die Ernte einholen. Noch können die Spaziergänger die Ruhe auf den Feldern und Wiesen genießen und ihre Blicke über die goldenen Kornfelder schweifen lassen. Die Halme sind lang gewachsen und oben an den Ähren hängen pralle Körner. Wer nicht widerstehen kann, reißt eine Ähre ab, schält die Körner heraus und zerkaut sie im Mund. Wie so ein Sonntagsspaziergänger ist Jesus mit seinen Jüngern unterwegs: Und es begab sich, dass er am Sabbat durch die Kornfelder ging, heißt es im Markusevangelium. Sie freuen sich an der Natur und daran, dass Gott ihnen alles gibt, was sie zum Leben brauchen. Die Jünger sind frei, sie folgen Jesus nach und hören auf seine Worte. In der Bergpredigt hatte er ihnen gesagt: Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. (Mt 6,26-27) Die Jünger leben in diesem Vertrauen, dass Gott ihnen alles zum Leben gibt, was sie brauchen. Deshalb ziehen sie in aller Freiheit durch Stadt und Land. Hier finden sie etwas zum Essen, dort etwas zumTrinken. Ganz selbstverständlich reißen sie auf ihren Wegen


die Ähren von den Halmen ab. Nicht um etwas zu zerstören, sondern um zu essen. Sie wollen ihren Hunger stillen. Sie leben aus der Hand in den Mund, schälen die Körner heraus und lassen sie sich schmecken. Sie nehmen sich von dem, was der Schöpfer für sie bereithält. II. Aus unserer heutigen Perspektive hinterfragen wir dieses Verhalten schnell: Ist so ein Leben nicht naiv und letztlich zum Scheitern verurteilt? Denn spätestens im Winter wird nichts mehr auf den Feldern wachsen und wer dann nicht vorgesorgt hat, wird hungern. Und wie ist das eigentlich mit den Eigentumsverhältnissen? Das Getreide ist nicht von alleine gewachsen: Ein Bauer hat mühevoll den Ackerboden bereitet, die Samen gesät, über Monate Schädlinge bekämpft und dafür gesorgt, dass das Feld bewässert ist. Es ist doch Unrecht, wenn die Jünger sich einfach an der Arbeit und am Eigentum anderer bedienen. Unverständnis für das Verhalten der Jünger zeigen nicht nur wir: Auch damals gab es Menschen, die Anstoß an ihnen nahmen: Die Pharisäer. Sie kritisierten jedoch etwas anderes als wir. Denn sie legten das Ährenraufen der Jünger als Arbeit aus. Und Arbeit war nach ihrem Verständnis am Feiertag – am Sabbat – verboten. Nicht nur die damaligen Pharisaer verbaten die Arbeit am Sabbat, meine Grossmutter tat das auch fuer den Sonntag. Ich erinnere mich wie ich sie alleine mit 15 Jahren besuchte. Es war ganz still in der Wohnung wo meine Grossmutter lebte. Nur die vielen Uhren konnte man ticken hoeren. In jedem Raum hatte meine Grossmutter eine Uhr aufgestellt – damit sie sich nicht so alleine fuehlte nachdem mein Grossvater verstorben war. So sass ich nun in der tickenden Wohnung nach dem Sonntagsgottesdienst. Ich wollte das Fernsehen anmachen, aber meine Grossmutter mahnte mich das sei doch Suende am Sonntag. Ich holte ein Buch raus.


Ja, Lesen das sei doch Arbeit. Ich koenne das doch nicht am Sonntag tun. Vor Verzweiflung holte ich meine letzte Alternative aus dem Rucksack: Mein Strickzeug. Und haette ich es mir denken koennen, auch das Stricken war als Arbeit, oder Suende oder einfach als Verstoss gegen das Sonntagsheiligungsgebot. Ihr koennt Euch denken, das ich den langweiligsten Tag meines Lebens verbrachte und anschliessend nie wieder an einem Sonntag zu meiner Grossmutter fuhr. So aehnlich wie meine Grossmutter dachten wohl auch die Pharisaer. Sie fragen Jesus, warum seine Jünger etwas tun, womit sie gegen eines der Zehn Gebote verstoßen. Wir sollten die Pharisäer deshalb nicht verurteilen. Denn sie waren fromme Menschen, die ein gottesfürchtiges Leben führten. Außerdem haben wir festgestellt, dass auch für uns das Verhalten der Jünger fragwürdig ist, auch wenn wir heute andere Anfragen haben. Wir sollten gegenüber den Pharisäern nicht den Zeigefinger heben, sondern ihnen vielmehr dankbar sein. Denn hätten sie damals nicht gefragt, wären wir heute ohne die Antwort, die Jesus ihnen gegeben hat. Jesus nimmt die Pharisäer ernst. Er antwortet ihnen mit Bedacht. Denn auch er hat sich mit der Frage beschäftigt, wie der Feiertag am besten gelebt werden kann. Auch er ist der Meinung, dass das dritte Gebot ganz wichtig ist: »Du sollst den Feiertag heiligen!« Doch Jesus legt dieses Gebot anders aus als die Pharisäer. Diese hatten lange darüber nachgedacht, wie der Feiertag geheiligt werden kann. Wichtig wurde ihnen dabei, dass an diesem Tag möglichst wenig gearbeitet wird. Deshalb stellten sie Überlegungen darüber an, welche Arbeiten am Feiertag verrichtet werden dürfen und welche nicht. Das ging so weit, dass auch Hausarbeit weitgehend verboten wurde und man nur eine bestimmte Anzahl an Schritten zu Fuß gehen durfte.


Jesus interpretiert das dritte Gebot aus einer anderen Perspektive als die Pharisäer. Nach seinem Verständnis will dieses Gebot nichts verbieten. Im Gegenteil: Das Gebot will Menschen frei machen und sie stärken. Denn am Feiertag ist der Mensch befreit davon, etwas arbeiten zu müssen. Er kann ruhen und Kraft schöpfen. Mehr noch: Am Feiertag pendelt sich der Mensch in Gottes Rhythmus ein. So wie Gott an sechs Tagen die Welt geschaffen hat und am siebten Tag ruhte, so darf auch der Mensch an dieser göttlichen Ruhe teilhaben. Der Feiertag ist also ein Tag des Aufatmens. Und er ist ein Tag, an dem wir uns mit Gott an der Vollendung seiner Schöpfung freuen. Für die Israeliten ist der Sabbat zudem ein Tag, an dem sie Gott für die Befreiung aus der ägyptischen Knechtschaft danken. Sie danken ihm dafür, dass er sie befreit und auf der Flucht bewahrt hat. Deshalb erinnert Jesus die Pharisäer auch an eine FluchtGeschichte. Er erzählt von der Flucht Davids, der später zum größten König Israels werden sollte. Auch David hatte sich nicht damit zufrieden gegeben, Gebote durch Verbote zu schützen. Davon berichtet die Begebenheit, auf die Jesus anspielt: Als David einmal mit seiner Gefolgschaft fliehen musste und nichts mehr zu Essen hatte, ging er in das Haus Gottes und aß mit ihnen die Schaubrote, die eigentlich nur die Priester essen durften. David brach damit eine heilige Ordnung. Aber er tat es, um zu leben. Und indem er es tat, legte er den eigentlichen Sinn der Ordnungen und Gebote Gottes frei: Sie stehen nicht für sich und müssen nicht durch Verbote geschützt werden. Sondern Gottes Gebote dienen dem Leben. Sie wollen die Menschen stärken und frei machen. Und deshalb kann Jesus den Pharisäern antworten: Der Sabbat ist


um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbat willen. Und Jesus, der nach der Überlieferung ein Nachkomme Davids ist, ergänzt noch: So ist der Menschensohn auch Herr über den Sabbat. III. Und weil der Sabbat in der Juedischen Tradition ein von Gott gebotener Tag ist, hat er eine besondere Würde. Es ist ein Tag, an dem Zeit ist für die Begegnung mit Gott, mit der Natur, mit der Familie, Nachbarn und Freunden. Es ist ein Tag, an dem wir uns von Gott anschauen und uns zusagen lassen: »Du bist mein geliebtes Kind. Ich bewerte nicht, was Du die ganze Woche über geleistet hast oder wie viel Du gearbeitet hast. Ich verurteile Dich auch nicht dafür, dass Du schwach bist und wenig leisten kannst. Ich schaue auf Dich. Ich blicke in Dein Herz.« Dieser Blick Gottes verwandelt Menschen. Die ersten Christen haben den Sabbat auf den Sonntag verlegt. Auf den Tag, an dem Jesus auferstanden ist und Gott den Tod ins Leben verwandelt hat. Jeder Sonntag erzählt nun von dieser Neuschöpfung. Jeder Sonntag gibt uns einen Vorgeschmack auf das Reich Gottes. An jedem Sonntag werden wir daran erinnert, dass wir keine Sklaven unseres Alltags sind, sondern geliebte Kinder des Allmächtigen. Und wenn wir am Sonntag Gottesdienst feiern und seine frohe Botschaft hören, dann spüren wir etwas von der großen Freiheit, die Gott uns schenkt. IV. Jesus hat diese Freiheit vorgelebt. Er öffnete den Blick der Menschen dafür, dass Gott sie nicht durch Verbote klein machen, sondern durch Gebote frei machen will. Frei für ein Leben mit Gott. Und frei dafür, in Verantwortung mit ihren Mitmenschen zu leben. Es ist deshalb kein Zufall, dass gleich im Anschluss an unsere


Predigtgeschichte im Markusevangelium davon berichtet wird, wie Jesus am Sabbat einen Menschen mit einer verdorrten Hand heilt. Vordergründig geht es wieder um die Frage der Pharisäer, ob es erlaubt ist, am Feiertag einen Menschen zu heilen und damit einer Arbeit nachzugehen. Aber im Kern geht es um etwas anderes. Es geht um die Frage: Wie gehen wir mit der Freiheit um, die Gott uns schenkt? Für Jesus ist die Antwort klar: Er nutzt seine von Gott geschenkte Freiheit dafür, Menschen in Not zu helfen. Wenn wir mit ihm unterwegs sind, Jesus nachfolgen, dann gehört auch das zu unserem Leben: Uns einzusetzen für Menschen, die nicht mithalten können. Solidarisch zu sein mit denen, die an den Rand gedrängt werden. Geschwisterlich das zu teilen, was uns zum Leben gegeben ist. Es müssen nicht gleich Programme zur Weltveränderung sein. Schon der aufmerksame Blick auf die Menschen, die in unserer Umgebung leben, kann vieles verändern. Wer mit Jesus unterwegs ist, der ist Gott nahe. Das galt damals für die Jünger und all die anderen Frauen und Männer, die Jesus nachfolgten. Und das gilt auch für uns heute. Gott begleitet uns an jedem Tag in der Woche. Er sagt Ja zu uns. Er schenkt unserem Leben eine Würde, die wir uns nicht erarbeiten können. Er macht uns frei und schaut uns liebevoll an. Daran werden wir erinnert – jeden Sonntag neu. Amen


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