Da wohnt ein Sehnen tief in mir“ Liebe Gemeinde! Gott unendlich fern – und zugleich: unendlich nah. Die Psalmen wagen es, diesen Gott zu preisen. Ihm zu singen. Ein Lied erhebt sich vom Grund der Seele. Und tief im Innersten des Menschen klingen die Worte nach – seit Tausenden von Jahren. Alte Worte sind es –aus einer anderen Zeit. Und mit manchen tun wir uns schwer. Dorothee Sölle rät, man solle die Psalmen essen. Man solle sie in den Mund nehmen, probieren, wie sie schmecken, diese Worte. Sie sind keine mundgerechten Häppchen, nein, eher Schwarzbrot. Oder ein Teigfladen, in der Wüste über dem Feuer gebacken. Manchmal mit harter Kruste und Ascheresten. Manchmal bestreut mit den Wildkräutern der Wüste. Gewürzt mit dem Duft von Koriander und Kümmel, vermischt wohl auch mit dem Salz der Tränen oder getränkt im Öl der Freude.
Man muss die Worte kauen, sie im Munde bewegen und zugleich im Herzen. Sie in sich aufnehmen. Dann werden sie nähren und zugleich ihre Geschichte erzählen: Herr, du erforschest mich und kennest mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne. Manchen Menschen machen diese Worte Angst. Ist da einer, der wie ein Aufpasser über mich wacht? Nein, Gott ist kein Wärter. Sein Blick ist nicht wie die Linse einer Überwachungskamera. Er ist auch kein Hirnforscher, der die Ströme nachzeichnet und prüft, in welchem Gehirnlappen sich etwas regt. Und erst recht ist er kein kleinlicher Pedant, der jeden Schritt genau registriert. Sein Auge ruht auf uns – wohlwollend. Sein Blick ist uns zugewandt. Er umhüllt uns und deckt uns mit dem Mantel der Liebe: behütend und beschützend. Du kennst mich. Das strahlt Vertrauen aus.
Ich stelle mir vor, wie die ersten Beter dieses Psalms nachts um das Feuer herum saßen. Die Flammen sind erloschen. Verhalten leuchtet die Glut. Nur hin und wieder springt knackend ein Funke heraus. In der Schwärze der Nacht lässt sich nicht ausmachen, wo Gefahren lauern. Aber über den Menschen steht das hohe Himmelsgewölbe. Es ist für sie wie ein großer, schwarzer, umgestülpter Topf. Dieser Topf hat Löcher, lauter kleine Löcher, durch die das Licht des Himmels herabfließt auf die Erde – weiß wie die Milch. Und wenn die Menschen damals in die tausendfältig funkelnden Sterne schauten, wussten sie, dass da einer ist hinter allem, der sie umgibt, der sie beschützt und bewacht in den Gefahren der Nacht. Und dessen Segen zu ihnen herabfließt – unsichtbar hell und gütig. Und sie wussten: Das gilt auch für die Nächte, in die einer geraten kann mitten am Tag, wenn sich die Seele verfinstert und zu einem schwarzen Loch zusammenzieht. Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein -, so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag.
Und dann sahen die Menschen das Licht des Himmels auf dem Grund der Seele sich spiegeln und der Brunnen in ihrem Innern war gefüllt mit Licht: Finsternis ist wie das Licht. Die Nacht geht vorüber. Der Morgenröte bricht an. Schon leckt das Licht wie eine Zunge am unteren Rand des Himmels. Die Sehnsucht glüht auf. Sehnsucht im Innersten des Herzens. Sehnsucht nach Gott. Dass da etwas ist, mehr als das alltägliche Geschäft, mehr als Termine und Sorgen, mehr als Getriebensein in der Hinfälligkeit der Tage. Dass da etwas Göttliches ist. Nicht nur ein Es, sondern ein Du, das mich anspricht, das für mich da ist. Die Sehnsucht erwacht gleich dem Morgenrot. Diese Sehnsucht geht nicht nur vom Menschen aus. Gott ist es, der sie uns ins Herz gelegt hat. Er hat sie angerührt. Denn er sehnt sich nach uns. Nach jedem einzelnen von uns. Sein Sehnen wohnt in mir – auf dem Grund meiner Seele. Sie ist da, wo ich selbst Sehnsucht verspüre nach ihm. „Da wohnt ein Sehnen tief in mir“. Du bist es – Gott in mir. Du hast mich gekannt, lange bevor es mich gab.
Als die Erde noch nicht war, als das Weltall und all die Sphären der Galaxien noch nicht existierten. Da hast du mich schon erdacht, so wie ich bin. Ich wohnte schon in deinen Gedanken, der ich erst noch werden sollte: geliebt bei dir. Du hast mich entstehen lassen, hast meinem Leben Gestalt gegeben, für meine Seele einen Leib geformt, meine Nieren bereitet, mein Herz zum Schlagen erweckt. So war ich vor dir – noch bevor ich überhaupt geboren war: Geborgen im Leib der Mutter, umhegt von Wärme und Liebe – aus dir. Deine Sehnsucht nach mir war es, die mich erschuf. Die mir den Atem einhauchte, dass die Lungenflügel sich entfalteten. Deine Sehnsucht nach mir war es, die mir den ersten Schrei entlockt und mich ins Leben warf. Da war ich vor dir, neugeboren – ein Geschenk aus deiner Hand. Und so bin ich allezeit vor dir, umgeben von dir. Darum werde ich auch immer bleiben bei dir. Nichts kann mich von dir trennen: Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch. Ich kann sie nicht begreifen.
Was ich jedoch begreife, genügt, dass ich dich allezeit und überall lobe und dir danke! Der Himmel glüht auf in vielen Farbschattierungen. Wie die Haut eines Pfirsichs, der sich rötet. Die Morgenröte stößt die Nacht von der Erde, legt ihre Schwingen auf die Kette der Berge, breitet die Flügel über den Horizont des Meeres. Farben der Sehnsucht malt sie an den Himmel bis die Sonne erwacht und als glutroter Ball emporsteigt. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten. Psalmen kann man essen. Man kann sie singen. Man kann sie beten. Man kann sie tanzen – mit Leib und Seele, dass sie einen ganz von innen heraus erfüllen. Der jüdische Rabbi Jizchak von Berditschew hat aus diesem Psalm ein Lied gedichtet, das er immer und immer wieder sang: „Wo ich gehe – du! Wo ich stehe – du!
Nur du, wieder du, immer du! Du, du, du! Ergeht’s mir gut – du! Wenn’s weh mir tut – du! Nur du, wieder du, immer du! Du, du, du! Himmel – du, Erde – du, Oben – du, unten – du, Wohin ich mich wende, an jedem Ende Nur du, wieder du, immer du! Du, du, du!“ Amen.