Liebe Gemeinde, wie viele Predigten mögen wohl über diese beiden Schwestern schon gehalten worden sein? Maria und Marta sind wahre Berühmtheiten des Neuen Testaments. Und es gibt wohl kaum einen Predigthörer oder eine Predigthörerin, denen nicht Bilder von ihrer eindrücklichen Begegnung mit Jesus vor Augen stehen. Da sitzt Maria zu Jesu Füßen. Lauscht seinen Worten versonnen. Bewundert den berühmten Lehrer und ist ganz Ohr. Eine traute Idylle. In der Küche hört man dagegen die Töpfe und Pfannen rasseln. Es brutzelt und dampft, es duftet verführerisch nach frischem Brot und knusprigem Braten. Marta ist so richtig in ihrem Element. Maria und Marta, beide könnten die Situation genießen. Doch so geht die Geschichte natürlich nicht weiter. Die begabte Hauswirtschafterin ärgert sich über ihre Schwester. Könnte die ihr nicht helfen und mit anpacken? Schon mal den Tisch decken und die Nachspeise anrühren? Das ist doch ungerecht! Maria ruht sich zu Jesu Füßen aus und Marta muss schuften. Natürlich hat sie viel Mühe. Das sagt Jesus ja auch, doch dann wird Maria auch noch gelobt: „Sie habe das gute Teil erwählt“. Will heißen: Maria macht es richtig. Marta sollte sich ein Beispiel an ihr nehmen. Eine ärgerliche Geschichte und eine echte Herausforderung. Ich kann mich gut an mehrere Predigten über diesen Bibeltext erinnern. Das geht mir eigentlich bei nur wenigen Predigttexten so. Aber hier, bei Maria und Marta, da bin ich immer gespannt: Das ist doch ungerecht, wie Marta hier zurückgesetzt wird. Mal sehen, wie der Prediger oder die Predigerin da wieder herauskommen, ohne es sich mit mindestens der Hälfte der Gemeinde zu verderben. Spannend. Doch nun sitze ich mit diesem Text und meine Gedanken schweifen durch jene Predigten, die ich selbst gehört
habe. Ich will euch heute Morgen auf eine Predigtreise mitnehmen. So bekommt ihr nicht nur eine Predigt zu hören, sondern gleich vier. Also, auf geht’s. Predigt Nr. 1: Maria UND Marta Maria und Marta – so lautet die Überschrift dieses Textes in meiner Bibel. Ein harmloses „und“ verbindet die beiden Schwestern: Maria und Marta. Zwei Personen, die uns hier in all ihrer Verschiedenheit begegnen. Marta lädt Jesus in ihr Haus ein. Jesus und die Jünger waren ja meistens unterwegs. Sie hatten keinen festen Wohnsitz. „Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege“ (Lk 9,58). So hatten wir Leser und Hörer des Lukasevangeliums es erst ein Kapitel zuvor vernommen. Da waren gastfreundliche Menschen wie Marta doch hochwillkommen. Bei ihnen konnte Jesus einkehren und die Jünger vermutlich mit ihm. Ein Dach über dem Kopf und etwas Warmes zu Essen. Für ein paar Tage eine Unterkunft. Dann ging es ohnehin wieder weiter. Marta pflegte eine Form der Gastfreundschaft, wie man sie heute noch im Orient und nicht nur dort erleben kann. Da wird gekocht und aufgetischt, was das Zeug hält. Nein, Marta ist prima. Nichts auszusetzen an ihr. Glücklich, wer Freunde wie Marta hat, die nicht lange zögern, wenn ein Gast plötzlich im Türrahmen steht: „Hallo. Willkommen. Schön, dass du da bist. Mensch, wir haben uns ja lange nicht gesehen. Komm erstmal rein. Was magst du trinken? Hast du Hunger? Fühl dich wie zuhause.“ Die Nachbarn mochten das vielleicht etwas anders sehen. Marta und Maria, die waren doch beide unverheiratet. Und dann so eine ganze Horde männlicher Übernachtungsgäste. Das schickt sich nicht, Gastfreundschaft hin oder her. Doch Marta schien nicht zu
irritieren, was die Nachbarn so sagen mochten. Sie setzt sich über Konventionen und Schicklichkeiten hinweg. Bei ihr regiert großzügige Gastfreundschaft. Super! Und Maria? Die setzt sich dem Gast sofort zu Füßen. Auch das entspricht sicher nicht den Gepflogenheiten der damaligen Zeit. Aber es spiegelt die herausragende Bedeutung des Gastes. Von dem konnte man doch etwas lernen, etwas fürs Leben. Da musste man doch einfach hinhören und alles andere beiseite lassen. Maria ehrt Jesus ganz besonders durch ihre Anwesenheit und durch ihr gespanntes Hören. Mochte Marta in der Küche ihre besonderen Gaben ausleben, so war Maria eben eher für die unmittelbare und persönliche Gästebetreuung geeignet. Vielleicht war sie auch gar keine gute Köchin. Und überhaupt: Ihre Schwester würde das schon hinbekommen. So ist die Sache doch eigentlich wunderbar. Jede der beiden dient Jesus mit den Gaben, die ihr gegeben sind. Nicht jeder Mensch kann gut kochen und nicht jeder kann gut zuhören. Ein gabenorientierter Predigtansatz müsste doch mit beiden Schwestern ganz zufrieden sein. Maria UND Marta. Das könnte eine nette Predigt sein und ich habe sie gelegentlich schon gehört. Doch am Ende des Bibeltextes geht einer solchen Auslegung dann die Luft aus: Jesus fängt an, das Verhalten der Schwestern zu beurteilen und nur Maria kommt gut weg. Also: Predigt Nr. 2: Maria ODER Marta Nein, Maria und Marta gehen nicht einfach gleich gewürdigt aus dieser Geschichte heraus. Das lässt sich nicht übersehen. Zwar nimmt Jesus die hauswirtschaftlichen Fähigkeiten der Marta durchaus wahr: „Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe.“ Aber dann lobt er doch nur ihre Schwester: „Maria hat das gute Teil – will sagen: das bessere Teil – erwählt.“ Es geht also um eine Wahl.
Marta und Maria bilden zwei verschiedene Modelle des Umgangs mit Jesus ab. Wenn jener zu Besuch kommt, dann gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten: Entweder Essen machen oder den Worten des Meisters lauschen, A oder B. Beides entspricht nicht so ganz den Konventionen der Zeit. Das hatten wir schon bedacht. Aber wenn man das einmal beiseite lässt, dann stellt diese Geschichte in eine Entscheidungssituation: Entweder Jesus bekochen oder ihm zuhören. Oder vielleicht doch noch etwas persönlicher formuliert: Wir können entweder Jesus dienen oder wie können zulassen, dass Jesus uns dient. Diese Entscheidung treffen wir mindestens jeden Sonntagmorgen. Beide Möglichkeiten stecken in dem Wort „Gottes-dienst“. Entweder kommen wir hierher, um Gott zu dienen, mit unserem Lobpreis, mit unseren Worten und mit unseren Gebeten. Oder wir verstehen Gottesdienst als den Dienst, den wir Gott an uns vollziehen lassen. Wir kommen dann zum Gottesdienst, damit Gott an uns handelt. Damit er sich uns, ungestört von unserem Alltag, zuwenden kann. Damit wir uns an seiner Gegenwart erfreuen, die uns Gutes tut. A oder B, Marta oder Maria, Dienst an Gott oder Gottes Dienst an uns – wir müssen uns entscheiden. Beides geht nicht. Maria hat sich entschieden. Sie will sich von Jesus dienen lassen und genau das ist es, was hier offensichtlich zählt. Diese Auslegung des Textes leuchtet mir sehr ein und Euch vielleicht auch. Es geht eben nicht darum, Maria und Marta einfach so nebeneinander zu stellen, getreu der Devise, alles hat seine Berechtigung, alles hat seine Zeit. Nein, es geht hier um eine Entscheidung. Und die lautet: Maria liegt richtig. Marta liegt falsch. Doch eine solche Alternative ist gelegentlich schwer auszuhalten, denn mal ganz ehrlich: was wären wir ohne Marta? Darum:
Predigt Nr. 3: Marta, wir brauchen dich! Die letzte Predigt, die ich zu diesem Text erinnere, wurde von einem erfahren Prediger gehalten, der viele, viele Jahre im Dienst von verschiedenen Gemeinden gestanden hatte, gemeinsam mit vielen ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Während er seine Predigt hielt, konnte er auf einen großen Erfahrungsschatz zurückgreifen, den das Leben ihm mitgegeben hatte. Man spürte ihm sehr ab, wie er sich dankbar an die vielen Menschen erinnerte, die in seinen Gemeinden so enorm kreativ, fleißig, selbstlos, liebevoll, treu und klaglos mitgearbeitet hatten: Marta mit jeder nur denkbaren Gabenausstattung. Ihr fühlte sich der Prediger verbunden und ihr war er zu Dank verpflichtet. Und ich kann ihn gut verstehen. Was wäre denn gewesen, wenn es Marta in dieser Geschichte nicht gegeben hätte? Sie war es doch, die Jesus ins Haus einlud. Sie sorgte doch dafür, dass es dem Gast gut ging. Ohne sie wäre Jesus immer noch auf der Straße: hungrig, staubig und obdachlos. Nein, ohne Marta geht diese Geschichte nicht. Marta, wir brauchen dich! Hier kann jeder und jede von Euch Euren Namen einsetzen: „Hildegard, wir brauchen dich.“ Das hören wir doch gern. Das tut uns gut. Wir werden gebraucht und sind nicht nutzlos. Wir wollen doch mithelfen und wir können das auch. Gelegentlich haben wir darüber nachgedacht, wie wir mit unseren verschiedenen Gaben in unserer Gemeinde zusammen leben und wirken können. Das ist doch ganz richtig so und einfach wunderbar. Doch gelegentlich beschleicht mich auch der Gedanke: Gott könnte auch ohne uns. Sicher, das hat er nicht gewollt. Ich bin dankbar, dass wir in dieser Gemeinde allesamt so vielfältig und tatkräftig zusammenarbeiten. Aber wenn ausschließlich Martas
Geschäftigkeit uns zum Vorbild diente, dann liefen wir an dieser Geschichte und an Jesus vorbei. Hier geht es um etwas anderes. Was macht es dann aus, dass Jesus uns Maria so betont positiv vor Augen stellt? Darum zuletzt: Predigt Nr. 4: Was waere wenn diese Geschichte gar nicht von zwei Schwestern handelte, sondern von zwei verschiedenen Verhaltensweisen Gott gegenueber? Velleicht geht es in dieser Geschichte nur am Rande um die beiden Schwestern. Vielleicht geht es vielmehr um den Satz „Gott ist gegenwaertig in Jesus“ Das wäre ein Satz gewesen, der in diesem Haushalt von Maria und Marta hätte fallen sollen: „Jesus ist da.“ „Gott hat sich uns gezeigt“. „Der Geist Gottes wirkt unter uns.“ Wie können wir da einfach so weitermachen wie bisher? Wie können wir uns da von Konventionen, von bestimmten vorgeschriebenen Rollen regieren lassen? Unsere alltaeglichen Rollen, die gesellschaftlichen Erwartungen und auch bestimmte Erwartungen an uns selbst wie wir uns verhalten sollen, die duerfen und muessen wir jetzt getrost loslassen. Denn: „Wie könnten wir so weitermachen wie bisher, als ob nichts gewesen wäre?“ Nein, das können wir eben nicht. Jesus verändert unsere Prioritäten. Weil er da ist, gewinnen wir einen neuen Blick auf alle Bereiche unseres Lebens. Jesus lehrt, dass es nicht darum geht, dass wir Gott dienen. Es ist versuchlich zu denken, dass wir Gott gefallen indem wir bestimmte Rollen und Konventionen einhalten. Jesus hingegen betont in dieser Begebenheit, dass Gott UNS dienen will, und nicht anders herum. Das meint „Gottes-dienst“: Gott will UNS dienen. Jesus will UNS geben was wir brauchen. Der Geist will UNS erfuellen wenn wir nur lange genug einhalten, stille werden, in uns hinein hoeren und ihn in uns wirken lassen.
Jesus weiss, es ist menschlich und immer wieder versuchlich, uns so wie Marta zu verhalten, indem wir Gott dienen wollen. Aber nur eines tut Not: Dass wir unsere menschlichen Rollen Gott gegenueber loslassen, und stattdessen einhalten, zuhoeren, uns unterbrechen lassen in unseren Selbstverstaendlichkeiten, und uns von Gott dienen lassen. Das ist was Jesus der Marta in uns sagen will: „Du machst dir Sorge und Unruhe um vieles; eines aber ist Not. Lass Dir von Gott dienen. Lass Dich von Gottes Geist erfuellen, und pass auf, dass Dir in Deiner Arbeit, Deinem Stress, Deiner vielen Muehe, dies nicht von Dir genommen wird!“ Amen
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