ABSEITS DES ALLTÄGLICHEN

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ABSEITS DES ALLTÄGLICHEN

Ein Gespräch über die Kraft der Zuversicht und die Zukunft des Fussballs

/ DANIELA RYF / TIMOTHÉE CHALAMET / LIV BRODER / PHILIPPE LAMON / YUNGBLUD / ELLA RUMPF


Tobias Moorstedt
Der Autor (u.a. «Die Zeit», «Süddeutsche Zeitung») schreibt über Innovationen, Gesellschaft und Sport. Für uns interviewte er Jürgen Klopp in der neuen Geschäftsstelle von RB Leipzig. Das ganze Gespräch ab Seite 34

Mariam Schaghaghi
Die Autorin, Interviewerin und Moderatorin bewegt sich zwischen Popkultur, Medien und Gesellschaft. Sie hatte von J. Lo bis George Clooney alle vor dem Mikro – für uns porträtiert sie die Schauspieler Timothée Chalamet und Ella Rumpf. Ab Seite 16

Philippe Lamon
Der preisgekrönte Schriftsteller aus der Romandie schreibt in unserer Kolumne «On a Positive Note» selbstironisch über die heldenhaften Taten, zu denen ihn sein Sohn motiviert. Ab Seite 96
Eine ordentliche Portion Optimismus – wer könnte die derzeit nicht gebrauchen? Aus diesem Grund präsentieren wir ein Heft voller Aufbruchstimmung. Dabei geht es nicht darum, die Welt durch die rosarote Brille zu sehen, sondern darauf zu fokussieren, dass wir es selbst in der Hand haben, unser Leben zu verbessern. Oder wie es Jürgen Klopp im Interview ab Seite 34 sagt: «Habt Mut und umgebt euch mit den richtigen Menschen.»
Zwei, die sich das tagtäglich zu Herzen nehmen, sind Liv Broder und Emiglio Pargätzi. Die gerade einmal 18-jährige Zürcherin rockt Strasse und Skatepark auf ihrem Board, der 22-jährige Graubündner mit seinem Rollstuhl. Ihr Fazit in unserem grossen Gespräch (ab Seite 46): Auf die Fresse fallen gehört manchmal dazu. Dann aber heisst es: weitermachen!
Viel Freude mit dieser Ausgabe, die Redaktion

Fit für den Wings for Life World Run? Daniela Ryf (re.) zeigt Creatorin Emma, wie man es richtig macht.
Elias Giselbrecht ist Fotograf und Parkour-Athlet. Uns nimmt er mit seinen besten Shots mit um die Welt.
Fussball
Jürgen Klopp erzählt uns über lebensverändernde Niederlagen, die Kraft eines Lächelns und das Prinzip Hoffnung.
Skaten
Skate-Talent Liv Broder und WCMX-Rider Emiglio Pargätzi über ihre Liebe zum Skaten.
Fitness
Triathlon-Legende Daniela Ryf gibt Creator-Star Emma
Running-Tipps. Learning: am besten schlau trainieren.
Musik
Yungblud ist längst zu einer Bewegung geworden. Mit uns spricht er über Positivität, Theater und Lampenfieber.
Breaking/Gaming
Man mische Gaming und Breaking. Das Ergebnis? Ein völlig verrücktes Event in zwei Realitäten.

Im Interview: der britische Sänger Yungblud; hier auf der Bühne seiner «Idols»-Welttournee.

Am Abend beginnt diese gewaltige Wand zu glühen. Dann taucht die Sonne den El Capitan im Yosemite-Nationalpark in Kupfer und Gold. Viele Abende wie diese erlebte Sasha DiGiulian letzten November aber nicht: 23 Tage brauchte die US-Profikletterin, um als erste Frau die 39-Seillängen-Route «Platinum Wall» zu durchklettern. Ganze neun davon harrte sie bei Schnee, Regen und Windspitzen bis 80 km/h im Fels aus – bevor am zehnten Tag die Sonne wieder aufging. redbull.com



Basketball mal anders: Drei gegen drei, ein Korb, zehn Minuten oder 21 Punkte – das ist Red Bull Half Court. Beim Weltfinale letzten November in Dubai waren je acht Männer- und Frauenteams am Start, die es von ursprünglich gut 8000 Spielerinnen und Spielern aus über 20 Ländern ins Finale geschafft hatten. Ausnahmetalent Ehab Amin aus Ägypten hatte auf diesem Bild bereits den Sieg vor Augen: Sein Team gewann. Bei den Frauen holten sich die Japanerinnen die Trophäe. @ehab.amin

Dank eines Unterwasser-Canyons türmen sich im portugiesischem Nazaré bis zu 30 Meter hohe Wellen auf. Die grössten weltweit. Sie brechen so nahe an Nazarés Leuchtturm, dass Zuschauer wie in einem Stadion mit dabei sind. Wer sich hier ins Wasser traut, gehört zur Big-Wave-Elite. Für sie gilt die noch bis 31. März laufende TUDOR Big Wave Challenge als Pflichttermin – auch für den Briten Andrew Cotton, 43, hier zu sehen beim Training letzten Herbst. @andrew_cotty

Neue Regeln, frische Gesichter, alte Helden, ewige Rekorde: erstaunliche Zahlen zum
Start der F1-Saison 2026, die mit vielen Neuerungen aufwartet.
kW (ca. 475 PS) kommen bei den neuen Motoren aus Elektroantrieb, noch einmal so viel vom Verbrennungsmotor. Letzterer darf nur Bio-Sprit verbrennen. 2026 bringt damit die umweltfreundlichste Motorengeneration.
Motorenhersteller gibt es dieses Jahr in der F1. 2026 kommen zu den bestehenden Grössen Ferrari, Honda und Mercedes die Newcomer Ford (gemeinsam mit Red Bull Powertrains) sowie Audi hinzu.
22
Fahrer gibt es 2026 am Grid, zwei mehr dank des neuen Cadillac-Teams. Mit Arvid Lindblad (Racing Bulls) gibt es allerdings nur einen Debütanten.
42
Prozent der F1-Fans sind offiziellen Angaben zufolge weiblich. Heisst: Die Fanbase ist längst keine Männerbastion mehr. Seit 2018 haben jährlich beeindruckende 43 Millionen Frauen die Faszination F1 für sich entdeckt.
9506

Tage liegen zwischen dem Geburtstag des jüngsten Fahrers, Arvid Lindblad, und dem des erfahrensten, Fernando Alonso –das entspricht 26 Jahren und 10 Tagen.
der 22 Fahrer in der Startaufstellung 2026 dürfen sich GP-Sieger nennen: Lewis Hamilton führt mit 105 Siegen, Max Verstappen folgt mit 71, Fernando Alonso mit 32.
30
Kilo sinkt das Mindestgewicht der Rennwagen 2026 – und zwar von 798 auf 768 Kilogramm. Die Autos werden um 10 Zentimeter schmaler, der Radstand wird um 20 Zentimeter kürzer.
11
Streckenrekorde wurden 2025 pulverisiert. Von Verstappen und Piastri je vier, von Norris zwei und von Russell einer. 2026 gilt ein komplett neues technisches Reglement.
630
Millionen Dollar schaufelte «F1 The Movie» mit Hauptdarsteller Brad Pitt in die Kassen. Der Film gilt damit als einer der erfolgreichsten Sportfilme aller Zeiten.

EXKLUSIV BEI



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BELEBT GEIST UND KÖRPER.
Dieser Gaming-Stuhl bewegt sich mit den Bewegungen des Spielers. Tech-Checker Kirafn sitzt schon mal Probe.
Das Teil
Der Roto VR Explorer dreht sich mit den Kopfbewegungen des Spielers. Möglich machen das ein Sensor an der VR-Brille und ein Motor im Sockel. Das soll ein geschmeidiges Bewegungsgefühl ermöglichen und Motion Sickness vorbeugen.
Der Hype
Kirafin heisst bürgerlich Jonas Willbold, ist 31 und unterhält seine 1,3 Millionen Follower auf TikTok mit ComedyFormaten. Nebenbei folgt er seiner Faszination für Tech-Produkte und -Trends. Für uns nimmt er aktuelle Hypes unter die Lupe.



Der Check
Videos sind zwar rar, weil das Teil zu sperrig für Content ist. Die vorhandenen gehen dafür zuverlässig viral. Etwa das TikTok von UFD Tech mit 1,3 Millionen Klicks und 103 000 Likes.
Vor allem für Hardcore-VRFans interessant, die keinen Platz für ein VR-Laufband haben oder in ihrer Mobilität eingeschränkt sind. Optimal für Rennsimulationen. Der Preis (ab ca. CHF 660) ist auch okay. Wird aber trotzdem eher Nische bleiben.
MUST-HAVE-FAKTOR
Perfekt für …
… VR-Enthusiasten, die auch im Sitzen in Bewegung bleiben wollen.
Ungeeignet für …
… VR-Enthusiasten, die beim Bewegen auch ins Schwitzen kommen wollen –hallo VR-Laufband!

will in «Marty Supreme» mit Tischtennis die Welt erobern. Sechs Jahre lang trainierte der Schauspieler für die Rolle des sportlichen Hochstaplers – und wurde dabei selbst zum Athleten.
Text Mariam Schaghaghi
Er schmettert, er schneidet, er drischt, er peitscht. Reckt sich in die absurdesten Winkel, febert dem Ball entgegen oder erwartet ihn mit liebevoller Geduld, um ihm dann mit einem entschiedenen Schlag wieder zu Tempo zu verhelfen. Es ist ein Spektakel mit verblüfenden Moves und Manövern, ein Tanz eines Spielers rund um den Tischtennistisch, was Timothée Chalamet da als Marty Supreme auf der Leinwand darbietet.
Der Hollywoodstar spielt alles selbst, ohne Stuntdoubles. Vorbild für den Ende Februar in den Kinos gestarteten Film war der (Über-)Lebenskünstler Marty Reisman, eine legendäre Figur der New Yorker Unterwelt der Fünfzigerjahre: ein Glücksritter, ein rastloses Genie, weniger Leistungssportler als Lebenskünstler, ein Schuhverkäufer und Spargeltarzan, der davon überzeugt war, mit Tischtennis die Welt zu erobern. Marty wirkte oft lächerlich – bis man ihn spielen sah. Doch noch mehr staunt man jetzt über Timothée. Er ist in dem Film Akteur und Athlet zugleich. Wie er das hingekriegt hat?
«Es war jede Menge Arbeit», nickt Chalamet bei einem Termin mit der internationalen Presse, «und noch mehr Auswendiglernen von Bewegungssequenzen und Ballwechseln.» Sechs Jahre lang hat der Schauspieler trainiert, allein fünf mit Gurus wie dem Schweizer Diego Schaaf, der schon Tom Hanks für Forrest Gump ft machte. Mit Schaafs Frau Wei Wang, einer US-Olympionikin, studierte Chalamet historische Aufnahmen, Bewegungsabläufe, Griftechniken, Reaktionsmuster. Tischtennis wurde zu Timothées Alltag. Ob an
On point
Geboren 1995 in New York City; hat einen amerikanischen und französischen Pass; ist seit drei Jahren mit Kylie Jenner zusammen, davor war er mit Lourdes Leon und Lily-Rose Depp liiert; spielte in der Kultserie «Homeland» den Sohn des US-Vizepräsidenten
den Filmsets von «Wonka» oder «Dune 2», bei sich in Los Angeles oder auf Reisen: Wo Timmy war, war auch eine Tischtennisplatte. Hotelmanager müssen sich an den Kopf gefasst und es für eine schräge Promi-Allüre gehalten haben. Dabei war es: Ernsthaftigkeit, Engagement und JobEthos à la Chalamet.
Odyssee eines Schelms
Seit seinem Durchbruch mit «Call Me by Your Name» 2017 umweht Chalamet der Nimbus des mühelos Begabten. Das ist ein Irrtum: Kaum ein Schauspieler seiner Generation arbeitet so altmodisch feissig an seinem Handwerk. Für «Call Me by Your Name» lernte der Franko-Amerikaner Italienisch, Klavier und Gitarre, für «Dune» trainierte er physische Ausdauer, für seinen Bob Dylan in «Like a Complete Unknown» nahm er Gesangsunterricht und lernte Mundharmonika. Sein Erfolg ergibt sich aus dem Willen, eine Fähigkeit so zu durchdringen, bis sie nicht mehr gespielt, sondern ganz selbstverständlich wirkt. So entsteht Perfektion.
Kurzgeschorene Haare, fese Brille, die auch von Marty sein könnte, Hemd, Krawatte, Oberlippenbärtchen. So präsentiert sich Chalamet vor dem Filmstart
der Presse. Sein Look stamme noch vom Dreh von «Dune 3», entschuldigt sich der Modefreak lachend. Warum Chalamet die Odyssee eines Schelms über vier Kontinente so elektrisierte, erklärt er entwafnend ehrlich: «Ich sage das ohne Ironie: Ich war genau wie Marty, bevor ich Karriere machte.» Schon mit zehn Jahren wusste der gebürtige New Yorker, dass er Schauspieler werden wollte, erlebte Castingqualen, bis er mit 18 eine erste wichtigere Rolle in Chris Nolans «Interstellar» bekam. Chalamet war überzeugt von seinem Weg: «Ich weiss, was es heisst, kein Nein als Antwort zu akzeptieren – und das in einer Branche, in der man so oft abgelehnt wird.»
Meisterschaft als Praxis
In seinen neun Jahren im Scheinwerferlicht hat Chalamet nicht nur Fleiss und Hingabe bewiesen. Sondern auch, dass er alles spielen kann. Er war der Jüngste, der je für einen Hauptrollen-Oscar nominiert wurde (für «Call Me by Your Name»). Eine zweite Nominierung erfolgte 2025 für sein berührendes Bob-Dylan-Porträt. Mit «Marty Supreme» wird er jetzt wieder für einen Oscar gehandelt. Seinen ersten Golden Globe als «Bester Hauptdarsteller» strich Chalamet mit der Rolle bereits ein – und vielleicht hält er ja am 16. März endlich auch die goldene Statue in Händen. Der Zeitpunkt für einen ersten Oscar würde passen. Gerade ist Chalamet dreissig geworden, ein Meilenstein, fndet er. Neu ist, wie er mittlerweile jede Ablenkung am Set ausschaltet, sogar das Handy, weil er geniessen möchte, «zwei Monate lang nur diese eine Figur zu sein. Als Schauspieler auf höchstem Niveau zu arbeiten, ist das Geschenk meines Lebens.» Meisterschaft – das ist bei Chalamet kein grosses Wort, sondern Praxis. Sie entsteht aus dem Wissen, dass Glaubwürdigkeit erarbeitet werden muss – genauso entschlossen, wie Marty sein Glück herausfordert. «Ich fnde, dass Marty Supreme uns befügelt, unser Bestes zu geben, auch wenn das jetzt etwas klischeehaft klingt», sagt er am Schluss des Pressetermins. Für ihn ist dieser Film kein Karriereschritt, sondern ein Bekenntnis: zu einem Kino, das Können zeigt, weil es Können voraussetzt.
Instagram: @tchalamet

«Ich akzeptiere kein Nein als Antwort – und das in einer Branche, wo man so oft abgelehnt wird.»
Seit er zehn war, wusste Timothée Chalamet, 30, dass er Schauspieler werden wollte.
ist wie ein Schweizer Taschenmesser: multifunktional einsetzbar. Als E-Sport-Managerin, Host und Moderatorin mischt sie kräftig in der Gaming-Szene mit – und die Bro-Kultur auf.
Text Pauline Krätzig Foto Armon Ruetz
Nerds waren schon früher oft die Coolen, mit ihren Skills und Leidenschaften. Soe Gschwind zeichnet als Kind «Dragon Ball»- und Pokémon-Charaktere, liest Comics und Fantasybücher, lernt selbständig Sprachen und zockt Videospiele – heimlich und nicht nur zum Spass. «Flucht war es schon auch», sagt sie. «Eine andere Welt, in der ich mich verlieren konnte.» Soe und ihr Bruder wachsen in einem Kinderheim auf. An den Wochenenden und in den Ferien sind sie oft bei den Grosseltern. Von ihnen bekommen die Enkel ihren ersten Gameboy. «Diesen fetten grauen Klotz. Ich musste ihn mit meinem Bruder teilen. Der war grösser und stärker, deshalb hab ich meistens nachts gespielt, sobald er geschlafen hat.» Tagsüber versteckt die damals Elfjährige die Mini-Konsole unter der Matratze. Im Heim sind Videospiele verboten. Aber Soe ist ein Nerd. «Irgendwann haben mein Bruder und ich aus alten Einzelteilen einen ranzigen PC zusammengebastelt, der halbwegs funktioniert hat.» Das erste von vielen Malen, dass Soe Gschwind ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt.
Vom Nerd zum «Wir»
Über den eigenen PC und das MultiplayerRollenspiel «World of Warcraft» bekommt Soe Gesellschaft bei ihrer Alltagsfucht, knüpft Kontakte, die bis heute bestehen, ist nächtelang als untote Magierin unterwegs. Fragt man sie, was sie am Gaming fasziniert und schätzt, rattert sie keine Highscores und Top-Games runter, sondern spricht liebevoll von einer Community, die sich vor allem in ihren Anfängen wie eine kleine Familie anfühlte. «Das Schönste am Gaming ist: Du trifst so viele Leute, mit denen du dich sonst vielleicht nie unterhalten hättest, mit denen
Heisst eigentlich Salome Gschwind-Repp; geboren in Basel; lebt in Los Angeles; wollte mal Comiczeichnerin oder Dolmetscherin werden; hat Tattoos auf dem Bein bis zum Bauch: Totemtiere der Familie in einem riesigen Baum; kann zeichnen, malen, Ukulele spielen und sechs Sprachen
du aber etwas gemeinsam hast. Die gleiche Passion. Als ich meine erste beste Freundin zum ersten Mal in echt gesehen habe …» Soe lacht. «Sie war ein Hardcore-Goth und ich voll Hip-Hop.» In der virtuellen Welt ist das völlig egal. «Herkunft, Alter, physische Einschränkungen – beim Gaming ist für jeden etwas dabei, und jeder entscheidet für sich, wie er Videospiele erleben möchte. Es gibt kein Richtig und kein Falsch.»
Vom «Wir» zum Freak
Am liebsten aber schaut Soe anderen beim Spielen zu. «Das hat mich mitgerissen und gleichzeitig total beruhigt.» Macht also Sinn, dass sie das jetzt beruflich tut. Zusehen, Fragen stellen, kommentieren, moderieren, unterhalten: Das gelingt Soe auch schon in den ersten digitalen Gruppenchats richtig gut. Ein Online-Radio entdeckt die Neunzehnjährige und lädt sie zum Talk ein. Wieso sie? «Wahrscheinlich waren meine Kommentare besonders lustig …?», meint sie fragend. Soe in Aktion zu erleben, lässt keine Zweifel ofen. Kein Wunder, dass sie kurz darauf gleich noch mal entdeckt und 2007 vom Berliner Gaming-Start-up «Freaks 4U» angeheuert wird. «Plötzlich habe ich bei der Games Convention in Leipzig moderiert. Das war wild.» «Freaks 4U» sind zwei Handvoll Enthusiasten, die beginnen, Gaming-Content
professionell zu produzieren, OnlineMultiplayer-Turniere zu veranstalten –und das alles per Audiostream. Pioniere im deutschsprachigen E-Sport. «‹Freaks 4U› war noch extrem klein. Wir waren insgesamt zehn Leute, sind zwischen Events hin und her, ich musste die Bühnen buchstäblich erst bauen, auf denen ich dann stand. Parallel habe ich eine Ausbildung zur Mediengestalterin gemacht, weil keiner wusste, ob überhaupt und wie es weitergeht.»
Vom Freak zum Blizzard
Als Blizzard Entertainment die Allzweckwafe Soe nach knapp zehn Jahren bei «Freaks 4U» abwirbt, ist das «der beste Tag meines Lebens». Der Spieleentwickler ist damals mit Reihen wie «World of Warcraft», «Diablo», «StarCraft» und «Overwatch» der Big Player in der Branche und stark im E-Sport präsent. Soe zieht 2016 nach Frankreich, arbeitet in deren Büro in Versailles als stellvertretende E-SportManagerin und Moderatorin. Ein Jahr später lebt sie in Los Angeles, Kalifornien – und nur noch für eines: Blizzards «Overwatch League» – eine professionelle E-Sport-Liga für das Game «Overwatch». «Ich habe die League mit aufgebaut, konnte mich darauf konzentrieren, das war ein Traum!» 2024, im verfixten siebten Jahr, platzt dieser. Die Liga wird aufgrund fnanzieller Probleme eingestellt. Zum ersten Mal ist Soe Freelancerin. Doch eine Frau, die sich in einer Branche mit Testosteronüberschuss behauptet, muss die Selbständigkeit nicht fürchten.
Und immer: Boss-Modus
Sexistischen Klischees begegnet Soe seit 18 Jahren im Business mit einem «Fuck you» und «Jetzt erst recht». Ihre Fans lieben ihre Konsequenz. «Leider kämpfe ich immer noch gegen den Boys Club an. Homies und Bros werden eher für Jobs angeheuert und abgefeiert, obwohl sie nicht mehr abliefern als Frauen im selben Feld.» Doch so schnell kegelt niemand das Schweizer Multitool aus der Szene. «Zum Glück hatte ich nach der Kündigung bei Blizzard sofort viele Anfragen.» Seit drei Jahren ist sie insbesondere bei einem Menschen besonders gefragt: ihrer Tochter. Mit ihr spielt sie aber erst mal nur Lego.
Instagram: @soe.gschwind

«Meinen ersten Gaming-PC hab ich mir aus ranzigen Einzelteilen selbst gebastelt.»
2026 wird Soe, 37, wieder Host bei Red Bull Wololo sein. Dabei treten in London die weltbesten Amateur- und Profispieler in «Age of Empires II» gegeneinander an.
spielt an der Seite von Angelina Jolie oder Noémie Lvovsky. Die frankoschweizerische Schauspielerin besticht mit ihren emotionalen Rollen – und kämpft nebenbei mit ihrer Fahrprüfung.
Text Mariam Schaghaghi Foto Kostas Maros
«Ella est là!» heisst es, als Ella Rumpf den Raum betritt. Dunkle Haare, Kuschelpulli, kühn geschwungene Lippen, ein Gesicht, das sich einprägt. Wortspiele rund um ihren Namen hört sie oft, bekennt die franko-schweizerische Schauspielerin. Geboren ist Ella in Paris, aufgewachsen in Zürich, sie besitzt zwei Pässe und ist berühmt für die Überdosis Hingabe, mit der sie ihre Figuren spielt. Wie jetzt in «15 Liebesbeweise»: Als DJ Céline ist sie in dem Film Teil eines Frauenpaares, das sein Wunschkind erwartet. Da die Partnerin das Kind austrägt, muss Céline es erst adoptieren. Das Gesetz fordert dazu 15 ausführliche Zeugnisse aus dem Umfeld. Bis 2021 war dies Realität in Frankreich. Ella schmunzelt, als sie erzählt, wie sie damals beim Angebot der Regisseurin Alice Douard zögerte (mit dabei sind auch Monia Chokri und Noémie Lvovsky). «Ist es mit 27 schon Zeit, Mütter zu spielen?», war ihr erster Gedanke. Was sie allerdings berührte, war, dass dies Douards eigene Story war, als sie vor zehn Jahren mit ihrer Partnerin Mutter werden wollte. «Ich musste mich erst dem Gedanken nähern, was es heisst, Mutter sein zu wollen, Verantwortung für ein Wesen zu übernehmen und diesen Wunsch so tief zu empfnden», sagt Ella. «Und dann wird deine Liebe juristisch hinterfragt: Du musst erst Heterosexuelle um ihre Meinung fragen, ob du dazu taugst. Das verletzt doch deine Menschenwürde!» Ella, die selbst in einem ofenen Umfeld mit queeren Menschen aufwuchs, liess sich mit Herz und Seele auf die Rolle ein, absolvierte DJTrainings und besuchte Soundchecks. Wenn Ella sich erklärt, ringt sie oft um Worte, man merkt, wie sie sich die Sätze aus ihrer Gedankenwelt schneidet. Das ist es, was diese Schauspielerin ausmacht:
Geboren 1995 in Paris; ist die Tochter einer französischen Lehrerin und eines Schweizer Paartherapeuten; erstes Aufsehen mit «Raw», dessen Regisseurin Julia Ducournau später für «Titane» die Goldene Palme bekam; ihr Privatleben hält sie privat
Sie wächst nicht nur gedanklich in Figuren hinein, sie schenkt ihnen Essenz. Das fel auch Filmemachern wie Julia Ducournau, Jakob Lass oder auch Marvin Kren auf, der Rumpf mit der weiblichen Hauptrolle in der TV-Serie «Freud» besetzte. Alice Douard dagegen wollte sie, seitdem sie sie 2016 im Drama «Raw» sah. «Ella hat eine aussergewöhnliche Tiefe im Blick», sagt die Regisseurin. «Manchmal schien es, als flmte ich ihre Seele.»
Herausforderung Glatze
Tiefe hatte Ella schon immer. Mit 14 bekam sie die weibliche Hauptrolle in einer Schulaufführung von «Romeo und Julia». «Da merkte ich, wie wohl ich mich beim Spielen fühle. Vor der Kamera oder auf der Bühne passiert bis heute etwas mit mir, etwas Neues.» Mit 18 dann der erste Prüfstein: Für die Schweizer Filmproduktion «Chrieg» musste sie sich eine Glatze rasieren. «Ich wusste, diesen Beruf kann ich nur ganz oder gar nicht machen», sagt Ella heute. «Well, sagte ich mir damals, do you want it enough? Das war eine wichtige Erfahrung.»
Die Traummähne ist längst nachgewachsen. Die heute 31-Jährige hat in der Zwischenzeit viele kleine, feine Rollen gespielt. Mit grossem Erfolg. «Seit fünf Jahren erlebe ich Momente, in denen ich immer wieder denke: What? Me? Here?» Im Jahr 2024 erhielt Rumpf den Nach-
wuchs-César für ihre Rolle als Mathematikerin in «Le Théorème de Marguerite», darauf folgten acht Monate Dreh für die HBO-Serie «Tokyo Vice» in der japanischen Metropole. «Ich war so happy, das war so top, ich hätte nicht gedacht, dass da noch mehr kommen kann!»
Oh doch – in Form von Angelina Jolie und einer weiteren Charakterrolle in «Couture», in dem es um die Tragödie einer Designerin während der Paris Fashion Week geht. Die Rolle wurde ihr ohne Casting, Audition oder Kameratest oferiert. Ella fasst es noch immer nicht. «Ich bekomme einfach einen Anruf, ob ich einen Part neben Jolie übernehmen will. Das war so absurd!»
Vorbild Angelina
Von Angelina Jolie war Ella völlig gefasht. «Sie ist eine berührende Frau. Sie hat viel erlebt, Risiken auf sich genommen, für ihre Würde gekämpft.» Die beiden hatten «kurze, aber tiefe Gespräche» über ihre Weltanschauungen und wie sie ihr Leben navigieren. «Das muss nicht einfach sein, ihr Leben. Ich bewundere Frauen wie sie, die sich trauen, Dinge zu tun, und etwas geschafen haben.»
Bei Ella geht es derzeit darum, für sich einen Lebensmittelpunkt festzulegen. Sie lebte bereits in Berlin, London, Paris und jobbedingt in Tokio und Prag. «Aber jetzt will ich auch mein Zentrum fnden», sagt sie. Bei ihr heisst das: zwei Mittelpunkte. «Ich habe mich entschieden, halb in Paris zu leben, wo meine französische Familie ist– also Grosseltern, Tante, Onkel –, und halb in Zürich, wo meine beiden Elternteile leben.» Selbst in Ruhe ist Ella also auf Achse.
Was sonst noch auf Ellas To-do-Liste steht: die Fahrprüfung. «Uf!», bestätigt die Schauspielerin und verdreht die Augen. «Ich versuche seit Jahren, den Führerschein zu machen. Aber dann muss ich nach zwei Monaten in der Schweiz wieder weg und arbeiten – und schaf’s wieder nicht!» Ja, ungeduldig ist sie, gibt Ella gerne zu. Aus gutem Grund. «Es gibt so vieles zu tun: Wach zu bleiben. Zu verstehen, in was für einer Welt wir leben. Und die passenden Projekte dafür zu fnden.» Keine Frage: Langweilig wird dieser Schauspielerin so schnell sicher nicht.
Instagram: @ella_rumpf

«Es gibt so viel zu tun: Wach bleiben. Und verstehen, in was für einer Welt wir leben.»

Er kann beides: Elias Giselbrecht ist Fotograf und Parkour-Athlet in einem. Mit seinen Buddys bereist der Österreicher die Welt – immer auf der Suche nach dem nächsten grossen Sprung.

Als dieses Bild entstand, war Elias gerade einmal 18 und mit Freunden in Spanien unterwegs:
«Zu sehen bin ich selbst, wie ich einen Präzi – einen Präzisionssprung – zum Geländer der Pasarela Pedro Arrupe Zubia in Bilbao mache.»

Bubble Run Breakdance? Parkour? Oder sogar zeitgenössischer Tanz? Ist manchmal nicht so leicht zu unterscheiden. Erst recht nicht beim Franzosen Charles Auguste. Elias: «Charles’ Handstand kommt eigentlich aus dem Breakdance und zeigt den ihm eigenen, sehr speziellen Stilmix.» Entstanden ist das Bild 2024 auf der Skylight-Bubble eines Parkdecks beim Wiener Prater. Ein Homerun für Elias.

Lichtermeer
Das Pariser Viertel La Défense ist bekannt für seine vielen Parkour-Spots. 2018 hat es Elias dieser V-Kran angetan. Er und die Salzburger Freerunnerin und Climberin Denise Pirnbacher kletterten parallel auf dessen beide Arme. Elias: «Für solche Projekte wähle ich Zeiten, zu denen die meisten Menschen schlafen.»
Für Aussenstehende mag Parkour wie ein möglichst elegantes Davonlaufen wirken. Für jemanden wie Elias Giselbrecht ist es dagegen Bewe gungskunst – und natürlich ein unerschöpfliches Reservoir für spannende Fotomotive. Entwickelt vom Soldaten Raymond Belle in den Wäldern um Paris, wurde Parkour in den 1990er-Jahren von seinem Sohn David ins urbane Setting der Vorstädte importiert. Elias: «Tricks und Runs übe ich in der Halle, um sie dann draussen glaubwürdig und mit vollem Einsatz auszuführen.»
Haftungsfrage
In der Wiener Innenstadt wird Wert auf Ordnung gelegt. Verschlägt es jedoch Elias Giselbrecht und seine Freunde in die City, kann die ganz schön auf den Kopf gestellt werden, wie dieses Bild von 2024 zeigt. Zu sehen hier ist Dennis K., Parkour-Artist aus dem deutschen Mannheim, und ein guter Kumpel von Elias. Sein Credo: Bodenhaftung wird überschätzt.


Das riesige runde Fenster des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses in Berlin ist ein beliebtes Motiv unter Urban-Sports-Fotografen. «Es war mir wichtig, etwas ungewohnter an diesen Spot heranzugehen», sagt Elias. «Ich mag die schiefe Perspektive und den frei schwebenden Schatten, den mein bester Freund, Athlet Daniel Heinzl, schlägt.»
Wir auch: Das Bild war 2023 Semi-Finalist beim Fotobewerb
Elias Giselbrecht, geb. 1988, wuchs im Wiener Bezirk Ottakring auf. Als leidenschaftlicher Turner kam er zum Parkour, als er 14 war. Gemeinsam mit seiner Crew «Revo Cult» trainierte er in der Halle, bevor es in die freie Wildbahn Wiens ging. Den Einstieg in die Fotografie fand er mit der digitalen Spiegelreflexkamera seines Vaters, heute fotografiert er mit einer Sony Alpha 7 IV, einer spiegellosen Vollformatkamera. Vom Papa, einem Architekten, hat Elias auch ein Auge für prägnante Gebäude und interessante Strukturen. Für seine Kunst arbeitet Elias Tag und Nacht: «Beim Editing sitze ich oft nächtelang vor den Monitoren und höre dazu Hip Hop Instrumentals mit viel Bass. Dabei verschwinde ich in einem Tunnel. An dessen Ende kommt aber meistens der strahlende Moment: Alle Farben sind richtig getroffen, die Komposition passt, und meine Vision ist Realität geworden.»

Der Fotograf Elias war über viele Sommer Senner auf einer Alm in Vorarlberg: «Das war prägend: Die Leute dort haben aus wenig viel gemacht und Kleinigkeiten geschätzt. Seither feiere ich den Minimalismus.» Insta: @brichti_revo


Kamingespräche
Manchmal braucht es Geduld:
Für diesen Shot aus dem Jahr 2024 harrte Elias 20 Minuten aus, bis wieder ein Fiaker vorbeiklapperte. Das Problem: Auch die beiden Athleten Dennis K. (links) und Amir K. sassen in dieser Zeit über den Dächern von Wien fest. Elias: «In der Vorbereitung überlege ich mir genau, wie das Licht einfällt oder wo es coole Schattierungen gibt.» In diesem Fall hatte er dafür 20 Minuten extra.

Streckübung
Elias’ Buddy Simon Weger ist bekannt für Parkour-Boulder-Kombis mit viel Magnesium an den Händen. Anlässlich des Parkour-Meetings «Steel City Jam» fand er 2022 am Linzer Rathausplatz das perfekte Objekt seines Begehrens: Der Jump von einer Kante dieses Torbogens zur anderen erfordert enorme Sprung- und Griffkraft. «Das Foto zeigt den ersten Versuch, geklappt hat der Sprung erst beim zweiten Anlauf.»
«Ich führe nur Aktionen durch, die ich mir wirklich zutraue. Andernfalls lass ich es lieber sein.»

Wie auf eine Palme hantelte sich Amir K. 2014 auf diese Laterne am Stephansplatz. «Um einen Absturz oder Sachschäden zu vermeiden, mussten wir erst die Belastbarkeit des Laternenbogens testen», erzählt Elias. «Oder wie wir sagen: preppen.» Ob das Foto echt sei, fragte ihn seine Tante, als sie es sah. Aber sicher! Den Einsatz von KI lehnt Elias ab: «Sie würde die Leistung verfremden.»

Vom Aufstiegsdrama in Mainz bis zum Champions-League-Sieg mit Liverpool: Wo Jürgen Klopp war, weckte er in Spielern, Fans und ganzen Städten den Glauben an sich selbst. Hier spricht er über lebensverändernde Niederlagen, die Kraft eines Lächelns in der Kabine –und warum es wichtig ist, zwischendurch alles zu riskieren.
Menschen wirken im echten Leben oft kleiner als im Fernsehen. Für Jürgen Klopp gilt das nicht. Er wirkt auch in der Realität überlebensgross.
1,90 Meter, schlank, kräftige Stimme, fester Händedruck. «Ich bin der Jürgen.» Nicht: Mr. Klopp. Klar, ein Fotoshooting ist nicht vergleichbar mit einer Kabinensitzung vor dem Finale. Aber Klopp steht sofort im Mittelpunkt – nur nicht auf dem Podest. Er braucht keine VIP-Kabine, zieht die Klamotten direkt am Set um. Freundlich, unkompliziert, voller Energie.
the red bulletin: Jürgen, nur etwa die Hälfte der Menschen in Europa blickt aktuell optimistisch in die Zukunft. Wie geht es dir? jürgen klopp: Ich bin sehr optimistisch – und gehe auch so in die Zukunft. Aber das gilt natürlich nicht für alle Teilaspekte unseres Lebens und des Weltgeschehens. Alles verändert sich. Viele Ressourcen, die wir lange für unendlich hielten, werden aus unterschiedlichsten Gründen immer knapper und teurer. Und vieles kann man schlicht nicht kontrollieren. Und das ist der Punkt: Ich bin optimistisch bezüglich der Dinge, die ich beeinfussen kann. Und mit allen anderen Ereignissen und Trends muss man leben und irgendwie zurechtkommen.
Das sagt sich so einfach.
Natürlich leiden viele Menschen unter verschiedenen Dingen viel mehr als ich in meiner privilegierten Position. Das ist mir bewusst. Ich sitze heute hier mit 58 Jahren und hab ein Leben geführt, von dem ich als junger Kerl nicht gewagt hätte zu träumen. Da ist ziemlich viel ziemlich gut gelaufen. Aber ich war auch vor vierzig Jahren der gleiche Mensch mit den gleichen Werten. Das kannst du «grundlos optimistisch» nennen. Ich glaube immer daran, dass es gut ausgeht.
Muss man als Leistungssportler vielleicht einfach auch Optimist sein? Du bist im Schwarzwald aufgewachsen, in der Provinz, einer von Millionen Jungs in Deutschland, die von der grossen Fussballerkarriere träumen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es klappt, geht ja leider gegen null … Ich habe das Spiel sehr, sehr geliebt und war auch in der Region einer der Besten. Aber der Realist in mir wusste damals schon: Ich bin nicht gut genug. Vielleicht hab ich mich ein wenig unterschätzt. Eine sehr, sehr durchschnittliche Profkarriere, die mir alles danach ermöglicht hat. Denn ich wäre sicher nicht der Trainer geworden, der ich bin, wenn ich mich nicht 325mal durch deutsche Zweitligastadien gequält hätte. Man muss tatsächlich Optimist sein, um sich seine Träume zu erfüllen. Ich fnde, es macht die Zeit

Jürgen Klopp (Mitte) im Auswärtstrikot des 1. FSV Mainz beim Kopfball gegen Hannover 96 am 19. September 1992. Das Spiel endete übrigens 3:1 für die Gäste.
während des TräumeErfüllens angenehmer. Aber ein realistischer Blick ist auch wichtig: Was sind meine Talente? Wo kann ich einen Unterschied machen? Mit Pessimismus allein kann ich gar nichts anfangen.
Warum?
Pessimismus basiert meistens auf der Erfahrung, dass Dinge in der Vergangenheit nicht so geklappt haben wie erhoft. Diese Erfahrung führt häufg dazu, dass man sich das, was in Zukunft passiert, nicht mehr zutraut. Für mich sind die Dinge, die in der Vergangenheit nicht funktioniert haben, nur eine Information, dass es nicht funktioniert hat. Aber dass mich das über das Scheitern hinaus noch weiter behindert, habe ich nie zugelassen.
Wahrscheinlich hat es im deutschen Fussball seit Franz Beckenbauer niemanden gegeben, auf den sich so dermassen alle einigen konnten. Der erfolgreichste Trainer der letzten Jahre, mehrfacher Fernsehpreisträger, omnipräsent in der Werbepause. In einem TV-Spot tritt er als Bäcker, Zahnarzt und Pastor auf. Und irgendwie nimmt man ihm ab, dass er das auch super gemacht hätte. Fans bewundern nicht nur den Mann mit dem Pokal. Sie bewundern den Typen, der mit Campino von den Toten Hosen nach einem ungerecht verlorenen Finale singt: «Madrid had all the fucking luck. We swear we keep on being cool. We’ll bring it back to Liverpool.» Ein Jahr später holten sie den Pokal tatsächlich. Wie bleibt man so lässig? Wie zündet man eine Mannschaft an, einen Verein, eine ganze Stadt? Wie geht das?
jürgen klopp: Alles hat seine Zeit. Die Trauer, die Wut, die Refexion. Die schlimmsten Niederlagen meines Lebens waren die verpassten Aufstiege mit Mainz 05. Wir hatten plötzlich die Chance, mit diesem kleinen Verein in die Bundesliga zu kommen – und

«MEINE
FRAU UND ICH WUSSTEN: WENN DAS MIT DEM FUSSBALL NICHT KLAPPT, MÜSSEN WIR TAXI FAHREN
Bevor Jürgen Klopp sich entschied, alles auf Fussball zu setzen, gab es Kassensturz mit seiner Frau Ulla.
NUR EIN SATZ DRIN, GE
DRUCKT AUF 200 SEITEN:
scheiterten am letzten Spieltag wegen eines Punkts (2001/02; Anm.). Das war bis dahin der schlimmste Tag meines Lebens. Ich hatte gar keine positive Zukunftsvision in mir. Nach einer durchzechten Nacht sah die Welt wieder anders aus. «Einmal drüber schlafen» – das ist wirklich ein Tipp, den ich allen geben würde, bevor man eine grosse Entscheidung trift.
Wie wirkt sich das aus?
Am nächsten Morgen dachte ich schon: Wir waren so gut, so nah dran, wir optimieren ein bisschen und schafen es nächstes Jahr. Und dann verpassten wir den Aufstieg wieder – wegen eines Tors (2002/03; Anm.). Da fühlte ich mich vom Fussballgott gemobbt. Das waren lebensverändernde Niederlagen. Ich wusste: Wenn ich ein drittes Mal nicht aufsteige, war es das mit der grossen Trainerkarriere. Aber dann haben wir es geschaft – und ich war gerettet. Die verlorenen Champions-League-Finals später (2013, 2018 und 2022; Anm.) fühlten sich nicht gut an. Aber ich wusste, das wird mein Leben nicht mehr verändern. Ein Luxusproblem. Ob da jetzt noch eine Trophäe rumsteht oder nicht, ist am Ende nicht so wichtig. Aber die frühen Niederlagen haben mich geprägt – eindeutig.
Die meisten Leute hätten ein Loch gegraben und sich reingelegt. Das ist in der Rolle nicht möglich. Spieler denken nur bis zum nächsten Training oder Spiel – kein Vorwurf, ich war nicht anders. Aber irgendjemand muss den Weg aufzeigen und das Gefühl erzeugen, dass die Ziele erreichbar sind. Nach dem zweiten verpassten Aufstieg mit Mainz stand ich auf einer Bühne und hab erzählt, dass der Fussballgott mit uns ein Experiment zu machen scheint: Ob man nicht nur einmal fällt und wieder aufsteht, sondern vielleicht sogar zwei- oder dreimal – und trotzdem stärker daraus hervorgeht. Und dann hab ich gesagt: Es gibt keinen besseren Klub und keine bessere Stadt als Mainz für diesen Versuch. In diesem Moment haben die 25 Jungs, die 20.000 Leute vor der Bühne – alle –daran geglaubt. Und beim Trainingsstart waren 10.000 Leute da und haben uns Schwung gegeben für die Saison. Optimismus für sich allein ist schön. Aber wenn man ihn mit anderen Menschen teilt, entfaltet man eine richtig starke Wirkung.
Bleiben wir noch kurz in Mainz. 2001 hat dich, lustigerweise an einem Rosenmontag, der dama-

Es ist geschafft: Nachdem die Mainzer in den beiden Vorjahren noch denkbar knapp gescheitert waren, wird der Traum vom Aufstieg mit dem dritten Platz in der Saison 2003/04 wahr.
lige Sportdirektor Christian Heidel angerufen und gefragt, ob du als Spielertrainer übernehmen kannst. Woher nimmt man diese Zuversicht, derartige Challenges anzugehen?
Man könnte das unter der Überschrift «jugendlicher Leichtsinn» zusammenfassen. Ich war 33 Jahre alt, hatte zwar ein abgeschlossenes Sportstudium, aber keine Erfahrung. Die Frage war nicht: Kannst du es den Rest der Saison machen? Sondern: Kannst du das Team auf Mittwoch vorbereiten? Und dann dachte ich: Ja, das schaf ich. Und dann haben wir von den ersten sieben Spielen sechs gewonnen – das war ein ordentlicher Start.
Die Lektion: In kleinen Schritten denken, statt zu sagen, «oh Gott, das ist ja so ein Riesenschritt»?
Genau. Im Fussball mögen es die Journalisten nicht, wenn man sagt: «Ich denke von Spiel zu Spiel.» Aber es stimmt trotzdem. Es gibt keine Alternative. Sich das grosse Ziel stecken und dann bereit sein, jeden einzelnen notwendigen Schritt zu gehen – das ist die einzige Möglichkeit, erfolgreich zu sein.
Wissenschaftler haben untersucht, warum Menschen unterschiedlich optimistisch sind: 30 Prozent ist DNA, also wie schnell Neurotransmitter abgebaut werden. 20 Prozent ist Glück, positive Erfahrungen, die sich selbst verstärken. Gut die Hälfte ist ein gutes Umfeld, wo man das lernt. Warum bist du so, wie du bist?
Das sind schon die wichtigsten Faktoren. Vor allem prägt einen die Familie, in der man aufwächst. Ich war das dritte Kind meiner Eltern, fünf Jahre jünger, nach zwei Mädels endlich der Thronfolger. Ich hätte mich zu einem Riesenschwachkopf entwickeln können, die haben mich von vorne bis hinten verwöhnt. Aber das hat auch dazu geführt, dass ich absolutes Vertrauen in Menschen habe. Ich meine es ernst: Ich trete Menschen positiv und absolut unvorein-
genommen gegenüber und vertraue ihnen hundertprozentig. Falls man mich enttäuscht, kann ich mich später damit beschäftigen.
Haben deine Eltern dir diese Werte vermittelt?
Mein Vater kommt aus der Vorkriegsgeneration und war auch sehr fordernd. Hat er jeden Tag gesagt, dass er mich lieb hat? Nein. Aber ich spürte es. Er hat in mir den Kerl gesehen, der all das erreichen kann, was er nicht erreichen konnte – und mich gepusht. Ich weiss nicht, ob das an der Erziehung liegt, an der DNA oder ob es meine eigene Entscheidung ist. Aber wichtig ist: Ich möchte optimistisch durchs Leben gehen – und einen Mehrwert darstellen für die Menschen, mit denen ich zu tun habe. Es ist nicht genug, wenn es nur mir gut geht. Das hängt mit meinem christlichen Glauben zusammen, mit meiner Erziehung. Es war nicht alles easy bei mir. Es gab Momente, wo man vom Weg hätte abkommen können …

5. Mai 2012, 34. Spieltag, Signal Iduna Park, Dortmund: Borussia Dortmund ist abermals Deutscher Meister geworden, Trainer Jürgen Klopp feiert mit der Meisterschale.
Zum Beispiel?
Ich bin ganz jung Vater geworden, habe damals auch nicht gedacht: Das ist ja grossartig. Und heute ist es das Beste, was mir passieren konnte. Mein Sohn und der Sohn meiner Frau Ulla sind heute unsere besten Freunde. Ich sehe es als Auftrag, aus dieser Nummer hier das Beste zu machen. Und damit meine ich: aus dem Leben, das wir hier haben. Mehr ist es nicht.
Die Liverpool-Legende Steven Gerrard hat mal erzählt: «Jürgen Klopp hat immer gelächelt, wenn er die Kabine betreten hat.» Stimmt das? Und hast du das Lächeln bewusst angeknipst, bevor du die Tür geöfnet hast?
Das war mir nicht bewusst. Aber klar, wenn du in die Kabine kommst, musst du dein Team so gut wie möglich auf ein Spiel vorbereiten. Es geht darum, dass dieser Haufen, der da sitzt, nachdem ich mit
ihm gesprochen habe, stärker ist als davor. Ich fordere viel von meinen Spielern: Mut, Kreativität, Einigkeit. Wahrscheinlich ist Lächeln der einzige Gesichtsausdruck, der das möglich macht.
Du hast mal gesagt: «Wenn man das, was ich vor dem Spiel spüre, in Flaschen abfüllen und verkaufen könnte, dann wäre es illegal.»
Was würde auf der Flasche stehen?
«Lust auf den Erfolg», «Lust auf den Wettkampf», «Lust auf das Spiel», «Lust auf das, was man beeinfussen kann». Sag mir eine Sache im Leben, die man besser machen kann, wenn man miesepetrig ist.
«ALLES ZU GEBEN, BEDEUTET NICHT, DASS DU ALLES
Hast du einen Tipp, wie man das vermeidet?
Schwierig, Leuten Ratschläge zu geben, die ich nicht kenne. Aber ich versuch es mal so: Meine Kar riere ist optimal gelaufen, auch wenn ich nicht alle Spiele gewonnen habe. Es gibt Menschen, die sagen: Der hat dreimal das Champions-League-Finale verloren. Das ist legitim. Aber wie dämlich wäre ich, wenn ich das so sehen würde? Ich denke nicht jeden Tag daran, dass Real Madrid absurde Tore gegen uns geschossen hat. Ich denke aber auch nicht jeden Tag an die Momente, in denen ich den Pokal hochgehoben habe. Es liegt in meiner Hand, wie ich mit den Dingen umgehe, die im Leben passieren. Wenn du ein Spiel verlierst, kannst du sagen: «Die Spielidee war falsch. Zurück auf null.» Oder du sagst: «Die Idee war gut, aber die Ausführung nicht optimal. Das Timing, die Präzision.» Und schon hat man die Möglichkeit, beim nächsten Mal besser zu sein. Alles zu geben, bedeutet nicht, dass du alles bekommst. Es ist aber die einzige Chance, überhaupt etwas zu bekommen.
Im Sport gibt es dieses Phänomen, wenn ein Team plötzlich «on fre» ist, krass an sich glaubt und alles wegräumt. Wie zündet man das an?
Wie fühlt sich das an?
Wir hatten eine Phase in Liverpool, in der wir über zweieinhalb Saisons nur fünf oder sechs Punkte zu Hause abgegeben haben. Völlig verrückt! Leider sind wir in dieser Zeit nur einmal Meister geworden. (Lacht.) Von aussen denkt man: Denen gelingt alles, das ist leicht. Aber wenn man drinsteckt, steigt der Druck, das Ding am Laufen zu halten. Man gewinnt ein Spiel, freut sich kurz. Geil. Drei Punkte. Und dann schaust du dir deinen Kader an: Wie geht’s den Jungs? Wen muss man runterholen? Wen aufbauen?

«DAS IST MEIN THRILL IM NEUEN JOB: DASS ICH MEINE
NEUGIER AUF DIE WELT ENDLICH STILLEN KANN.»
Auf wen aufpassen? Drei Tage bis zum nächsten Spiel. Du gewinnst wieder. Wahnsinn. Was ist jetzt zu tun? In einer Siegesserie zu sein, hat nichts mit Genuss zu tun. Es ist Anstrengung, Erleichterung, Anstrengung, Erleichterung – und je länger die Serie dauert, desto mehr steigt der Druck. Das überbordende Gefühl war maximale Erleichterung. So sehr, dass ich fast Probleme hatte, mich auf den Füssen zu halten. Okay, die Box ist getickt, weiter geht’s. Es geht ja immer weiter.
Das klingt mehr als nur ein bisschen stressig. Gibt es in deinem neuen Job auch solche Extremzustände?
Also erst mal: Ich vermisse das Adrenalin nicht. Und grundsätzlich bin ich dem Spielgeschehen natürlich immer noch verbunden – vielleicht in abgeschwächter Form, weil ich nicht direkt am Platz stehe. Aber ich febere mit unseren Teams und Trainern mit. Bin nicht mehr der Fahrer, sondern eher ein Mitfahrer. Schau mir die Sache an und freue mich, wenn wir ankommen. Ich habe total Lust auf meinen Job, auf die Gespräche mit Menschen in unterschiedlichen Positionen, in unterschiedlichen Ländern, mit ständigem Austausch. Ich lerne jeden Tag dazu. Und das ist mein Thrill. Dass ich meine Neugierde auf die Welt endlich stillen kann.
Jürgen Klopp sitzt in der brandneuen Geschäftsstelle von RB Leipzig, die Ende 2025 eröffnet wurde. Ein offenes Foyer. Eine Treppe über vier Stock werke nach oben, breit, einladend, wie eine Tribüne. Es riecht nach Holz. Über 2500 Kubikmeter wurden verbaut. Alles ist offen, hell, transparent – selbst jetzt im Winter. In den Arbeitsbereichen gibt es kaum feste Wände. Alle Büros sind flexibel vergrösserbar. Selbst das Management hat nur eine SchreibtischInsel. Klopp blickt nicht sehnsüchtig auf die Rasenplätze draussen. Er hat als Trainer alles erreicht. Und sich entschlossen, den Gipfel nicht zu verteidigen, sondern weiter nach oben zu klettern. Neue Abenteuer zu suchen. Als Head of Global Soccer verantwortet er sportliche Leitlinien für Klubs auf vier Kontinenten. New York, Leipzig, Brasilien, Japan. Was hat sich verändert in seiner neuen Rolle? Und was ist vielleicht gleich geblieben?
jürgen klopp: Ich vermisse die Kabine nicht. Da war ich oft genug. Und es riecht da auch nicht besonders toll. Das erste Jahr bei Red Bull war super intensiv. Wir haben viele Dinge angeschoben und Muster aufgebrochen. Genau wie in meinen bisherigen Vereinen bin ich nicht hergekommen und hab den Leuten am ersten Tag gesagt, was sie

Ein weiterer Meilenstein: Liverpool gewinnt 2019 die Champions League. Die Spieler feiern ihren Trainer Jürgen Klopp nach dem 2:0-Sieg gegen Tottenham.
anders machen müssen. Ich möchte erst wissen, mit wem ich zu tun habe, was gemacht wird und warum. Dann kann man über Veränderungen und Verbesserungen sprechen.
Ich stelle mir so einen Global Ofce Job als Gegenteil der Kabine vor. Man macht ganz viel über Videocalls und Slack, man ist sich fern. Wie stellt man hier Nähe her und motiviert?
Es ist eine Einstellungssache: Nur Videocalls, ohne die Leute je getrofen zu haben, ist schwierig. Aber ich hab jeden zweimal getrofen, und dann geht es. Es ist so persönlich, wie du es machst. Ich steh morgens auf und hab fünf Calls, spreche mit den Leuten über die wichtigen Dinge – und bin regelmässig vor Ort, um neue Eindrücke zu sammeln.
Was ein Trainer macht, ist klar, aber was macht ein Head of Global Soccer?
Ich möchte ein Partner sein, den es im Weltfussball sonst nicht gibt. Ein Asset, das niemand ausser den RB-Trainern hat. Ein Cheftrainer im modernen Proffussball hat niemanden im Verein, dem er eine Frage stellen kann. Alle denken: Das muss er doch am besten wissen. Und wenn jetzt einer von unseren Trainern ein Problem hat, kann er mich anrufen –und ich kenne vielleicht eine Antwort, weil ich selber in den Schuhen gesteckt habe.
«ICH MÖCHTE FÜR UNSERE TRAINER EIN PARTNER SEIN, DEN ES

Du bist also auch ein Sparringspartner – was fragen die Trainer vor oder am Spieltag? Ich bin mit all unseren Trainern in ständigem Kontakt. Es geht darum, eine Gesprächsbasis zu entwickeln und neue Ideen einzubringen, die man so nicht hatte. Eine Frage, die immer wiederkehrt, ist: Wie schätzt man Dinge ein? Der grösste Treiber im Sport ist der öfentliche Druck. Wie geht man damit um? Wenn ich ein Buch schreiben würde, dann dar über. Es wär auch kurz: «Einfach ignorieren.» Ein Satz, auf 200 Seiten. Trainer machen sich genug Druck. Wie reagiert man auf eine öfentliche Debatte? Gar nicht. Das kann man von mir lernen. Wir wollen den bestmöglichen Fussball spielen und unsere eigenen Ziele erfüllen. Nicht fremdbestimmt sein. Wir sind meistens nicht der grösste Fisch im Teich, sondern müssen neue und besondere Lösungen fnden. Und den Leuten helfen, mutig zu sein und mutig zu bleiben – das ist eine reizvolle Aufgabe.
Du hast dich relativ häufg in deiner Karriere an Reboots beteiligt: in Mainz, in Dortmund und in Liverpool. Und jetzt hatte RB Leipzig auch einen grossen Umbruch vor dieser Saison. Woher nimmt man den Optimismus, dass der Neustart klappt?
Krise als Chance. Man muss nach negativen Eindrücken zügig eine Entscheidung trefen. RB war ein erfolgsverwöhnter Verein, der sich als neuer Verein in der Champions League etabliert hatte – eine echte Erfolgsgeschichte, die selten ist in Europa. RB ist jung, lebendig. Und das hat nicht mehr ganz gepasst. Stecker raus. Neustart. Zurück auf Anfang. Frisches Blut in ein funktionierendes System, und genau das haben wir gemeinsam mit dem Klub getan – und haben wieder den jüngsten Kader der Liga. Am Fussball muss man weiterfeilen, aber das ist normal.
«ICH VERMISSE
DA WAR ICH OFT GENUG. UND ES RIECHT AUCH NICHT BESONDERS GUT.»
Du warst lange in der Bundesliga, lange in der Premier League. Jetzt bist du zeitgleich in sechs, sieben, acht Profligen. Was lernst du dadurch über den Fussball?
Was Intensität angeht, ist die Premier League kein Vergleich. Die besten Spieler, top trainiert, hundert Prozent Einsatz. Zwei Pokalwettbewerbe, grössere Liga. Wahnsinn. Frankreich – das ist die Liga der Talente. Japan ist eine ganz spannende Liga, ganz anders aufgebaut, weil die Talente dort noch an den Unis sind und erst mit 23 in die Liga kommen. Menschlich gereift. Es sind einfach andere, spannende Systeme. Deswegen wollen wir nicht immer den Bundesliga oder PremierLeagueDeckel draufsetzen, sondern angepasst an die jeweiligen kulturellen Voraussetzungen einen Weg fnden, dieses wundervolle Spiel im richtigen Licht erscheinen zu lassen.
Du hast vorhin über die Ungeduld der Öfentlichkeit gesprochen. Wie gelingt unter diesen Bedingungen eine nachhaltige Entwicklung?
Du musst natürlich die unmittelbaren Probleme lösen. Aber ich bin bei meinen Positionen immer davon ausgegangen, dass ich lange da sein werde – nicht weil ich meine Chancen so optimistisch einschätze, sondern weil das meine Denkweise ist. Ich bin kein Springer. Ich möchte Leute kennenlernen, Dinge verstehen, Einfuss nehmen – und dann hofentlich Erfolg haben. Eine Entwicklung braucht Zeit. Den Start haben wir bei RB vollzogen. Und jetzt schauen wir, wie viel Zeit wir brauchen. Sieben, zehn, zwölf Jahre. Ganz egal.
Du hast vor einem Vierteljahrhundert deinen ersten Trainerjob begonnen. Wenn man sich heute Spiele aus den Nullerjahren anschaut, denkt man: Hab ich jetzt Zeitlupe eingeschaltet?
Was sind die Change Driver des Fussballs in den kommenden Jahren? Als ich in den Neunzigern Prof war, haben wir vor dem Training Salztabletten bekommen und durften nichts trinken. Wir haben komplett dehydriert trainiert. Seitdem hat sich viel getan, taktisch, Trainingslehre. Mein Job hat sich wahnsinnig verändert. Wenn ich in Mainz am Anfang eine Schraube in die Wand gedreht habe, dann hab ich am Ende in Liverpool ein Space Shuttle gesteuert. Aber es gibt Limits. Biomechanisch. In den letzten Jahren ist die Laufleistung nicht von 100 auf 150 Kilometer explodiert. In dem Moment, wo man den Protagonisten Zeit gibt, zu performen, zu regenerieren und zu trainieren, wird der Fussball den nächsten Schub kriegen.


«MENSCHEN, DIE
SICH DEM GEGENWIND AUSSETZEN, HABEN MEINEN RESPEKT.»

Eigener Kosmos: Auch in seiner neuen Rolle brennt Jürgen Klopp dafür, Talente zu stärken. RB
Deutschland ist schon lange nicht mehr Exportweltmeister. Aber deutsche Fussballlehrer sind seit Klopps Zeit in England ein gefragtes Gut. Menschenführung, Taktikpräzision. Der Weltmarkt ist sein Zuhause als Head of Global Soccer. Er kennt die Laufwege auf den Flughäfen. Verbringt viel Zeit in den USA, in Japan, Brasilien und EUStaaten. Wie schätzt er die Stimmung in seiner Heimat ein?
jürgen klopp: Ich lebe in Mainz, in Gonsenheim. Ich mache keine Umfragen, aber ich reise viel und höre zu. Die Stimmung ist nicht besonders gut, das weiss ich. Aber es gab auch früher Probleme – man vergisst sie nur schnell. Die aktuellen scheinen immer die grössten und unlösbarsten zu sein. Ein paar Dinge sind neu und unerwartet: Dass wir in Europa wieder Krieg haben. Dass politische Gesinnungen, die nicht meine sind, populärer werden. Ich beneide Politikerinnen und Politiker wirklich nicht.
Outfits: AlphaTauri
Hair and Make-up:
Stefanie Szekies
«ICH WÜRDE JETZT GERN SO TUN, ALS HÄTTE ICH BEI JEDER KREUZUNG ODER KRISE GEWUSST, WAS DER RICHTIGE WEG IST. WAR ABER NICHT SO.»
Wieso?
Es ist unmöglich, es allen recht zu machen. Egal was du entscheidest – eine Fraktion schreit auf: «Seid ihr verrückt geworden?!» Menschen, die sich trotzdem engagieren und sich diesem Gegenwind aussetzen, haben meinen Respekt. Solange ich erkenne, dass sich jemand wirklich bemüht, das Richtige zu tun, bin ich nicht kritisch. Denn immer das Richtige zu tun, ist praktisch nicht möglich. Ich bin ein Verfechter von gesundem Menschenverstand – die Dinge noch mal beleuchten, noch mal nachdenken. Und da kommen wir wieder zum Optimismus: Der Glaube an die Zukunft hilft dabei, sich vorzustellen, wie es im positiven Fall aussehen kann. Und das führt dazu, dass man daran arbeiten will, dass es auch so wird.
Kann man Optimismus trainieren? Gibt es ein Trainingsprogramm?
Meine Lebenseinstellung basiert auf dem Nachdenken über die Dinge, die mir in meinem Leben passiert sind. Mir hat nie jemand gesagt: Mit Gegenwind und Niederlagen musst du so oder so umgehen. Das war meine Entscheidung. Wenn man sich anguckt, wo ich herkomme und wo es karrieretechnisch hingeführt hat, denk ich mir: Das ist eigentlich nicht möglich. Und ich würde jetzt gern so tun, als hätte ich bei jeder Kreuzung oder Krise gewusst, was der richtige Weg ist. War aber nicht so. Ich habe gehoft, dass es die richtige Entscheidung ist. Und beim nächsten Mal war ich wieder bereit, alles zu riskieren.
Wie sieht das konkret aus?
Ich will jungen Leuten kein Rezept verkünden. Ich kann nur sagen: Bei mir hat es geklappt. Mein Berufsleben war ungefähr um 90.000 Prozent besser, als ich jemals gedacht hätte. Aber es gab auch andere Momente, als ich mit meiner Frau Ulla am Küchentisch sass und Kassensturz gemacht habe: Können wir es uns leisten, dass ich alles auf Fussball setze?
Wir wussten: Wenn das nicht klappt, müssen wir Taxi fahren. Und dann haben wir gemeinsam Gas gegeben. Und am Ende hat es geklappt. Es war ein cooler Weg, und unterwegs haben mir ganz viele Leute geholfen. Vielleicht ist das die Botschaft: Habt Mut und umgebt euch mit den richtigen Menschen. Dann kann es gut werden.

Beide sind absolute Ausnahmetalente: sie die beste Schweizer Skaterin ihrer Generation, er einer der besten WheelchairMotocross-Fahrer. Liv Broder und Emiglio Pargätzi über die Freiheit, zu tun, was man will.

Liv Broder, 18, und Emiglio Pargätzi, 22, eint eine Leidenschaft: das Skaten. In der Freestyle Academy LAAX zeigen sie, was sie draufhaben.
Die Skaterszene verstand sich immer als offen und vielfältig. Tatsächlich ist sie heute inklusiver und diverser denn je, dazu international vernetzt. Herkunft, Geschlecht, Status spielen kaum eine Rolle, Stil, Kreativität und individuelle Entwicklung sind wichtiger als Wettbewerbe. Frühere Generationen suchten im Skaten Eskapismus und Rebellion, die Gen Z sucht darin (Frei)Räume und Sinn. Und wichtig: Skateboarding funktioniert wirklich hervorragend auf TikTok, Instagram und YouTube.
Die Schweizer Skateboarderin Liv Broder und der Wheelchair Motocross(WCMX)Athlet Emiglio Pargätzi toben sich leidenschaftlich darin aus. In der Freestyle Academy in Laax treffen die zwei Schweizer Skate Talente zum ersten Mal aufeinander: zwei, die denselben Sport auf unterschiedliche Weise lieben, leben und verkörpern.

Mit 18 Jahren ist Liv Broder die einzige Frau im Schweizer Skateboard-Nationalkader. Die Zürcherin räumt bei internationalen SkateboardEvents regelmässig ab.

Hier zeigt Liv einen Frontside Bluntslide. Ihr Signature Trick ist jedoch ein Frontside Feeble. «Nur wenige Frauen können den.»
Nur wenige in der WheelchairMotocrossCommunity können einen Handplant, sagt Emiglio Pargätzi. Damit lässt es sich gut punkten.

«BEIM SKATEN SIND ALLE IM SELBEN PARK UND BEGEGNEN SICH AUF ALLEN MÖGLICHEN ROLLEN.»
EMIGLIO PARGÄTZI

the red bulletin: Seien wir ehrlich –für keinen von euch beiden lag Skaten als Hobby erst mal nahe, oder?
liv broder: Ich bin da als kleine Schwester reingerutscht. Mein älterer Bruder Fin hat mich mit sechs auf den Skateplatz mitgenommen. Anfangs hab ich nur zugeschaut, irgendwann wollte ich mich aber beweisen. Mit neun habe ich mit ein paar anderen Mädchen eine eigene Skate-Crew gegründet und selbst Tricks versucht. Ich war sofort angefxt – und blieb als Einzige aus der Mädels-Crew dabei.
emiglio pargätzi: Ich bin in Lüen aufgewachsen, einem Dorf mit 80 Einwohnern. Für mich gab es nur entweder auf oder ab. Katastrophe. Mit siebzehn bin ich deshalb ausgezogen, nach Nottwil. Dort gibt es das grösste Reha-Zentrum Europas für Rollstuhlfahrer, die helfen Menschen wie mir, möglichst selbständig zu leben. Meine Physiotherapeutin hat mir eines Tages gezeigt, wie ich Treppen vorwärts runterkomme. Normalerweise nimmt man die im Rollstuhl vorsichtig rückwärts. Danach hab ich mit dem Stuhl immer mehr gewagt und gecheckt: Das ist nicht nur ein Fortbewegungsmittel, das ist ein Sportgerät. Zur selben Zeit hat sich Wheelchair Motocross (kurz WCMX; Anm.) in der Schweiz etabliert, klar war ich da am Start.
Was ist für euch das Besondere am Skaten?
liv: Als ich die Chance bekam, als Skaterin an die Sport-Sek gehen zu können, musste ich nicht lange überlegen. Das Freiheitsgefühl beim Skaten ist unvergleichlich. Es fühlt sich echt komisch an, als würde was fehlen, wenn ich mein Board nicht dabeihabe. Richtig gut wirst du nämlich erst, wenn deine Füsse damit verwachsen. Die besten Schuhe zum Skaten sind deshalb meiner Meinung nach die Dunks von Nike: fache Sohle, viel Auf lagefäche, nah am Brett. emiglio: Früher war ich sehr schüchtern, habe kaum geredet. Der Spielraum und die Erfolge durchs WCMX haben meinem Selbstbewusstsein gutgetan. Was ich an dem Sport so cool fnde, ist, dass er nicht das Etikett «Rollstuhlsport» trägt. Beim Skaten sind alle im selben Park, begegnen sich auf allen möglichen Rollen. Es gibt

Geht nicht? «Doch.» Emiglio Pargätzi hat den Rollstuhl als Sportgerät für sich entdeckt – und sagt, da geht noch viel mehr.
Signature Trick: Handplant «Dabei gehe ich auf einer Rampe in den einhändigen Handstand. Das benötigt sehr viel Technik, das muss automatisch ablaufen: Wenn du oben bist, bist du eigentlich schon wieder unten. Den können im Wheelchair Motocross (WCMX) ausser mir nur noch drei Personen. Sieht geil aus, und es gibt massiv Punkte im Wettbewerb.»
Emiglio Pargätzi hat früh gelernt, Grenzen neu zu definieren. Der 22-jährige Graubündner kam mit Spina bifida zur Welt, einer Fehlbildung der Wirbelsäule. Seit seiner Kindheit sitzt er im Rollstuhl. 2020 trifft er im Paraplegiker-Zentrum Nottwil in Luzern, einer Spezialklinik für Querschnittsgelähmte, seinen Trainer Marco Bruni und entdeckt die noch junge Sportart
WCMX für sich: Tricks aus Skateboarding und BMX, gefahren im Rollstuhl, erfunden Anfang der 2000er vom US-Amerikaner Aaron «Wheelz» Fotheringham.
Sportlich nimmt Emiglio schnell Fahrt auf: 2023 wird er für seine Leistungen als Bündner Behindertensportler des Jahres ausgezeichnet. Im selben Jahr erreicht er bei der WCMXWeltmeisterschaft in Kalifornien, USA, die Top 6. Bei der World WCMX Series 2024 in Bulle FR verpasst er knapp den ersten Platz. Im Folgejahr wird er Vierter.
Als WCMX-Coach beim Rollstuhlsport Schweiz eröffnet Emiglio auch anderen Menschen im Rollstuhl neue Perspektiven.
@emigliopargaetzi

«DIE AKZEPTANZ UND INKLUSION SIND VIEL GRÖSSER ALS IN ANDEREN
EMIGLIO
In der Freestyle Academy teilen sich Liv und Emiglio die Bowl. Was sie sonst noch gemeinsam haben: Ehrgeiz und Hartnäckigkeit.

«IN MEINER GRUPPE BIN ICH DAS EINZIGE MÄDCHEN, UND KEINER STÖRT SICH DARAN. WAS ZÄHLT, IST, WIE KREATIV DU BIST.» LIV
keinen Sonderraum oder -status für mich. Wenn ich hinfalle, kommt kurz einer: «Hey, alles okay?» – «Ja, tipptopp.» – «Cool, tschüss.» Die Akzeptanz und Inklusion sind viel grösser als in anderen Sportarten. Ich kann alles andere vergessen. Wenn ich voll dabei bin, vergesse ich deshalb auch oft, in den Schatten zu gehen. Letztes Jahr hatte ich einen üblen Sonnenstich.
Kennst du diese Selbstvergessenheit und Zugehörigkeit auch, Liv?
liv: Den Flow? Absolut. Das Gemeinschaftsgefühl auch. Die Skate-Community ist sehr ofen. In meiner Trainingsgruppe bin ich das einzige Mädchen, und keiner stört sich daran. Was wirklich zählt, ist, was du auf dem Platz zeigst und wie kreativ du bist. Man muss dort nicht mal miteinander sprechen, um sich zu verstehen.
Dann beschreibe dich und deinen Skate-Stil doch mal mit drei Emojis.
liv:

emiglio:

Jetzt in Worten.
liv: Chill, street, mutig.
emiglio: Unerwartet: Es eskaliert manchmal ein bisschen. Selbstironisch: Ich kann über Fails und mich selbst lachen. Fokussiert: Wenn es zur Sache geht, bin ich im Moment. Zäh: Ich bleibe dran, bis es klappt.
Wann habt ihr beide gemerkt: Das ist mehr als ein Hobby, das ist mein Ding? Da kann was Grosses draus werden?
emiglio: WCMX ist erst seit 2020 ofziell eine Sportart in der Schweiz. Insofern wurde es sehr schnell professionell, da ich einer von wenigen Athleten war. Richtig klar wurde mir das, als ich gegen andere angetreten bin und mich in den
Wettkämpfen richtig gut platziert habe.
liv: Wenn du auf dem Board was draufhast, merkst du das. Die Community gibt sofort Feedback. Ich bin sehr ehrgeizig und wollte irgendwann nicht mehr nur neben der Schule ein bisschen skaten. Deshalb bin ich von der Sportschule auch aufs Sportgymnasium gewechselt, wo man Lernen und Leistungssport vereinbaren kann. Mit vierzehn war ich dann Schweizer Meisterin.
Erfolg habt ihr beide. Wie steht es mit Niederlagen? Wie geht ihr damit um? emiglio: Ich hab so ein Talent: Wenn jemand zu mir sagt «Das geht nicht», antworte ich: «Doch.» Ich kann mich aber immer besser einschätzen. Zum Beispiel habe ich anfangs Auslandswettkämpfe unterschätzt. Die WM in Alabama war arschkalt, 5 Grad, unbekanntes Terrain, ein totaler Flop. Ich war viel zu langsam, nur siebter Platz. Mir ist auch klar, dass ich nicht so leicht am Briten Tomas Woods vorbeikomme, der in den letzten drei Jahren die WM gewonnen hat. Er ist körperlich einfach besser aufgestellt und kann entsprechend Tricks leichter und besser. liv: Ich bin eine sehr schlechter Verliererin. Das liegt in der Familie (schielt zu ihrem Vater). Mein Ziel ist aber nicht der erste Platz, ich will zufrieden mit mir sein. Wenn ich nicht mein Bestes gegeben habe oder geben konnte, ärgere ich mich – aber über mich selbst.
emiglio: Geht mir genauso. Bei der WCMX-WM in Bulle 2025 war ich mehr als zufrieden über den vierten Platz, weil ich zuvor irre Schiss vor einem sehr hohen Rail gehabt hatte, das ich dann beim Wettkampf viermal gestanden habe.
Findet ihr es nicht unfair, dass alle die gleichen Hindernisse fahren?
emiglio: Für mich ist es ein Ansporn. liv: Ich wünsche mir, dass Parks und Parcours gleich rollstuhlgängig gebaut werden. Die könnten von Anfang an alle benutzen. Umgekehrt wird’s schwierig.
Was ist die härteste Lektion, die euch der Sport beigebracht hat?
liv: Ich habe mir 2022 bei einem Contest in Paris das Kreuzband gerissen – und das drei Monate lang ignoriert, bis mein Körper resigniert hat. Wenn es weh tut, muss ich das ernst nehmen. Ich war ausserdem zum ersten Mal von hundert auf null ausgebremst. Körperlich habe ich das gut weggesteckt, schwerer war es, wieder das Vertrauen in mich selbst aufzubauen.
emiglio: Meine Fallhöhe ist kleiner als bei Fussgängern. Bisher hatte ich höchstens Prellungen. Deshalb: Voltaren in Übermassen. Sport halt.
Ihr seid hart im Nehmen. Liv, du trägst trotzdem keinen Helm.
liv: Seit ich letztes Jahr achtzehn wurde, muss ich keinen mehr tragen. Der Helm ist schlecht für die Street Credibility.
emiglio: Ich fahre einen speziellen gedämpften Rollstuhl und mit Knieschonern und Helm. Einen musste ich schon beerdigen. Ich hatte einen Trick ausprobiert, in der Schräge in einem Meter Höhe – und danach drei Wochen Schwindel. Das hat mich zurück in die Vernunft gerüttelt.
Wie sieht euer fahrbarer Untersatz eigentlich jeweils aus?
liv: Nicht so spektakulär. Weisse Wheels, Sponsoren-Sticker, recht klein, so wie ich. Mein Traum ist ein eigenes Brett, das meine Brand für mich designt.
emiglio: Ich hab meinen Rollstuhl in der gleichen Farbe wie meinen aufgemotzten Subaru Kombi lackiert: Orange.
Ihr versteckt Stürze nicht, ihr teilt sie sogar in Reels auf Social Media.
liv: Skateboarden lernt man nur, wenn man lernt hinzufallen – und wieder aufzustehen.
emiglio: Exakt. Wenn ich weiss, wie ich aufstehen kann, ist mir auch egal, wenn ich aufs Maul falle. Im Rollstuhl umzufallen, ist für viele das Schlimmste. Weil sie nicht wissen, wie sie wieder hochkommen. In der Physio lernst du eher, es zu vermeiden. Wenn du aber die Angst vor dem Fallen verlernst, fällst du automatisch weniger.
Wie trainiert man fürs Skaten?
Ernährungsplan? Mental Coaching? (Liv und ihr Vater Sven grinsen sich an. Emiglio verdrückt eine Pizza Prosciutto.) liv: Ich bin jeden Tag morgens vor und nach der Schule in Skateparks und Freestyle-Hallen unterwegs. Krafttraining mache ich nur so ein-, zweimal ihm Monat. Ich ernähre mich auch gar nicht so gesund. Ich liebe Schokolade mit Nüssen! Kennst du Ragusa? Ich will mir da nicht so Druck machen. Zum Glück macht mir den auch sonst niemand. Es hilft auch zu wissen, dass meine Familie immer da ist. Mein Papa begleitet mich bei jedem SkateTrip, reist auch mein Bruder mit. Nur Mama eher selten, die ist zu nervös. emiglio: Ich trainiere zweimal die Woche Skaten und dreimal pro Woche Oberkörper und Rumpf – und Ausdauer an der Hand-Velo-Kurbel. Seit Oktober habe ich psychologische Hilfe. In den letzten drei Jahren habe ich eine Lehre zum Fahrzeugtechniker gemacht, konnte deswegen wenig trainieren. Ich brauche Sport aber für meinen Kopf. Es war psychisch insgesamt echt belastend. Hilfe suchen und annehmen fällt mir nicht leicht. Mein Mindset ist ja: Ich will es mir und allen beweisen. Dadurch habe ich ein wenig vergessen, dass ich auf Hilfe angewiesen sein darf.
Wettkämpfe sind ja nur Momentaufnahmen. Wie fair ist das, um euer Können zu beurteilen?
liv: Bei einem Contest habe ich jeweils zwei Läufe à 45 Sekunden, in denen ich möglichst viele spektakuläre Tricks stehen muss. Alles muss sitzen. (Liv checkt auf ihrem Smartphone.) Momentan stehe ich in der Weltrangliste auf Platz 22. Aber da fiessen nicht alle Wettbewerbe und Siege mit ein. Die meiste Zeit, die ich skate, performe ich ja auch nicht vor irgendwelchen Judges. So viel sagt das also gar nicht aus.







Es geht rund, wenn Liv und Emiglio im Skatepark der Freestyle Academy LAAX unterwegs sind. Liv trainiert zweimal täglich, Emiglio skatet zweimal wöchentlich, dazu trainiert er dreimal Kraft und Ausdauer.

Ranglisten ändern sich, die Liebe zum Skaten bleibt. Eure Antwort auf Aussagen wie «Skaten ist doch kein Sport …»?
liv: Jeder darf seine Meinung haben. emiglio: Dem gebe ich auf eine Art recht. Skaten ist defnitiv ein Leistungssport, aber es ist vor allem Kunst. Man dreht coole, ästhetische Clips, dazu muss man die Tricks nicht perfekt beherrschen. Viele Skater können schon von den Videos leben, die sie auf «Thrasher» laden. Das ist eine Skateboarding-Webseite, dort werden Sponsoren auf einen aufmerksam. Ich will dieses Jahr damit anfangen.
Es ist ja für Skater immer noch schwer, zu planen. Oft ist nicht klar, ob selbst grosse Wettbewerbe überhaupt stattfnden, weil etwa Sponsoren fehlen. Was plant ihr in nächster Zeit konkret? emiglio: Alles ausprobieren, was man angeblich mit dem Rollstuhl nicht machen kann: mit dem Mountainbike Trails runterbrettern, Wakeboarden, Surfen, Free Skiing. Ich will Leuten im Rollstuhl helfen, die keinen Sinn mehr sehen, indem ich ihnen zeige: Es ist nicht vorbei, es ist halt anders. Und es ist viel möglich. Noch viel mehr, als von A nach B und geradeaus zu fahren. Der Rollstuhl ist ein Gerät, um am Leben teilzunehmen.
liv: Nach meinen Abschluss nächstes Jahr geh ich irgendwann vielleicht zur Uni, vielleicht Richtung Lehrerin. Aber erst mal setze ich voll auf den Sport. Skaten ist mein Lifestyle, mein Leben. Mein grösstes Ziel ist, einmal davon leben zu können. Ohne meine Eltern wäre ich aber nie so weit gekommen. Die ganzen Reisen zu Qualifkationen, Wettbewerben und Events muss man meistens selbst zahlen. Es wird Zeit, dass dem Skaten und Athleten wie mir endlich der nötige Respekt entgegengebracht wird. Nicht erst wenn man Titel vorzuweisen hat, sondern weil man sportlich etwas leistet und dabei kreativ und originell ist.

Liv Broder setzt derzeit voll aufs Skaten. Und sonst? «Nach meinem Abschluss nächstes Jahr geh ich irgendwann vielleicht zur Uni.»
Signature Trick: Frontside Feeble
«Der sieht cool aus, ist sehr anspruchsvoll und erfordert viel Balance. Den konnten anfangs nicht viele Frauen. Mein Bruder hat ihn mir früh beigebracht.»
Liv Broder ist eine Ausnahme unter Ausnahmetalenten. Die 18-jährige Zürcherin gilt als beste Schweizer Skateboarderin ihrer Generation und ist aktuell die einzige Frau im Nationalkader von Swiss Skateboard.
Livs Revier ist die Strasse: Sie springt über Treppen, Rampen, Schanzen, Schrägen, slidet am liebsten über Rails
– und das alles möglichst spektakulär. Gefördert wird sie von der Freestyle Academy Zürich mit Trainern wie der Skateboard-Legende Sven Kilchenmann, unterstützt von ihrem Vater Sven, der auch ihr Manager ist.
Für Qualifikationen und Wettkämpfe jettet Liv quer durch die Welt, hat ihre Tricks schon in Paris gezeigt, in Rom, Prag, Dubai, Los Angeles und Tokio. Sie stand bei den X Games ihre Lines, fuhr in den Finals bei der Europäischen JugendOlympiade und bei internationalen SkateboardEvents mehrfach aufs Podest. In der Schweiz ist sie amtierende Meisterin.
@liv.broder

«ES WIRD ZEIT, DASS DEM SKATEN ENDLICH DER NÖTIGE RESPEKT ENTGEGENGEBRACHT WIRD.»

Triathlon-Weltmeisterin
Daniela Ryf macht Creatorin
Emma aka @wemmse fit für ihren ersten Wings for Life World Run. Learning: Wer besser laufen will, muss nicht härter, sondern klüger trainieren.

Creatorin Emma, 22, (links) holt sich Tipps für den Wings for Life World Run bei der TriathlonLegende und fünffachen IronmanHawaii-Gewinnerin Daniela Ryf, 38.
Seit ihrem Rücktritt vom Spitzensport 2024 kann Daniela Ryf ihre Liebe zum Sport ganz ohne Druck geniessen. Die 38-Jährige aus Solothurn ist fünffache IronmanWeltmeisterin und holte sich ebenso oft die Ironman-70.3-Weltmeisterschaft. Jetzt hat sie ausgiebig Zeit für Sport-Ereignisse, bei denen weniger das Ergebnis als vielmehr das Dabeisein zählt: So setzt sie sich als Botschafterin des Wings for Life World Run für all jene ein, die Unterstützung brauchen.
«Ich war von Anfang an beim Lauf dabei, sogar schon 2014 beim ersten Mal in Zug», sagt Ryf. «Das Event hat sich mega entwickelt, der Spirit ist aber gleich geblieben.» Es gehe nicht darum, wer die Schnellste oder der Härteste ist. Sondern darum, gemeinsam für jene zu laufen, die es selbst nicht können. «Das verbindet. Und das Format ist einfach speziell: Es kann jeder und jede teilnehmen, die Ziellinie kommt von hinten. Also egal ob du rennst, joggst oder marschierst: Du kommst immer ins Ziel.»
Wemmse erstmals am Start Vielleicht ist genau das der Grund, warum der Wings for Life World Run der einzige Lauf ist, den Daniela nicht aus Leistungsgründen macht. «Ich bin dort, um dabei zu sein. Und jedes Jahr passiert etwas Unerwartetes.» Wie vergangenes Jahr, als sie mit Top-Skirennfahrer Franjo von Allmen eigentlich nur fünf, sechs Kilometer laufen wollte und plötzlich ein Halbmarathon daraus wurde. «Wenn die Stimmung gut ist, geht oft mehr, als man denkt.» Die Mehrheit komme,
weil es einfach Spass macht, ist Ryf überzeugt. Dass hier auch Nicht-Läufer mitmachen, fndet sie logisch. «Meine Mama ist auch dabei. Kein Druck. Man macht, was geht.» Manche laufen fünf Kilometer, andere gehen, beides zählt. «Und genau das ist das Schöne: Du musst nicht laufen können. Aber du darfst.»
Das hört jemand, der nicht berufsbedingt oder mit Freude läuft, gerne. Wie Emma, der unter ihrem Pseudonym Wemmse über 600 000 Menschen auf TikTok und eine knappe halbe Million auf Instagram folgen. Ihr Podcast «los emmal» zählt zu den erfolgreichsten in der Schweiz und gewann im März 2024 den Swiss Podcast Award, im selben Jahr konnte sie den Swiss Infuencer Award in der Kategorie Lifestyle gewinnen (mehr zu Emma auf Seite 98). Doch neue Ziele schaden nie, und so will die 22-Jährige dieses Jahr beim Wings for Life World Run starten. Wie sie sich dafür am besten vorbereitet? Das zeigt ihr Daniela Ryf mit einem Programm, das sich ganz easy nachmachen lässt.
Reinfinden statt reinprügeln
10 Minuten easy joggen. «Es gibt kein zu langsam», sagt Ryf. Den Puls tief halten, lieber in Zeitlupe als mit Stress. Das Ziel: in sich und beim Sport ankommen, den Rhythmus finden und in den Flow kommen. Danach:
Technik: Spannung aufbauen. Jede Übung zweimal, jeweils etwa 30 Sekunden lang.
1. Twister
Arme bewegen sich von links nach rechts, die seitlichen Rotationen bringen Spannung in den Core, öffnen Schultern, Brust und Lunge. Beim Laufen bewegt man sich vor allem geradeaus, diese Übungen sorgen für mehr Beweglichkeit.
Hüpfer
Dreimal rechts, dreimal links. Aktiviert die Sprunggelenke, die Hüfte und die seitliche Muskulatur. Wichtig dabei: Rumpf stabil und Körperspannung hoch halten.
3. Anfersen
Aufrecht, leicht nach vorn gelehnt. Kurzer Bodenkontakt, Ferse zieht schnell Richtung Gesäss. Der Körper merkt: Wir laufen jetzt wirklich.



Kurz, knackig, variabel
4. Loslaufen
5-mal 30 Sekunden
schnell, dazwischen je 30 Sekunden langsam.
Anschliessend
2 Minuten locker gehen oder easy joggen, je nach Gefühl. Der Puls soll sich wieder beruhigen.
Davon 2–3 Sets, je nach Level.

«Schnell heisst nicht Vollgas», erklärt Daniela. Zügig, aber kontrolliert. Anfängerinnen marschieren in der Pause, Fortgeschrittene joggen locker. 4

Joggen
5–10 Minuten locker joggen oder gehen und dem Körper die Chance geben, das Laktat wieder abzubauen.
5. Und wie ist es mit dem Dehnen?
Das macht Ryf am liebsten abends, dann schläft sie entspannt ein. Wichtig ist es so oder so, egal wann man Zeit dafür findet. Genauso wichtig, wie aktiv zu sein: «Ich bewege mich fast jeden Tag, manchmal nur 30 Minuten, manchmal länger. Aber jedes Mal so, dass es mir guttut.»
Danielas Tipp für alle Unentschlossenen
Frag am besten eine Freundin oder einen Freund und geht es zusammen an. Denn es braucht nicht viel. Kein perfektes Training, keine Bestzeit. «Der Wings for Life World Run ist ein Erlebnis. Und Bewegung kann so viel mehr sein als Leistung!» Oder kurz gesagt: Laufschuhe anziehen, der Rest kommt von selbst.
Melde dich an und sei auch dabei!
Am 10. Mai 2026 findet bereits zum 13. Mal der Wings for Life World Run statt, bei dem alle Teilnehmenden weltweit zur gleichen Zeit für den guten Zweck laufen. 100 Prozent der Startgelder gehen in die Rückenmarksforschung zur Heilung von Querschnittslähmung. Die Startplätze beim Flagship Run in Zug sind bereits ausverkauft. Wer nicht direkt vor Ort in Zug startet, kann aber auch einfach via App überall in der Schweiz mitlaufen. In der App gibt es auch ein Feature, über das dich Daniela via Audio auf deinem Run begleitet. Dabei läuft oder geht oder rollt man so lange, bis einen das (virtuelle) Catcher Car einholt. Für weitere Infos und Anmeldung: einfach den QR-Code scannen.


Ein Rocker, der Ballett liebt und Hallen auf der ganzen Welt füllt: Yungblud läutet mit seinen Botschaften von Liebe und Respekt eine neue Ära ein. Wir haben ihn getroffen.
Yungblud, 28, auf seiner «Idols»-Tour

Der grosse Traum?
«Stadionrock. Immer schon», sagt Yungblud, während er sich im Zenith, einer Konzerthalle in München, auf seinen Auftritt vorbereitet. Hätte Dominic Harrison aus Doncaster im Norden Englands vor sieben Jahren ein solches Ziel formuliert, man hätte ihn belächelt.
Heute, mit 28, ist Yungbluds erster Auftritt in einem Megastadion eine Frage der Zeit: 2025 stand er mit Aerosmith und dem im Sommer verstorbenen Ozzy Osbourne auf der Bühne. Kein Wunder, dass er sich Ende des Jahres eine kleine Auszeit nahm. Im Gespräch erzählt er von Body Positivity, dem Umgang mit Kritik –und davon, was Rock ’n’ Roll mit Theater zu tun hat.

Die Rock-Community tut sich manchmal schwer, etwas Neues, anderes zu akzeptieren. Doch Yungblud liebt es, am Status quo zu kratzen. Er möchte die Generationen zusammenbringen.

Tthe red bulletin: Du bist gerade auf Welttournee.
Bist du schon ein Prof, was das Leben aus dem Koffer betrifft? Jede Nacht ein anderes Hotel … yungblud: Hotels kommen für mich nicht infrage –die machen mich wahnsinnig! Ich lebe in meinem Tourbus, genauer gesagt, in einem Raum ganz hinten im Bus. Den habe ich mir mit allem eingerichtet, was ich brauche: Bett, PlayStation, Gitarren, Kerzen, Räucherwerk. Das Beste am Unterwegssein ist jedoch etwas ganz anderes: dass mein Team aus meinen Freunden besteht. Wir touren gemeinsam, um die Welt zu erobern.
Wenn man auf die Charts und Ticketverkäufe der letzten Jahre blickt, scheint das mit dem Welterobern ganz gut zu funktionieren. Was ist das Geheimnis deines Erfolgs?
Was Yungblud ausmacht, haben von Anfang an die Fans bestimmt. Billie Eilish, Lil Peep, Mac Miller und Lil Nas X sind Teil einer Generation, die verstanden hat, wie mächtig – im Guten wie im Schlechten –Smartphones, Twitter, Instagram, TikTok sind. Wir sind damit aufgewachsen, dass jeder eine Stimme hat. Während sich Künstler früher an ihrer Radiopräsenz oder ihren Verkaufs und Streamingzahlen gemessen haben, hat uns von Anfang an die Community interessiert, ihre Kultur, ihre Identität. Zu Beginn hat es sich fast so angefühlt, als wäre die Community wichtiger als die Musik. Erst jetzt, mit 28, geht es bei mir mehr um die Musik, um Kunst, Kreativität.
Du hast mal gemeint, dein jüngstes Album «Idols» soll ein Album sein, mit dem sich auch ein älteres Publikum identifzieren kann, nicht nur die Gen Z. Ja. Und ich fnde grossartig, wie viele verschiedene Altersgruppen mittlerweile zu einer YungbludShow kommen. Es gab eine ziemlich harte Zeit, das war nach dem Release meines dritten Albums («Yungblud», 2022; Anm.), weil ich zu viele Meinungen an mich rangelassen habe, vom Label, den Medien, den Fans. Gefühlt hatte die ganze Welt eine Meinung zu allem, was ich tat und wie ich es tat. Ein schreckliches Gefühl.
Mit Verlaub: Du wusstest aber schon, dass du ein Star bist und in der Öffentlichkeit stehst? Klar, aber wenn du achtzehn bist, erwartest du doch nie, dass das Ding so gross wird. Du träumst zwar davon, aber du rechnest nicht damit.
2022 warst du immerhin schon 25 … und auch ganz anders drauf als damals, als ich angefangen habe. Mit achtzehn war ich irgendein Kerl aus dem Norden Englands, extrem politisch, laut, rotzig. Dann kam die Zeit, in der ich begann, meinen Namen nicht mehr zu mögen. In der ich unsicher wurde, weil ich im Internet Kommentare las, zu meiner Musik, meiner Authentizität, meinem Körper. In der Öffentlichkeit aufzuwachsen, ist verrückt, und es verschiebt die Wahrnehmung. Yungblud war in sieben Ländern auf Platz eins, und ich war trotzdem enttäuscht! Doch diese harten Zeiten hatten sehr viel Gutes: Sie haben dazu geführt, dass ich «Idols» gemacht habe – und dass ich jetzt so richtig zufrieden, geerdet und dankbar bin.
Du hattest Kunst als Leistungskurs, bist als Schauspieler in Serien aufgetreten, malst. Warum bist du bei der Musik gelandet – und dort geblieben?
Ich liebe jede Form von künstlerischem Ausdruck, Theater, Pantomime, Tanz, Ballett – alles. Das wird ja auch manchmal gegen mich verwendet, vor allem in der RockCommunity. Da heisst es: «Wie kann ein Typ, der Theater liebt, ein Rockstar sein?» Aber denk doch an Iggy Pop, Lou Reed, David Bowie oder an Freddie Mercury: Ihre Kunst hatte ihre Wurzeln und ihre Einfüsse in den verschiedensten Disziplinen. Die künstlerische Ausdrucksfreiheit einzuengen, ist das am wenigsten Rock’n’Rollige überhaupt. Rock ’n’ Roll bedeutet, einen Raum zu schaffen, in dem du deine Fantasien ausleben kannst.
Siehst du dich eher als Fackelträger des Classic Rock oder vielmehr als Wegbereiter für eine neue Art Rockstar?
Ich bin ein Produkt meiner Idole, so wie meine Idole ein Produkt ihrer Idole waren. Classic Rock wurde lange als ein bisschen peinlich und altbacken gesehen. Zu Unrecht! Ich möchte junge Bands dazu inspirieren,
«Yungblud
Tour-Essentials?
Bier, Inhalator, pinke Socken.
Aktuelle Playlist?
Vor allem 1970er-ClassicRock, Outlaw Country – Hank Williams, Johnny Cash, Led Zeppelin, The Allman Brothers Band – und 1980er-Rock: Guns N’ Roses und so Zeug.
Wie viele Tattoos hast du?
Keine Ahnung. Elf? Zwölf?
Ich liebe es, mir Tattoos stechen zu lassen, weil dein Körper danach nie wieder derselbe ist. Es ist wie eine Wiedergeburt: Es tut richtig weh, doch danach bist du ein anderer Mensch.
Eine Rock-Ikone –tot oder lebendig –, die du treffen möchtest?
David Bowie. Ich würde gern mit ihm über jede seiner Phasen reden – und darüber, was sie mit ihm gemacht haben.



Lampenfieber?
Im Gegenteil. Nicht das kleinste bisschen Angst. Die Bühne ist mein Lieblingsort auf der Welt.
Was macht Menschen attraktiv?
Wenn jemand einfach er selbst ist. Es gibt nichts, was so sexy ist, wie authentisch zu sein.
Welche Rolle könnte dich zurück zur Schauspielerei bringen?
Eine richtig komplexe Rolle, in die ich mich wirklich reinbeissen kann, etwas von Tim Burton oder aus dem Superhelden-Universum.

«Rock ’n’ Roll bedeutet, einen Raum zu schaffen, in dem du deine Fantasien ausleben kannst.»
auf Queen, Led Zeppelin, Oasis, Joy Division, The Cure, The Who, The Allman Brothers Band zu referenzieren, nur eben auf eine Art, die neu und frisch klingt. Am Ende entscheiden die Leute, was gross wird. Natürlich ist manches von früher überholt: «Wie viel kann ich trinken?», «Wie viele Groupies kann ich mit auf Tour nehmen?» Diese Sachen sind mit den Achtzigern gestorben. Heute geht es um Liebe, Zusammenhalt und Freiheit, um Meinungsfreiheit und Positivität.
Liebe, Zusammenhalt und Freiheit als Pfeiler einer neuen Rock-Ära?
Für mich: ja! Ich liebe es, Grenzen zu verschieben. Gerade mit dem neuen Album habe ich meine Sexualität wirklich erforscht, meine Körperlichkeit. Ich trainiere viel, bin ft geworden. Als Teenager hatte ich Probleme mit meinem Körperbild. Nun habe ich diese sexuelle Seite an mir entdeckt, geniesse das und fnde es vor allem extrem befreiend. Das alles kommt aus dieser neuen Haltung, in Abgrenzung zu diesem Old-School-Klischee vom Rockstar, der viel zu junge Frauen datet. Es kommt aus einem Gefühl von Befreiung. Ich glaube, wir sind in einer neuen Phase von Liebe, Body Positivity und Respekt angekommen. Auch im Rock. Vielleicht gerade im Rock.
Glaubst du, dass junge Menschen heute mehr emotionale Unterstützung brauchen als früher?
Stichwort: Internet?
Das Internet ist ein sehr seltsamer Teil unseres Lebens. Du hast dich schon vor dem Frühstück mit 15 Leuten verglichen, die du nicht kennst. Du hast eine eigene Meinung zu einem Thema? Dann wird’s gefährlich. Das Internet zwingt uns, einen neuen Weg zu fnden, wie wir miteinander existieren. Wir müssen lernen, Meinungsverschiedenheiten als etwas Positives, Bereicherndes zu betrachten. Ich vermisse die Zeit, in der man sich mit jemandem mit komplett anderen politischen Ansichten an einen Tisch setzte. Das sollte okay sein, denn genau das ist Demokratie! Wir müssen auch wieder lernen, Dinge in ihrer Komplexität zu sehen. Das Internet vereinfacht alles, und nichts im Leben ist einfach. Das Internet zu benutzen, um den Leuten zu sagen, sie sollten sich für ein paar Stunden verdammt noch mal vom Internet abmelden – das versuche ich.
Du thematisierst in deiner Musik deine Probleme sehr offen. Zugleich klingen deine Songs so aufbauend, positiv. Wie geht sich das für dich auch innerlich aus?
Nach aussen wirke ich extrem aufgekratzt und extrovertiert. Aber in mir ist es oft sehr dunkel. Meine Kunst, vor allem jetzt auf «Idols», beschreibt auch meine Suche nach dem Licht, das diese Dunkelheit besiegt. Du darfst dich nicht nur mit Schmerz und Depressionen beschäftigen. Schau ihnen ins Gesicht

und sag: «Fuck you, ich werde euch besiegen.» Mach dir bewusst, dass atmen, vor die Tür gehen, auf zwei Beinen laufen können, dass das alles Geschenke sind. Alles in diesem Leben ist ein Geschenk, unser ganzes Leben ist es. Wenn wir uns in der Dunkelheit suhlen und dabei vergessen, wie viel Licht um uns herum ist: Das ist der Kern von «Idols» für mich.
Woher kommt der Name des Albums? Es ist ein völlig schräges Konzept, aus ganz normalen Leuten Idole zu machen. Wir vergöttern Menschen nur deswegen, weil wir nicht den Mut haben, zu uns selbst zu stehen – zu unserer eigenen Geschichte, unserem eigenen Überleben, unserem eigenen Weg. Dieses Album ist eine Art Wendepunkt in meinem Leben, weil ich meine Vorbilder losgelassen und stattdessen an mich selbst geglaubt habe. Der Effekt war verrückt: Plötzlich wurden aus früheren Idolen KollabPartner. Als hätte sich wie von selbst eine Tür geöffnet. Die letzten Monate waren einfach verrückt.
Klingt so, als wären weitere Kollaborationen wie zuletzt jene mit Aerosmith geplant?
Auf jeden Fall! Ich liebe mehr denn je, was ich tue. Einfach Musik machen, mit diesen fantastischen Leuten ins Studio gehen. Es läuft wie von selbst, ich fühle mich inspiriert. Rockmusik ist im Mainstream wieder willkommen – also die Musik, die ich liebe. Teil zwei von «Idols» ist so gut wie fertig. Ich platze vor Energie!
Instagram: @yungblud
Auch ein Rocker muss mal durchschnaufen.
Die letzten Auftritte des Jahres 2025 sagte Yungblud ab, um Kräfte zu sammeln - für die nächsten wilden Shows.

«Wir sind in einer neuen Phase von Liebe, Body Positivity und Respekt angekommen. Auch im Rock.»

Erst breaken sie, dann zocken sie: Am Rande des Red Bull BC One World Final in Tokio feierte ein ganz neuer Wettkampf Premiere. Willkommen bei Break Fighter!


Das Hauptevent des Red Bull BC One World Finale findet vor 7700 Zuschauern in der Ryōgoku-Kokugikan-Arena in Tokio statt.
Der beste Freund des Breakers? Ist der DJ –dachte man. Doch dann kamen die E-Sportler ins Spiel. Jetzt batteln sich gemischte Teams aus Breaking- und PixelStars. Klingt verrückt? Ist es auch.
Was für ein ungleicher Kampf: links der bullige und fnster dreinschauende Kämpfer namens Ryu –rechts die lächelnde, elegante, ja zierlich wirkende Tänzerin Ami Yuasa. Gemeinsam stehen sie im Ring, umgeben von Tausenden begeisterten Zuschauern. Und jetzt?
Wer sich ein wenig bei Videospielen oder im Breaking auskennt, weiss, wer da jeweils gemeint ist: Ryu ist einer der beliebtesten Charaktere aus der legendären Videospielserie «Street Fighter», und Ami Yuasa ist Japans berühmtestes B-Girl und Breaking-Olympiasiegerin bei den Spielen 2024 in Paris. Er besteht nur aus Pixeln, sie aus Fleisch und Blut – und doch treten sie gegeneinander an. Break Fighter verschmilzt E-Sport und Tanzsport, heraus kommt ein völlig neuartiger Event, erstmals zu sehen am Tag vor dem Red Bull BC One World Final in Tokio Ende letzten Jahres

Viele E-Sportler haben bei Break Fighter ihre eigenen Controller dabei. Unten: Auf der grossen Leinwand läuft eine Runde «Street Fighter».


Regel: Je ein Breaker und ein Gamer bilden ein Team. Dann wird gebattelt.
Erst auf dem Floor. Später auf dem Screen.
im Yodobashi-J6-Gebäude. Die Poster mit Ryu und Ami Yuasa zieren die ganze Venue: zwei japanische Helden, jeder aus einer anderen Welt und jetzt erstmals vereint. Das sind die Regeln des virtuell-reellen Schlagabtauschs: Je ein Breaker und ein Gamer bilden ein Team. Und dann wird gebattelt. Erst auf dem Floor, wo die B-Boys und B-Girls ihre Toprocks, Footwork, Freezes und Powermoves zeigen und Jury wie Publikum das Gewinner-Team küren. Dann verlagert sich der Wettbewerb auf den Bildschirm, wo die beiden Gamer der jeweiligen Teams sich in «Street Fighter 6» auf der PlayStation messen. Wenn es eins zu eins steht, dann wird es lustig: Dann greifen die Breaker selbst zum
Controller und entscheiden das Spiel bei einer Runde «Street Fighter». Ausser im Finale: Da spielen die Breaker erst «Street Fighter», wenn es drei zu drei steht. Den E-Sportlern bleibt es übrigens erspart, sich mit Breaking-Moves auf dem Floor zu messen – obwohl das bestimmt ziemlich spannend anzusehen wäre.
Doch zurück nach Harajuku, einen Tag vor dem Red Bull BC One World Final, der grössten Breaking-Veranstaltung des Jahres 2025: Da wurde schnell klar, wie nah sich die Welten des Breaking und des Gaming sind. Die Breaker bringen ihren Stil und ihre Haltung mit in den Kreis, manchmal machen sie sogar Anspielungen auf Kampfspiele. Die Gamer wiederum drücken sich digital über ihren Spielstil und ihre Figuren aus. Eine Liebe zum Style zeigen auch sie: Viele E-Sportler haben ihre eigenen Controller dabei, etwa einen goldfarbenen Arcade-Stick der Marke Varmilo Kassai, der mehrere hundert Dollar wert ist. Dessen Besitzer Shimiso ist beeindruckt von dem Event: «Ehrlich gesagt wusste ich vorher nichts über Breaking», sagt er, kurz nachdem er sich mit seinem Partner Dragon Wrist für das Finale qualifziert hat. «Ich bin wegen des Gaming gekommen. Aber was ich hier gesehen habe, ist wirklich stark.»
Tokios berühmte SumoArena Ryōgoku Kokugikan ist so etwas wie ein heiliger Ort: Für das Red Bull BC One World Final wurde sie komplett umgebaut.
Die ungewöhnliche Kombination aus realem und digitalem Sport klappt erstaunlich gut. Das ist keineswegs immer so bei derartigen CrossoverExperimenten: Wer schon mal beim Schach-Boxen zugegen war, wo nach einer Runde im Ring auf dem Brett gezogen wird, merkt schnell, dass Gehirnerschütterungen und Denksport kein gutes Team sind. Aber Gaming und Breaking eben schon. Was erstaunlich ist, denn: «Die meisten von uns B-Boys haben eigentlich gar keine Zeit zum Zocken», sagt Jose Cardenas. Er ist mit seinem Gaming-Partner
wird es richtig lustig.
Sydney aus den USA angereist. Für Tokio qualifziert haben sie sich über die USAusscheidung in Denver. «Sydney ist ein irre guter Gamer. Er hat uns hierher gebracht», sagt Jose. Doch gleich im ersten Match in Tokio kommt es zum 3:3Gleichstand. Das bedeutet: Jose muss nun zum Controller greifen – und tatsächlich holt er den entscheidenden vierten Punkt. «Zum Glück konnte ich auf meine alte ArcadeErfahrung zurückgreifen», sagt er und lacht. «Ich habe meinen Gegner einfach mit Low Kicks erledigt.»
Im Finale trefen Jose und Sydney auf die lokale Breakerin Kona und ihren GamingPartner Tantanmen, die sich ihren Startplatz im September auf der Tokyo Game Show gesichert haben. Die Aufregung ist ihnen ins Gesicht geschrieben, das Event könnte nicht hochkarätiger sein. Am Folgetag steigt das Red Bull BC One World Final, und das in der RyōgokuKokugikanArena, Japans Ort für grosse Zweikämpfe. Jeden Januar, Mai und September werden hier vor 11 000 Zusehern die Honbasho ausgetragen, die wichtigsten Turniere im professionellen SumoRingen. 1500 Jahre ist diese Sportart alt, hervorgegangen aus rituellen Tänzen und teils tödlichen Kämpfen, mit denen die Menschen in Japan um reiche Ernten baten, gedacht zur Unterhaltung der Götter.
Deutlich jünger und doch schon eine lange Tradition haben in Japan auch Breaking und Videospiele. Beides erreichte in den 1980erJahren im Land erstmals ein grosses Publikum. Dass Japan ein Mekka für Videogames ist, weiss man, Stichwort «Mario», «Zelda», Nintendo und Sony. Die grosse Liebe der Japaner zum Breaking blieb in Europa lange verborgen, bis sich die enorm talen


Auf der anderen Seite der Stadt, im Yodobashi-J6Gebäude, treten Claudio (links) und Sydney in einer hitzigen Break-FighterRunde gegeneinander an.

Einfach happy: B-Boy Lil H umarmt Teamkollegin Merrymore, nachdem sie ihn in einer «Street Fighter»Runde zum Sieg gezockt hat.

«Das Event hat zwei Kulturen zusammengebracht. Die Leute haben es geliebt.»
tierten japanischen B-Boys und mittlerweile auch B-Girls in die Weltklasse tanzten. Es gab also kein besseres Land für diesen Crossversuch aus Tanzund Tastenkultur. Nur: Die Trophäe ging ins Ausland.
Das US-Duo erwischt im Finale einen perfekten Start: Sydney gewinnt das erste Gaming-Match, Jose Cardenas das erste Breaking-Duell – und das einstimmig. Auch in der nächsten Gaming-Runde sieht Sydney, der den russischen Wrestler Zangief spielt, lange wie der sichere Sieger aus. Doch Tan-
tanmen kontert. Seine Figur Jamie kämpft im Stil der «Drunken Fist» (einer betont unorthodoxen Kampfweise), deren Bewegungen vom Breaking inspiriert sind. Nach mehreren spektakulären Kontern wirft Tantanmen Sydney um – ein Comeback, das das Publikum beinahe auf die Bühne stürmen lässt vor Begeisterung.
Der DJ legt einen Beat auf, die nächste Runde der Breaker beginnt. Man sieht, wie sehr Kona das Unentschieden erzwingen möchte – und tatsächlich gelingt es ihr. 2:2, «wir haben ein Match!», ruft der MC. Sydneys Zangief stellt Tantanmens Jamie mit einem Suplex k. o. – 3:2. Für die Entscheidung sorgt wieder Jose Cardenas. Er setzt sich im Cypher knapp gegen eine leidenschaftlich kämpfende Kona durch, 4:2, das Finale ist entschieden, der erste Red Bull BC One Break Fighter World Final-Pokal geht in die USA.
«Das Event hat zwei Kulturen zusammengebracht», sagt Jose, «und es hat Menschen zusammengebracht. Die Leute haben es geliebt.» Fortsetzung dringend erwünscht.
Ist die Musik in Games nur ein unwichtiger Soundteppich? Blödsinn, sagt Musikproduzent Knxwledge. Der GrammyGewinner über eine Jugend als Zocker, seine Liebe zu «Street Fighter» und den perfekten Loop.

Videospielmusik hat Glen Earl Boothe, 37, besser bekannt als Knxwledge, seit seiner Kindheit inspiriert. KonsolenSoundtracks waren sein liebstes Rohmaterial für Experimente. Der Hip-HopProduzent und Songwriter aus New Jersey zeigt auf seiner VGM-Beat-TapeSerie «Flips» von Game-Soundtracks, die er oft live auf Twitch remixt. Seine Liebe zur Gaming-Kultur blieb auch Capcom nicht verborgen. Der japanische Spieleentwickler («Street Fighter») engagierte Knxwledge, um Songs für die Fighting Collection zu bearbeiten. «Ich habe mit der Arbeit nicht mal eine Stunde nach dem Auftrag begonnen», sagt der Grammy-Gewinner. «Ich konnte nicht fassen, dass sie mir diese Chance geben.»
THE RED BULLETIN: Knxwledge, ist die Musik in Games nicht einfach nur nettes Beiwerk?
KNXWLEDGE: Das wird dieser Musik nicht gerecht. Weil da buchstäblich jedes einzelne Genre drinnen steckt. Die Komponisten lassen sich von derselben Musik inspirieren, die wir alle lieben – das Zeug ist einfach gut.
«Games haben mein Gehör zu dem gemacht, was es heute ist.»

Weisst du noch, welches Videospiel du als Erstes gespielt hast?
Das war ziemlich sicher das OriginalNintendo, das war noch in der Zeit vor Memory Cards. Du hast einfach versucht, das Game fertig zu bringen, bevor du in die Kirche musstest oder so. «Karate», «Excitebike», «Mario», «Contra» – ich zockte all die Klassiker. Danach kam Sega. Sega ging von 8-Bit zu Poly-Sound, mit richtig guten Rhythmen und einer viel besseren Soundkarte. Die Musik wurde dadurch viel komplexer. Super Nintendo und Sega haben mich gelehrt: Diese Loops sind perfekt. Diese Musik ist so gut!
Gibt es ein bestimmtes Gaming-Genre, das dich besonders begeistert?
Ich bin ein Fighting-Game-Addict. Früher lief den ganzen Tag «Street Fighter», den ganzen Tag «Mortal Kombat». Ich war total fasziniert davon – und kannte irgendwann jede einzelne Melodie zu jedem Character-Theme, jedes Stage-Theme. Erst Games haben mein Gehör zu dem gemacht, was es heute ist.
Wann wurde dir klar, dass Gaming und Musik zusammengehören?
Ich schreibe das der Dreamcast zu, Segas letzter Spielkonsole. Als ich die 1999 bekommen habe, gab es so unglaublich viele Titel, sogar heute noch entdecke ich manche davon neu. Das ist die zeitloseste Musik, die ich je gehört habe.
Viele sprechen bei der Dreamcast von einem Wendepunkt für Videospielmusik. Siehst du das auch so?
Ja. Selbst heute mache ich Beats direkt aus dem Spiel heraus. In den letzten zwei Jahren habe ich mir jedes in Japan veröffentlichte Dreamcast-Spiel besorgt, und ich gehe sie alle durch.
Wann hast du angefangen, GamingMusik systematisch zu bearbeiten?
Die VGM-Reihe begann während der Corona-Zeit. Aber eigentlich habe ich das schon viel früher gemacht. Ich stosse manchmal auf alte Beats und merke dann, dass sie direkt aus einem Spiel kommen.
Das Spiel «Street Fighter» taucht bei dir immer wieder auf. Warum?
Ich habe es hunderte – wahrscheinlich eher tausende – Stunden gespielt. Die Schwester meiner Mutter hatte fünf Jungs. Bei ihnen entdeckte ich Super Nintendo. Einfach mit ihnen in «Street Fighter II» zu batteln, ohne irgendwas über die Spielmechanik zu wissen –nur dieses spassige «Jump, Heavy Kick, Sweep». Das war damals mein Ding.
Was fasziniert dich an «Street Fighter» bis heute?
Das ist schwer an einem einzelnen Aspekt festzumachen. Ich glaube, es ist die Kombi aus allem – die komplette Ästhetik des Spiels, die Musik, die Charaktere, sogar ihre Outfits.
Was hast du aus Videospielmusik für deine eigene Arbeit gelernt?
Die Idee des perfekten Loops. Die meisten dieser Games hatten Beschränkungen: Zeit, Anzahl der Instrumente und so weiter. Dass sie aus so wenig etwas so Schönes erschaffen konnten, das ist genial.



Red Bull partners with Microsoft & AMD to give you the AI tools, mentorship and global platform to bring your idea to life – and the wiiings to pitch it in Silicon Valley.
Submit your idea by April 10th, 2026.



Reise / Mindgame / Musik / Uhren / Events – und jetzt du!

OffroadInlineskaten auf Island
REISE/
Der Laugavegur Trail ist Islands berühmtester
Fernwanderweg: 55 Kilometer über Lava und Stein, durch Wasser und Matsch. Der Österreicher Björn Hunger befuhr ihn als Erster mit seinen Inlineskates. Hier erzählt er davon.

Es regnet waagrecht, und es ist eisig kalt. Meine Finger und Zehen spür ich schon länger nicht mehr. Die heutige Strecke ist steil, holprig und rutschig. Warum, um Himmels willen, muss ich genau hier meine Inlineskates auspacken? Was bin ich für ein Idiot!
Eine halbe Ewigkeit habe ich – seit zwölf Jahren passionierter Offroad-Inlineskater – davon geträumt, die 55 Kilometer des Laugavegur Trails nach den spannendsten Inlineskate-Spots abzugrasen. Dieser Trail durch das isländische Hochland im Süden der Insel ist bekannt für seine abwechslungsreiche Landschaft aus bunten Rhyolithbergen, Lavafeldern, schwarzen Sandwüsten und Gletschern, mit besonderen Challenges wie Flussdurchquerungen und natürlich blitzartig wechselndem Wetter. All das wollte ich nicht zu Fuss, sondern auf meinen Inlineskates erleben.
Schnell spricht sich das unter den Trekkern aus Südafrika, den USA, Island und Israel, die zur selben Zeit wie wir auf gierig werden wir gegrüsst und ganz genau gemustert: Wir, das sind Pascal, der Typ mit der Kamera, 16 Kameraund 9 Drohnenakkus, und Björn, also ich, der Irre auf den Inlineskates mit ebenfalls 26 Kilogramm Gepäck am Buckel, darunter ein Zelt, Nahrung für sieben Tage und eine Menge Equipment.
Auf zum Vulkansee
Weltweit gibt es nur zwei Handvoll Offroad-Inlineskater und drei Marken, die die Ausrüstung dafür herstellen. Das perfek te Skate-Set-up kommt bei mir von der deutschen Brand Powerslide. Es besteht aus einem klassischen Hartschalen-Inlineskate-Boot mitsamt einer Aluschiene. An die sind drei OffroadRäder montiert, die man sich wie luftgefüllte Mini-Mountainbike-Räder vorstellen kann. Insgesamt viereinhalb Kilo wiegen die Skates. Was soll ich sagen: Dieses Abenteuer wird ganz schön heavy!
SKATER MIT FERNWEH
Die Offroad-InlineskaterSzene ist klein. Der Österreicher Björn Hunger, 28, ist einer der wenigen Vertreter.

«Mein Bremsmanöver ist dreckig, aber erfolgreich: Ich schmeisse mich einfach auf den Boden.»




LET THE GOOD TIMES ROLL Viereinhalb Kilogramm wiegen die speziellen Offroad-Inlineskates, die aus einer Aluschiene und luftgefüllten Rollen bestehen.
Auf zwei Skate-Spots freute ich mich besonders, als ich begann, die Reise zu planen. Der eine liegt beim imposanten Vulkansee Ljótipollur, und der andere ist ein schmaler Grat inmitten der Rhyolithberge im Gebiet Landmannalaugar, den ich gleich am ersten Tag in Angriff nehmen will. Rhyolithberge sind typisch für die Gegend. Sie bestehen aus einem kieselsäurereichen Gestein, das sich in leuchtenden Tönen wie Gelb, Rot und Rosa färbt und durch saure Lava, die langsam fliesst, entsteht. Oft sind die Berge mit Schwefel und Mineralien durchsetzt. Nachvollziehbar, dass diese geologischen Schönheiten ein beliebtes Ziel für Wanderer sind.

«Rhyolithberge, weite Bergketten und Ebenen mit saftig grünem Moos sowie schwarze Sand- und Aschewüsten – Island hat echt alles!»
MOBILE KÜCHE
Mit heissem Wasser aufgegossene TrekkingMahlzeiten waren das täglich Brot der Crew. Highlight: Lachs, vom Nachbarn gebraten!

Erst mal geht es zu Fuss zum Grat in den Rhyolithbergen, einem Downhill-Spot, der so steil ist, dass ich Luft aus den Rädern lassen muss, um langsamer zu werden. Da ich zu dem Zeitpunkt noch keine Bremsen auf den Skates habe, kommt meine bewährte Bremsmethode zum Einsatz: Den Abgrund markiere ich vorab mit meinem Rucksack, und als ich bei der Abfahrt schliesslich dort ankomme, schmeisse ich mich auf den Boden. Das Bremsmanöver: dreckig, aber erfolgreich!
Nach diesem ersten Tag hat sich meine Nervosität, was die folgenden Etappen anbelangt, merklich gelegt. Wir ziehen also mit dem gesamten Gepäck weiter. Unser tägliches Standardprogramm: Wir wandern zu den schöns-
Beste Reisezeit
Juni bis August ist ideal für Wanderungen in Islands Hochland, weil die Tage dann lang sind.
Wie du hinkommst
Von Zürich und Genf aus gibt es Direktflüge nach Reykjavík (Icelandair und Edelweiss).
Für unseren Autor ging es von dort mit dem Hochlandbus ins Landmannalaugar-Gebiet, zum Campingplatz und zu den heissen Quellen.
ten Plätzen, und dann rolle ich über Schotter, Stein, Wiese und Sand. Das Essen, das wir uns gönnen: Bananenchips, Studentenfutter, Porridge und Haferriegel sowie Thai-Curry, Chili und Pasta Bolognese aus Trekking-Päckli. Schliesslich erreichen wir den Kratersee Ljótipollur: Was für eine Herausforderung, durch den tiefen Vulkansand zu fahren! Ich muss den Schwung aufrechterhalten, sonst sinke ich ein und bleibe mit den Rollen hängen. Das Ganze erinnert mich ans Tiefschneefahren –nur eben im Sand. Auch eine Erfahrung. Rückblickend haben wir an vieles gedacht und nur einiges vergessen: Glücklicherweise hatten wir Schlafmasken dabei, weil es im Sommer fast gar nicht dunkel wird. Wir hatten auch Badeschuhe für Flussdurchquerungen eingepackt und Drybags für das Equipment. Nur ein wärmerer Schlafsack und wasserdichte Handschuhe hätten nicht geschadet. Nach sieben Tagen haben wir es schliesslich geschafft – Schleppen, Wandern und Skaten bei Nebel, Sonne, Wind, Regen und Kälte über insgesamt 73 Kilometer und 2000 Höhenmeter. Ein isländischer Busfahrer meinte zu mir: «Voll geil. Du bist der erste Inlineskater im Hochland von Island!» Und ich glaube, ich bleibe wahrscheinlich auch noch eine Weile der einzige.

Instagram: @bjoernhunger, @pascalhurlbrink; scanne den QR-Code für Björns «Traces of Laugavegur»-Movie (7 Min.)



Willkommen zu einer Rätsel-Challenge, die deine mentale Fitness trainiert.
Hier: Rechts abbiegen, bis das Ziel kommt.
DIE AUFGABE
Hier kommt eine etwas andere Streckenführung: Der Start ist klar, das Ziel ist klar – aber dazwischen darfst du nur geradeaus laufen oder rechts abbiegen. Also: Schuhe schnüren und los!

Gut angekommen? Scan den Code und finde heraus, ob du richtig gelaufen bist.
Zu ihrem 50-jährigen Dienstjubiläum räumen The Cure zwei Grammys ab und gehen auf Europa-Tournee. Frontmann Robert Smith verrät uns seine ganz persönliche Playlist.
Robert Smith auf seinen Gothic-Look und Düster-Sound zu reduzieren, wäre etwas kurz gegriffen. Der 66-Jährige mit der Strubbelfrisur, den knallroten Lippen und den kajalumrandeten Augen ist keine Spassbremse. Im Gegenteil: Er steht auf Fussball, Bier und Rockmusik – wie er in seinen witzigen Interviews erklärt. Die melancholisch anmutenden Songs von The Cure sind Kult, über 30 Millionen Alben hat die Band in den vergangenen fünfzig Jahren verkauft, sie landeten Hits wie «The Lovecats», «Friday I’m in Love» oder «Lullaby» und füllen noch immer Stadien. Immer bewahrten sich The Cure ihre künstlerische Identität im und abseits des Mainstreams. Smith: «Von all den Dingen, die ich getan habe, ist alles nichts im Vergleich zu meinem Auftritt in der TV-Serie ‹South Park›. Plötzlich war ich der coolste Onkel!»
Instagram: @robertsmith, @thecure

Nick Drake
Time Has Told Me
«Zu den Songs, die mich am meisten geprägt haben, zählen jene von Nick Drake –vor allem ‹Time Has Told Me›, ein Stück, das mich schon mein ganzes Leben lang begleitet. Die Stimme, die Art seines Spiels und die Einfachheit des Vortrags klingen so leicht, dabei ist der Song extrem schwierig. Wenn man das auch nur ansatzweise so hinbekommt, ist man ein verdammt guter Gitarrist.»


Jimi Hendrix
Purple Haze
«Ich habe Jimi Hendrix immer geliebt. Als Kind wollte ich er sein – obwohl ich nichts über ihn wusste, nicht einmal, dass er schwarz war oder aus den USA kam. Später hing er als Poster im Zimmer meines älteren Bruders. Seine Songs zu hören, machte mir viel mehr Spass, als mit kratziger Uniform in die Schule zu müssen. ‹Purple Haze› zählt für mich zu den allerbesten Songs von Jimi Hendrix.»

David Bowie
Life on Mars?
«Bowie war einer meiner grossen Helden. Wenn es darum ging, Entscheidungen zu treffen, habe ich mich gefragt: ‹Was würde Bowie tun?› ‹Life on Mars?› ist mein absoluter Lieblingssong von ihm. Das Arrangement und die Performance sind einfach perfekt. Das gilt bis heute. Ich denke, die Musik, die du zwischen 13 und 17 hörst, prägt dich für immer. Viel besser kann Musik nicht sein!»

Talk Talk Life’s What You Make It «Ich bewundere, was diese Band geleistet hat – und fand sie immer gut, auch wenn ich das lange nicht zugeben konnte. Schliesslich gehörte Talk Talk zur Konkurrenz. In der Branche ist es wichtig, zu glauben, du wärst besser als jeder andere. Sonst bleibst du auf der Strecke. Ich dachte also lange: ‹Die sind totaler Dreck.› Dabei waren sie wahrscheinlich besser als wir –vor allem dieser Song.»
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Ob Laufen, Tanzen oder Jammen: hier die FrühlingsEvents, die du nicht verpassen solltest!

10.
Bereits zum 13. Mal laufen beim Wings for Life World Run weltweit Tausende Menschen gleichzeitig. Egal ob Spitzensportlerin, Hobbyläufer oder Anfängerin, sie alle laufen für die, die es nicht können. Statt einer Ziellinie gibt es ein Catcher Car, das sich 30 Minuten nach dem Start auf den Weg macht. Wer eingeholt wird, ist raus. Alle Startgelder fliessen zu 100 Prozent in die Rückenmarksforschung und helfen dabei, Querschnittslähmung zu heilen. wingsforlifeworldrun.com
Studierende werden dabei unterstützt, mit innovativen Ideen Probleme zu lösen. Wer ein Projekt an der Schnittstelle von Technologie, Nachhaltigkeit und Impact entwickelt, kann sich bis 10. April bewerben und Teil einer globalen Community werden. Die besten Ideen erhalten Mentoring, Ressourcen und Sichtbarkeit auf internationaler Ebene. Das Finale ist am 6. Mai in Luzern. redbull.com
24.
bis 26. April
Das Existe Festival verbindet Tanz aus der BattleSzene mit Aufführungen auf der Theaterbühne. Drei Tage lang treten im Théâtre du Crochetan internationale Tänzerinnen, junge Tanzgruppen und bekannte Künstler auf. Auf dem Programm stehen Wettbewerbe, Battles, Workshops und Performances. Eröffnet wird das Festival von der Tanzgruppe Mazelfreten. existe.ch


Ein Instrument mit dem Smartphone lernen? Klingt leichter, als es ist. Die App MyGroove unterstützt mit interaktivem Unterricht und erlaubt gemeinsames Musizieren mit Artists. Dabei deckt sie das Spektrum einer Band ab: Voice, Keys, Guitar, Bass, Drums und Percussion. Neu: Die My Groove Academys für Drums, Keys, Guitar und EBass bieten strukturiertes technisches Training –vom ersten Ton bis zum Auftritt. Der Practice Plan zeigt, welche Skills man verbessern sollte. Für eine Kostprobe QRCode scannen.
24.
bis 25. März
m4music
Zürich wird zum Treffpunkt der Schweizer Pop und Clubszene. Das m4music Festival verbindet ShowcaseKonzerte mit Talks, Panels und Networking und bietet eine Bühne für nationale und internationale Newcomer. Auf dem Lineup stehen Acts wie Good Neighbours, Stereo Luchs oder Kayla Shyx. Wer wissen will, wie die Musik von morgen klingt, ist hier richtig. Infos auf: m4music.ch


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Julian Vater

Hier schreiben Schweizer Literaturtalente über Themen, die sie bewegen – und liefern ihren positiven Spin dazu.

ZEin Lauf, der mit unkoordinierten Bewegungen, todeskampfähnlichem Geröchel und dem Schwur endete, mich nie wieder einer solchen Strapaze auszusetzen. Also entschloss ich mich, ein ruhiges, unspektakuläres Leben als Schriftsteller zu führen – fernab von Ultraläufen und Bungee-Jumping. Ein Leben, das einzig den Gefahren ausgesetzt ist, die meine Romanfiguren durchleben, während ich bequem hinter dem Computerbildschirm sitze. Aber dann kamen die Kinder.
Wie wohl so ziemlich jede junge, dynamische Familie sind wir letztes Jahr in den Europa-Park gefahren, den riesigen Freizeitpark in Baden-Württemberg. Da meine Frau und meine Tochter ebenso wenig auf Nervenkitzel stehen wie ich, haben wir ein eher ruhiges Programm mit Panoramabahn und kleinen, hübschen Karussells zusammengestellt. Das Problem: Mein neunjähriger Sohn liebt Adrenalinkicks. Er hört Metal und schaut sich gerne Eishockeyspiele an, bei denen es so richtig zur Sache geht. Von der Wand in seinem Zimmer lächelt Marco Odermatt herab, Seite an Seite mit Darth Vader. ugegeben, Furchtlosigkeit gehört nicht zu meinen besonderen Eigenschaften. Mein verrücktestes Unterfangen? Der Halbmarathon von Lausanne.
Als wir im Themenbereich Island ankamen und mein Sohn den «Blue Fire Megacoaster» erblickte, leuchteten seine Augen: «Papa, fahren wir damit?» Ich hätte mir eine ehrbare Ausrede ausdenken können. So etwas wie «Dafür bist du noch zu klein, das kannst du in ein paar Jahren machen» oder so. Angesichts seines hofnungsvollen Blickes war mir jedoch klar, dass ich ein Opfer bringen musste. Schliesslich könnte es ein intensiver Moment in unserer Vater-Sohn-Beziehung werden, eine prägende Erinnerung in unserem Leben. Ich sagte mir, dass seine Idole Marco Odermatt und Darth Vader eine Fahrt mit dem «Blue Fire Megacoaster» auf der linken Arschbacke absitzen würden.
Es wurden die längsten zwei Minuten meines Lebens.
Schon der Start hatte es in sich: von 0 auf 100 km/h in zweieinhalb Sekunden. Es folgten ein Loop in mehr als dreissig Metern Höhe, eine 360Grad-Schraube und weitere sadistische Elemente, die bei mir – in dieser Reihenfolge – Schreien, Fluchen, Beten und Weinen hervorriefen. Ich fühlte mich wie eine durchgeknallte Flipperkugel, wie ein Slip im Schleudergang einer Waschmaschine. Als die Achterbahn endlich zum Stehen kam, blickte ich – kurz vor dem Kollaps – zu meinem Sohn rüber. Mit einem Seufzer latenter Enttäuschung sagte er diesen Satz, den ich mein Leben lang nicht vergessen werde: «Schon vorbei?»
Einige Wochen darauf sind wir ins Schwimmbad gefahren. Mein Plan war es, dort gemütlich in der Sonne zu liegen und einen Krimi zu lesen. Das Problem: Das Aquasplash in Renens ist nicht irgendein Schwimmbad. Seine spektakulären Wasserrutschen haben es weit über die Region hinaus bekannt gemacht. Besonders berüchtigt: die rote «Harakiri», die beeindruckende grüne «Cobra» und vor allem die weisse Rutsche mit dem vielsagenden Namen «Kamikaze». Freifall aus 18 Metern Höhe mit einer Geschwindigkeit bis zu 60 km/h. Mein Sohn ist mit einem breiten Grinsen durchgerauscht. Dann rief er mir lässig zu: «Jetzt du, Papa!» Ich konnte nicht kneifen. Ich redete mir ein: Schlimmer als der «Blue Fire Megacoaster» konnte es nicht werden. Als ich oben ankam, erstarrte ich. Dieses Ding war schwindelerregender als die Kitzbüheler Streif und der Freeride-Wahnsinn Xtreme Verbier zusammen. Mein Sohn und seine Freunde ermutigten mich von unten. Doch ich war wie gelähmt. Hinter mir bildete sich eine ungeduldige Schlange. Ich stellte mir vor, wie enttäuscht mein Sohn sein würde, wenn ich kneife. Für einen Neunjährigen ist sein Vater ein Halbgott. Also schloss ich die Augen und stürzte mich mit einem lauten Schrei, der bis nach Bern zu hören gewesen sein muss, hinunter. Keine fünf Sekunden später war ich unter Applaus im Ziel. Ich war am Leben, glücklich und ein Held.
«Erst ein Loop in dreissig Metern Höhe, dann eine 360-GradSchraube: Ich fühlte mich wie eine durchgeknallte Flipperkugel. Ich schrie, fluchte, betete und weinte. In dieser Reihenfolge.»
Aber die Heldengeschichte ist hier noch nicht zu Ende, denn das Schwimmbad in Renens hat auch eine schöne Sprunganlage. Ein Meter. Drei Meter. Fünf Meter. Und – klar – auch zehn Meter. Mein Sohn wollte da rauf – mit seinem supermutigen Papa, der ihm zeigen würde, wie es geht. Befügelt vom Adrenalinrausch der weissen «Kamikaze» stieg ich ahnungslos die unzähligen Stufen hinauf. Ich fühlte mich unbesiegbar. Doch oben auf der Plattform tat ich, was man in solchen Fällen niemals tun sollte: Ich schaute nach unten. Mir wurde schlagartig klar, dass zehn Meter verdammt hoch sind. Unten am Beckenrand hatte sich bereits eine Menschenmenge versammelt, die sich das Spektakel nicht entgehen lassen wollte. Fans der Luftakrobatik, die bestimmt dachten, ich würde ihnen einen dreifachen Salto gehechtet präsentieren. Mein Ziel war jedoch einzig und allein, meinen wuchtigen Körper von diesem gottverdammten Sprungturm zu stürzen, ohne dabei im Krankenhaus zu landen. Das habe ich geschaft.
Gefolgt von meinem Sohn.
Am Ende felen wir uns voller Stolz in die Arme. Wir waren die Könige der Welt. In diesem Moment war auch ich neun Jahre alt. Das Schokoladeneis, das wir uns kurz darauf als Belohnung gönnten, hatte einen ganz besonderen Geschmack.
Rückblickend denke ich, dass es sich gelohnt hat, meine Komfortzone zu verlassen. Vielleicht können es meine Heldentaten nicht mit den Leistungen eines Ultramarathon-Läufers wie Kílian Jornet aufnehmen. Aber ich habe einiges über mich selbst gelernt. So durfte ich das einmalige Gefühl erleben, meine Ängste überwunden und meinen Sohn unwahrscheinlich stolz gemacht zu haben (auch wenn zwischen Marco Odermatt und Darth Vader noch kein Bild von mir hängt). Das ist mehr wert als die Besteigung der Annapurna in Turnschuhen.
Trotz meiner heldenhaften Taten mache ich mir nichts vor: Meine Zukunft liegt eher im Schreiben als im Extremsport. Mein Basejump? Geschichten erzählen. Mein Ironman? Persönlichkeiten zum Leben erwecken. Meine ultimativen Dopaminkicks? Den Schlusspunkt unter einen Roman setzen, mein Buch im Buchladen sehen, mich mit Lesern austauschen.
Allerdings werde ich schon bald wieder in mein Superheldenoutft schlüpfen müssen. Denn mein Sohn hat zu seinem Geburtstag dieses Jahr ein besonders originelles Geschenk bekommen: Indoor-Skydiving im Freifall-Simulator für die ganze Familie. Ich kann es kaum erwarten.

PHILIPPE LAMON hat vier Romane veröffentlicht. Der letzte, «Le Match du siècle» (Verlag Cousu Mouche, 2025), erzählt humorvoll die Geschichte eines verkannten Tennis-Champions. @philippe_lamon
Niemand erklärt Schweizerdeutsch so wie sie: Die 22-jährige Content-Creatorin begeistert als @wemmse über eine Million Follower mit ihrer Schlagfertigkeit.

Deine Followerzahlen gingen kürzlich durch die Decke. Warum?
Die Welt ist anscheinend fasziniert von unserem Schweizerhochdeutsch! Ich hoffe natürlich, dass es mit meiner Art zusammenhängt, wie ich unsere Sprache erkläre – aber wer weiss …

in
angehende Lehrerin und gibt gerne Einblicke in ihren Schulalltag. Damit wurde sie auf Instagram und TikTok zum Star: @wemmse
Was denken Leute über dich, das gar nicht stimmt? Dass ich aus reichem Elternhaus stamme.
Selbstironie, Humor, Ehrlichkeit.
Hast du ein Role model?
Ein richtiges Vorbild nicht, aber Creatorinnen wie Emma Chamberlain oder Madeline Argy finde ich aufgrund ihrer Authentizität sehr inspirierend.
Welche Lüge erzählst du dir selbst regelmässig?
«Nur noch einmal scrollen, dann lege ich das Handy weg.»
Wie würdest du dein aktuelles Kapitel im Leben betiteln?
«Als alles aus den Fugen geriet.»

Welcher Snack beschreibt deine Persönlichkeit?
Lakritze – die einen lieben sie, andere hassen sie. Aber die Supporter sind da sehr loyal!
Welche Kleinigkeit kann dir sofort den Tag ruinieren? Welche nicht? Wenn mein Hund mich draussen blamiert. Zehen anschlagen. Ellbogen anschlagen. Fettige Haare. Menschen im ÖV ohne Kopfhörer.

Welche Frage wird dir am häufigsten gestellt?
«Wie hast du mit Social Media angefangen?» Meine Antwort darauf: «Mir war langweilig im Lockdown. Du nimmst ein Video auf und postest es, ist recht simpel.»


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