Quirin Quartalsbuch Schmidts Tagebücher und Mays Logbücher im Überblick
4. Quartal 2020
Schmidts Tagebuch Oktober 2020 Wie lautet die Zauberformel? 4 Die Schönheit des Zufalls 10
November 2020 „Die Wirtschaft“? Das sind wir alle! 15 Länger leben, mehr arbeiten? 19
Dezember 2020 Best of Schmidts Tagebuch 2020: Zufälle, Aktien und Schmidt’sche Weihnachten 23 Getrennt – und doch zusammen! 31
„2020 war ein turbulentes und anstrengendes Jahr, was sich zum Jahresende nochmal zugespitzt hat, aber es hat auch einige Dinge zum Positiven verändert. Diese zwei Blickwinkel ziehen sich thematisch auch durch meine Tagebücher im letzten Viertel des Jahres. Neben Corona ging es auch um viele schöne Themen – um die Kraft des Zufalls, eine immer längere Lebensdauer und um Zauberformeln. Eine spannende Lektüre wünsche ich Ihnen!“
KARL MATTHÄUS SCHMIDT Vorstandsvorsitzender der Quirin Privatbank AG und Gründer von quirion
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Wie lautet die Zauberformel? 9. OKTOBER 2020
„Banken setzen auf Lebensmittel-Automaten als Kundenmagnet“ – ernsthaft? Wollen die Geldhäuser hierzulande damit ihre Kunden wieder in die Filialen holen? Lebensmittel-Automaten? Was zunächst amüsant klingt, hinterlässt bei mir einen bitteren Beigeschmack. Diese Schlagzeile¹, die wohlgemerkt nicht aus der Boulevardpresse stammt, zeigt, wie verzweifelt Finanzvorstände darum ringen, das Konzept für die Bank von morgen zu finden, um ihre Institute zukunftsfit zu machen.
Großbanken unter Druck Zugegeben, deutsche Banken haben es nicht leicht: stetig steigende regulatorische Anforderungen, ein seit Jahren anhaltendes Niedrigzinsniveau, schrumpfende Margen bei konstanten oder zunehmenden Kosten. Hinzu kommt ein verändertes Kundenverhalten und der Wettbewerbsdruck durch branchenfremde Player und FinTechs, die ihnen die Kunden und vor allem den Kundenzugang im Netz streitig machen. All das setzt die Geldhäuser mächtig unter Druck. Sie haben ein enormes Kostenproblem, drehen Stellschrauben nach links, dann wieder nach rechts, trauen sich dabei aber nicht, wirklich neue Wege zu gehen. Die Geschäftsmodelle sind überholt – es fehlt an Innovationen.
Statt Innovationen: Filialschließungen und Umstrukturierungen Die aktuelle Situation ist bei vielen Banken jedoch hausgemacht: Über Jahrzehnte wurden Innovationen auf die lange Bank geschoben, neue Wettbewerber müde belächelt und die sich verändernden Kundenbedürfnisse ignoriert. Stattdessen wurde unzählige Male umstrukturiert und immer wieder das Filialnetz erheblich ausgedünnt, um Kosten zu sparen.
Hin und Her (Strukturieren) macht Banken leer Vor allem Großbanken werden nicht müde, intern immer und immer wieder umzustrukturieren. Kunden und Mitarbeiter können ein Lied davon singen: Mal werden Privatkunden und Firmenkunden gemeinsam, mal von unterschiedlichen Experten betreut, mal das Kredit- und Baufi-Geschäft aus den Filialen ausgelagert, um dann doch wieder zurückgeholt zu werden. Vermögende Privatkunden werden in Kompetenzzentren beraten – und dann doch wieder in den Räumlichkeiten vor Ort und so weiter und so weiter. Kaum ist eine Umstrukturierung umgesetzt, kommt die nächste. Das macht auf Dauer die Kassen der Banken aber nicht voller, sondern leerer. Es ist wie bei der Geldanlage: Hin und Her macht Taschen leer.
Filialschließungen: Und da waren es nur noch … Um Kosten zu sparen, werden oft auch Filialen geschlossen. Seit 30 Jahren gibt es bei der Anzahl der Filialen nur einen Trend – nach unten. Heute hat Deutschland noch etwa so viele Bankfilialen wie in den 50er Jahren. Allein in den letzten zehn Jahren ist das Filialnetz bundesweit um mehr als 30 Prozent geschrumpft. Und wir werden auch in Zukunft Schließungen erleben – über viele Jahre hinweg.
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Damit verbunden ist meist ein Personalabbau. So gab beispielsweise die Deutsche Bank letztes Jahr bekannt, 18.000 Stellen streichen zu wollen, die Commerzbank 4.300.² Das Problem: Filialschließungen allein reichen nicht, damit Banken finanziell gesunden und langfristig am Markt bestehen können.
Fusionen: Warum aus zwei Blinden kein Sehender wird Neben Filialschließungen und Umstrukturierungen stehen bei Kostensenkungsprogrammen oft auch Fusionen im Raum, manchmal auch grenzübergreifend. Doch wenn zwei Blinde sich zusammentun, dann wird daraus kein Sehender. Fusionen aus der Not heraus (ich überspitze ganz bewusst!) bringen keinerlei Synergien, im Gegenteil: Die beteiligten Unternehmen sind oft auf Jahre damit beschäftigt, die beiden Häuser ineinander zu integrieren. Zudem wird damit genau das verhindert, was aus Kundensicht eigentlich wünschenswert wäre: echte Innovation, gelebte Kundenorientierung und eine wirkliche Metamorphose der Banken.
Und was sagen die Kunden dazu? Fusionen und Umstrukturierungen bringen aus Kundensicht selten eine Verbesserung, sondern nur unnötige Unruhe, häufig wechselnde Ansprechpartner und zunehmende Unzufriedenheit. Das ist zumindest das, was ich von Mitarbeitern und Kunden der betroffenen Häuser immer wieder höre. Es
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fehlt nicht nur an der Kommunikation, sondern auch an der Sinnhaftigkeit. Darüber hinaus werden keine Lösungen geschaffen. Beispielsweise, wenn in ländlichen Regionen die letzte Bankfiliale vor Ort schließt, die Services aber nicht alternativ zur Verfügung gestellt werden, z. B. über Onlineangebote oder Partnerfilialen für einen Bargeldservice. Kurzum: Der Kunde bleibt auf der Strecke, all diese Änderungen bedeuten für ihn keine Verbesserung, sondern nur Verwirrung. Die Banken drehen sich – mal wieder – nur um sich selbst statt um ihre Kunden.
Wann waren Sie das letzte Mal in einer Bank? Trotzdem geben große Teile der Bevölkerung in Umfragen immer wieder an, sich eine Filiale vor Ort zu wünschen, selbst die Jüngeren. Wie die Grafik zeigt, legt fast jeder Zweite Wert auf eine Bank vor Ort – immerhin. Ähnlich hoch ist die Zahl bei den jüngeren Kunden (44 Prozent).
Was mich daran immer verwundert: Gefühlt geht dann aber trotzdem keiner hin. Oder wann waren Sie das letzte Mal in einer Bank – und ich meine damit nicht zum Geldabheben? Diese mangelnde
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tatsächliche Nutzung, die auch die folgende Grafik bestätigt (jeder Zweite ist seltener als einmal im Quartal in der Bank), liegt meiner Meinung nach daran, dass die Services und Geschäftszeiten immer weiter ausgedünnt wurden. Anlageberatung findet nicht mehr statt, sondern ist ein Thema für Spezialisten an ausgesuchten Standorten. Bei den Baufinanzierungen und Krediten verhält es sich genauso. Deshalb brauchen wir letztlich tatsächlich weniger Filialen in der Fläche – und werden einen entsprechenden Rückgang in den nächsten Jahren beobachten.
Beides gefragt: digitale Produkte und persönliche Beratung Trotz schrumpfendem Filialnetz wird es dennoch immer Bedarf für beide Welten geben: für schnelle digitale Lösungen, wie die nachkommenden Generationen sie vorzugsweise nutzen, und für die persönliche Beratung vor Ort. Ob diese dann in der Filiale erfolgt, beim Kunden zu Hause, in Flagshipstores, in einem Augmented Shop oder in einer Kiosk-Filiale, ist letztlich nebensächlich. Und weil dieser Bedarf auch heute schon genauso da ist, bedienen wir eben auch beide Welten. Wer mag, kann bei der Quirin Privatbank das Rundum-sorglos-Paket buchen mit persönlicher Beratung in allen Anlagefragen. Oder aber eine günstige, ausschließlich digitale Anlage bei quirion nutzen. Und wer das Beste aus beiden Welten will, kann auch das haben. Damit bieten wir das erste echte Modell
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hybrider Bankberatung. Und ausschließlich unabhängige Beratung. Das ist – Stand heute – einzigartig in Deutschland. Und Einzigartigkeit ist genau die Zauberformel für alle Banken bei der Suche nach dem Konzept der Zukunft. Denn die Bank von morgen muss vor allem eins sein: einzigartig.
Onlinegrößen bedrohen Zugang zu Kunden Warum ist Einzigartigkeit der Schlüssel zur Bank der Zukunft? Traditionelle Banken verlieren im Zeitalter der Digitalisierung mehr und mehr den Kontakt zum Kunden.³ Die Kundenreise beginnt immer öfter bei Google. Von dort werden die Suchenden meist zu Vergleichsportalen weitergeleitet. Banken müssen den Portalen hohe Provisionen zahlen, wenn sie Zugang zu diesen potentiellen Kunden haben wollen. Das ist teuer und macht abhängig. Ein Ausweg aus der Misere: Das Geschäftsmodell der Banken sollte im besten Fall so einzigartig wie möglich sein. Sie müssen also nach einem Alleinstellungsmerkmal, nach Einzigartigkeit streben. Einige tun das bereits, indem sie vermehrt auf eigene Plattform-Geschäftsmodelle schielen. Der Weg zur Einzigartigkeit läge hier dann also im konsequenten Ausbau der eigenen noch vorhandenen Kundenschnittstellen.
Traut euch mehr – wir tun es auch! Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Auch wir sind noch nicht angekommen, lernen immer wieder dazu, entwickeln uns weiter, wachsen gemeinsam mit unseren Kunden. Wer allerdings glaubt, mit Fusionen, Umstrukturierungen oder Filialschließungen von der kritischen Auseinandersetzung mit dem eigenen Geschäftsmodell ablenken zu können, der irrt. Wir brauchen Einzigartigkeit und vor allem den Mut, Dinge auszuprobieren. Kreative Köpfe und tolle Ideen gibt es in den großen und kleinen Banken dieser Welt genug: Traut euch, liebe Kolleginnen und Kollegen, und setzt diese Ideen auch um.
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Wir versuchen das hier für unsere Kunden ebenfalls. Wir verzichten auf Provisionen und beraten unabhängig. Das tun wir mittlerweile in einer hybriden Welt, wo einzig unsere Kunden entscheiden, was sie wollen. Wir versuchen, uns jeden Tag aufs Neue zu fokussieren, auf das, was wirklich wichtig ist – unsere Kunden. Das klappt nicht immer gleich gut und es gibt noch viel zu tun. Aber wir haben Ideen – und wir trauen uns, auch wenn mal was schiefgeht. Das wünsche ich mir auch von meinen Kolleginnen und Kollegen in den Frankfurter Banktürmen.
[1] https://finanzbusiness.de/nachrichten/banken/article12447447.ece [2] h ttps://www.cio.de/a/deutsche-bank-streicht-18-000-stellen,3603369; https://www.handelsblatt.com/finanzen/banken-versicherungen/umstrukturierungcommerzbank-plant-harte-einschnitte-in-privat-und-geschaeftskundensparte/25096696.html?ticket=ST-4282525-g94gG7dGnLgGWQVHVB5D-ap1 [3] https://paymentandbanking-com.cdn.ampproject.org/c/s/paymentandbanking.com/frisst-google-gerade-die-finanzindustrie/?amp
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Die Schönheit des Zufalls 23. OKTOBER 2020
Wissen Sie, was die Beatles, Google, Streichhölzer, Apple und Mikrowellen gemeinsam haben? Richtig: Ihr Dasein basiert auf reinem Zufall. Die Beatles entstanden, weil John Lennon 1957 auf einem Gartenfest im Liverpooler Stadtteil Woolton auftrat und ein gemeinsamer Bekannter ihm Paul McCartney vorstellte. Ähnlich verhielt es sich bei den Gründern von Google, Larry Page und Sergey Brin, und den geistigen Vätern von Apple, Steve Jobs und Steve Wozniak. Auch in Forschung und Wissenschaft spielen Zufälle immer wieder eine große Rolle – ohne sie wären Penizillin oder die Röntgenstrahlen nie entdeckt worden. Oder die kulinarische Vorliebe der plastikfressenden Großen Wachsmotte (Galleria mellonella), die zur Lösung eines der größten Umweltprobleme der Menschheit beitragen könnte. Was wäre die Welt ohne diese großartigen Entdeckungen und Erfindungen?
Corona raubt uns den Raum für den Zufall Zufälle sind damit in erheblichem Maße der Treiber von Innovation, Kreativität und Fortschritt. Dabei lassen sich zwei Arten von Zufällen unterscheiden: zufällige Ereignisse und zufällige Begegnungen. Beide brauchen Raum zur Entfaltung und die Gelegenheit, zu passieren. Corona schränkt diese Gelegenheiten momentan ein. Haben Sie nicht auch den Eindruck, dass Ihr Leben sich eintöniger oder langweiliger anfühlt? Wir sind alle viel weniger unterwegs, viele Menschen arbeiten seit März mehr oder minder im Homeoffice. Dadurch entfallen nicht nur Dienstreisen und persönliche Besprechungen, sondern auch viele zufällige bereichernde Begegnungen rechts und links des Wegesrandes: Gespräche an der Kaffeemaschine, Smalltalk auf dem Bürokorridor, der Plausch mit dem Taxifahrer oder mit dem Sitznachbarn im Flugzeug. Damit wird der Spielraum für den Zufall immer enger. Auf welche Ideen die Weltgemeinschaft durch diese wegfallende Zufallskommunikation nicht kommt, kann keiner ermessen. Auch wenn wir natürlich nicht vermissen können, was nie erfunden oder entdeckt wurde, fürchte ich, dass uns doch einiges durch die Lappen gehen könnte, dass der wegfallende Zufall unsere Entwicklung auf jeden Fall ein wenig verlangsamen wird.
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Wenn ungeplant Neues entsteht Wenn durch zufällige Begegnungen oder Ereignisse ungeplant Neues entsteht, wenn wir Bedeutsames entdecken, ohne es vorher darauf angelegt zu haben, hat man das früher oft als glückliches Händchen oder eben schlicht als Zufall bewertet. Heute wird dieses Phänomen neudeutsch als Serendipität (im Englischen: serendipity) bezeichnet. Die Nutzung des Begriffes ist in den letzten Jahrzehnten gestiegen, auch wenn er mir persönlich im täglichen Sprachgebrauch relativ selten über den Weg läuft.
Zahl der Erwähnungen des Wortes „serendipity“ in englischsprachigen Zeitungen und Zeitschriften
2 1960er Jahre
60 1.838 1970er Jahre
1980er Jahre
13.266
2000er Jahre
heute
Quellen: Spektrum der Wissenschaft, 2004; Quirin Privatbank
Den Zufall zulassen Häufig geht neuen Entdeckungen ein Scheitern voraus. Der eigentliche Plan geht schief, doch dafür wird man mit anderem belohnt. Kolumbus wollte eigentlich nach Indien – und entdeckte zufällig Amerika. Was lernen wir daraus? Aus Fehlern kann Gutes entstehen, wir müssen Fehler zulassen und der Kraft des Zufalls damit Raum geben. Wichtig ist dabei: Das Entdecken von Neuheiten oder Besonderheiten allein reicht nicht. Es braucht immer auch die Weitsicht und die Ausdauer des Entdeckers, um das Potenzial der Entdeckung oder der Begegnung zu begreifen und zu nutzen. Dafür ist eine gewisse Einstellung, eine bestimmte Persönlichkeitsstruktur hilfreich: Experimentierfreude, eine gute Beobachtungsgabe und die Bereitschaft, auch vermeintliche Fehlschläge auszuloten.
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Weniger Dienstreisen, weniger Zufall, weniger Wachstum Im unternehmerischen Kontext begünstigen neben diesen Persönlichkeitsmerkmalen auch das Unterwegssein, der persönliche Austausch den glücklichen Zufall. Dafür sind persönliche Meetings und Dienstreisen unerlässlich, auch wenn sich vieles auf digitalem Wege klären lässt. Oder andersrum gesprochen: Ohne Dienstreisen und Präsenztermine weniger Serendipität. Und das kann uns auf Dauer teuer zu stehen kommen. So kam ein Forscherteam um den Harvard-Ökonomen Ricardo Hausmann zu dem Ergebnis, dass 17 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung verlorengehen könnten, wenn Dienstreisen dauerhaft wegfielen.¹ Nicht nur, weil die Airlines und Hotels keine Umsätze mehr machen. Denn: Wissenstransfer erfolgt in erster Linie persönlich, sprich bei persönlichen Begegnungen. Wenn das wegfällt, gehen viel Wissen, Innovation und Produktivität verloren.
Schmidts Serendipität: Wie der Zufall es wollte … Sie können es sich vielleicht denken – auch in meinem Leben gab es Zufälle und Begegnungen, die mich privat und als Unternehmer maßgeblich beeinflusst haben. So saß ich beispielsweise kurz nach der Jahrtausendwende in einem kleinen Büro auf dem Triumph-Adler-Gelände in Nürnberg. Hinter mir lag Consors mit allen Höhen und Tiefen, vor mir auf dem Tisch meine Idee für eine neue Bank. Eine Bank mit einem Geschäftsmodell, das es bis dato auf dem deutschen Markt nicht gab. Die Idee zu diesem Modell entstand, weil ich immer wieder gefragt wurde, welche Bank ich denn empfehlen könne. Und die Antwort war immer dieselbe: Keine. Alle hatten über ihre Provisionsgier den Kunden vergessen und stellten ihre eigenen Interessen über die der Kunden – zu deren Nachteil. Die Folge waren Falschberatungen, Verkauf unpassender oder überteuerter Produkte und steigende Unzufriedenheit bei den Kunden. Es war höchste Zeit für eine neue Art von Banking, es war Zeit für eine neue Bank. Das Konzept stand also, ich brauchte nur noch Geschäftspartner, mit denen ich es umsetzen konnte. Das dachte ich zumindest. Kurz darauf traf ich einen alten Freund und Consors-Kollegen wieder, Franz Baur. Schnell waren wir auch bei Bankthemen – wie sollte es anders sein? – und ich erzählte ihm von meiner Idee. Und er? Er zerriss sie in der Luft. Naja, nicht ganz, aber fast. Er rüttelte mich
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wach und machte mir klar, dass das, was ich vorhatte, nichts Halbes und nichts Ganzes sei. Diese Worte habe ich heute noch im Ohr. Und recht hatte er. Ich wollte die Honorarberatung einführen, aber nicht ausschließlich nach diesem Prinzip arbeiten, sondern beide Welten anbieten, Provisions- und Honorarberatung. Das passe nicht zu mir, meinte Franz. Also schliff ich den Rohdiamanten weiter und feilte an dem Konzept, bis es perfekt war.
Nicht gesucht – und doch gefunden Doch weitere Begegnungen waren nötig, um der bis dato theoretischen Idee Leben einhauchen zu können. Ich hatte zwar ein Konzept, aber keine Bank. Holger Timm, ebenfalls ein Geschäftsfreund aus Consors-Zeiten, hatte damals eine Bank (Berliner Effektenbank), aber kein zukunftsweisendes Geschäftsmodell für Privatkunden. Ich brauchte ihn, er mich vielleicht auch ein bisschen. Wir hatten uns nicht gesucht und doch gefunden. Gleiches galt für meinen heutigen Partner und damaligen Mitgründer der Quirin Privatbank AG, Johannes Eismann, der verantwortlich für das Kapitalmarktgeschäft und die Finanzen ist. Das waren meine zufallsgetriebenen Begegnungen auf dem Weg zur ersten unabhängig beratenden Bank Deutschlands, der Quirin Privatbank AG (damals zur Gründung quirin bank AG).
Geben Sie der Schönheit des Zufalls eine Chance! Zugegeben – meine Geschichte hat vielleicht nicht ganz so weltumspannende Auswirkungen wie das zufällige Zusammentreffen von John Lennon und Paul McCartney oder den beiden Steves in Kalifornien. Aber darum geht es mir auch gar nicht. Was ich Ihnen sagen will? Halten Sie Ihre Augen, Ohren und Herzen offen. Denn was im Business gilt, gilt auch im Privaten. Wir können unser Leben bereichern und manchmal in unerwartete Bahnen lenken, wenn wir neugierig, zugewandt und interessiert sind.
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Im Moment erschwert uns Corona die Möglichkeiten dazu erheblich. Und trotzdem gibt es sie: die kleinen Chancen im Alltag auf etwas Serendipität, auf die Schönheit und Kraft des Zufalls. Beim Bäcker, beim Friseur, beim (bisher noch erlaubten) Fitnessstudiobesuch. Oder eben die drei Minuten Smalltalk vor Beginn des nächsten digitalen Meetings. Und wenn die nicht reichen, dann planen Sie doch mal eine virtuelle, zufallsgesteuerte Kaffeepause mit Kollegen oder Freunden. Denn Serendipität ist das Glück des Tüchtigen. In diesem Sinne: Bleiben Sie tüchtig.
[1] https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/videokonferenzen-koennen-dienstreisen-nicht-ersetzen-16916518.html?premium
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„Die Wirtschaft“? Das sind wir alle! 13. NOVEMBER 2020
Die Tage werden kürzer, die Temperaturen sinken, die Sonne lässt sich kaum noch blicken – der Spätherbst ist für viele Menschen ohnehin nicht die angenehmste Jahreszeit. In diesem Jahr ist sie für alle zu einer enormen Belastungsprobe geworden, denn mit ihr kam die Bedrohung durch das Corona-Virus wieder unmittelbar in den Alltag zurück. Im Sommer gab es viele Möglichkeiten, das Leben trotz der Corona-Einschränkungen zu genießen. Damit trat auch das Bedrohliche dieser für uns alle ungewohnten Situation gefühlt stärker in den Hintergrund. Und medial war eine wachsame, aber unaufgeregte Beschäftigung mit dem Thema möglich. Aber hätten wir diese Zeit nicht besser nutzen müssen, um uns auf die erwartungsgemäß wieder ansteigenden Zahlen im Herbst und im Winter vorzubereiten? Ja, meiner Meinung nach hätten wir das tun sollen. Das zeigt vor allem die eine oder andere zu kurz gesprungene Schlussfolgerung, die derzeit in der öffentlichen Diskussion (wieder) befeuert wird. Einer von diesen Schlüssen, der mich ganz besonders beschäftigt, ist die ständige Gegenüberstellung von a) der Gesundheit der Bevölkerung und b) den Interessen „der Wirtschaft“. Also: Sollen wir in der gegenwärtigen Situation möglichst rigide Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie ergreifen und damit die Gesundheit und körperliche Unversehrtheit der Menschen schützen? Oder sollten diese Maßnahmen im Interesse „der Wirtschaft“ lieber weniger drastisch ausfallen? Als entscheidende Frage wird also suggeriert: Wirtschaft oder Gesundheit – was ist wichtiger?
Dieser Trugschluss beschäftigt mich nicht nur, er ärgert mich sogar. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Dies nicht, weil ich als Vorstandsvorsitzender einer mittelständischen Bank eben den in solchen Statements unterschwellig unterstellten Interessen „der Wirtschaft“ anhänge. Meine Mitarbeiter und ich sind vielmehr in der privilegierten Position, dass wir unseren Kunden die Dienstleis-
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tungen auch ohne persönlichen Kontakt fast problemlos bereitstellen können, wenn auch nicht so nah und individuell wie sonst. Nein, mir geht es darum, dass ein solches Ausspielen von vermeintlichen Gegenpolen suggeriert, dass „die Wirtschaft“ etwas ist, das vollkommen an den Interessen der Bevölkerung vorbeigeht oder mit ihnen nichts zu tun hat. Dabei bedeutet „die Wirtschaft“ nichts anderes als die Lebensgrundlage eines jeden Einzelnen von uns. Denn: Geht es „der Wirtschaft“ schlecht, geht es uns allen schlechter. Kurzfristig bekommen das nicht alle Menschen zu spüren, sondern nur ein Teil. Auf der Unternehmensseite sind das momentan vor allem diejenigen, die weniger privilegiert sind mit ihren Gütern und Dienstleistungen als wir in unserer Bank: Gastronomen, Hoteliers, freischaffende Künstler und viele andere, die sich im Moment kaum ihre Lebensgrundlage erarbeiten können. Aber nicht nur sie sind betroffen, sondern über kurz oder lang jeder von uns. Das geht uns alle an und hat mit „der Wirtschaft“, wie sie in solchen unrühmlichen Statements gemeint ist, überhaupt nichts zu tun. Ein zweites Missverständnis könnte dabei aufkommen, nämlich dass ich also denke, die Maßnahmen gegen das Coronavirus seien überzogen und man müsse sich darüber eigentlich gar keine Sorgen machen. Aber auch hier gilt: ganz im Gegenteil! Wir alle sind vielmehr angewiesen auf tragfähige Konzepte, die mittelfristig sowohl eine Eindämmung des Virus als auch eine möglichst breit angelegte wirtschaftliche Aktivität erlauben. Angesichts der jüngsten Entwicklungen ist meiner Meinung nach schon die Frage erlaubt, ob die Sommermonate hierzulande ausreichend genutzt wurden, solche Konzepte zu erarbeiten. Denn beides – Gesundheit und Wirtschaft – ist für uns alle lebenswichtig. Und nicht das eine steht dem anderen im Weg. Die Wirtschaft ist also die Basis für den Wohlstand und das Wohlbefinden eines jeden Einzelnen von uns. Die Menschen brauchen die Wirtschaft, sie sind Teil der Wirtschaft und die Wirtschaft ist ein wesentlicher, unverzichtbarer Teil ihres Lebens.
Technische Innovationen seit 1980 – beispielhafte Auswahl –
1980 Allradantrieb
1986 Raumstation Mir
1981 Compact Disk (CD)
1991 World Wide Web
1995 Social Media
1999 mobiles Internet in Deutschland
1996 erstes Smartphone
Quelle: Quirin Privatbank AG
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2007 Amazon Kindle
2009 Bitcoin
2017 Tesla Model 3
2012 Künstliche Intelligenz (KI)
Daraus ergibt sich eine wichtige Frage: Worauf wollen und können wir einerseits getrost verzichten und was aber riskieren wir, wenn wir den Wirtschaftsprozess über einen längeren Zeitraum zu sehr lähmen müssten? Denn „die Wirtschaft“ – jetzt einmal im besten Sinn als soziale Marktwirtschaft verstanden – leistet für uns alle nicht „nur“ die tägliche Lebensgrundlage, sondern auch die Anpassung unserer Gesellschaft an neue Herausforderungen und an sich ändernde Rahmenbedingungen durch den menschengemachten technischen Fortschritt. Schauen Sie sich spaßeshalber mal eine Reportage oder eine Tagesschau aus den 80er oder 90er Jahren an. Im Vergleich von Stadtbild, Lebensumständen, Alltäglichkeiten damals und heute wird deutlich, was ich damit meine. Und das ist gerade mal 30 bzw. 40 Jahre her. Das Vertrackte dabei: Wirklich sichtbar wird diese Anpassungsfähigkeit der Wirtschaft und dieses Begleiten von Veränderungsprozessen erst auf einer solch langen Zeitachse.
Die Arbeit daran findet aber tagtäglich in den Unternehmen, bei den Selbstständigen, im Erwerbsleben statt. Je länger und tiefer wir dort Abstriche machen, desto weniger können wir uns auf den Innovations- und Bedürfnisbefriedigungs-Garanten der sozialen Marktwirtschaft verlassen, der uns in den letzten Jahrzehnten so unvergleichliche Dienste geleistet hat. Damit sind wir dann auch – ob Sie es glauben oder nicht – bei einem ganz wesentlichen Dreh- und Angelpunkt unserer Anlagephilosophie angekommen: dem tiefen Vertrauen in die Innovationskraft, die Anpassungsfähigkeit und die Leistungsfähigkeit der marktwirtschaftlichen Ordnung.
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Die Wirtschaft wächst – weltweit Entwicklung der Wirtschaftskraft weltweit, hier beispielhaft seit Beginn der 80er Jahre Schwellen- und Entwicklungsländer
Fortgeschrittene Volkswirtschaften
100.000
MRD. US-DOLLAR
80.000
60.000
40.000
20.000
19 81 19 83 19 85 19 87 19 89 19 91 19 93 19 95 19 97 19 99 20 01 20 03 20 05 20 07 20 09 20 11 20 13 20 15 20 17 20 19
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Quelle: Quirin Privatbank AG Diese Zahlenangaben beziehen sich auf die Vergangenheit. Die frühere Entwicklung ist kein zuverlässiger Indikator für künftige Entwicklungen.
Das durch sie hervorgerufene beispiellose wirtschaftliche Wachstum, das wir in den letzten Jahrzehnten weltweit erleben konnten, ist die entscheidende Triebfeder für die Renditepotenziale weltweit gestreuter und prognosefrei investierter Aktienengagements wie in unserer Vermögensverwaltung „Markt“. Denn die marktwirtschaftliche Ordnung ist es, die im Grunde garantiert, dass auch auf den tiefsten wirtschaftlichen Fall immer wieder auch eine tiefgreifende und langanhaltende wirtschaftliche Erholung folgt. Auch das hat für jeden Einzelnen nichts mit „der Wirtschaft“ zu tun, sondern sichert Lebensgrundlagen. Und für Sie als Anleger sichert es – das richtige, langfristig tragfähige Konzept vorausgesetzt (auch hier wieder eine Parallele zur aktuellen Lage) – Renditeperspektiven für Ihre Kapitalanlage. Neben der unmittelbaren Bekämpfung der Pandemie ist es daher eine ganz wesentliche Aufgabe, die Funktionsfähigkeit dieser Ordnung und auch das Vertrauen der Bevölkerung in sie zu bewahren. Nicht im Interesse „der Wirtschaft“, sondern eines jeden Einzelnen von uns.
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Länger leben, mehr arbeiten? 27. NOVEMBER 2020
Gute Nachrichten. Nach vielen mäßigen bis schlechten Nachrichten in diesem Jahr endlich gute. Und dann gleich zwei. Erstens: Wir – also Sie, Ihre Familien, Ihre Freunde, meine Kollegen, ich – wir alle leben immer länger. Wir werden im Durchschnitt immer älter – älter als unsere Eltern, als unsere Großeltern, als unsere Urgroßeltern. Das ist nicht neu – und trotzdem ein Grund zur Freude. Und zweitens: Die gesetzliche Rente, die unseren Lebensunterhalt im Alter zumindest teilweise mitfinanziert, soll endlich reformiert werden. Halleluja! Wie lange habe ich darauf gewartet …
Wir werden immer älter! Lebenserwartung steigt seit Jahrzehnten stetig 90
86,9 82,8
ALTER IN JAHREN
85 80 75 70
1920 64,7
65 60
57,5
55 50
2020
1920 Quelle: eigene Darstellung Quirin Privatbank AG
Wenn der Vorschlag tatsächlich so umgesetzt wird, wie er jetzt auf dem Tisch liegt, dann wäre das eine echte Reform. Nicht nur ein Reförmchen oder die bisher übliche Flickschusterei, sondern wirklich mal ein großer und wichtiger Schritt – in die richtige Richtung. Die von einer Arbeitsgruppe der CDU vorgeschlagene Neustrukturierung der Rentenversicherung sieht im Einzelnen folgende Veränderungen vor: eine längere Lebensarbeitszeit¹, einen Fokus auf die Beitragsjahre statt das Lebensalter, eine Beitragspflicht auch auf Einkünfte jenseits des Lohnes, die Einbeziehung von Beamten, Politikern und Selbständigen als Beitragszahler und das Aufsetzen eines kapitalgedeckten Rentenfonds und damit die Umwandlung des Rentensystems in ein Mischsystem aus Umlageverfahren (derzeitiges Modell) und Kapitaldeckungsverfahren (Rentenfonds).
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Nach den Plänen der CDU sollen pro Jahr 32 Milliarden Euro in diesen kapitalgedeckten Rentenfonds statt in die Rentenversicherung fließen, etwa 2,5 Prozent der Bruttolohnsumme in der Rentenversicherung. Das Geld soll „gewinnbringend“ investiert werden.
Rentenreform: Diese Veränderungen stehen zur Debatte Vorschlag einer CDU-Arbeitsgruppe zur Reformierung der Rente
% längere Lebensarbeitszeit
Fokus auf Beitragsjahre statt auf Lebensalter
% Einbeziehung von Politikern, Beamten etc. als Beitragszahler
Aufsetzen eines kapitalgedeckten Rentenfonds
Beitragspflicht auch auf Einkünfte jenseits des Lohnes
Quelle: eigene Darstellung Quirin Privatbank AG
Vor allem der Rentenfonds ist für mich die Nachricht des Tages. Denn dieser ist längst überfällig. Aber wie sagt man so schön: besser spät als nie. Andere Länder zeigen bereits seit Jahren, wie es gehen kann. Doch wie sollte die Umsetzung in Deutschland aussehen? Hier mahnen die Erfahrungen mit Riester zu Um- und Weitsicht. Immer wieder kommen Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass die ja ebenfalls mit dem Ziel der Stärkung der Alterseinkünfte ins Leben gerufene Riester-Rente ihren Zweck summa summarum weit verfehlt hat. Liebe verantwortliche Entscheidungsträger, bitte lasst diesmal nicht zu, dass der Vorsorgegedanke wieder so in den Hintergrund tritt. Bitte macht es diesmal richtig. Richtig heißt meiner Meinung nach: durchaus wieder eine Umsetzung ohne den Staat, denn der Staat ist kein guter Geldanleger. Aber auf keinen Fall sollten wir wieder auf teure, unflexible, intransparente Angebote setzen. Viel zielführender und inzwischen auch technisch umsetzbar ist ein breit gestreutes Investment in die weltweiten Kapitalmärkte über günstige, zertifizierte Produkte. Die Zertifizierung gibt es nur beim Einhalten bestimmter Qualitätskriterien. So muss es Mindeststandards hinsichtlich Diversifikation und Aktienanteil geben sowie eine transparente Darstellung der vollständigen Kosten. Eine kapitalmarktbasierte Lösung hätte einen entscheidenden weiteren Vorteil: Sie würde zudem die Aktienkultur in Deutschland endlich stärken. Ziel des Staatsfonds sollte es sein, die existenzsichernde gesetzliche Rente aufzubessern, damit beispielsweise der Lebensstandard gehalten werden kann. Vor diesem Hintergrund ist die Renditeperspektive bei einem Staatsfonds viel wichtiger als die
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Sicherheitsperspektive. Und eine attraktive Rendite lässt sich aufgrund des anhaltenden Nullzinsumfeldes langfristig nur am Aktienmarkt erzielen – ein nachhaltig tragfähiges und renditeträchtiges Anlagekonzept vorausgesetzt. Grundsätzlich bin ich zwar kein Freund der Zwangsbeglückung durch den Staat. Fakt ist aber, dass nach wie vor zu wenige Bundesbürger privat fürs Alter vorsorgen und, wenn sie es tun, dies nicht effizient genug umsetzen. Deshalb bin ich in diesem Fall schon für eine verpflichtende Ergänzung der Rentenversicherung durch einen solchen Fonds. Der Staat sollte hierfür aber lediglich die Rahmenbedingungen schaffen und nicht selbst zum Fondsmanager werden. Innerhalb dieses Rahmens sollte ein Wettbewerb unter den qualifizierten Anbietern stattfinden, die die transparentesten, kostengünstigsten, leistungsfähigsten Produkte anbieten. Wichtig an einer solchen regierungsunabhängigen Verwaltung des Fonds wäre mir zudem, dass das Vermögen vor kurzfristigen politisch motivierten Entnahmen bewahrt wird. Und es sollte eben ein verpflichtendes Angebot für alle sein mit der Möglichkeit, es auszuschlagen. Das in der öffentlichen Diskussion heißeste Eisen an der vorgeschlagenen Rentenreform wird mit Sicherheit der spätere Rentenbeginn und damit eine längere Lebensarbeitszeit sein. Ich kenne diese Diskussion aus dem privaten Umfeld. Doch wir kommen da nicht drum herum. Denn: Einerseits zahlen immer weniger Menschen in die Rentenkasse ein, andererseits beziehen immer mehr Menschen immer länger Rente, weil sie immer älter werden. Und deshalb müssen wir eben auch – übrigens mit oder ohne Staatsfonds – alle länger arbeiten. Das längere Arbeiten steht für viele im Widerspruch zu der Gesellschaft, in der wir leben: Diese ist immer stärker bedürfnisorientiert und legt großen Wert auf Ausgleich zwischen Arbeit und Privatleben. Und das ist gut so. Dazu habe ich mir mal ein paar Zahlen angesehen – und was soll ich sagen: Wir arbeiten heute prozentual so wenig wie nie zuvor im Vergleich zu unserer Lebenserwartung. Die Lebenserwartung ist stetig gestiegen, die Zeit in unserem Leben, die wir mit Arbeit verbringen, stetig gesunken.
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Länger leben, mehr arbeiten? Das Gegenteil ist der Fall: Die Lebenserwartung (Lebenszeit) steigt, die Lebensarbeitszeit sinkt stetig 800
TAUSEND STUNDEN
700
Lebenszeit 600 500 400 300 200
Lebensarbeitszeit 100 0 1800
1850
1870
1900
1920
1950
1970
2010
2040
2100
Quellen: Institut für die Geschichte und Zukunft der Arbeit, eigene Darstellung Quirin Privatbank AG
Das heißt, auch wenn wir zukünftig etwas später in Rente gehen, bleibt uns unter dem Strich immer noch viel mehr Zeit für uns als beispielsweise vor 100 oder 50 Jahren. Und das ist dann sogar noch eine dritte gute Nachricht zu diesem Thema.
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Best of Schmidts Tagebuch 2020: Zufälle, Aktien und Schmidt’sche Weihnachten 11. DEZEMBER 2020
Erinnern Sie sich noch? Anfang des Jahres haben wir uns über die Kassenbon-Pflicht geärgert. Und dann kam Corona. Was für ein anstrengendes, herausforderndes und bewegendes Jahr. Aber nicht alles war schlecht. Über die Schönheit von Zufällen, über Einzelaktien, neue Kommunikationswege und einen Franken in Brandenburg spricht Karl Matthäus Schmidt, Vorstandsvorsitzender der Quirin Privatbank in der Weihnachtsausgabe von Schmidts Tagebuch.
Dirk Althoff (Unternehmenskommunikation): Herzlich willkommen zu einer besonderen Ausgabe von Schmidts Tagebuch – zum ersten Mal zu Weihnachten und dann auch noch als Video. Wir nehmen den Jahreswechsel zum Anlass, um zurückzublicken auf ein Jahr, das es wahrlich in sich hatte. Aber wir wollen auch nach vorne schauen und vielleicht kriegen wir ja auch noch den einen oder anderen Blick hinter die Kulissen. Und wer wäre dafür besser geeignet als der Mann, der schon oft als Bankenschreck bezeichnet wurde, obwohl er doch eigentlich nur die Menschen in Deutschland zu besseren Anlegern machen möchte? Herzlich willkommen, Karl Matthäus Schmidt. Karl Matthäus Schmidt (Vorstandsvorsitzender): Hallo Dirk.
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Dirk Althoff: Karl, Du bist Vorstandsvorsitzender der Quirin Privatbank. Passt das zu einem Bankenschreck? Und fühlst du dich überhaupt wohl in der Rolle? Karl Matthäus Schmidt: Also, zuerst mal haben das ja andere behauptet, das habe ich nicht selber gesagt. Ich sehe mich jetzt eigentlich nicht als Bankenschreck, sondern ich bin Vorstandsvorsitzender einer Bank und ich habe immer viel Spaß gehabt, den Menschen einen Vorteil zu bieten, die Menschen besser an die Märkte, an das Kapitalmarktsparen heranzuführen. Das, was mich immer angetrieben hat: Ich will niemanden erschrecken, sondern ich will Gutes tun und den Menschen helfen, mehr Vermögen zu bilden. Das ist das, was mich antreibt. Dirk Althoff: Das heißt, der Titel „Bankenschreck“ steht nicht irgendwo in einem schlechten Verhältnis zu deiner Arbeit als seriöser Banker? Karl Matthäus Schmidt: Nein, absolut gar nicht. Dirk Althoff: Wenn wir zurückschauen: Am Anfang des Jahres war unsere größte Sorge die BonPflicht. Ich weiß gar nicht, ob du dich noch daran erinnern kannst. Niemand hätte gedacht, dass sich der thematische Fokus dann so verändert und dass das große C wie Corona in unser Leben tritt. Wie hast du die ganze Situation erlebt? Karl Matthäus Schmidt: Wenn du die kleinen Kassenzettel meinst in den Bäckereien, die da schon Stapel gebildet haben, dann hast du recht, unser Leben hat sich wahnsinnig verändert. Ich hätte mir das ehrlich gesagt nicht vorstellen können, dass wir so eine Pandemie erleben werden. Jetzt ist sie da, wir müssen damit umgehen, aber es hat letztendlich schon vieles relativiert, dass wir heute Freundschaften wieder mehr in den Vordergrund stellen, dass wir unsere Reisen zurückgewinnen wollen, ja, Corona hat einiges vielleicht wieder zurechtgerüttelt. Dirk Althoff: Was es auch durchgerüttelt hat, waren die Märkte. Wir hatten im März den schnellsten Crash der Geschichte. Wie haben die Kunden der Bank reagiert auf diese doch recht turbulenten Börsenzeiten? Karl Matthäus Schmidt: Ja, das war wirklich aufregend. Jeder Crash ist ja irgendwie anders. Wir hatten diesmal einen sehr schnellen Absturz – anders als 2007/2008, wo es langsam ging – und glücklicherweise eine gute und nachhaltige Erholung. Ja, wie ging es den Kunden? Die waren natürlich schon nervös, die haben darüber nachgedacht, aber das Tolle war, dass die Kunden stillgehalten haben. Sie haben im Wesentlichen sogar nachgekauft und die guten Kurse genutzt, um ihre Positionen weiter auszubauen, so dass wir nur in zwei Wochen mal negative Zuflüsse hatten. Alle anderen Wochen waren positiv, das heißt, die Anleger haben nachgelegt, und deshalb bin ich sehr froh, dass unser Konzept verstanden worden ist und dass die Kunden die positiven Kurse eben auch genutzt haben. Dirk Althoff: Gibt es tatsächlich Anlass zur Hoffnung, dass endlich mal nicht der klassische Fehler begangen wird, dass man so lange dabeibleibt, bis die Kurse ganz unten sind, dann verkauft und dann den anschließenden Aufschwung verpasst? Das ist doch eigentlich der klassische Anlegerfehler. Sind unsere Kunden tatsächlich so weit – oder ist der Markt so weit, dass das mal die Zukunft sein könnte: Geduld an der Börse? Karl Matthäus Schmidt: Also, was ich vom Markt höre, ist, dass sehr viele tatsächlich in Geld, in Cash gewechselt sind – zum dümmsten Zeitpunkt, wenn du so willst. Unsere Kunden waren besser dran, waren schlauer. Sie haben unser Konzept verstanden, das wir ja schon seit 2013 kommunizieren, so
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dass diesmal nicht dieser Fehler gemacht worden ist. Ja, unsere Kunden haben gelernt und haben weise reagiert. Dirk Althoff: Grund zur Hoffnung für die Aktienkultur in Deutschland? Karl Matthäus Schmidt: Definitiv.
Dirk Althoff: Die Krise hat aber natürlich auch Auswirkungen auf das Kerngeschäft, also auf den Geschäftsverlauf der Bank. Es gibt Branchen, auf die die Coronakrise tatsächlich sehr positive Einflüsse hatte. Ich habe gelesen, dass Fahrräder oder Laufschuhe viel mehr verkauft wurden, dass die ganzen Onlinemodelle davon profitieren, dass Menschen mehr zuhause sind, aber für die Gastronomie, die Kultur, die Veranstaltungsbranche ist es eine Katastrophe. Wie sind die Auswirkungen für die Bank? Bist du mit dem Geschäftsjahr zufrieden? Karl Matthäus Schmidt: Also, wir haben in der Finanzbranche sehr unterschiedliche Tendenzen. Es gibt tradingorientierte Häuser, die sehr viele Umsätze gemacht haben, sehr erfolgreich agiert haben. Es gibt Banken, denen es sehr schlecht geht in der Krise. Wir sind so ein bisschen dazwischen. Wir haben auch Abstriche machen müssen, wir haben weniger Erlöse, wir mussten ein paar Sparmaßnahmen einführen, aber wir sind am Ende doch gut durch die Krise gekommen. Wir werden dieses Jahr auch positiv abschließen. Wir sind auch gewachsen, was uns sehr freut. Nicht nur bei quirion, einem, wenn du so willst, Profiteur in der digitalen Welt, sondern auch in der Quirin Privatbank. Von daher dürfen wir schon weiter positiv in die Zukunft unserer Gruppe gucken. Dirk Althoff: Aber es wird kein Rekordjahr, höre ich da raus. Karl Matthäus Schmidt: Das wird es nicht. Das hatten wir 2019, deshalb mussten wir schon ein paar Schritte zurücktreten, aber wir werden wie gesagt positiv abschließen und das ist dann schon das siebte Jahr in Folge.
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Dirk Althoff: Du hast gerade 2019 als gutes Jahr angesprochen. Da steht ja die Hauptversammlung vor der Tür am 11. Dezember, natürlich dieses Jahr auch voll digital. Dürfen wir da schon was verraten? Karl Matthäus Schmidt: Ja, das ist verrückt, die Hauptversammlung bezieht sich ja auf das Jahr 2019, aber wir wollten abwarten, was da noch so passiert und haben sozusagen den letztmöglichen Termin wahrgenommen. Wir haben ja schon bekannt gegeben in der Einladung, dass wir dieses Jahr auf die Dividende verzichten werden. Wir werden sie erst mal nicht ausschütten. Zugegebenermaßen war die Bankaufsicht auch dahinter her, dass die Banken ihr Eigenkapital stärken, und dem konnten und wollten wir uns nicht verschließen. Dirk Althoff: Das heißt, die Bitte der BaFin, von der man immer wieder mal liest, dass wegen ihr die Institute keine Dividenden ausschütten, gibt es also tatsächlich und sie ist nicht nur ein Vorwand von Häusern, die vielleicht nicht so ganz solide dastehen und die Diskussion vermeiden möchten? Karl Matthäus Schmidt: Nein, das war ... ich bleibe mal jetzt dabei: Es war eine freundliche Bitte. Aber wenn eine Aufsichtsbehörde bittet, dann weiß man schon, was man zu tun hat. Dirk Althoff: Das kann ich nachvollziehen. Gehen wir mal zurück zum Kerngeschäft der Bank. Da gibt es ja durchaus viele Neuerungen, die eingeführt wurden. Zum Beispiel ein Podcast. Was habt ihr alles gemacht, wie habt ihr die Zeit genutzt? Was gibt es alles Neues? Karl Matthäus Schmidt: Na ja, mein Berufsleben hat sich durch Corona schon nachhaltig verändert. Ich hatte auf einmal keine externen Termine mehr oder zumindest nicht in dem Maße. Reisen sind fast sämtlich weggefallen. Dadurch hat sich die Chance ergeben, endlich mal Dinge zu machen, die ich schon lange machen wollte, nämlich die Kommunikation zu unseren Kunden zu verbessern. Das heißt, ich schreibe jetzt vierzehntägig an meine Kunden eine E-Mail, wir haben den Podcast ins Leben gerufen, aber auch Anlegersprechstunden, wo Kunden interaktiv ihre Fragen stellen können. Wir haben da also eine Menge gemacht. Das sind, wenn du so willst, die positiven Begleiterscheinungen von Corona, dass endlich mal die Dinge in Richtung Kommunikation angegangen worden sind, für die wir nie Zeit hatten. Dirk Althoff: Das heißt, ihr habt die Zeit kreativ genutzt. Karl Matthäus Schmidt: Genau. Dirk Althoff: Auch relativ neu ist ja die nachhaltige Vermögensverwaltung der Bank. Dort sind mittlerweile 250 Millionen Euro angelegt. Wie findest du das? Karl Matthäus Schmidt: Also, ich freue mich erst einmal, dass das die erfolgreichste Produkteinführung der letzten Jahre ist und die Kunden diese Chance wahrgenommen haben, dass wir jetzt eine nachhaltige Vermögensverwaltung gebaut haben, die dem Marktprinzip unseres Markt-Bausteins folgt, aber die Nachhaltigkeitskomponente viel stärker betont. Und wie gesagt, das kommt gut an. Bei der Quirin Privatbank ist es sogar so, dass 30 Prozent der neuen Abschlüsse in die nachhaltige Vermögensverwaltung laufen. Ich bin da sehr zufrieden und hoffe, dass dieser Weg weiter vorangeht. Dirk Althoff: Beim Thema Nachhaltigkeit ist man ja oft schnell mit dem Vorwurf des Greenwashings konfrontiert. Was macht denn die Bank konkret, um sich auch selbst nachhaltiger aufzustellen?
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Karl Matthäus Schmidt: Erst mal ganz wichtig: Auch unsere Vermögensverwaltung ist kein Greenwashing. Wir wollen ganz aktiv Unternehmen begleiten, die diesen Wandel eben vor sich haben. Das heißt, wir investieren nicht in Unternehmen, die das schon vollzogen haben, sondern in Unternehmen, die bei diesem Wandel gerade dabei sind. Und so ist es eben auch mit unserem Unternehmen. Wir haben erst mal eine Aufnahme gemacht: Was verbrauchen wir zum Beispiel an CO2? Und wir fangen jetzt sukzessive an, Maßnahmen zu ergreifen, um zumindest mittel- und langfristig CO2-neutral zu werden. Dirk Althoff: Ich möchte das Thema kurz noch mal zurückwechseln. Wir haben vorhin schon den Podcast angesprochen, der wöchentlich einmal erscheint und „klug anlegen“ heißt. Da stehst du jede Woche Rede und Antwort und da gibt es ja bestimmt auch Reaktionen der Hörer. Wie ist da so die Resonanz? Karl Matthäus Schmidt: Wir sind sehr zufrieden mit der Resonanz. Das ist ja für uns ein ganz neues, innovatives Instrument. Wir haben pro Woche mindestens 2000 neue Abrufe des Podcasts. Von der Seite bin ich wirklich zufrieden. Wir werden das bestimmt auch noch steigern. Wir bekommen gutes Feedback, es gibt aber von Zeit zu Zeit auch Anregungen, was wir noch an Themen aufnehmen müssen. Aber für uns ist es sehr spannend, weil wir auch für uns noch mal Themen neu aufbereiten und versuchen verständlich zu machen. Ich glaube, das ist schon eine Serie, in der man auch von außen her die Quirin Privatbank noch mal sehr gut verstehen kann und was wir im Herzen, nämlich in unserem Anlagegeschäft, tätigen. Dirk Althoff: Sind wir auf einem guten Weg, Deutschland zu einem besseren Land für Anleger und die Menschen zu klugen Anlegern zu machen? Karl Matthäus Schmidt: Definitiv. Wir haben ja eingangs darüber gesprochen, dass die Kunden in der Krise ruhig geblieben sind. Also zumindest unsere Kunden, das sind jetzt in der Gruppe über 35.000, die sind schon klüger geworden. Und jetzt schauen wir, dass wir das noch weiter steigern können. Dirk Althoff: Ja, und den Podcast darf man ja auch hören, wenn man nicht Kunde nicht. Das heißt, auch da wird hoffentlich etwas Klugheit verteilt. Karl Matthäus Schmidt: Es gibt immer wieder auch Interessenten, die sagen, sie haben den Podcast gehört, und die sich dann oft schon so offen, dass sie gleich eine Konto- und Depotöffnung wünschen. Video-Weihnachtsausgabe von Schmidts Tagebuch Dirk Althoff: Wir sind ja hier im Tagebuch-Format, das eigentlich alle vierzehn Tage per E-Mail den Kunden zugeht. Jetzt machen wir ein Video-Tagebuch und ich würde ganz gerne wissen: Du hast viele Erfahrungen, die dich als CEO begleiten, in dem Tagebuch verarbeitet. Welches Thema ist dir am stärksten in Erinnerung geblieben? Karl Matthäus Schmidt: Ich finde immer die Themen besonders schön, bei denen ich besonders viele E-Mails zurückbekomme, weil ich offensichtlich dann ja auch Emotionen auslöse. Das waren zwei Folgen: Einmal ging es um Einzeltitel. Das ist aus meiner Sicht eben nicht so sinnvoll, zumindest strukturiert anzulegen in Einzeltiteln. Und das andere war die Schönheit des Zufalls. Das war mehr ein philosophischer Text, zu dem ich auch E-Mails zurückbekommen habe von Menschen, deren Leben durch wundervolle Begegnungen verändert wurde. Das ist natürlich für uns, wenn wir schreiben, das Schönste, wenn direkt das Feedback vom Kunden kommt. Man kann da ja den Knopf drücken
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und die E-Mail zurückschicken. Und die kommt dann tatsächlich bei mir an und ich beantworte sie auch. Diese Interaktion macht mir großen Spaß. Dirk Althoff: Besonders beliebt waren auch die beiden Tagebücher zum Fall Wirecard. Wie erklärst du dir das? Karl Matthäus Schmidt: Das emotionalisiert natürlich, auch mich. Ich habe Wirecard ja fast schon über Jahrzehnte verfolgt. Dieses ganz komische Gefühl, das da übrig geblieben ist, dass ein DAXUnternehmen in dem Maße funktioniert, das hat uns alle, glaube ich, aufgeregt und schockiert. Von der Seite her haben diese Folgen sehr viele Menschen erreicht. Sie wurden viel gelesen und ich habe auch einiges zurückbekommen. Aber das wird in der deutschen Wirtschaftsgeschichte schon ein großer Schwachpunkt und Makel bleiben. Dirk Althoff: Du hast ja selbst tatsächlich schon ganz viele Jahre Kapitalmarkterfahrung als CEO und Vorstandsvorsitzender von börsennotierten Gesellschaften. Hättest du so einen Fall für möglich gehalten? Karl Matthäus Schmidt: Nein, niemals. Also, es gab ja schon immer mal Jahresabschlussberichte, 2018 und dann die Bestätigung 2019, immerhin von einem der Big Five der Prüfungsunternehmen, spätestens da sind ja auch die letzten Zweifel im Markt verschwunden. Auch weil die BaFin dann die Leerverkäufe verboten hat. Wenn die Aufsicht sagt: „Macht mal keine Leerverkäufe!“, dann ist das ja auch so ein Signal, dass da alles stimmt. Deshalb war ich dann am Ende auch überrascht nach all diesen positiven Meldungen der Prüfer und Aufsichtsbehörden.
Dirk Althoff: Spannend ist auch, dass ein Corona-Artikel auf Platz eins war, aber auch einer der am wenigsten gelesenen Artikel sich um das Thema drehte. Wie kannst du denn das erklären? Karl Matthäus Schmidt: Ich glaube, das ist ganz menschlich, weil wir alle genug von Corona haben. Am Anfang war das natürlich wichtig, man hat die Dinge gelesen, aber so langsam wünschen wir
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uns das normale Leben wieder zurück, und dann hat man vielleicht keine Lust mehr, so einen Artikel zu lesen. Deshalb einmal meistgelesen, einmal wenig Feedback. Das kann passieren bei so einem Thema. Dirk Althoff: Gut. Dann lass uns nach vorne blicken, auch wenn uns das Corona-Thema vermutlich auch im Ausblick nicht komplett erspart bleibt. Was erwartest du für das Börsen- und daraus resultierend auch für das Geschäftsjahr 2021? Karl Matthäus Schmidt: Also, erst mal glaube ich, dass es mit dem Impfstoff, der ab Anfang nächsten Jahres verteilt wird, zunehmend zu einer Normalisierung unseres Lebens kommen wird. Ich rechne damit, dass wir in den Sommermonaten dann auch wieder mehr Freude und auch soziales Miteinander haben werden. Ich erwarte, um auf deine Frage zurückzukommen, an sich schon ein gutes Börsenjahr. Wir sind ja nach wie vor in der Welt des Negativzinses. Das heißt, die Alternativen zum Kapitalmarkt gibt es eigentlich gar nicht mehr. Man muss am Ende am Kapitalmarkt investiert sein, und deswegen rechne ich damit, dass wir auch weiterhin gute Kapitalmärkte haben werden. Und das ist, finde ich, erst mal erfreulich für jeden Anleger. Dirk Althoff: Und damit blickst du dann auch optimistisch auf das Geschäftsjahr für die Bank? Karl Matthäus Schmidt: Ja, wie gesagt werden wir auch das schwierige Jahr 2020 positiv abschließen. Wir sind gewachsen in diesem Jahr, bei quirion stärker, aber auch bei der Privatbank. Deswegen ja, ich bin hoffnungsvoll, dass wir unseren Wachstumskurs weiter beibehalten werden und auch im Jahr 2021 vorankommen. Dirk Althoff: Du hast quirion, unsere digitale Geldanlage, jetzt schon mehrmals erwähnt. Wie ist es da gelaufen? Was plant ihr da für 2021? Karl Matthäus Schmidt: Das war ein gutes Jahr, wir werden unsere Kundenbasis fast wieder verdoppeln im Jahr 2020. Und wir haben ehrgeizige Ziele, die wir uns für 2021 vorgenommen haben. Wir haben da ein paar spannende Themen, ein paar spannende Dienstleistungen, und ich gehe davon aus, dass die digitale Geldanlage sich weiter verbreitern wird. Wir stehen ja auch da vor einer aus meiner Sicht großen positiven Welle. Dirk Althoff: Lass uns zum Abschluss noch über den Menschen Karl Matthäus Schmidt sprechen und da ein bisschen hinter die Kulissen gucken. Wir sind ja schließlich im „Tagebuch“, deshalb wollen wir es auch etwas persönlicher werden lassen. Vielleicht mal als Erstes ein Einblick in das Berufsleben: Wie muss man sich das als Zuschauer vorstellen? Karl Matthäus Schmidt: So wie viele Jahre vorher mit Arbeiten im Detail. Ich habe sehr viele Jours fixes mit meinen Führungskräften. Wir kommunizieren viel. Die Hauptaufgabe ist natürlich weiter die Unternehmensentwicklung, also dass wir weiter vorankommen als Quirin Privatbank. Die unabhängige Beratung ist ja in Deutschland sowohl digital mit quirion als auch mit Filialen, mit der Beratung von Menschen, noch ganz am Anfang. Und das heißt, meine Arbeit dreht sich neben dem Führen der Bank sehr stark um die weitere Entwicklung unseres Unternehmens. Das beschäftigt mich, und heute natürlich viel mehr per Video und wenig persönlich. Dirk Althoff: Persönlich waren in der Vergangenheit auch immer die vielen Kundenveranstaltungen, die du selber besucht hast. Die sind natürlich auch entfallen. Wie sehr fehlt dir da der direkte Austausch mit unseren Kundinnen und Kunden?
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Karl Matthäus Schmidt: Also, Video ist schon mal schön, weil man die Menschen sieht und mit ihnen kommunizieren kann. Aber der persönliche Austausch fehlt mir. Ein bisschen konnte ich das zwar ersetzen durch die E-Mails, auf die der Kunde antworten kann, aber ich erwarte schon als Freude für das Jahr 2021, dass wir wieder mehr soziale Kontakte haben, auch mit unseren Kunden. Dirk Althoff: Jetzt steht erst mal Weihnachten vor der Tür. Wie darf ich mir das Schmidt’sche Weihnachtsessen vorstellen? Kochst du selber und läutest dann mit dem Glöckchen zur Bescherung? Oder wie läuft das ab im Hause Schmidt? Karl Matthäus Schmidt: Ich habe ja hier im Umland von Berlin, in Brandenburg, gebaut und wir haben auch eine schöne Küche dort installiert. Ich habe da mit meiner Frau so ein bisschen einen Kampf, wer wann kocht. Und deswegen werden wir beide kochen und ich könnte mir vorstellen, dass die Gans dann doch eher ich übernehmen werde. Dirk Althoff: Also relativ klassisch, höre ich da raus, was zumindest die Gans angeht. Karl Matthäus Schmidt: Eine Gans am ersten Feiertag muss schon sein. Dirk Althoff: Du hast gerade erwähnt, du bist nach Brandenburg gezogen. Wie funktioniert das mit dem Oberfranken jetzt weiter oben im Norden? Karl Matthäus Schmidt: Es ist spannend. Ich hätte mir das auch nicht vorstellen können, dass mir dieses flache Land so viel Spaß macht. Franken ist ja sehr hügelig, hier ist es sehr flach. Aber es hat natürlich auch besondere Reize, nämlich das Wasser. Es gibt unheimlich viele Seen. Zu Fuß kann ich allein zu fünf Seen hinmarschieren. Das sind immer wieder neue Perspektiven. Ich habe gelernt, das Wasser zu lieben. Der Himmel spiegelt sich im Wasser, ich finde es einfach herrlich. Dirk Althoff: Das klingt ja schön. Zum Schluss: Was wünschst du dir ganz persönlich für 2021? Karl Matthäus Schmidt: Ich wünsche mir, dass wir irgendwann diese Masken wieder vergessen können und wieder mehr soziale Kontakte haben. Das ist es schon, was gerade jetzt, wenn wir Richtung Weihnachten kommen mit diesem neuen Lockdown, so ein bisschen zehrt an den Nerven oder an dem persönlichen Wohlbefinden. Und ich wünsche mir, dass wir wieder ein normales Leben haben und vielleicht auch einfach wieder feiern können. Das wäre schon mal ein wichtiger Wunsch für das Jahr 2021. Dirk Althoff: Dem Wunsch, würde ich sagen, können wir uns alle anschließen. Vielen Dank, Karl, für deine Antworten.
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Getrennt – und doch zusammen! 18. DEZEMBER 2020
Tannenbaum, Weihnachtsessen, Christkind oder Weihnachtsmann – so wie wir unsere Weihnachtstraditionen in Deutschland haben, so haben andere Länder ihre eigenen. Aber egal wie unterschiedlich Weihnachten in Mexiko, den USA, in Belgien, in Australien, in Russland oder in Island auch gefeiert wird, eines ist überall gleich: Weihnachten ist das Fest der Liebe, überall auf der Welt. Oft zeigen wir diese Liebe neben gemeinsam verbrachter Zeit durch Geschenke, gerade zu Weihnachten sind diese oft nicht wegzudenken. Wir machen uns Gedanken und überlegen, womit wir unseren Lieben eine Freude machen könnten.
Die Pandemie, ein Geschenk? Nun wird das Weihnachtsfest in diesem Jahr anders verlaufen als bisher. Und damit auch der Umgang mit dem Thema Schenken und Geschenke? Neulich habe ich in einer TV-Sendung gehört, diese Pandemie sei in gewisser Weise vielleicht auch ein Geschenk. Mir persönlich geht diese Äußerung angesichts der weltweiten Opferzahlen und der Bilder aus den Intensivstationen sowie den teils verheerenden wirtschaftlichen Folgen mehr als zu weit. Auch wenn dieses Jahr nicht nur Schlechtes, sondern auch Gutes hervorgebracht hat – als Geschenk würde ich diese Pandemie dennoch bei Weitem nicht bezeichnen, eher als Prüfung. Die Prüfung, in uns hineinzuhören, wer und was uns wirklich wichtig ist, wie wir leben wollen, welche Welt wir unseren Kindern hinterlassen wollen, wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen wollen, wie wir Wirtschaft und Arbeitsleben gestalten wollen. Und auch deshalb eine Prüfung, um den Schmerz bewusst wahrzunehmen, dass wir dieses Jahr eben nicht unbeschwert wie gewohnt mit allen geliebten Menschen feiern können.
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Menschheit wehrt sich systematisch Was indes tatsächlich ein Geschenk ist, ist die Tatsache, dass die Menschheit sich zum ersten Mal systematisch und mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen eine Pandemie wehrt. Und warum tut sie es? Weil sie es kann! Weil wir die kognitiven, die ökonomischen, die medizinischen und die humanitären Fähigkeiten dazu haben. Dabei geht nicht alles glatt und es gäbe sicher das eine oder andere, was man hätte besser machen können und müssen. Trotzdem ist dieses systematische Wehren Teil unserer evolutionären DNA, nicht aufzugeben, sondern uns und unsere Lieben zu beschützen. Und es ist Kern der kreativen Marktwirtschaft, sich an veränderte Rahmenbedingungen anzupassen – egal wie vehement sie auch sein mögen. Dieses Wehren ist eine erstaunliche Kraftanstrengung und eine Leistung, auf die wir stolz sein können, aus der wir Energie und Zuversicht schöpfen sollten für die kommenden Wochen und Monate. Wir müssen nicht hilflos zusehen, wir können etwas tun – und wir tun es auch.
Sollte Weihnachten ausfallen? In einem anderen Artikel habe ich gelesen, es wäre doch besser, Weihnachten grundsätzlich wie alles andere in diesem Pandemie-Jahr einfach ausfallen zu lassen. Und vielleicht ist es für den einen oder anderen tatsächlich die langersehnte Chance auf ein Fest ohne jede Verpflichtung, endlich ein paar Tage auf der heimischen Couch verbringen, ohne sich möglicherweise die Geschichten der Verwandtschaft zum wiederholten Male anhören zu müssen. Bei uns wird Weihnachten nicht ausfallen. Wir haben ein paar Geschenke besorgt und im engen Kreis werden wir es uns trotzdem gemütlich machen. Anders als sonst, aber besser als gar nicht. Vielleicht auch deshalb, weil wir in diesem Jahr auf so vieles schon verzichten mussten. Ja, wir mussten verzichten. Aber was wir dabei nicht vergessen sollten: Solange wir gesund sind, ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen auf dem Tisch haben, geht es uns im Vergleich zu vielen anderen Menschen immer noch unendlich gut. Und auch unsere Verwandten, Freunde und Wegbestreiter sollten wir in diesen Tagen einmal mehr schätzen und zum Hörer greifen. Manch ein Gespräch entpuppt sich vielleicht doch als interessante Geschichte und lässt uns nachdenken und hoffen. Emotionale Nähe ist trotz räumlicher Distanz immer noch möglich – und wichtiger denn je und eines der größten Geschenke, die wir machen können.
Ein wichtiges Geschenk: die Arche Ein schönes Zuhause und genug zu essen ist für die meisten von uns selbstverständlich. Für andere Menschen nicht. Es gibt Familien, denen es am Nötigsten fehlt. Besonders schmerzhaft ist das für die Kinder, insbesondere zur Weihnachtszeit. Zum Zauber der Weihnacht gehören für Kinder neben Lichterglanz und Plätzchenbacken eben auch Geschenke. Manche Familien können ihren Kindern aber schlichtweg keine kaufen. Um Kinderaugen trotzdem leuchten zu lassen, gibt es unzählige gemeinnützige Organisationen. Diese kümmern sich – natürlich nicht nur an Weihnachten, sondern das ganze Jahr über – um Kinder aus bedürftigen Familien. Der Wert dieser Arbeit ist gar nicht hoch genug zu schätzen. Eine dieser wichtigen Organisationen ist die Arche. Sie ist ein echtes Geschenk für die Kinder, die hier versorgt werden – nicht nur mit materiellen Dingen, sondern mit Menschlichkeit. Und um diese wertvolle Arbeit ein wenig zu unterstützen, haben wir in diesem Jahr erneut darauf verzichtet, Weihnachtsgeschenke für unsere Kundinnen und Kunden zu kaufen. Stattdessen haben wir 5.000 Euro und Weihnachtsgeschenke gespendet – an die Arche in Berlin-Hellersdorf.
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Die Spende ermöglicht unter anderem die kostenlose Hausaufgabenhilfe und im Rahmen der virtuellen Arche auch eine digitale Lernförderung, sie finanziert die Schatzkiste (Kleiderkammer), das Weihnachtsbasteln und das Weihnachtsbacken mit Musik und Spielen und sorgt dafür, dass die Kinder jeden Tag eine kostenlose warme Mahlzeit und individuelle Förderung erhalten. Ich würde mich freuen, wenn auch Sie die Arbeit der Arche mit einer Spende unterstützen – jeder Euro erleichtert die Arbeit der Mitarbeiter:innen und hilft dabei, Kinderaugen einmal mehr leuchten zu lassen. Gemeinsam können wir noch mehr bewirken: Schenken auch Sie Freude. Bankverbindung: Empfänger: Die Arche IBAN: DE78 1002 0500 0003 0301 00 BIC (SWIFTCODE): BFSWDE33BER Kreditinstitut: Bank für Sozialwirtschaft Verwendungszweck: Freude schenken + Name und Adresse für Ihre Spendenbescheinigung So kann Weihnachten trotz Corona für die Kinder die schönste Zeit des Jahres sein und bleiben.
Das Wichtigste bleibt Und auch wir Erwachsenen sollten das Beste aus diesem Weihnachtsfest machen. Denn das Wichtigste an Weihnachten, die Liebe füreinander, kann uns keiner nehmen. Auch wenn wir dieses Jahr räumlich getrennt feiern, sind wir uns vielleicht näher als in manchem Jahr zuvor. Wir sind getrennt – und doch zusammen. Und wie schön wird Weihnachten 2021 werden, wenn sich alle wieder in den Armen liegen dürfen? Freuen wir uns schon jetzt darauf und bleiben wir zuversichtlich.
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Mays Logbuch Oktober 2020 Technologieaktien – von der Rally zur nächsten Blase? 36 Das etwas andere „Chinavirus“ 43 Heißer US-Wahlkampf – kühler Anlegerkopf 46
November 2020 Wahlsieger Biden? Bittere Pille für die Börsen? 50 Brexit – Deal or No-Deal? 53
Dezember 2020 Best of Mays Logbuch 2020: Die Wellen der Börse durchtauchen 56
„Das große Auf und Ab an den Börsen erlebten wir im Frühjahr, doch auch im vierten Quartal 2020 standen die Kapitalmärkte nicht still. In Mays Logbüchern berichten mein Team und ich über die aktuellen Marktentwicklungen und welchen Einfluss diese für Ihre Geldanlage bedeuten. Dabei ging es um das etwas andere Chinavirus, um Technologieriesen, aber natürlich durften auch der spannende Wahlkampf in den USA und der Brexit nicht fehlen. Viel Spaß beim Lesen!“
PROF. DR. STEFAN MAY Leiter Anlagemanagement der Quirin Privatbank AG
Technologieaktien – von der Rally zur nächsten Blase? 2. OKTOBER 2020
Jede Krise kennt Gewinner und Verlierer – das ist in Zeiten von Corona nicht anders. In der aktuellen Krise von Profiteuren zu sprechen, fällt allerdings nicht ganz leicht. Immerhin geht die Corona-Pandemie mit hohen wirtschaftlichen Schäden, gesundheitlichen Beeinträchtigungen oder im Extremfall mit dem Verlust von Menschenleben einher. Wer möchte da schon gern als Nutznießer der Krise bezeichnet werden? Dies vorausgeschickt, möchten wir dennoch im Rahmen des heutigen Logbuchs auf die Börsengewinner der letzten Monate näher eingehen: die Technologieaktien. Technologieaktien haben im Zuge der Coronakrise deutlich zugelegt und nicht wenige Aktien aus diesem Sektor haben erst kürzlich neue Allzeithochs erreicht. Die positive Kursentwicklung vieler Tech-Aktien seit Jahresbeginn verdeutlicht der US-Technologieindex NASDAQ 100, in dem die allseits bekannten Tech-Riesen („Big Five“) die Hauptrolle spielen – als da wären: Apple, Microsoft, Amazon, Alphabet (Google) und Facebook. Ihr Marktwert ist so hoch, dass allein das Gewicht dieser fünf Werte zusammen im NASDAQ 100 knapp 50 % ausmacht. Je höher die Marktkapitalisierung eines Unternehmens ist (Anzahl umlaufender Aktien * Börsenkurs), desto höher ist das Indexgewicht.
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Ein Blick auf die globale Entwicklung der einzelnen Branchen seit Jahresbeginn zeigt ebenfalls die aktuelle Ausnahmestellung des Technologiesektors:
Homeoffice und Online-Handel – Treiber der Technologiehausse Der durch die Pandemie verursachte mehrwöchige Lockdown und die anschließenden Einschränkungen im öffentlichen Leben und im Berufsalltag haben weltweit zu einem nochmaligen Schub für die Digitalisierung und den Online-Handel geführt. Hinzugekommen ist nun noch das Thema Homeoffice. Mit den Softwareangeboten der Technologiekonzerne, wie der externen Speicherung in Rechenzentren (sog. „Clouds“) und dem Konferieren per Videokonferenz aus dem heimischen Wohnzimmer (oder der Küche), wurde das Arbeiten im Homeoffice für viele Arbeitnehmer erst möglich. Die Technologiebranche bietet IT-Infrastrukturen, Cloud-Plattformen, Onlineshopping, Onlinebuchungen, Social Media, PC-Sicherheitslösungen – alles heiß begehrt in Corona-Zeiten.
Tech-Riesen dominieren Indizes Noch spektakulärer als die Kurszuwächse in der jüngeren Vergangenheit sind allerdings die Größenordnungen, die die großen Tech-Konzerne erreicht haben. Die Marktkapitalisierung beispielsweise von Apple allein ist mittlerweile größer als die von bedeutenden europäischen Aktienindizes. Die Apple-Ak-
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tie war weltweit die erste überhaupt, die eine Marktkapitalisierung von mehr als einer Billion US-Dollar erreichte und ist in diesem Jahr sogar über die Schwelle von 2 Billionen Dollar geklettert (Quelle: Bloomberg). Damit ist Apple schwerer als sämtliche Titel des FTSE-100-Index zusammen (umfasst die 100 größten Unternehmen an der Londoner Börse) – vom DAX ganz zu schweigen. Um die Dimension nochmals zu verdeutlichen: Der Marktwert aller Apple-Aktien übertrifft mit 2.135 Mrd. Dollar sogar das Bruttoinlandsprodukt Italiens des Jahres 2018 (2.084 Mrd. Dollar) (Quelle: Bloomberg).
Durch ihre speziell in den US-Indizes hohe Gewichtung sind die Technologieaktien im Zuge der jüngsten Hausse zu den Zugpferden der globalen Aktienmärkte geworden – gilt der amerikanische Aktienmarkt doch als Weltleitbörse. Gäbe es die Tech-Giganten nicht, sähe etwa die bisherige Jahresbilanz des S&P 500 eher mau aus. Er hätte zwischenzeitlich keine Rekordhöhen erreicht, sondern läge stattdessen spürbar im Minus. Denn auch hier dominiert branchenseitig der IT-Sektor – mit einem Anteil von rund 30 % aller im Index vertretenen Branchen stellt er mit großem Abstand den Löwenanteil. Allein die eingangs erwähnten fünf Tech-Riesen haben zusammen ein Indexgewicht von knapp 25 % im S&P 500 – im über 1.600 Werte umfassenden MSCI-World-Index sind es knapp 15 %.
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Hohe Indexgewichtung ist problematisch Die sehr erfreuliche Kursentwicklung speziell der „Big Five“ aus dem Technologiesektor und die in der Folge stark angestiegenen Indexgewichtungen dieser Aktien haben allerdings ihre Schattenseiten. Die Konzentration der Performance auf eine derart kleine Anzahl von Aktien birgt naturgemäß Risiken. Spürbare Rückschläge bei diesen Aktien – aus welchen Gründen auch immer (und sei es nur aufgrund von Gewinnmitnahmen) – würden viele Aktienindizes stärker belasten und könnten sogar, sofern Anleger in größerem Stile aus Apple, Microsoft, Amazon & Co. flüchten, zu einer deutlicheren Marktkorrektur führen. Ansatzweise konnte man dieses Phänomen bereits jüngst beobachten.
Wiederholt sich die Geschichte? Im Zusammenhang mit dem derzeit starken Interesse an Technologieaktien und deren fulminantem Kursanstieg stellen sich viele Anlegerinnen und Anleger die Frage, ob der momentane TechnologieHype nicht furchtbar übertrieben ist und wir womöglich wieder vor dem Platzen einer Technologieblase (sogenannte „Dotcom-Blase“) stehen, wie bereits zur Jahrtausendwende. Oder ist dieses Mal alles anders und setzt sich der Siegeszug der IT-Aktien weiter ungebremst fort? Unseres Erachtens verbietet sich aus mehreren Gründen eine Gleichsetzung der aktuellen Lage zur „Dotcom-Blase“. Das heutige Zins- und Liquiditätsumfeld stellt sich deutlich anders dar als vor 20 Jahren – die Zinsen haben rekordtiefe Niveaus erreicht (Bsp.: Rendite 10-jährige Bundesanleihe zur Jahrtausendwende: rund 5,50 % – heute: -0,50 %) und die Anlageliquidität ist durch die expansive Notenbankpolitik in Hülle und Fülle vorhanden. Anfang des Jahrtausends gab es also noch attraktive Anlagealternativen auf der Anleiheseite. Heutzutage dagegen sind Aktien als Langfristanlage fast schon ein Pflichtinvestment. Und stärker als im Jahr 2000 beruht der gegenwärtige Kursanstieg der großen Tech-Player auf einem starken fundamentalen Wachstum, das sich aus steigenden Umsät-
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zen, hohen Margen sowie stabilen Einnahmen und Gewinnen zusammensetzt – siehe hierzu auch nachfolgenden Vergleich des Kurs-Gewinn-Verhältnisses, kurz KGV. Zur Jahrtausendwende waren viele Kurse noch eher von reiner Gewinnphantasie getrieben als von echten Geschäftserfolgen. Technologieaktien waren doppelt so hoch bewertet wie heute, wie die folgende Grafik zeigt. Hinzu kommt, dass die Tech-Riesen mittlerweile eine derart große Marktmacht erlangt haben, dass es neuen Wettbewerbern kaum möglich ist, ihnen gefährlich zu werden. Diese Marktmacht führt allerdings auch dazu, dass die Stimmen aus der Politik lauter werden, die marktbeherrschende Stellung durch eine Zerschlagung oder deutlich stärkere Regulierung der Konzerne zu brechen. Dies ist ein Beispiel dafür, dass die Technologiebranche alles andere als ein risikoarmer Selbstläufer ist.
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Festzuhalten bleibt: In wesentlichen Aspekten (Zins- und Liquiditätsumfeld, KGV) hinkt der Vergleich mit 2000. Inzwischen sind zwei Jahrzehnte vergangen, in denen sich die Digitalisierung in vielen Bereichen des Lebens enorm beschleunigt hat. Themen wie künstliche Intelligenz, Big Data, Cloud-Computing, PC-Sicherheitsfragen, Homeoffice, Streaming-Dienste oder Onlineshopping dürften sogar noch mehr an Bedeutung gewinnen. Aktien aus dem Technologiesektor bleiben folglich spannend. Allerdings gibt es auch innerhalb des Technologiesektors Gewinner und Verlierer. Der technologische Wandel schreitet immer schneller voran – vieles, was gestern noch Zukunftsvision war, gehört heute zum Alltag und kann morgen schon überholt sein. Produkte, die gestern noch zur wegweisenden Innovation gekürt wurden, können bereits heute Ladenhüter sein (wer erinnert sich noch an einstige Marktführer und absolute Börsenlieblinge wie Nokia oder Blackberry?). Dieser Umstand dürfte auch zukünftig dafür sorgen, dass es bei den Aktien innerhalb des Technologiesektors zu teils heftigen Schwankungen kommen wird und dass es auch in diesem Sektor unmöglich ist, systematisch und mit nachhaltigem Anlageerfolg die Gewinner von morgen vorauszuahnen.
Schlussfolgerungen für Anleger Die zuletzt gesehene enorme Outperformance der Tech-Aktien, die zu den sogenannten Wachstumswerten und auch zu den sogenannten Momentumwerten (Aktien mit zuletzt hoher Kursdynamik) zählen, hat bei vielen Anlegern Begehrlichkeiten geweckt. Sie neigen dazu, Technologieaktien in ihrem Depot einen überdurchschnittlich hohen Stellenwert einzuräumen und dabei andere, ebenfalls relevante Sektoren, wie z. B. Value-Aktien (Substanzwerte, die an der Börse unterbewertet sind und u. a. ein im Vergleich zum Marktwert hohes Eigenkapital aufweisen), zu vernachlässigen. Ist das sinnvoll? Wir denken, nein. Einerseits bleiben Technologieaktien zwar grundsätzlich aussichtsreich, andererseits haben sie aber bereits viel Positives in den aktuellen Kursen vorweggenommen. Auch wenn das heutige KGV-Niveau der Technologieaktien – wie bereits erwähnt – deutlich unter dem zu Zeiten der Dotcom-Blase liegt, sind Tech-Aktien derzeit nichtsdestotrotz alles andere als billig (im historischen Vergleich und auch gegenüber anderen Branchen). In bestimmten Segmenten sind sogar regelrechte „Kursexzesse“ zu beobachten, z. B. bei Anbietern für Videokonferenzlösungen. Hinzu kommt: Der Gegenwind für IT-Konzerne dürfte stärker werden: Sie sind mittlerweile derart groß, dass starkes Wachstum und somit die Erfüllung der hohen Anlegererwartungen immer schwieriger wird. Darüber hinaus leiden sie unter dem US-chinesischen Handelskrieg und die Bedenken ihrer Kunden wegen des mangelnden Schutzes der Privatsphäre nehmen auch zu. Unserer Einschätzung nach geht es hier nicht um ein „Entweder-oder“, sondern vielmehr um ein „Sowohl-als-auch“. Wie bereits des Öfteren in unseren Publikationen dargelegt, sollte man Anlagebereiche, die für die breit gestreute globale Aktienanlage essentiell sind, wie z. B. Value-Aktien, wegen der schlechten Entwicklung der letzten Jahre – oder gerade deswegen – nicht abschreiben. An dieser Stelle ergibt sich übrigens doch noch eine Analogie zum Jahr 2000. Zu Zeiten der DotcomBlase führten die angesprochenen Value-Werte ebenfalls ein Mauerblümchen-Dasein und wurden im Zuge der Entzauberung der Tech-Werte spektakulär wiederentdeckt. Substanzaktien mit einer vergleichsweise attraktiven Bewertung sichern im Zusammenspiel mit klassischen Standardwerten, Nebenwerten, Momentumaktien und Aktien, die sich durch eine niedrige Schwankungsintensität auszeichnen, eine robuste Portfolio-Diversifikation. Eine solche, idealerweise an der Marktkapitalisierung orientierte Streuung, sorgt auch dafür, dass der Anteil an einzelnen Aktien oder Branchen nicht über ein verträgliches Maß hinausgeht. Mögliche stärkere Korrekturen im IT-
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Sektor werden auf diese Weise abgefedert. Umkehrschluss: Die weitreichende Konzentration auf die schwankungsfreudigen Aktien des Technologiesektors bzw. der Fokus auf nur einen einzigen Aktienindex ist schlichtweg zu risikoreich und stellt eine Wette mit hohem Einsatz dar – da sollte man sich auch von dem derzeit sehr guten Lauf der Tech-Aktien nicht blenden lassen.
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Das etwas andere „Chinavirus“ 16. OKTOBER 2020
Seit etwa 8 Monaten stehen sowohl die konjunkturellen Perspektiven als auch die Entwicklung an den Kapitalmärkten im Schatten der Corona-Krise. Wenn wir an den Anfang dieser Zeitspanne zurückblicken, lag der Fokus dabei vor allem auf der Konjunktur in China – dem geografischen Ausgangspunkt des Virus. Die Logik lag damals auf der Hand: Zu Beginn der Pandemie war vor allem China betroffen, damit auch in erster Linie dessen Wirtschaft – immerhin die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt. In den letzten Wochen und Monaten ist es dann etwas still geworden in Bezug auf die Berichterstattung über die wirtschaftliche Entwicklung im Reich der Mitte. Dabei hat die Relevanz der Frage nach der konjunkturellen Lage Chinas nichts von ihrer Bedeutung eingebüßt. Eher im Gegenteil: Je mehr auch der Rest der Weltwirtschaft in den letzten Monaten in den Abwärtssog des Coronavirus geriet, desto entscheidender wurde die Frage, inwieweit sich China möglicherweise schon wieder auf dem Weg der (konjunkturellen) Besserung befindet.
Die stille Erholung im Reich der Mitte BIP-Wachstum in ausgewählten Wirtschaftsräumen 15
1. Quartal 2020
2. Quartal 2020
10 5
Euro-Zone 0
Deutschland
Vereinigtes Königreich
USA
Japan
China
-5 -10 -15 -2 0 -2 5 Veränderung des realen Bruttoinlandsprodukts (preis- und saisonbereinigt gegenüber Vorquartal in %) Quellen: Bloomberg, Quirin Privatbank
Denn die Weltwirtschaft wurde massiv in Mitleidenschaft gezogen (siehe Grafik). Ein Blick auf die BIP-Zahlen zeigt: Schon im 1., vor allem aber im 2. Quartal des Jahres ging die Wirtschaftsleistung in allen Industrieländern massiv zurück – in Deutschland um fast 10 % im 2. Quartal verglichen mit dem (auch schon schwachen) Vorquartal. Ähnlich schwache Daten waren auch in den USA, der EuroZone als Ganzes und in Japan zu verzeichnen. Zur gleichen Zeit (2. Quartal) wuchs die Wirtschaft in
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China schon wieder um mehr als 11 % und damit überaus kräftig. Folglich hat sich damit die als erste von der Corona-Rezession betroffene Volkswirtschaft auch zuerst wieder erholt. Laut jüngsten Prognosen des Internationalen Währungsfonds (IWF) dürfte China nicht nur in diesem, sondern auch im kommenden Jahr konjunkturell die Nase vorn haben (siehe Grafik).
Konjunktur auf Achterbahnfahrt BIP-Wachstum in ausgewählten Wirtschaftsräumen nach Einschätzung des IWF
Welt
Industrieländer
Schwellen- und Entwicklungsländer
Euro-Zone
USA
China
10
8,2
8 6,0
5,2
6 4
Deutschland
3,9 2,8
4,2
3,7
1,7
2
6,1
5,2 3,1
2,2
1,3
1,9 0,6
0 -2 -4 -6
-3,3 -4,3
-4,4 -5,8
-6,0
-8 -8,3
-10
2019
Projektionen:
2020
2021
Veränderung des realen Bruttoinlandsprodukts (preisbereinigt gegenüber Vorjahr in %) Quellen: IWF, Quirin Privatbank
Damit keine Missverständnisse aufkommen: Dies ist eine rein ökonomische Betrachtung. China ist ein autoritärer Staat, der es mit den Menschenrechten nicht so genau nimmt – und das ist extrem vorsichtig formuliert. Allerdings wehre ich mich entschieden gegen Töne, die man hier und da (z. B. aus dem Mund des amerikanischen Präsidenten) über die wirtschaftliche Erholung Chinas hört. Nämlich – sinngemäß – wie rücksichtslos in China (immerhin dem Ursprungsort der Pandemie!) schon wieder auf Kosten des Westens die heimische Wirtschaft angekurbelt wird. Unqualifizierter könnte das Fazit kaum ausfallen. Die gesamte Weltwirtschaft – allen voran die Exportnation Deutschland und auch die USA – profitiert derzeit von der schon wieder recht kräftigen Wachstumsentwicklung in China. Der Welthandel ist und bleibt kein Nullsummenspiel, im Gegenteil: Wachstum in Asien geht nicht zu „unseren Lasten“, sondern sorgt vielmehr für wieder vollere Auftragsbücher der Firmen hierzulande. Um es auf den Punkt zu bringen: China rettet gerade die Weltkonjunktur. Und das schon lange nicht mehr in Form der vielzitierten „Werkbank der Welt“, sondern längst auch mit einem signifikanten Anteil bei Zukunftstechnologien sowie bei erneuerbaren Energien oder der Batterietechnik – mit Aussicht auf nachhaltigen Erfolg also (im wahrsten Sinne des Wortes). Hier
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einige beeindruckende Zahlen dazu: Schon jetzt ist China in vielen klimarelevanten Technologien Marktführer, es produziert 72 % der Solarmodule, 69 % der Lithiumbatterien und 45 % der Windanlagen weltweit. Ein zweites Missverständnis (diesmal aus Anlegersicht) könnte die Einschätzung sein, dass es nun darum ginge, kräftig in chinesische Aktien zu investieren. Das wäre allerdings eine außerordentliche Spekulation – denn nach wie vor macht der für ausländische Investoren zugängliche Teil des chinesischen Aktienmarktes erst 6 % der weltweiten Börsenmarktkapitalisierung aus. Aber in dieser Gewichtung gehört eben auch der Aktienmarkt des Reichs der Mitte in ein breit diversifiziertes internationales Aktienportfolio. Nicht nur, aber auch weil es derzeit tatsächlich ein „Chinavirus“ gibt, von dem man sich nur wünschen kann, dass es die Welt ansteckt – nämlich das chinesische „Wachstumsvirus“.
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Heißer US-Wahlkampf – kühler Anlegerkopf 30. OKTOBER 2020
Die Präsidentschaftswahl in den USA steht unmittelbar vor der Tür. Wie kein anderes politisches Ereignis zieht diese Wahl Gesellschaft, Wirtschaft und in diesem Zusammenhang natürlich auch die Kapitalmärkte weltweit in ihren Bann. Dazu trägt sicher auch der mittlerweile zu einem filmreifen Showdown hochstilisierte Wahlkampf bei.
Viel Lärm um nichts? Entsprechend erhitzt ist auch die Berichterstattung in den Medien. Es rauscht heftig im Blätterwald und auf den Nachrichtenkanälen. Mit Blick auf die Vermögensanlage werden allerlei Überlegungen angestellt, wie sich Anleger im Zuge der US-Wahl idealerweise positionieren sollten. Dazu werden z. B. Szenarien in Bezug auf den Wahlausgang durchgespielt (welche Branche könnte unter welchem Präsidenten besonders profitieren) oder es wird analysiert, wie sich unter demokratischer bzw. republikanischer Regie die Aktienmärkte in der Vergangenheit entwickelt haben. Unser Ratschlag an dieser Stelle: den Lärm einfach überhören. Denn solche Betrachtungen blenden aus, dass eine Vielzahl anderer Ereignisse abseits der Wahl die erhoffte Wirkung solcher prognosebehafteten Strategien im Nu pulverisieren kann. Anleger, die allein auf Basis der (Vor-)Wahlberichterstattung Anlageentscheidungen treffen, könnten also schnell auf dem falschen Fuß erwischt werden. Denken Sie an die letzte Präsidentenwahl 2016 zurück: Zur Beschreibung der Folgen eines möglichen Trump-Siegs für die Aktienmärkte wurden seinerzeit in den Medien martialische Begriffe wie „Blutbad“ oder „weltweite Schockwellen“ verwendet. Der Ausgang ist bekannt: Wer sich damals von der Börse verabschiedet hat, hat einiges verpasst. Die Börsenbilanz in Trumps Amtszeit kann sich nämlich durchaus sehen lassen (siehe Grafik). Hierzu hat sicherlich auch Trumps Unternehmenssteuerreform beigetragen. Ansonsten hat sich der Börsenaufschwung aber eher trotz und nicht wegen Trump eingestellt. Man denke zum Beispiel an den vom Zaun gebrochenen Handelsstreit mit China und anderen Ländern, den die Märkte letztlich relativ gut abschütteln konnten.
Das Schulterzucken der Börsen Ohne die US-Wahl bagatellisieren zu wollen: Wer am Ende das Rennen machen wird, dürfte zumindest für die Börsen mittelfristig nahezu irrelevant sein, was letztlich auch daran liegt, dass es einige wichtige Aspekte gibt, die die Aktienbörsen unabhängig vom Wahlausgang wesentlich stärker prägen dürften:
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Kursplus trotz Trump Entwicklung des S&P 500 Index in den letzten 5 Jahren 4.000
3.500
8. November 2016 Wahlsieg Donald Trump
3.000
2.500
2.000
1.500 28.10.2015
28.10.2016
28.10.2017
28.10.2018
28.10.2019
28.10.2020
Stand: 28.10.2020 Quellen: Bloomberg, Quirin Privatbank AG Diese Zahlenangaben beziehen sich auf die Vergangenheit. Die frühere Entwicklung ist kein zuverlässiger Indikator für künftige Entwicklungen.
Nach der Wahl – unabhängig vom Sieger – ist der Weg frei für ein großvolumiges Konjunkturpaket, das die coronageschwächte US-Wirtschaft wieder zum Laufen bringen soll. Trump und Biden werden hierbei sicherlich unterschiedliche Schwerpunkte setzen, aber die Ankurbelung des für die Wirtschaft so wichtigen Konsums dürfte bei beiden im Mittelpunkt stehen. Dies wird an der Börse gut ankommen. Die extreme Niedrigzinspolitik der US-Notenbank wird auf Jahre extrem expansiv bleiben. Ein – wenn nicht DER – maßgebliche Treibstoff für die Aktienmärkte, der auch schon während Trumps Amtszeit kräftig gewirkt hat, bleibt somit erhalten. „America first“ dürfte weiter gelten. Weil es von großen Teilen der Bevölkerung goutiert wird, wird auch ein Präsident Biden Rücksicht darauf nehmen, wenn vielleicht auch mit weniger Aggressivität als Trump. „America first“ bleibt damit zwar in jedem Fall ein gewisser Bremsklotz, aber u. E. kein nachhaltiger Stolperstein für die Wirtschaft und die Börsen, da auch ein Wahlsieger Trump die Lage kaum vollends eskalieren lassen dürfte. Der Kollateralschaden für die USA wäre zu groß. Wer denn nun am Ende das Rennen macht, scheint dem Aktienmarkt ohnehin relativ egal zu sein. Die nachfolgende Grafik belegt, dass es keinen klaren Zusammenhang zwischen den Umfrageergebnissen und dem US-Aktienmarktverlauf gibt. Anders ausgedrückt: Der Markt erachtet keinen der beiden Kandidaten als besonders vor- oder nachteilhaft. Man könnte auch sagen: Die Börse verteilt keine Sympathiepunkte.
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US-Aktienmarkt ohne politische Vorliebe Durchschnittliche Wahlumfrageergebnisse versus S&P 500 Index seit Jahresbeginn Vorsprung Biden gegenüber Trump
S&P 500 Index 3.600 3.400
10
3.200 8 3.000 6
2.800 2.600
4
INDEXPUNKTE
VORSPRUNG IN PROZENTPUNKTEN
12
2.400 2 2.200
0 O
kt .2
0 Se p. 2
20 Au g.
20 Ju l.
Ju n. 20
20 M ai .
20 Ap r.
20 M är .
0 Fe b. 2
0
2.000
Ja n. 2
D
ez .1 9
0
Stand: 28.10.2020 Hinweise: Die linke Spalte zeigt den Vorsprung von Biden gegenüber Trump in den Umfrageergebnissen (Durchschnitt aus 8 Umfragen großer Medienunternehmen, wie CNN, Economist und Reuters). RealClearPolitics ist eine amerikanische Internetseite für politische Nachrichten und ein renommierter Aggregator für Umfragedaten. Quellen: Bloomberg, RealClearPolitics, Quirin Privatbank AG Diese Zahlenangaben beziehen sich auf die Vergangenheit. Die frühere Entwicklung ist kein zuverlässiger Indikator für künftige Entwicklungen.
Das kann man kritisch sehen, weil es sehr gute Gründe gibt, einer zweiten Amtszeit Trumps mit viel Argwohn zu begegnen. Aber auch mit ihm geht die Aktienwelt nicht unter. Auch wenn es nicht eines gewissen Zynismus entbehrt: Die Märkte haben sich offenbar in gewisser Weise an seine Marotten gewöhnt.
Das Zittern der Börsen Nicht unerwähnt lassen wollen wir an dieser Stelle die sich wieder verschärfende Coronakrise. Es ist nachvollziehbar, dass angesichts der sich wieder verschärfenden Corona-Pandemie die Nervosität der Anleger steigt. Die Angst vor den Auswirkungen eines zweiten Lockdowns geht auch an den Börsen um und hat die Aktienkurse zuletzt stärker unter Druck gesetzt. Umso mehr gilt es nun, den Blick für die positiven Aspekte zu schärfen. Viele negative Faktoren, die derzeit die Börsenstimmung trüben, werden auf absehbare Zeit verschwinden: Es wird kurzfristig geklärt sein, wer in den kommenden vier Jahren die Geschicke der USA lenkt. Die Finanzmärkte baden bis auf Weiteres in Liquidität, die angelegt werden muss. Dies und die bereits erwähnten Magerzinsen treiben Investoren letztlich immer wieder in die starken Arme der Aktienmärkte, auch um der inflationsbedingten Enteignung von Sparguthaben entgegenzuwirken.
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Am Jahresende wird feststehen, wie sich die EU und Großbritannien im Rahmen des Brexits arrangieren. Die Coronakrise sollte den Pragmatismus und die Lösungsorientierung stärken. Nicht zu vergessen, dass über kurz oder lang auch mit einem Corona-Impfstoff zu rechnen ist, der zumindest die Folgen des Virus lindern wird. All dies sollte letztlich auf eine positive Resonanz an den Börsen stoßen. Kräftige Kursrücksetzer bieten folglich günstige Kaufgelegenheiten an den Aktienmärkten, die mittel- bis langfristig attraktive Renditechancen bieten.
Schlussfolgerungen für Anleger Verfallen Sie angesichts des Mediengetöses und vermeintlich schlüssiger Anlagetipps im Vorfeld der US-Wahl nicht in Aktionismus. Überstürzte Anlageentscheidungen, die daraus resultieren, sind Spekulation und haben mit einer geordneten Investition nichts zu tun. Das wechselhafte Tagesgeschehen und die „wohlmeinenden“ Prognosen dürfen bei Ihrer Vermögensanlage nicht das Steuer übernehmen. Wer seine Aktienquote konsequent an seinen persönlichen Anlagezielen, seiner Risikobereitschaft und seinen individuellen Bedürfnissen festmacht, ist langfristig erfolgreicher und schläft besser – auch in der Wahlnacht. Die aktuelle Zuspitzung der Coronakrise sorgt naturgemäß für Unsicherheit und Dämpfer an den Kapitalmärkten rund um den Globus. Dies könnte kurzfristig verstärkt werden, wenn der Wahlausgang nicht eindeutig ist und es in der Folge zu einer Hängepartie kommt, an deren Ende womöglich ein Gericht entscheiden muss, wer der 46. Präsident der Vereinigten Staaten wird – von bürgerkriegsähnlichen Zuständen, die manchmal an die Wand gemalt werden, gehen wir nicht aus. Auch hier gilt also die Devise: ruhig Blut. Langfristig entscheidend ist, dass die marktwirtschaftliche Ordnung unserer Wirtschaft auch in Zukunft Wachstum generiert und (innovative) Unternehmen Gewinne erwirtschaften. Das ist die wahre Triebfeder für die Renditestärke von breit gestreuten Aktieninvestitionen und sie ist allen Widrigkeiten zum Trotz intakt.
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Wahlsieger Biden? Bittere Pille für die Börsen? 06. NOVEMBER 2020
Nun also doch: Joe Biden entscheidet die US-Präsidentschaftswahlen wohl für sich und wird in den nächsten vier Jahren im Weißen Haus die Geschicke der Welt(wirtschafts)macht lenken. So positiv das auch in vielerlei Hinsicht sein mag, z. B. für den Zusammenhalt der internationalen Staatengemeinschaft und den Klimaschutz, so skeptisch sind viele Beobachter hinsichtlich Wirtschaft und Börse, wenn ein demokratischer US-Präsident gewählt wird. Demokraten wird gerne eine weniger wirtschaftsfreundliche Politik zugeschrieben. Marktteilnehmer rechnen daher tendenziell eher mit Kursschwächen als mit einer freundlichen Marktreaktion. Interessanterweise haben sich diese Befürchtungen bislang nicht bewahrheitet.
Doch die stärksten Sorgen bestanden im Vorfeld der Wahl in Zusammenhang mit dem Szenario, dass nicht unmittelbar ein klarer Sieger feststeht. Nicht wenige Experten prognostizierten für diesen Fall regelrechte Kursturbulenzen. Viele Anleger, die darauf gesetzt haben, sind bislang enttäuscht worden, und mussten unter Umständen sogar herbe Verluste hinnehmen. Denn seit gut einer Woche sind die Börsen – trotz der Unsicherheiten im Hinblick auf den US-Wahlausgang und den weiteren Verlauf der Corona-Pandemie – wieder auf sichtbarem Erholungskurs. Wieder einmal zeigt die Börse ganz klar, wie wenig sie auch mit noch so ausgefeilten Analysen ausrechenbar ist.
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Grundsätzlich sind Kursprognosen im Zusammenhang mit Präsidentschaftswahlen nicht zielführend. Das war schon immer so. Insbesondere ist die übliche Skepsis vieler Börsianer gegenüber einem demokratischen Kandidaten vor allem dieses Mal völlig überzogen. Das hängt mit zwei Aspekten zusammen: Erstens erwarten wir, dass die unmittelbar bevorstehenden wirtschaftspolitischen Maßnahmen als Antwort auf die andauernde Coronakrise unter Biden ganz ähnlich ausfallen wie das, was unter der Ägide von Trump angestoßen worden wäre. Beide hatten im Wahlkampf angekündigt, weitere massive Staatsausgabenprogramme aufzulegen, um die noch immer schwer angeschlagene US-Wirtschaft wieder auf den nachhaltigen Wachstumspfad zu bringen. Diese Perspektive ist für die Börsen zunächst einmal entscheidend: Stützung der Wirtschaft, Hilfe für den privaten Konsum und damit auch für die Unternehmensgewinne, die letztlich entscheidend für die Kursentwicklung an den Aktienbörsen sind. Zweitens dürfte zudem zusätzlich die Erwartung entlasten, dass eine Entspannung des Handelskonflikts mit China unter Biden mittel- bis langfristig das Wachstumspotenzial sowohl der Welt- als auch der US-Wirtschaft erhöhen dürfte. Zölle, Handelshemmnisse, Kriegsrhetorik – all das ist nicht hilfreich für den wechselseitigen Vorteil der beiden größten Volkswirtschaften der Welt aus dem gemeinsamen Handel und belastet auch die Weltwirtschaft. In den letzten Jahren haben wir das immer wieder miterleben müssen. Eine Beilegung dieser Querelen kann das Wachstum in den USA, China und der Welt vor allem mittel- bis langfristig steigern, so die Unternehmensgewinne erhöhen und damit letztlich auch die Aktienkurse. Hier hat der Demokrat Biden insofern sogar einen „Börsen-Bonus“ gegenüber dem in dieser Hinsicht nur vermeintlich wirtschaftsfreundlichen Republikaner Trump. Eine kleine bittere Pille bleibt aber: Die Börsianer hätten einen alten und neuen US-Präsidenten Trump schon „gekannt“. Vieles von dem, was in den letzten vier Jahren auch bei den Börsenakteuren immer mal wieder für viel Aufregung und damit für Kursturbulenzen gesorgt hat – Twitter-Nachrichten, Grusel-Interviews und Pseudo-Informationen –, ist inzwischen bekannt. Kaum noch wurden die Aktienmärkte in Mitleidenschaft gezogen, wenn Donald Trump einmal mehr seine zweifelhaften Statements zu Politik, Wirtschaft und Gesellschaft abgab. Die Aufregung hatte sich – zumindest an den Börsen – gelegt. Trump war, so traurig und fatal das in vielerlei Hinsicht ist, eine Form der „neuen Normalität“ geworden. Biden hingegen dürfte zumindest am Anfang erst einmal weniger ausrechenbar sein. Andererseits steigt mit ihm wieder die Wahrscheinlichkeit, dass einmal ausgemachte und verlautbarte Marschrouten auch eingehalten werden. Insofern dürfte auch dieser Aspekt kein wirklicher Dämpfer für die Aktienmärkte werden. Für ein weltweit diversifiziertes, prognosefreies und somit handwerklich ausgereiftes Portfolio ist daher der Ausgang der diesjährigen US-Wahl, trotz der immensen allgemeinen Tragweite, kein einschneidendes Ereignis, selbst bei einem von Trump angezettelten Rechtsstreit. Die Renditeaussichten einer solchen strategischen Investition bleiben intakt. Das gilt übrigens auch für die anderen Ereignisse, die immer wieder das Tagesgeschehen dominieren, sei es der Brexit oder die Corona-Pandemie. Die kurzfristigen Auswirkungen sind nicht von der Hand zu weisen (aber in Richtung und Heftigkeit auch nie vorhersehbar), langfristig setzen sich aber die übergeordneten Wachstumskräfte wieder durch.
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Die Waage neigt sich: Joe Biden kurz vor der Ziellinie Anzahl der Wahlmänner für die demokratische bzw. republikanische Partei
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REPUBL IKA NER DEMO KR AT EN
Stand: 06.11.2020; 11:30 Uhr Quellen: CNN, Quirin Privatbank AG
In den nächsten vier Jahren wird es (wirtschaftlich) darauf ankommen, dass der aller Voraussicht nach neue Präsident Joe Biden die Herausforderungen der US-Wirtschaft erkennt und sie möglichst beherzt und zügig angeht, einem voraussichtlich gespaltenen Kongress zum Trotz: die Modernisierung der Infrastruktur, den Befreiungsschlag für das Bildungssystem und die Überwindung der Handelsstreitigkeiten. Gelingt dies, werden auch die Weltwirtschaft und die globalen Börsen spürbaren Nutzen daraus ziehen. Ob der neue oder der alte Präsident für diese Herausforderungen besser geeignet ist, überlassen wir der Einschätzung des geneigten Lesers, aber wir haben da so eine Vermutung …
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Brexit – Deal or No-Deal? 20. NOVEMBER 2020
Geradezu ruhig ist es um den Brexit zuletzt geworden. Das hat sich noch nicht einmal mit dem Gipfel der Europäischen Union (EU) am gestrigen Donnerstag geändert. Insofern bleibt es auch jetzt – nur sechs Wochen vor dem Ende der Übergangsfrist – bei dem, was auch in den Wochen davor stets ein Fakt war: Großbritannien und die EU konnten sich bislang nicht auf eine gemeinsame Position mit Blick auf die gegenseitigen (Wirtschafts-)Beziehungen nach dem Ende der Brexit-Übergangsphase ab 1. Januar nächsten Jahres einigen. Und ein Blick auf den Kalender zeigt unmissverständlich: Die Zeit wird extrem knapp. Ohne eine derartige Übereinkunft droht allerdings das, was eigentlich niemand – weder diesseits noch jenseits des Kanals – wirklich ernsthaft will: ein ungeordnetes Ausscheiden Großbritanniens aus der EU, vor allem ohne jegliche Vereinbarungen über die zukünftigen Außenhandelsbeziehungen mit der EU. Chaotische Zustände wären zu Jahresbeginn 2021 wohl nicht auszuschließen.
Die Chronik einer Scheidung
10.12.2018 EuGH: UK kann Austrittserklärung einseitig zurücknehmen
2017
25.01.2017 Oberster Gerichtshof: Parlament muss Zustimmung zum Austritt erklären 29.03.2017 Offizielle Austrittserklärung von UK (Verhandlungsführer: Michel Barnier (EU), Theresa May (UK))
31.01.2020 Austritt aus der EU 31.12.2020 Ende der Übergangsfrist
25.01.2019 Britisches Parlament votiert gegen Austrittsabkommen
2019
11.07.2016 Theresa May wird Premierministerin
14.11.2018 EU und UK einigen sich auf Austrittsabkommen
2018
2016
23.06.2016 Referendum über Brexit (51,89 % stimmen für Austritt)
2020
Der Brexit im Zeitverlauf
29.03.2019 Ablauf der 2-jährigen Übergangsfrist 11.04.2019 Vereinbarung einer verlängerten Austrittsfrist bis 31.10.2019
Quelle: eigene Darstellung Quirin Privatbank AG EU: Europäische Union, UK: United Kingdom (Vereinigtes Königreich), EuGH: Europäischer Gerichtshof
Warum stocken die Verhandlungen – was sind die Knackpunkte? Nach wie vor wird vor allem um zwei Aspekte der äußerst komplexen Austrittsvereinbarung gefeilscht: den nordirischen Grenzstatus sowie die Fischereirechte der EU in britischen Gewässern. Die Frage nach dem zukünftigen Status für den britischen Teil Irlands (Nordirland) hat dabei durchaus Tragweite. Denn jegliche Regelung, die wieder eine „harte Grenze“ zwischen den beiden irischen Territorien (Nordirland und Republik Irland) zur Folge hätte, wäre eine Verletzung des sogenannten
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„Karfreitagsabkommens“ zur Beilegung des über 20 Jahre dauernden gewaltsamen Nordirland-Konflikts (70er, 80er und frühe 90er Jahre). Derzeit gibt es zwischen Irland und Nordirland eine „weiche Grenze“. Das heißt: Seit der Einführung des EU-Binnenmarktes 1993 finden keine (Güter-)Kontrollen bei Grenzübertritt statt. Die Konsequenz einer „harten Grenze“ wäre: Zwischen Irland (weiterhin ein EU-Mitglied) und Nordirland (zu Großbritannien gehörend) würde quasi über Nacht eine fast 500 Kilometer lange EU-Außengrenze entstehen – an Land wie zur See. Bei den Fischereirechten, dem zweiten großen Streitthema, merkt man allerdings einmal mehr, mit wie viel Symbolik und mit wie wenig Sachorientierung der ganze Brexit-Prozess oft zu kämpfen hat. Denn wirtschaftlich bedeutsam kann das Durchsetzen der eigenen Seehoheit für die britische Regierung wohl kaum sein– schließlich macht die Fischerei nur 0,03 % (!) der gesamten britischen Wirtschaftsleistung aus. Was interessanterweise in den letzten Wochen zumindest zu beobachten war: Der Hardliner-Kurs in Sachen Brexit, den die britische Regierung bislang verfolgt hat, gerät offenbar zunehmend ins Wanken. Zum einen hat mit dem Abgang des engen Johnson-Beraters Cummings das Lager der knallharten Brexit-Verfechter einen herben Schlag hinnehmen müssen. Zum anderen kommt auch aus dem Ausland zunehmend Störfeuer für die Johnson-Regierung. Vor allem der Wahlausgang in den USA dürfte den Verhandlungsspielraum der Briten deutlich schmälern. Mit dem Abgang Trumps – der möglicherweise auch eine generelle Schwächung Europas im Blick hatte und ein ausgesprochener Befürworter des Brexit war – und der Amtsübernahme durch Joseph Biden (einem Nachfahren irischer Einwanderer) ist aus dem Weißen Haus keine nennenswerte Unterstützung für Boris Johnsons Politik mehr zu erwarten. Vorteilhafte Handelsdeals mit dem großen Bruder USA – ein weiteres Brexit-Versprechen – wird sich für Großbritannien wohl in Luft auflösen. Aber losgelöst davon, ob nun doch noch ein weiterer zeitlicher Aufschub kommt, endlich ein Kompromiss insbesondere in Bezug auf die beiden erwähnten Konfliktherde gefunden wird oder tatsächlich ein EU-Austritt Großbritanniens ohne Abkommen („harter Brexit“) droht: Der Schaden ist bereits angerichtet. Die mit dem Austritt so oder so verbundenen Handelserschwernisse zwischen Großbritannien und der EU werden auf das Wirtschaftswachstum beider Parteien drücken. Die europäische Staatengemeinschaft bleibt bis auf Weiteres mit dem zeitraubenden Bürokratie-Monster Brexit beschäftigt, während Corona und andere geopolitische Herausforderungen (Neuregelung der Beziehungen zu den USA, Chinas Aufstreben) eigentlich Geschlossenheit und volle Konzentration erfordern würden. Und schließlich wird auch mit den wirtschaftlichen Spätfolgen der aktuellen Pandemie zu kämpfen sein.
Der Brexit und die Folgen für den Anleger Trotz dieser vielfältigen großen Herausforderungen wäre auch ein ungeregelter Brexit kein Weltuntergang. Vor allem der Blick auf die weltweite Wirtschaftsleistung und die globalen Aktienmärkte ist Grund für Gelassenheit: 2019 lag der Anteil Großbritanniens am globalen Bruttoinlandsprodukt bei lediglich 2,4 % – an den globalen Aktienmärkten bei rund 3,7 %.
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Der britische Stern sinkt (wirtschaftlich gesehen) Anteil am kaufkraftbereinigten globalen Bruttoinlandsprodukt (BIP) inkl. Prognosen bis 2025 4,0 % 3,8 % 3,6 % 3,4 % 3,2 % 3,0 % 2,8 % 2,6 % 2,4 % 2,2 % 2,0 % 1980
1983
1986
1989
1992
1995
1998
2001
2004
2007
2010
2013
2016
2019
2022
2025
Stand: 20.11.2020 Quelle: IWF, Quirin Privatbank AG
Selbst massive wirtschaftliche Verwerfungen auf der Insel – mit denen Stand heute nicht zu rechnen ist – würden insofern die Weltwirtschaft oder die internationalen Aktienmärkte nicht nachhaltig aus dem Takt bringen. Selbst die wirtschaftlich eng mit Großbritannien verflochtene EU dürfte nur sehr moderat betroffen sein, wie sich aus den mit wenigen Ausnahmen (z. B. Irland) überschaubaren außenwirtschaftlichen Abhängigkeiten schließen lässt. So fatal der Brexit für die gemeinsame europäische Sache also auch sein mag, so wenig kann er eine auf weltwirtschaftlichem Wachstum basierende, langfristig ausgerichtete internationale Aktienstrategie in Mitleidenschaft ziehen. Diesbezüglich hat der Brexit seinen Schrecken verloren.
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Best of Mays Logbuch 2020: Die Wellen der Börse durchtauchen 4. DEZEMBER 2020
Das Jahr 2020 neigt sich dem Ende, es war ein besonderes Jahr, auch für Anleger. Im Interview spricht Professor Stefan May, Leiter Anlagemanagement der Quirin Privatbank AG, über Börsenturbulenzen, Anlagestrategien, Wissenschaft und tauchende Delfine.
Dirk Althoff (Unternehmenskommunikation): Herzlich willkommen auf der MS Quirin zu „Mays Logbuch“, das diesmal kein Buch, sondern eher ein Film ist. Heute beschäftigen wir uns mit einem Blick auf die Märkte und blicken in die Portfolios der Quirin Privatbank. Und dafür begrüße ich die geballte Anlagekompetenz. Er ist Leiter unseres Anlagemanagements und hat mit seinem Team die Ohren am Puls der Finanzmarktforschung. Er sorgt dafür, dass Ihr Geld klug angelegt wird. Herzlich willkommen, Prof. Dr. Stefan May. Prof. Dr. Stefan May (Leiter Anlagemanagement): Herzlich willkommen. Althoff: Stefan, 2020 ist ein Jahr, das es in sich hat – das kann man, glaube ich, guten Gewissens so sagen. Mit dieser Aussage treffen wir schon auf ein Thema, das sehr eng mit der Quirin Privatbank verbunden ist und mit ihrer Anlagephilosophie, nämlich der Prognosefreiheit. Also, kurzes Gedankenspiel: Wenn ich dich vor einem Jahr nach einer Prognose für 2020 gefragt hätte und danach, was das Topthema für das Jahr wird, was hättest du geantwortet?
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May: Tja, das ist wirklich ein guter Punkt, Dirk. Wenn ich ehrlich sein soll: Meine Position wäre sicherlich nicht Corona gewesen. Ich dachte damals, dass der Handelsstreit zwischen den USA und China eskalieren wird, zumal ich, und das ist schon die nächste Fehlprognose, davon ausging, dass Donald Trump Präsident bleibt. Beides ist ja nun nicht eingetreten, Gott sei Dank, die Handelsfriktionen haben sich als nicht so stark erwiesen wie von mir befürchtet. Althoff: Und Trump ist auch nicht Präsident geworden. Stand heute: Er hat es noch nicht ganz akzeptiert, hat man den Eindruck, aber es ist doch wohl der Fall, dass er es nicht geschafft hat. Also, es kam alles anders. Es kam Corona und breitete sich aus. Wie beurteilst du denn letztlich die Auswirkungen des Virus auf die Finanzmärkte? May: Das ist natürlich schwierig einzuschätzen. Aber alles in allem, muss ich sagen, bin ich eher positiv. Und zwar sieht es ja nun wirklich so aus, als seien wir kurz vor einem Durchbruch, was einen wirkungsvollen Impfstoff anbelangt. Und Biden ist Präsident, von daher sehe ich auch Entspannung an der internationalen Handelsfront, so dass ich sagen würde: Es sind die Zeichen tatsächlich sehr positiv. Wir haben ja auch schon einen kleinen Vorgeschmack bekommen vor ein paar Wochen, als das Unternehmen Biontech diese hervorragenden Testergebnisse verkündet hat, was die Wirksamkeit ihres Impfstoffes anbelangt, da haben die Märkte ja geradezu einen Sprung nach oben gemacht. Und so kann ich mir durchaus für 2021 vorstellen, dass die Märkte geradezu nach oben wollen. Wenn solche guten Nachrichten kommen, bin ich schon recht positiv für die Märkte eingestellt. Auch von der ökonomischen Seite her würde ich sagen: Wir werden starke Wachstumsimpulse sehen. Althoff: Das waren ja jetzt ganz schön viele Prognosen auf einmal für 2020: Trump Präsident, gute Marktentwicklung vorhergesagt. Wie passt denn das damit zusammen, dass die Quirin Privatbank eigentlich prognosefrei unterwegs ist? May: Tja, das ist immer ein alter Diskussionspunkt, ein ewiger Streit, den wir haben. Wenn ich ehrlich bin: Ganz genau genommen sind wir eigentlich nicht wirklich prognosefrei, denn wir gehen ja auch davon aus, dass die Märkte letztlich ihre Anleger entlohnen. Wir sprechen in diesem Zusammenhang von Risikoprämien. Das heißt, wenn wir von positiven Renditen und von positiven Wertentwicklungen ausgehen, unterstellen wir ja eigentlich auch schon eine Art Prognose. Nur machen wir nicht das, was üblicherweise die meisten unserer Wettbewerber machen, nämlich das, was man in der Wissenschaft sogenannte Punktprognosen nennt. Also: Wo steht der DAX am Ende des Jahres 2021? Diese Dinge. Wir gehen natürlich von positiven Wertentwicklungen aus für die Finanzmärkte. Dafür gibt es ja auch gute Gründe. Die Funktionsweise des Wirtschaftssystems hängt letztlich davon ab. Und wenn man so will, kann man das auch als Prognose bezeichnen, aber wie gesagt machen wir keine Punktprognosen. Und insbesondere setzen wir nicht die Vermögen unserer Kunden dem Risiko irgendwelcher Szenarien, irgendwelcher kurz- oder mittelfristigen Prognosen, aus. Althoff: Wenn ich dich nach dem heißen Tipp für die Branche des Jahres oder sogar das Unternehmen des Jahres fragen würde, dann bekomme ich vermutlich keine Antwort von dir? May: Ja, lieber Dirk, ich habe dazu eine Meinung – aber ich sage sie dir nicht. Und zwar aus einem einfachen Grund: Sie widerspricht all dem, wofür unsere Anlagestrategie steht. Ich glaube, es ist wirklich schädlich für die Kunden, für Anleger, auf solche heißen Einzeltipps zu setzen. Das verhindert nicht, dass man doch persönlich mal den einen oder anderen Verdacht hat, aber ich würde niemals mein Geld oder das Geld meiner Kunden auf solches Risiko setzen.
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Althoff: Weil das Risiko letztlich zu groß ist? May: Letztlich ist das Risiko nicht kalkulierbar. Die Beispiele sind ja Legionen, bei denen sich Leute die Finger verbrannt haben. In den Zeitungen liest man natürlich immer nur die Erfolgsstorys. Aber wie viele auf der Strecke geblieben sind, bleibt leider unerwähnt. Althoff: Also besser keine Zockerei, um es mal so auszudrücken. May: Definitiv.
Althoff: Aber ihr verändert trotzdem von Zeit zu Zeit die Zusammensetzung der Kundenportfolios. So auch im Juni dieses Jahres, da habt ihr das Herzstück der Vermögensverwaltung, den MarktBaustein, weiterentwickelt. Wieso war das denn notwendig? Und was haben die Kunden davon? May: Ja, das ist nun wirklich eine schwierige Frage, weil die Antwort Gefahr läuft, dass sie ein bisschen zu technisch wird. Aber ich versuche es trotzdem mal, den Kern dieser Änderungen rüberzubringen. Wie ich vorhin schon erwähnt habe, wollen wir das Vermögen unserer Kunden ganz bewusst nicht dem Risiko irgendwelcher Szenarien aussetzen, weil diese Szenarien eben schiefgehen können. Dann stellt sich natürlich die Frage: Was machen wir denn stattdessen? Unsere Antwort darauf ist: Wir wollen das Vermögen unserer Kunden breitestmöglich diversifiziert weltweit anlegen. Die Forschung sagt uns, dass das tatsächlich der beste Weg ist. Und unsere Weiterentwicklung bezieht sich nun auf die Frage: Was ist denn eigentlich die breitestmögliche Anlageform? Da gibt es durchaus Entwicklungen, auch in der Forschung, weshalb wir hier neue Faktorindizes in unseren Ansatz integriert haben. Denn wir wollen ja, bildlich gesprochen, das Weltportfolio in die Depots unserer Kunden bringen. Und die Frage ist: Wie gelingt uns das? Unser Weg besteht darin, dass wir, weil man im buchstäblichen Sinne nicht in das Weltportfolio investieren kann – das wären ja alle Aktien, die überhaupt verfügbar sind –, dass wir also den Weg über sogenannte Faktorindizes gehen. Und im Kreis dieser Indizes sind eben nun zwei neue hinzugetreten, nämlich der sogenannte Momentumfaktor und der sogenannte Low-Vol-Faktor, und die ergänzen nun den Reigen der Faktorindizes, in
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deren Rahmen wir investieren. Die Kernbotschaft bleibt aber unverändert, nämlich: Wir wollen in die Depots der Kunden die Weltwirtschaftskraft integrieren, präsentiert durch das, was man sowohl in der Wissenschaft wie auch in der Praxis das Marktportfolio nennt. Althoff: Wenn man aktuell die Zeitungen und Zeitschriften aufschlägt, dann liest man sehr oft: Kauf einen ETF auf den MSCI World, dann hast du die Weltwirtschaft in deinem Depot. Wäre das nicht viel einfacher, wenn ich dem Glauben schenke? May: Das ist immer das große Missverständnis. Wir haben eindeutige Untersuchungsergebnisse, die uns zeigen, dass einzelne Indizes oder auch zu wenige einzelne Indizes eine zu starke Schwerpunktsetzung in bestimmten Bereichen haben. Wenn du die aktuelle Situation nimmst: Der von dir erwähnte Morgan Stanley Capital International (MSCI) Index ist derzeit ein schönes Beispiel. Der hat momentan eine ganz, ganz starke Übergewichtung im Technologiesektor. Das mag derzeit gut laufen, aber wir wissen nicht, ob es auch so weiterläuft, und das Risiko ist sehr groß, dass dieser Sektor auch mal eins gewaltig auf die Mütze bekommt. Dann sind die Verluste größer, als sie sein müssten. Das heißt, solche ganz bewussten Schwerpunktsetzungen, die man mit einzelnen Indizes nicht vermeiden kann, wollen wir aus den Depots heraushalten. Althoff: Und das macht ihr wissenschaftlich? Du bist ein Mann der Wissenschaft. Was muss ich mir unter „Finanzmarktforschung“ vorstellen? Ist da nicht schon alles erforscht? Ändern sich Forschungsstände denn immer wieder? May: Na ja, alles erforscht, das ist so eine Sache. Ich möchte mal eine zweigeteilte Antwort geben: Es gibt gewisse Grundprinzipien. Die verändern sich nicht. Und die verändern sich auch nicht in neueren Forschungsergebnissen. Man kann natürlich frei nach James Bond sagen: Niemals nie. Wir wissen es natürlich nicht, aber momentan sieht es so aus – dazu sind ganze Bibliotheken vollgeschrieben worden –, als würde der Grundsatz, dass die Wertentwicklung an den Märkten nichts anderes ist als eine Risikoprämie für das Eingehen sogenannter systematischer Risiken, Bestand haben – auch über verschiedene Marktzyklen hinweg. Der zweite Teil meiner Antwort bezieht sich dann auf die Details, zum Beispiel: Wie können wir das Marktportfolio in die Kundenportfolios holen? Wie konkret mithilfe welcher Methoden und Instrumente? Da verändert sich laufend etwas, denn es verändern sich ja auch die Märkte. Sie verändern sich in ihrer Zusammensetzung, und insofern wäre es ein Wunder, wenn sich an der wissenschaftlichen Front nichts verändern würde. Ein wichtiger Punkt, den ich auch rüberbringen möchte: Unsere Kunden sollten sich das Anlagekonzept unserer Bank nicht so vorstellen, als sei das einmal monolithisch festgesetzt und ein für alle Mal zementiert, sondern wir bleiben am Puls der Zeit, wir rezipieren die laufende Forschung, und wenn da was Relevantes dabei ist, dann werden wir es integrieren. Althoff: Also ist Wissenschaft eher ein Prozess als das Feststellen eines Status quo, für den man nur noch Belege finden muss? May: Ja, das kann man so sagen. Das hat ja jetzt auch die breitere Öffentlichkeit mitbekommen. Stichwort Corona. Da haben die Leute jetzt auch gelernt, dass es zumindest in der Virologie nicht die ewigen Weisheiten gibt, sondern durchaus auch unterschiedliche Positionen, auf der anderen Seite aber auch ein festgefügtes Wissen, über das sich alle einig sind. Althoff: Wir sind hier in einem Format, das „Mays Logbuch“ heißt. Da veröffentlichst du alle vierzehn Tage zusammen mit deinem Team einen Artikel zu einem bestimmten Thema. Wir haben uns jetzt mal die Bestenlisten dieses Jahres angeguckt. Eines der beliebtesten Logbücher trug den etwas kryptischen Titel „Von Bullen, Bären und Delfinen“. Worum ging’s denn da?
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May: Das fand ich eine lustige Geschichte, aber mit den Lorbeeren darf ich mich nicht selber bekränzen, weil das auf unseren Chefvolkswirt Philipp Dobbert zurückging. Der Hintergrund dieses kleinen Artikels war der, dass es, wie man ja weiß, an den Märkten diese prototypischen Tiere gibt: den Bären, der mit seinen Tatzen die Kurse nach unten schlägt und für fallende Kurse steht, und auf der anderen Seite den Bullen, der die Kurse auf seine Hörner nimmt und nach oben wirft. Und entsprechend gibt es auch zwei Anlegertypen: die eher Bullischen und die eher negativ Gestimmten. Der Vorschlag von Philipp Dobbert bestand nun darin, zu sagen: Wir nehmen noch ein drittes Tier in den Reigen auf, nämlich den Delfin, der so schlau ist, dieses Spielchen mit Auf und Abs nicht mitzumachen, sondern die Wellen der Börse durchtaucht. Daher das Bild des Delfins.
Althoff: Die Logbücher findet man alle auf der Website der Quirin Privatbank. Jeder, der Interesse hat, kann sie da nachlesen. Zum Abschluss vielleicht noch mal ein kleiner Blick hinter die Kulissen. Du bist Professor an der Technischen Hochschule in Ingolstadt und Leiter des Anlagemanagements der Quirin Privatbank. Das klingt für mich nach zwei Full-Time-Jobs. Wie bringst du das unter einen Hut? May: Ja, das ist wirklich ein spannender Punkt. Ich bin ja Professor für Finanzmarktanalyse und Portfoliomanagement. Und es gibt vermutlich keinen Bereich in der gesamten Wirtschaftswissenschaft, der eine engere Verzahnung zwischen Theorie und Praxis aufweist als mein Forschungs- und Lehrgebiet. Das heißt, ich beschäftige mich seit über zwanzig Jahren mit der Finanzmarktforschung und vertrete sie auch in der Lehre. Und auf der anderen Seite gibt es eben die Quirin Privatbank, die sich vor über sieben Jahren zu einer konsequent wissenschaftlichen Anlagephilosophie durchgerungen hat. Von daher ist es für ein Haus wie die Quirin Privatbank sinnvoll gewesen, so jemanden wie mich an Bord zu holen, der eben dieses evidenzbasierte Anlagekonzept sowohl nach außen als auch nach innen, ich hoffe zumindest, glaubwürdig vertritt. Das ist die eine Seite, und die andere Seite ist die Hochschule. Im Rahmen meiner Lehrtätigkeit muss ich den Studenten oftmals schwere Kost zumuten, wirklich anspruchsvolle Theorien, die sie verstehen müssen. Und da erhöht es die Akzeptanz seitens der Studierenden ganz enorm, wenn man in der Lage ist, als Person glaubwürdig zu vertreten, dass das, was man versucht ihnen beizubringen, nicht ein reines Glasperlenspiel ist, sondern tatsächlich auch Hand und Fuß hat und in der Praxis umgesetzt wird. Persönlich möchte ich noch
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anfügen: Die Kombination aus beidem und die damit verbundene Arbeit, sowohl in der Bank als auch an der Hochschule, ist etwas, das wahnsinnig hohe Synergieeffekte aufweist und mir einen unglaublichen Spaß macht. Althoff: Und ganz zum Schluss noch etwas Persönliches. Weihnachten steht vor der Tür, deshalb die Frage an dich: Wie planst du, das Fest zu verbringen? May: Eigentlich ganz normal wie immer. Wir haben zwei Kinder, die sind beide erwachsen und wollen uns gerne besuchen. Und wir freuen uns natürlich riesig und werden im kleineren familiären Kreis das Fest begehen. Althoff: Vielen Dank für die interessanten Einblicke, Stefan.
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Über die Quirin Privatbank Die Quirin Privatbank ist die erste Honorarberaterbank Deutschlands und als unabhängiger Anlageberater bei der BaFin (Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht) registriert. Das Geschäftsmodell ist darauf ausgerichtet, Anleger fair und transparent zu beraten. Hierzu gehören komplette Kostentransparenz und die Rückvergütung aller offenen und versteckten Provisionen. 2006 gegründet, betreut das Institut mittlerweile über 10.000 Kunden in Deutschland mit einem verwalteten Vermögen von mehr als vier Milliarden Euro.
Quirin Privatbank AG Kurfürstendamm 119 10711 Berlin T +49 (0)30 890 21-300 F +49 (0)30 890 21-301 www.quirinprivatbank.de info@quirinprivatbank.de
Die Honorarberatung der Quirin Privatbank löst den Interessenkonflikt herkömmlicher Bankberater, die oft verkaufen müssen, was die höchste Provision bringt. Die Quirin Privatbank lässt sich dagegen direkt vom Kunden bezahlen und muss daher keine hauseigenen Produkte vertreiben. Sie ist unabhängig in der Beratung und empfiehlt ausschließlich für den Anleger wirklich geeignete und kostengünstige Produkte. Die 100%ige Tochter quirion wurde 2013 gegründet und ist Deutschlands beste digitale Geldanlage.* Sie ermöglicht einen professionellen Vermögensaufbau bereits ab 1.000 Euro Anlagesumme – einfach und bequem von zu Hause. Die beiden Unternehmen bieten eine neue Dimension der Beratung und verbinden digitale Geldanlage mit persönlicher Beratung – ein in Deutschland einzigartiges Angebot.
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VON KUNDEN EMPFOHLEN
Auch in der Vermögensverwaltung verfolgt die Quirin Privatbank innovative Ansätze. Unter dem Titel „Markt – Meinung – Wissen“ wurde gemeinsam mit dem Kapitalmarktforscher Professor Dr. Stefan May ein wissenschaftlich fundiertes Konzept entwickelt, mit dem sich Anleger systematisch die Rendite des Marktes sichern – frei von Prognosen und Spekulation. Das ergänzende Portfolio „Verantwortung“ ermöglicht eine nachhaltige Geldanlage, die ebenfalls in den breiten Markt investiert. Dadurch müssen Anleger langfristig nicht mehr Risiken eingehen und auf Rendite verzichten. Die Vermögensverwaltung wurde bereits mehrfach als „herausragend“ ausgezeichnet, Kunden empfehlen das Institut überdurchschnittlich oft und gerne weiter.
* quirion ist Testsieger bei Stiftung Warentest (Finanztest 8/2018).
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BESTE BANK FÜR GELDANLAGE
Geprüfte Kundenbewertungen Februar 2020 - www.whofinance.de
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klug anlegen. be er leben.
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