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Mission im Kontext: Verwandlung, Versöhnung, Bevollmächtigung

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Mission im Kontext Verwandlung Versöhnung Bevollmächtigung Ein Beitrag des LWB

Lutherischer Weltbund

zu Verständnis und

– eine Kirchengemeinschaft

Praxis der Mission

Abteilung für Mission und Entwicklung


MISSION IM KONTEXT: Verwandlung, Versöhnung, Bevollmächtigung Ein Beitrag des LWB zu Verständnis und Praxis der Mission Parallelausgaben in englischer, französischer und spanischer Sprache

Übersetzung und Revision: Christian Maarten Fabini, Ursula Gassmann, Abteilung für Mission und Entwicklung, Büro für Kommunikationsdienste Theologische Beratung für die deutsche Ausgabe: Pfr. Hannes Gänssbauer Layout und Einbandgestaltung: Barbara Robra Formatierung: Büro für Kommunikationsdienste Veröffentlicht von: Lutherischer Weltbund Abteilung für Mission und Entwicklung 150 Route de Ferney Postfach 2100 CH-1211 Genf 2 Schweiz © 2005 Lutherischer Weltbund Gedruckt in der Schweiz ISBN 3-905676-39-7


Inhaltsverzeichnis Vorwort Dank Einleitung 1. Kontexte der Mission 1.1. Missionarische Kontexte erkennen und benennen 1.2. Hilfen zum Verstehen des Kontextes 1.3. Globale Realitäten im Wandel und ihre Auswirkung auf globale und örtliche Kontexte 1.3.1. Die komplexen Auswirkungen der Globalisierung 1.3.2. Technologie 1.3.3. Gesundheit 1.3.4. Gewalt in der Welt 1.3.5. Religion, Kultur und Politik 1.4. Kontext und Theologie

2. Theologie der Mission 2.0. Einleitung 2.1. Gottes Mission 2.1.1. Gottes Mission: Schöpfung 2.1.2. Gottes Mission: Erlösung 2.1.3. Gottes Mission: Heiligung 2.2. Die Kirche in ihrer Mission 2.2.1. Mission gehört zum Wesen der Kirche - Mission und die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche - Mission und die Katholizität der Kirche - Mission und Kirche als communio und ökumenische Gemeinschaft 2.2.2. Mission wird durch das Wort bevollmächtigt und vom Geist geleitet

MISSION IM KONTEXT


2.3. Theologische Dimensionen der Mission 2.3.1. Mission als Verwandlung, Versöhnung und Bevollmächtigung - Verwandlung - Versöhnung - Bevollmächtigung 2.3.2. Mission als ganzheitliche und kontextbezogene Praxis - Verkündigung und Dienst - Rechtfertigung und Gerechtigkeit - Erlösung und Heilung - Mission und interreligiöser Dialog 2.4. Theologie, Kontext und Praxis

3. Praxis der Mission 3.1. Die ganze Kirche steht in der Mission 3.2. Missionarische Kirche in Aktion 3.2.1. Eine bekennende Gemeinschaft - Eine anbetende Gemeinschaft - Eine zurüstende Gemeinschaft - Eine verkündigende Gemeinschaft - Eine dienende Gemeinschaft - Eine heilende Gemeinschaft 3.2.2. Eine oikumene-Gemeinschaft - Ökumenisches Engagement - Engagement im Dialog - Wirtschaftliches Engagement - Ökologisches Engagement 3.3. Neue Herausforderungen und Chancen der Mission 3.3.1. Mission bis ans „Ende der Erde“ 3.3.2. Mission und Informationstechnologie 3.3.3. Ressourcen für die Mission 3.3.4. Missionarische Pilgerreise

Abschliessende Bemerkungen

MISSION IM KONTEXT


VORWORT In unserer heutigen Zeit ist es absolut notwendig, dass jede Institution ihre Zweckbestimmung so klar wie möglich artikuliert. Die raschen Veränderungen, die komplexe Umstellungen in allen Bereichen unserer Gesellschaften mit sich bringen, erfordern eine solche kontinuierliche Selbstdefinition und Neubestimmung. Die Kirche ist der Leib Christi, gegründet um an Gottes Plan für die Welt mitzuwirken (Johannes 3,16). Das vorliegende Dokument des Lutherischen Weltbundes, „MISSION IM KONTEXT. Verwandlung, Versöhnung und Bevollmächtigung. Ein Beitrag des LWB zu Verständnis und Praxis der Mission“, ist ein Beitrag zur fortwährenden ökumenischen Neubestimmung dessen, was es bedeutet, in unserem sich ständig verändernden Kontext Kirche zu sein. Das Dokument stützt sich auf die Erfahrung von Kirchen, Missionaren und Missionarinnen, Studierenden, Laien, Kirchenvertretern und Kirchenvertreterinnen in den verschiedenen Lebensphasen der lutherischen Gemeinschaft. Dabei erhebt es keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern ermutigt Einzelne und Gemeinden, das Gelesene aus ihrer eigenen Perspektive in den jeweiligen Kontext zu stellen. Ich empfehle es Ihnen – allen Getauften in Kirche und Gesellschaft. Pfr. Dr. Ishmael Noko Generalsekretär Lutherischer Weltbund

MISSION IM KONTEXT


Vorwort zur deutschen Fassung Die Erstellung der deutschen Fassung des Missionsdokumentes des LWB hat weitere Bear­beitungsschritte nötig gemacht, in denen zunächst grundlegend die Übersetzung der zentralen Begriffe des Dokumentes diskutiert wurde. In seiner Sitzung im April 2005 hat der Ausschuss für Kirchliche Zusammenarbeit in Mission und Dienst (AKZMD) im Auftrag des Deutschen Nationalkomitees mit dem Direktor der Abteilung für Mission und Entwicklung des LWB die bis dahin vorliegenden Übersetzungsvorschläge erörtert. Eine gemeinsame Redaktionsgruppe wurde danach beauftragt, die endgültige deutsche Fassung zu erarbeiten. Für die Übersetzung der drei Kernbegriffe des Dokumentes „transformation“, „reconciliation“ und „empowerment“ wurden folgende Lösungen gefunden: Für „transformation“ wurde der Begriff „Verwandlung“ gewählt, entsprechend der bisherigen Begriffsübersetzung von „trans­formation“ in Texten des LWB und des Ökumenischen Rates der Kirchen. Die Übersetzung von „reconciliation“ als „Versöhnung“ stellte kein Problem dar. Um so mehr Fragen warf die Übertragung des Begriffs „empowerment“ auf. Die Entscheidung fiel schließlich zugunsten des Wortes „Bevollmächtigung“. Hierin wird am ehesten der biblische Begriff der „Voll­macht“ („exousia“) aufgenommen, die Jesus selbst ausübte und an seine Jünger weitergab. Ein weiterer zentraler Begriff ist „accompaniment“, der im folgenden mit „Weggemeinschaft“ wiedergegeben wird. Der deutsche Begriff nimmt das Motiv des für das Missionsdokument grundlegenden biblischen Textes auf, der Gemeinschaft Jesu mit den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus (Lukas 24). Die Redaktionsgruppe hat sich um eine möglichst textgetreue Übersetzung bemüht, sich an einigen Stellen jedoch um der Lesbarkeit willen für eine freiere Übertragung entschieden. Wir wünschen dem Dokument eine weite Verbreitung und gute Aufnahme unter allen deutschsprachigen Lesern und Leserinnen. Möge es dazu dienen, unseren Auftrag in Gottes Mission verantwortungsvoll wahrzunehmen. Pfr. Dr. Kjell Nordstokke Direktor der Abteilung für Mission und Entwicklung des Lutherischen Weltbundes (LWB) Pfr. Dr. Hermann Vorländer Vorsitzender des Ausschusses für Kirchliche Zusammenarbeit in Mission und Dienst (AKZMD) der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) und des Deutschen Nationalkomitees des Lutherischen Weltbundes (DNK/LWB)

MISSION IM KONTEXT


DANK

Aufgrund einer Empfehlung der LWB-Missionskonsultation, die im Oktober 1998 in Nairobi (Kenia) stattfand, gab der LWB-Rat im Juni 1999 anlässlich der Tagung in Bratislava (Slowakei) seine Zustimmung zur Überarbeitung des 1988 erschienenen LWB-Missionsdokuments Gottes Mission als gemeinsame Aufgabe. Ein Beitrag des LWB zum Verständnis von Mission. 2000 wurde dazu ein Ad-hoc-Team gebildet mit Vertretern und Vertreterinnen der LWB-Mitgliedskirchen in den sieben Regionen (Äthiopische Evangelische Kirche Mekane Yesus, Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche in Indien, Lutherische Kirche in Singapur, Evangelische Kirche Lutherischen Bekenntnisses in Brasilien, EvangelischLutherische Kirche in Ungarn, Evangelisch-Lutherische Kirche Finnlands, Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern), Missionsabteilungen bzw. -gesellschaften (Schwedische Kirche/Internationale Mission und Diakonie, Evangelisch-Lutherische Kirche in Amerika/Abteilung für Weltmission, Deutsches Nationalkomitee (AKZMD), Finnische evangelischlutherische Mission) sowie Partnerorganisationen für Entwicklungshilfe (Brot für die Welt/Deutschland, Lutheran World Relief/Kanada). Fünf Mitglieder des Teams bildeten eine Kerngruppe und übernahmen die Verantwortung für die Formulierung des Entwurfs. Das Team tagte zum ersten Mal 2000 und danach jährlich bis 2003, um die Arbeit der Kerngruppe zu besprechen, deren Treffen in kürzeren Abständen stattfanden. Die Ergebnisse einer Missionskonsultation in Berlin im März 2001 mit Theologen und Theologinnen, Missionaren und Missionarinnen und ökumenischen Partnern auf der Suche nach neuen Orientierungen für das Verständnis und die Praxis der Mission im 21. Jahrhundert beflügelten und ermutigten die Kerngruppe. Der erste Entwurf (A) wurde dem Programmausschuss für Mission und Entwicklung bei seiner Sitzung 2002 zur Diskussion und Stellungnahme vorgelegt und daraufhin an die Mitgliedskirchen, theologischen Institute, Missionsabteilungen und -gesellschaften sowie Partnerorganisationen weitergegeben, um zusätzliche Anregungen und Kommentare zu erhalten. Eine überarbeitete Fassung (B) wurde anschliessend mit Teilnehmenden der regionalen Vorbereitungskonsultationen und der Zehnten Vollversammlung des LWB besprochen. Weitere Anmerkungen wurden von Kirchen und Einzelpersonen eingebracht und so weit wie möglich in den dritten Entwurf (C) eingearbeitet. Entwurf C wurde im September 2004 anlässlich der Sitzung des LWB-Rats in Genf in allen Programmausschüssen besprochen und vom Rat zur Rezeption freigegeben mit der Auflage, die Reaktionen und zusätzlichen Anregungen seitens der Programmausschüsse so weit wie möglich einzuarbeiten. Drei Mitglieder des Programmausschusses für Mission und Entwicklung, die mit der Begleitung der redaktionellen Arbeit betraut wurden, autorisierten die endgültige Fassung. Es war ein langer und bereichernder Prozess! Viele Kirchen, Organisationen und Personen haben an der Erstellung dieses Dokuments mitgewirkt: im Rahmen von inhaltlicher Konzeption und Planung, Textentwürfen, Anmerkungen, Formulierungen und Umformulierungen, Bearbeitung, Planung der Veröffentlichung, Layout, Druck, Verbreitung usw. Die gesamte Communio war beteiligt!

MISSION IM KONTEXT


Ich möchte diese Gelegenheit wahrnehmen, um den Mitgliedern des Ad-hoc-Teams, der Kerngruppe, den Teilnehmenden der Missionskonsultation 2001 meine tiefe Anerkennung für ihre ausgezeichnete Arbeit auszusprechen und allen Kirchen, Instituten, Organisationen und Einzelpersonen zu danken, die ihre Anregungen und Anmerkungen eingebracht haben, um das Dokument zu verbessern. Ebenso gilt mein Dank den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen des LWB, die lange und hart an der Ausformung dieses Textes gearbeitet haben, um ihm die Gestalt zu verleihen, in der er heute vorliegt. Mögen wir alle Freude und Frieden in der Gewissheit finden, dass Gott durch dieses Dokument kraftvoll wirken wird – um seiner Mission für die ganze Schöpfung willen. Pfr. Dr. Péri Rasolondraibe, Direktor der Abteilung für Mission und Entwicklung (1995 - 2005) Verantwortlich für die redaktionelle Koordination

MISSION IM KONTEXT


einleitung


Einleitung

Das Missionsdokument des Lutherischen Weltbunds (LWB) von 1988, Gottes Mission als gemeinsame Aufgabe: Ein Beitrag des LWB zum Verständnis von Mission, brachte ein ganzheitliches Missionsverständnis zum Ausdruck. In diesem Text wurde die Ortsgemeinde als die Zeugin beschrieben, die Gottes Mission in verschiedene Bereiche hineinträgt: in den religiösen, ideologischen, soziologischen, politischen, wirtschaftlichen, geographischen und demographischen Bereich. Dazu heisst es im Missionsdokument: „Die Verkündigung des Evangeliums, zum Glauben an Jesus Christus zu rufen und Glieder der neuen Gemeinschaft in Christus zu werden, die Teilnahme an der Arbeit für den Frieden und die Gerechtigkeit sowie an dem Kampf gegen alle versklavenden und inhumanen Kräfte sind deshalb ein integraler Bestandteil der Mission der Kirche. Alle diese Aktivitäten weisen auf die Realität der Herrschaft Gottes hin und auf [deren] letztgültige Verwirklichung am Ende der Geschichte.“ (LWB-Dokumentation Nr. 26, 1989, S. 10). Das theologische Verständnis und die Überzeugung, dass die Mission der Kirche aufgrund ihrer Teilhabe an der Mission Gottes eine ganzheitliche Mission ist, wurden auf der Achten und Neunten Vollversammlung des LWB in Curitiba (1990) und Hongkong (1997) weiter entwickelt. Dieses Verständnis wurde auch von der Zehn-

© CAM Barbara Robra

ten Vollversammlung in Winnipeg (2003) nachdrücklich bekräftigt, in deren Botschaft es heisst: „Unsere Teilhabe an der Mission des dreieinigen Gottes umfasst drei miteinander verknüpfte Dimensionen, Diakonie, Verkündigung und Dialog, die integraler Bestandteil der Mission der Kirche sind.“ Das vorliegende Dokument widmet sich dem Verständnis und der Praxis ganzheitlicher


Mission in den LWB-Mitgliedskirchen, um zur Diskus-

Zielsetzung dieses Dokuments ist:

sion und Vertiefung dieses Verständnisses beizutragen

• lutherischen Kirchen in der ganzen Welt zu helfen, sich

– im Sinne einer Mission, die verwandelt, versöhnt und

der Mission Gottes in der Welt und der Rolle der Kirche

bevollmächtigt.

als Leib Christi bei dieser Mission stärker bewusst zu werden.

Die 1998 in Nairobi veranstaltete Missionskonsultation

• als Werkzeug zu dienen, um lutherische Kirchen in

des LWB bekräftigte diese ganzheitliche Auffassung und

ihrer Selbstprüfung und der Erneuerung ihrer Mission

Praxis der Mission als Teil der lutherischen Identität.

im jeweiligen Kontext zu begleiten. Dies bedeutet, die

Gleichzeitig bekräftigte die Konsultation die Aussage des

Kirche auf allen Ebenen (Gemeinde, Land und Region)

Missionsdokuments von 1988 und stellte fest:

sowie ihre Partnerorganisationen zu ermutigen, ihre Verantwortung für die Mission zu überdenken, und gleich-

Mission umfasst Verkündigung, Dienst und Eintreten für

zeitig ihre Bestrebungen zu unterstützen, neue Verste-

Gerechtigkeit. Mission als Verkündigung ist das Bemühen

hensweisen ihrer heutigen und zukünftigen Teilhabe an

jedes Christen und jeder Christin, das Evangeliums in sei-

Gottes Mission zu suchen.

nem/ihrem eigenen Kontext so weiter zu sagen, dass Gottes Heilshandeln und sinngebende Gegenwart in der Welt

Dieses Dokument möchte das Selbstverständnis der Kir-

erkennbar wird. Mission als Dienst hebt die diakonische

che als missionarische Kirche stärken und vertiefen und

Dimension eines in der Liebe tätigen Glaubens hervor, der

ihr helfen, es in die Praxis umzusetzen. Im Englischen

sich für die Bevollmächtigung und Befreiung notleidender

wird der (in der Alltagssprache unübliche) Begriff „mis-

Menschen engagiert. Mission als Eintreten für Gerechtig-

sional“ seit mehreren Jahren für die Kennzeichnung der

keit meint ein Handeln der Kirche in der Öffentlichkeit,

Mission als Wesensmerkmal der Kirche verwendet, wäh-

durch das die Würde menschlichen Lebens, und zwar im

rend der Begriff „missionary“ die Mission als Tätigkeit

Blick auf den/die Einzelne/n wie die Gemeinschaft, so-

der Kirche beschreibt. Für eine missionarische Kirche

wie ein umfassendes Gerechtigkeitskonzept für Wirtschaft,

steht die Teilhabe an Gottes Mission im Zentrum ihres

Gesellschaft und Umwelt immer wieder neu bezeugt wird

Selbstverständnisses als Kirche.

(Bericht, S. 20). Die Kirche hat den Auftrag, die eschatologische WirklichDie Konsultation betrachtete Verwandlung als wichtiges

keit des anbrechenden Gottesreiches durch Leben, Tod

Gebot für die Mission. Dieses Verständnis von Mission

und Auferstehung Jesu Christi zu verkündigen, daran

als Verwandlung – sowohl des Einzelnen als auch der

teilzuhaben und sich in der Hoffnung auf ihre endgültige

Gesellschaft – vertieft die bevollmächtigende Dimensi-

Erfüllung für Verwandlung, Versöhnung und Bevollmäch-

on des Dienstes im Sinne der Diakonie. Mission als Ver-

tigung einzusetzen.

wandlung fordert die Kirche dazu heraus, sich selbst zu verändern, um ein Werkzeug der Veränderung in der Welt zu sein.

Ein biblisches Missionsmodell

Ausserdem forderte die Konsultation eine Überarbei-

Mehrere biblische Geschichten bieten Modelle für das

tung des Missionsdokuments von 1988, um die Heraus-

Missionsverständnis und die Missionspraxis der Kirche.

forderungen und Chancen des 21. Jahrhunderts besser

Ein Modell bietet die Vision des Hesekiel (Hesekiel 37);

zu berücksichtigen. Dieser neue Text baut also auf dem

ein weiteres ist in Jesu Verkündigung seiner Mission in

Fundament des LWB-Missionsdokuments von 1988 auf

Nazareth zu finden (Lukas 4). Es gibt kein Modell, das

und bietet einen neuen hermeneutischen Ansatz zum

für sich allein alle Fragen klärt. Jedes Modell bietet He-

Verständnis der Mission, der die theologischen Grundla-

rausforderungen und Möglichkeiten. Für dieses Doku-

gen für das Missionsverständnis und die Missionspraxis

ment wurde die Begegnung auf dem Weg nach Emmaus

dieses Jahrhunderts festigen will.

ausgewählt (Lukas 24,13-49) als ein Modell, aus dem sich

MISSION IM KONTEXT


© CAM Barbara Robra

ein spiralförmiger hermeneutischer Ansatz ableiten lässt,

Dieses Dokument beginnt entsprechend dem Emmaus-

der die Wechselwirkung zwischen Kontexten, Theologie

weg-Modell mit einem Abschnitt, in dem es darum geht,

und Praxis widerspiegelt. Gegenwärtig wird es auch als

die missionarischen Kontexte zu benennen und zu ana-

das beste Modell zur Veranschaulichung der Mission als

lysieren. Im zweiten Teil wird die Theologie der Mission

Weggemeinschaft betrachtet.

erörtert, und der dritte Teil konzentriert sich auf die Praxis der Mission. Mission als Verwandlung, Versöhnung

Nachdem ihnen so die Augen für das anbrechende Reich Gottes geöffnet wurden, gehen die Jünger hinaus. Verwandelt durch diese Begegnung und erfüllt von der versöhnenden Gegenwart Christi sind sie nun bevollmächtigt, diese frohe Botschaft in ihrer Gemeinde und an andere Menschen weiterzugeben.

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Die missionarische Begegnung

und Bevollmächtigung entspricht eher einer hermeneu-

beginnt damit, dass Jesus mit

tischen Spirale als einem linearen Ansatz und gründet

den Jüngern auf dem Weg nach

auf der Auffassung, dass Mission vom Kontext geprägt

Emmaus mitgeht. Er nimmt

ist. Dies bedeutet, dass die frohe Botschaft den Men-

an ihrem Schmerz Anteil und

schen nur in ihrem eigenen Kontext und nur durch Wor-

hört ihnen zu, als sie ihre Ge-

te und Taten, die im jeweiligen Kontext verwurzelt sind,

schichte erzählen (Vers 18).

wirksam vermittelt werden kann. Das Konzept der her-

Anschliessend legt Jesus die

meneutischen Spirale meint, dass die Kirche ihre The-

Schrift aus, vermittelt den

ologie in Wechselwirkung mit dem Kontext entwickelt

Jüngern ein theologisches Ver-

und sich dabei bewusst auf die Inkarnation bezieht. Eine

ständnis

Heilshandelns

solche kontextbezogene Theologie fördert und nutzt

Gottes in der Geschichte und

ihrerseits Formen der Missionspraxis, die mit dem Kon-

des

offenbart ihnen im Brotbre-

text in Wechselwirkung treten und ihn verwandeln. So

chen die Gegenwart des Aufer-

wird die Kirche immer wieder vor die Herausforderung

standenen in ihrer Mitte. Nach-

gestellt, ihren sich verändernden Kontext anhand ihrer

dem ihnen so die Augen für das

Theologie und Praxis neu in den Blick zu nehmen, um

anbrechende Reich Gottes geöffnet wurden, gehen die

den Kontextbezug der Theologie zu vertiefen und die

Jünger hinaus. Verwandelt durch diese Begegnung und

jeweilige Praxis neu auszurichten. Wie in dem Beispiel

erfüllt von der versöhnenden Gegenwart Christi sind sie

des Weges nach Emmaus erfüllt die Kirche ihre Mission,

nun bevollmächtigt, diese frohe Botschaft in ihrer Ge-

indem sie Menschen in der Komplexität ihres jeweiligen

meinde und an andere Menschen weiterzugeben.

Kontextes begleitet.

MISSION IM KONTEXT


Teil 1

KONTEXTE DER MISSION Und siehe, zwei von ihnen gingen an demselben Tage in ein Dorf, das war von Jerusalem etwa zwei Wegstunden entfernt; dessen Name ist Emmaus. Und sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten. Und es geschah, als sie so redeten und sich miteinander besprachen, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen. Aber ihre Augen wurden gehalten, daß sie ihn nicht erkannten. Er sprach aber zu ihnen: Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs? Da blieben sie traurig stehen. Und der eine, mit Namen Kleopas, antwortete und sprach zu ihm: Bist du der einzige unter den Fremden in Jerusalem, der nicht weiß, was in diesen Tagen dort geschehen ist? Und er sprach zu ihnen: Was denn? Lukas 24,13-19


Teil 1

KONTEXTE DER MISSION Wie Gottes Inkarnation im Rahmen eines bestimmten Kontextes geschah (Lukas 2,1-2), so geschieht Gottes Mission auch immer in einem bestimmten sozialen, ökonomischen, politischen, religiösen und kulturellen Umfeld. Die heutigen Kontexte sind natürlich andere als die in Judäa vor 2000 Jahren, doch der Anbruch des Gottesreiches ereignet sich auch in der heutigen Welt in konkreten Situationen. Daher erfordert Mission ein vom Gebet getragenes Erkennen der Zeichen der Zeit und ein vom Glauben bestimmtes Deuten der Kontexte. Eine wirksame situationsbezogene und ganzheitliche Mission erfordert, dass die Kirche die Kontexte auf lokaler und nationaler Ebene wahrnimmt, sie analysiert und dabei die Auswirkungen globaler und regionaler Faktoren auf das örtliche Umfeld berücksichtigt. Das vorliegende Dokument ist bestrebt, einige Aspekte globaler und regionaler Kontexte zu beleuchten, wobei die Ortskirchen aufgerufen sind, diesen Prozess für sich fortzusetzen und zu vertiefen.

1.1. Missionarische Kontexte erkennen und benennen Die Kontexte, in denen Menschen leben, prägen und beeinflussen ihr Verständnis der Welt, des Evangeliums und ihrer selbst. Deshalb kann die Kirche nicht davon ausgehen, dass ihre Sicht von Gott und Welt, von Mensch und Schöpfung allgemein gültig ist. Sie benennt ihre Kontexte, um in der Welt sein zu können, ohne von der Welt vereinnahmt zu werden (Johannes 17), und um jene Dinge und Menschen, die Gott verwandeln, versöh© CAM Barbara Robra

nen und bevollmächtigen möchte, in ihrem jeweiligen Umfeld zu erkennen. Die Benennung eines Kontextes besteht nicht einfach in der Aufzählung der Faktoren, die damit zusammenhängen. Um den Kontext verwandeln zu können, sind dessen Identifi-


KONTEXTE DER MISSION

TEIL 1

zierung, Analyse, Kenntnis und Kategorisierung notwendig.

Not, die nach dem Anbrechen der Gottesherrschaft in

Es geht um ein gemeinschaftliches Bemühen um Gespräch

Christus verlangt, wo Gerechtigkeit und Geborgenheit in

und Dialog, Zuhören und Reden, Handeln und Beobachten,

einer lebensspendenden Gemeinschaft herrschen. Die

Geben und Empfangen. Der wechselseitige Austausch ist

als Korrektiv wirkenden neuen Interpretationsmetho-

eine wesentliche Komponente, um das Umfeld der Missi-

den feministischer Theologie, die kreativen Beiträge der

on zu benennen und sich damit auseinander zu setzen.

Jugend und die Zeugnisse derer, die Gottes befreiende

Manchmal hilft eine Stimme von aussen der Kirche, ihren

Gegenwart und sein Wirken in ihrer Gemeinschaft erlebt

eigenen Kontext in einem neuen Licht zu sehen. Vor allem

haben, helfen der Kirche zu unterscheiden, wo in ihrem

Menschen, die an den Rand gedrängt sind, helfen der Kir-

Kontext Verwandlung, Versöhnung und Bevollmächti-

che, ihren Kontext auf neue Weise zu erschliessen und ih-

gung erforderlich sind.

ren Blick für das Wesentliche in der Mission zu schärfen. Wenn die Heilige Schrift im Kontext zur Sprache kommt, Anhand der Untersuchung ihres Kontextes kann die Kirche

schenkt sie uns eine neue Sicht auf die Welt und die in

unter anderem danach fragen, welche Situationen Verwand-

ihr geltenden Werte und Ideale. Wie Jesus, als er den Jün-

lung und/oder Heilung erfordern, in welchen Situationen es

gern auf dem Weg nach Emmaus die Schrift erschloss, so

um Konflikt und Versöhnung geht und welche Situationen

hilft die Heilige Schrift der Kirche, ihren eigenen Kontext

mit Machtmissbrauch oder Machtlosigkeit zu tun haben.

aus einer breiteren historischen Perspektive und aus der

Um Kontexte zu verstehen, ist es notwendig, die Realitäten

Perspektive

und Kräfte, die in der Welt wirksam sind, zu benennen, d. h.

Plans für die Welt zu beurtei-

des

göttlichen

sowohl die Kräfte des Bösen als auch die Kraft Gottes. Sün-

len. In ähnlicher Weise wirken

de, Zerstörung, zerbrochene Gemeinschaft und gestörte

auch theologische Texte und

persönliche Beziehungen sowie Umweltzerstörung zeigen

kirchliche Stellungnahmen zu

eine Lebensweise, wie sie nicht von Gott gewollt ist. Kon-

Themen wie Rechtfertigung,

texte sind jedoch auch Orte und Situationen, in denen Gott

Gnade, Wort und Sakramen-

sein verheissenes Reich schon jetzt entfaltet. Dies sind Orte,

te darauf, wie die Kirche ihre

wo Gottes Volk auf unterschiedliche Weise seiner Berufung

Kontexte aus einer neuen

nachkommt. Es sind auch Ereignisse, bei denen die frohe Bot-

Perspektive wahrnimmt. Der

Um Kontexte zu verstehen, ist es notwendig, die Realitäten und Kräfte, die in der Welt wirksam sind, zu benennen, d. h. sowohl die Kräfte des Bösen als auch die Kraft Gottes.

schaft verkündigt wird, wo die Stimmen der Unterdrückten

ökumenische Austausch und

gehört, Unrecht angesprochen und die Schöpfung und alle

die Ergebnisse des ökumenischen und interreligiösen Dia-

Menschen geheilt werden. In ihren Bemühungen, ihr Umfeld

logs bieten ebenfalls eine andere Perspektive und können

zu erkennen, ist die Kirche vor Fehlern nicht geschützt. Ein

neue oder klarere Einblicke in das Anbrechen des Gottes-

mangelndes Begreifen der Kontexte kann jedoch die Kirche

reiches in der Welt geben. Sie eröffnen gleichzeitig neue

zu der vorschnellen Annahme verleiten, dass die Dinge so

Möglichkeiten und Herausforderungen für die Mission,

sein sollten, wie sie nun einmal sind.

die bislang vielleicht nicht bewusst waren.

1.2. Hilfen zum Verstehen des Kontextes

Propheten und Prophetinnen in der Gesellschaft, innerhalb und ausserhalb der Kirche, beschreiben die Wirklichkeit verschiedener Kontexte. Dies können Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, Weise, engagier-

Es gibt in der Welt viele wichtige Stimmen, die die Kon-

te Frauen sein oder Menschen, die ihre Stimme in der

texte benennen und denen die Kirche sorgfältig und

Wüste des Lebens erheben. Sie können die Auffassungen

bewusst zuhören sollte. Die Schreie der Armen, der Un-

der Kirche in Frage stellen und die Kirche dazu heraus-

terdrückten, der Ausgegrenzten, der Vergessenen und

fordern, ihre Prioritäten und Ideale zu überprüfen. Auch

Verstummten verweisen auf die zerstörerische Über-

Gottes Schöpfung erhebt ihre Stimme: sie legt Zeugnis

heblichkeit der Mächtigen. Sie artikulieren die grosse

ab von der Herrlichkeit Gottes (Psalm 19), von einem

MISSION IM KONTEXT

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Gott, der sich daran erfreut, das Le-

Kirche vielmehr erkennen, wie ihr Umfeld ihr Leben und

ben der ganzen Schöpfung in seiner

Zeugnis beeinflusst. Sie kann dann auch danach fragen,

physischen, psychischen und spiri-

welche weiteren Faktoren für die Gestaltung des Kontextes

tuellen Dimension zu stärken. Die

von Bedeutung sind und wie diese Faktoren sowohl positi-

Schöpfung beklagt aber auch die

ve als auch negative Auswirkungen auf die Menschen ha-

Habgier und willkürliche Gewalt der

ben, die an Gottes Mission beteiligt sind.

Menschen, die unsägliche Zerstöverursachen.

1.3.1. Die komplexen Auswirkungen der Globalisierung

Es gibt auch noch andere Stimmen,

Die Jahrtausendwende wurde von historisch bedeuten-

auf die die Kirche hören sollte, und

den Veränderungen begleitet, darunter der Zusammen-

andere Instrumente, die sie zur Ana-

bruch der Sowjetunion und das Ende des Kalten Krieges,

lyse ihres Kontextes verwenden

die zunehmende Hegemonie einer Supermacht, die Be-

kann, aber hier ist nicht der Ort,

seitigung der Apartheid als offizielle Rechtfertigung des

rung und Verwüstung der Umwelt

um im Einzelnen darauf einzuge-

Rassismus und die Revolution in der Informationstech-

hen. Dieser Abschnitt skizziert Mög-

nologie, die der Globalisierung den Weg ebnete. Ver-

lichkeiten, wie die Kirche den Ort

schiedene Teile der Welt stehen als Folge der verbesser-

wahrnehmen kann, an dem sie dazu

ten Transport- und Kommunikations­techniken in immer

berufen ist, mit Hilfe der hermeneu-

engerer Verbindung. Im Allgemeinen hat die Globalisie-

tischen Spirale an Gottes Mission

rung beträchtliche Auswirkungen auf alle Bereiche der

teilzuhaben.

Gesellschaft, z. B. im Bereich der Wirtschaft, der Politik, der Kultur, der Kommunikation und der persönlichen

1.3. Globale Realitäten im Wandel und ihre Auswirkung auf globale und örtliche Kontexte

Wert- und Moralvorstellungen. Einerseits hat die Globalisierung in verschiedenen Aspekten des Lebens eine Reihe von Vorteilen mit sich gebracht. Bessere Transport­ möglichkeiten erlauben es den Menschen, flexibler und bequemer ausgedehnte Reisen zu unternehmen und Menschen in anderen Kulturen kennen zu lernen. Die

Die Mission Gottes und die sich dar-

Kommunikationstechnologie hat – vor allem durch das

aus ergebende Mission der Kirche ge-

Internet – zur Demokratisierung der Information beige-

schehen in sich ständig verändernden

tragen, die nun weniger leicht durch den Staat kontrol-

Kontexten. Sie können von Ort zu Ort

liert oder manipuliert werden kann. Wissenschaftliche

unterschiedlich sein und sich in ihrer

und technische Kenntnisse, fortschrittliche Arbeitsme-

Form ändern. Trotz ständiger Verän-

thoden sowie Erwartungen und Chancen werden über

derungen und Unterschiede zeichnen

regionale und nationale Grenzen hinweg geteilt.

sich jedoch bei der Betrachtung der missionarischen Kontexte am Anfang

In gewissem Masse hat die Globalisierung auch zu einer

unseres Jahrhunderts für die Kirche

verstärkten Wachsamkeit der Öffentlichkeit gegenüber

bestimmte übergreifende Themen

den Regierungen beigetragen. Sie hat die Fähigkeit der

ab. Die hier genannten Beispiele sind

Menschen erhöht, rasch und flexibel auf Krisen zu rea-

jedoch keineswegs eine vollständige

gieren und das Bewusstsein für Menschenrechte und

Aufzählung aller Faktoren, die die

Menschenrechts­verletzungen weltweit gefördert. In so-

Kirche zu berücksichtigen hat. Durch

zialer Hinsicht vermittelt die Globalisierung unabhängig

Erforschung ihres Kontextes wird die

vom Aufenthaltsort ein Gefühl der Vertrautheit und in


© Wolfgang Hagemann, http://www.wolfgang-hagemann.de/ny98/

ökologischer Hinsicht schärft sie das Bewusstsein der Be-

bildeten jungen Menschen, die keinen Arbeitsplatz fin-

grenztheit und Vernetzung des Ökosystems.

den, steigt ständig.

Andererseits hat die Globalisierung jedoch durch die

Das für die neoliberale Wirtschaft typische Konsumdenken

Förderung des Individualismus auf Kosten der Gemein-

stellt eine Herausforderung für die missionarische Kirche

schaft die Kluft zwischen Menschen, zwischen Völkern

dar. Einerseits ist ein hohes Mass an Konsum für die Ankur-

und zwischen Reichen und Verarmten vertieft. Die ne-

belung der Marktwirtschaft not-

gativen Auswirkungen der neoliberalen wirtschaftlichen

wendig; andererseits wird durch

Globalisierung mit ihrer Betonung von Profit, Wettbe-

die Marktorientierung, die allem,

werb, Konsolidierung von Grosskonzernen sowie priva-

auch Moral und Religion, einen

tisierten Produktionsmitteln haben die Wirtschaft vieler

kommerziellen Wert zuschreibt,

Länder, insbesondere in der südlichen Hemisphäre, auf

das Konsumdenken angetrieben

das Niveau blossen Überlebens zurückgedrängt. Die hei-

und gefördert. Eine Wirtschaft,

mische Wirtschaft ist transnationalen Konzernen ausge-

die eher auf die Steigerung der

liefert, die die Entwicklung der globalisierten Wirtschaft

Ausgaben als aufs Sparen ausge-

diktieren. Einige Konzerne besitzen mehr Kapital und

richtet ist, schadet der Nachhal-

Im Allgemeinen hat die Globalisierung beträchtliche Auswirkungen auf alle Bereiche der Gesellschaft, z. B. im Bereich der Wirtschaft, der Politik, der Kultur, der Kommunikation und der persönlichen Wertund Moralvorstellungen.

damit auch mehr Macht als die Mehrheit der Staaten

tigkeit und Bewahrung der Res-

weltweit. Neben der erdrückenden Schuldenlast leiden

sourcen der Erde für kommende

verarmte Länder zusätzlich unter den schlimmen Aus-

Generationen. Durch die Werbung wird der Konsum selbst

wirkungen der Kommerzialisierung von Leib und Leben,

an Orten gefördert, wo Armut herrscht. Damit wird die

der Verwestlichung der Kultur und der Verarmung des

Unterscheidung zwischen Wunsch und Notwendigkeit oft

weiblichen Bevölkerungsanteils. Aufgrund von expor-

verwischt, und die Förderung des Neuerwerbs von Gütern

torientierten Monokulturen, Grossfarmen und drasti-

statt ihrer Wiederverwertung wirkt sich nachteilig auf Ge-

schem Klimawandel sind viele Länder im Süden nicht in

sellschaft und Umwelt aus.

der Lage, die Nahrungsmittelversorgung zu sichern. Jahr für Jahr verschlechtert sich die wirtschaftliche Lage von

Die missionarische Kirche steht vor der Herausforderung,

Millionen Familien und ganzen Völkern. Die Zahl der ge-

wirtschaftlichem Unrecht zu begegnen und jegliche Auf-

MISSION IM KONTEXT

15


Teil 1

KONTEXTE DER MISSION fassung in Frage zu stellen, die Men-

landwirtschaftlich nutzbaren Bodens durch zunehmen-

schen nach ihrem Besitzstand oder

de Wüstenbildung abgenommen. Der Trend zu landwirt-

ihrem Marktwert definiert oder be-

schaftlichen Grossbetrieben hat zu Arbeitslosigkeit und

urteilt (vgl. das LWB-Arbeitspapier

Landflucht geführt, was den Zusammenhang zwischen

„Engagement einer Gemeinschaft von

ökologischen und ökonomischen Fragen verdeutlicht. Das

Kirchen angesichts der wirtschaftli-

Übergreifen bestimmter skrupelloser Vorgehensweisen

chen Globalisierung“, Mai 2001).

der westlichen Zivilisation auf andere Teile der Erde, das rasche Anwachsen der Weltbevölkerung und schädliche

Je weiter die globalisierte Konsum-

kulturelle Traditionen haben zur Ausrottung vieler Tier-

wirtschaft fortschreitet, desto stärker

und Pflanzenarten geführt und bedrohen das empfindliche

wird das Ökosystem zerstört. Wäh-

Gleichgewicht gefährdeter Ökosysteme.

rend im Interesse eines möglichst hohen Profits weiterhin Regenwälder

Technische Fortschritte und moderner Lebensstil wer-

abgeholzt und immer mehr Pestizide

den häufig auf Kosten von Boden, Luft und Wasser ver-

eingesetzt werden, hat der Anteil des

wirklicht. Das Wohlergehen der ganzen Schöpfung wird durch die Verschmutzung der Umwelt mit Chemikalien, giftigen Abgasen und Strahlung bedroht. Gottes Schöpfung wird von sündhaften Menschen grosses Leid zugefügt. Gleichzeitig ermöglicht jedoch der wissenschaftliche Fortschritt den Menschen, andere schädliche Verfahren und Stoffe zu entdecken, nachzuweisen und zu beseitigen. So retten zum Beispiel neue Arzneimittel und die Entdeckung der Strahlung als Mittel zur Diagnose und Therapie von Krankheiten zahllosen Menschen in der ganzen Welt das Leben.

1.3.2. Technologie Die Globalisierung wird auch von zunehmendem Einsatz von Technologie und grösserem Zugang zur Information begleitet. Die Informationstechnologie hat sowohl positive als auch negative Seiten. Positiv ist, dass Menschen freier und unmittelbarer miteinander kommunizieren können und die Möglichkeiten, Informationen zu speichern, abzurufen, zu verarbeiten und zu verbreiten, zugenommen haben. Nun ist es den Menschen auch möglich, die traditionellen geographischen Grenzen der Religionen zu überwinden. Die Informationstechnologie

© CAM Barbara Robra

kann es der Kirche zudem ermöglichen, Kontakt zu Men-

16

MISSION IM KONTEXT

schen aufzunehmen, die sich aus der institutionellen religiösen Gemeinschaft zurückgezogen haben. Negativ ist wiederum, dass „virtueller“ Austausch unter Umständen wichtiger werden kann als persönlicher Kontakt. Darüber hinaus birgt die Informationstechnologie


KONTEXTE DER MISSION

TEIL 1

die Gefahr, dass die Kluft zwischen denen, die Zugang zu

in der Bekämpfung verschiedener Krankheiten und Ge-

ihr haben, und denen, die keinen Zugang haben, grösser

sundheitsschäden geführt. Trotz aller technologischen

wird. Die Reichen haben leichteren Zugang zu technischen

Fortschritte hat die Welt weiterhin mit Gesundheitspro-

Neuerungen als die Armen, wodurch ein breiterer Keil

blemen zu kämpfen. Die Intensität dieses Kampfes ist je-

zwischen die wohlhabenden und die armen Menschen

doch von Kontinent zu Kontinent verschieden. Auch im

und Nationen der Welt getrieben wird.

21. Jahrhundert fällt die Verbindung zwischen Krankheit und Armut noch auf. In vielen Ländern des Südens und

Es besteht ein florierender globaler Markt im Bereich der

bestimmten Schichten in wohlhabenden Ländern sind

Genmanipulation bei Tieren und Pflanzen. Genetisch ver-

Arme stärker von Gesundheitsschäden bedroht als Rei-

änderte Nahrungsmittel schaffen neue Abhängigkeiten,

che. Die angeschlagene Wirtschaft der Länder des Sü-

wobei die physiologischen Folgen noch nicht abzusehen

dens wird durch Krankheiten noch weiter geschwächt.

sind. Die Genpatentierung einheimischer Pflanzen durch globale Agrarkonzerne leistet dem kontinuierlichen Pro-

Die heutige Welt ist gekennzeichnet durch unterschied-

zess Vorschub, durch den die südlichen Länder in zuneh-

liche körperliche, geistige, psychische, emotionale, spi-

mende Abhängigkeit geraten und ihres Rechts auf Eigen-

rituelle, zwischenmenschliche und gesellschaftliche

tum beraubt werden.

Krankheiten, von denen einige öffentlich thematisiert, andere jedoch versteckt und geleugnet werden. Zu den

Obwohl die weltweite Frauenbewegung für viele Frauen

letzteren gehören tödliche Krankheiten wie HIV/AIDS,

Möglichkeiten eröffnet hat, das Selbstbestimmungsrecht

Tuberkulose und Mala-

über ihren eigenen Körper wahrzunehmen, verstärkt die

ria, die ganze Kontinen-

Globalisierung der Wirtschaft und der Unterhaltungsmedi-

te verheeren. HIV/AIDS

en die Ausbeutung von Frauen als Leihmütter und würdigt

hat in vielen Ländern

den Frauenkörper zur Ware oder zum Eizellenspender her-

des Südens pandemi-

ab. Die Möglichkeit, das Geschlecht eines Kindes vor der

sche Ausmasse ange-

Geburt festzustellen, führt in Gebiete , wo Jungen höher ge-

nommen.

schätzt werden als Mädchen, zur vermehrten Abtreibung

liche, kulturelle und

weiblicher Föten.

andere Faktoren haben

Wirtschaft-

die Fähigkeit mancher Dass etwas möglich ist, bedeutet nicht notwendigerwei-

Länder beeinträchtigt,

se, dass es auch richtig ist. Die Naturwissenschaft ver-

in angemessener Wei-

fügt über erhebliche Macht in einer Welt, die die Techno-

se darauf zu reagieren.

Die Genpatentierung einheimischer Pflanzen durch globale Agrarkonzerne leistet dem kontinuierlichen Prozess Vorschub, durch den die südlichen Länder in zunehmende Abhängigkeit geraten und ihres Rechts auf Eigentum beraubt werden.

logie zum Götzen macht, und es besteht die Versuchung,

Obwohl es hier hauptsächlich um ein medizinisches Pro-

diese Macht für militärische und andere Zwecke zu miss-

blem geht, entstehen dadurch gleichzeitig schwerwie-

brauchen. Wo die Kirche missionarisch tätig wird und

gende soziale und wirtschaftliche Probleme; so steigt

den Blick für das anbrechende Reich Gottes in Christus

unter anderem die Zahl der Waisen an, und viele von

gewinnt, wird sie konfrontiert mit schwierigen ethischen

AIDS betroffene Familien sind nicht mehr in der Lage,

Fragen zu Wert und Nutzung von Technologien. Sie muss

sich selbst zu versorgen. In manchen Gebieten trifft die

ernsthaft abwägen, was angemessen ist, und kulturelle

Bedrohung und Belastung besonders Kinder und Frau-

Integrität sowie öffentliche Verantwortung im Auge be-

en. Programme zur Gesundheitsinformation sind ebenso

halten.

wichtig wie die Möglichkeit, das Schweigen zu brechen und über diese Krankheit und andere Gesundheitsfra-

1.3.3. Gesundheit

gen zu sprechen. Die Kirche hat bisher Probleme damit, dieses Thema öffentlich anzusprechen, aber eine solche

Die Entwicklungen in der wissenschaftlichen Forschung

Krise bedeutet zugleich Chance und Herausforderung

und Technologie haben zu beachtlichen Fortschritten

für das missionarische Wirken der Kirche.

MISSION IM KONTEXT

17


Teil 1

KONTEXTE DER MISSION

Krankheit kann auch zu bleibender Behinderung führen.

onelle Kriege vom Militär nach vorbestimmten Kampfre-

Behinderungen sind jedoch keine Krankheiten. Gleich

geln ausgetragen worden sein. In jüngerer Zeit tragen auch

welches Land man betrachtet, immer sind etwa zehn

Aufständische und Kriegsherren („warlords“) bewaffnete

Prozent der Bevölkerung von einer der fünf breit definier-

Konflikte aus. In diese Konflikte werden unschuldige Men-

ten Arten von Behinderung betroffen: körperliche Behin-

schen aus der Zivilbevölkerung, insbesondere Frauen und

derung, Blindheit, Taubheit, geistige Behinderung und

Kinder, hineingezogen und als Geiseln, Schutzschilde und

psychische Erkrankung. Die Betroffenen werden bei der

Zielscheiben benutzt. Der Einsatz des Terrors als wirksa-

Arbeitssuche und am Arbeitsplatz diskriminiert. Öffentli-

mes Mittel, die Schlagkraft des Gegners zu brechen, hat

che Gebäude, Arbeitsstätten und sogar Kirchen sind für

von jeher bewaffnete Konflikte begleitet. Durch die heute

Menschen mit Gehbehinderung nicht immer zugänglich.

verfügbaren technischen Neuerungen bringt diese Form

Die Kirchen bemühen sich zunehmend, behinderte Men-

der Gewalt sogar noch ein grösseres Ausmass tödlicher

schen in das kirchliche Leben zu integrieren (z. B. durch

physischer und psychischer Folgen mit sich.

Gebärdendolmetschen für Gehörlose). Es ist eine dringliche Aufgabe für die Kirche, sich zusammen mit anderen

Krieg bringt unsägliches Leid, Krankheit und Armut

um Bewusstseinsbildung in der Gesellschaft zu bemühen,

über die Schwächsten: alte Menschen, Frauen, Kinder

damit konkrete Hindernisse beseitigt werden und die Stigmatisierung und Aus-

und die nachfolgenden Generationen. Er hat verheerende Auswirkungen auf Infrastruktur und Umwelt.

grenzung von Menschen mit Behinderungen ein

Ebenso zerstörerisch ist die verdeckte Gewalt geopoliti-

Ende findet.

scher und wirtschaftlicher Kriegsführung gegen verarmte Nationen. Dazu kommt es, wenn Hilfeleistung von der

1.3.4. Gewalt in der Welt

macht wird, die den Gebenden zugute kommen und die

Gottes Mission findet

Länder im Süden und die Erleichterung grenzüberschrei-

von

in-

tender Investitionen mit dem Ziel der Profitmaximierung,

gewalt-

die zu Lasten derjenigen Länder gehen, in denen inves-

Einführung verschiedener Bestimmungen abhängig geEmpfangenden belasten. Die illegitimen Schulden der

jeher

mitten

immer

einer

tätigen Welt statt. Die

tiert wird, sind Beispiele für verdeckte Gewalt. Armut als

Kreuzigung war ein Akt

solche ist eine Form der Gewalt, denn sie beraubt die

der Gewalt gegen Gott

Menschen ihrer Menschenwürde, ihrer Gesundheit und

und indirekt gegen die

ihres Wohlergehens.

Menschheit und die ganze Schöpfung. Die Mission der Kirche nahm ihren Anfang inmitten von Verfolgung und

Strukturelle Gewalt: Zu Gewalt kommt es, wenn gesellschaft-

Gewalt. Gewalt in jeglicher Form, ob offen oder verdeckt,

liche Strukturen von privilegierten Gruppen zu deren ei-

wird immer wieder eingesetzt, um Macht über andere zu

genem Nutzen aufgebaut und aufrechterhalten werden. So

erlangen. Sie ist ein wirksames Mittel in der Hand von

erkennen beispielsweise patriarchalische Strukturen die

Mächtigen oder Machthungrigen, um andere zu kontrol-

Rechte und die Gleichstellung von Frauen nicht an. Migran-

lieren und zu unterdrücken und um eigene Interessen

ten und Migrantinnen werden ausgebeutet und Einwanderer

durchzusetzen. Das ist Sünde.

und Einwanderinnen aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Ge-

Krieg und Konflikt: Gewalt, Konflikt und Krieg treten zwi-

denken ist eine weitere Form der Gewalt in der Gesellschaft.

schen Völkern oder innerhalb der Völker auf. Es handelt

Die „Unberührbaren“ oder diejenigen, die der untersten Ge-

sich um Machtkämpfe zur Erhaltung oder Stärkung der

sellschaftsschicht angehören, werden häufig ausgegrenzt.

schlechts oder ihrer Religion ungerecht behandelt. Klassen-

18

Kontrolle über begrenzte Ressourcen und zur Erreichung

Gesellschaftliche oder politische Strukturen wie Diktatur,

der unangefochtenen Herrschaft. Früher mögen konventi-

Oligarchie oder Patriarchat gehen immer mit einer Dimen-

MISSION IM KONTEXT


sion von Gewalt einher. Sie kommt zum Ausdruck in der Verletzung von Menschen- und Bürgerrechten, in ungerechten politischen Massnahmen und der einseitigen Durchsetzung regional bestimmter Wertvorstellungen, Ideologien und Wirtschaftsformen. Aus Gründen des Geschlechts, der Hautfarbe, der ethnischen Zugehörigkeit, der Religion, der sexuellen Orientierung und sogar der Sprache wurden und werden Menschen ausgegrenzt oder ihres Mitspracherechts beraubt. In extremen Fällen kann dies zu sogenannten ethnischen Säuberungen und zum Völkermord führen. Im Laufe der Geschichte ist solche strukturelle Gewalt nicht unangefochten geblieben. Gegengewalt, bei der auf nationaler und regionaler Ebene auch Terror eingesetzt wurde, hat langwieriges Leid

Gewalt gegen Frauen, Kinder und Schwache: Gewalt ist auch die Ursache schrecklichen Leidens im häuslichen Bereich, wobei die Opfer oft Frauen, Kinder, ältere Menschen

© CAM Barbara Robra

und Zerstörung verursacht.

und Behinderte sind. Oft werden sie körperlich und geistig misshandelt

„Kirchen sagen ‚NEIN‘ zur Gewalt gegen Frauen“, 2001).

sowie sexuell missbraucht. Misshan-

Kinder leiden unter Unterernährung oder erhalten keine

delte Frauen werden von stützenden

Schulbildung. Zur Gewalt gehört auch, dass Kinder zur

und helfenden Gemeinschaften fern-

Teilnahme an Kampfhandlungen, zu Prostitution und zu

gehalten, mit dem Ziel, verstärkt

Kinderarbeit gezwungen werden.

Kontrolle über sie auszuüben. Gewalt kann sich auch in ungleicher

Zu Gewalt gegen alte Menschen kommt es, wenn Insti-

Entlohnung sowie ungleichen Auf-

tutionen deren Würde zerstören, ihnen starke Beruhi-

stiegschancen für Männer und Frau-

gungsmittel verabreicht werden oder wenn ihre eigenen

en und unsichtbaren Barrieren in

Kinder und die Gesellschaft sie finanziell ausbeuten bzw.

Unternehmenshierarchien äussern.

sozial, körperlich oder geistig misshandeln. Die Weisheit

Die Verwendung einer diskriminie-

der Älteren wird oft abgewiesen oder unterdrückt, und

renden Sprache schliesst die Hälfte

es wird vergessen, was sie zur Weitergabe von Werten

der Weltbevölkerung aus, zwingt

und Lebenserfahrung an neue Generationen beizutragen

sie zum Schweigen und macht sie

haben. Die missionarische Kirche ist dazu aufgerufen,

namenlos (vgl. das LWB-Dokument

sich mit dieser Gewalt in einer Weise zu befassen, die die

MISSION IM KONTEXT

19


© LWB

Gemeinschaft fördert, statt Menschen von der Gemein-

verständnis auszubilden. Machtmissbrauch durch kirch-

schaft zu isolieren.

liche Amtsinhaber sowie Besitzstreitigkeiten sind häufig

Gewalt im religiösen und kirchlichen Bereich: Religiö-

subtile oder auch offenkundige Weise von führenden Posi-

ser Fanatismus gehört zu den traurigen Tatsachen der

tionen und Leitungsämtern in der Kirche ausgeschlossen,

Menschheitsgeschichte. Er bringt Gewalt hervor, die

und ihre Stimmen, wie auch die Stimmen junger Menschen,

sich nach innen wenden kann, um die Kirche oder die

werden zum Schweigen gebracht oder ignoriert.

Ursachen für Konflikte in der Kirche. Frauen werden auf

religiöse Vereinigung zu säubern und zu läutern, oder nach aussen gegen Menschen anderer Religionen oder

Gewalt ist darauf ausgerichtet, Menschen von ihren Ge-

Konfessionen. In gewissem Sinne ist dies Gewalt in ih-

meinschaften und Quellen der Stärkung und der Hoff-

Aus Gründen des Geschlechts, der Hautfarbe, der ethnischen Zugehörigkeit, der Religion, der sexuellen Orientierung und sogar der Sprache wurden und werden Menschen ausgegrenzt oder ihres Mitspracherechts beraubt.

rer schlimmsten Form,

nung zu isolieren. Menschen werden menschenunwürdig

denn sie rechtfertigt

behandelt. Gewalt ist eine Sünde, die versucht, alle Zei-

sich selbst im Namen

chen der Hoffnung und der Gemeinschaft in Gott zu un-

der Religion und im Na-

terdrücken und zunichte zu machen. Die missionarisch

men Gottes. Diese Ge-

wirkende Kirche ist dazu aufgerufen, diese Gewalt zu

walt existiert in allen

benennen und anzuprangern sowie denen zur Seite zu

Religionen und wird

stehen und den Rücken zu stärken, die sich um Gerech-

entweder von fanati-

tigkeit und Frieden bemühen.

schen Eiferern offen betrieben oder besteht

1.3.5. Religion, Kultur und Politik

verdeckt. So gibt es z.B. entstellende Auffassungen über andere Religionen, die

In vielen Teilen der Welt erlebt die Spiritualität trotz

sich direkt auf das Missionsverständnis auswirken.

oder gerade wegen Gewalt und Katastrophen einen Aufschwung: Menschen suchen nach neuen Formen der Spi-

20

Die Kirche ist nicht immer Opfer von Gewalt, wenngleich

ritualität, um ihre Sehnsucht nach Beheimatung zu stillen.

dies häufig der Fall sein kann. Die Kirche praktiziert auch

Oft scheint die institutionelle Kirche die von ihnen ge-

gegenüber ihren eigenen Mitgliedern Gewalt. In der Kolo-

suchte spirituelle Erfüllung nicht bieten zu können. In vie-

nialzeit übten die westlichen Kirchen Macht über die ent-

len europäischen Ländern – die Analysen als nachchrist-

stehenden Missionskirchen aus und hinderten die jungen

lich, postmodern, in hohem Masse säkularisiert und vom

Kirchen oft daran, ihre eigene Leitung und ihr Missions-

Markt dominiert beschreiben – haben die Kirchen einen

MISSION IM KONTEXT


KONTEXTE DER MISSION

TEIL 1

massiven Mitgliederschwund erlebt, der auf allgemei-

idealisierten traditionellen Glauben

nes Desinteresse an Kirche und Mission zurückzuführen

zurückzufinden. Das Bedürfnis, zu

ist. Was früher als „christliches Abendland“ bezeichnet

den Grundlagen des eigenen Glau-

wurde, gibt es nicht mehr. Neue oder wiederentdeckte

bens zurückzufinden oder sie zu

religiöse Formen machen sich indessen diese Suche nach

betonen, ist wichtig und dient der

Spiritualität zu Nutzen. Menschen verlassen die institutio-

Selbstemanzipation.

nellen Religionen, um an wiederentdeckte kulturelle Wur-

Grundwahrheiten eigene Dynamik

Die

solchen

zeln anzuknüpfen, sich mit dem Spiritismus zu befassen

trägt zur Verwandlung des Einzel-

oder sich der säkularen Weltanschauung zuzuwenden.

nen, der Religionsgemeinschaft und der Gesellschaft insgesamt bei. Der

Die religiöse und kulturelle Vielfalt im eigenen Umfeld

Fundamentalismus setzt jedoch sol-

stellt die missionarische Kirche, insbesondere in der

che Grundwahrheiten absolut und

nördlichen Hemisphäre, vor eine neue Herausforderung.

zwingt sie allen Angehörigen der be-

Die Massenmigration über Regionen und Kontinente

treffenden Gruppe auf. In Verbindung

hinweg, zahllose Menschen auf der Suche nach neuen

mit politischer und wirtschaftlicher

Erwerbsmöglichkeiten oder auf der Flucht vor Unter-

Macht kann der reaktionäre Funda-

drückung und Gewalt – all dies hat zu einer ständig

mentalismus eingesetzt werden, um

wachsenden Vielfalt von Religionen und Kulturen in den

Widerstand oder sogar Gewalt gegen

Grossstädten der Welt geführt. Die einzelnen religiösen

Aussenstehende zu rechtfertigen.

Kulturen sind nicht mehr voneinander isoliert. In multikulturellen Situationen dieser Art haben Menschen das

Eine umfassende kulturelle Verände-

Empfinden, ihr Selbstverständnis oder ihre Identität sei

rung, die als Übergang von der Mo-

in Frage gestellt. Sie suchen nach ihren Wurzeln und

derne zur postmodernen Gesellschaft

nach einem Lebenssinn oder -ziel. Viele befinden sich in

beschrieben wird, hat sich als einer

einem konstanten Prozess der konstanten Selbstfindung

der schwierigsten Kontexte der Mis-

oder der Verwirklichung von „Identitätsprojekten“. In der

sion erwiesen. Diese kulturelle Ver-

Jugendkultur und unter Migranten und Migrantinnen ist

änderung ist eng verbunden mit der

dies offensichtlich, aber auch im Leben der meisten an-

Globalisierung und deren sozialen,

deren Menschen spielt es eine Rolle. Identitätsprojekte

kulturellen und religiösen Auswirkun-

gibt es sowohl auf persönlicher als auch auf kollektiver

gen. Kennzeichnend dafür ist eine ra-

Ebene; Menschen bemühen sich, ihre persönliche oder

dikale Hinterfragung überkommener

kollektive Identität (neu) zu gestalten oder versuchen

Konzepte und all dessen, was zuvor

gar, Geschichte umzuschreiben. Diese Zusammenhänge

als Wahrheit und Autorität akzeptiert

erklären zum Teil die Ursachen regionaler Konflikte und

wurde. In Wissenschaft, Religion oder

den wachsenden Fundamentalismus und Nationalismus.

bei der Suche nach Stabilität in Fa-

Die Kirchen in den Gastländern der Einwanderer oder

milienstrukturen oder traditionellen

Flüchtlinge sind aufgerufen, durch Dialog und Gast-

Formen von Autorität kann nichts

freundschaft den täglichen Kontakt zu diesen Menschen

mehr als selbstverständlich voraus-

zu pflegen.

gesetzt werden. In einer Welt, in der die wissenschaftliche Gemeinschaft

Eine Reaktion auf den wachsenden religiösen Pluralismus

der Bedeutung von Sprache und Her-

ist ein reaktionärer Fundamentalismus, der geprägt ist

meneutik einen wesentlichen Platz

von dem starken Bestreben, die eigene Gruppe und de-

einräumt, nimmt das Gefühl der Un-

ren Identität vor Einflüssen von aussen zu schützen bzw.

sicherheit zwangsläufig zu. Wenn die

zu einer leidenschaftlichen Loyalität gegenüber einem

theologische

Wahrheit

hinterfragt

MISSION IM KONTEXT

21


Teil 1

KONTEXTE DER MISSION

wird, ist dies eine Herausforderung für die Mission der Kir-

mächtigen. Die Kirche muss ebenfalls im Lichte des Wortes

che in der Welt. Durch globale Prozesse der wechselseiti-

Gottes, das im jeweiligen Kontext durch den Heiligen Geist

gen Beeinflussung bleiben diese im Norden entstandenen

lebendig wird, kritisch über ihre Missionstheologie und -

Entwicklungen nicht örtlich begrenzt, sondern sind bereits

praxis nachdenken.

auch in anderen Teilen der Welt spürbar. Kontext und Theologie stehen in einem dialektischen Christen und Christinnen leben und arbeiten in verschie-

und dialogischen Zusammenhang, der sich angemessen

denen politischen Kontexten. Es gibt unterschiedliche

als hermeneutische Spirale beschreiben lässt. Theologie

Auffassungen darüber, ob Regierungen an der Mission

führt ihren Ursprung auf das Hören des Wortes Gottes

Gottes teilhaben oder sie behindern. Das Reich Gottes

im Kontext zurück, aus dem eine Verpflichtung im Glau-

kann leicht mit politischer Macht verwechselt werden,

ben folgt. Der „in der Liebe tätige Glaube“, der aus dem

vor allem wenn der Begriff „Gottesherrschaft“ (im Engli-

Hören und Wirken des schöpferischen Gotteswortes ge-

schen: „Kingdom of God“) verwendet wird. Eine gute Re-

boren wird, kommt in der Praxis zum Ausdruck, d. h. in

gierungsführung kann zu der Annahme verleiten, dass

einem Handeln, das danach trachtet, dem Evangelium

sie „von Gott gesegnet“ ist und dass ein solches System

im Leben und Kontext einer Gemeinschaft Gestalt zu

für alle Kulturen bestimmt ist. Jedes Regierungssystem

verleihen. Christliche Theologie ist eine vom Glauben

zwingt jedoch der Gesellschaft in gewissem Masse sei-

getragene Reflexion über Gottes Sein und Wirken in der

ne kontextbezogenen und ideologischen Perspektiven

Welt und über die Praxis der Kirche und des einzelnen

auf. Die Durchsetzung

Menschen. Missionstheologie befasst sich insbesondere

Eine umfassende kulturelle Veränderung, die als Übergang von der Moderne zur postmodernen Gesellschaft beschrieben wird, hat sich als einer der schwierigsten Kontexte der Mission erwiesen.

politischer

Ideologi-

en kann dazu führen,

mit Gottes Mission und der Antwort der Kirche auf den gnadenvollen Ruf Christi, ihm nachzufolgen.

dass Menschen ihres Mitspracherechts

be-

Aufgrund ihrer Auswirkungen für die Praxis ist die

raubt werden, ihnen

christliche Theologie notwendigerweise kontextbezo-

ihre Würde genommen,

gen. Indem sie sich mit dem Kontext befasst, wird sie

systemimmanente Ge-

durch ihn beeinflusst und in einem tiefgreifenden Mas-

walt

se geprägt. Theologie muss daher fortwährend durch

gefördert

wird

oder globale Konflikte

das Wort Gottes aus der Heiligen Schrift hinterfragt und

entstehen. Eine schlechte Regierungsführung kann den

verwandelt werden. Die Emmausjünger hatten sich eine

Zugang zu angemessenen Bildungs- und Gesundheits-

theologische Meinung über den Christus gebildet; diese

einrichtungen sowie zu Sicherheits- oder Organisations-

wurde durch den Auferstandenen in Frage gestellt und

strukturen behindern. Doch Gottes Mission geschieht

verändert. Eine Theologie, die Gottes Mission reflektie-

inmitten der Ambivalenz solcher Kontexte.

ren soll, muss ständig durch das im Kontext und in der Praxis gehörte Wort verwandelt werden.

1.4. Kontext und Theologie

Darüber hinaus schöpft die Theologie aus einer langen Geschichte und einem Reichtum an christlicher Traditi-

22

Einige Aspekte heutiger Kontexte, die sich auf die Missi-

on und Bekenntnissen und gibt so der Analyse und Be-

on und die Theologie der Kirche auswirken, sind bereits

nennung der Kontexte durch die Kirche ein klareres Pro-

erwähnt worden. Die Jünger auf dem Weg nach Emmaus

fil. Indem die Theologie in der dialektischen Spannung

sahen ihren Kontext mit anderen Augen, nachdem Jesus

zwischen Praxis im Kontext und dem schöpferischen

ihnen die Schrift eröffnet und sich ihnen als der auferstan-

Wort Gottes der missionarischen Kirche dient, verhilft

dene Christus offenbart hatte, indem er das Brot brach.

sie ihr zu einer klaren Einschätzung ihres Handelns in

Diese Erleuchtung war für sie notwendig, um ihre Situati-

der Welt und zu einem besseren Verständnis ihrer Be-

on richtig zu verstehen und sie für ihre Mission zu bevoll-

stimmung.

MISSION IM KONTEXT


Teil 2

Theologie der mission Und er sprach zu ihnen: O ihr Toren, zu trägen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben! MuĂ&#x;te nicht Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen? Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in der ganzen Schrift von ihm gesagt war. Lukas 24,25-27


Teil 2

© CAM Barbara Robra

Theologie der mission

2.0. Einleitung

diesen Begriff und sogar Abneigung dagegen. Es steht zu hoffen, dass

Was nach der Schrift wesentlich ist, ist die frohe Botschaft, dass Jesus Christus der Erlöser, das Fundament unseres Glaubens und die Quelle aller verwandelnden Mission ist.

Vom Gottesvolk, das in die Welt gesandt

die Erörterung der theologischen

wird, um das Anbrechen des gnadenvollen

Grundlage der Mission mit Hilfe

Gottesreiches in Christus zu verkünden, ist

der hermeneutischen Spirale Klar-

im gesamten Neuen Testament die Rede,

heit hinsichtlich der verschiedenen

obwohl das Wort „Mission“ in der Heiligen

Auffassungen von Mission schaffen

Schrift nicht vorkommt. Aus historischen

wird, so dass der Begriff von frühe-

Gründen wurde Mission seit dem 16. Jahr-

rem Missbrauch gelöst wird.

hundert mit Eroberung, Kolonialismus, kul-

24

turellem und religiösem Imperialismus und

Das Wort Gottes in der Heiligen

dem Export des westlichen Christentums in Verbindung

Schrift, das durch das Wirken des

gebracht. Heute verbindet man andere Assoziationen

Heiligen Geistes im Kontext leben-

mit dem Wort „Mission“, und es herrscht Unklarheit über

dig wird, ist Grundlage des kirch-

MISSION IM KONTEXT


THEOLOGIE DER MISSION

TEIL 2

lichen Glaubens und Lebens, der

neue Zukunft mit Gott eröffnete, ist ein entscheidendes

Mission und Theologie. Wenngleich

Zeichen des Gottesreiches.

die verschiedenen Teile der Schrift nicht einheitlich erscheinen, ver-

Als Teil der alten Schöpfung stehen die Welt und die

tritt die lutherische Tradition doch

Menschen jedoch noch unter dem Zeichen des Kreu-

die Auffassung, dass die Schrift sich

zes und sind noch nicht völlig erlöst. Die zerstörerische

selbst auslegt und erläutert, indem

Macht der Sünde beeinträchtigt, obwohl sie bereits am

sie aufzeigt, was wesentlich und

Kreuz überwunden wurde, noch immer das Leben der

was unwesentlich ist. Was nach der

Menschen in der Welt. Die Sünde hat die Harmonie in

Schrift wesentlich ist, ist die frohe

der geschaffenen Welt zerstört und Entfremdung, Schuld

Botschaft, dass Jesus Christus der

und Schande in die Welt gebracht. Sie hat den Menschen

Erlöser, das Fundament unseres

von Gott, sich selbst, den Nächsten und der Natur ent-

Glaubens und die Quelle aller ver-

fremdet. Dieses „schon jetzt“ und „noch nicht“, wie der

wandelnden Mission ist. Das Wort

Apostel Paulus es beschreibt, verursacht die eigentliche

erweckt zum Glauben, durch wel-

Spannung im Glauben, Reden und täglichen Leben der

chen es den Menschen mit dem le-

Christen und Christinnen und ist ein we-

bendigen Gott vereint und so eine

sentliches Merkmal der missionarischen

neue Wirklichkeit in Christus eröff-

Kontexte der Kirche.

net, der im Glauben durch den Hei-

Die Überwindung des Todes am Kreuz durch Christi Auferstehung, die der Menschheit eine neue Zukunft mit Gott eröffnete, ist ein entscheidendes Zeichen des Gottesreiches.

ligen Geist gegenwärtig ist. Es ist

Die missiologische Perspektive des Gottes-

derselbe Heilige Geist, der den Glau-

reiches erfordert weitere Erörterung durch

ben erhält und dazu bevollmächtigt,

die Kirchen. Der Unterschied zwischen

dem Wort treu zu bleiben und frei

dem Gottesreich als Gegenwart Gottes in

für die Mission zu sein (Johannes

der Welt seit der Schöpfung und dem an-

14,12; Römer 6,22; 7,4).

brechenden Gottesreich in Christus muss klarer herausgearbeitet werden. […] Das anbrechende Gottesreich in

Die Mission der Kirche wird sich

Christus bekräftigt Gottes Herrschaft in der Schöpfung

fortsetzen bis zur Vollendung des

aufgrund der Menschwerdung und ist zugleich die Bestä-

Gottesreiches. Nach den Zeugnissen

tigung ihrer schliesslichen Vollendung, eingeleitet durch

der Schrift ist Gottes Herrschaft es-

die Auferstehung Christi. Überdies ist die eschatologi-

chatologisch, d. h. eine Wirklichkeit

sche Herrschaft Gottes in Christus ein dynamischer Aus-

der Endzeit, die bereits im Kommen

druck für Gottes Handeln mit und in der Welt. […]1

ist und jetzt und hier in das konkrete Leben und den konkreten Kontext hereinbricht. In Jesus Christus wur-

2.1. Gottes Mission

de die Fülle Gottes offenbart (Kolosser 1,19; 2,9). Mit dieser Offen-

Inmitten aller Ungewissheiten des Lebens und Anfech-

barung brechen der neue Himmel

tungen einer gewalttätigen Welt vertraut die Kirche der

und die neue Erde Gottes (Offen-

Offenbarung der Heiligen Schrift, dass der Gott Jesu

barung 21) in die heute bestehende

Christi gegenwärtig ist und in der Welt und für die Welt

Welt herein. Die heutige Schöpfung

in Liebe handelt. Gott handelt in der Mission. In Jesus

hat schon jetzt Anteil an der neuen

Christus ist Gott in das „ferne Land“ gekommen, hat zu-

Schöpfung. Die Überwindung des

sammen mit dem verlorenen Sohn gelebt und ist mit ihm

Todes am Kreuz durch Christi Auf-

gestorben, um ihn mit aller Würde der Kinder Gottes

erstehung, die der Menschheit eine

heimzubringen (Lukas 15,11-24). Die Mission des einen

MISSION IM KONTEXT

25


Teil 2

THEOLOGIE DER MISSION liebenden Gottes ist eine Mission der Barmherzigkeit

fen. Frauen und Männer sind als

und Gnade und nicht der Verlassenheit und der Macht.

Gottes Haushalter für die Sorge um

Gottes Gnade, die die Folgen der Sünde –Entfremdung,

die Schöpfung Gott Rechenschaft

Tod und Verworfenheit – überwindet, erstreckt sich über den einzelnen Menschen hinaus auf alle Gemeinschaften,

schuldig. Diese Verantwortung als „geschaffene

Mit-Schöpfende“

ist

auf die ganze Schöpfung. Die ganze Schöpfung Gottes ist

eng mit der Würde des Menschen

von seiner Gnade berührt worden und sehnt sich nach

verbunden. In seiner Gnade erhält

Verwandlung (Römer 8,22-23).

Gott die Welt auch durch sein Wirken in menschlichen Institutionen

Dieser missionarische Gott, der das Weltall schafft und

und Gesellschaften. Diejenigen, die

erhält und doch in und durch seine eigene Schöpfung

den Namen Gottes bekennen, sind

verwundbar wird, ist ein dreieiniger Gott. Trinität be-

berufen, sich in Partnerschaft mit

schreibt „Gott in der Mission“ als einen Gott, der immer

allen Menschen für die Verwirk-

für andere da ist, d. h. für die Menschheit, die Welt, die

lichung des göttlichen Planes für

Schöpfung. Die Trinität ist eine Gemeinschaft in der Mis-

Frieden und Vollkommenheit ein-

sion, die den Einen, den Geliebten bevollmächtigt und

zusetzen. Dazu gehören der Einsatz

begleitet, der gesandt ist, in der Welt Verwandlung, Ver-

für Gerechtigkeit, Vertrauen unter

söhnung und Bevollmächtigung zu bewirken. Für die

den Völkern, Befreiung vom Hunger,

fortdauernde Mission Gottes senden der Vater und der

verantwortlicher Umgang mit den

Heilige Geist den Sohn, atmen der Vater und der Sohn

Ressourcen der Erde und rechte

im Heiligen Geist und offenbaren der Sohn und der Hei-

Nutzung der Technologie zum Wohl

lige Geist die Herrlichkeit des Vaters bis an die Enden

der Menschen.

des Universums. Dieses Senden und zugleich Begleiten und Bevollmächtigen des Geliebten, dieses Zugehen auf

Obwohl die Menschheit und die gan-

andere und Annehmen der Verwundbarkeit

ze Schöpfung unter den Mächten

in Liebe, kennzeichnet die Trinität. Diese

und Folgen der Sünde leiden (Römer

Liebe ist es, die die drei Personen zur Drei-

8), wie unser Kontext es in schmerz-

einigkeit verbindet.

licher Weise bestätigt, haben diese

Die Trinität ist eine Gemeinschaft in der Mission, die den Einen, den Geliebten bevollmächtigt und begleitet, der gesandt ist, in der Welt Verwandlung, Versöhnung und Bevollmächtigung zu bewirken.

nicht das letzte Wort. Zur Botschaft

2.1.1. Gottes Mission: Schöpfung

und Wirklichkeit der Schöpfung gehört auch die Verheissung, dass

Die biblische Sicht der Mission Gottes in

Gott „alles neu machen“ wird (Offen-

der Schöpfung bekräftigt eine Beziehung

barung 21,5). Daher ruft der trinita-

zwischen Gott und der Welt. Gott erschuf

rische Gott die Menschen dazu auf,

die Welt aus dem Nichts nach seinem gnädigen Willen.

sich an der Mission in der Schöpfung

Somit ist die Welt vollkommen abhängig von Gott, der

zu beteiligen, die schon jetzt inmit-

als Quelle allen Lebens das Leben in der Welt bewahrt,

ten alles Bösen die kommende Voll-

füllt, verwandelt und erneuert (Psalm 104). Die Schöp-

endung erwartet. Verwandlung und

fung gehört zum Herzstück und Wesen des Evangeliums,

Gerechtigkeit, Vergebung und Ver-

denn Gottes grenzenlose Liebe und Güte offenbart sich

söhnung, Heilung und Bevollmächti-

in der Schöpfung.

gung sind Zeichen der zukünftigen Welt mit Gott. Christen und Christin-

In seiner Liebe hat Gott auch seine Mission in der Schöp-

26

nen können in ihrem je eigenen Kon-

fung mit allen Menschen geteilt, denn sie sind nach

text diese ermutigenden Zeichen auf

Gottes Ebenbild und als seine Mitwirkenden geschaf-

vielerlei Weise verstärken.

MISSION IM KONTEXT


2.1.2. Gottes Mission: Erlösung Jesu Leben, Wirken, Leiden, Tod und Auferstehung offenbaren Gottes bedingungslose Liebe zu der von ihm geschaffenen Welt (Johannes 3,16). Eine ganzheitliche Mission erfordert, dass alle wesentlichen christologischen Aspekte berücksichtigt werden. Leben, Lehre und Wirken Jesu geben den Christen und Christinnen ein Beispiel dafür, wie Mission geschehen sollte: Jesu persönliches „Manifest“ in der Synagoge von Nazareth (Lukas 4,16-20), die Aussendung der Jünger (Matthäus 10), Jesu Lehren und seine Gleichnisse, seine Heilungen und die Speisung der Hungrigen, die Stellung, Würde und Bedeutung, die er den Frauen und ihrer Mitwirkung an seinem Dienst zuerkannte. Gottes Mission als Erlöser offenbart sich jedoch in noch bedeutungsvollerer Weise in dem Weg des Sohnes, d. h. dem Weg der Inkarnation, dem Weg des Kreuzes und dem Weg der Auferstehung. Die Inkarnation bietet ein Modell für ganzheitliche Mission, weil Gott durch die Inkarnation in die Gesamtheit der menschlichen Existenz eintritt. Die Geburt Jesu bedeutet die Verwirklichung der entscheidenden Verheissung in Gottes Mission: die Sendung des Sohnes in die Welt zur Erlösung der Welt. In Jesus wurde Gott an einem bestimmten Ort, zu einer bestimmten Zeit und in einer bestimmten Kultur Mensch. Er nahm die Gegebenheiten des menschlichen Daseins auf sich. Er identifizierte sich mit den Menschen und wurde solidarisch mit allen Notleidenden. In Jesus offenbarte Gott den ursprünglichen Plan der Schöpfung und des wahren Menschseins. Der Weg der Inkarnation ist ein Weg der Verwandlung und Versöhnung. Der Weg des Kreuzes ist Gottes machtvolle Weise, nein zu Sünde und Unrecht zu sagen und trotz Verfolgung und Kreuzigung für Liebe und Gerechtigkeit einzutreten. Indem Jesus Christus sich mit dem Leiden der Menschen in die tiefste Dunkelheit menschlicher Existenz ein und überwand die Macht des Todes. Christi Tod bewirkt Erlösung für die ganze Welt: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber“ (2. Korinther 5,19). Das Kreuz Christi offenbart auch Gottes Art der Solidarität mit den Ausgegrenzten und Unterdrückten sowie einen

© CAM Barbara Robra

identifizierte und ihre Sünden am Kreuz trug, drang er

MISSION IM KONTEXT

27


Die Auferstehung Christi ist das einzigartige Ereignis, das die Welt zutiefst verwandelt. Gewalt, Tod und der Schrecken angesichts der Endgültigkeit des Todes haben nicht mehr das letzte Wort. Die Auferstehung eröffnet eine neue Wirklichkeit der Befreiung und Hoffnung für die Menschheit und die ganze Schöpfung. Durch Christi Tod und Auferstehung versöhnt sich Gott mit der Menschheit und der Schöpfung. Gott hat auch Versöhnung unter den Menschen und zwischen Menschheit und Schöpfung ermöglicht. Darüber hinaus offenbart Christi Auferstehung das wahre Wesen aller Dinge. Die Schöpfung selbst nimmt eine neue Dimension an. Alles Geschaffene, jeder Augenblick und jedes Ereignis birgt lebensspendendes Potenzial in sich; nichts darf mehr endgültig sein, selbst vermeintliche „Sackgassen“ werden in neue Möglichkeiten zur Mission verwandelt. Der Weg der Auferstehung ist ein Weg der Verwandlung

© CAM Barbara Robra

und der Bevollmächtigung.

2.1.3. Gottes Mission: Heiligung Gottes Mission in der Welt wird durch den Heiligen Geist fortgeführt. Der Geist Gottes befähigte Propheten und Prophetinnen, kam auf Jesus zu Beginn seines Wirkens herab, beseelte und bevollmächtigte die ersten Jünger und Jüngerinnen und entsandte und rüstete die entstehende Kirche für ihr Zeugnis zu. In derselben Weise beruft, sendet und bevollmächtigt der Heilige Geist das

Weg des Protestes gegen Unrecht

ganze Volk Gottes zu allen Zeiten, unabhängig von Ge-

und Unterdrückung. In der Tiefe

schlecht und Lebensalter, zur Teilhabe an der Mission.

jeglicher im Kontext erfahrenen Unterdrückung und Ausgrenzung ist

Durch das Evangelium ruft der Heilige Geist die Men-

der gekreuzigte Gott

schen zur Busse, zum Glauben und zu neuem Leben.

zu finden. Jedoch wird

Durch den Geist wird eine neue Familie, eine Vielfalt von

durch Christi Kreuzi-

Menschen, zu einem Leib versammelt, in dem Schranken

gung weder ungerech-

der sozialen Schicht, der Hautfarbe, des Geschlechts

tes

geheiligt

und der Kultur durchbrochen werden. Nicht die Boten

noch ein Vorbild dafür

und Botinnen, sondern der Heilige Geist verurteilt Sünde

gegeben, wie Leiden

und Ungerechtigkeit, weckt den Glauben und erneuert

ertragen werden sollte.

Gottes Volk als einzelne Menschen und als Gemeinschaft

Die Kreuzigung ist viel-

für die Mission. In der Kraft des Heiligen Geistes entfal-

mehr ein Zeugnis für Gottes Willen,

tet das verkündigte Wort Gottes seine Wirkung und will

dass niemand Gewalt erleiden sollte.

auch diejenigen verwandeln, die weit vom Reich Gottes

Der Weg des Kreuzes ist ein Weg der Versöhnung und Bevollmächtigung. Der Weg der Auferstehung ist ein Weg der Verwandlung und der Bevollmächtigung.

28

Leiden

Der Weg des Kreuzes ist ein Weg der

entfernt sind – diejenigen, die sich dem Evangelium wi-

Versöhnung und Bevollmächtigung.

dersetzen, es ignorieren oder verfälschen.

MISSION IM KONTEXT


THEOLOGIE DER MISSION

TEIL 2

Die bleibenden Früchte der Mission sind das Werk des

Die Teilhabe der Kirche an Gottes

Heiligen Geistes. Der Geist sorgt dafür, dass unvollkom-

Mission ist daher eine Gabe der Gna-

mene menschliche Bemühungen zu Werkzeugen der

de Gottes, eine Gabe, die sich auf das

Mission Gottes werden. Der Heilige Geist verwandelt

anbrechende Gottesreich in Chris-

menschliche Worte, die die frohe Botschaft verkün-

tus gründet und aus ihm erwächst.

digen, das Wasser der Taufe und Brot und Wein beim

Da die Kirche aus Gnade geschaffen

Abendmahl in Zeichen der Gegenwart Christi in der

wurde, um Teil der Gemeinschaft

Kirche und bevollmächtigt damit die Kirche zur Mis-

mit Gott zu sein, lebt sie nicht für

sion Gottes. Der Heilige Geist rüstet Christinnen und

sich selbst, sondern für Gott und für

Christen und die ganze Kirche mit einer Vielfalt von

die Welt. „Ausersehen und vorherbe-

Gaben aus (1. Korinther 12, Römer 12, Epheser 4). Als

stimmt, dem Bild des Sohnes Gottes

mit diesen geistlichen Gaben (charismata) ausgestat-

gleich zu sein“ (Römer 8,29) nimmt

tete Menschen verkünden sie das Evangelium und tei-

die Kirche nicht nur an der Erfüllung

len mit allen Völkern an allen Orten das Leben, das im

der Mission Gottes teil, sondern sie

Evangelium beschrieben wird. Alle Gaben des Geistes

ist zugleich auch sichtbares Zeichen

– Predigt, Lehre, Heilung, Prophetie, Leitung und ande-

für deren Gegenwart.

re Gaben, die Frauen und Männern verliehen werden – sind dazu bestimmt, die jeweilige Gemeinschaft des

Somit gehört die Mission der Kirche

versammelten Gottesvolks, die Gemeinde, zu stärken

zum Evangelium und nicht zum Ge-

zu innerem Wachstum und ganzheitlicher Mission. Der

setz, denn Gottes erlösende Gnade

Heilige Geist schenkt uns durch die Kirche, trotz all

hat die Kirche befreit vom zwang-

ihrer Unvollkommenheit, einen Vorgeschmack auf die

haften Streben nach Erfolg und Er-

verheissene zukünftige Zeit.

gebnissen um ihrer selbst willen. Der Erfolg der Mission lässt sich

2.2. Die Kirche in ihrer Mission

grundsätzlich nicht an menschlichen Erwartungen und Überlegungen messen. Wo die Kirche ihrem

Die Trinität als eine „Gemeinschaft der göttlichen Sen-

Herrn getreu folgt und in ihrem Le-

dung“ hat der Kirche einen Raum geschaffen, in dem

ben und Zeugnis auf die Gegenwart

sie an Gottes Mission teilhat, gesandt, bevollmächtigt

des auferstandenen Christus ver-

und von der Gnade begleitet wird bis ans „Ende der

traut, spiegelt ihre Mission auch die

Welt“. Dass Gott die Kirche mit aller ihrer menschlichen

Verwundbarkeit der bedingungslo-

Schwachheit in die Gemeinschaft der göttlichen Mission

sen Liebe wider, die am Kreuz Chris-

aufnimmt (1. Korinther 1,9), zeigt, wie tief Gottes Liebe

ti sichtbar wurde. In Gottes Mission

ist und wie weit seine Verwundbarkeit reicht. Die Kirche

wird menschliche Niederlage oft

in ihrer Mission bezieht sich auf die örtliche Versamm-

zum Sieg, denn Christi Kraft ist in

lung der Gläubigen, die durch Gottes Wort und die Sa-

den Schwachen mächtig (2. Korin-

kramente bevollmächtigt und vom Heiligen Geist gelei-

ther 12,9).

tet werden, um an Gottes Mission teilzunehmen. Diese Kirche hat eine räumliche Dimension und umfasst verschiedene Ebenen der Verbundenheit und Gemeinschaft

2.2.1. Mission gehört zum Wesen der Kirche

sowie verschiedene Ausprägungen. Zudem hat sie eine zeitliche Dimension, umfasst vergangene und zukünftige

Wie Jesus zeigt, besteht die Bestim-

Generationen. Die Kirche in ihrer Mission ist der Leib

mung der Kirche darin, an Gottes

Christi in der Welt.

Mission

teilzuhaben:

„Wie

mich

MISSION IM KONTEXT

29


Teil 2

THEOLOGIE DER MISSION der Vater gesandt hat, so sende ich

erfahren und dadurch ihr Engagement in ökumenischen

euch.“ (Johannes 20,21). Die Kirche

Dialogen zu stärken.

ist Gottes Volk, dazu geschaffen, die wunderbaren Taten des Einen zu ver-

Die Kirche ist heilig, weil sie eine Gemeinschaft ist, die

künden, der es aus der Finsternis in

von Gott geliebt und geheiligt wird, indem er sie zur

Gottes wunderbares Licht berufen

Mission bestimmt. Die Heiligkeit der Kirche besteht da-

hat (1. Petrus 2,9). Somit gehört die

her nicht im „Anderssein“ gegenüber der Welt, sondern

Mission zum innersten Wesen der

äussert sich gerade dadurch, dass die Kirche in der Welt

Kirche. Es ist nicht in das Belieben

ist und an Gottes Mission teilhat durch ihr Wesen, ihre

der Kirche gestellt, missionarisch

Präsenz und ihr Handeln in einer gewalttätigen und ver-

zu wirken. Mission ist wesentlich für

wundeten Welt. Indem die Kirche inmitten der selbst-

ihre Existenz als die „eine, heilige,

zerstörerischen Welt auf die Gnade und Liebe des einen

katholische und apostolische Kirche“

heiligen Gottes hinweist, bringt sie eine erwartungsvolle

(Nizänisches Glaubensbekenntnis).

Sehnsucht nach Heiligkeit zum Ausdruck. In ihrem missionarischen Wirken weist die Kirche auf die Heiligkeit

Mission und die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche

des Lebens und der ganzen Schöpfung Gottes hin. Ihre Präsenz bezeugt, selbst ohne Worte, die Würde und Heiligkeit der Schöpfung.

Als Leib Christi ist die Kirche eine

Die missionarische Kirche ist apostolisch, da sie durch

und nimmt teil an der einen Mission

die „Gemeinschaft der göttlichen Sendung“, nämlich den

des dreieinigen Gottes. Aus mensch-

dreieinigen Gott, zur Mission bevollmächtigt, ausgesandt

licher Schwäche hat die Kirche das

und begleitet wird. Die Apostolizität der Kirche bedeutet

Einssein, zu dem sie sich bekennt,

vor allem, dass sie mit der frohen Botschaft in die Welt

noch nicht verwirklicht. Doch hat

ausgesandt wird (Matthäus 28,18-20). Sie verweist also

sie im Laufe der Jahrhunderte ver-

auf die tragende Rolle des Dienstes in Wort und Sakra-

sucht, dieser Verwirklichung nahe

ment bei der Zurüstung der Kirche für die Mission.

zu kommen durch ihre Bemühungen um eine Mission, die nach „Einheit in

Ob die Einladung zur Gnade der Taufe integraler Bestand-

Vielfalt“ strebt. Christen und Chris-

teil der Apostolizität der Kirche ist, wird in Teilen der lu-

tinnen bekennen, dass die fehlende

therischen Gemeinschaft eingehend diskutiert. So argu-

Einheit der Kirche ihrem Zeugnis

mentieren zum Beispiel einige Kirchenleitende in Asien,

von der Liebe Gottes widerspricht.

es sei theologisch richtig, dass ungetaufte Gläubige auf-

Christi hohepriesterliches Gebet,

grund ihres Glaubens zu der einen, heiligen, katholischen

„damit sie alle eins seien... damit die

und apostolischen Kirche gehören. Deswegen finden sie

Welt glaube...“ (Johannes 17,21) ist

es unnötig, diese Gläubigen den sozialen, politischen und

auch zu dem Gebet geworden, das

wirtschaftlichen Beschwernissen auszusetzen, die in die-

die Sehnsucht der Kirche zum Aus-

sem Teil der Welt häufig mit der Taufe verbunden sind. In

druck bringt, eines Tages der eine

anderen Kontexten sind lutherische Kirchen jedoch der

„Leib Christi“ zu sein. Die Einheit der

Überzeugung, dass das Taufen der Menschen im Namen

Kirche ist eines der Ziele der Missi-

des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes zum

on. Für die verschiedenen Kirchen

apostolischen Auftrag der Kirche gehört.

ist die Teilhabe an Gottes Mission in

30

gemeinsamen ökumenischen Bemü-

Überdies bezieht sich die Apostolizität weniger auf

hungen eine Möglichkeit, Einheit zu

kirchliche Hierarchie und Autorität als vielmehr auf den

MISSION IM KONTEXT


apostolischen Glauben, der durch Frauen und Männer in der Mission wirksam wird. Apostolizität bringt das Grundwesen der Kirche als Gesandte zum Ausdruck. Apostolizität deutet auch an, dass der Eine, der aussendet, durch die inkarnatorische Mission der Kirche immer gegenwärtig und tätig ist. Aussendung bedeutet jedoch nicht notwendigerweise, sich in ferne Länder und Kulturen zu begeben, wenngleich das kulturübergreifende Zeugnis ein wesentlicher Aspekt der Sendung ist. In der heutigen globalisierten Welt liegen „die Enden der Erde“ häufig „vor der eigenen Haustür“.

Mission und die Katholizität der Kirche Aus der Sicht der Mission bezieht sich die Katholizität der Kirche im allgemeinen auf die geographische Verbreitung des christlichen Glaubens in der ganzen Welt und die Präsenz der Kirche an jedem Ort in zahllosen durchdringt, sondern ihn auch verändert, so verhält es sich auch mit dem Glauben. Der Akzent liegt jedoch eher auf der qualitativen Universalität des Glaubens und dessen inkarnatorischer Einpflanzung in die jeweilige Kultur und nicht so sehr auf der quantitativen Ausbreitung der Kirche. Diese qualitative Universalität

© LWB Margret Stasius

Kulturen. Wie der Sauerteig nicht nur den ganzen Teig

umfasst Glaubende aller Zeiten – Gottes Volk früherer, heutiger und zukünftiger Generationen. Die Katholizität erinnert ebenfalls daran, dass die ganze Schöpfung Gottes schliesslich in Christus vereint und erneuert werden wird. Der christliche Glaube ist trotz seiner universalen Ver-

Mission und Kirche als communio und ökumenische Gemeinschaft

breitung auch kulturell geprägt. Der Glaube ist wesensmässig inkarnatorisch, fest verwoben mit einer Zeit,

Die Wirklichkeit der Gemeinschaft

einem Ort und einer Kultur. Wenn Ortsgemeinden mis-

der Kirchen ist durch Christus in

sionarisch tätig werden, müssen sie sich um eine Ausge-

der Gemeinschaft des

wogenheit zwischen dem Lokalen und dem Universalen

dreieinigen Gottes ver-

bemühen, denn Universalität und Partikularität sind

ankert

untrennbar miteinander verbunden. Ohne die universa-

1,9). Gemeinschaft bzw.

le Gemeinschaft des Glaubens kann eine Ortsgemeinde

communio

(1.

Korinther ist

daher

zu keinem echten Selbstverständnis im ihrem jeweiligen

keine strategische Ver-

Kontext finden. Katholizität oder Universalität ohne

einigung oder Allianz

Kontextualität führt die missionarische Kirche daher

für

zu Imperialismus, und Kontextualität ohne Katholizität

die wieder aufgegeben

führt zu Provinzialismus.

werden kann, wenn sie

praktische

Ziele,

Somit gehört die Mission zum innersten Wesen der Kirche. Es ist nicht in das Belieben der Kirche gestellt, missionarisch zu wirken. Mission ist wesentlich für ihre Existenz als die „eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“.

MISSION IM KONTEXT

31


drittens die Beziehung zwischen den Ortskirchen im regionalen und globalen Kontext. Das Verständnis der Kirche als communio hat unmittelbare Auswirkungen auf das Missionsverständnis und die missionarische Praxis. Eine von der Gemeinschaft getragene Missionstätigkeit verleiht der Mission eine neue Qualität. Da die Mission der Kirche nicht ihrer Selbstverherrlichung dient, können Kirchen der gleichen Tradition in verschiedenen Regionen und Kirchen unterschiedlicher Traditionen in derselben Region ihre Bemühungen ökumenisch in einer gemeinsamen missionarischen Aktion vereinen. Eine Gemeinschaft, die den Geist der Einheit und Katholizität bewahrt, findet ihren Ausdruck in demütigem Engagement, gegenseitiger Achtung, Nachsicht, Geduld und Liebe. Die Neigung zu Konkurrenz im Blick auf Missionsfelder in verschiedenen Teilen der Welt im Wettlauf um die Stärkung des Ansehens und die Erweiterung des Einflussbereichs der eigenen Konfession oder Organisation sollte abgelöst werden durch Zusammenarbeit und gemeinsames Handeln. Konkurrenz und Vorstellungen von „Eroberung“ sowie Proselytismus (Abwerbung anderer © CAM Barbara Robra

Christinnen und Christen für die eigene Konfession) gefährden und untergraben die Mission Gottes. Durch gemeinsame ökumenische missionarische Aktivitäten in verschiedenen Teilen der Welt wird die Gemeinschaft der Kirchen gestärkt. Eine partnerschaftliche Mission, die in gegenseitiger Verpflichtung und im Teilen missionarischer Ressourcen – geistlicher, personeller, materieller oder finanzieller Art – zum Ausdruck kommt, überwindet Überheblichkeit, Isolierung, Opportunismus und Argwohn. Kirchen, die gemeinsam Mission betreisich nicht mehr als nützlich erweist.

ben, sind fähig, den Geist der Einheit, der Gegenseitigkeit,

Sie ist vielmehr eine Wirklichkeit,

des voneinander Lernens und des miteinander Teilens

in der sich die Identität der Kirche

zu bewahren und den Segen des Lebens in Gemeinschaft

als Teilhaberin an Gottes ureigenem

zu erfahren.

Sein widerspiegelt. Die Vision und Praxis der communio kann eine grosse Hil-

32

Im ekklesiologischen Sinne bringt

fe für die Kirche sein, wenn es darum geht, der heute in

der Begriff communio drei Bezie-

Gemeinschaften verbreiteten Fragmentierung und Spal-

hungsebenen der Kirche zum Aus-

tung zu begegnen und Heilung in eine Welt zu bringen,

druck: erstens die Einheit der Kirche

die durch Habgier und Gewalt gebrochen ist. Da sie un-

unabhängig von Zeit und Raum; zwei-

tereinander einer des anderen Glied sind (Römer 12,5),

tens das Wesen des gemeinschaftli-

sind die Glieder der Kirche dazu aufgerufen, „einander

chen Lebens in der Kirche vor Ort;

zu erbauen“ (1. Thessalonicher 5,11) und „einander zu

MISSION IM KONTEXT


THEOLOGIE DER MISSION

TEIL 2

lieben und mit Ehrerbietung zuvorzukommen“ (Römer

chen, das Einheit bewirkt, das alle

12,10). So kann die Kirche als communio Gemeinschaften

menschlichen Schranken überwin-

dazu aufrufen, Verantwortung zu übernehmen und für

det, seien sie ethnischer, sprachli-

eine gerechte Gesellschaft einzutreten.

cher, nationaler, geschlechtlicher oder sozialer Art. Das Abendmahl

2.2.2. Mission wird durch das Wort bevollmächtigt und vom Geist geleitet

bringt Gottes eschatologische Wirk-

Die Kirche ist durch Gottes dynamisches Wort geschaf-

gibt der Welt einen Vorgeschmack

fen (creatura verbi). Durch das Wort Gottes wird sie ge-

der kommenden Vollendung (1. Ko-

tragen, inspiriert und zur Mission bevollmächtigt. Got-

rinther 11,26).

lichkeit in das Leben der Kirche ein, bevollmächtigt sie zur Mission und

tes Wort trägt den Glauben durch die Unklarheiten und Versuchungen der sich ständig verändernden Kontexte

Mission wird vom Heiligen Geist gelei-

der Kirche hindurch. Es rüstet das Volk Gottes zu für

tet: Der Heilige Geist erweckt, inspi-

alles gute Wirken (2. Timotheus 3,16) und befähigt es

riert und leitet die Menschen in der

dadurch, den Erfordernissen des jeweiligen Kontexts ge-

Nachfolge Christi, Zeugnis von Chris-

recht zu werden. Das Wort Gottes schafft in der Kirche

tus und von Gottes bedingungsloser

sowohl die notwendige Bereitschaft als auch Einsicht,

Liebe abzulegen. Durch den Geist

um an Gottes anbrechendem Reich teilzuhaben.

wird die Kirche ständig für die Mission belebt und erneuert. Geistliche

Auch die Sakramente sind als „sichtbares Wort“ untrenn-

Erneuerung geschieht durch den

bar mit der Mission und ihren Zielen und Handlungswei-

Beistand des Heiligen Geistes. Er-

sen verbunden. In der Taufe hat die christliche Kirche

neuerung der Kirche kann in Form

die Verheissung der bedingungslosen Gnade, der Ver-

eines kreativen Gottesdienstes und

gebung und eines neuen Lebens in Christus gefunden:

in Form liturgischer, struktureller,

eines Lebens in der Nachfolge. Die Taufgnade nährt

missionarischer

dieses Leben in der Nachfolge während des ganzen Le-

scher

bensweges eines Christen und einer Christin in einem „in der Liebe tätigen Glauben“. In der Taufe werden die

charismati-

Erneuerungen

geschehen, durch

und

den

die

alle

Heiligen

Gläubigen zur Gemeinschaft mit Gott in der Mission auf-

Geist bewirkt werden,

gerufen und durch die gleiche Berufung, vom Heiligen

der verschiedene Ga-

Als ein „Sakrament der Gegenwart“, das auf die Wirklichkeit des gnadenvollen Gottesreiches in der Welt hinweist, bildet das Abendmahl die Grundlage für Mission als Verwandlung, Versöhnung und Bevollmächtigung.

Geist begleitet, mit der Botschaft der Liebe in die Welt

ben für verschiedene

gesandt. Die Taufe ist ein Auftrag zur Mission, in der je-

Ziele gebraucht. Erneu-

des Mitglied der Kirche seine oder ihre eigene Berufung

erung kann zwar auch

und Aufgabe hat.

vorgetäuscht

Eine missionarische Spiritualität ist auch im Abendmahl

durch ihre Früchte in

zu finden, in dem Christus selbst in, mit und unter Brot

der ganzheitlichen Mission bestä-

und Wein in der Kirche gegenwärtig ist, indem er seinen

tigt.

werden,

aber ihre Echtheit wird

Leib und sein Blut zur Vergebung der Sünden hingibt und sein Leben mit der Welt teilt. Als ein „Sakrament der Ge-

Da sie durch den Heiligen Geist gelei-

genwart“, das auf die Wirklichkeit des gnadenvollen Got-

tet wird und mit verschiedenen Ga-

tesreiches in der Welt hinweist, bildet das Abendmahl

ben zugerüstet ist, ist die ganze Kir-

die Grundlage für Mission als Verwandlung, Versöhnung

che charismatisch. „Charismatisch“

und Bevollmächtigung. Es ist auch ein wirksames Zei-

bedeutet nicht notwendigerweise

MISSION IM KONTEXT

33


Teil 2

THEOLOGIE DER MISSION pfingstlerisch – die beiden Begriffe

Christi an der Mission Gottes teil und stellt sich glau-

sind nicht austauschbar. Eine cha-

benstreu und zielbewusst den Kontexten des 21. Jahr-

rismatische Kirche nutzt alle Gaben

hunderts. Während sie sich, vom Gebet begleitet, den

des Geistes für die Mission: Verkün-

Herausforderungen ihres Kontextes stellt, steht die Kir-

digung des Evangeliums, Befreiung

che in der Notwendigkeit, anhand der hermeneutischen

von bösen Mächten, Gebet zur Hei-

Spirale ihre theologische Reflexion über die verschiede-

lung, Gemeindeaufbau, Dienst und

nen Aspekte und Dimensionen der Mission ständig zu

Anwaltschaft. Durch charismatische

vertiefen. Eine fortgesetzte theologische Reflexion über

Erneuerung wird betont, dass der

die missionarische Praxis und übergreifende missiologi-

christliche Glaube den ganzen Men-

sche Themen wird die Kirche bei der Durchführung ih-

schen umfasst: Gefühle, Verstand,

rer kontextbezogenen Mission stärken.

Wille und Leidenschaft. Dies erklärt, wieso charismatische Bewegungen das Wachstum und die Ausbreitung

2.3.1. Mission als Verwandlung, Versöhnung und Bevollmächtigung

von Kirchen stark beschleunigen. Mission wird durch Erfahrung ge-

Das vorliegende Dokument konzentriert sich auf drei

prägt. Wie die Zehnte Vollversamm-

Dimensionen der Mission: Verwandlung, Versöhnung

lung des LWB anmahnte, ist es für

und Bevollmächtigung. Diese Dimensionen der Mission

die Kirche wesentlich, „Möglichkeiten

spiegeln sich in Gottes Mission als Schöpfung, Erlösung

für den Dialog mit den Pfingstkirchen

und Heiligung wider und werden hervorgehoben im mis-

zu finden und sich mit den charismati-

sionarischen Verständnis des dreifachen Weges Christi:

schen Bewegungen in unseren eigenen

des Weges der Inkarnation, des Weges des Kreuzes und

Kirchen zu befassen und in Beziehung

des Weges der Auferstehung. Diese Dimensionen der Mis-

zu treten.“ Ein solches Engagement

sion durchdringen alle missionarischen Bemühungen (z.

kann die Kirche befähigen, charisma-

B. Verkündigung, Dienst, Eintreten für Gerechtigkeit, in-

tische Phänomene mit

terreligiöser Dialog und Bewahrung der Schöpfung) und

ihren positiven und ne-

bieten Kriterien, anhand derer die Kirche ihre Treue zur

gativen Auswirkungen

Mission gegenüber Christus, der sie in die Welt gesandt

zu untersuchen, zu ana-

hat, beurteilen kann.

Verwandlung ist ein kontinuierlicher Prozess, in dem alles verworfen wird, was das Leben entmenschlicht und entheiligt, und an allem festgehalten wird, was die Heiligkeit des Lebens und die Gaben jedes einzelnen Menschen bekräftigt und Frieden und Gerechtigkeit in der Gesellschaft fördert.

lysieren und daraus lernen – ein Lernprozess,

Verwandlung

der für den treuen und glaubwürdigen

Dienst

Die Heilige Schrift spricht von Verwandlung als einem

der Kirche in Gottes

kontinuierlichen Prozess der völligen Neuorientierung

Mission sehr nützlich

des Lebens mit allen seinen Bestrebungen, Ideologien,

wäre.

Strukturen und Wertvorstellungen. Verwandlung ist ein kontinuierlicher Prozess, in dem alles verworfen wird,

2.3. Theologische Dimensionen der Mission

was das Leben entmenschlicht und entheiligt, und an allem festgehalten wird, was die Heiligkeit des Lebens und die Gaben jedes einzelnen Menschen bekräftigt und Frieden und Gerechtigkeit in der Gesellschaft fördert. Dieser Prozess entsteht aus der Erkenntnis des gnädi-

34

Die Kirche hat in der Kraft des Wor-

gen Willens Gottes, der Menschen durch den Heiligen

tes Gottes und unter der Leitung des

Geist beruft, rechtfertigt und bevollmächtigt, dem Bild

Heiligen Geistes in der Nachfolge

des Gottessohnes gleich zu werden und sich selbst als

MISSION IM KONTEXT


THEOLOGIE DER MISSION

TEIL 2

Werkzeug der Gerechtigkeit hinzugeben (Römer 12,2;

werden verklärt in sein Bild von ei-

6,13; 8,29; 1. Petrus 1,14-25; Epheser 4,15 – 5,10; 2. Korin-

ner Herrlichkeit zur andern von dem

ther 3,18; Kolosser 1,10-14; Titus 3,5).

Herrn, der der Geist ist.“ (2. Korinther 3,18).

In verschiedenen Bereichen der Gesellschaft hat man sich, dem unersättlichen Drang des Menschen nach

Der Heilige Geist führt und bevoll-

eigener Entfaltung und Gewinn folgend, energisch für

mächtigt die Kirche auch zu einer

Veränderung und Fortschritt eingesetzt. Wenngleich ein

Mission der Verwandlung, die auf

solcher Prozess gelegentlich lobenswert und nützlich

gesellschaftliche Strukturen und

sein kann, sollte er dennoch nicht mit der Verwandlung

Beziehungen zielt. Die Kirche folgt

verwechselt werden, die aus Sicht der kirchlichen Missi-

Christus auf dem Weg der Inkarna-

on vorrangig Gottes Werk inmitten der Schöpfung ist. Im

tion nach und begibt sich so tief

Lichte der Auferstehung Christi betrachtet ist Verwand-

in die Kontexte hinein und identi-

lung die Entfaltung des potenziell lebensspendenden Wesens der ganzen Schöpfung und ein Ausdruck dessen, wie Gottes Gnade in der Natur wirkt. Das beständige Wirken des Heiligen Geistes schafft Verwandlung in der Kirche und durch die Kirche für die ganze Welt. Da die Kirche im Sinne des „schon jetzt“ und „noch nicht“ in Erwartung der Erlösung durch Gott lebt, muss sie sich vor einer triumphalistischen Sicht der Verwandlung hüten und sie statt dessen im Glauben mit allen ihren Ambivalenzen und Ungewissheiten annehmen. Die Mission der Kirche im Sinne der Verwandlung umfasst Einzelpersonen, Strukturen und Beziehungen in der Gesellschaft. Für den Einzelnen betont zum Beispiel der Apostel Paulus, dass Verwandlung wesentlich in Gottes erlösender Gnade begründet ist und die Glaubende und den Glaubenden mit Christi Tod, Grablegung und Auferstehung verbindet, damit er oder sie wie der auferstandene Christus „in einem neuen Leben wandeln“ möge (Römer 6,4-14). Durch Gnade gerechtfertigt, im festen Vertrauen auf Gottes Verheissung, dass sein oder ihr Leben mit Christus in Gott verborgen ist (Kolosser 3,3), folgt der oder die gläubige Sünder oder Sünderin dankbar dem Ruf und der Führung des Heiligen Geistes in die Nachfolge Christi. Verwandlung als Gabe der Rechtfertiihre „Glieder Gott [hinzugeben] als Waffen der Gerechtigkeit“ (Römer 6,13) und den Weg des Kreuzes, ja den Tod zu erleiden, damit andere geheilt werden (2. Korinther 4,7-12). Eine solche Verwandlung erklärt die Paulusworte: „Nun aber schauen wir alle mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wie in einem Spiegel, und wir

© CAM Barbara Robra

gung bevollmächtigt Menschen, dem Bösen abzusagen,

MISSION IM KONTEXT

35


Teil 2

THEOLOGIE DER MISSION fiziert sich vollständig mit der Not

oder freudiges Geschehen erfahren. Befreiung wie

der Opfer von Unrecht, Ausbeutung

auch Versöhnung können die schmerzhafte Erfahrung

und Ausgrenzung. Da Christus in

mit sich bringen, dass Macht und Privilegien aufgege-

ihrer Mitte ist, steht sie solidarisch

ben werden müssen. Da Verwandlung erfordert, „gegen

zu den Menschen, die durch die ne-

den Strom zu schwimmen“, kann dies auch Opfer ver-

oliberale wirtschaftliche Globali-

langen und Verfolgung oder sogar das Martyrium mit

sierung verarmen und entmensch-

sich bringen.

licht werden. Sie wird dadurch zur Kirche der Armen. Indem sie un-

Versöhnung

gerechte und gewalttätige Verhaltensweisen und Strukturen im öf-

Die Heilige Schrift sagt eindeutig, dass Versöhnung ei-

fentlichen und privaten Bereich als

nes der Ziele der Mission Gottes ist: „Gott war in Chris-

sündhaft und zerstörerisch für das

tus und versöhnte die Welt mit sich selber ... und hat

Leben in der Gesellschaft ablehnt

unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung“

und anprangert, geht die Kirche

(2. Korinther 5,19). Die missionarische Kirche hat an

mit Christus den Weg des Kreuzes.

Gottes versöhnender Mission teil als Gottes Botschaf-

Mission als Verkündigung, Dienst

terin, die die Menschen im Namen Christi dazu auf-

oder Diakonie und Anwaltschaft

ruft, sich mit Gott versöhnen zu lassen. Dies ist ein

muss unter dem Zeichen des Kreu-

grundlegender Aspekt der Versöhnung: die Beziehung

zes geschehen, um Solidarität und

zwischen Gott und den Menschen wiederherzustellen.

Hoffnung zu stärken. Wenn die

Durch Verkündigung und Zeugnis, durch christliches

Kirche Christus auf dem Weg der

Leben und Diakonie werden Menschen zur Umkehr

Auferstehung folgt und das Evan-

und zum Glauben geführt, und sie freuen sich, in Got-

gelium durch Wort, Präsenz und

tes Gemeinschaft der „Gesandten“ aufgenommen zu

Handeln bezeugt, lässt sie es nicht

werden. Die Gnade dieser unverdienten und unver-

zu, dass politische und soziale Un-

hofften Versöhnung macht es möglich, Versöhnung in

terdrückung und wirtschaftliche

alle anderen zwischenmenschlichen Beziehungen hin-

Ausgrenzung das letzte Wort be-

einzutragen: innerhalb der Familie, mit anderen Grup-

halten. In ihrer diakonischen Missi-

pen, in der Gesellschaft und unter den Völkern. Zum

on, die nicht bloss ein Zeichen des

missionarischen Auftrag der Kirche als Botschafterin

Glaubens ist, sondern bewusst auf

der Versöhnung und als Friedensstifterin gehören Ver-

eine tragfähige Gemeinschaft für

mittlung, Wiederherstellung friedlicher Koexistenz

alle abzielt, wird die Kirche durch

sowie der Aufbau und die Erhaltung von Beziehungen.

den Heiligen Geist dazu angeleitet,

Durch den dreifachen Weg Christi lässt sich die Kir-

einen Weg aus der Ausweglosigkeit

che inspirieren für die Aufgabe, diese Verantwortung

zu finden.

für Versöhnung zu übernehmen. Indem sie den Weg

© CAM Barbara Robra

des Kreuzes geht, nimmt die Kirche die Schmerzen

36

Wenn die Kirche inmitten einer ge-

der Opfer und die Anmassung der Täter und Täterin-

brochenen und gewalttätigen Welt

nen auf sich, um Raum für Frieden und Versöhnung zu

den Weg Christi geht, macht sie

schaffen. Es ist eine sehr schwierige Aufgaben, Täter

selbst eine tiefgreifende und oft

und Täterinnen zu überzeugen, sich zu ihren Vergehen

schmerzliche Verwandlung durch.

zu bekennen und sich für die Wiederherstellung der

Aus der Perspektive der Nachfolge

Gerechtigkeit einzusetzen. Gottes versöhnende Kraft

Christi betrachtet wird Verwand-

führt jedoch durch die Verwundbarkeit oder Torheit

lung nicht immer als wunderbares

der kirchlichen Mission zur Vollkommenheit.

MISSION IM KONTEXT


THEOLOGIE DER MISSION

TEIL 2

Der Versöhnungsauftrag der Kirche erstreckt sich auch

Ende der Erde“ (Apostelgeschichte

auf den internationalen Bereich. Im 21. Jahrhundert le-

1,8). Bevollmächtigung bezieht sich

ben noch immer viele Länder mit der Erblast der Un-

hier vor allem auf Gott, der seine

terdrückung und des Unrechts früherer Jahrhunderte.

Kraft (dynamis) mit den Menschen

Länder, die früher mit dem Kolonialismus zu kämpfen

teilt, damit sie an Gottes Mission teil-

hatten, werden heute von einer durch die wirtschaftli-

haben. Gott bevollmächtigt einzelne

che Globalisierung bestimmten neo-liberalen Wirtschaft

Christen und Christinnen und die

in die Armut getrieben. Solche todbringenden Struktu-

ganze Kirche durch die Führung des

ren und Systeme sollten nicht das letzte Wort haben in

Heiligen Geistes und die Verleihung

einer Welt, in der Gott die Endgültigkeit des Todes durch-

geistlicher Gaben, die ganzheitliche

brochen hat. Auf dem Weg der Auferstehung besteht die

Mission der Kirche zu verwirklichen.

Mission der Kirche darin, den Unterdrückten wie den

Durch die göttliche Be-

Unterdrückenden Befreiung und Versöhnung zu ermög-

vollmächtigung

lichen. Befreiung und Versöhnung müssen Hand in Hand

Menschen wird Jesu

gehen. Befreiung ohne die Perspektive der Versöhnung

Verheissung erfüllt: wer

entwertet sich selbst; Versöhnung ohne Befreiung ist un-

an ihn glaubt, wird die

realistisch und ideologisch. Versöhnung und Befreiung

gleichen Werke tun, die

erfordern die Wiederherstellung von Gerechtigkeit auf

Jesus getan hat, und so-

nationaler und internationaler Ebene, um den Opfern

gar noch grössere Werke. Die Kirche

von Unterdrückung und Unrecht die Möglichkeit zu ge-

wird dazu bevollmächtigt, von Got-

ben, ihre Menschenwürde wiederzuerlangen. Durch die-

tes bedingungsloser Liebe in Jesus

se befreiende Versöhnung und versöhnende Befreiung

Christus inmitten einer Welt Zeugnis

setzt die Kirche einen Prozess der Verwandlung in Gang

abzulegen, in der Hass herrscht; von

– als Vorwegnahme der endgültigen Versöhnung aller Dinge in Gottes eschatologischer Herrschaft.

von

Dies ist ein grundlegender Aspekt der Versöhnung: die Beziehung zwischen Gott und den Menschen wiederherzustellen.

Rechtfertigung durch Gnade in einer Welt zu sprechen, in der alle nach ihrem Marktwert beurteilt zu werden

Bevollmächtigung

scheinen; und Hoffnung zu verkünden inmitten von unsagbarem Leid

Wenn wir von Bevollmächtigung zur Mission sprechen,

durch Gewalt und Verzweiflung.

erinnert dies an das Wort Jesu: „Aber ihr werdet die Der Heilige Geist bevollmächtigt

men wird, und werdet meine Zeugen sein ... bis an das

die Kirche, dem Missbrauch von

© CAM Barbara Robra

Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kom-

MISSION IM KONTEXT

37


Teil 2

THEOLOGIE DER MISSION

Macht als „Macht über“ andere zu widerstehen und den Weg Christi zu gehen, auf dem Macht mit allen

2.3.2. Mission als ganzheitliche und kontextbezogene Praxis

geteilt wird. In der Kirche ist allen getauften Gläubigen eine besondere Gabe für die Mission, zur gegen-

Die missionarische Kirche versteht ihre Teilnahme an

seitigen Auferbauung und Ermutigung gegeben. Ob sie

Gottes Mission als kontextbezogen, indem sie sich den

nun Mann oder Frau, Laie oder ordiniert, jung oder alt

Herausforderungen der sich dauernd verändernden und

sind, alle ihre Gaben sollen entfaltet, anerkannt und

vielschichtigen Kontexte stellt. Mission ist ganzheitlich

gebraucht werden. Die Kirche unterscheidet nicht

und kontextbezogen im Hinblick auf ihr Ziel, ihre Praxis

zwischen den Machtlosen und denen, die Macht ha-

und ihren Standort. Ihr Ziel umfasst die ganze Schöpfung

ben und andere bevollmächtigen können. Indem die

(ökologisch), das ganze Leben (sozial, politisch, wirt-

Kirche den Weg Christi geht, kommt ihr vielmehr die

schaftlich und kulturell) und den ganzen Menschen (d. h.

gegenseitige Bevollmächtigung ihrer Mitglieder zugu-

alle Menschen und die gesamte Persönlichkeit – mit spiri-

te, die der Gegenwart des dreieinigen Gottes in ihrer

tuellen, geistigen, zwischenmenschlichen, körperlichen

Mitte entspringt.

und umweltbezogenen Bedürfnissen). An der Praxis der Mission sollte die ganze Kirche teilhaben – Frauen und

Durch das missionarische Tun der Kirche erstreckt sich

Männer, junge und alte Menschen. Ganzheitliche Missi-

Gottes Bevollmächtigung auch auf die gesamte Gesell-

on ergibt sich aus dem Wesen der Kirche als einer anbe-

schaft. In Form von Dienst und Diakonie leistet die Kirche

tenden, verkündigenden, dienenden, heilenden und öku-

Hilfe im Blick auf die unmittelbaren Bedürfnisse Not lei-

menischen Gemeinschaft. Als eine solche Gemeinschaft

dender Menschen (z. B. Flüchtlinge, Vertriebene und Op-

engagiert sich die Kirche für Gerechtigkeit, bewirkt

fer von Naturkatastrophen). Die Kirche ist jedoch dazu

Veränderung durch Bevollmächtigung und setzt sich für

aufgerufen, über den Dienst der Verteilung von Hilfsgü-

Frieden und Versöhnung ein. Auf Grund der Katholizität

tern und Wohltätigkeit hinauszugehen und eine Mission

der Kirche geschieht Mission an allen Orten, wo immer

der Bevollmächtigung zu betreiben. Die Kirche bemüht

die Kirche ist, und zu allen Zeiten für alle Generationen.

sich, den Notleidenden unabhängig von ihrer Herkunft

So ist jede Kirche an ihrem Ort für missionarische Auf-

oder ihrem Glauben zu helfen, ihre menschliche Wür-

gaben verantwortlich, sie soll aber auch bereit sein, mit

de wiederzuerlangen, indem sie über ihr eigenes Leben

anderen an anderen Orten zusammenzuarbeiten, wenn

bestimmen können. Für die missionarische Kirche sind

sie zur Partnerschaft gerufen wird, und gemeinsam mit

„die Bedürftigen“ nicht

Missionspartnern an Orten tätig zu werden, die „noch

Indem die Kirche den Weg Christi geht, kommt ihr vielmehr die gegenseitige Bevollmächtigung ihrer Mitglieder zugute, die der Gegenwart des dreieinigen Gottes in ihrer Mitte entspringt.

38

nur die Menschen, die materiell,

nie jemand betreten hat“.

wirtschaft-

lich und sozial schlecht

Wenn die Kirche sich ganzheitlich und kontextbe-

gestellt sind, sondern

zogen in der Missionspraxis engagiert, trifft sie auf

auch die Menschen mit

dialektisch verknüpfte Missionsfragen, die geklärt

emotionalen, zwischen-

werden müssen. Bereits seit längerer Zeit und bei

menschlichen,

geisti-

unterschiedlichen Gelegenheiten führen Missionsab-

gen und spirituellen

teilungen und -gesellschaften, Missionsinstitute und

Problemen. Menschen,

einzelne Christen und Christinnen die theologische

die unter verschiede-

Diskussion über die Verbindung zwischen Themen der

nen manisch-depressiven Syndromen leiden, z. B. Iden-

Mission wie Verkündigung und Dienst, Rechtfertigung

titätsverschiebung, geringer Selbstachtung, Depression

und Gerechtigkeit, Erlösung und Heilung sowie Mis-

und anderen psychosozialen Krankheiten, benötigen die

sion und interreligiöser Dialog. Die Klärung solcher

Aufmerksamkeit und Präsenz der Kirche in ganz ähnli-

Fragen wird für die Kirche eine grosse Hilfe sein im

cher Weise wie wirtschaftlich und sozial Ausgegrenzte

Hinblick auf ihr Verständnis und ihre Praxis der ganz-

und Unterdrückte.

heitlichen Mission.

MISSION IM KONTEXT


THEOLOGIE DER MISSION

TEIL 2

Verkündigung und Dienst

zwei theologische Anliegen. Erstens ist Diakonie mehr als blosse Wohltätigkeit. Im Verständnis der Kirche ist Dia-

Die ganzheitliche Mission der Kirche umfasst Verkün-

konie eng mit dem Kerygma (der Verkündigung) und der

digung und Dienst bzw. Diakonie. Wie sind diese in der

Koinonia (Gemeinschaft am Tisch des Herrn) verbunden

tatsächlichen Missionspraxis verbunden? Das Evangeli-

und somit zwangsläufig prophetisch. Sie geht über das

um ist zuerst frohe Botschaft von Gottes gnadenvoller

Anfangsstadium der Reaktion auf unmittelbare Bedürf-

Rechtfertigung des Sünders durch den Glauben an Jesus

nisse hinaus und befasst sich mit den Grundursachen der

Christus. Als lebendiges schöpferisches Wort soll das Evangelium in einer Sprache artikuliert werden, die den Menschen in ihrem Kontext und ihrer Zeit verständlich ist. Verkündigung als Evangelisation ist darauf ausgerichtet, dass das Evangelium durch die ganze Kirche allen Menschen verkündigt wird und die frohe Botschaft spezifische Kontexte auf konkrete und relevante Weise anspricht. Evangelisation führt Menschen zur persönlichen Begegnung mit dem lebendigen Gott und ruft sie auf, dem gnadenvollen Ruf Christi zur Nachfolge vertrauensvoll zu folgen. Die Kirche lädt durch die evangeliumszentrierte Verkündigung Menschen ein, die Gabe der Sündenvergebung in der Taufe zu empfangen, einer christlichen Gemeinschaft beizutreten und ein Leben der Nachfolge in der Mission zu leben. Der Dienst, der integraler Bestandteil der Mission ist, ist ein wesentlicher Ausdruck der Diakonie. Der Brief der globalen LWB-Konsultation über Prophetische Diakonie: Zur Heilung der Welt (2002) (vgl. den veröffentlichten Text gleichen Titels, 2003) unterstreicht die Tatsache, dass die Diakonie zur Kernbotschaft des Evangeliums gehört und somit für das Selbstverständnis der Kirche von grösster Bedeutung ist. Diakonie ist nicht eine Möglichkeit, für oder gegen die man sich entscheiden kann, sondern wesentlicher Bestandteil der Nachfolge. Alle Christen und Christinnen sind durch die Taufe berufen, in ihrem Tun und ihrer Lebensweise in der Welt diakonisch zu wirken. Dies beginnt als bedingungsloser Dienst an bedürftigen Nächsten und führt notwendigerweise zu

In den lutherischen Kirchen geschieht Diakonie in unterschiedlichen Formen: internationale Nothilfe und Entwicklungsarbeit, diakonische Einrichtungen, Eintreten für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung, diakonische Arbeit in der Gemeinde und soziale Dienste. Im Rahmen dieser Dienste berücksichtigt die Kirche

© CAM Barbara Robra

sozialer Veränderung und Verwandlung.

MISSION IM KONTEXT

39


Teil 2

THEOLOGIE DER MISSION Armut und der lähmenden struk-

Sicherlich kann es Zeiten und Orte in der Welt geben, wo

turellen und systemimmanenten

eine mündliche Verkündigung des Evangeliums nicht

Gewalt. In der prophetischen Dia-

möglich und ein wortloser, aus dem Gebet erwachsener

konie wird der paternalistische Ge-

Dienst die einzige Möglichkeit des Zeugnisses ist. Dieser

gensatz zwischen „reichen Geben-

wortlose Dienst kann vielfältige Formen annehmen, wie

den“ und „armen Empfangenden“

z. B. humanitäre Hilfe, diakonische Arbeit und Engage-

überwunden, denn sowohl die Be-

ment für soziale und politische Veränderung.

günstigten als auch die Dienenden werden in ihrem gemeinsamen

Rechtfertigung und Gerechtigkeit

Streben nach Überwindung des Unrechts verwandelt. Zweitens

Gottes Rechtfertigung des Sünders durch Gnade geht

wird die Kirche durch ihre Veran-

über alle menschlichen Rechtssysteme und Vorstellun-

kerung in der Kreuzestheologie

gen von Gerechtigkeit hinaus, die auf Verdienst, Strafe,

spirituell dazu angeleitet, sich mit

Verteilung, Wiedergutmachung und Vergeltung aufbau-

den Leidenden und Ausgeschlos-

en. Rechtfertigung aus Gnade konzentriert sich nicht auf

senen zu identifizieren. Zweck die-

das, was der Sünder oder die Sünderin getan hat oder

ser diakonischen Arbeit ist nicht

zu tun verspricht, sondern auf das, was Gott anbietet:

die proselytische Anwerbung von

eine mit dem Blut Christi besiegelte Einladung zum Le-

Christen und Christinnen anderer

ben in Gemeinschaft mit Gott. Es ist Gottes gnadenvolle

Konfessionen. Gerade in Notlagen

Einladung, die das Dasein der Menschheit in diesem Le-

wird die Kirche die Not der Men-

ben rechtfertigt. Es ist auch Gottes durch keinerlei Ver-

schen auch nicht dazu missbrau-

dienste erworbene Einladung, die die Zugehörigkeit der

chen, ihnen ihre Glaubensinhalte

Gläubigen zu Gottes Familie, zur Gemeinschaft mit Gott

aufzudrängen.

begründet.

Der Dienst, der integraler Bestandteil der Mission ist, ist ein wesentlicher Ausdruck der Diakonie.

Die Kirche und der ein-

Rechtfertigung durch Gnade ist daher befreiend und

zelne Christ wie auch

schöpferisch. Sie befreit die Menschen von ihrer stän-

die einzelne Christin

digen Fixierung auf Selbstrechtfertigung, Selbstwertge-

verkündigen das Evan-

fühl und eigene Leistung und schafft immer wieder einen

gelium mit Worten und

Neubeginn und Möglichkeiten für ein Leben in Fülle. Got-

bezeugen es durch ihr

tes befreiende und schöpferische Gerechtigkeit ist auch

Leben in ihrem eige-

in seinen mächtigen Taten in der Geschichte wirksam,

nen Kontext, in jeder Situation. Es

wenn die Angefochtenen ermutigt, die Gefangenen erlöst

muss eine Übereinstimmung zwi-

und die Unterdrückten befreit werden. Diese Befreiung

schen Leben und Reden, zwischen

lässt neues Leben in Gemeinschaft entstehen, wo Solida-

Wort und Tat geben. Verkündi-

rität, Versöhnung und Gerechtigkeit aufblühen können

gung und diakonisches Zeugnis

(Jesaja 61,1-7).

sind untrennbar verbunden in

40

der Teilhabe an Gottes verwan-

Das Engagement der Kirche für Gerechtigkeit entspringt

delnder, versöhnender und be-

aus Gottes befreiender und schöpferischer Gerechtig-

vollmächtigender Mission in der

keit, die in seiner Mission, an der die missionarische

Welt. Worte ohne Taten können

Kirche teilhat, am Werk ist. Wo Gottes Gnade Raum für

abstrakt und kraftlos sein, Taten

die Entfaltung befreiender Gerechtigkeit schafft, ist die

ohne Worte nichtssagend und für

Kirche gerufen zu erkennen, in welcher Form die Gerech-

jede Interpretation offen.

tigkeit in der Gesellschaft Gestalt annehmen wird. Die

MISSION IM KONTEXT


TEIL 2

© LWB Margret Stasius

THEOLOGIE DER MISSION

Kirche soll sich im Gebet darauf besinnen, welche Art

licher Behandlung und Genesung.

von Gerechtigkeit Verwandlung, Versöhnung und Be-

Für Christen und Christinnen aller

vollmächtigung in der und für die Gesellschaft bewirken

Konfessionen ist Heilung ein grund-

kann. Rechtfertigung aus Gnade hinterfragt konsequent

legendes theologisches Thema, da

jegliches Unrecht oder Werkzeug der Sünde und Bos-

sie in der Spiritualität eine wesent-

heit. Der Glaube an den Gott, der aus Gnade rechtfertigt,

liche Rolle spielt. Die Tatsache, dass

gibt der missionarischen Kirche Inspiration und Energie,

es Krankheit gibt und dass nicht je-

„Gerechtigkeit und Liebe zu üben und demütig vor Gott zu sein“ (Micha 6,8).

der kranke Christ oder jede kranke Christin gesund wird, wirft Fragen nach der Beziehung zwischen Hei-

Erlösung und Heilung

lung und Erlösung in Jesus Christus auf.

Zur Mission Gottes in der Welt gehört die Erfahrung der Heilung im Kontext des Lebens in Gemeinschaft sowie

Nach der Heiligen Schrift ist Gott die

die geistliche Wirklichkeit der Erlösung durch die retten-

Quelle aller Heilung. Im Alten Testa-

de Gegenwart Christi im Leben der christlichen Gemein-

ment hängen Heilung und Erlösung

schaft, sowohl auf kollektiver als auch auf persönlicher

miteinander zusammen und haben

Ebene. Die Erlösung als eschatologische Verheissung,

in vielen Fällen die gleiche Bedeu-

dass Gott eines Tages alles in allem sein wird, bleibt in

tung: „Heile du mich, Herr, so werde

ständiger Spannung mit der harten Wirklichkeit des Le-

ich heil; hilf du mir, so ist mir gehol-

bens und seinem Verlangen nach Heilung. Heilung um-

fen“ (Jeremia 17,14). Das Neue Testa-

fasst Fragen von Gesundheit und Krankheit sowie von

ment setzt jedoch Heilung von einer

medizinischer, psychiatrischer, emotionaler und geist-

Krankheit nicht mit Erlösung gleich.

MISSION IM KONTEXT

41


Teil 2

THEOLOGIE DER MISSION Es unterscheidet zudem zwischen

kirchlichen Mission. Da die Kirche berufen und gesandt

Genesung und Heilung. Einige mö-

ist, Verwandlung, Heilung und Versöhnung in die Gesell-

gen gesund, aber nicht geheilt wer-

schaft zu bringen, gehört die Zusammenarbeit mit unter-

den (Lukas 17,15-19), während ande-

schiedlichen Gruppen im Blick auf Frieden und Gerechtig-

re nicht gesund, aber geheilt werden

keit zur Mission der Kirche. So ist der interreligiöse Dialog

(2. Korinther 12,7-9). Genesung be-

ein wirksames Mittel, um religiöse Spannungen zu ent-

deutet, dass die verlorengegangene

schärfen und Wege zu finden, wie in einem multireligiösen

Gesundheit wiederhergestellt wird

Umfeld den Problembereichen Armut, Diskriminierung,

und bezieht sich somit auf die ur-

Gewalt und Unterentwicklung begegnet werden kann.

sprüngliche Schöpfung. Heilung wiederum bezieht sich auf die eschato-

Indessen ist das Christentum, wie der Islam und ande-

logische Wirklichkeit des Lebens in

re Religionen, eine missionarische Religion. Es gehört

Fülle, das in Jesus Christus anbricht.

wesentlich zu seiner Identität, anderen seinen Glauben

Er ist der verwundete Heiler, der an

mitzuteilen. Jesus segnete seine Jünger und gebot ihnen,

allen Bereichen des menschlichen

alle Völker zu Jüngern zu machen (Matthäus 28,18-20).

Lebens, Leidens und Sterbens teil-

Christus bietet der ganzen Menschheit Erlösung und Hei-

hat und durch seine Auferstehung

lung allein durch den Glauben, ohne menschliches Ver-

Verletzung, Leiden und Tod über-

dienst. Diese Einzigartigkeit Christi ist grundlegend für

windet. In diesem Sinne verweisen

die Mission der Kirche. Die Zehnte Vollversammlung des

Heilung und Erlösung auf dieselbe

LWB erklärte in ihrer Botschaft: „Gottes Mission erstreckt

eschatologische Wirklichkeit.

sich über die Grenzen der Kirche hinaus.“ Sie fügte jedoch mit den Worten der Konferenz für Weltmission und Evan-

Mission und interreligiöser Dialog

gelisation in San Antonio (USA, 1989) hinzu: „Wir kennen keinen anderen Weg zum Heil als Jesus Christus; zugleich aber können wir dem Heilswirken Gottes keine Grenzen

Die Kirchen stehen in unterschiedli-

setzen.“ Wie man zu einem positiven Verständnis des

chem Masse im Dialog mit Menschen

Wesens missionarischer Religionen kommt und wie man

anderer Glaubensrichtungen und

mit der Notwendigkeit ihrer missionarischen Verkündi-

Weltanschauungen. Die Relevanz

gung umgeht, können wichtige Fragen für den interreligi-

und die Zielsetzungen eines solchen

ösen Dialog sein. Dieser sollte jedoch nicht darauf abzie-

Dialogs im Blick auf die Mission der

len, Dialogpartner zu bekehren.

Kirche sind im theologischen Diskurs vielfach thematisiert worden.

Darüber hinaus haben Theologen und Theologinnen

Es wurde gefragt, ob der Dialog den

sich auf die Dreieinigkeit als theologisches Modell für

missionarischen

erset-

den interreligiösen Dialog konzentriert. Ein trinitari-

Anspruch

zen, als Vorstufe zur Mission dienen

sches Modell schafft nicht nur Raum und erkennt das

oder aber integraler Bestandteil der

Existenzrecht des Anderen an, sondern bietet auch eine

umfassenden Mission der Kirche

theologische Grundlage und Modelle für die Praxis der

sein sollte.

„gemeinsamen Suche nach Wahrheit“ im interreligiösen Dialog. Für die Kirche bietet sich die Möglichkeit, mit

42

Der interreligiöse Dialog als Streben

einem trinitarischen Ansatz die Einzigartigkeit Christi

nach Frieden und Zusammenarbeit

zu unterstreichen und gleichzeitig den Einfluss des Heili-

in der Gesellschaft, nach gegenseiti-

gen Geistes auch ausserhalb der Kirche und Gottes Wir-

gem Verstehen und nach der Wahr-

ken in der Schöpfung und auch in anderen Religionen zu

heit, ist integraler Bestandteil der

bekennen.

MISSION IM KONTEXT


© Tord Harlin

Die Konzentration auf die innere Beziehung und die

im Zuhören Geist und Herz für das

Wechselseitigkeit im dreieinigen Leben Gottes bietet für

zu öffnen, was für glaubende Men-

Angehörige unterschiedlicher Glaubensrichtungen eine

schen am wichtigsten ist, kann ihr

Grundlage für den Dialog im gemeinschaftlichen Leben

eigenes Zeugnis in seiner ganzen

sowie in der gemeinsamen Erfahrung eines spirituellen

Tragweite Gehör finden.

Weges der Seele. Das trinitarische Modell offenbart im interreligiösen Dialog auch einen Aspekt der Verwandlung. Wie der Sohn sich ins Unbekannte wagt, während er dem Vater vertraut und vom Geist begleitet wird, so wagt sich auch die Kirche in den Dialog mit Menschen

2.4. Theologie, Kontext und Praxis

verschiedener Glaubensrichtungen und hält dabei an der eschatologischen Vision fest, dass am Ende Gott al-

Mission als Weggemein-

les in allem sein wird. Das Vertrauen auf Gottes Zukunft

schaft

bevollmächtigt die Kirche, sich auf das inkarnatorische

Theologie, die den Kon-

benötigt

eine

und verwandelnde Zusammenleben mit Menschen ver-

text der Kirche wider-

schiedener Glaubensrichtungen einzulassen, die da-

spiegelt und in diesem

durch zu Gefährten auf dem Weg nach Emmaus werden.

Kontext entstanden ist.

Dies schmälert in keiner Weise das Zeugnis der Christen

Eine

solche

So ist der interreligiöse Dialog ein wirksames Mittel, um religiöse Spannungen zu entschärfen und Wege zu finden, wie in einem multireligiösen Umfeld den Problembereichen Armut, Diskriminierung, Gewalt und Unterentwicklung begegnet werden kann.

kontext-

und Christinnen, dass sie in Jesus Christus die Fülle des

bezogene Missionstheologie muss

Lebens gefunden haben. Nur dann, wenn sie bereit sind,

sich auch auf die Praxis der Kirche

MISSION IM KONTEXT

43


Teil 2

THEOLOGIE DER MISSION auswirken. Durch die Anwendung

Mission teilzuhaben, gerecht wird. Mission ergibt sich

der hermeneutischen Spirale bezieht

aus ihrem Wesen als bekennende missionarische Kirche.

sich die Missionstheologie bereits

Der Zweck des dritten Teils ist daher nicht, Anweisun-

auf die Praxis der Mission und ver-

gen für alle möglichen Situationen der Missionspraxis zu

wertet die daraus gewonnenen Er-

geben und auch nicht, die verschiedenen Missionsaufga-

kenntnisse.

ben aufzuzählen, die die Kirche zu erfüllen hat. Vielmehr sollen hier allgemeine Richtlinien und Impulse für die

Der dritte Teil des vorliegenden Do-

Missionspraxis angeboten werden, die, wie wir hoffen,

kuments soll anhand der Praxis der

kreative Diskussionen sowie einfallsreiche Programme

Mission aufzeigen, wie Kirche in der

und Projekte in den Kirchen und ihren Partnerorganisa-

Mission ihrer Berufung, an Gottes

tionen anregen.

Die beiden Auslassungen in diesem Abschnitt behandeln im englischen Originaltext den Unterschied zwischen „kingdom of God“ und „reign of God“, zwei Begriffen, deren inhaltliche Unterscheidung im Deutschen nicht parallel nachvollziehbar ist. Im Englischen lautet der Text wie folgt: „Likewise, clarity is needed on the difference between the reign of God and the traditional concept of the ‚Kingdom of God‘ with the possiblility for one to be outside the Kingdom, by one’s own choice, and the in-breaking reign of God in Christ. The choice for ‚reign of God‘ instead of ‚Kingdom of God‘ is not based simply on a preference for inclusive language.“ … „Comparatively, the term ‚Kingdom of God‘ is very static and space bound, and thus could be easily confused with the concept of Christendom.“ (Anm. d. Red.)

44

MISSION IM KONTEXT


Teil 3

Praxis der mission Und sie kamen nahe an das Dorf, wo sie hingingen. Und er stellte sich, als wollte er weitergehen. Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben. Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach’s und gab’s ihnen. Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen. Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete? Und sie standen auf zu derselben Stunde, kehrten zurück nach Jerusalem und fanden die Elf versammelt und die bei ihnen waren; die sprachen: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und Simon erschienen. Und sie erzählten ihnen, was auf dem Wege geschehen war und wie er von ihnen erkannt wurde, als er das Brot brach. Lukas 24,28-35


Teil 3

Praxis der mission 3.1. Die ganze Kirche steht in der Mission Die Kirche versteht Mission als treue Erfüllung ihrer Berufung, auf das in Christus Jesus anbrechende Reich Gottes hinzuweisen und daran teilzuhaben. Die Mission der Kirche in ihren verschiedenen Formen und Aspekten zielt auf Verwandlung, Versöhnung und Bevollmächtigung in der Welt und im Hinblick auf die Welt. Mission ist Gottes Gabe an jeden Getauften und jede Getaufte und auch an die ganze Kirche: von der Gemeinde vor Ort zur Ortskirche und zur weltweiten Kirchengemeinschaft. Die ganze Kirche (d. h. jedes Mitglied) nimmt an der Mission teil, denn Mission ist nicht das Vorrecht einiger weniger Fachleute oder einiger weniger reicher Gemeinden und Kirchen. Stellvertretende Mission ist ein Konzept, das die Mission Gottes nicht kennt, denn die Kirche kann ihre missionarische Rolle ebensowenig abgeben wie ihren Gottesdienst und die Verwaltung der Sakramente. Mission ist auch der Auftrag der ganzen Kirche, nicht nur einzelner Menschen, und liegt daher in der Verantwortung der ganzen Familie Gottes, der Gemeinschaft der Gesandten. Durch ihr missionarisches Handeln in der Perspektive der Gemeinschaft der Gesandten (und auch der Heiligen) wird die Kirche auf den Weg der getreuen martyria geführt, wenn

© LWB Margret Stasius

sie an allen Orten und zu allen Zeiten im gemeinsamen Zeugnis zusammensteht. Wenn in der Praxis der Mission die gesamte Kirche als Gemeinschaft und nicht nur jeweils eine einzelne Gemeinde oder Kirche handelt, werden sich Solidarität und Partnerschaft in der Mission entwickeln und wird es keine Konkurrenz und unnötige Doppelarbeit mehr geben. So können z. B. lutherische Kirchen, die als


PRAXIS DER MISSION

TEIL 3

Gemeinschaft an der Mission Gottes teilnehmen, den Se-

In einigen Kirchen wird die Mission

gen gemeinsamer missionarischer Ressourcen ernten. Der

aus historischen und strukturellen

Reichtum an Erfahrung, der aus der ganzen Welt und aus

Gründen auch heute noch von un-

mehreren Generationen von Christen und Christinnen zu-

abhängigen Organisationen durch-

sammengetragen wurde, hat direkte positive Auswirkun-

geführt. Diese Praxis erfordert eine

gen auf die missionarische Arbeit.

weiterführende, tiefgreifende theologische Reflexion im Hinblick auf

Da Mission kontextbezogen sein muss, um den Glauben in

das ekklesiologisch-missionarische

der konkreten Lebenserfahrung der Menschen zu veran-

Kirchenverständnis. Einige Missi-

kern, übernimmt jede Kirche die Hauptverantwortung für

onswerke haben bereits die Initia-

die Mission an ihrem jeweiligen Ort und in ihrer Region.

tive ergriffen und die Kirche dazu

Aufgrund der Apostolizität und Katholizität der Kirche

aufgerufen, das missionarische We-

bedeutet räumliche Nähe jedoch nicht einen ausschliess-

sen der Kirche zu über-

lichen Anspruch im Hinblick auf die Missionspraxis. Die

denken, um eine Verwi-

Mission bleibt Gottes Mission; daher können Einzelperso-

schung der Rollen und

nen oder Familien aus verschiedenen Teilen der Welt von

Zuständigkeiten

Gott durch eine Schwesterkirche dazu berufen werden,

vermeiden, die in Got-

die missionarische Verantwortung mit einer anderen Kir-

tes Mission der Kirche

che an einem anderen Ort oder in einer anderen soziokul-

selbst zukommen. Wie

zu

Die durch das Wort Gottes bevollmächtigte und durch den Heiligen Geist geleitete Kirche weiss, dass Mission sich aus ihrem Wesen als bekennende Gemeinschaft ergibt.

turellen Situation zu teilen. In dieser Hinsicht spielen die

die Mission in örtliche

spezialisierten Dienste für internationale Missionspart-

und globale Kirchen-

nerschaft sowie die Ausbildung für solche Dienste eine

strukturen integriert werden kann

sehr wichtige Rolle. Dabei ist jedoch darauf zu achten,

und wie das Zeugnis in Wort und Tat

dass die Tatsache, dass Menschen als ökumenisch-mis-

in einer einzigen Struktur zu verei-

sionarische Mitarbeitende in den interkulturellen Dienst

nen ist, sollte in dieser Diskussion

der Mission berufen werden, die Gemeinschaft nicht in

ebenfalls zur Sprache kommen.

„sendende“ und „empfangende Kirchen“ spaltet. Angesichts der zunehmenden Komplexität der heutigen missionarischen Kontexte ist Partnerschaft in der Mission

3.2. Missionarische Kirche in Aktion

wichtiger denn je. Neue Modelle der Partnerschaft werden erprobt, die gleichberechtigte Beteiligung und gemeinsame

Für die missionarische Kirche geht

Verantwortung fördern. Die Kirchen im Norden und im Sü-

es bei der Mission nicht nur um

den sprechen heute von Mission als Weggemeinschaft. Das

das, was die Kirche jeweils tut (mis-

englische Wort für Weggemeinschaft, „accompaniment“,

sionarische Aktivitäten), sondern

hat dieselbe Wurzel wie das Wort „Kompagnon“ (Gefähr-

ebenso um das Wirken der Kirche.

te, „Brotgenosse“), was „miteinander Brot teilen“ bedeutet.

Die durch das Wort Gottes bevoll-

Für die Kirchen als Missionsgefährtinnen bedeutet dies,

mächtigte und durch den Heiligen

dass sie alle ihre Ressourcen miteinander teilen. Wie in der

Geist geleitete Kirche weiss, dass

Emmaus-Geschichte gehen Weggefährten und Weggefähr-

Mission sich aus ihrem Wesen als

tinnen den Weg gemeinsam mit allen Sorgen, Schmerzen,

bekennende Gemeinschaft ergibt.

Hoffnungen und Freuden, die jeder und jede mitbringt. Der

Das kirchliche Amt in seinen zahlrei-

auferstandene Christus, der sich zu ihnen gesellt, stiftet

chen Formen spielt eine wesentliche

durch die Weggemeinschaft Bevollmächtigung und Ver-

Rolle bei der Zurüstung der Kirche

wandlung für die Kirche und die Welt.

für ihre Mission als anbetende, ver-

MISSION IM KONTEXT

47


Teil 3

PRAXIS DER MISSION kündigende, dienende und heilende

hält. Die betende, bekennende und feiernde Gemeinschaft

Gemeinschaft sowie oikumene-Ge-

ist Zeichen des anbrechenden Gottesreiches. Sie verweist

meinschaft.

auch auf die kommende Zukunft mit Gott. So betet und er-

3.2.1. Eine bekennende Gemeinschaft

Gottesdienst aufbricht. Aufgrund ihres Wesens und ihrer

wartet die Kirche, dass Gottes neue Wirklichkeit in ihrem Erwartung wird die Kirche durch den Gottesdienst zur verwandelnden und versöhnenden Mission in der Welt Als bekennende Gemeinschaft ver-

bevollmächtigt. Deshalb ist eine gründliche Planung und

weist die Kirche auf das in Christus

Vorbereitung der Gottesdienste, bei der die geistliche Be-

in der Welt anbrechende Gottesreich

deutung offener Gastfreundschaft berücksichtigt wird, im

und setzt dafür alle geistlichen Ga-

Hinblick auf die kirchliche Mission entscheidend.

ben (charismata) ein, die der Heilige Geist ihr in seiner grossen Güte ver-

Eine zurüstende Gemeinschaft

liehen hat. Nach 1. Korinther 12 ist die Kirche mit geistlichen Gaben aus-

Zurüstende Gemeinschaft zu sein bedeutet für die Kirche,

gestattet, die zur Stär-

als lernende Gemeinschaft zu leben und gemeinschaftlich

kung der Gemeinschaft

zu lernen. Die Zurüstung des Gottesvolkes zu Nachfolge

(koinonia), zur Verkün-

und Mission ist eine wichtige Dimension der kirchlichen

digung

Mission. Zur missionarischen Zurüstung der ganzen Kir-

Als anbetende Gemeinschaft verweist die Kirche auf die Wirklichkeit und Gegenwart des gnadenvollen Reiches Gottes in Christus, indem sie durch Wort und Sakrament eine glaubenstreue Gemeinschaft von Sündern und Sünderinnen, die Vergebung erfahren haben, zusammenruft und erhält.

des

Evangeliund

che (Epheser 4,11-12) gehören christliche und theologi-

zu Dienst und Heilung

sche Bildung. Die christliche Unterweisung bietet eine

(diakonia) dienen. Als

lebenslange Begleitung auf dem Weg des Glaubens. Einige

bekennende

Kirchen sehen die christliche Bildung missiologisch, im

ums

(kerygma)

Gemein-

schaft kann die Kirche

Sinne der Prinzipien „durch die Tiefe in die Weite“ und

ohne diese Gaben nicht

„lehren, um andere zu erreichen“. Die theologische Ausbil-

treu an Gottes Mission

dung ist für die Sicherung der Kontinuität ganzheitlich und

teilnehmen, da Mission

prophetisch orientierter Dienste und Ämter wesentlich,

sonst ein rein menschli-

die die versöhnende und bevollmächtigende Mission der

ches Unterfangen wäre.

Kirche stärken. Das gestiegene missiologische Bewusst-

Eine missionarische Kirche ist eine

sein an theologischen Seminaren und Bibelschulen hat in

für die verwandelnde, versöhnende

jüngster Zeit zu einer Veränderung des Lehrplans geführt

und bevollmächtigende Mission be-

– Mission wird jetzt nicht mehr als Wahlfach, sondern als

gabte (charismatische) Kirche.

integraler Bestandteil aller Studiengänge angesehen. Diese Verschiebung untergräbt die Rolle der Missionsabtei-

Eine anbetende Gemeinschaft

lungen oder -institute an Universitäten und Seminaren keineswegs. Im Gegenteil: ihre zentrale Bedeutung für den Zurüstungsdienst der Kirche soll dadurch stärker zur

Als anbetende Gemeinschaft ver-

Geltung gebracht werden.

weist die Kirche auf die Wirklichkeit

48

und Gegenwart des gnadenvollen

Für die anbetende und zurüstende Gemeinschaft steht

Reiches Gottes in Christus, indem sie

das Gebet im Zentrum all ihres Tuns. Gebet ist das Me-

durch Wort und Sakrament eine glau-

dium, durch das die Kirche ihr Vertrauen auf den „be-

benstreue Gemeinschaft von Sündern

rufenden, sendenden und begleitenden“ Gott setzt, ein

und Sünderinnen, die Vergebung er-

Vertrauen, das durch ein immer tieferes Bewusstsein der

fahren haben, zusammenruft und er-

missionarischen Spiritualität beständig erneuert und

MISSION IM KONTEXT


PRAXIS DER MISSION

TEIL 3

gestärkt wird. Das Gebet ist jedoch auch das Medium, durch das Gott Verwandlung, Versöhnung, Bevollmächtigung und Heilung in die Welt bringt (Matthäus 21,22; Johannes 14,12-14; 15,16). Eine missionarische Kirche, die vom Heiligen Geist erfüllt und geleitet wird, ist eine betende Kirche.

Die missionarische Kirche ist eine verkündigende Gemeinschaft. Sie hat eine kraftvolle und bevollmächtigende Botschaft zu überbringen. Im Mittelpunkt dieser Botschaft steht Gottes Versöhnung und Erlö-

© LWB Margret Stasius

Eine verkündigende Gemeinschaft

vom Anbrechen des gnadenvollen Gottesreiches in Chris-

sung in Jesus Christus und damit

tus auf unterschiedliche Weise vermittelt werden kann:

auch Gottes gnadenvoller Akt der

durch mündliche Verkündigung, durch ein Leben nach

Verwandlung der ganzen Person

dem Gebot der Nächstenliebe sowie durch diakonische

und aller Menschen an allen Orten

Dienste und den Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden.

zu allen Zeiten. Die missionarische

In der Vergangenheit hatten viele Kirchen einen eher be-

Kirche ist nicht nur deshalb apos-

grenzten Begriff von Mission, der sich im Wesentlichen

tolisch, weil sie die ihr anvertraute

auf die Evangelisation als Begegnung zwischen Unglau-

Botschaft verkündigt, sondern auch

ben und Glauben konzentrierte. Zwar steht Verkündigung

weil sie für die Reinheit und Voll-

durch Evangelisation im Mittelpunkt der Mission, doch

ständigkeit dieser Botschaft bürgt.

deckt sie nicht deren gesamten Bereich ab. Seit den 1970er

Neben der Ankündigung des anbre-

Jahren sind die Kirchen, vor allem im Süden, zu einem zu-

chenden Gottesreichs enthält die

nehmend ganzheitlichen und umfassenden Verständnis

Botschaft auch eine prophetische

von Mission gelangt. Die verkündigende Gemeinschaft

Zurückweisung

hier-

bezeugt die frohe Botschaft in Wort und Tat, indem sie

archischer und patriarchalischer

das vom Evangelium verheissene Leben in der Erfahrung

Strukturen und zerstörerischer Ge-

konkretisiert, die Menschen in ihrem eigenen Kontext ma-

waltsysteme wie auch sündhafter

chen, und indem sie der breiteren Gemeinschaft Möglich-

zwischenmenschlicher

keiten schafft, an der freundlichen Einladung Gottes zum

repressiver,

Beziehun-

gen. Die prophetische Ankündigung

„Hochzeitsfest“ teilzuhaben (Matthäus 22,1-12).

der Botschaft stellt die verkündigende Gemeinschaft vor die Notwendig-

Die verkündigende Gemeinschaft kennt verschiedene

keit, ihren Kontext je neu zu analy-

Weisen, Menschen zur Teilhabe am anbrechenden Got-

sieren und zu benennen.

tesreich einzuladen. Von jeher veranstalteten die Kirchen Evangelisations­kampagnen in Stadien, Zelten, an Stras-

Gemeinschaft

senecken oder zogen von Dorf zu Dorf und von Tür zu

ist sich bewusst, dass die Botschaft

Tür. Moderne Medientechnologie, wie Rundfunk, Audio-

Die

verkündigende

MISSION IM KONTEXT

49


Teil 3

PRAXIS DER MISSION und Videokassetten und Fernsehen,

den, ihrer Berufung zur Verkündigung in vollem Umfang

wird zunehmend eingesetzt. Heut-

nachzukommen.

zutage prüfen viele Kirchen Möglichkeiten einer effektiven Nutzung

In manchen Teilen der Welt, wo das persönliche Gespräch

des Internets oder des Telefons, um

im Sinne einer ganzheitlichen Mission praktiziert wird

Gottes Botschaft mitzuteilen. Diese

– vor allem durch die „Hauskirchenbewegung“ und cha-

Kommunikationsmittel mögen zwar

rismatische Erneuerungsbewegungen –, ist die Mitglie-

insofern wirkungsvoll sein, als sie

derzahl der Kirchen gewaltig angewachsen. So wächst

ein breites und säkularisiertes Pu-

zum Beispiel in Afrika die lutherische Kirche jedes Jahr

blikum erreichen, doch sind sie eher

um durchschnittlich 300.000 Mitglieder. Die Kirche

unpersönlich. Im Internet entstehen

steht vor der schwierigen Aufgabe, für entsprechende

„virtuelle“ Kirchengemeinden, aber

seelsorgerliche Betreuung, Zurüstung und strukturelle

die Menschen sehnen sich weiterhin

Kapazitäten zu sorgen. Die verkündigende Gemeinschaft

nach persönlicher Glaubensgemein-

hat jedoch durch diese Bewegungen eine wirksame Mög-

schaft. Die Kirche ist daher heraus-

lichkeit gefunden, sieben Tage in der Woche Kirche in

gefordert, sich erneut mit traditio-

Gemeinschaft zu sein.

nellen Kommunikationsformen und

Eine dienende Gemeinschaft

-mitteln zu befassen. Ein auch heute noch wirksamer An-

Die missionarische Kirche ist eine dienende Gemein-

satz ist die Vermittlung der frohen

schaft, die sich an dem Vorbild ihres Herrn orientiert,

Botschaft im direkten persönlichen

der „nicht gekommen ist, dass er sich dienen lasse, son-

Gespräch von Mensch zu Mensch,

dern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlö-

über Generationen und Kulturen

sung für viele“ (Matthäus 20,28). Durch die Diakonie

hinweg. Dieser Ansatz ist offen, flexi-

veranschaulicht die Kirche als dienende Gemeinschaft

bel und steht allen Verkündigenden

das in Christus anbrechende Gottesreich konkret im täg-

zur Verfügung. Er kann

lichen Leben der Menschen. Kirchen leisten in Schulen,

angewendet

Krankenhäusern, Kinder- und Altenheimen diakonische

werden – zu Hause, in

Arbeit. Obgleich diese Dienste der Gesellschaft als gan-

der Arbeit oder beim

zer zugute kommen, werden sie gelegentlich als „evan-

Studium, auf Reisen. In

gelistisch“ kritisiert, denn die Absicht sei das „Anlocken“

ihrem Kontext als ver-

von Menschen zum alleinigen Zweck der „Seelenrettung“.

kündigende

Gemein-

Die Kirche legt durch ihre Dienste Zeugnis von der Wirk-

schaft stellt die Kirche

lichkeit des in Christus anbrechenden Gottesreiches ab,

jedoch fest, dass Chris-

unabhängig davon, ob nun der jeweilige Dienst für die

ten und Christinnen in

Gemeinschaft als ganze oder für die eigene Auferbau-

manchen

wohlhaben-

ung der Kirche bestimmt ist. Sie ist sich jedoch dessen

den und säkularisierten Ländern

bewusst, dass ein solcher Dienst in Bevormundung und

zögern oder sich sogar dagegen

Proselytismus ausarten kann und daher fortlaufende Re-

sträuben, mit anderen offen über ih-

flexion und Unterscheidungsvermögen erfordert.

Ein auch heute noch wirksamer Ansatz ist die Vermittlung der frohen Botschaft im direkten persönlichen Gespräch von Mensch zu Mensch, über Generationen und Kulturen hinweg.

überall

ren Glauben zu sprechen. Die Kirche

50

muss ihren Kontext, ihre Theologie

Die dienende Gemeinschaft ist jedoch auch für ihr Enga-

und ihren Dienst eingehend prüfen,

gement in der Diakonie bekannt, durch soziale Dienste,

um die Ursachen der Unfähigkeit

die hauptsächlich darauf ausgerichtet sind, die Not einzel-

von Christen und Christinnen zu fin-

ner Menschen oder einer Gemeinschaft zu lindern und in

MISSION IM KONTEXT


TEIL 3

© LWB

PRAXIS DER MISSION

gesellschaftlichen Strukturen und im Leben von Gemein-

es auf einer westlichen politischen

schaften Veränderungsprozesse zu bewirken. Das Haupt-

Wirtschaftstheorie basiert, die sich

ziel besteht darin, die vom Evangelium verheissene Fülle

auf ein spezifisches Verständnis ge-

des Lebens mit allen Menschen konkret zu teilen, ohne

sellschaftlicher Beziehungen stützt

dies unbedingt in irgendeiner Weise auszusprechen oder

und modernistische Auffassungen

in Worte zu fassen. Solche Dienste sind nicht blosse Wohl-

einsetzt. Das Verständnis der Be-

tätigkeit. Sie sind darauf ausgerichtet, Gemeinschaften

deutung und Zielsetzung von Ent-

und Gesellschaften zu verwandeln, sich für Gerechtigkeit

wicklung hat sich jedoch drastisch

einzusetzen und alternative tragfähige Gemeinschaften

verändert. In ihrer Neuausrichtung

anzustreben; daher müssen sie ergebnisorientiert und

zielt die Entwicklung auf die Emanzi-

wirkungsbewusst erfolgen. Dieser an keinerlei Bedingun-

pation des einzelnen Menschen und

gen und Unterscheidungen geknüpfte diakonische Dienst

die Verwandlung und Befreiung der

geschieht gewöhnlich in Form kirchlicher Entwicklungs-

Gesellschaft und umfasst das sozi-

projekte: Katastrophenhilfe, humanitäre Hilfe, Wiederauf-

ale, kulturelle und spirituelle Wohl

bauarbeit nach einer Katastrophe, Gemeinwesenentwick-

der Menschen. Sie konzen­triert sich

lung und verschiedene Formen der Begleitung.

nicht mehr allein auf wirtschaftlichen und materiellen Wohlstand.

Das Konzept der Entwicklung wird von seinen Kritikern

Nach diesem Verständnis ist Ent-

für unvereinbar mit der Mission der Kirche gehalten, da

wicklungsarbeit ein Element der

MISSION IM KONTEXT

51


Verwandlung und Bevollmächtigung

LWB-Kampagne

gegen

HIV/AIDS

und somit integraler Bestandteil der

beteiligt (vgl. den LWB-Aktionsplan:

kirchlichen Mission. Die Kirche als

„Anteilnahme, Umkehr, Zuwendung:

dienende Gemeinschaft wird in vie-

Kirchen reagieren auf die HIV/AIDS-

len Teilen der Welt von der Basis als

Pandemie“, 2002).

treibende Kraft tief greifender sozialer Bevollmächtigung und Verwand-

Die Kirche führt auch die apostoli-

lung anerkannt.

sche Praxis der Heilung durch Gebet und Handauflegung fort. Durch

Eine heilende Gemeinschaft

diesen Dienst wird für Gesundung und Heilung, Wohlergehen und Wiederherstellung gebetet, der Haupt-

Die missionarische Kirche ist eine

akzent liegt auf der Ganzheitlichkeit.

heilende Gemeinschaft. Von Anfang

Die ganze Person mit ihren Bezie-

an hat die Kirche ihre Berufung und

hungen wird in den Blick genommen,

Sendung,

heilende

Gemeinschaft

zu sein, als integralen Bestandteil

sie erfährt Zuwendung und wird verwandelt.

ihres Dienstes (Matthäus 10,1.8; Markus 16,15-18) in der Nachfolge (Apostelgeschich-

Problemen und Gebrechen der Ge-

te 4,30) verstanden. Gleichzeitig

sellschaft. Als zurüstende, verkün-

versteht sie sich selbst als eine

digende und dienende Gemeinschaft

Gemeinschaft im Prozess der Hei-

bemüht sich die Kirche um Heilung

ihres

Meisters

lung. Heilung geschieht auf der persönlichen

Alle Fotos © LWB

Die Kirche befasst sich auch mit den

und

der tiefen Wunden und bleibenden

gesellschaftlichen

Verletzungen, die durch Macht- und

Ebene. Die missionarische Kirche

Besitzgier, Vorurteile und Gewalt

ist mit verschiedenen geistlichen

in der Welt verursacht werden. Am

Gaben zur Heilung von Menschen

Anfang dieses 21. Jahrhunderts sind

ausgestattet. Menschen werden in

viele Länder noch immer gezeichnet

kirchlichen medizinischen Einrich-

von Narben, Schande und Groll ver-

tungen im Blick auf körperliche und

ursacht durch Kolonialismus, ideo-

seelische Leiden betreut und behan-

logische Konflikte, Rassismus und

delt. Krankenhäuser, -stationen und

Völkermord. Gräueltaten wurden

medizinische Notfalleinrichtungen

begangen und erlitten, Demütigun-

sind Bereiche, in denen die Kirche

gen zugefügt und ertragen, materi-

ihre Mission der Nächstenliebe und

elle und menschliche Ressourcen

der

erfahrbar

geraubt und entbehrt. Menschen

macht. In der heutigen Zeit besteht

– einschliesslich ehemaliger Opfer

eine der grossen Aufgaben der Kir-

und Täter und Täterinnen –, die an

Bevollmächtigung

che darin, dem komplexen Problem

derselben heilenden Gemeinschaft

HIV/AIDS zu begegnen. Als Reaktion

Anteil haben, möchten von solchen

auf die Herausforderung der Pande-

schmerzlichen Erinnerungen ent-

mie haben lutherische Kirchen im

lastet werden. Erinnerungen zu hei-

Norden und Süden sich gemeinsam

len, verinnerlichte Schuld und die

mit anderen Kirchen aktiv an der

Schande der Vergangenheit zu be-


PRAXIS DER MISSION

TEIL 3

seitigen und gemeinsame Wege für Länder, Völker und

Kirchen mutig an, zwischen Konflikt-

Kirchen zu finden, sollte für die kirchliche Mission in die-

und Kriegsparteien zu vermitteln.

sem Jahrzehnt eine besondere Herausforderung sein.

In vielen Fällen haben sie sogar tief verfeindete Gruppen an den Ver-

3.2.2. Eine oikumene-Gemeinschaft

handlungstisch gerufen, um eine friedliche Einigung zwischen den

Die missionarische Kirche ist eine oikumene-Gemein-

Parteien zu erreichen.

schaft. Als eine an Gottes Mission teilhabende Kirche

So ist es für die Heilung

sorgt sie für die Welt als ihr oikos, ihr Haus oder Heim.

der Welt entscheidend,

Es ist auch kennzeichnend für die missionarische Kir-

dass unter den Kirchen

che, dass sie zwar nicht von dieser Welt, aber in und mit

Verständnis,

Erinnerungen zu heilen, verinnerlichte Schuld und die Schande der Vergangenheit zu beseitigen und gemeinsame Wege für Länder, Völker und Kirchen zu finden, sollte für die kirchliche Mission in diesem Jahrzehnt eine besondere Herausforderung sein.

Solidari-

dieser Welt ist (Johannes 17,15-18). Das missionarische

tät, Geduld und Liebe

Engagement der Kirche betrifft drei Aspekte des oikos:

aufgebaut werden. Die

den ökumenischen, den ökonomischen und den ökologi-

Einheit der Kirche ist

schen. Im Rahmen eines erweiterten Verständnisses des

eines der Ziele der Mis-

oikos-Begriffs kommt noch das dialogische Engagement

sion, ökumenische Di-

hinzu: der fruchtbare Dialog mit allen Menschen, die auf

aloge zwischen christ-

der Erde zu Hause sind.

lichen

Konfessionen

sollten

die

Mission in den Mittelpunkt stellen.

Ökumenisches Engagement Engagement im Dialog Jede Kirche, die sich in den heutigen globalisierten Kontexten in der ganzheitlichen Mission engagiert, erkennt

Als oikumene-Gemeinschaft schenkt

bald, dass Mission die „ganze bewohnte Welt“, nicht

die Kirche den Menschen anderer

nur gesonderte Bereiche, umfasst und am besten von

Religionen und Überzeugungen, die

der ganzen Hausgemeinschaft Gottes ökumenisch, über

ebenfalls diese Welt als ihr Zuhause

konfessionelle Grenzen hinaus, betrieben wird. Die Unfä-

betrachten, grosse Beachtung. Das

higkeit der Kirchen, Einheit in Vielfalt zu erreichen oder

dauerhafte Engagement der Kirche

gemeinsame Missionsvorhaben durchzuführen, hat die

für Verwandlung, Versöhnung und

Glaubwürdigkeit der Kirche in der Mission untergraben.

Bevollmächtigung zeigt sich auch

Die vielen Konflikte und Meinungsverschiedenheiten un-

in ihren vielfältigen, miteinander

ter Kirchen und zwischen kirchlichen Partnerorganisati-

verknüpften Ansätzen des interreli-

onen wirken sich ebenfalls negativ auf Leben und Zeug-

giösen Dialogs mit Menschen, die in

nis der Kirche aus. Energie, Zeit und Ressourcen werden

multireligiösen Kontexten leben.

verbraucht in dem Bemühen, zu vermitteln und uneinige Parteien miteinander zu versöhnen, statt sich auf das

So führen zum Beispiel in Malaysia

Wohl der Welt zu konzentrieren.

christliche und muslimische Frauen und Männer einen „Dialog des

Für eine missionarische Kirche als oikumene-Gemein-

Lebens“. Im täglichen Leben der

schaft ist es vorrangig, dem oikos Frieden, Gerechtigkeit,

Gemeinschaft akzeptieren die Men-

Gesundheit und Fülle des Lebens zu bringen. Inspiriert

schen einander als Gläubige und

durch den Geist der Versöhnung befasst sie sich pro-

leben in Frieden und gutem Einver-

phetisch mit der zunehmenden politischen und sozialen

nehmen miteinander. 2002 und 2004

Unsicherheit und Gewalt in verschiedenen Teilen der

organisierte der LWB einen „Frie-

Welt. Auf nationaler wie auf internationaler Ebene bieten

densgipfel“ für Afrika, zu dem viele

MISSION IM KONTEXT

53


Teil 3

PRAXIS DER MISSION Religionsführer und -führerinnen

Religionen beteiligt. Auf dieser Ebene sollen die Dia-

zusammenkamen. Der Gipfel stellte

logpartnerinnen und -partner in aller Objektivität und

einen Aktionsplan auf, um auf dem

Ehrlichkeit offen sein für den von der anderen Seite vor-

ganzen Kontinent gemeinsam für

getragenen Anspruch auf Wahrheit, und es besteht aus-

den Frieden zu arbeiten.

drücklich die Möglichkeit, die Seite zu wechseln, wenn das Vorgetragene die Grundlagen des eigenen Glaubens

In Indien wird nach gemeinsamen

erschüttert. Für die Kirche ist diese gemeinsame Suche

Ausgangspunkten gesucht, auf de-

nach Wahrheit ein vertrauensvolles Einlassen auf das

ren Basis eine dia-praxis zwischen

Unbekannte anhand des trinitarischen Dialogmodells

Menschen verschiedener Glauben-

(vgl. die LWB-Publikation „Dialogue and Beyond“, 2003).

straditionen möglich wird: das gemeinsame solidarische Handeln zur

Darüber hinaus ist die Kirche ständig zum Dialog mit

Förderung der Gerechtigkeit, einer

verschiedenen Nichtregierungs­organisationen (NGOs)

besseren Lebensqualität sowie der

und Zivilgesellschaften über wichtige Themen aufgeru-

Linderung menschlichen Leidens.

fen, die zum Wohle der Menschen und der gesellschaftlichen Beziehungen beitragen. Verwandlung, Versöhnung

Verwandlung, Versöhnung und Bevollmächtigung in der Gesellschaft werden in der Tat durch die Begegnung und den Dialog der Kirche mit Gruppen, die sich für soziale, wirtschaftliche und ökologische Anliegen engagieren, ermöglicht und erreicht.

An anderen Orten, wie

und Bevollmächtigung in der Gesellschaft werden in der

zum Beispiel in Nigeria

Tat durch die Begegnung und den Dialog der Kirche mit

und in multikulturellen

Gruppen, die sich für soziale, wirtschaftliche und ökolo-

Städten im Norden, be-

gische Anliegen engagieren, ermöglicht und erreicht.

mühen sich Christen und Muslime im Dia-

Wirtschaftliches Engagement

log um gegenseitiges ge-

Christinnen und Christen leben ihre Berufung durch

Verstehen

die Taufe in verschiedenen Bereichen des Alltags, ein-

Glaubensvorstel-

schliesslich ihrer beruflichen bzw. wirtschaftlichen Ak-

lungen trägt dazu bei,

tivitäten. Hier sind Menschen bestrebt, für den Lebens-

Verständnis. genseitige der

Das

Achtung und Vertrauen aufzubauen,

unterhalt ihrer eigenen Familien wie auch der weiteren

wodurch die Zusammenarbeit für

Gemeinschaft zu sorgen. Dabei stellt sich das Problem,

Frieden und Entwicklung in der Ge-

dass ungerechte Strukturen, wie sie vor allem infolge

sellschaft gefördert wird. Ebenso

der wirtschaftlichen Globalisierung aufgekommen sind,

wichtig ist der „spirituelle Ansatz“

ein solches Bemühen für viele zunehmend erschweren.

im interreligiösen Dialog, der in Indi-

Deshalb ist es wichtig, dass die Kirche als oikumene-Ge-

en praktiziert wird und den Schwer-

meinschaft ihre prophetische Stimme gegen repressive

punkt auf Gebet und Meditation legt.

und ungerechte Strukturen und Systeme erhebt und

veranschaulichen

gleichzeitig diejenigen ihrer Mitglieder, die Zugang zu

eine Lebensweise, die das Ebenbild

diesen Strukturen haben, dazu ermutigt, Politik und Pra-

Gottes in jedem Menschen ehrt. Der

xis von innen heraus zu ändern.

Diese

Ansätze

Dialog findet auf der Ebene des täglichen Lebens statt.

Die Kirchen haben auf örtlicher, regionaler und globaler Ebene gemeinsame Pläne entwickelt, um für die

54

Ein weiterer Ansatz besteht im aka-

Durchsetzung von Gerechtigkeit und Frieden und die

demischen interreligiösen Dialog.

Überwindung von Armut und tödlichen Krankheiten ein-

Daran sind hauptsächlich führen-

zutreten. Die oikumene-Gemeinschaft ist missionarisch

de Personen aus Wissenschaft und

tätig in einer Welt, die über das Potenzial verfügt, sich

MISSION IM KONTEXT


selbst gleich mehrfach zu vernichten, und die unfähig oder nicht gewillt scheint, Armut und Hunger endgültig und für alle zu überwinden. So betet die Kirche zu Gott um Bevollmächtigung und Führung. Sie sucht auch nach Wegen, die Opfer von Unrecht zu stärken, und unternimmt aktive Schritte zur Verwandlung der nachteiligen Auswirkungen der neoliberalen wirtschaftlichen Globalisierung. Ein Beispiel für gemeinsames Handeln ist der Aufruf zu einer „Globalisierung der Solidarität“. Dahinter steht die Absicht, gemeinsame Strategien zum Schuldenerlass für verarmte Länder zu entwickeln und zu fördern, gefährdete Wirtschaftssysteme vor mächtigen transnationalen Konzernen zu schützen und alternative Handelsabkommen zu unterstützen. Der Grundgedanke dieser und anderer Strategien ist die Entfaltung einer „Spiritualität des Widerstands“ als Begleitung der gloles Erbe zurückgreifen, um sich mit der vorherrschenden Politik und Praxis und deren Folgen auseinander zu setzen. Sie können ihre Mitglieder im Rahmen des Gemeindelebens dazu ausrüsten, gängige Vorurteile zu hinterfragen. In ökumenischen, interreligiösen und zivilgesellschaftlichen Partnerschaften können sie auf

© CAM Barbara Robra

balen Solidarität. Die Kirchen können auf ihr spirituel-

die Verwandlung einer Politik hinarbeiten, die von der

rung der Natur geebnet. Die oikos-

wirtschaftlichen Globalisierung bestimmt wird. Die

Erde leidet Todesqualen.

Emmaus-Erzählung bietet ein wirkungsvolles Vorbild für den Weg der Kirchen, die sich diesen Herausfor-

Als heilende Gemeinschaft muss die

derungen stellen (vgl. die LWB-Publikation Aufruf zur

Kirche überall die Gesamtheit der

Beteiligung an der Verwandlung der wirtschaftlichen Glo-

Schöpfung im Licht des Evangeli-

balisierung, 2002, sowie das Buch Verantwortung fürein-

ums betrachten und Wege suchen,

ander – Rechenschaft voreinander, 2005).

diesen Planeten wieder gesund zu machen. Die Welt ist nicht in erster

Ökologisches Engagement

Linie eine Umwelt für den Menschen oder einfach die Bühne, auf der sich

Die oikumene-Gemeinschaft glaubt fest daran, dass Got-

das Drama der Erlösung des Men-

tes Schöpfung gut ist. Sie ist zu allererst Gottes Schöp-

schen abspielt. Vielmehr nimmt sie

fung, die dann in Dankbarkeit als ein oikos (Zuhause)

eigenständig und aktiv an der Missi-

für alle Menschen empfangen wird. Der erste Schritt des

on Gottes teil. Gemäss der Vision des

ökologisch-missionarischen Engagements der Kirche

Apostels Paulus „wird die Schöpfung

besteht aus Schuldbekenntnis und Busse. Jahrhunderte

frei werden von der Knechtschaft

lang haben das jenseitsorientierte Denken der Kirche

der Vergänglichkeit zu der herrlichen

und ihre Betonung der Herrschaft des Menschen über

Freiheit der Kinder Gottes“ (Römer

die Schöpfung den Weg für die Ausbeutung und Zerstö-

8,21). Als oikumene-Gemeinschaft

MISSION IM KONTEXT

55


Teil 3

PRAXIS DER MISSION sollte die Kirche mit ihren weltwei-

dringend notwendig, dass die Kirche zusammen mit Zivil-

ten Netzwerken ihre Beteiligung am

gesellschaften und Aktivisten und Aktivistinnen, die sich

Prozess der Gesundung der Erde

um den Fortbestand der Erde sorgen, ihre prophetische

vorantreiben und zur Priorität er-

Stimme erhebt und zerstörerisches Vorgehen gegen den

heben und die weitere ökologische

oikos beim Namen nennt und anprangert. Lokale Umwelt-

Zerstörung, zum Beispiel durch die

projekte sollten von allen Partnern mitgetragen und finan-

Verwendung fossiler Brennstoffe, die

ziell unterstützt werden. Ökologisches Engagement ist ein

Verschmutzung durch Giftmüll und

dringlicher Missionsaufruf an alle.

das Artensterben verhindern. Es ist

3.3. Neue Herausforderungen und Chancen der Mission In dem Abschnitt über „Kontexte der Mission“ werden die Herausforderungen und Chancen, die aus den sich wandelnden Kontexten der Mission erwachsen, anschaulich beschrieben. Da die Globalisierung dank Hochtechnologie immer schneller voranschreitet, hat die marktorientierte Mentalität und das damit einhergehende Konsumdenken bereits alle Lebensbereiche erfasst. Es ist tragisch, dass gerade die Dinge, die die Globalisierung vorantreiben (z. B. Wohlstand, Informationstechnologie und Fachwissen), zugleich die Welt spalten, indem sie die Mehrheit ausschliessen. Überdies ist es paradox, dass in einer Welt hochentwickelter Technologie und umfassender Informationen und Kenntnisse Gewalt ein solches Ausmass hat und so allgegenwärtig ist wie nie zuvor. Die verschiedenen Kontexte haben sich radikal verändert, und da Mission immer kontextbezogen sein sollte, bedarf es einer Überprüfung, Bestandsaufnahme und Umgestaltung der kirchlichen Missionspraxis mit dem Ziel, sie in den heutigen Kontexten und für diese Kontexte relevant und wirksam zu machen.

© Henri Fallon, http://henrisson.net

3.3.1. Mission bis ans „Ende der Erde“

56

MISSION IM KONTEXT

Jesus hat seinen Jüngerinnen und Jüngern verheissen, dass sie in der Kraft des Heiligen Geistes seine Zeugen sein werden „bis an das Ende der Erde“ (Apostelgeschichte 1,8). Seither wurde das Evangelium auf allen sechs Kontinenten gepredigt, aber es gibt immer noch Orte, wo die frohe Botschaft von Gottes Gnade in Christus nicht gehört und empfangen wurde. Im Norden und Süden sind es zwei Drittel der Weltbevölkerung, die Christus noch nicht oder nicht mehr als Herrn und Erlöser anerkennen.


PRAXIS DER MISSION

TEIL 3

Mit der Verlagerung des Schwerpunkts des Christentums

rer Würde berauben. Die Forschung

von Norden nach Süden hat die Mehrheit der Menschen

in den Bereichen hoch entwickelter

in den bislang als christlich bezeichneten Ländern inzwi-

Informationstechnologie, Genmani-

schen eine gleichgültige oder gar ablehnende Haltung

pulation, und sicherer nachhaltiger

gegenüber dem Zeugnis der Kirche vom Evangelium ein-

Energiequellen hat längst begonnen.

genommen. In solchen Ländern gibt es Lebensbereiche, in

Was wäre nötig, damit die missio-

denen Jesus Christus nicht mehr bekannt ist. Für die mis-

narische Kirche am Entstehungsort

sionarische Kirche bedeuten solche „unerreichten“ Orte

von Technologie präsent ist, um

oder Menschen immer das „Ende der Erde“. Sie mögen

die Technologie huma-

räumlich nicht weit entfernt sein, können aber neue Situ-

ner zu machen? Es ist

ationen mit sich bringen, die dem Zeugnis (martyria) vom

notwendig, dass die

Herrn der Geschichte neue Chancen und Aufgaben bieten.

Kirche ethische Antworten auf die Fragen

Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, mit ihren

der Anwendung von

raschen technologischen Veränderungen und der Entste-

Technologie gibt, doch

hung der Unterhaltungsindustrie, ist die Kirche (im wört-

reicht dies nicht aus.

lichen wie im übertragenen Sinne) aus dem Zentrum der

Der Auftrag der Kirche

Grossstädte vertrieben worden. In ihrer Randexistenz im

umfasst auch die akti-

städtischen und ökonomischen Bereich übt die Kirche

ve Begleitung.

Die Kirche hat Möglichkeiten, Menschen zu begleiten, die durch florierende kriminelle Geschäfte bedroht sind; solche Machenschaften sind weit verbreitet und kaum einzudämmen.

kaum mehr einen wesentlichen Einfluss auf das Leben und die Zukunft der städtischen Gemeinschaften aus. Sie

Die Kirche hat Möglichkeiten, Men-

beschränkt ihre Mission bestenfalls auf die Begleitung der

schen zu begleiten, die durch florie-

oder des Einzelnen, die durch den Druck des Stadtlebens

rende kriminelle Geschäfte bedroht

überfordert sind. Welche neuen Missionsmöglichkeiten

sind (z. B. illegaler Handel mit Dro-

bieten sich heute der Kirche in den gewaltigen kosmopo-

gen und Waffen, Menschenhandel

litischen Grossstädten wie São Paulo, New York, London,

sowie Internetpornographie); solche

Neu-Delhi und Nairobi? Wie kann die Kirche im Leben der

Machenschaften sind weit verbrei-

Stadt wieder eine sinnvolle Präsenz erreichen und einen

tet und kaum einzudämmen. Noch

relevanten Einfluss geltend machen?

schwerer nachzuweisen ist die Ausbeutung im professionellen Sport,

Es geht nicht darum, dass die Kirche mit Politik, Wirt-

im Spiritismus und in geheimen kul-

schaft und Unterhaltungsindustrie um Einfluss auf das

tischen Gesellschaften (die einen er-

Leben einer Stadt oder einer Nation konkurriert. Eine der

heblichen Einfluss auf die internatio-

Herausforderungen bzw. Chancen der Kirche besteht da-

nale Politik ausüben). Die Kirche am

rin, Gemeinwesen und Staaten in Bereiche und Situatio-

jeweiligen Ort oder im betreffenden

nen zu begleiten, wo das „Ende der Erde“ erreicht ist, und

Staat kann solche Bereiche am „Ende

zu wagen, dort Kirche zu sein, „wo noch niemand hinge-

der Erde“ am besten erkennen und

gangen ist“. Dies müssen nicht „Orte“ sein, sondern es

geeignete Formen der missionari-

kann sich auch um Lebensbereiche, Interessengruppen

schen Begleitung entwickeln.

oder Ideologien handeln. Einer der allgemein anzutreffenden Faktoren im Blick auf Beeinflussung und Veränderung des heutigen Lebens der Menschen ist beispiels-

3.3.2. Mission und Informationstechnologie

weise die Hochtechnologie. Deren angemessener Einsatz kann Komfort bieten und Menschenleben retten, doch in

Die rasche Entwicklung der Kommu-

einigen Fällen kann künstliche Intelligenz Menschen ih-

nikations- und Informationstechno-

MISSION IM KONTEXT

57


Teil 3

PRAXIS DER MISSION logie wirkt sich ebenfalls auf den Missionskontext aus.

und Nichtbesitzenden vergrössert:

Die Kirche ist gerufen, sich mit den Herausforderungen

Im Süden warten noch immer vie-

und Chancen zu befassen, die sich durch solche Verän-

le Menschen auf ihr erstes Telefon

derungen für das Leben der Menschen und insbesondere

oder den Zugang zu einem Compu-

für den missionarischen Auftrag der Kirche bieten. So re-

ter. Die Kirche muss sich im Rahmen

volutioniert beispielsweise die Informationstechnologie

ihrer Missionsstrategie dringend

die Art und Weise, wie Menschen miteinander kommuni-

mit dieser Situation befassen.

zieren, aber auch ihre Art zu denken und zu leben und letztlich auch ihre Existenz. Die missionarische Kirche muss neue Wege finden, Kirche zu sein.

3.3.3. Ressourcen für die Mission

Viele Kirchen auf der ganzen Welt nutzen bereits das In-

Der Ruf zur Mission ist eine frohe

ternet auf kreative Weise für die Mission (z. B. „virtuelle“

Botschaft für die Kirche, daher

Kirche oder „Cyberspace-Kirche“ als Möglichkeit, kir-

muss die Kirche sorgfältig planen.

chenferne Menschen zu erreichen; Online-Gottesdiens-

Ein haushalterischer Umgang mit

te für Internetsurfer). Damit steht die Kirche jedoch vor

den Ressourcen für die missiona-

einer gewaltigen Herausforderung. Das Internet und

rische Tätigkeit der Kirche ist ein

eine ganze Palette elektronischer Unterhaltungsarti-

wichtiger Aspekt der Missionspla-

kel (Videospiele, DVDs, CDs usw.) werden häufig dazu

nung. Der Bereitstellung von Res-

missbraucht, eine Kultur der Gewalt zu verbreiten. Sie

sourcen – personeller, materieller

üben einen starken Einfluss auf die Lebens- und Denk-

und finanzieller Art – sollte auf allen

weise der Benutzenden aus, da sie vor allem bei Jugend-

kirchlichen Ebenen, angefangen von

lichen Suchterscheinungen hervorrufen.

der Gemeindeebene, hohe Priorität

Da Mission kontextbezogen ist und von jeder Kirche an jedem Ort betrieben wird, spielen die Ortsgemeinden eine entscheidende Rolle, insbesondere wenn es um die Entwicklung der Ressourcen für die Mission geht.

Die Kirche muss auch die Auswirkung der

eingeräumt werden. Da Mission

Internet-Kultur auf die Art und Weise ernst

kontextbezogen ist und von jeder

nehmen, wie heute Theologie, theologische

Kirche an jedem Ort betrieben wird,

Ausbildung und Zurüstung der Getauften

spielen die Ortsgemeinden eine

zur Nachfolge und Mission gestaltet wird.

entscheidende Rolle, insbesonde-

Auch hier befinden wir uns am „Ende der

re wenn es um die Entwicklung der

Erde“. So wie die Theologie im Norden frü-

Ressourcen für die Mission geht.

her daran gemessen wurde, wie sie philo-

Ein starkes Programm für Haushal-

sophischen Voraussetzungen und Normen

terschaft auf Gemeindeebene, das

zu entsprechen vermochte, so wird sie jetzt

darauf ausgerichtet ist, Ressourcen

daran gemessen, ob sie mit Naturwissen-

für die Mission aufzubauen, ist die

schaft und Technik Schritt halten kann.

Grundlage für die Beseitigung des Abhängigkeitssyndroms, das viele

58

Die Herausforderung besteht nicht nur darin, dafür zu

Kirchen in verschuldeten Ländern

sorgen, dass die Theologie das der Internetkultur eige-

lähmt. Im Hinblick auf den Kontext-

ne ständige Filtern von Daten auf der Suche nach neu-

bezug der Mission ist jede Gemein-

er, aktueller und marktgerechter Information überlebt,

de und Ortskirche dazu aufgerufen,

sondern auch darin, wie die Informationstechnologie

ihre Missionstätigkeiten bewusst

als nützliches Werkzeug zur Weitergabe der „alten“ und

auf der Grundlage der verfügbaren

doch lebensnotwendigen Geschichte von Jesus Chris-

(z. B. personellen oder materiellen)

tus dienen kann. Die rasche Entwicklung der Informa-

Ressourcen zu planen und sich

tionstechnologie hat die Kluft zwischen Besitzenden

gleichzeitig um Möglichkeiten zu

MISSION IM KONTEXT


TEIL 3

© LWB Charles Pitchford

PRAXIS DER MISSION

bemühen, den Zugang zu anderen

tatsächlich vorhandenen Ressourcen jeder Kirche an-

(z. B. technischen und finanziellen)

gepasst sein und nicht ausländische Strukturen nachah-

Ressourcen zu verbessern. Ein kon-

men. Starre und kopflastige Strukturen beengen Leben

textbezogener Missionsansatz mit

und Mission der Kirche so sehr, dass die Mission auf die

einem ausgeprägten Bewusstsein

blosse Erhaltung kirchlicher Strukturen reduziert wird.

für Haushalterschaft vermeidet im-

Viele Kirchen im Süden sind noch immer auf finanzielle

portierte Arbeitsweisen, die hohe

Unterstützung aus dem Ausland angewiesen, die haupt-

laufende Kosten verursachen.

sächlich der Aufrechterhaltung ihrer Strukturen dient.

Bei der Vorbereitung ihres Haus-

Mission als gemeinschaftliche Aufgabe von Kirchen erfor-

halterschaftsprogramms im Blick

dert, dass die Kirchen sich auf eine gegenseitige Abhängig-

auf die Ressourcen für die Mission

keit im Hinblick auf spirituelle, personelle, materielle und

muss die Kirche ausserdem ihre

finanzielle Ressourcen einlassen. Ressourcen für die Missi-

Strukturen in den Blick nehmen, um

on sind in erster Linie Gottes Gaben, und somit sind alle Kir-

festzustellen, ob diese der Mission

chen Empfängerinnen und Haushalterinnen dieser Gaben.

der Kirche dienlich sind oder nicht.

Daher dient die wechselseitige Abhängigkeit in der Missi-

Kirchliche Strukturen sollten fle-

on der gegenseitigen Bevollmächtigung und Verwandlung,

xibel und dem Kontext sowie den

die sich auf Vertrauen und wechselseitige Rechenschaft

MISSION IM KONTEXT

59


Teil 3

PRAXIS DER MISSION gründet. Ziel dieser Interdependenz

auf grosses Interesse. Tausende Menschen, Junge und

ist nicht, das Wohl der Kirchen zu si-

Alte, Frauen und Männer schaffen in ihrem vollen Ter-

chern, sondern deren Fähigkeit und

minkalender Platz, um sich ein Wochenende oder eine

Kompetenz für die Durchführung ih-

Woche lang der geistlichen Erfahrung des Gebets, der

rer Mission zu stärken. Viele Kirchen

Bibellese, des Singens und Schweigens (Hörens) zu wid-

im Süden stehen vor erdrückenden

men. In der Vergangenheit gingen Menschen allein oder

Herausforderungen an die Mission

in kleinen Gruppen aus ihrem eigenen spirituellen Be-

(wirtschaftliche Katastrophen, Krieg,

dürfnis heraus auf Pilgerreisen; Mission war dabei nicht

Vertreibung, Hungersnot usw.), die

das vorrangige Ziel. Dennoch wurden die Gemeinden

die örtlich und landesweit verfüg-

und die Menschen, denen die Pilgernden auf ihrem Wege

baren Mittel bei weitem übersteigen.

begegneten, ebenfalls geistlich bereichert.

Die Kirchen in den wohlhabenderen Ländern und deren Partnerorganisa-

Eine Wiederbelebung des Pilgerns als missionarische

tionen und Missionsabteilungen soll-

Praxis könnte für die heutigen Kirchen von grossem Nut-

ten als Haushalterinnen der von Gott

zen sein. Sie könnte den Pilgernden als praktischer An-

geschenkten Missionsressourcen mit

satz dienen, Solidarität zu erlernen, zu erfahren und zu

dem gebotenen Ernst und im Gebet

gestalten. Dadurch könnte sie ein wirksames Mittel zum

die Fragen „bilateraler“ und „multi-

Aufbau und zur Verbreitung einer „Spiritualität des Wi-

lateraler“ Beziehungen überdenken

derstandes“ sein, mit der sich die Kirche dem Ansturm

und die gegenseitige Abhängigkeit als

von Materialismus, Säkularisierung aller Gesellschafts-

dringliche missionarische Herausfor-

bereiche und Konsumdenken entgegenstellt. Gleichzeitig

derung verstehen. Das Engagement in

könnte sie eine grossartige Gelegenheit zur gegenseiti-

einer Mission der Verwandlung, Ver-

gen geistlichen Stärkung und zum gemeinsamen Zeug-

söhnung und Bevollmächtigung ver-

nis in Wort und Tat bieten. Missionarische Pilgerreisen

langt von diesen Kirchen und ihren

können auf örtlicher, nationaler, regionaler und globaler

Partnerorganisationen, dass sie bei

Ebene sowie generations- und konfessionsübergreifend

der Bearbeitung von Projektanträgen

organisiert werden.

aus armen Ländern und Kirchen skrupelloses Besitzdenken, konsumbeton-

Das Konzept und die Praxis der missionarischen Pilger-

te Sprache und unmenschliche As-

reise tragen dazu bei, einer grundlegenden Vision der

pekte der Marktwirtschaft angreifen

Kirche als sich verwandelnder, nomadischer Kirche, als

und blossstellen. Sie sollen mithelfen,

Kirche auf der Wanderung, auf dem Weg nach Emmaus

eine communio der Mission aufzubau-

Ausdruck zu geben. Die missionarische Kirche ist eine

en, die eine alternative Gemeinschaft,

Kirche auf dem Pilgerweg. Die Kirche bewegt sich nicht

ein Ort der Hoffnung sein soll, wo die

nur von einem Ort zum anderen, sondern auch von der

Opfer der Auswirkungen der Globali-

Gegenwart in die Zukunft und aus diesem Zeitalter in

sierung Bevollmächtigung und Unter-

Gottes neuen Äon. Als nomadische, pilgernde Kirche ist

stützung finden.

sie durch den Heiligen Geist dazu begabt, die Zeichen der Zeit zu erkennen und zu prophezeien (anzuzeigen),

3.3.4 Missionarische Pilgerreise In jüngster Zeit stösst die Tradition des Pilgerns und der meditativen Rüstzeiten in den Kirchen Europas

60

MISSION IM KONTEXT

dass Gottes Herrschaft anbricht.


Abschliessende Bemerkungen


Abschliessende Bemerkungen Menschen mit einbegriffen waren. Nach und nach wurde das Eintreten für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewah-

Weltbundes bedeutende Paradigmenwechsel durchlau-

rung der Schöpfung stärker betont. Die LWB-Konsultati-

fen. Für die Vierte Vollversammlung (Helsinki, 1963)

on zur Mission (Nairobi, 1998) betrachtete die Verwand-

war Mission noch in engerem Sinn im Hinblick auf die

lung als wichtige Dimension der Mission, gleichzeitig

Bekehrung vom Unglauben zum Glauben definiert. Von

rückten gemeinsame ökumenische Missionseinsätze als

der Sechsten Vollversammlung an (Daressalam, 1977)

wichtiger Aspekt der Missionspraxis im 21. Jahrhundert

wurde die Mission jedoch in einer ganzheitlichen Weise

in den Vordergrund. In die gleiche Richtung zielt auch

verstanden und praktiziert, wobei Verkündigung, An-

das vorliegende Dokument, indem es die Vision einer

waltschaft und Dienst am ganzen Menschen und für alle

missionarischen Kirche herausstellt, für die Mission zu

© Photo Hilbold-Croiset

Das Missionsverständnis der Kirche hat in der Erfahrung und Praxis der Mitgliedskirchen des Lutherischen

62

MISSION IM KONTEXT


ihrem ureigenen Wesen als Leib Christi gehört. Hervor-

die bewusst darauf ausgerichtet ist, Verwandlung, Ver-

gehoben wird auch das Verständnis von Mission als Teil-

söhnung und Bevollmächtigung in der Gesellschaft

habe an dem in Christus anbrechenden Gottesreich, die

zu bewirken, oder ist sie blosse Gewohnheit? Auf der

Weggemeinschaft mit Menschen in ihren Kontexten so-

Grundlage dieses Dokuments kann die Kirche prüfen,

wie die Schwerpunktsetzung bei Verwandlung, Versöh-

wie ganzheitlich und kontextbezogen ihre Missionspra-

nung und Bevollmächtigung.

xis ist. Die Kirche kann eine Bewertung ihrer Missionspraxis vornehmen, um beispielsweise festzustellen,

Diese Brennpunkte der Mission – Verwandlung, Ver-

ob die ganze Kirche an der ganzen Mission beteiligt ist

söhnung und Bevollmächtigung – beschreiben Mission

oder ob die verschiedenen Aspekte der Mission (z. B.

zutreffend als Teilhabe der Kirche an der Mission des

Verkündigung, Dienst, Anwaltschaft und Bewahrung

dreieinigen Gottes in Schöpfung, Erlösung und Heiligung.

der Schöpfung) Verwandlung, Versöhnung und Bevoll-

Sie spiegeln auch den ganzheitlichen und kontextbezo-

mächtigung bewirken. Ebenso kann festgestellt werden,

genen Charakter der Mission wider, d. h. eine Mission,

ob vor Ort Mittel für die kirchliche Mission bereitge-

die durch den Heiligen Geist geleitet wird, den „Weg des

stellt werden. So kann

Sohnes“ zu gehen, den Weg der Inkarnation, des Kreuzes

die Kirche klären, wo

und der Auferstehung. Mission ist der Grund für die Exis-

sich neue Chancen für

tenz der Kirche. Sie entspringt dem Wesen der Kirche

die Mission auftun und

als Zeugnisgemeinschaft, eine Gabe der gnadenvollen

welche

Rechtfertigung Gottes für die Mission und Einladung zur

und

Mission.

Ressourcen

Partnerschaften

nötig sind, um sie wirksam aufzugreifen.

Dieses Dokuments möchte unter anderem als Werkzeug dienen, um lutherische Kirchen in ihrer Selbstprüfung

Abschliessend

ruft

Anhand des Emmausmodells – Mission als gemeinsamer Weg, als Weggemeinschaft – lädt dieses Dokument lutherische und andere Kirchen dazu ein, sich eine Theologie zu erschliessen, die die kontextbezogene Missionserfahrung berücksichtigt und aus ihr schöpft.

und erneuten Bekräftigung der Mission in ihrem jewei-

dieses Dokument die

ligen Kontext zu begleiten. Damit dieses Dokument ein

Kirche dazu auf, durch

solches Werkzeug sein kann, sind die Kirchen dazu auf-

eine kontinuierliche Reflexion ihrer Missionstheologie

gerufen, die hermeneutische Spirale in konkrete Missi-

ihre Mission zu stärken. Die Theologie soll die Kirche

onspraxis umzusetzen. Um ihre Mission auf sinnvolle

zur Mission bevollmächtigen, die auf die Wirklichkeit

Weise zu stärken, müssen die Kirchen ihre Missionskon-

des in Christus anbrechenden Gottesreiches verweist

texte, ihre Praxis und Theologie einer gründlichen Ana-

und daran teilhat. Anhand des Emmausmodells – Mis-

lyse unterziehen.

sion als gemeinsamer Weg, als Weggemeinschaft – lädt dieses Dokument lutherische und andere Kirchen dazu

Der Kontext muss fortwährend analysiert und benannt

ein, sich eine Theologie zu erschliessen, die die kontext-

werden. Die Kirche ist auf jeder Ebene dazu aufgerufen

bezogene Missionserfahrung berücksichtigt und aus ihr

festzustellen, wo Verwandlung, Versöhnung und Bevoll-

schöpft. Nur eine solche Theologie kann die Kirchen

mächtigung notwendig sind. Bei der Durchführung ei-

dazu bevollmächtigen, ihre ganzheitliche Mission als

ner solchen Analyse ist die Kirche angehalten, sich an

Weggemeinschaft mit Menschen an allen Orten in deren

die Seite der Opfer von Unrecht und Gewalt zu stellen

sich ständig verändernden Kontexten zu entfalten – eine

und somit böse Mächte und Situationen, durch die die

verwandelnde, versöhnende und bevollmächtigende

Schöpfung entstellt und zerstört und das Leben in der

Mission.

Gesellschaft entmenschlicht wird, offenzulegen und anzuprangern.

„Ihr werdet die Kraft des heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in

Die Kirche muss kritisch überprüfen, wie Mission prak-

Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das

tiziert wird. Ist Mission wirklich eine Glaubenspraxis,

Ende der Erde.“ (Apostelgeschichte 1,8).

MISSION IM KONTEXT

63


Lutherischer Weltbund – eine Kirchengemeinschaft


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Mission im Kontext: Verwandlung, Versöhnung, Bevollmächtigung by Igreja Evangélica de Confissão Luterana no Brasil (IECLB) - Issuu