Diakonie im Kontext Verwandlung Versöhnung Bevollmächtigung
Ein Beitrag des LWB zu Verständnis und Praxis der Diakonie
L u t her i scher W elt bund
– eine K irchengemeinschaf t Abteilung für M ission und Entwicklung
Diakonie im Kontext Verwandlung, Versöhnung, Bevollmächtigung Ein Beitrag des LWB zu Verständnis und Praxis der Diakonie
Diakonie im Kontext: Verwandlung, Versöhnung, Bevollmächtigung Ein Beitrag des LWB zu Verständnis und Praxis der Diakonie
Redaktionelle Bearbeitung:
Abteilung für Mission und Entwicklung (AME) des LWB
Design und Layout:
Bethel, Dieter Lorenz, Gustavo Driau, Eva Grollova,
Jaap Schep, Eva-Sibylle Vogel-Mfato, Sally Lim, Jan Silar, Faith Longakit, K. Miller-Holland, Laury Rinker
Büro für Kommunikationsdienste (BKD) des LWB
Veröffentlicht von:
Einbandgestaltung:
Route de Ferney 150
LWB-BKD
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Pfr. Dr. Kjell Nordstokke
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Finnische Evangelisch-Lutherische Mission (FELM),
ISBN 978-3-905676-99-0
Hauptarchiv der v. Bodelschwinghschen Anstalten
Gedruckt im Deutschland
Evangelisch-Lutherische Kirche in Amerika (ELKA),
Inhaltsverzeichnis
Vorwort...................................................................................................................... 5 Dank.......................................................................................................................... 6 Einleitung.................................................................................................................. 8 Teil I: Kontext der Diakonie...................................................................................... 12
1. Warum ist der Kontext so wichtig?..................................................................................... 12 2. Auswirkungen globaler Trends auf den lokalen Kontext......................................................13 3. Veränderte Kontexte für die Diakonie................................................................................. 17 4. Spirale der Hoffnungslosigkeit – Spirale der Hoffnung........................................................19 Fragen zur Reflexion............................................................................................................................. 22
5. Existenzielle, nicht kontextgebundene Herausforderungen.................................................22
Teil II: Identität der Diakonie.................................................................................... 24
1. Unser Glaube an den dreieinigen Gott............................................................................... 24 2. Diakonie als Wesensmerkmal der Kirche............................................................................27 3. Die Diakonie des Tisches................................................................................................... 31 4. Gute Werke....................................................................................................................... 34 5. Diakonische Spiritualität....................................................................................................37
Teil III: Praxis der Diakonie...................................................................................... 40
1. Zweck der Diakonie........................................................................................................... 40
1.1 Hilfe für Einzelne und Gruppen..................................................................................................... 41 1.2 Kurz- und langfristige Massnahmen.............................................................................................. 41
2. Grundlegende Wegweiser für die diakonische Arbeit..........................................................43
2.1 Verwandlung................................................................................................................................... 43 2.2 Versöhnung.....................................................................................................................................44 2.3 Bevollmächtigung........................................................................................................................... 45
3. Verschiedene Ausprägungen diakonischen Handelns..........................................................47 3.1 Individuelle Diakonie – Diakonat aller Gläubigen......................................................................... 47 3.2 Organisierte Diakonie – gemeinsame Anstrengung der Gemeinde...............................................48 3.3 Institutionelle Diakonie – wo mehr Struktur erforderlich ist......................................................... 49 3.4 Internationale Diakonie – Reaktion auf menschliche Not mit und im Namen der weltweiten Kirchengemeinschaft............................................................................................................................ 52
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4. Methoden der Diakonie......................................................................................................58
4.1 Bedeutung der Methodik................................................................................................................ 58 4.2 Sehen – nachdenken – handeln....................................................................................................... 59 4.3 Förderung bürgerschaftlicher Teilhabe...........................................................................................60 4.4 Aufbau des Gemeinwesens..............................................................................................................61 4.5 Vernetzung mit anderen Akteuren.................................................................................................. 63 4.6 Rechenschaft................................................................................................................................... 65
5. AkteurInnen der Diakonie..................................................................................................66
5.1 Ehrenamtliche MitarbeiterInnen.................................................................................................... 67 5.2 Hauptamtliche MitarbeiterInnen ................................................................................................... 69 5.3 Das ordinierte Amt......................................................................................................................... 71
6. Kompetenzaufbau für die Diakonie....................................................................................75 7. Diakonie und Entwicklungsarbeit......................................................................................76 8. Prophetische Diakonie.......................................................................................................81 9. Diakonie und Verkündigung............................................................................................. 84 10. Diakonie und Diapraxis................................................................................................... 88 11. Ein diakonischer Verhaltenskodex: Grundlegende Werte................................................. 90
Glossar............................................................................................................................................ 94
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Vorwort
Studierende der Theologie und Missiologie haben perung der Liebe Gottes für die Welt durch menschunzählige Stunden damit verbracht, über das Thema liches Handeln. Sie ist Liebe, die Gottes Schöpfung Diakonie zu diskutieren und, in den meisten Fällen, aus Gnade zuteil wurde, und die grundlegende Basis, lange Artikel und Bücher darüber zu schreiben. Ein auf der interreligiöser Dialog und Diapraxis möglich Vorwort zu dieser Publikation ist nicht der richtige werden. Dieser Dialog gewinnt im Kontext kompleOrt für eine Übersicht oder Kritik der verschiedenen xer Diskussionen um den Klimawandel und seine Positionen, die von den VertreterInnen unterschied- Auswirkungen zusätzliche Dringlichkeit; gleiches gilt licher Ansätze verteidigt werden. Allerdings ist es bei angesichts der Tatsache, dass, in einer Welt, in der die der Lektüre dieses Heftes erfrischend, daran erinnert Fürsorge für andere Menschen zunehmend kommerzu werden, dass Diakonie in der Tat die „DNS“, das zialisiert wird, die christliche Gemeinschaft ihre Rolle heisst die Essenz dessen ist, was die Kirche und das als Hilfeleistende überdenkt. Selbstverständnis jeder Gemeinde ausmacht. Die Deswegen empfehle ich PfarrerInnen, StudenDiakonie hält die Kirche zusammen, deswegen kann tInnen und ökumenischen Bibelgruppen die Verwendiese Aufgabe auch nicht an eine spezialisierte Or- dung dieser Publikation. Sie fordert ihre LeserInnen ganisation oder Gruppe von Fachleuten ausgelagert heraus, kontinuierlich die Relevanz diakonischer werden. Zweifellos braucht die Kirche professionelle Strukturen und diakonischer Praxis in Kirchen und MitarbeiterInnen mit dem entsprechenden Fachwis- Gemeinden zu hinterfragen. sen und den nötigen Fähigkeiten für diesen Dienst. Aber es sollte festgehalten werden, dass die Professionalisierung leicht zu einer Entfremdung des diakonischen Handelns von der Gemeinde und der Kirche führen kann. Deshalb soll diese Publikation den Kirchen als lutherischer Beitrag zur ökumenischen Debatte über das Verständnis von Diakonie und ihren Strukturen Pfr. Dr. Ishmael Noko dienen. Aus dieser Perspektive ist Diakonie die Verkör- Generalsekretär
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Dank Wie in der Einleitung ausgeführt wird, haben viele Menschen am Publikationsprozess mitgewirkt und verdienen Dank für ihren Beitrag:
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Die Teilnehmenden der regionalen Workshops und der globalen Diakoniekonsultation (Addis Abeba, Oktober 2009),
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die Mitglieder der Arbeitsgruppe, die den Redaktionsprozess unermüdlich begleiteten und wichtige Impulse gaben,
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Mitgliedskirchen und Personen, die Kommentare zur vorläufigen Version des Dokuments abgaben und so zur endgültigen Fassung beitrugen,
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AME-MitarbeiterInnen und andere KollegInnen im Ökumenischen Zentrum.
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Ein besonderer Dank gilt Stefan Niederberger, der den AME-Direktor in allen Phasen der Ar-
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beit unterstützte und die zahlreichen Arbeitsschritte beförderte. Die finanzielle Unterstützung der AME-Partnerorganisationen ermöglichte den Prozess, innerhalb des LWB über Diakonie nachzudenken, sowie die Erstellung dieser Publikation und ihrer Übersetzung in alle Arbeitssprachen des LWB. Besondere Zuweisungen der Diakonhjemmet-Stiftung in Oslo (Norwegen), der Schwedischen Kirche und der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) sicherten diesen Arbeitsprozess in einer Zeit finanzieller Schwierigkeiten. Wir danken all unseren PartnerInnen für Ihre wertvolle Unterstützung. Wir sind sehr dankbar für die Fotos, die uns Partnerorganisationen und FotografInnen gratis zur Verfügung gestellt haben. Ohne diese grosszügige Geste und die finanzielle Unterstützung unserer Partnerorganisationen hätte dieses Projekt nicht verwirklicht werden können.
Einleitung
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© LWB/D. Lorenz
Einleitung Pfr. Dr. Kjell Nordstokke Diese Publikation unter dem Titel Diakonie im Kontext ist das Ergebnis eines Erfahrungsaustausches zu der Frage, was wir in der lutherischen Communio unter Diakonie verstehen und wie wir sie praktizieren. Dieser Prozess soll unserer Gemeinschaft eine gemeinsame Ausgangsposition dafür bieten, Diakonie in ihrer Identität und Praxis widerzuspiegeln. Da wir uns darüber im Klaren sind, dass sich die jeweiligen Kontexte sehr stark unterscheiden und die diakonische Arbeit von einer Vielzahl von Traditionen geprägt ist, hoffen wir, dass eine solche Grundlage unsere Kommunikation untereinander erleichtern und unser gemeinsames Wirken als PartnerInnen in der Mission Gottes stär-
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ken wird. Dieses Dokument soll einige grundlegende Richtlinien für eine Diskussion bieten, die hoffentlich innerhalb der verschiedenen Regionen weitergeführt wird, und zu einem anhaltenden Lernprozess beitragen, von dem wir alle profitieren können. Da wir uns alle in diesem Lernprozess befinden, geben wir hier keine verbindliche Definition von Diakonie. Trotzdem halten wir uns an einige grundlegende Annahmen. Zum einen gehen wir von der Diakonie als einem theologischen Konzept aus, das auf Identität und Auftrag der Kirche selbst verweist. Zum anderen ergibt sich hieraus die Konsequenz, dass Diakonie ein Aufruf zum Handeln ist, eine Reaktion auf menschliches Leid und Unrecht sowie der Auftrag, die Schöpfung zu bewahren. Dieses eher offene Diakonieverständnis hängt auch damit zusammen, dass das Konzept Diakonie keine präzise Definition erlaubt, nicht einmal im Blick auf seine Verwendung im griechischen Neuen Testament. Die gegenwärtige Verwendung des Wortes
wurde wesentlich dadurch beeinflusst, wie ChristInnen im Verlauf der Kirchengeschichte versucht haben, dem biblischen Auftrag zur Nächstenliebe Folge zu leisten. Dies gilt auch für die Ökumene, wo der Begriff Diakonie in den letzten Jahrzehnten an Bedeutung gewonnen hat, weil viele Menschen spüren, dass er eine wichtige Dimension des kirchlichen Auftrags darstellt, den Herausforderungen der heutigen Welt zu begegnen. Nach diesem Verständnis ist Diakonie ein essentieller Bestandteil der Mission, mutig und tatkräftig die Ursachen für menschliches Leid und Unrecht anzugehen. Diakonie im Kontext spiegelt diesen Prozess wider und will aus lutherischer Perspektive und im Licht des diakonischen Engagements der lutherischen Kirchenfamilie einen Beitrag zu ihm leisten. In diesem Bestreben folgen wir dem LWB-Missionsdokument Mission im Kontext , das Mission als ganzheitliches Konzept vorstellt, das Verkündigung, Dienst (Diakonie) und Anwaltschaft umfasst. Dieses Dokument aus dem Jahr 2004/05 ging nicht im Einzelnen auf Diakonieverständnis und -praxis ein, daher wurde beschlossen, eine weitere Publikation zu diesem Thema in Auftrag zu geben. Diakonie im Kontext soll diese Lücke füllen. Wir beginnen mit einer kurzen Kontextanalyse und stellen einige aktuelle globale Trends und Probleme in der Diakonie vor. Im zweiten Teil folgt eine theologische Einleitung zum Diakonieverständnis. Der dritte Teil beschreibt, wie Diakonie auf unterschiedlichen Ebenen ausgeübt wird: von individuellem Engagement einzelner Menschen bis hin zu organisierten Aktivitäten auf lokaler wie internationaler Ebene. Das Konzept der ganzheitlichen Mission, wie wir es in Mission im Kontext entwickelt haben, wird auch hier beibehalten. Nach diesem Verständnis ist Diakonie essentieller Bestandteil der Mission. Allerdings hält die Diskussion darüber an, wie genau sich dies praktisch darstellt. Ein Grund dafür sind die unterschiedlichen
Mission im Kontext: Verwandlung, Versöhnung, Bevollmächtigung. Ein Beitrag des LWB zu Verständnis und
Praxis der Mission. LWB, Genf 2005.
Kontexte, in denen die Kirche in ihrem jeweiligen kulturellen, religiösen und politischen Umfeld lebt. Es gibt kein allgemeingültiges Modell ganzheitlicher Mission, das in jedem Kontext angewendet werden könnte, und das hat Folgen für die Beziehung der unterschiedlichen Dimensionen der Mission untereinander. Überdies verstehen manche das Wort „Mission“ so, dass Verkündigung ihr Hauptelement ist. Andere sehen Mission umfassender – so wie es auch im Missionsdokument der Fall ist – als sowohl Verkündigung wie auch Dienst. Ein wichtiges Anliegen der in der Diakonie Tätigen ist, dass ihr Handeln am Kontext und Wesen ihrer Arbeit ausgerichtet sein muss. Diese Bedenken sollten jedoch nicht zwischen Mission und Diakonie trennen, wie es bisweilen der Fall war, sondern sollten uns alle motivieren, weiter darüber nachzudenken, wie die verschiedenen Dimensionen der Mission in Wechselbeziehung zueinander stehen und sich gegenseitig stützen. Das Missionsdokument präsentierte drei Schlüsselbegriffe zum modernen Missionsverständnis: Verwandlung, Versöhnung und Bevollmächtigung. Diese Begriffe sind auch für die Diakonie äusserst hilfreich, weil sie klar die Richtung diakonischen Handelns aufzeigen. Sie sollten nicht in dem Sinne interpretiert werden, dass erst das eine komme und dann zum anderen führe, sondern sie sollten als parallele und interaktive Prozesse angesehen werden, die alle Gottes gnädiger Sorge um die Schöpfung und seinem Heilshandeln in Jesus Christus entspringen. Ausserdem sollten diese drei Konzepte keine anderen Dimensionen wie beispielsweise Heilung, Leitung und Erhaltung ausschliessen, sondern vielmehr zu diesen in Beziehung stehen. Dieses Dokument wendet sich zuallererst an KirchenleiterInnen und MitarbeiterInnen in allen Bereichen der Diakonie. Es soll sie in ihrem Engagement stärken und sie für ihre tägliche Arbeit zurüsten. Im Rahmen regionaler Diakoniekonsultationen hat sich gezeigt, dass die diakonische Ausbildung die Kirchen vor grosse Herausforderungen stellt und es an entsprechenden Lehrmaterialien fehlt. Hoffentlich kann Diakonie im Kontext auch theologischen Instituten hilfreich sein, die Diakonie in ihren Lehrplan aufnehmen wollen.
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Der Redaktionsprozess wurde von regionalen und globalen Konsultationen begleitet: von Johannesburg 2002 mit dem Schwerpunkt auf prophetischer Diakonie bis Addis Abeba 2008, wo die grundlegenden Elemente des gemeinsamen Lernprozesses zusammengeführt wurden. Wir danken allen, die an diesen Veranstaltungen teilgenommen haben, für ihren Beitrag und ihre Erkenntnisse. Es war uns nicht möglich, die reiche Vielfalt an Erfahrungen der Kirchen hier darzustellen. So finden sich lediglich einige Beispiele für die vielfältigen Ausprägungen eines kompromisslosen diakonischen Einsatzes. Wir hoffen, dass durch die Rezeption des vorliegenden Dokuments die Vielfalt der Erfahrungen und die polyzentrische Natur unserer weltweiten Gemeinschaft verstärkt ins Bewusstsein rücken. Weiter hoffen wir, dass dieser Prozess unser Engagement füreinander stärken und uns dabei helfen möge, uns als PartnerInnen in der Mission Gottes besser zu vernetzen. Eine Arbeitsgruppe von sechs Personen aus verschiedenen Regionen wurde beauftragt, den Produktionsprozess von Diakonie im Kontext zu begleiten: Gustavo Driau aus Argentinien, Eva Grollová aus der Tschechischen Republik, Rebecca Larson aus den USA, Dieter Lorenz aus Deutschland, Selma Shejavali aus Namibia und Jongkers Tampubolon aus Indonesien. Vielen Dank auch ihnen für ihre Unterstützung und ihre Erkenntnisse, die einen wichtigen Beitrag zu diesem Prozess leisteten. Genf, im Juli 2009 Kjell Nordstokke Direktor der LWB-Abteilung für Mission und Entwicklung
Der Bericht von der Konsultation in Addis Abeba ist Teil
der Publikation Dem ganzen Menschen dienen. Praxis und
Verständnis von Diakonie in der lutherischen Gemeinschaft.
LWB-Dokumentation 54/2009: Genf. Sie enthält ausserdem Berichte aus den Regionen und Ergebnisse sowie
© FELM
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Empfehlungen aus den regionalen Workshops.
Teil I: Kontext der Diakonie
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Teil I: Kontext der Diakonie 1. Warum ist der Kontext so wichtig? Alle Menschen leben und handeln innerhalb eines spezifischen historischen Kontextes. Die Bibel verkündet Gottes Handeln in der Welt in bestimmten historischen Kontexten, häufig in einer Situation menschlichen Leidens. Das Alte Testament erzählt die Geschichte vom Auszug aus Ägypten und schildert Gottes Handeln in einer konkreten Situation, die von Unterdrückung geprägt ist: „Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört; ich habe ihre Leiden erkannt:“ (2.Mose
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3,7) In gleicher Weise ereignete sich die Inkarnation Gottes in Jesus Christus in einem bestimmten sozialen, wirtschaftlichen, politischen, religiösen und kulturellen Umfeld, das sein Wirken bestimmte. Die Diakonie, die wir als wesentlichen Bestandteil der kirchlichen Mission in der heutigen Welt verstehen, wird ebenfalls durch heutige Kontexte und ihre Herausforderungen bedingt. Um relevant zu sein, erfordert Diakonie „ein vom Gebet getragenes Erkennen der Zeichen der Zeit und ein vom Glauben bestimmtes Deuten der Kontexte:“ Ein solches Deuten der Kontexte ist ein komplexes Unterfangen, weil jeder Kontext zahlreiche Facetten hat und einen interdisziplinären Ansatz erfordert. Beispielsweise können wir uns nicht mit dem Problem der HIV/AIDS-Epidemie befassen, ohne neben den medizinischen auch die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, kulturellen und religiösen
Mission im Kontext, a. a. O., S. 12
Aspekte zu betrachten, um zu einem umfassenden Verständnis des Problems zu kommen. Leid hat seine Ursachen auf allen diesen Ebenen und sie alle bieten Raum für Fürsorge und Verwandlung. Die Kontextanalyse muss kritisch geschehen, Fragen aufwerfen und Vorurteile offenlegen. Sie muss insbesondere den Stimmen Raum geben, die sonst vernachlässigt werden – sowohl in der Kirche als auch in der Gesellschaft. Es ist besonders wichtig, marginalisierten und aus der Gesellschaft ausgeschlossenen Menschen zuzuhören, um zu erfahren, warum ihrer Meinung nach die Dinge so sind, wie sie sind, und wo sie Hoffnung und mögliche Veränderungsmöglichkeiten sehen. In diesem Prozess der Kontexterfahrung, -analyse und -einordnung ist es wichtig, dafür zu sorgen, dass die Perspektiven von Frauen und jungen Menschen angemessenen Raum finden. Diakonie kann nur dann ihrem Auftrag nachkommen, eine aktive Rolle bei der Gestaltung einer besseren Zukunft übernehmen und den Anstoss zum Wandel geben, wenn die einzigartige Begabung, die Menschenwürde und die alltäglichen Erfahrungen eines jeden Menschen respektiert werden. Alle Menschen sollten Gelegenheit erhalten, nicht nur ihre Geschichte zu erzählen, sondern diese auch von Anderen gehört und geschätzt zu wissen. Nur dann können alle eine aktive Rolle in der Gestaltung einer besseren Zukunft übernehmen, nur dann kann ein Prozess der Verwandlung beginnen. Als glaubensmotiviertes Handeln verbindet Diakonie die Interpretation des Kontextes mit dem Lesen der Bibel. Geschichten des Leids und der Unterdrückung in unserer heutigen Realität können durch ähnliche Geschichten aus der Bibel erhellt und verstanden werden. Aber darüber hinaus erinnert uns das Zeugnis der Bibel an Gottes bedingungslose Liebe und Zuwendung zu den Leidenden und Ausgegrenzten und an seine Verheissung von Zukunft und Hoffnung. Im Blick auf die Diakonie ist das Verstehen eines Kontextes nie Selbstzweck. Das Ziel besteht vielmehr darin, diakonisches Handeln zu mobilisieren und sicherzustellen, dass dieses Handeln tatsächlich zum Be-
sten der betroffenen Menschen geschieht. Es hilft uns, Prioritäten zu setzen, Ziele für gemeinsames Handeln festzulegen und Arbeitsmethoden auszuwählen, die effektiv sind und auf diakonischen Werten beruhen. Es schafft ein Bewusstsein für verfügbare Ressourcen, Potenziale und Einschränkungen und natürlich für mögliche PartnerInnen in unserem Unterfangen.
2. Auswirkungen globaler Trends auf den lokalen Kontext In unserer Zeit kann der lokale Kontext nicht isoliert betrachtet werden. Jede Situation vor Ort wird beeinflusst durch allgemeine wirtschaftliche, religiöse, soziale, kulturelle und politische Trends. Zusätzlich bestimmt auch die Globalisierung in erheblichem Mass die Ökologie sowie das wirtschaftliche, soziale, kulturelle und selbst religiöse Leben weltweit. Die LWB-Publikation Mission im Kontext nennt die „komplexen Auswirkungen der Globalisierung“ als ersten Punkt im Abschnitt „Globale Realitäten im Wandel und ihre Auswirkung auf globale und örtliche Kontexte“. Dies ist ein Verweis auf die Ambivalenz der Globalisierung. Eine vollständige Analyse des komplexen Globalisierungsprozesses und der mit ihm verbundenen Probleme und Chancen würde hier zu weit führen. Auf der einen Seite hat die Globalisierung in verschiedenen Lebensbereichen Positives bewirkt, etwa in der Kommunikationstechnologie und in der Naturwissenschaft. Sie hat ausserdem das Bewusstsein für soziale Probleme und menschliches Leid in der ganzen Welt geschärft und das Potenzial, Krisen zu begegnen und sie zu bewältigen, gestärkt. Wir können auf Erfolge verweisen, die Millionen Menschen das Leben erleichtern. Beispielsweise haben jetzt mehr Kinder die Möglichkeit, zur Schule zu gehen, und mehr Menschen als je zuvor haben Zugang zu sauberem Wasser. Initiativen zur Bekämpfung schwerer Krankheiten wie Tuberkulose und Malaria zeigen erfreuliche Ergebnisse. Ein grosser Teil dieser Erfolge ist
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Die wirtschaftliche Globalisierung hat vielfältige Auswirkungen. Als besonders negativ stellt sich hier die wachsende Kluft zwischen den Ärmsten und Reichsten der Welt dar. Ausserdem stehen Kräfte der wirtschaftlichen Globalisierung wie etwa multinationale Konzerne ausserhalb der politischen Kontrolle und demokratischen Entscheidungsfindung. Trotzdem haben sie die Macht, die Zukunft ganzer Nationen zu bestimmen, besonders wenn sie mit grossen Staaten zusammenarbeiten, deren politische und wirt© LUCSA schaftliche Ziele eng miteinander auf weltweite Bemühungen wie die Millenniumsziele verquickt sind, wie es bei den Im(Millennium Development Goals, MDG) der Vereinten perien vergangener Zeiten ähnlich der Fall war. Nationen (VN) aus dem Jahr 2001 zurückzuführen. Konsumdenken, Umweltverschmutzung und Auf der anderen Seite verursacht die Globalisie- ein bedrohtes, fragiles Ökosystem sind weitere negarung auch grossteils schwerwiegende negative Entwick- tive Folgen der wirtschaftlichen Globalisierung. Die lungen. Dies gilt insbesondere für die wirtschaftliche jüngsten Entwicklungen haben die Aufmerksamkeit Globalisierung, die von Institutionen und der interna- auf zwei weitere Aspekte gelenkt, die neue Sorgen tionalen Finanz- und Geschäftspraxis bestimmt wird. und Ängste verursachen: die Anfälligkeit der Fi„Die wirtschaftliche Globalisierung geht von der Vorausset- nanzsysteme und die dramatischen Auswirkungen zung aus, dass die ‚unsichtbare Hand’ des Marktes, wenn des Klimawandels, vor allem für die ärmsten und man ihr relativ freien Lauf lässt, das Optimale erreichen schwächsten Länder der Erde. wird, da jede/r Einzelne nach seinem/ihrem wirtschaftliIm Licht dieser Entwicklungen erscheint Archen Gewinn strebt. Menschen werden in erster Linie als mut als höchst dringliche Aufgabe. Laut VN-StaIndividuen mit unersättlichen Bedürfnissen und Wünschen tistik leben in Ländern mit wachsendem Ungleichgesehen, die im Wettbewerb danach streben, mehr zu erwer- gewicht in der Einkommensentwicklung über 80% ben oder zu ‚haben’ – anstatt in Gemeinschaft mit andern der Menschen von weniger als 10 US-Dollar am Tag. zu ‚sein’. Die vorherrschenden Ziele sind unbegrenztes wirt- UNICEF berichtet, dass jeden Tag bis zu 30.000 schaftliches Wachstum, Produktivität, Leistungsfähigkeit, Kinder aufgrund von Armut sterben. Zugang zu Kapital und Freiheit von Einschränkungen… In vielen Gesellschaften können wir die Femi[Sie gehen einher] mit der Bereitschaft, nahezu jedes Mittel nisierung der Armut beobachten: Armut trifft häufieinzusetzen, um grössere Profite zu erzielen.“ ger Familien mit weiblichem Haushaltsvorstand und insbesondere ältere Frauen. Frauen haben ausserdem Karen L. Bloomquist (Hrsg.): Verantwortung füreinan- häufig weniger wirtschaftliche und politische Mögder – Rechenschaft voreinander. LWB-Dokumentation lichkeiten, ihre Lage und die ihrer Familie zu verbessern. Armut verstrickt Frauen in einer multidimen50/2005, Genf, S. 28/29.
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sionalen Diskriminierung und hindert sie daran, ihre Der Menschenhandel ist eine weitere und vielRechte einzufordern. leicht die schlimmste Form menschlichen Leids Auf der Grundlage der ihr vorgelegten Berichte dieser Art. Er gilt als das weltweit am schnellsten über von Armut verursachte unmenschliche Lebens- wachsende kriminelle Gewerbe und zwingt hundertbedingungen stellte die Konsultation LWB über Ar- tausende Menschen, die meisten von ihnen Frauen, mut und die Mission der Kirche in Afrika im Septem- als Prostituierte und Haushaltshilfen in moderne ber 2006 fest: „In solchen Zeiten müssen die sündhaften Formen der Sklaverei. Kräfte, die der Armut Vorschub leisten, angeprangert werMit dem Begriff „sozialer Fluktuation“ lässt sich den. Diese Kräfte beuten weiterhin unsere Länder aus und die Tendenz der meisten Gesellschaften beschreiben, berauben Millionen Menschen ihres gottgegebenen Rechtes von festgeschriebenen Strukturen – beispielsweise soauf das tägliche Brot und ein menschenwürdiges Leben. Zu ziale Schichtung, ethnische Zusammensetzung oder diesen Kräften gehören: ungerechte Wirtschaftssysteme, die kulturelle Heterogenität – zu pluralistischen Formen Eskalation von Konflikten und Gewalt sowie die Vertrei- des Zusammenlebens überzugehen. Migration und bung aus der angestammten Heimat. Die Verbreitung von Urbanisierung tragen wesentlich zu dieser EntwickHIV und AIDS wird durch die Armut noch verschärft. lung bei. Die soziale Durchlässigkeit kann traditionelMenschen sind gezwungen, unter Brücken zu schlafen und le ethnische und kulturelle Barrieren überwinden. Sie auf Müllkippen nach Nahrung zu suchen. Männer, Frau- kann aber auch die kollektive Identität und Verantworen und Kinder sind tränenleer, ihnen werden ihre Rechte, tung aushöhlen und einem Individualismus Vorschub Begabungen und ihr Potenzial geraubt. Alarmierend stark leisten, der Jede/n seinem/ihrem Schicksal überlässt. nimmt die Anzahl junger Menschen zu, die keine Arbeit Eine weitere Folge dieser Entwicklung ist die finden und die Hoffnung verlieren. In nahezu jeder Situa- Relativierung ethischer Fragen, wodurch jede/r Eintion der Armut tragen Frauen eine erdrückende Last, un- zelne selbst über ihre/seine Haltung zu Themen wie ter deren beständiger Bürde sie stöhnen. Solch unerträgliche Abtreibung, Euthanasie oder Genmanipulation entLebensbedingungen sind von Sünde verursacht und dürfen scheidet. Moderne Technologien und wissenschaftnicht geduldet werden.“ licher Fortschritt haben grundlegende Fragen beFlucht und Migration sind wichtige Aspekte züglich des menschlichen Lebens viel komplizierter dieser Problematik. Noch nie gab es so viele Flücht- werden lassen, als sie es noch vor einer Generation linge und Vertriebene. 2007 wurden in über 70 Län- waren. Können wir diese Fragen auf der Ebene der dern weltweit fast 32 Millionen Flüchtlinge gezählt. Davon waren fast 14 Millionen Binnenvertriebene. Zusätzlich verlassen Millionen ihre Heimat, um für sich und ihre Familien eine bessere Zukunft zu finden und um Armut oder Unsicherheit zu entkommen. Als ArbeitsmigrantInnen haben sie oftmals nicht dieselben Rechte und den gleichen Zugang zu Einrichtungen wie die alteingesessene Bevölkerung. Sie sind leicht auszubeuten und werden oft zur Zielscheibe von Diskriminierung und Ausländerfeindlichkeit.
„So the poor have hope, and injustice shuts its mouth“. Pov-
erty and the Mission of the Church in Africa. LWB-Studien 01/2007, Genf, S. 16 (in englischer Sprache).
© EKBB/Jan Silar
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Einzelperson beantworten? Oder müssen sie stattAll diese Themen fordern die Kirchen heraus, dessen in einem Wertesystem verankert werden, dass ihre Diakonie danach auszurichten, mutig für leidensie auf eine allgemein gültige Ebenejenseits des aku- de und marginalisierte Menschen einzustehen und ten Handlungsbedarfs hebt? sich dem Engagement für Gerechtigkeit, Frieden „Soziale Kohärenz“ drückt aus, dass die Ge- und die Bewahrung der Schöpfung zu verschreiben. meinschaft mehr ist als die Summe ihrer Mitglieder. Sie müssen Berücksichtigung finden bei der FestIn diesem Sinn wird die Kohärenz zur notwendigen legung von Prioritätsbereichen für das diakonische Bedingung für die Bildung einer Gesellschaft. Wie Handeln und bei Entscheidungen darüber, welchen entsteht ein solcher sozialer Zusammenhalt? Mehre- Aktivitäten mehr Aufmerksamkeit gewidmet wird re Elemente scheinen eine Rolle zu spielen: politische als anderen. Ausserdem ergeben sich methodische Vorstellungen, ethische Werte, grundlegende Über- Konsequenzen für die diakonische Praxis. In diesem zeugungen und Perspektiven in Bezug darauf, was gut Prozess muss Diakonie sowohl theoretisch als auch ist und wofür es sich zu kämpfen lohnt. Der Glaube praktisch ihre unausweichliche Beziehung zu ihrem steht im Bezug zu allen diesen Elementen, und gläu- Umfeld mit all seinen Dimensionen – der sozialen, bige Menschen können eine wichtige Rolle bei der politischen, religiösen, wirtschaftlichen und kultuSchaffung des sozialen Zusammenhalts spielen. Hier- rellen Dimension – widerspiegeln. in liegt ein Teil des Potenzials der Postmoderne und Ein Bewusstsein für die globale Situation sollte ihrer Offenheit gegenüber religiöser und kultureller uns die lokale Situation und ihre Bedeutung nicht Pluralität. Die sogenannte Rückkehr des Religiösen vergessen lassen. Globale Tendenzen können nur aus beinhaltet diese positive Dimension, aber wir dürfen der lokalen Perspektive wirklich verstanden werden, ihre bedrohliche Kehrseite nicht aus dem Blick verlie- indem man die Auswirkungen auf das tägliche Leren: dass sie nämlich den Nährboden bietet für einen ben normaler Menschen untersucht. Das globale Bild reaktionären und gewalttätigen Fundamentalismus. hilft, die lokale Situation zu verstehen, aber dasselbe Für die Diakonie eröffnet diese Entwicklung neue gilt auch umgekehrt. Das Kunstwort „glokal“ wurde Chancen, Glauben und Handeln zusammenzuführen, erfunden, um diese Wechselbeziehung zwischen gloum Hoffnung, Liebe und Gerechtigkeit in unserer all- baler und lokaler Ebene in der Analyse und im kontäglichen Realität zu befördern. kreten Handeln auszudrücken. Allerdings darf die Interpretation des lokalen Kontextes nicht bei Allgemeinplätzen stehenbleiben. Sie muss detailgenau auf die lokalen Bedingungen und Herausforderungen bezogen werden. Nur dann können wir das Gesamtbild erkennen, das es den diakonisch Tätigen erlaubt, kritisch zu entscheiden, ob ihre Arbeit den herausgearbeiteten Problemstellungen entspricht oder ob eine Neuausrichtung, ein Überdenken der Ziele und Strategien und neue Bündnisse notwendig sind. Aus diesem Grund sollte das Potenzial des lokalen Kontextes, Widerstand zu leisten und sogar Alternativen zu globalen Trends anzubieten, nicht unterschätzt werden. Ein ermutigendes Beispiel sind Initiativen zum fairen Handel, die lokale ProduzentInnen mit lokalen VerbraucherInnen in anderen Erdteilen © LWB/S. Lim
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in Verbindung bringen. Die Geschichte lehrt uns Erstaunliches über unerwartete Erneuerung und Wandel, die von der „Peripherie“ ausgingen. Nathanaels zynische Bemerkung in Joh 1,46 – „Was kann aus Nazareth Gutes kommen!“ – erwies sich als unzutreffend, was wir uns auch in Zukunft bewusst machen sollten, wenn manche Menschen die Realität vor Ort und ihr Verwandlungspotenzial geringschätzen.
3. Veränderte Kontexte für die Diakonie Diakonisches Handeln verändert sich, den veränderten Bedingungen entsprechend, von Generation zu Generation. Dies liegt teilweise an den oben beschriebenen Herausforderungen, teilweise am ideologischen Umfeld und der Interpretation, die das diakonische Handeln an der Gesellschaft erfährt. In den meisten Regionen haben globale Trends erhebliche Konsequenzen für die diakonische Arbeit. Sie verursachen neue Probleme und verändern die Bedingungen für das diakonische Handeln. Einige von ihnen sind oben aufgeführt. Aber es bestehen auch lokale oder regionale Gegebenheiten, die sich auf die diakonische Arbeit auswirken. In vielen Ländern der südlichen Hemisphäre hat die allgemeine Verarmung Konsequenzen für die Kirche. In den meisten Kontexten ist es schwieriger geworden, diakonische Einrichtungen wie beispielsweise Krankenhäuser weiterzuführen. Auch die finanzielle Unterstützung von Partnern aus dem Norden ist rückläufig. Manche Kirchen könnten sich letztlich gezwungen fühlen, ihre Krankenhäuser dem Staat oder privaten Gesellschaften zu übergeben. Man könnte argumentieren, diese Institutionen seien das Erbe der ausländischen Missionare, die damals ausreichende Ressourcen mitbrachten. Heute solle sich Diakonie mobiler gestalten, an den Bedürfnissen der Bevölkerung ausrichten und weniger abhängig von kostenintensiven Strukturen sein. Auf der anderen Seite ist es schmerzlich, wenn Kirchen ihr
© LWB/D. Lorenz
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Engagement im Gesundheitssektor aufgeben müs- Kirchen berufen, ihr diakonisches Engagement wiesen, erst recht in Zeiten gewaltiger Probleme wie der derzubeleben. Besonders in der ersten Phase erhielAIDS-Pandemie. ten sie starke Unterstützung von Diakoniepartnern Im lokalen Kontext hat Armut bestimmte Er- aus dem Westen, wodurch sie erneut diakonische scheinungsformen und konkrete Ursachen. Schwache Aktivitäten aufnehmen konnten. Aber sie stellten Regierungen, Korruption, ethnische Konflikte und schnell fest, dass sie sich nicht von externen RessourBürgerkriege sind Faktoren, die in Armut lebenden cen abhängig machen durften; genauso wenig konnMenschen immer noch mehr Leid aufbürden. Gleich- ten sie die Zeit zurückdrehen und wieder den Platz zeitig drängen diese Faktoren die Kirchen dazu, ihr einnehmen, den die Kirchen vor dem Kommunismus diakonisches Engagement zu verstärken und neue innehatten. Sie waren gezwungen, ihr diakonisches Wege zu finden, sich den Armen und Unterdrückten Engagement an die neuen Aufgaben und die veränzuzuwenden und sich mit ihnen gemeinsam für ihre derten politischen Bedingungen anzupassen. Würde einzusetzen und ihre Rechte zu verteidigen. In Westeuropa gab es in den letzten JahrOsteuropa ist eine Region, die in den letzten zehnten ebenfalls wesentliche Veränderungen. Als Jahrzehnten einen dramatischen Wandel durchlau- Konsequenz der Einführung des Sozialstaates in fen hat. Historisch waren die Kirchen in vielerlei den 1950er und 1960er Jahren wurden diakonische diakonischen Aktivitäten involviert und unterhielten Einrichtungen in das öffentliche System eingebunauch zahlreiche Einrichtungen. Als die Kommuni- den. Dies geschah in den einzelnen Ländern auf versten die Macht übernahmen, setzten sie dieser Arbeit schiedene Weise. Das grundlegende Prinzip bestand ein Ende und enteigneten viele Gebäude. Nach dem jedoch überall darin, dass der Zugang zu mediziniZusammenbruch des Kommunismus fühlten sich die scher Versorgung und sozialen Leistungen nun auf
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Solidarität und Gerechtigkeit basierte, nicht mehr len und diakonischen Einrichtungen das traditionelauf Wohltätigkeit. Ein weiterer wichtiger Aspekt war, le Bündnis zwischen Staat und Kirche erfordert, um dass diese Dienste von ausgebildeten Fachleuten und funktionieren zu können, oder ob eine andere Art nach staatlichen Standards geleistet werden sollten. von Beziehung aufgebaut werden kann, beispielsweiEin modernes Sozialwesen konnte nicht länger se im Rahmen der Zivilgesellschaft. auf religiöse Motivation und Werte bauen, sondern musste sich stattdessen auf politische Konzepte und soziale Anliegen stützen. Dies wirkte sich stark auf die Diakonie aus, besonders dort, wo diese staatlich finanziert wird oder auf andere Weise in staatliche Gesundheits- und Sozialprogramme integriert ist. Man könnte sagen, dass in solchen Situationen die Säkularisierung Das Bild, das wir hier von der globalisierten Welt der Gesellschaft zu einer gewissen Säkularisierung der zeichnen, könnte als Spirale der Hoffnungslosigkeit diakonischen Einrichtungen und Dienste geführt hat. gesehen werden. Schwierigkeiten und Leid auf indiWährend dieser Punkt nach wie vor relevant ist, vidueller Ebene sind mit entsprechenden Erfahrunist in den letzten Jahrzehnten ein weiteres Problem hin- gen auf anderen Ebenen, etwa der sozialen, politizugekommen. In einigen westlichen Ländern sind die schen oder ideologischen Ebene, verbunden. In dieSozialsysteme unter Druck geraten. Kritiker betrach- sem Prozess wird das Gefühl der Machtlosigkeit und ten sie als ineffizient und zu teuer. Privatisierungen Angst nicht nur bestätigt, sondern sogar verstärkt. und sonstige marktorientierte Ansätze sollen das ProWas die politische Ebene betrifft, werden in manblem lösen. Wo stehen diakonische Einrichtungen in chen Ländern die Zuschüsse für Grundnahrungsmitdieser Diskussion? Als gemeinnützige Organisationen tel reduziert, oftmals auf Druck von internationalen sind sie weder staatlich noch privat in dem Sinne, dass Finanzbehörden. In anderen Ländern wird der Sozialsie gewinnorientiert arbeiten; häufig widersetzen sie staat abgebaut oder ganz abgeschafft. In beiden Fällen sich der Forderung, kosteneffizient arbeiten zu müssen, sind die Ärmsten am schwersten betroffen. Auf der insbesondere, wo dies auf Kosten ihrer grundlegenden ideologischen Ebene wird dies durch den marktorienWerte und der Qualität der Pflege gehen würde. tierten Neoliberalismus erklärt; andere meinen, staatWie verhält sich das spezifische Ethos der Dia- liche Sozialleistungen seien zu teuer und würden letztkonie zu diesen Herausforderungen? Bietet Diakonie lich die Wirtschaft ihres Landes zugrunde richten. einen Mehrwert und besondere Kompetenz? Besteht In vielen Ländern nimmt der private Reichtum das Risiko, dass politischer und finanzieller Druck zu, während öffentliche Einrichtungen verarmen, die Diakonie ihrer Identität berauben? Die Beziehung zwischen der Diakonie und den staatlichen Behörden eines Landes spiegelt häufig die dortige Beziehung zwischen Kirche und Staat wider. Mancherorts bedeutet dies eine enge Zusammenarbeit im Einverständnis darüber, dass die diakonischen Leistungen im Auftrag des Staates erbracht und vollständig von staatlichen Geldern finanziert werden. Anderswo wird ein solches Modell durch gegenseitiges Misstrauen verhindert. Die Frage ist, ob eine Zusammenarbeit zwischen staatlichen Stel-
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4. Spirale der Hoffnungslosigkeit – Spirale der Hoffnung
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worin sich vermutlich ein Trend zur Individualisie- die Identität einer Person aus ihrer Beziehung zu anrung in der postmodernen Gesellschaft widerspiegelt. deren Menschen. Erzbischof Desmond Tutu spricht in Individualisierung ist der Lebensstil des autono- diesem Sinne von einer Person, die ihr Selbstbewusstmen Menschen, der individuelle Chancen ergreift, wo- sein aus dem Wissen bezieht, Teil eines grösseren Ganbei Jede/r für seine/ihre Zukunft allein verantwortlich zen zu sein. So sind alle betroffen, wenn eine/r gedemüist. Aber leider sind nicht alle Menschen in der Lage, tigt, herabgesetzt, gefoltert oder unterdrückt wird. sich auf dieser Grundlage ein gutes Leben aufzubauDiese Identität kann ebenfalls als Spirale interen. Es kann persönliche, wirtschaftliche oder kulturelle pretiert werden, in der Beziehungen dergestalt miteinGründe oder auch eine Kombination davon geben, die ander verbunden sind, dass das Beziehungsnetz immer Menschen daran hindern, ihren Anteil an den soge- weiter ausgreift und weitere Menschen einbindet. Nelnannten allgemeinen Gütern und Rechten zu erlangen. son Mandela erklärte Ubuntu wie folgt: „Ein Reisender Stattdessen werden sie vom Zugang zu diesen Gütern kommt in ein Dorf und muss nicht um Wasser oder Essen und Rechten ausgeschlossen. Die Spirale der Hoff- bitten. Sobald er anhält, geben ihm die Menschen zu essen nungslosigkeit fügt nicht nur ständig neue negative Er- und bewirten ihn. Das ist ein Aspekt von Ubuntu, aber es fahrungen hinzu, indem sie eine Ebene mit der näch- gibt noch andere. Ubuntu bedeutet nicht, dass die Menschen sten verbindet, sondern sie hat auch einen zentrifugalen nicht für ihr eigenes Fortkommen sorgen sollen. Die Frage Effekt in dem Sinn, dass sie die Menschen, die in ihr lautet vielmehr: Tust du dies so, dass die Gemeinschaft um gefangen sind, immer weiter an den Rand drängt. dich herum in die Lage versetzt wird, besser zu werden?“ Marginalisierung muss deshalb als multidimensionale Erfahrung betrachtet werden. Die persönliche Dimension besteht darin, dass die Menschen ihr Selbstwertgefühl verlieren. Sie werden stigmatisiert individuelle soziale und verstummen. Auf der gesellschaftlichen Ebene Dimension Dimension werden Mechanismen zum Ausschluss dieser Menschen etabliert und ideologisch gerechtfertigt. Diese Darstellung der Realität ist natürlich sehr Hoffnung einseitig, und glücklicherweise erfahren die meisten Menschen ihr Leben weit reicher, als es die Spirale der Hoffnungslosigkeit beschreibt. Menschen erfahren politische ideologische Liebe, Güte und Beziehungen, die Grund zur HoffDimension Dimension nung geben und Zukunft eröffnen. Die Erfahrung lehrt uns auch, dass es möglich ist, aus dieser Spirale auszubrechen. Dies kann auf jeder der verschiedenen Ebenen geschehen: der individuellen, gesellschaftlichen, politischen oder ideologischer Ebene. Der Kampf gegen die Apartheid bietet ein wichtiges Beispiel da- Abbildung 1: Die Spirale der Hoffnung für, wie unterschiedliche AkteurInnen verschiedene Ansatzpunkte für ihr Engagement gefunden haben. Konzepte wie Ubuntu können natürlich auf eine roAls Menschen leben wir alle unser Leben als Ein- mantisierende Art verwendet werden, die eine Tradizelperson und als Teil einer Gemeinschaft – als Familienmitglied, NachbarIn, KollegIn, FreundIn, BürgerIn. http://en.wikipedia.org/wiki/Ubuntu_(philosophy) Das bekannte afrikanische Konzept Ubuntu definiert (in englischer Sprache), abgerufen am 07.07.2010.
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tion idealisiert und dabei die raue soziale Wirklichkeit Widersprüche innerhalb jeder Dimension, die das und die konkret erfahrene Zersplitterung der südafri- Engagement für ein besseres Leben schwieriger makanischen Gesellschaft ignoriert. Eine der Stärken chen als man zunächst annehmen könnte. des Konzepts ist, dass es das Füreinander-Dasein in Für Reisende war schon immer eine Strassenganzheitlicher Weise beschreibt. Es verweist auf die karte wichtig. Auch Hoffnung benötigt eine StrasBedeutung und die Verheissung des Verbundenseins senkarte. Die wirkliche Frage lautet, ob Hoffnung mit Anderen, das beständig die Hoffnung nährt. Die als tiefes Sehnen jedes Menschen danach, dass etwas folgende schematische Darstellung einer Spirale der Besseres geschehen möge, in unserem Geschöpfsein Hoffnung will diesen Ansatz illustrieren. angelegt ist. Hoffnung ist nicht nur eine immanente Ausgangspunkt ist hier das Verständnis, dass Dimension des Seins. Wir alle erfahren, dass Hoffdie menschliche Würde in unterschiedlichen Di- nungen sich verwirklichen, wie es in zahlreichen Gemensionen und deren Beziehungen zueinander zum schichten bezeugt wird: ein Familienmitglied erholt Ausdruck kommt und gestärkt wird. Dadurch wird sich von einer schweren Krankheit, ein die GemeinGemeinschaft geschaffen und werden die Werte der schaft betreffendes Problem wird durch gemeinsaGemeinschaft erfahren. mes Handeln gelöst, unterdrückte Menschen erlanDie politische Dimension bezieht sich darauf, dass gen Freiheit. In solchen Fällen wird eine Spirale der das politische Leben BürgerInnen braucht, die ihre Hoffnung wirksam, die der umfassenden Realität in Hoffnung und Vision für die Zukunft zum Ausdruck ihrer politischen, ideologischen und sozialen Dimenbringen. Die Vielfalt sozialer Bewegungen, die die sion neue Kraftquellen erschliesst. Zivilgesellschaft bilden, mit ihrer Macht, DemokraIm Jahr 2003 begann die Äthiopische Evangelische Kirche Mekane tie und partizipatorische Politikprozesse von unten Yesus (ÄEKMY) ein Projekt für AIDS-Waisen. Die meisten der zu stärken, ist ein Beispiel hierfür. betroffenen Kinder hatten, ohne jegliche Versorgung, jahrelang alleine gelebt und hatten keinerlei Hoffnung für ihre Zukunft. Die Kirche Dies führt uns zur ideologischen Dimension, die arbeitete zusammen mit den lokalen Verantwortlichen, um die Kinder definiert, was wahr, gut und richtig ist, und in der zu finden, die die Hilfe des Projekts am dringendsten benötigten. Das die Menschen, ihren Werten und ihrer Weltsicht Ziel war nicht nur, ihnen Nahrung und ein Dach über dem Kopf zu entsprechend, ihre Pläne zur Förderung von Solibieten, sondern sie in neue Familien zu integrieren. In allen Fällen fanden darität, Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der diese Kinder eine Familie in ihrer früheren Nachbarschaft. Die Familien Schöpfung verfolgen. erhielten finanzielle Unterstützung, um Nahrungsmittel, Betten, Decken In der sozialen Dimension zeigt sich, ob jede und die nötige Schulausrüstung zu bezahlen. Regelmässige Besuche von KirchenmitarbeiterInnen garantierten medizinische Versorgung und Person nach ihrer Identität und ihrem Engagement Ausbildung. Nach drei Jahren wurden diese Kinder gefragt, was die grösste Raum zur Teilhabe erhält oder nicht. Wenn es dafür Veränderung war, die ihnen das Projekt gebracht hatte. Alle gaben dieselbe keinen Raum gibt, kann die Ideologie totalitär werAntwort: Wir haben jetzt einen Ort zum Schlafen, zum Essen, um in den, was dann der Fall ist, wenn nur eine Wahrheit die Schule zu gehen, und wir haben neue Eltern und Geschwister, mit erlaubt ist oder nur ein Verständnis von Hoffnung denen wir zusammenleben. Die beste Veränderung ist die, dass wir vorher Ausdruck findet. Der soziale Raum verfügt über das kein Zuhause hatten und alleingelassen waren, jetzt aber zu einer Familie Potenzial, Mechanismen der Integration und Bevollgehören. Das gibt uns Hoffnung für unsere Zukunft. mächtigung zur Teilhabe zu schaffen und klar zu machen, dass menschliche Unterschiede ein PotenDiakonie hat die Aufgabe, sich der Spirale der zial und nicht etwa ein Problem darstellen. Hoffnungslosigkeit entgegenzustellen und zu versuDie vielfältigen Dimensionen unserer Realität chen, durch ihr Handeln die Spirale der Hoffnung zu gestalten sich natürlich noch weit komplexer als wir stärken. Mit Verwandlung, Versöhnung und Bevolles hier darstellen können. Es bestehen ausserdem mächtigung im Blick ergreift Diakonie die Initiati-
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ve und schafft Weggemeinschaft, wenn Menschen Schritt für Schritt vorwärts gehen.
5. Existenzielle, nicht kontextgebundene Herausforderungen Es darf nicht ausser Acht gelassen werden, dass einige grundlegende Dimensionen des menschlichen Lebens konstant und unabhängig vom jeweiligen Kontext sind. Sie halten existentielle Probleme bereit, die immer Anlass zu diakonischem Handeln bieten werden: dass nämlich Krankheit, Schmerz und Leid zu unser aller Leben gehören und wir als sterbliche Wesen dem Tod nicht entrinnen können. Aus dieser Perspektive wird deutlich, dass Diakonie in allen menschlichen Situationen sowohl Aufgabe als auch Chance ist. Darüber hinaus erfahren wir alle die zerstörerische Kraft des Bösen in uns und um uns herum, die Beziehungen beschädigt und zerstört und uns von der Wahrnehmung unserer Verantwortung abhält. Manchmal handeln wir entgegen unseren tiefsten Überzeugungen und sind nicht in der Lage, das zu tun, was von uns erwartet wird. Gute Absichten können auch negative Wirkung entfalten. Vom theo-
logischen Standpunkt betrachtet bezieht sich dies auf das Konzept der Erbsünde, also die Einsicht, dass alle Menschen ihrem Wesen nach der Sünde nicht entrinnen können. Das macht uns alle zu Opfern des Bösen, aber es macht uns gleichzeitig auch mitverantwortlich für das Böse in der Welt. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit. In Christus sind wir „eine neue Kreatur“ (2.Kor 5,17), nicht länger der Macht der Sünde unterworfen. Deshalb will Diakonie dem Bösen auf allen Ebenen widerstehen, auch auf sozialer und politischer Ebene. Das Böse muss benannt und angeprangert werden. Diakonie verkündet mutig alternative Wege, in Glaube, Liebe und Hoffnung Mensch zu sein. Natürlich beeinflusst der Kontext die Art und Weise, wie wir diesen existenziellen Herausforderungen begegnen. In der Spirale der Hoffnungslosigkeit wird Schmerz oft weiterer Schmerz hinzugefügt. Dies kann in wohlhabenden wie auch in extrem armen Gebieten der Fall sein. Gleichermassen kann Leid gelindert werden, wenn eine Spirale der Hoffnung Raum schafft für Fürsorge, Solidarität und das Engagement für Gerechtigkeit und für die Liebe in Christus, von der wir wissen, sie „hört niemals auf “ und „sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles“ (1.Kor 13,7-8).
Fragen zur Reflexion 1. Welches sind die dringendsten gesellschaftlichen Problemfelder, die ein diakonisches Handeln Ihrer Kirche erforderlich machen? Sind sie auf lokaler, regionaler oder globaler Ebene angesiedelt? 2. Wie wird in ihrer Kirche Diakonie verwirklicht? Wie begegnet Ihre Arbeit den in der vorigen Frage genannten Problemen? 3. Ist die „Spirale der Hoffnung“ (S. 20) für Ihren Kontext relevant? Wie würden Sie mit ihrer Hilfe die Situation beschreiben, in der Sie leben?
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Teil II: Identit채t der Diakonie
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Teil II: Identität der Diakonie
Psalm 19 spricht sogar von einer kosmischen Feier zu Ehren Gottes des Schöpfers: „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und die Feste verkündigt seiner Hände Werk. Ein Tag sagt’s dem andern, und eine Nacht tut’s kund der andern, ohne Sprache und ohne Worte; unhörbar ist ihre Stimme. Ihr Schall geht aus in alle Lande und ihr Reden bis an die Enden der Welt.“ Auf ähnliche Weise preist der Autor von Psalm 8 den Schöpfer: „Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen!“ Er fährt fort mit einem Hinweis auf die unerwartete Rolle und Würde der Menschen: „Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, ChristInnen bekennen sich zum Glauben an den die du bereitet hast: Was ist der Mensch, dass du seiner dreieinigen Gott. Dieser Glaube macht die Identität gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner der Kirche und somit auch der Diakonie aus. annimmst? Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.“ Der Glaube an Gott, den Schöpfer bekennt: „Die Ein solcher Glaube widerspricht einer Weltsicht, Erde ist des Herrn und was darinnen ist, der Erdkreis die die Schöpfung zum rein materiellen Objekt reduund die darauf wohnen.“ (Ps 24,1) Der Glaube an den ziert, das Menschen nach Belieben konsumieren und Schöpfer beinhaltet Staunen, Lobpreis und die Aner- sogar verschwenden können. Das Materielle ist niemals kennung der Würde und des hohen Wertes der Schöp- nur Objekt, sondern ist Ausdruck von Gottes Güte, von fung. Diese Haltung stimmt mit dem Fazit des Schöp- Gottes unendlicher Liebe berührt. Gottes gute Schöpfers selbst, wie er es am Ende jedes Schöpfungstages fung kann nicht auf ein Konsumobjekt reduziert wertrifft, überein: „Und Gott sah an alles, was er gemacht den, sondern verdient Achtung und Bewahrung. Alle hatte, und siehe, es war sehr gut.“ (1.Mose 1,31) Geschöpfe gehören zusammen und sind Teil eines
1. Unser Glaube an den dreieinigen Gott
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Ökosystems der Beziehungen und des wechselseitigen Aufeinanderverwiesenseins. Besonders in Zeiten einer dramatischen Umweltkrise muss diese umfassende Perspektive höchste Priorität erhalten. Die Würde der Menschen wurzelt letztlich darin, dass sie nach dem Bild Gottes erschaffen sind. Allerdings impliziert dies keinen Anthropozentrismus, nach dem alle anderen Geschöpfe allein deswegen existieren, um der Menschheit zu dienen. Im Gegenteil: Gott hat den Menschen eine besondere Verantwortung als VerwalterInnen seiner Schöpfung übertragen. Diakonisches Handeln bekräftigt diese Berufung und will Möglichkeiten zur Partnerschaft in Gottes Mission schaffen. Dieses Handeln bekennt Gottes fortdauernde Gegenwart in unserer Welt als ihr Schöpfer – jeden Tag und in jeder Situation. Es stimmt ein in das kosmische Zeugnis von der Herrlichkeit des Dreieinigen. Dieses Konzept der fortdauernden Schöpfung kommt in Luthers Kleinem Katechismus (zweites Hauptstück, erster Artikel) zum Ausdruck: „Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle
Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch
erhält; dazu Kleider und Schuh, Essen und Trinken,
Haus und Hof, Weib und Kind, Acker, Vieh und alle
Güter; mit aller Notdurft (allem Notwendigen) und Nahrung dieses Leibes und Lebens mich reichlich und täglich
versorgt, wider alle Fährlichkeit (Gefahren) beschirmt und vor allem Übel behütet und bewahrt; und das alles
aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit, ohn all mein Verdienst und Würdigkeit: für all das ich
ihm zu danken und zu loben und dafür zu dienen und
gehorsam zu sein schuldig bin. Das ist gewisslich wahr.“
Diese Weltsicht motiviert ChristInnen zu unterschiedlichstem diakonischem Engagement. Sie motiviert sie auch, mit allen Menschen guten Willens zusammenzuarbeiten und anzuerkennen, dass jeder Mensch Ebenbild Gottes ist und somit den Auftrag erhalten hat, mitzuwirken an Gottes anhaltender Liebe und Fürsorge für die gesamte Schöpfung.
Trotzdem erkennt der christliche Glaube an, dass böse Mächte, Unrecht und Tod täglich versuchen, Leben zu zerstören – sowohl ausserhalb als auch innerhalb der Kirche – und dass es Situationen gibt, wo diese Mächte zu siegen scheinen. Aber selbst dann hat die Hoffnung Bestand, weil die Bibel uns lehrt, dass Gott der Gott des Lebens ist, der, besonders den Armen und Ausgeschlossenen, Zukunft und Hoffnung gibt. (Röm 4,18: „Hoffnung, wo nichts zu hoffen war“ und Hebr 11,1: „Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“) Dieser Glaube motiviert die Diakonie, dem Bösen zu widerstehen, für Gerechtigkeit einzutreten, sich für Menschen in Not und gemeinsam mit ihnen zu engagieren und mutig zu handeln, zum Zeichen für Verwandlung und Hoffnung. Der Glaube an Jesus Christus bekennt ihn als den Mensch gewordenen Gott, der nicht kam, „dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.“ (Mk 10,45) Jesus bezieht sich hier mit dem Wort „dienen“ (griechisch: diakonein) auf seine messianische Mission, und zwar auf eine Art und Weise, die deutlich macht, dass Verkündigung und Diakonie integrale Bestandteile seines Kommens sind, im Sinne des anbrechenden Gottesreiches. Von Anfang an betont Jesus in seiner Verkündigung das umfassende Wesen seiner Mission. Seine diakonia umfasst verschiedene Dimensionen. Sie ist Akt „Gott liebt alle Menschen. Weil Gott uns zuerst liebte, sind auch wir in der Lage zu lieben und die Würde eines jeden Menschen zu respektieren. Diakonisches Denken und Handeln konzentriert sich insbesondere auf diejenigen, deren Würde verletzt wurde. Dies setzt eine spirituelle Grundlage voraus, die in Gottes Handeln und im Dienst von Christus wurzel[t]. Daher hat die Kirche die Aufgabe, der ganzen Menschheit Zeugnis von der Liebe Gottes zu dieser Welt durch Jesus Christus zu geben. Diakonische Arbeit ist eine Art, dies zu bezeugen.“ Quelle: Diakonie-Charta des Europäischen Verbandes für Diakonie
– EURODIACONIA, 2000 (zitiert nach: „Sein und Handeln. Diakonie und die Kirchen. Bericht der theol. Arbeitsgruppe von Eurodiaconia“, www.eurodiaconia.org/
files/Publications/Sein%20und%20Handeln%20endg.pdf, abgerufen am 22.06.2010)
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der Befreiung und Versöhnung, der Heilung und der men einer neuen Epoche in der Menschheitsgeschichte Würdigung aller, die sind „wie Schafe, die keinen Hirten an und demonstriert Jesu diakonische Vollmacht, durch haben“ (Mt 9,36), und sie ergreift insbesondere Partei für die der integrative Charakter der neuen Gemeinschaft die Leidenden, die Unterdrückten und die Ausgegrenz- von JüngerInnen verkündigt wird (Joh 1,12). ten. Jesu diakonia bekräftigt und verteidigt die Würde des Menschen. Beziehungen werden aufgebaut und ge- Der Glaube an den Heiligen Geist bittet den lebensstärkt – Beziehungen, die selbst in Zeiten des Leidens spendenden Atem Gottes, in seiner Gnade den Glauund des Todes Bestand haben. So bezeugt Diakonie in ben zu wecken und zur Teilhabe an Leben und Mission prophetischer Weise die Werte des Gottesreiches. der Gemeinschaft der Gläubigen zu bevollmächtigen. All dies zeigt uns eine weitere Dimension der dia- Die Erzählung vom Kommen des Heiligen Geistes in konia Jesu: seine Vollmacht, Menschen, sogar Sünde- Apostelgeschichte 2 illustriert dies und beschreibt, wie rInnen, in die von ihm begründete messianische Ge- die ehemals furchtsamen JüngerInnen durch den Heimeinschaft einzuladen und sie zu bevollmächtigen, an ligen Geist verwandelt und für die ihnen übertragene seiner Mission mitzuwirken. Im unmittelbaren Zusam- Mission bevollmächtigt werden. menhang mit der Einsetzung des Abendmahls nimmt Am Pfingsttag kündigt der Apostel Petrus das er hierauf Bezug: „Ich aber bin unter euch wie ein Diener.“ Kommen des Heiligen Geistes als Erfüllung der Ver(Lk 22,27) Jesu diakonia begründet also nicht nur Ge- heissung des Propheten Joel an: „eure Söhne und eure meinschaft, sondern qualifiziert auch diejenigen, die an Töchter sollen weissagen... und auf meine Knechte und ihr teilhaben. Sie ist Manifestation der Gnade Gottes, auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem die versöhnt, verwandelt und bevollmächtigt. Das ist Geist ausgiessen, und sie sollen weissagen“ (Apg 2,17-18). auch die zentrale Botschaft, wenn berichtet wird, wie Der ausdrückliche Verweis auf junge Menschen, FrauJesus den Jüngern die Füsse wäscht (Joh 13). Auch wenn en und sogar Knechte und Mägde hebt hervor, dass das das Wort diakonia an dieser Stelle nicht auftaucht, be- Wirken des Geistes allen gilt, und widerspricht damit schreibt es doch seinen Dienst als mächtiges Handeln in dem, was oftmals als natürliche Hierarchie betrachtet dem Sinn, dass die Jünger an ihm „Teil haben“ (Joh 13,8). wird. Dies stimmt damit überein, dass Jesus wiederholt Somit ist die Fusswaschung nicht in erster Linie ethi- die soziale Ordnung seiner Zeit auf den Kopf stellt und sche Geste der Demut, sondern sie kündigt das Kom- den Menschen seine Stimme verleiht, von denen erwartet wird, dass sie sich still verhalten. Der Heilige Geist macht die Integration bzw. Inklusion zu einem grundlegenden Wert im Leben der Kirche und in der diakonischen Arbeit. Die Taufe ist ein heiliger Ort im Leben der Kirche, an dem diese Inklusion auf radikale Weise verkündet wird, wenn selbst kleine Kinder in die Gemeinschaft der Gläubigen aufgenommen werden. Gleichzeitig ist die Taufe der Moment der Bevollmächtigung durch den Heiligen Geist zur Teilhabe an Gottes Mission. Nach einer alten Tradition der Kirche erhalten die Getauften eine entzündete Kerze, die den Täufling und alle Getauften an die Worte Jesu erinnern soll: „Ihr seid das Licht der Welt [...] So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“ (Mt 5,14a.16). © LWB/E.-S. Vogel-Mfato
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In der Lehre des Paulus bezieht sich dies auf Dies ist in der Tat eine solide Grundlage, um mit die Gaben (charisma) des Geistes: „Es sind verschiede- eingeschlossen und zur Teilhabe an Gottes Mission ne Gaben; aber es ist ein Geist. Und es sind verschiede- bevollmächtigt zu werden. ne Ämter; aber es ist ein Herr.“ (1.Kor 12,4-5) Solche Die Kirche ist eine Gemeinde von Personen, die in Wort und Gaben befähigen die/den Einzelne/n zum Dienst, Geist Christi zu einem Leib versammelt sind, der aus verschiedenen Gliedern besteht, jedes mit einem Amt und einer Aufgabe zum Wohl des und sie befähigen die Gemeinschaft als Ganzes dazu, gesamten Leibs und aller seiner Glieder. den Leib Christi zu verkörpern. Mit dem Bild vom Leib, der aus verschiedenen Gliedern besteht, wird Martin Bucer, 1538 (Rückübersetzung aus dem Englischen) der Wert einer Vielfalt der Gaben illustriert. Paulus warnt davor, einige Gaben höher zu schätzen als andere, und erinnert daran, dass im Leib auch die kleinsten Glieder wichtig und unverzichtbar sind. In der lutherischen Tradition hat diese Lehre von der Gleichwertigkeit aller Gaben das Konzept des „Prie- Von Anfang an stand die christliche Gemeinschaft in stertums aller Gläubigen“ hervorgebracht. Man könnte der Pflicht, die Kontinuität der diakonischen Mission auch von der „Diakonie aller Gläubigen“ sprechen, zu Jesu zu gewährleisten. Die Erinnerung an seine Lehre der alle Getauften berufen und zugerüstet sind -unab- wirkte sich mit Sicherheit auf ihre Werte und ihre Lehängig von ihrem Status oder ihrem gesellschaftlichen bensart aus: „Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr Stand. Die grundlegende Bedingung für diese Realität tut, wie ich euch getan habe“ (Joh 13,15) und „Wie mich ist die Ausgiessung des Heiligen Geistes und die Gabe der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ (Joh 20,21) der Gemeinschaft mit Christus. Denn die Taufe lässt So wurde die Diakonie zu einem Grundkonzept uns an Christi Tod und Auferstehung teilhaben, „damit im Leben der christlichen Gemeinden im gesamten röauch wir in einem neuen Leben wandeln“ (Röm 6,4) In mischen Reich. Mit dem Begriff diakonia wurden auch Christus, dem Licht der Welt, werden seine JüngerIn- Leitungsfunktionen in der Kirche bezeichnet (bspw. nen verwandelt, selbst Licht der Welt zu sein. Röm 11,13; 2.Kor 4,1 und Kol 4,17). Die Erzählung Dies spiegelt sich in Luthers Erklärung zum von der Einsetzung der sieben neuen Armenpfleger in Heiligen Geistes im Kleinen Katechismus (zweites der Jerusalemer Gemeinde (Apg 6) zeigt, wie die VerHauptstück, dritter Artikel) wider: nachlässigung der griechischen Witwen das integrative Wesen der Kirche auf die Probe stellte. Nicht nur die „Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Würde der bei der täglichen Diakonie Übersehenen Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder stand auf dem Spiel, sondern auch das diakonische Wezu ihm kommen kann; sondern der Heilige Geist sen der Gemeinschaft selbst. Dies zu ignorieren hätte hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen bedeutet, auch die verheerende Macht der Sünde und Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und ihr Potenzial zur Zerstörung dessen zu ignorieren, was erhalten; gleichwie er die ganze Christenheit auf Er- Gott in Christus versöhnt hat. Die Einsetzung der Sieden beruft, sammelt, erleuchtet, heiligt und bei Jesus ben, die allesamt griechische Namen haben und somit Christus erhält im rechten, einigen Glauben; in wel- vermutlich dem kulturellen und gesellschaftlichen Umcher Christenheit er mir und allen Gläubigen täglich feld der Witwen entstammten, bedeutete nicht nur die alle Sünden reichlich vergibt und am Jüngsten Tag Lösung eines praktischen Problems und die Verbessemich und alle Toten auferwecken wird und mir samt rung der Abläufe. Sie war auch eine Massnahme zur allen Gläubigen in Christus ein ewiges Leben geben Sicherung des grundlegenden Selbstverständnisses der wird. Das ist gewisslich war.“ Kirche zum Wohl der gesamten Gemeinschaft und
2. Diakonie als Wesensmerkmal der Kirche
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erklärenden Worte bedurfte. Aber noch wahrscheinlicher ist, dass hier ein grundlegendes Diakonieverständnis zum Tragen kommt, das sich auf theologische und ekklesiologische Prinzipien gründet und nicht primär auf spezifische menschliche Notlagen. Für Paulus ist die Diakonie ein Ausdruck der koinonia, der neuen Gemeinschaft des Gottesvolkes in Jesus Christus. Interessanterweise spricht Paulus gar von der „koinonia der diakonia“ (2.Kor 8,4). Die christlichen Gemeinden in Korinth, Mazedonien, Jerusalem und an anderen Orten sind gleichermassen zur Diakonie wie durch sie vereint, zuallererst durch die diakonische Mission Jesu: „Denn ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus: obwohl er reich ist, wurde er doch arm um euretwillen, damit ihr durch seine Armut reich würdet.“ (2.Kor 8,9) Ein Schlüsselwort in diesem Zusammenhang lautet Gnade. Die Art, wie Paulus es verwendet, lässt uns erkennen, dass Gnade mehr ist als eine Haltung, sie tritt zutage als aktives Eingreifen, wie es uns im Mensch gewordenen Jesus und seinem Heilshandeln offenbart wurde. Gemeinschaft wird geschaffen und erhalten durch Gottes Gnade, die sich als Werk der Liebe offenbart. In Christus zu sein bedeutet, in seiner Gnade zu sein und an seinem fortdauernden Werk der Liebe teilzuhaben. Die diakonische Praxis, ihre integrative Natur und das Miteinanderteilen von Ressourcen implizieren natürlich auch ethische Anforderungen, aber ihre Grundlage ist die Erfahrung der Gnade Gottes und das Geschenk, zu der durch sie geschaffenen Gemeinschaft zu gehören. Während uns dies das Gefühl vermitteln mag, Diakonie sei etwas ausschliesslich Spirituelles und habe mit dem konkreten Leben wenig zu tun, zeigt uns der letzte Abschnitt von 2.Kor 8, wie praktisch sich Diakonie gestalten muss. Paulus wirft Fragen bezüglich der Organisation und Rechenschaftspflicht im Zusammenhang mit dem gesammelten Geld auf und verweist damit auf die Bedeutung von Verantwortung und Transparenz in der Diakonie. Aber selbst hier finden wir Bezüge auf die Gemeinschaft. Ehrlichkeit ist eine Frage der Beziehungen, sowohl zu Gott als auch zu anderen Menschen. Unehrlichkeit würde bedeuten, die Gemeinschaft zu brechen. Es ist auch wichtig, dass Titus, dem eine entscheidende
zum öffentlichen Zeugnis. Die sieben Männer waren alle „voll heiligen Geistes“ – eine Erinnerung, dass der Heilige Geist, der der Kirche Leben spendet, auch die Segenskraft für ihr diakonisches Wesen ist. Der Text schliesst: „Und das Wort Gottes breitete sich aus und die Zahl der Jünger wurde sehr gross in Jerusalem.“ (Apg 6,7) Somit ist die Diakonie auf Ethos und Strukturen der Gemeinde bezogen. Mit anderen Worten ist sie sowohl Ausdruck des Wesens der Kirche als auch ihrer täglichen Aktivitäten, Pläne und Projekte. Deswegen ist es nur natürlich, bestimmte konkrete Handlungen als Diakonie zu bezeichnen. Ein schon erwähntes Beispiel ist die tägliche Verteilung von Nahrungsmitteln und anderen benötigten Dingen (Apg 6). Ein weiteres Beispiel ist die Geldsammlung, die Paulus und seine Mitarbeiter für die arme Gemeinde in Jerusalem organisieren. Auf diese Initiative wird im Neuen Testament mehrfach verwiesen, gesprochen wird einfach von „der diakonia“. Der ausführlichste Kommentar findet sich in 2.Kor 8 und 9. Die Art, wie Paulus die Gemeinde in Korinth ermahnt, sich an der Sammlung zu beteiligen, ist auch heute noch interessant und lehrreich für die Konzeption einer Theologie der Diakonie. Zunächst einmal sollte beachtet werden, dass Paulus sich nicht explizit auf die Armut der Jerusalemer Gemeinde bezieht. Es könnte sein, dass ihre Situation bereits allgemein bekannt war und keiner
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Rolle bei der Organisation der Diakonie übertragen ist, würden. Diakonie kann nicht von dem getrennt werals „Mitarbeiter“ (koinonos, 2.Kor 8,23) bezeichnet wird, den, was die Kirche verkündet und feiert. Es besteht wodurch Partnerschaft und die Verpflichtung auf das keine Hierarchie zwischen diesen Dimensionen, sie Wohl der Gemeinschaft ausgedrückt wird. sind alle gleichermassen Ausdruck der Gemeinschaft. In 2.Kor 9 kommt als weitere Dimension deren Zudem wird deutlich, dass sich auch Verkündisehr enge Verbindung zur Liturgie der Kirche zur gung und Feier der Kirche auf die Diakonie gründen Theologie der Diakonie hinzu: Diakonie erwächst aus müssen. Ist dies nicht der Fall, kann Verkündigung als dem Gottesdienst und dient dazu, Gott für seine un- Proselytismus und Feier als Spiritualismus erscheinen. aussprechliche Gabe zu danken (2.Kor 9,15). Diako- Alle drei Dimensionen sind aufeinander ausgerichtet nie ist Antwort auf konkrete Situationen des Leidens, und stimulieren sich gegenseitig. Fehlt eine Dimensider Not und der Ungerechtigkeit, sie ist Erfüllung on, können sich Leben und Mission der Gemeinschaft des Gebotes der Liebe und darin immer Ausdruck nicht voll entfalten, sie gleicht einem Leib, der leidet, dessen, woran die Kirche glaubt und was sie bekennt: weil ein lebensnotwendiges Glied amputiert wurde. die Gnade Gottes – zur Heilung der Welt. Diakonie ist der Fürsorgedienst der Kirche. Sie ist das Evangelium Somit ist die Diakonie immanentes Element in Aktion und wird dadurch verwirklicht, dass wir unsere Nächsten des Wesens der Kirche und kann nicht darauf redulieben, integrative Gemeinschaften schaffen, die Schöpfung bewahren und uns für Gerechtigkeit einsetzen. ziert werden, nur Aktivität bestimmter engagierter Personen oder notwendige Reaktion auf äussere soDefinition von Diakonie, Diakonieplan der Norwegischen Kirche ziale Gegebenheiten zu sein. Sie bezieht sich zutiefst auf das, was die Kirche in ihrer Liturgie feiert und in ihrer Verkündigung predigt. Auf gleiche Weise beDer Schlüssel zur diakonischen Identität liegt darziehen sich Liturgie und Verkündigung auf die Dia- in, dass ihre vertikale und horizontale Dimension unkonie. Die Gemeinschaft (koinonia) der Kirche wird trennbar verbunden sind. Ohne die vertikale Dimension in ihren drei wichtigsten Ausprägungen sichtbar. verliert Diakonie ihre spirituelle Weltsicht und ihre Einbettung in Verkündigung und Feier der Kirche. Sie läuft Feier Gefahr, auf die reine Sozialarbeit reduziert zu werden, (leiturgia) die von säkularen Interessen und Zielen bestimmt ist. Die horizontale Dimension der Diakonie ist ebenso wichtig. Ohne sie wäre die Diakonie ihrer Wurzeln im wirklichen Leben beraubt und könnte nicht länGemeinschaft (koinonia) ger auf die Probleme der Gesellschaft reagieren. Wo dies geschieht, verlagert sich Diakonie zu sehr auf die Dienst Verkündigung spirituelle Ebene und ist zu stark eingeschränkt durch (diakonia) (kerygma) ihren theologischen und ekklesiologischen Rahmen. Deshalb muss sich Diakonie dialektisch verhalten und für die Synthese ihrer vertikalen und horiAbbildung 2: Die Dimensionen des Kircheseins zontalen Dimension sorgen. Dies bedeutet, dass sie interdisziplinär betrachtet werden muss, unter BeDieses Schema soll verdeutlichen, wie die drei Dimen- rücksichtigung sowohl theologischer als auch soziosionen Feier, Verkündigung und Dienst sich aufeinan- logischer Aspekte. der beziehen und ineinander wurzeln, also ohne die Eine solche Wechselbeziehung impliziert jedoch jeweils anderen beiden Bestandteile nicht existieren nicht, dass beide Dimensionen unkritisch vermischt
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werden sollten. In Teil III dieses Dokumentes geht es Leid verursachen und der Menschenwürde Schaden um die wichtige Frage, wie sich Diakonie auf die Ver- zufügen, und sich für eine menschlichere und gerechkündigung bezieht. Ein zentraler Aspekt dieser Frage ist tere Gesellschaft einsetzen. Häufig hatten und haben die Unterscheidung der beiden Dimensionen, ohne sie MitarbeiterInnen der Diakonie eine Pionierrolle inne zu trennen oder zu vermischen. Eine gute diakonische in dem Streben, die Kirche zu einer Kirche für Andere, Praxis orientiert sich an ihrer christlichen Identität und zu einer dienenden Gemeinschaft und – noch wichtidem Glauben an einen gnädigen Gott. Die biblische ger – zu einer Kirche zu machen, die an der Seite der Sicht auf die Menschenwürde wird nicht respektiert, Armen steht, ja Kirche der Armen ist. wenn Diakonie als Instrument zur Verbreitung religiDiese drei Dimensionen des Kircheseins impliöser oder moralischer Lehren eingesetzt wird. Dies gilt zieren eine alternative Weltsicht, die sich auf Werte insbesondere dort, wo Menschen auf Hilfe angewiesen wie Gleichheit und Gegenseitigkeit in menschlichen und dadurch besonders verletzbar sind. Weil die Gna- Beziehungen gründet. Inwieweit die Kirche für alle de Gottes ein Geschenk ist, muss Diakonie grosszügig Menschen offen ist, wird zum Prüfstein dafür, dass und bedingungslos geschehen. Nur dann spiegelt und ihre von der Gnade Gottes geprägte Identität in ihbezeugt sie Gottes „unaussprechliche Gabe“ (2.Kor 9,15). rem Leben Verwirklichung findet. In dieser Rolle Wenn wir die Kirche in ihren drei Dimensio- kann die Diakonie die Kirche herausfordern, nicht nen Feier, Verkündigung und Dienst verstehen, wird den Status quo zu akzeptieren, sondern menschlizudem deutlich, dass Diakonie nicht stumm bleiben chen Machtstrukturen sowohl in der Gesellschaft als kann, sondern öffentlich die Stimme erheben muss. auch in der Kirche selbst entgegenzutreten. Als Handeln aus dem Glauben wird sie immer über Insbesondere seien hier Leitungsmodelle und ihre Motivation Rechenschaft geben und Gottes Lie- -praxis genannt. Jegliche Führung impliziert die Ausbe, die Glauben und Hoffnung hervorbringt, bezeu- übung von Autorität und die Anwendung von Macht. gen. Auf dieselbe Weise muss Diakonie ihrem prophe- Allerdings besteht ein wichtiger Unterschied je nachtischen Auftrag gerecht werden, sich gegen sündhafte dem, ob Macht über Menschen oder für Menschen Verhaltensweisen und Strukturen aussprechen, die ausgeübt wird. Jesus übte seine messianische Autorität (griechisch: exousia) als Macht zugunsten der Kranken und Unterdrückten, zur Integration der Kranken und Ausgeschlossenen in die Gesellschaft, ja mehr noch, in die Gemeinschaft seines kommenden Reiches aus und bevollmächtigte sie zur Teilhabe an seiner Mission in dieser Welt. Diese Autorität für die Menschen, zur Verteidigung ihrer Würde und zugunsten von Verwandlung, Versöhnung und Bevollmächtigung ist die Art von Macht, die Jesus den Aposteln in ihrer Leitungsfunktion auszuüben empfahl (Mk 10,42-45; Joh 13,15 und 20,21). © LWB/D. Lorenz
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Sie ist keine Macht über Menschen, wie es so häufig in der Welt der Fall ist, wo die Mächtigen ihre Autorität benutzen, um die Menschen niederzuhalten und sie zum Schweigen zu bringen, um sich auf ihre Kosten uneingeschränkte Handlungsfreiheit zu sichern. Ein weiterer Bereich ist die Gender-Thematik. Der Zugang, den Frauen zu Führungspositionen und Entscheidungsverantwortung haben (oder nicht haben), macht deutlich, wie die Kirchen Inklusion als grundlegenden Wert im Leben der Kirche praktizieren. Vor diesem Hintergrund ist die Frauenordination zunächst theologisch begründet als sichtbarer Ausdruck der Würde aller Angehörigen des Gottesvolkes und ihrer Berufung, in vollem Umfang an Gottes Mission teilzuhaben. Dasselbe gilt für jüngere wie auch ältere Menschen. Wenn Jugendliche und junge Erwachsene ermutigt werden, sich aktiv einzubringen und Leitungsverantwortung zu übernehmen, dient das nicht nur der Jugend, sondern auch dem Wohl der gesamten Gemeinschaft, die ihre Perspektiven und ihr Engagement benötigt. Auf die gleiche Weise geht der Beitrag älterer Menschen verloren, wenn ihre Erfahrungen und ihre Weisheit nicht geschätzt werden. Das Geheimnis einer integrativ und partizipatorisch strukturierten Gemeinschaft besteht darin, dass alle Beteiligten von einer solchen Ausrichtung profitieren. Das theologische Verständnis von Gemeinschaft bekräftigt diese Sichtweise, insoweit es die Gemeinschaft selbst als Gabe Gottes erkennt und um die Tatsache weiss, dass wir diese Gabe erst dann in vollem Umfang erfahren, wenn wir uns als unterschiedliche Glieder des einen Leibes gegenseitig anerkennen und die uns geschenkten Gaben miteinander teilen.
Dienst. In der orthodoxen Tradition wird Diakonie bisweilen als „Liturgie nach der Liturgie“ bezeichnet. Dies ist ein Hinweis auf das Geheimnis der Verwandlung, das wir am Abendmahlstisch erleben und das die Teilnehmenden zu AkteurInnen der Verwandlung, Bevollmächtigung und Versöhnung macht, wenn sie nach dem Mahl in ihr alltägliches Leben zurückkehren. Die Feier des Abendmahls verkündet Gottes bedingungslose Liebe in Christus und das integrative Wesen seiner diakonia. Wir alle treten mit leeren Händen zum Tisch und in dem Wissen, dass wir nur durch Gottes Gnade in Christus Zugang zur Tischgemeinschaft haben. Wir werden dadurch, dass Christus selbst der Gastgeber des Abendmahls ist, für unsere Teilhabe an Gottes diakonia in der Welt ermutigt und motiviert. Dieses Verständnis hinterDas Abendmahl bietet einen weiteren wichtigen Raum fragt die Praxis mancher Kirchen, nur einige wenige im Leben der Kirche, wo Menschen in die Gemeinschaft Male im Jahr das Abendmahl zu feiern. integriert und zum Dienst bevollmächtigt werden. InEs kommt auch vor, dass Kirchen das Sakradem er uns zum Mahl an seinen Tisch lädt, dient uns der ment in einer Art und Weise verwalten, die GemeinHerr und stärkt uns damit auch für unseren diakonischen deglieder, die aufgrund eines bestimmten Verhaltens
3. Die Diakonie des Tisches
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in den Abend arbeiten mussten. Wenn die Anderen schon mit dem Mahl begannen und die Ärmsten damit von der Feier ausschlossen, stand das diakonische Wesen der Gemeinschaft selbst auf dem Spiel. Neben der Inklusion beinhaltet das Abendmahl noch weitere wichtige diakonische Elemente. Auf unterschiedliche Weise drücken sie alle die verwandelnde Kraft der Gnade Gottes in Jesus Christus aus und tragen zur grundlegenden Identität der Diakonie bei. Gastfreundschaft ist eine weitere Dimension der Diakonie. Das Neue Testament enthält eine Reihe von Texten zum Thema Gastfreundschaft (Lk 7,36-50; 14,7-24; 22,14-30). Sie spiegeln das antike Bewusstsein wider, wonach die Tischgemeinschaft viel mehr ist, als nur zusammen zu essen: Sie bedeutet Freundschaft, gegenseitige soziale Akzeptanz und Solidarität. Darum bedeutete es für viele eine so grosse Provokation, wenn Jesus mit denen ass, die „anständige“ Leute nicht an ihrem Tisch hätten haben wollen. Im Haus Simons des Aussätzigen verteidigte er entschieden die Frau mit dem Salböl. Selbst seine eigenen Jünger waren verärgert, dass er die Frau hatte an seinen Tisch treten lassen (Mt 26,6-13). Auf diese Weise offenbart Jesus Gottes Gastfreundschaft als grundlegendes Element seiner messianischen Mission im Geiste dessen, was lange vorher der Psalmist verkündet hatte: „Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.“ (Psalm 23,5-6) In der diakonischen Tradition der Kirche wird Obdachlosen, Waisen und Witwen solcherart Zuflucht geboten. Verfolgte Menschen erhalten Asyl. Dadurch läuft die Kirche selbst Gefahr, verfolgt zu werden und ihr eigenes friedliches Leben in der Gesellschaft opfern zu müssen. Aber nach dem Beispiel Jesu gehört es zum Auftrag prophetischer Diakonie, Gastfreundschaft anzubieten. Dies wird von der apostolischen Ermahnung bestätigt: „Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft.“ (Röm 12,13) Diese Art der Gastfreundschaft beinhaltet auch Anwaltschaft und Schutz.
für „unwürdig“ gehalten werden, ausschliesst. Eine solch moralistische Interpretation der Kirchenzucht kann zur Verdunkelung der diakonischen Dimension des Abendmahls und seiner Kraft als verwandelndes Sakrament und „Ort der Inklusion“ in einer von vielfältiger Ausgrenzung geprägten Welt führen. Dass Menschen als unwürdig zur Teilnahme am Abendmahl gelten, vollzieht sich heutzutage vielleicht in anderer Form, dies sollte aber dennoch stets Anlass zur Selbstüberprüfung der Kirche geben. Vor noch nicht allzu langer Zeit wurde Menschen wegen ihrer Hautfarbe die Zulassung zum Abendmahl verweigert. Heute werden andere stigmatisiert, weil sie HIV-positiv sind, oder weil ihre familiäre Situation als moralisch inakzeptabel gilt. Die Berufung zur Inklusion wird immer ein wichtiger Ausdruck des diakonischen Wesens der Kirche bleiben. In seinem Brief an die Gemeinde in Korinth kritisiert Paulus scharf diese Art, das Abendmahl zu feiern (1.Kor 11). Anstelle eines Ortes der Einheit war es zu einem Moment der demonstrativen Trennung und der Ichbezogenheit geworden. Indem Paulus die Gemeinde auffordert, aufeinander zu warten, bezieht er sich vermutlich auf die Ärmsten unter ihnen, die als SklavInnen oder DienerInnen bis spät
Eventuell unter Verweis auf 1.Kor 11,27. Allerdings
geht es hier nicht um unwürdige Personen, sondern um unwürdiges Verhalten.
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Das Miteinanderteilen ist eine weitere tiefe dia- Vorbild der diakonia Jesu und seines ganzheitlichen konische Dimension der Tischgemeinschaft. Nicht Ansatzes zum Umgang mit Leid und Unrecht. nur Worte, Geschichten und Erfahrungen werden Das Geheimnis der Verwandlung steht im Zenam Tisch einander mit-geteilt, oftmals wird auch trum des Abendmahls. Normales Brot und Wein werEssen und Trinken geteilt. Hier sprechen wir nicht den als der kostbare Leib und das kostbare Blut Christi vom Tisch als einem Möbelstück, sondern im meta- empfangen. Sünden werden vergeben, und SünderInphorischen Sinne von dem Ort, wo Menschen sich nen werden zu AkteurInnen der Verwandlung, wenn zu einer Mahlzeit versammeln und das Geschenk der sie in ihr alltägliches Leben zurückkehren. Zusammengehörigkeit miteinander teilen. Verzagtheit verwandelt sich in Hoffnung und Der Tisch ist vor allem ein bevorzugter Ort der die Bereitschaft, mit Freude zu dienen. Genau das Versöhnung. Er erlaubt es Menschen, sich von Ange- erleben die Emmaus-Jünger, als ihr Weggefährte in sicht zu Angesicht zu begegnen, mit ihrem Namen ihrem Haus das Brot bricht und sich an ihrem Tisch und ihrer Identität, mit ihrer Lebensgeschichte und als der auferstandene Herr offenbart. Auf geheimnisihren Sorgen. Der Geist des Miteinanderteilens be- volle Weise übernimmt der noch unbekannte Gast gründet neue Beziehungen, die Vergebung und einen die Rolle des Gastgebers und öffnet den Jüngern die Neuanfang erleichtern. Da ChristInnen am Tisch des Augen, während er Brot und Wein mit ihnen teilt. Herrn selbst Versöhnung erfahren, werden sie für den Die Gaben des Tisches stärkten Körper, Seele und Versöhnungsdienst der Kirche motiviert (2.Kor 5,18). Geist und bevollmächtigen sie, zurück nach JerusaEs ist interessant, dass der griechische Urtext von der lem zu eilen und den anderen Jüngern mitzuteilen, diakonia der Versöhnung spricht – sicherlich nach dem was ihnen geschehen ist.
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Natürlich gibt es auch Situationen, in denen es ches schon problematisch, besonders wenn Diakonie als schwerfällt, irgendein Zeichen der Verwandlung festzu- Wesensmerkmal der Kirche beschrieben wird. stellen, besonders im Kontext unseres alltäglichen Lebens. In diesem Zusammenhang ist es nützlich, sich Aber trotzdem zieht das Vertrauen auf das Geheimnis der die lutherische Lehre von den guten Werken im AugsVerwandlung Gläubige nach wie vor an den Abendmahl- burger Bekenntnis (CA) in Erinnerung zu rufen: stisch. Sie beten: „Komm, Herr, verwandle die Welt!“ Und sie werden immer wieder neu von Geschichten der „Auch wird gelehrt, dass dieser Glaube gute Früchte Verwandlung inspiriert – wie die von Zachäus, der Jesus und gute Werke hervorbringen soll und dass man gute an seinen Tisch einlädt, dann aber bemerkt, dass er selbst Werke tun muss, (und zwar) alle, die Gott geboten hat, der Eingeladene ist. Diese Erfahrung verwandelt ihn um Gottes willen. Doch (darf man) nicht auf solche und lässt ihn ausrufen: „Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Werke vertrauen, (um) dadurch Gnade vor Gott zu Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen verdienen. Denn wir empfangen Vergebung der Sünhabe, so gebe ich es vierfach zurück.“ (Lk 19,8) de und Gerechtigkeit durch den Glauben an Christus Diese Erzählung lehrt uns, dass Mitgefühl und – wie Christus selbst spricht: „Wenn ihr alles getan Gerechtigkeit sichtbare Zeichen der Verwandlung habt, sollt ihr sprechen: Wir sind untüchtige Knechte“ sind – und also auch Zeichen dafür, dass die Kirche [Lk 17,10]. So lehren auch die (Kirchen)Väter. Denn aktiv Verwandlung wirkt. Ambrosius sagt: „So ist es bei Gott beschlossen, dass, wer an Christus glaubt, selig ist und nicht durch Werke, sondern allein durch den Glauben ohne Verdienst
4. Gute Werke
Vergebung der Sünde hat.“ (CA VI)
Anderen Menschen Gutes zu tun, ist integraler Be- Verworfen wird hier ein Verständnis von guten Werken standteil des neuen Lebens in Christus. Lutherane- als einem Handeln, das darauf abzielt, Verdienste bei rInnen sind von jeher misstrauisch, wenn gute Werke Gott und den Menschen zu erwerben. Verteidigt werden zur notwendigen Anforderung erhoben werden. Sie gute Werke als sichtbarer Ausdruck des neuen Lebens fürchten, dass ein zu hoher Stellenwert der Werke (bzw. in Christus durch den Glauben, wie in der Gemeinsamen des Tuns) das Prinzip der Rechtfertigung allein aus Erklärung zur Rechtfertigungslehre nachzulesen ist: Glauben aushöhlen könnte. Aus diesem Grund finden manche LutheranerInnen das Prinzip Diakonie als sol„Gnade als Gemeinschaft des Gerechtfertigten mit Gott in Glaube, Hoffnung und Liebe wird stets
vom heilsschöpferischen Wirken Gottes empfangen.
Doch der Gerechtfertigte ist dafür verantwortlich,
die Gnade nicht zu verspielen, sondern in ihr zu leben. Die Aufforderung, gute Werke zu tun, ist die
Aufforderung, den Glauben zu üben“.
LWB/Päpstlicher Rat zur Förderung der Einheit der Christen: Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre
– Gemeinsame offizielle Feststellung – Anhang (Annex) zur Gemeinsamen offiziellen Feststellung., Paderborn/ Frankfurt
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am Main: Lembeck/Bonifatius 1999, Anhang 2D S. 43.
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Für Luther ist dies zutiefst mit der Überzeugung verbunden, dass Gottes Liebe durch Christus in der Welt gegenwärtig ist. Alle Getauften sind in Christus mit derselben Liebe begabt, und ihre Taten drücken Gottes guten Willen für die gesamte Schöpfung aus. Deshalb äussert sich christlicher Gehorsam nicht in der Einhaltung moralischer oder frommer Normen in dem Bestreben, Jesus ähnlich zu werden, sondern ist Gehorsam gegenüber dem, was wir in Christus sind. Er hängt nicht von Engagement und starkem Willen ab, sondern ergiesst sich aus dem neuen Leben in Christus und der bevollmächtigenden Gegenwart des Heiligen Geistes. Es ist wichtig, sich dessen bewusst sein, wenn Diakonie dargestellt wird als die dankbare Antwort der ChristInnen auf das, was sie im Glauben empfangen haben. Sonst könnte dies den Eindruck erwecken, dass Diakonie eine Art zweiter Akt sei, der auf den ersten Akt – die Rechtfertigung durch den Glauben – folgt. Diakonie wäre in diesem Sinne die Folge des Glaubens, eine Verpflichtung, gute Werke zu tun, die aus der Dankbarkeit für die in Christus geschenkte Gnade entspringt, und nicht integraler Wesensbestandteil des Glaubens. Luther hat die Rechtfertigung durch den Glauben nicht als Stück in zwei Akten verstanden. Der/ die Glaubende ist in Christus, und in Christus allein gerechtfertigt, mit zwei gleichermassen fundamentalen Dimensionen: Einerseits geht es darum, mit
Christus in seiner Beziehung zu Gott dem Vater eins zu sein und in Christus gerechtfertigte Kinder Gottes zu werden. Andererseits ist impliziert, dass die/ der ChristIn mit Christus eins ist in Christi Mission für die Welt, in seiner diakonia. Luther erklärt dieses Verständnis in seiner Schrift „Über die Freiheit eines Christenmenschen“ mit dem berühmten Satz: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Ding und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Ding und jedermann untertan.“ Diese doppelte Identität als gleichzeitig freier Herr und Knecht folgt dem Beispiel, das uns Christus Jesus gegeben hat: „Er, der in göttlicher Gestalt war [...] entäusserte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.“ (Phil 2,6-7) Durch die Taufe erhält die/der Gläubige Anteil an dieser Identität. Luther bekräftigt: „Aus dem allen folget der Beschluss, dass ein Christenmensch lebt nicht in sich selbst, sondern in Christo und seinem Nächsten, in Christo durch den Glauben, im Nächsten durch die Liebe. Durch den Glauben fähret er über sich in Gott, aus Gott fähret er wieder unter sich durch die Liebe...“ All dies könnte vermuten lassen, dass Diakonie einfach erklärt und leicht getan ist. Aber natürlich ist die Realität viel komplexer. Wie jedes menschliche Handeln scheitert auch die Diakonie bisweilen und verfehlt ihr Ziel. Theologisch ist das in dem Konzept
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des simul iustus et peccator (zugleich gerecht und Sünder) begründet: Auch wenn ChristInnen durch die Gnade gerechtfertigt sind, bleiben sie doch SünderInnen. Das christliche Leben ist bedingt durch den Kampf zwischen dem, was wir in Christus bereits sind, und dem, was wir als sündige Menschen bleiben. Wir sollten uns davon nicht entmutigen lassen und vorgeben, dass Gutes zu tun unmöglich sei. Genauso wenig sollten wir naiv davon ausgehen, dass gute Menschen in der Lage sind, immer Gutes zu tun. Dieses Konzept führt uns die Realität unseres Lebens als Menschen vor Augen, unsere Begrenzungen und Sündhaftigkeit, aber auch unsere Würde als Ebenbilder Gottes und unsere Berufung als Glieder am Leib Christi. Einige andere theologische Begriffe können uns ebenfalls dabei helfen, die Diakonie in der Dialektik zwischen dem Neuen in Christus und der alten Ordnung, die fortwirkt, auszurichten. Im Neuen Testament wird das Wort aion („Zeitalter“, vgl. Eph 2,7; Gal 1,4; Kol 1,26) verwendet, um verschiedene Epochen bis hin zur endgültigen Erfüllung von Gottes Heilsplan und die Spannung zwischen ihnen zu charakterisieren. TheologInnen wie Luther sprechen lieber von den zwei Reichen: Das eine ist die gegenwärtige Welt, als deren BürgerInnen wir Beschränkungen und Leid unterworfen sind; das andere ist das Reich Gottes, das Jesus als nah ankündigte und das mit ihm bereits gekommen ist, in dem wir die Erfüllung allen Segens erwarten (Mk 1,15 und Mt 12,28). Diakonisches Handeln geschieht in dieser Gleichzeitigkeit dessen, was bereits ist, und was noch aussteht. Es bezeugt Gottes Gnade und seine Sorge um die Schöpfung, in der ChristInnen dazu bevollmächtigt sind, mit Anderen und für Andere Gutes zu tun. Aber solches Tun spiegelt auch menschliche Schwächen und Verderbtheit wider. Dieses Wissen sollte uns Distanz zu romantischen oder gar triumphalistischen diakonischen Konzepten lehren. Diakonie muss selbstkritisch und realistisch sein, aber selbst dann nie ihre Überzeugung verlieren, dass durch die Gnade Gottes auch zerbrechliche „irdene Gefässe“ Schätze enthalten können (2.Kor 4,7).
5. Diakonische Spiritualität
Wir tun Gottes Werk nicht, weil Gott uns dazu braucht, sondern weil unsere Nächsten es brauchen. Wir tun Gottes Werke im Namen Christi für das Leben der Welt.
„Ora et labora“ (lateinisch: bete und arbeite), das bekannte Motto Benedikts von Nursia, das zur Leitformel klöBischof Mark S. Hanson, LWB-Präsident 2003-2010 sterlichen Lebens wurde, verweist auf die Wechselbeziehung zwischen spirituellem Leben und diakonischer Arbeit. Die Formel besagt nicht nur, dass beide Ele- sehen und ihr Geschrei […] gehört; ich habe ihre Leiden mente wichtig sind, sondern auch, dass sie voneinander erkannt. Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie erretabhängen. Wahres Gebet verkörpert sich in den Erfah- te“ (2.Mose 3,7-8a). Diese Sicht auf Gott ist näher an rungen des wirklichen Lebens und im Kampf mit den Verben, die ein heilbringendes Eingreifen beschreiben, Mächten des Todes. Auf gleiche Weise ist diakonische als an Substantiven, die statisches Sein ausdrücken. Arbeit in das eingebettet, was wir im Glauben erblicken Diakonische Spiritualität betrachtet Menschen und in der Hoffnung ersehnen. als von Gott geschaffen und begabt. Auf dieselbe WeiGottesdienst und Diakonie befruchten sich im se wird menschliche Gemeinschaft als der Raum gesetäglichen Leben der Kirche gegenseitig. Die meisten hen, wo Frieden und Gerechtigkeit erfahren, gefördert Elemente der Liturgie beinhalten eine klare diakonische und aufeinander bezogen werden können. Da jede/r Dimension. Werden die Sakramente korrekt verwaltet von uns anders begabt ist, können wir den Reichtum (vgl. CA VII), verleihen sie sowohl der/dem einzelnen einer Gemeinschaft erfahren, in der wir unsere BegaChristin/Christen als auch der Gemeinschaft Gnade bungen miteinander teilen. Eine diakonische Spirituaund diakonische Identität. In der Urkirche war es üb- lität will den Reichtum dieser Zugehörigkeit in Kirche lich, den Armen das beim Abendmahl übriggebliebene und Gesellschaft entdecken und bekräftigen. Brot zu bringen – ein sichtbares Zeichen für die wechSchliesslich ist diakonische Spiritualität von der selseitige Beziehung zwischen Gottesdienst und Dia- Theologie des Kreuzes geprägt. Diese Theologie betont, konie. Diese Diakonie wurde „Liturgie nach der Litur- dass nur Gott dem Bösen ein Ende setzen kann. Das gie“ genannt und verdeutlichte die beiden Momente der Kreuz Jesu Christi ist Gottes Nein zum menschlichen verwandelnden Gnade zugunsten der Armen. Selbstvertrauen, es verkündet Gottes heilbringenden Die Spiritualität der Diakonie orientiert sich Sieg über Leid, Unrecht und Tod. Gottes Gnade und am Geheimnis der Verwandlung und der Bedeutung Mitgefühl schafft eine Spiritualität, die sich leidenden dessen, was scheinbar unbedeutend ist. Sie wird von Menschen achtsam zuwendet und zu Solidarität und der Verheissung des Herrn inspiriert, der sich mit den mutigem Handeln anspornt. Diese Spiritualität wird Nackten und Hungernden identifiziert (Mt 25). Sie durch den Glauben getragen, dass in Jesus Christus betrachtet Besuch und Gastfreundschaft nicht nur der Weg, der vom Kreuz (via crucis) zur Auferstehung als diakonische Aktivitäten, sondern als Momente (via resurrectionis) führt, bereits freigemacht wurde. der spirituellen Begegnung, da wir „ohne unser Wissen Mit anderen Worten verwirft sie einfache Wege und Engeln beherberg[en].“ (Hebr 13,2) vereinfachende Antworten auf komplizierte HerausSpiritualität kann verstanden werden als Mög- forderungen und ist letztlich bereit, den Preis zu zahlichkeit, einen tieferen Sinn in den Dingen zu sehen. len für ein solches diakonisches Handeln aus SolidariDiakonische Spiritualität nimmt die Gegenwart Got- tät und Engagement für eine bessere Welt. tes im alltäglichen Leben und besonders in SituaFolglich prägt diakonische Spiritualität nicht nur tionen wahr, in denen Menschen um ihr Leben und unser Tun, sondern auch unser Sein. Sie prägt die ganihre Würde ringen. Sie erkennt Gott als den Einen, ze Person und formt das Herz aller Beteiligten. Diader verkündet: „Ich habe das Elend meines Volks […] ge- konie wird zum Lebensstil, prägt unser Dasein in die-
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ser Welt. Diakonische Spiritualität ist eine lebenslanMit einem gewissen Sinn für Humor erzählt ge, ganzheitliche Erfahrung, die das Herz dergestalt Jesus die Geschichte der Knechte, die nach einem bevollmächtigt und formt, dass Diakonie zu einem langen Arbeitstag nach Hause kommen. Aber anstatt gewissen Habitus bzw. einer Gesinnung wird, die un- sich auszuruhen, wird ihnen befohlen, das Abendesserem Leben Orientierung und Antrieb gibt. Dieses sen vorzubereiten. Jesus schliesst: „So auch ihr! Wenn ganzheitliche Verständnis diakonischer Spiritualität ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht: Wir entspringt einer verkörperten spirituellen Praxis. sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun Diakonische Spiritualität ist für Menschen, die schuldig waren.“ (Lk 17,10) stets aufmerksam sind für die Bedürfnisse Anderer, Auf den ersten Blick vermittelt dieses Zitat den eine wichtige Kraftquelle. Sie hilft uns, unsere ei- Eindruck, Diakonie sei ein unermüdlicher Dienst, genen Bedürfnisse zu erkennen und in Gottesdienst, der nicht einmal vom Herrn anerkannt wird, und Gebet und Ritual vor Gott zu bringen. Ehrenamtli- die in der Diakonie Tätigen unnütze Knechte. Aber che und hauptamtliche diakonische MitarbeiterInnen die diakonische Spiritualität wirft ein anderes Licht mit häufig kraftraubenden Aufgaben sind aufgerufen, darauf: Es geht um die absolute Freiheit zu dienen, Jesu Einladung anzunehmen: „Kommt her zu mir, alle, unabhängig von der persönlichen Qualifikation, von die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquic- Leistungsbeurteilungen und letztlich auch vom Beiken.“ (Mt 11,28) Es ist wichtig, Raum und Zeit zu fall der Anderen. Diese Freiheit wird immer wieder schaffen, um spirituell auftanken zu können. Wenn neu genährt aus der Gnade Gottes. Wir erfahren, überarbeitete MitarbeiterInnen und ehrenamtliche dass wir bei der Feldarbeit nicht alleine gelassen HelferInnen erkennen, dass sie von Burn-out betrof- werden, sondern dass uns der Herr und viele andere fen sind, wird die diakonische Spiritualität zu einem begleiten, die uns Gemeinschaft und gegenseitigen wichtigen Teil ihres diakonischen Engagements. Austausch bieten.
Fragen zur Reflexion 1. Wie verhält sich die in Teil II vorgestellte Theologie zu Lehre und Verkündigung Ihrer Kirche? 2. Welche Verbindungen sehen Sie zwischen diesem theologischen Verständnis und den verschiedenen Ausprägungen diakonischer Arbeit in Ihrer Kirche? Wie könnten diese Verbindungen weiterentwickelt werden? 3. In diesem Abschnitt sind einige Bibelstellen aufgeführt, die ein theologisches Diakonieverständnis illustrieren sollen. Welche anderen Texte oder Konzepte würden Sie hinzufügen bzw. als wichtiger betrachten? 4. In welchem Verhältnis steht Ihrer Erfahrung nach Diakonie mit Gottesdienst und Spiritualität? Welche Entwicklung würden Sie sich in diesem Zusammenhang wünschen?
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Teil III: Praxis der Diakonie
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Teil III: Praxis der Diakonie
wortlichen Dienst“, das heisst als aktives Tun, für das der/die Handelnde Rechenschaft zu geben hat. Zweitens bekräftigt die vorliegende Definition, dass Diakonie von ChristInnen geleistet wird. Dies sollte nicht exklusiv verstanden werden, als ob nur ChristInnen in der Lage wären, „verantwortlichen Dienst“ zu leisten, sondern als Bekräftigung der spezifischen Natur diakonischer Arbeit. Nach der Definition des Dictionary of the Ecumenical Drittens hat diakonische Arbeit einen Fokus, nämMovement ist Diakonie „verantwortlicher Dienst des lich die Bedürfnisse von Menschen. Deshalb ist es nicht Evangeliums durch Taten und Worte, der von Chri- korrekt, Diakonie als Bezeichnung für sämtliche Arten stInnen geübt wird als Reaktion auf die Bedürfnisse guter Werke zu verwenden. Ein solches weit gefasstes von Menschen.“ Diese Definition enthält mehrere Verständnis würde schnell inhaltsleer. In der langen wichtige Elemente. Zunächst einmal wird klar, dass Tradition der Kirche war und ist Diakonie auf die Sies bei der Diakonie um das Tun geht und sie sich nicht tuation kranker, armer und marginalisierter Menschen auf Erklärungen und gute Absichten beschränken bezogen und geschieht, indem verwundbare Menschen kann. Diakonie umfasst Taten und Worte als „verant- begleitet, unterstützt und verteidigt werden. Die entscheidende Frage lautet also: Wie rea giert die Kirche auf die Bedürfnisse verwundbarer Dictionary of the Ecumenical Movement, Genf: WCC Menschen? Die Antwort auf diese Frage muss wohlPublications 2002, S. 305.
1. Zweck der Diakonie
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überlegt werden. Nur so kann Diakonie „verantwort- Seele und von ganzem Gemüt“ zu lieben und „deinen licher Dienst“ sein. Nächsten [...] wie dich selbst“ (Mt 22,37.39). Ein Dienst an den Nächsten, der sich auf eine Gruppe betroffener Personen richtet, hat den Vorteil, dass viele Menschen 1.1 Hilfe für Einzelne und Gruppen und nicht nur Einzelne am diakonischen Verwandlungsprozess mitwirken können. Es ist dann möglich, Zunächst muss geklärt werden, ob es die Bedürfnisse Netzwerke aufzubauen und organisierte Initiativen soeinzelner Personen und/oder die einer Gruppe sind, die wie institutionelle Massnahmen anzustossen. Dies gilt diakonisches Handeln erfordern. Es gilt das aus der für vielfältige Situationen – für von HIV und AIDSchristlichen Anthropologie erwachsende ethische Ge- Betroffene, für BewohnerInnen eines armen Stadtbot, die Würde jedes Menschen und seine Fähigkeit zu viertels, für Angehörige von Drogenabhängigen etc. verteidigen, als Handlungssubjekt für das eigene Leben und in der Gesellschaft Verantwortung zu übernehmen. Zu oft werden Personen auf anonyme Mitglieder einer 1.2 Kurz- und langfristige Massnahmen Gruppe reduziert oder als Opfer, KlientInnen oder EmpfängerInnen charakterisiert. Deshalb ist es wichtig, Eine verantwortliche diakonische Arbeit umfasst sich daran zu erinnern, dass jeder Mensch individuelle sowohl kurzfristige als auch langfristige Ziele. Das Erfahrungen des Leidens und der Hoffnung besitzt und Gleichnis vom barmherzigen Samariter zeigt das über Fähigkeiten verfügt, die bekräftigt und im Ver- sehr deutlich an den verschiedenen Schritten des wandlungsprozess gestärkt werden müssen. Vorgehens. Der erste Schritt besteht darin, sich dem Zum anderen dürfen wir auch nicht vergessen, schwer verletzten Mann auf der Strasse zu „nähern“. dass ein individualistischer Ansatz in der Diakonie Dieser Schritt drückt Solidarität und die Überwinzahlreiche Beschränkungen mit sich bringt. Zum dung von Angst und Teilnahmslosigkeit in Bezug auf Beispiel ist klar, dass Armut sich zwar massiv auf den/ das Leiden eines Anderen aus. „Sich nähern“ ist auch die Einzelne auswirkt, aber ein systembedingtes Phä- nötig, um zu verstehen, was passiert ist und was benomen ist, das grosse Teile einer Bevölkerung betrifft. nötigt wird. Der zweite Schritt konzentriert sich auf Als man sich in Lateinamerika in den 1960er Jahren die unmittelbare Linderung des Leidens mit den vorder wachsenden Armut auf dem Kontinent bewusst wurde, ergab sich daraus die Schlussfolgerung, dass Armut keine gegebene Realität ist, sondern häufig durch ungerechte historische Unterdrückungsprozesse „produziert“ wird. Menschen werden arm gemacht (empobrecidos). Massnahmen zur Bekämpfung der Armut müssen dies berücksichtigen: Armut ist eine soziale und politische Realität, nicht nur die unglückliche Lage einer einzelnen Person. Ohne diese Perspektive könnte Armut als persönliches Schicksal aufgrund von mangelnder Bildung oder gar Faulheit interpretiert werden, wodurch allein die Armen selbst für ihre Situation verantwortlich gemacht würden. Nach der christlichen Lehre besteht das grösste Gebot darin, Gott „von ganzem Herzen, von ganzer © LWB/J. Schep
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handenen Mitteln – in diesem Fall Verbandmaterial, Öl und Wein – um den Heilungsprozess zu beginnen. Der dritte Schritt betrifft die Rehabilitation und die Rückkehr in das normale Leben, falls nötig unter Vorbereitung einer längerfristigen Unterstützung. In einer Gruppendiskussion zu dieser Bibelstelle fragte einmal jemand: „Wo ging der Samariter hin, als er das Opfer in der Herberge zurückgelassen hatte?“ Eine interessante Antwort wurde vorgeschlagen: „Er ging in das Büro des Bürgermeisters von Jericho und berichtete von dem Vorfall. Er forderte ein Eingreifen gehen die Gewalt und Schutz für die Opfer.“ Natürlich ist das pure Spekulation, aber es weist auf einen weiteren Schritt anwaltschaftlichen Handelns hin, der die enge Beziehung zwischen Mitgefühl und Gerechtigkeit demonstriert und herausstellt, dass die verschiedenen Ziele der diakonischen Arbeit immer in ihrer Gesamtheit betrachtet werden müssen. Selbst wenn Diakonie die Form unmittelbarer Hilfe zur Linderung menschlichen Leidens annimmt – was immer eine Priorität bleiben wird – muss doch
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der grössere Kontext des Leids und seiner Ursachen angemessene Beachtung finden. Diese Aufmerksamkeit für die langfristigen Auswirkungen der eigentlichen Ursachen muss in die diakonische Praxis von Anfang an eingebunden sein. Sie sollte Gegenstand der Ausgangsüberlegungen sein, wenn die Ziele des diakonischen Handelns formuliert werden. Einige der wichtigsten Elemente sind hierbei: 1. Die Würde der Menschen wird bekräftigt und verteidigt. 2. Ihre Rechte werden betont und gefördert. 3. Prozesse zur Bevollmächtigung der Menschen werden initiiert. 4. Es wird Raum geschaffen, um Menschen Zugang zu Rechten, Teilhabe und Verantwortung in der Gesellschaft zu ermöglichen (Ermöglichung bürgerschaftlichen Bewusstseins und Engagements).
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5. Es werden Bausteine für eine Verwandlung der Gesellschaft gesetzt.
Sind diese Elemente gegeben, bestehen gute Gründe zu hoffen, dass diakonische Massnahmen zu grundlegendem Wandel beitragen, nicht nur im Leben einzelner Personen, sondern auch in Kirche und Gesellschaft. Dies kann einem Konzept entsprechen, das auch im Bereich Entwicklung Anwendung findet: ein Prozess der Verwandlung des Menschseins, der Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung anstrebt.10 Allerdings müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass diakonisches Handeln nicht immer alle soeben dargelegten ehrgeizigen, breit gesteckten Ziele erfüllen kann. Die Diakonie ist deshalb nicht kann.“11 Als integraler Teil der Mission der Kirche weniger wichtig und wertvoll – denken wir etwa an sind diese drei Dimensionen folglich auch Schlüsseldie Pflege eines Menschen, der im Sterben liegt, und begriffe für die Diakonie: sie sind grundlegende Wegseine Begleitung auch im Gebet. In Situationen, in weiser für die diakonische Arbeit. Gleichzeitig sind denen anscheinend kein Wandel möglich ist, hat Verwandlung, Versöhnung und Bevollmächtigung InDiakonie die Aufgabe, durch ihre Präsenz und Be- dikatoren dafür, wie die Arbeit geleistet wird und an gleitung Hoffnung zu spenden, obwohl kein Anlass welchen Werten sie sich orientiert. zur Hoffnung zu bestehen scheint.
2. Grundlegende Wegweiser für die diakonische Arbeit Das LWB-Missionsdokument nennt Verwandlung, Versöhnung und Bevollmächtigung als drei Dimensionen der Mission, die „alle missionarischen Bemühungen [durchdringen]“ und „Kriterien [bieten], anhand derer die Kirche ihre Treue zur Mission gegenüber Christus, der sie in die Welt gesandt hat, beurteilen
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1990 berief der ÖRK die Weltversammlung zu Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung in
Seoul, Südkorea, ein. Auf der Vollversammlung 1991
in Canberra bekräftigte der ÖRK energisch den konziliaren Prozess und richtete die Einheit Gerechtigkeit,
Frieden und Schöpfung ein.
2.1 Verwandlung Mission im Kontext beschreibt Verwandlung als einen „kontinuierlichen Prozess der völligen Neuorientierung des Lebens mit allen seinen Bestrebungen, Ideologien, Strukturen und Wertvorstellungen. Verwandlung ist ein kontinuierlicher Prozess, in dem alles verworfen wird, was das Leben entmenschlicht und entheiligt, und an allem festgehalten wird, was die Heiligkeit des Lebens und die Gaben jedes einzelnen Menschen bekräftigt und Frieden und Gerechtigkeit in der Gesellschaft fördert.“12 Verwandlung bezieht alle Beteiligten ein und verändert sie. Auf diese Weise hilft eine auf Verwandlung ausgerichtete Diakonie bei der Überwindung des sogenannten Helfersyndroms bzw. einer 11
Mission im Kontext, a. a. O., S. 34.
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Praxis und Beziehungsstruktur, die das „wir“ vom „sie“ Verwandlung steht also im Gegensatz zur Anpastrennen. Letztlich kann niemand der eigenen Ver- sung an den Status quo. In ihr kommt eine alternative wundbarkeit entkommen. Wir müssen alle verwan- Möglichkeit zum Ausdruck, Gottes Willen zu erfahren. delt, versöhnt und bevollmächtigt werden. Aus diesem In Mission im Kontext lesen wir: „Im Lichte der Auferstehung Grund benötigen wir alle Diakonie; zuerst Gottes Christi betrachtet ist Verwandlung die Entfaltung des potenDiakonie, wie sie in Jesus Christus offenbar wurde, ziell lebensspendenden Wesens der ganzen Schöpfung und ein und dann auch Diakonie im Sinne der gegenseitigen Ausdruck dessen, wie Gottes Gnade in der Natur wirkt. Das Fürsorge und Weggemeinschaft. beständige Wirken des Heiligen Geistes schafft Verwandlung Natürlich ist Verwandlung ein Prozess, aber in der Kirche und durch die Kirche für die ganze Welt.“ 13 gleichzeitig strebt sie auch das Erreichen bestimmter Ziele an, um eine neue Situation zu schaffen, in der die Menschenwürde stärker geachtet wird und mehr 2.2 Versöhnung Menschen in Frieden und Gerechtigkeit leben. Somit ist Verwandlung auch eng mit sozialem Wandel, Für ChristInnen ist Versöhnung Geschenk der BarmFortschritt und Entwicklung verbunden. herzigkeit Gottes und beruht auf der Botschaft, dass Aus theologischer Perspektive verweist Verwandlung Gott die Welt in Jesus Christus versöhnt hat. Dieses darauf, dass Gott fortwährend die Schöpfung erneuert Geschenk ist Verheissung für eine gebrochene Welt. (creatio continua). Denken wir etwa daran, wie wir jeden Die Diakonie will diese Verheissung durch Frieden Morgen erleben, dass die Dunkelheit der Nacht in das und Versöhnung fördernde Initiativen bezeugen. Die Licht eines neuen Tages verwandelt wird. Als Gottesvolk Kirche als zur Mission beauftragtes Gottesvolk ist besehen wir Verwandlung als Gottes Gnadengabe an, für die rufen, an Gottes versöhnender Mission teilzuhaben ihm Lob und Dienst gebührt. Sie stellt das diakonische und an Christi Statt die Menschen zu ermahnen: „Lass Handeln in den Zusammenhang der Worte des Apostels euch versöhnen mit Gott“ (2.Kor 5,20) und miteinander. Paulus, der die Gläubigen ermahnt: „[S]tellt euch nicht dieser Versöhnung bezieht sich zuallererst auf das Handeln Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, Gottes, durch das die Beziehung der Menschen zu damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute Gott wiederhergestellt wird. Gleichzeitig umfasst dieund Wohlgefällige und Vollkommene.“ (Röm 12,2) ser Prozess eine Verwandlung und Bevollmächtigung zum „Dienst (diakonia) der Versöhnung“. Das Konzept der diakonia verweist uns unmissverständlich darauf, dass es die diakonia Jesu – also sein bedingungsloses Da-Sein unter den Armen, sein prophetisches Eintreten für die Ausgeschlossenen, seine Heilungen und nicht zuletzt seine Verkündigung der Vergebung und des neuen Lebens unter der Verheissung des kommenden Zeitalters – ist, die den Weg weist, den die Kirche in ihrer Mission der Versöhnung beschreiten muss. Nach Robert Schreiter eröffnet Versöhnung ein neues Narrativ, das das „Narrativ der Lüge“14 überwindet. 13 14
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Ebd., S. 35.
Schreiter, Robert J.: Reconciliation: Mission and Ministry in a Changing Social Order. Maryknoll: New York 1992.
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In von Gewalt und Unterdrückung geprägten Situatio- hingenommen, das nach wie vor dramatische Nachnen werden Opfer daran gehindert, ihre Geschichte zu wirkungen auf das Leben der Armen hat. erzählen, wahre Versöhnung aber kann nicht geschehen, Es entspricht dem christlichen Konzept der Versolange die Wahrheit über die Vergangenheit nicht ans söhnung, Menschen grundsätzlich nicht wieder an den Licht kommt. Als in El Salvador nach Jahren massiver Punkt zurückzuversetzen, an dem sie einmal waren. Menschenrechtsverletzungen die Amnestie erklärt wurde, geschah dies unter der Bedingung, dass die für die Folter Verantwortlichen straffrei bleiben. Auf diese Weise wurde das Narrativ der UnterdrückerInnen als offizielle Geschichtsschreibung aufrechterhalten, die alle für wahr halten sollen. Einen ganz anderen Ansatz verfolgte Südafrika nach dem Ende der Apartheid, als Präsident Mandela eine Wahrheits- und Versöhnungskommission einsetzte, die die wahre Geschichte der vergangenen Jahre erzählen sollte, um Versöhnung und Heilung zu ermöglichen.15 Nicht immer wird zugelassen, dass die Wahrheit erzählt wird; dies erfordert Sicherheit und gegenseitigen Respekt. In manchen Fällen gehört auch Vertraulichkeit dazu, weil die Wahrheit für ein weiteres Anfachen des Hasses und der Gewalt missbraucht werden könnte. Dies ist häufig der Fall, wenn Frauen die Wahrheit artikulieren. Auf der anderen Seite muss dem, was sie zu Versöhnung ist mehr als das Befreien des Opfers von erzählen haben, besondere Aufmerksamkeit geschenkt seinem Leid und die Bekehrung der Unterdrückenden. werden, weil sie den Verwundbaren und zum Schwei- Versöhnung bringt die Beteiligten auf eine neue Ebegen gebrachten Menschen eine Stimme geben. Ihre ne und bevollmächtigt sie zu erneuerten Beziehungen Geschichten können sich als mächtigste Antriebsfeder und der Übernahme neuer Verantwortung. für einen Versöhnungsprozess erweisen. Versöhnung und Gerechtigkeit sind eng miteinander verknüpft. Die Arbeit der Wahrheits- und 2.3 Bevollmächtigung Versöhnungskommission hat dazu beigetragen, die Wahrheit über die Apartheid in Südafrika bekannt Als theologisches Konzept bezieht sich Bevollmächzu machen. Aber hat sie auch zur Gerechtigkeit tigung auf das biblische Schöpfungsverständnis, nach beigetragen? Manche Stimmen argumentieren, die dem jeder Mensch nach dem Bilde Gottes geschaffen allgemeine Amnestie habe nicht nur den Verant- ist – mit Fähigkeiten und Kompetenzen und unabwortlichen für die begangenen Gräuel Straflosigkeit hängig von seinem gesellschaftlichen Status. verschafft, sondern auch stillschweigend das Unrecht Ausserdem steht sie mit der Pfingstverheissung in Beziehung: „[I]hr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet mei15 Eine theologische Analyse der Versöhnung im Kon- ne Zeugen sein [...] bis an das Ende der Erde.“ (Apg 1,8) text der südafrikanischen Erfahrungen findet sich bei Die Pfingstgeschichte erzählt von der Verwandlung der De Gruchy, John W.: Reconciliation. Restoring Justice. Jünger, davon, wie sie ihre Angst überwanden, wie die Fragen der Vergangenheit aufhörten und sie die „grossen Minneapolis 2002.
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Taten Gottes“ verkündeten, wie ihre Sprache sich dem sie umgebenden Kontext anpasste. Es ist die Überzeugung der Kirche, dass Gott weiterhin Menschen bevollmächtigt – nicht nur Apostel und andere, die Führungspositionen innehaben, sondern besonders diejenigen, die selten oder niemals die Möglichkeit haben, gehört zu werden. Diese Überzeugung sollte unsere diakonische Arbeit, ihre Methodik und ihre Prioritäten prägen. Ein solches Handeln bezeugt den Glauben an Gott, der seine Gnade und Macht offenbart, indem er „das Geringe vor der Welt und das Verachtete“ wählt (1.Kor 1,28). Dies hat in der lateinamerikanischen Diakonie zum Konzept der dignificacion geführt, das in eine ähnliche Richtung geht wie Bevollmächtigung: Durch diakonisches Handeln soll die Würde der Menschen bekräftigt werden und ihnen die Fähigkeit gegeben werden, als „Subjekte“ in Kirche und Gesellschaft zu handeln. Wir sollten im Auge behalten, dass Bevollmächtigung immer eine Machtverschiebung beinhaltet, was bedeutet, dass wir ein Machtungleichgewicht kritisch
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beurteilen müssen. Diakonie sollte sich stets dieser Thematik annehmen, nicht nur in der Gesellschaft und den Beziehungen zwischen Helfenden und denjenigen, denen geholfen wird, sondern auch in Bezug auf die diakonische Praxis und Machtstrukturen innerhalb der Kirche. Zu oft wird die Machtfrage in den Kirchen verschwiegen, in manchen Fällen wird sie sogar durch einen bestimmten Sprachgebrauch verschleiert. Die Aufgabe des Brückenbauens ist wichtiger Bestandteil dessen, was Diakonie ausmacht. Wie bereits erwähnt, weist die traditionelle Verwendung des griechischen Begriffes diakonia auf die Aufgabe eines Vermittlers, eines Boten oder sogar eines Botschafters hin, der beauftragt wurde, Beziehungen wiederaufzubauen, zu heilen und zu versöhnen. In der Urkirche wurde der Diakon „Ohr und Mund des Bischofs“ genannt. Der Diakon trug die Verantwortung dafür, die Geschichten der Marginalisierten, Armen und Kranken in die Kirche zu bringen. Ein/ e VermittlerIn ist dann erfolgreich, wenn eine Distanz überwunden werden kann. Wenn das geschieht, kann Diakonie zur Verwandlung der Kirche beitragen – sowohl in ihrem Zentrum als auch an ihrer Peripherie. Jegliches diakonisches Handeln, auch das zur Linderung akuter Probleme, ist Teil eines umfassenden Auftrages zum Aufbau von Beziehungen. Weggemeinschaft als eine diakonische Methode will Isolation und Exklusion überwinden und Wege finden, die Chancen für breiter angelegtes Teilen in gegenseitiger Solidarität bieten können. Eine regionale Diakonietagung in Lateinamerika beschrieb diese Aufgabe als „Wanderdiakonie“, weil Menschen häufig unterwegs sind und auf diese Weise versuchen, der Armut zu entkommen. Ein/e VermittlerIn muss die Fähigkeit besitzen, verschiedene Versionen einer Geschichte zu hören und zu verstehen, warum solche Unterschiede bestehen. Dann muss wirklich vermittelt werden, es müssen Brücken des Verständnisses und der Akzeptanz gebaut werden. Dies bezieht sich erneut auf den Aufbau einer Gemeinschaft, auf die Entwicklung von Versöhnungsprozessen und auf Inklusion.
Es gibt unendlich viele Situationen, die diakoni- Handelns, nämlich der individuellen Diakonie. Sie wird sches Brückenbauen erfordern, und zwar sowohl aus- normalerweise spontan im alltäglichen Leben ausgeübt serhalb als auch innerhalb der Kirche. HIV-infizierte und umfasst eine grosse Bandbreite guter Werke. Menschen werden häufig stigmatisiert. Menschen mit Individuelle Diakonie kann sich im Rahmen des Migrationshintergrund werden diskriminiert. Frauen ganz normalen menschlichen Verhaltens vollziehen erleiden Gewalt, ihre Stimmen werden nicht gehört. – im selbstverständlichen Tun hilfsbereiter Menschen, Kinder armer Eltern erhalten weniger Bildungschan- das nicht abhängig ist von ihrem Glauben oder ihcen. In solchen Situationen kann sich die Diakonie rer Weltanschauung. Wir haben bereits festgehalten, nicht darauf beschränken, Unrecht anzuprangern – was dass Diakonie zuallererst eine Reaktion auf konkrete natürlich wichtig ist – sondern muss Wege finden, ver- menschliche Bedürfnisse darstellt. Eine wichtige Bimittelnd einzugreifen. Konkrete Initiativen und Projek- belstelle, die dieses Verständnis geprägt hat, finden te sind Möglichkeiten, die dazu beitragen können, eine wir in Matthäus 25,31-46. Die Hungrigen, Durstigerechtere und nachhaltigere Gesellschaft aufzubauen. gen, Fremden, Nackten, Kranken und Gefangenen Diese Rolle der Kirche als Vermittlerin kann auch erhalten hier einen neuen Stellenwert, indem sie ins in komplizierten politischen Konflikten erforderlich Zentrum der Aufmerksamkeit und Fürsorge rücken. sein. Als Madagaskar 2002 und 2009 schwere Krisen Natürlich fühlen sich nicht nur ChristInnen angedurchlebte, spielten nationale Kirchenleitende eine sprochen, wenn sie mit solchem Leid konfrontiert wichtige Rolle und ermöglichten den Dialog zwischen werden. Aber die spezifisch diakonische Dimension den politischen Lagern. Die Kirchen in der DDR bo- der Geschichte liegt in der Art und Weise, wie die ten den Menschen einen Raum, um sich zu treffen und christliche Identität solches Handeln auf Christus Hoffnung auf einen Wandel auszudrücken. Damit tru- und seine Identifikation mit Menschen in Not begen sie zum Zusammenbruch des Regimes 1989 bei. zieht: „…das habt ihr mir getan.“ Ein/e VermittlerIn kann nicht schweigen. KomDas Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk munikation ist ein wesentliches Element des Brücken- 10,25-37) ist ein weiterer Schrifttext, der in allen Jahrbauens. Diese Kommunikation muss oftmals Geduld hunderten ChristInnen zur Diakonie ermutigt hat. beweisen und diplomatisch sein, aber es gibt auch Situa- Die überraschende Komponente dieser Erzählung ist, tionen, in denen sie prophetisch sein und die Stimmen dass ein Aussenseiter, der einer verachteten und marder Stummen und Leidenden hörbar machen muss. ginalisierten Religionsgruppe angehört, tätige Nächstenliebe übt, während sowohl der Priester als auch der Levit an dem Mitmenschen in Not vorbeigehen. Im Zusammenhang einer Diskussion über die Erlangung des ewigen Lebens erzählt Jesus auf die Frage, „Wer ist denn mein Nächster?“, die Geschichte eines Mannes, der Mitgefühl zeigte, und schliesst mit den Worten „So geh hin und tu desgleichen!“ Jetzt aber wird die Frage umgedreht, aus „Wer ist denn mein Näch3.1 Individuelle Diakonie ster?“ wird „Wer von diesen dreien […] ist der Nächste – Diakonat aller Gläubigen gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war?“ Mit anderen Worten ist nicht die Definition des Anderen Wie im vorigen Kapitel dargelegt, sind alle Getauften für barmherziges Handeln entscheidend, sondern die zur Diakonie bevollmächtigt. Dies bringt uns zur er- gottgegebene Eigenschaft jedes Menschen, anderen sten und grundlegendsten Ausprägung diakonischen Menschen der/die Nächste zu sein.
3. Verschiedene Ausprägungen diakonischen Handelns
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In den meisten Fällen müssen solche Handlungen benserwartung betrug weniger als 30 Jahre, es gab nicht extra benannt werden, weil sie per se als natür- keine Hygiene und kaum Trinkwasser, Krankheilich und richtig empfunden werden. Allerdings kann ten waren weit verbreitet, und permanente Zuwaneine besondere Bezeichnung hilfreich sein, indem sie derung führte zu ethnischen Konflikten. In diesem die Bedeutung solcher Taten hervorhebt. Nach einem Kontext begann die Kirche ihre Mission und ihren Workshop zum Thema Diakonie in Brasilien sagte Dienst, und ihr diakonischer Ansatz war etwas raeine Frau: „Jetzt weiss ich, dass das, was ich mein Le- dikal Anderes und Neues. Rodney Stark beschreibt ben lang getan habe, einen Namen hat. Es heisst Dia- in seinem Buch, wie die Fürsorge für Kranke und konie!“ Sie erzählte von ihrer Arbeit mit armen bäu- Marginalisierte, das offene Wesen der Gemeinden erlichen Familien, die von Pestiziden vergiftet wurden, und der feste Glaube an die Macht der Auferstehung ihrem Mitwirken in Menschenrechtsinitiativen und Menschen aller sozialen Schichten anzog und so die ihrer Gewohnheit, kranke und einsame Mitglieder ih- Kirche innerhalb weniger Jahrhunderte von einer rer Gemeinde zu besuchen. „Ich habe immer gefühlt, kleinen Sekte zur führenden religiösen Bewegung dass all das mit meinem Glauben zu tun hat. Aber ich des römischen Reiches aufstieg.16 wusste nicht, dass es einen Namen dafür gibt. Jetzt Seit den Anfängen der Kirche gibt es unendlich weiss ich es!“ Dieses Wissen bedeutet nicht unbedingt, viele Beispiele für Initiativen, die von Gemeinden dass man jetzt andere Dinge tut oder sie auf andere und Ortskirchen in der ganzen Welt ergriffen wurWeise tut, obwohl das der Fall sein kann. In jedem Fall den. Zu Zeiten, in denen Seuchen grassierten, wurwird durch die Benennung dieser Aktivitäten als Dia- den Krankenbesuche organisiert und die Toten bekonie ihre Bedeutung hervorgehoben, ihr Ursprung stattet. Zu Kriegszeiten gewährte man Flüchtlingen bezeichnet und die Menschen werden motiviert und Aufnahme und Asyl. Die Zeiten ändern sich, aber es bevollmächtigt, ihr Engagement fortzusetzen. gab nie eine Zeit, in der es keinen Bedarf für Diakonie gegeben oder Gemeinden ihr Engagement eingestellt hätten. Das Gebot, das Jesus seinen Jüngern 3.2 Organisierte Diakonie – gab, als er hörte, dass Menschen hungerten – „gebt ihr gemeinsame Anstrengung der Gemeinde ihnen zu essen“ (Mt 14,16) – hat sich in einer Vielzahl von Situationen realisiert und wurde bis zum heutiSehr häufig stellt sich die Gemeinde als Ganze den gen Tag auf zahlreiche Arten umgesetzt. diakonischen Herausforderungen. In ApostelgeAllerdings muss diese Art der Diakonie orgaschichte 6,1 lesen wir, dass die Gemeinde in Jerusalem nisiert werden, und es muss jemanden geben, der die eine tägliche diakonia organisierte – vermutlich ein Sy- Verantwortung dafür trägt. Das gilt für alles, was als stem zur täglichen Versorgung der Armen mit Nah- wichtig angesehen wird: weil Gottesdienst wichtig ist, rungsmitteln. Allerdings stellte sich heraus, dass die werden Zeit und Ort dafür bestimmt und die GottesOrganisation verbessert werden musste, und deswegen dienste intensiv vorbereitet; die entsprechende Verantwurde neues Personal eingesetzt und zur Leitung der wortung übernehmen die jeweils Beauftragten. Arbeit bevollmächtigt. Später organisierte Paulus eine Für die Diakonie gilt das Gleiche. Um sie systeGeldsammlung unter den griechischen Gemeinden, matisch leisten zu können und dauerhaft zu einem Teil um der armen Gemeinde in Jerusalem zu helfen. Diese des kirchlichen Lebens zu machen, benötigt sie StrukInitiative wurde schlicht als „die diakonia“ bezeichnet. turen und Führung. In der Schwedischen Kirche muss Aus der historischen Forschung wissen wir, dass die Lebensbedingungen in den Städten des ersten 16 Stark, Rodney: Der Aufstieg des Christentums. Neue ErJahrhunderts furchtbar gewesen sein müssen: die Lekenntnisse aus soziologischer Sicht. Beltz Athenäum 1997.
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jede Gemeinde dem/der zuständigen Bischof/BischöFamilien stärken fin einen Plan vorlegen, der Diakonie, Gottesdienst, Bildung und Mission umfasst. Dieser Plan hilft der Seit drei Jahren besucht Nancy Krause jeden Dienstag- und Gemeinde, alle Dimensionen ihrer gemeinsamen ArFreitagmorgen eine Stunde das Gefängnis von Polk County, und bietet beit im Blick zu haben und sie bei der Festlegung von Elternbildung für die InsassInnen an. Ihre Arbeit ist Teil des Mobilen Elternbildungsprogramms der lutherischen Diakonie in Iowa (USA). Das Prioritäten, Zuständigkeiten und benötigten RessourProgramm ist an Personen gerichtet, die nicht mobil sind – ImmigrantInnen, cen entsprechend zu berücksichtigen. Gefangene oder Menschen in Obdachlosenheimen. Viele der Eltern leben Es kann passieren, dass die diakonischen Aktivioder lebten in Armut. „Armut schränkt die Möglichkeiten ein“, sagt Krause täten der Gemeinde als etwas angesehen werden, das über die Häftlinge, die an ihrem Programm teilnehmen. „Man lebt in einer den armen Menschen „da draussen“ hilft. Aber mehr Welt begrenzter Wahlmöglichkeiten, begrenzter Chancen.“ und mehr Menschen verstehen, dass Diakonie nicht „für“ andere geschieht, sondern „mit“ ihnen. Nach bi- im Gegenteil, sie ist eine Tugend, die zur Tradition der blischem Verständnis ist Hilfe ein Ausdruck der Liebe Kirche gehört. Der südafrikanische Theologe Molefe (1.Kor 13), die im Rahmen von Gegenseitigkeit und Tsele sagte auf der LWB-Konsultation zum Thema Gleichheit geschieht (2.Kor 8,13-15). Der diakonische prophetische Diakonie: „Wir müssen der Tendenz widerDienst bringt sowohl Gebenden als auch Empfangen- stehen, Wohltätigkeit zu einem Schimpfwort werden zu lasden Segen. Ausserdem kann die Person, die heute sen. Gott ist gegenüber seiner gesamten Schöpfung wohltätig. Hilfe erhält, morgen schon diejenige sein, die Hilfe Die Gesellschaft muss insgesamt wohltätiger werden.“ 17 leistet. In Gesellschaften, in denen soziale UnterschieWahre Wohltätigkeit hat einen Bezug zu Gede so stark sind, dass einige Schichten wesentlich pri- meinschaft und Gerechtigkeit. Eine am Gemeinwevilegierter leben als andere, geschieht Hilfe zu oft im sen orientierte Diakonie verbessert Integration und Sinne der Wohltätigkeit, was bedeutet, dass die Wohl- Gegenseitigkeit im Umgang mit Leid und Unrecht. habenderen aus Mildtätigkeit die Armen unterstützen. Sie zeigt den Wert gemeinschaftlich durchgeführter In diesem Fall kann die Hilfestellung die Gegensätze Aktivitäten und Projekte sowie der Überzeugung auf, noch verstärken und eine Situation schaffen, in der dass alle Menschen begabt und in der Lage sind, sich manche immer als „begüterte Helfende“ und andere für das Gute und Richtige einzusetzen. Ein afrikanials „hilfsbedürftige Empfangende“ dastehen. Sicher- sches Sprichwort weist in dieselbe Richtung: „Wenn lich entstand und entsteht viel diakonische Arbeit aus du dich beeilen willst, geh alleine. Wenn du weit der Wohltätigkeit, d. h. die Reichen und Mächtigen kommen willst, geh in Begleitung.“ handeln an den Armen. Dieses Vorgehen sollte allerdings gründlich hinterfragt werden. Diese Art von Hilfe wirkt schnell paternalistisch und entfremdend, 3.3 Institutionelle Diakonie – wo weil sie den Wünschen und Bedürfnissen der helfen- mehr Struktur erforderlich ist den Seite entsprechend organisiert ist. In Lateinamerika wird dieses Hilfeverhältnis häufig als asistencialismo Es gibt Situationen, in denen diakonische Anstrengunbezeichnet: die Hilfe zielt darauf ab, Unterstützung zu gen nötig sind, die über die Kapazitäten der einzelnen leisten, aber nicht, Raum für Gleichheit und Gegen- Kirchengemeinde hinausgehen. Schon sehr früh in der seitigkeit zu schaffen. Weil diese Vorgehensweise Ge- Kirchengeschichte stellte man fest, dass Diakonie oft gensätze und Trennungslinien noch verstärkt, wird sie stabilere Strukturen verlangte. Es wurden Krankenhäuvermutlich nicht zu einem realen Wandel beitragen. Diese Anmerkungen könnten den Eindruck er- 17 Prophetic Diakonia: For the Healing of the World. Report. Jowecken, dass Wohltätigkeit etwas Negatives sei. Ganz hannesburg South Africa. November 2002. LWB Genf, S. 54.
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ser und Heime für Waisen und Obdachlose gegründet. Zwischen den Gemeinden und diesen Einrichtungen bestanden weiterhin enge Beziehungen. Ohne diese Verbindungen und die anhaltende Unterstützung der Kirchenmitglieder konnten sie nicht existieren. Ausserdem wurde die kirchliche Identität der Einrichtungen bewusst gewahrt. Das Wort Hospital verweist explizit auf den Auftrag der Kirche, diakonische Gastfreundschaft zu üben. Die Beziehung zwischen Glauben und Fürsorge spiegelt sich auch in der Architektur der ersten Krankenhäuser wider: Die Räume waren häufig so angeordnet, dass alle PatientInnen den Altar sehen konnten und dadurch daran erinnert wurden, dass es Gott ist, der die Kranken heilt. Die moderne diakonische Bewegung, die in den 1830er Jahren in Deutschland ihren Anfang nahm, hat zur Schaffung zahlloser diakonischer Einrichtungen nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa und auf anderen Kontinenten geführt. Da die Amtskirche zu der Zeit in enger Beziehung zum Staat stand,
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mussten Missions- und Diakonieinitiativen als freie Verbände organisiert werden, die zwar innerhalb der Kirche standen, aber im Verhältnis zu den kirchlichen Strukturen unabhängig organisiert waren. Einer der Pioniere dieser Bewegung war Theodor Fliedner, ein Pastor aus Kaiserswerth, einem kleinen Ort in der Nähe von Düsseldorf im Westen Deutschlands. Im September 1833 eröffnete er mit seiner Frau Friederike ein Heim für entlassene weibliche Strafgefangene, gefolgt von weiteren Initiativen wie einem Kindergarten und einem Krankenhaus. Schnell stellten sie fest, dass sie qualifiziertes Personal benötigten, und drei Jahre später gründeten sie ein Mutterhaus für Diakonissen, die zu Krankenschwestern und Kindergärtnerinnen ausgebildet wurden. In den darauf folgenden Jahrzehnten wurden tausende Frauen als Diakonissinnen eingesegnet und ausgebildet. Das Mutterhaus ähnelte in vielerlei Hinsicht einem katholischen Kloster, und die Schwestern, wie sie tatsächlich auch genannt wurden, verpflichteten sich auf die Regeln der Gemeinschaft: Gehorsam, Gütergemeinschaft, Ehelosigkeit. Ebenfalls im September 1833 eröffnete Johann Hinrich Wichern ein Heim für obdachlose Kinder in einem Armenviertel von Hamburg, Deutschland. Er war überzeugt, dass eine gute Ausbildung die Kinder vor dem Elend schützen würde, besonders wenn diese Ausbildung sie auf einen Beruf vorbereitete. Hier wird deutlich, dass Bildung, als wichtiges Instrument zur Überwindung von Armut, integraler Bestandteil der organisierten Diakonie war. Aus diesem Grund wurde in der diakonischen Tradition eine grosse Zahl von Bildungseinrichtungen gegründet. Manche sind für Kinder aus armen und sozial benachteiligten Familien konzipiert, andere bieten Kindern Bildungschancen, die ihnen an öffentlichen Schulen aufgrund ihrer Blindheit, Taubheit, geistigen Behinderung etc. traditionell verwehrt blieben. Diese Initiativen stehen in der Tradition Luthers, der sich dezidiert für Bildung einsetzte. Während der Reformation schlug er vor, Klöster zu öffentlichen Schulen umzufunktionieren. Er erinnerte Eltern daran, dass ihre Kinder ein Geschenk Gottes seien und dass sie
vor Gott für deren Wohl, einschliesslich ihrer Bildung, Verantwortung trügen. Luther schrieb an die Ratsherren der deutschen Städte und empfahl ihnen, Schulen für alle Kinder zu gründen: Nun liegt einer Stadt Gedeihen nicht alleine darin, dass man […] feste Mauern, schöne Häuser […habe], sondern, das ist einer Stadt bestes und aller reichstes Gedeihen, Heil und Kraft, dass sie viel feine gelehrte, vernünftige, ehrbare, wohlerzogene Bürger hat“ 18. Eine detaillierte Übersicht über die Diakoniebewegung des 19. Jahrhunderts, ihre vielen AkteurInnen und deren unterschiedliche Initiativen würde hier zu weit führen. Allerdings sollten wir erwähnen, dass die Bewegung die Rolle der Frauen in Kirche und Gesellschaft revolutioniert hat: Erstmals erhielten unverheiratete Frauen Bildung und Status. Durch ihre Arbeit bildete sich das moderne Gesundheitsund Sozialwesen heraus und es wurden Modelle entwickelt, die später vom Staat bei der Konzeption der Sozialsysteme übernommen wurden. In vieler Hinsicht war die Diakoniebewegung vom Pietismus und seiner Betonung der individuellen Spiritualität inspiriert. Die Stärke dieser Prägung bestand in einem auf die Person und die individuelle Berufung bezogenen Ansatz, der persönlichen Beziehungen grossen Wert beimass. Er schuf Spielraum für Initiativen, die Bildungs-, Gesundheits- und Sozialeinrichtungen hervorbrachten. Als Ergebnis dieser Bewegung bestehen heute etwa 30.000 diakonische Einrichtungen in Deutschland. Dies wurde durch ein komplexes Finanzierungssystem ermöglicht, das traditionell starke Verbindungen zu staatlichen Behörden aufweist. Auch wenn diese Einrichtungen im Gesundheits- und Sozialbereich staatlichen Normen und Richtlinien folgen müssen, bestehen nach wie vor enge Beziehungen zwischen diakonischen Einrichtungen und landesweiten Kirchenstrukturen sowie Ortsgemeinden. In vielen Fällen unterstützen sie die professionelle Diakonie durch finanzielle Zuwen-
dungen, Mitwirkung in Vorständen und anderen Leitungsformen, ehrenamtliche Mitarbeit und spirituelle Begleitung. In den USA sind der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Amerika (ELKA) soziale Dienste angegliedert, die im ganzen Land tätig sind. Es bestehen im medizinischen und sozialen Bereich etwa 280 Organisationen, die in tausenden Gemeinwesen aktiv sind und jährlich über sechs Millionen Menschen, also jede/n 50. US-AmerikanerIn erreichen. Fünf Prozent dieser Organisationen sind von grösserer Dimension und an vielen Orten in zahlreichen Staaten vertreten. Ohne jeden Zweifel geben viele dieser Einrichtungen mit der von ihnen geleisteten christlichen Fürsorge für Menschen in Not ein einzigartiges Zeugnis. Sie fördern professionelle Kompetenz und bürgerschaftliche Verantwortung. Ein Heim für junge unverheiratete Schwangere in Brasilien wird zu einem Ort, an dem die Menschenwürde verteidigt und die Frauen auf die Zukunft vorbereitet werden. Ein Projekt zur ländlichen Gemeinwesenentwicklung in Madagaskar hilft kleinbäuerlichen Familien, ihre eigenen Möglichkeiten zu erkennen und ihre Nahrungsmittelproduktion nachhaltig zu verbessern. Ein Ausbildungszentrum in Indien eröffnet jungen Menschen, die von herkömmlichen Bildungssystemen ausgeschlossen sind, eine Chance.
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An die Bürgermeister und Ratsherren aller Städte
deutschen Landes, dass sie christliche Schulen auf-
richten und erhalten sollen, 1524, nach WA 15, S. 34.
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nige Kirchen, beispielsweise in Nordamerika, haben Strukturen entwickelt, die den Institutionen professionelle Leitung und institutionelle Unabhängigkeit sichern und gleichzeitig das Mitwirken der Kirche in den Leitungsgremien garantieren, wodurch der Auftrag der diakonischen Einrichtungen und ihre Beziehung zur Kirche geprägt wird.
3.4 Internationale Diakonie – Reaktion auf menschliche Not mit und im Namen der weltweiten Kirchengemeinschaft © ELKA/Laury Rinker
Zahlreiche diakonische Einrichtungen in der südlichen Hemisphäre wurden von MissionarInnen gegründet. Allerdings waren viele von ihnen nicht länger zu halten, als die Missionsgesellschaften ihre Zuwendungen reduzierten und Personal abbauten. Auch gibt es eindrucksvolle Beispiele für diakonische Einrichtungen, die durch lokale Initiativen entstanden sind und sich auf die Bedingungen vor Ort eingestellt haben. Häufig hat die moderne Missionsbewegung unabhängige institutionelle Strukturen innerhalb der Kirche hervorgebracht. Erst nach der ÖRK-Vollversammlung in Delhi 1961 wurde Mission voll in die ökumenische Vision von der Kirche integriert und nicht länger als Aktivität einiger weniger, meist aus der nördlichen Hemisphäre stammender Organisationen angesehen. Eine ähnliche vollständige Integration der Diakonie und insbesondere der institutionellen Diakonie in das Leben der Kirche hat in diesem Sinne nicht stattgefunden. Das liegt zum einen daran, dass einige Kirchen die institutionalisierte Diakonie nicht als ein dem Wesen und der Arbeit der Kirche zugehöriges Element wahrnehmen. Ein zweiter Grund liegt in der Tendenz einiger diakonischer Einrichtungen, nach wie vor ihre Arbeit unabhängig von den normalen Kirchenstrukturen zu organisieren. Dies ist eine Herausforderung für die betreffenden Einrichtungen wie für die Kirche. Aber dem ist nicht immer so. Ei-
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Das ökumenische19 Wesen der Kirche verlangt, dass diakonisches Handeln nicht durch geografische, ethnische, soziale oder selbst religiöse Grenzen beschränkt wird. Dieses Verständnis hat den Lutherischen Weltbund in seiner Berufung und Identität stark geprägt.20 Einer der wichtigsten Gründe, der 1947 auf seiner ersten Vollversammlung in Lund (Schweden) zur Gründung des Lutherischen Weltbundes führte, war die Notwendigkeit, nach dem Zweiten Weltkrieg den leidenden Menschen in Europa humanitäre Hilfe zukommen zu lassen. Hinter der ursprünglichen Charta des Flüchtlingsdienstes des Lutherischen Weltbundes stand eine starke Motivation zur Selbsthilfe: Es ging um Hilfe für das Sechstel aller LutheranerInnen, das infolge des Krieges geflohen oder vertrieben worden war. Dies verlieh dem LWB einen starken Schwerpunkt auf der Flüchtlingshilfe, der bis heute besteht.
19
Das Wort Ökumene leitet sich aus dem griechischen oik-
20
oumene – „die bewohnte Welt“ oder „die ganze Welt“ – ab.
Die folgenden Ausführungen stützen sich auf Brian
Neldners Beitrag im Development Education Forum
vom Juni 1997. Die Geschichte der LWB-Abteilung
für Weltdienst wird auch dargestellt in „Wir wollen einander helfen: Dienst im LWB“, in: Schjørring, Jens
Holger/Kumari, Prasanna/Hjelm, Norman A. (Hrsg.):
Vom Weltbund zur Gemeinschaft. Geschichte des Lutherischen
Weltbundes 1947-1997. Hannover 1997, S. 86ff.
Auf der zweiten Vollversammlung 1952 in Han- und durchgeführt werden. Hier besteht die Rolle nover kam die Sorge zum Ausdruck, dass der LWB der AME vor allem in der Finanzierung der Projekte wie sein Vorgänger, der Lutherische Weltkonvent, sei- und der Begleitung der ProjektträgerInnen bei Umnen Antrieb verlieren könnte, sobald die unmittelbare setzung und Berichterstattung. kriegsbedingte Not unter den LutheranerInnen bewälOhne seine konfessionelle Identität aufzugeben, tigt wäre. In einem historischen Beschluss bekräftigte verfolgt der LWB bei seiner internationalen humanidie Vollversammlung die fortdauernde Verpflichtung tären Arbeit einen ökumenischen Ansatz. der Mitgliedskirchen, den Bedürftigen zu helfen, aber Schon sehr früh begann eine enge ökumenische mit einem neuen Schwerpunkt. Hilfe sollte, dem Ruf Zusammenarbeit: Ein Meilenstein war die ökumenides Evangeliums gemäss, ohne Ansehen der Person sche Organisation der Flüchtlingshilfe in Afrika in den geleistet werden. Auf diese Weise wurde die humani- frühen 1960er Jahren. Der Christliche Flüchtlingstäre Arbeit des LWB begründet, mit dem klaren Auf- dienst von Tanganyika wurde vom LWB im Namen trag, Hilfe auch Menschen ausserhalb der lutherischen des Ökumenischen Rates der Kirchen und in KoopeGemeinschaft zukommen zu lassen. ration mit dem Christenrat von Tansania gegründet. Für die LWB-Abteilung für Weltdienst (AWD), Es folgte ein ähnliches Programm in Sambia. die für diese Arbeit im Namen der LWB-MitgliedskirZur gleichen Zeit entstand aus dem LWB-Prochen verantwortlich ist, ist menschliche Not der Aus- gramm für chinesische Flüchtlinge in Hongkong ein gangspunkt. Im Zentrum der AWD-Richtlinien, die umfassendes soziales Programm, das später an den von der Vollversammlung in Hannover angenommen Christenrat von Hongkong übergeben wurde. wurden, steht der Auftrag, „[solche Dienste] durchzufühDie schlimmen Dürreperioden in Afrika ab den ren und zu leisten [… Sie] sind weltweit und dienen Men- frühen 1970er Jahren brachten ein gemeinsames Engaschen in Not, unabhängig von deren Rasse, Geschlecht, Reli- gement kirchlicher Werke im Rahmen von Churches’ gion, Staatsangehörigkeit oder politischer Überzeugung“. Drought Action in Africa hervor, an dem LWB, ÖRK Die Aufgabe der AWD, Menschen in Bedräng- und katholische Träger wie Caritas Internationalis nis zu helfen, muss in Relation zur Aufgabe der Ab- und ihre nationalen Ableger beteiligt waren. Dies teilung für Mission und Entwicklung (AME) gese- führte zu weiteren gemeinsamen Aktionen, nicht nur hen werden, die das Zeugnis der Kirchen durch Mis- auf internationaler Ebene, sondern auch auf Ebene sion und Entwicklung stärken will. Dies geschieht der Ortskirche, wie etwa die neue Kooperation der teilweise durch Programme, die vom Sekretariat in Kirchen in Äthiopien und Eritrea. Heute ist die BeGenf koordiniert werden. Manche Programme ste- teiligung des LWB am ACT Bündnis klares Zeichen hen unter der Federführung der Regionalreferate seines fortdauernden ökumenischen Engagements. und betreffen bestimmte Problemfelder der jeweiliDer Beschluss zu den Menschenrechten auf der gen Region, beispielsweise Armut in Afrika, inter- Vollversammlung in Evian 1970 setzte den Rahmen, religiöse Zusammenarbeit in Asien, illegitime Aus- in dem der LWB durch seine Mitgliedskirchen in landsschulden in Lateinamerika oder die Beziehun- Konfliktgebieten aktiv ist. Nun wurde – insbesondere gen zwischen Kirche und Staat in Europa. Andere in Mosambik, Angola und Namibia – Menschen, die Programme bzw. Referate sind global angelegt. Sie sich für die Freiheit einsetzten oder von Befreiungsbeschäftigen sich mit den Bereichen HIV und AIDS, kämpfen betroffen waren weitreichende Hilfe geleiGenderfragen, Teilhabe junger Menschen, Perso- stet. Dazu gehörten humanitäre Hilfe für ExilantInnalentwicklung und Kommunikation. Zusätzlich nen und Flüchtlinge, Rückkehrhilfe, Wiederaufbau, koordiniert die AME die Unterstützung von 230 Instandsetzung und Entwicklung sowie auch soziale Projekten, die von LWB-Mitgliedskirchen geplant Betreuung und Seelsorge für im Exil lebende Men-
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schen und am Befreiungskampf Beteiligte. Die von förderte Programme sind Teil des christlichen DienLWB/AWD geleistete seelsorgerliche Begleitung der stes der Nächstenliebe. namibischen ExilantInnen erfolgte in ZusammenDie AWD arbeitet zudem eng mit den Vereinarbeit mit den wichtigsten Kirchen Namibias sowie ten Nationen zusammen. Schon auf der ersten Vollden Christenräten der Aufnahmestaaten. versammlung artikulierte der LWB gegenüber dem Die Entscheidung der Weltdienstkommission Generalsekretär der Vereinten Nationen seine Sorvon 1974, in Mauretanien, einem islamischen Land, ge um Flüchtlinge und Vertriebene. Im selben Jahr aktiv zu werden, war ein bedeutender Schritt, der wurde der LWB bei den VN akkreditiert. Damit bedas Konzept eines globalen Engagements der AWD gann die Jahrzehnte alte Partnerschaft der AWD mit im Namen aller LWB-Mitgliedskirchen bekräftig- VN-Organisationen und vor allem mit dem Hohen te. Solche Programme bauen wichtige Brücken zu Flüchtlingskommissar (UNHCR). Der LWB sieht Menschen in Ländern, die durch andere Religionen seine Arbeit als Ergänzung der Arbeit der VN, sie geprägt sind. 1997 bestätigte der LWB-Rat, dass der bietet den Vorteil einer Hilfe von Mensch zu Mensch. LWB die Menschenrechte als integralen Bestandteil Dieser Ansatz muss auch in Zukunft die Grundlaseiner Nothilfe und Entwicklungsarbeit betrachtet. ge aller Partnerschaften mit Regierungen und zwiDie Weltdienst-Programme werden direkt oder schenstaatlichen Organisationen bleiben. über mit dem LWB verbundene Werke mit erhebAuch in den nächsten Jahren werden politische lichen Mitteln zwischenstaatlicher Organisationen und wirtschaftliche Entwicklungen sowie Naturkataund staatlicher Geldgeber unterstützt. Dergestalt ge- strophen die Aufgaben der internationalen humanitä-
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ren Arbeit bestimmen. Weitere entscheidende Elemente sind Kultur, Fundamentalismus und religiöse Trennungslinien. Der LWB kann eine Rolle als Vermittler einnehmen und eine „diakonische Brücke“ über diese Trennungslinien bauen, wenn er mit den und im Namen der LWB-Mitgliedskirchen Menschen in Not hilft. Heute ist die AWD (inklusive ihrer assoziierten Programme) in 36 Ländern in Afrika, Asien, Europa, Lateinamerika und der Karibik aktiv. Der grösste Teil ihres Budgets von jährlich 100 Millionen US-Dollar fliesst in Nothilfe- und Entwicklungsprogramme. Unter dem Motto „Schafft Recht den Armen und Unterdrückten“ lässt sich die AWD von sechs Prioritäten leiten: 1. Reaktion und Vorbereitung auf Katastrophenfälle, 2. Aufbau nachhaltiger Gemeinwesen, 3. Kampf gegen HIV und AIDS, 4. Förderung von Frieden, Versöhnung und Menschenrechten,
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kirchliche Hilfe zur Bedingung, denn seiner Meinung 5. Verwandlung der Beziehung zwischen den Ge- nach konnte es keine gesunde ökumenische Gemeinschlechtern, schaft ohne praktische Solidarität geben. 1949, ein Jahr nach der ersten ÖRK-Vollversammlung in Amsterdam, 6. Umweltschutz. stellte der Zentralausschuss fest, die zwischenkirchliche Hilfe stelle eine permanente Verpflichtung des ÖRK Wie bereits erwähnt, teilen LutheranerInnen dieses dar, und sei am effektivsten auf ökumenischer Ebene zu Engagement mit anderen ChristInnen, weswegen die leisten. 1971 wurde die Abteilung in Kommission für internationale Diakonie seit Anbeginn ein wichtiger zwischenkirchliche Hilfe, Flüchtlings- und Weltdienst Teil der ökumenischen Bewegung ist. 1922 wurde in (CICARWS) umbenannt. Zürich unter der Schirmherrschaft des Bundesrates der Die Aufgabe der CICARWS bestand darin, „die Kirchen Christi in Amerika und des Schweizerischen Kirchen dabei zu unterstützen, ihre Solidarität zu zeiEvangelischen Kirchenbundes die Europäische Zen- gen, indem sie ihr Personal und ihre materiellen wie tralstelle für kirchliche Hilfsaktionen (EZ) gegründet, spirituellen Ressourcen miteinander teilen, und dieder später weitere europäische Kirchen beitraten. 1928 ses Teilen zu ermöglichen, um soziale Gerechtigkeit, zog sie nach Genf um, 1945 fusionierte sie mit dem menschliche Entwicklung und Nothilfe zu fördern.“ Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK). Gegen Ende der 1980er Jahre engagierte sich die ArAls Willem A. Visser ’t Hooft 1938 das Amt als beitseinheit vermehrt in dem Bestreben, Kirchen und erster Generalsekretär des ÖRK angetragen wurde, kirchlichen Gruppen in ihrem Nachdenken über die machte er die Schaffung einer Abteilung für zwischen- Ursachen der Probleme zu unterstützen und Methoden
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zu finden, mit deren Hilfe sie noch umfassender auf men Gerechtigkeit“ mehr als 1000 Projekte in Zusamdie Nöte der Menschen reagieren konnten. Als Kon- menarbeit mit Ortskirchen und Partnerorganisationen sequenz reduzierte die CICARWS ihre Projektarbeit, in Afrika, Asien, Lateinamerika und Osteuropa. hielt aber an einem System prioritärer Projekte fest, das Auf der einen Seite sind diese Organisationen ganz praktisch die Prioritäten und Herausforderungen die Instrumente von Einzelnen und Gemeinden, die der Ökumene aufgriff. 1992 wurde sie von einer neuen es als ihre christliche Pflicht ansehen, ihre Diakonie Einheit mit dem Namen „Teilen und Dienst“ ersetzt. nicht auf die unmittelbaren Nächsten zu beschränken, Wie bereits dargestellt, war die Not der Nach- sondern sie allen Leidenden zukommen zu lassen. kriegszeit für Kirchenleitende in vielen Ländern Auslö- Auf der anderen Seite engagieren sie sich im Auftrag ser zur Gründung internationaler Hilfsorganisationen. und auf Weisung der Ortskirchen für das Ziel, ArAber schon früher, im Jahr 1922, wurde das dänische mut und Unrecht zu bekämpfen und Partner in dieHilfswerk Folkekirkens Nødhjelp (DanChurchAid) sem Bestreben zu unterstützen. Die Organisationen gegründet, um in Osteuropa Hilfe zu leisten und ins- können also als Vermittlerinnen betrachtet werden, besondere die dortigen Minderheitenkirchen zu unter- die von ihren Kirchenmitgliedern zum gemeinsamen stützen. Gleichzeitig, und dann wiederum im Kontext diakonischen Handeln mit gleichgesinnten Partnern des Zweiten Weltkrieges, entstanden in der ganzen in anderen Teilen der Welt beauftragt wurden. Welt ähnliche kirchennahe Organisationen. Manche Seit den 1960er Jahren erhalten viele dieser Werdieser Organisationen wurden ursprünglich gegründet, ke staatliche Mittel und engagieren sich zunehmend um nach dem Krieg die Aufnahme der europäischen mehr in langfristiger Entwicklungsarbeit. AnwaltFlüchtlinge zu bewältigen, später erweiterten sie ihre schaftliche Initiativen sind ebenfalls ein wichtiger Arbeit auf weltweite internationale Diakonie. Teil ihrer Arbeit geworden. In den letzten Jahrzehnten Bis Ende der 1950er Jahre hatten die meisten hat dies zu einem Wandel in ihrem Selbstverständnis Organisationen ihre Aufmerksamkeit den nach Un- geführt. Zuallererst sehen diese Organisationen jetzt abhängigkeit strebenden Staaten der südlichen Hemi- vermehrt ihre Rolle als Initiatorinnen von Verwandsphäre und ihrem Kampf gegen Armut und koloniale lung, sowohl in ihrem eigenen Kontext als auch in Strukturen zugewendet. Neue Initiativen entstanden. der südlichen Hemisphäre. Dies basiert auf einem Die deutschen evangelischen Kirchen richteten 1959 besseren Verständnis der strukturellen Ursachen von das Programm Brot für die Welt ein. Heute unter- Armut und der Einsicht, dass menschliche Not ihren stützt diese Organisation unter dem Motto „Den Ar- Ursprung fast immer in systemimmanenter Unterdrückung und Ungerechtigkeit hat. Zweitens wird hieraus klar, dass Entwicklungsarbeit kein leichtes Unterfangen darstellt und Fachwissen erfordert. Als nach dem Zweiten Weltkrieg die ökumenische Diakonie organisiert wurde, erhielt sie multilaterale Strukturen. Dies erfolgte aus der Einsicht, dass die Probleme im Europa der Nachkriegszeit zu gross waren, als dass eine Kirche oder Organisation sie alleine hätte bewältigen können. Ab den 1970er Jahren hat sich die bilaterale Kooperation zur üblichsten Form internationaler Diakonie entwickelt, die von vielen wegen ihres direkten Kontaktes zwischen den Beteiligten bevorzugt wird. © FELM
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Bilaterale Zusammenarbeit ist deshalb beliebt, In acht Leitsätzen beschrieb eine Genfer Konsultation zum weil sie im Vergleich zur multilateralen Kooperati- Thema „Contemporary Understandings of Diakonia“ (modernes Diakonieverständnis) im Jahr 1982 Diakonie als ökumenisches System on als schneller und effektiver gilt. Auf der anderen zum Miteinanderteilen von Ressourcen: Seite verursacht auch der bilaterale Ansatz Probleme. Diakonie Manche afrikanischen Kirchen kooperieren mit vielen • ist essentiell für das Leben und Wohl der Kirche, Partnern auf bilateraler Ebene, was wegen der jeweils • konzentriert sich auf die lokale Ebene, unterschiedlichen Vorgaben in Bezug auf Strategiezie• ist weltweit in internationaler Solidarität aktiv, le, Berichterstattung usw. viel Arbeit verursacht. Der • verhindert das Anwachsen und Weiterbestehen ungerechter Strukturen, multilaterale Ansatz erlaubt eine bessere Kooperation. • beachtet die strukturelle und politische Dimension, • ist humanitär und geht über den Haushalt des Glaubens hinaus, Ausserdem ergibt sich die Frage, wie mit dem Mach• geschieht in Gegenseitigkeit, tungleichgewicht in bilateralen Beziehungen umge• befreit, sie betont die Bevollmächtigung und fördert die Teilhabe der gangen werden soll. Innerhalb einer multilateralen Menschen. Zusammenarbeit kann Macht leichter auf die diversen Beteiligten verteilt werden. Ein weiterer Vorteil dieses Quelle: From Inter-church Aid to Jubilee. A brief history of ecumenical diakonia in the Ansatzes ist sein Potenzial, mehr Akteure einzubezieWorld Council of Churches. ÖRK, Genf 2000, S. 13 hen, wodurch der Austausch von Wissen und Erfahrungen in einem grösseren Netzwerk ermöglicht wird. für eine auf Verwandlung ausgerichtete Entwicklung Diese Entwicklungen haben u. a. den Wunsch einsetzen können“.21 nach stärkerer ökumenischer Zusammenarbeit geweckt. Im Jahr 2009 gehörten ACT Entwicklung 70 Seit den frühen 1990er Jahren trafen sich Organisatio- Organisationen an, die in über 150 Ländern langfristig nen aus dem Norden regelmässig im Rahmen des Netz- angelegte Entwicklungsprojekte betrieben. Das Jahreswerks der LeiterInnen von Werken und Einrichtungen budget aller beteiligten Organisationen zusammen be(Heads of Agencies Network, HOAN), obwohl mit der trägt etwa 1,4 Milliarden US-Dollar. Die Arbeit konZeit zunehmend moniert wurde, dass Kirchen und kir- zentriert sich auf langfristige Entwicklung durch den chennahe Nothilfestrukturen der südlichen Hemisphäre Aufbau von Kapazitäten bei den Teilnehmenden und nicht einbezogen waren. 1995 wurde ACT International die Intensivierung ihrer Kooperation. Schon bei Grüngegründet, um weltweit koordiniert auf Katastrophen dung von ACT Entwicklung war klar, dass humanitäre reagieren zu können. 2000 entstand das Globale Öku- Hilfe, Entwicklungsarbeit und Anwaltschaft eng mitmenische Aktionsbündnis (EAA), mit der Aufgabe, das einander verknüpft und am besten von einem weltweiten weltweite anwaltschaftliche Engagement von Kirchen Bündnis koordiniert werden sollten. Aus diesem Grund und kirchlichen Organisationen zu bestimmten Themen wurden erhebliche Anstrengungen unternommen, um (momentan HIV/AIDS und Ernährungssicherheit) zu ACT International und ACT Entwicklung zusammenkoordinieren. Darauf folgten Initiativen zur Stärkung zubringen. Als Ergebnis eines intensiven Prozesses, in der Zusammenarbeit im Bereich Entwicklung, der ÖRK dessen Rahmen auch regionale Konsultationen stattfanwurde gebeten, diesen Prozess zu leiten. den, beschlossen die Vollversammlungen beider OrgaIm Februar 2007 wurde ACT Entwicklung nisationen mit jeweils überwältigender Mehrheit, ihre gegründet als „weltweites Bündnis von Kirchen und Aktivitäten zusammenzuführen und im Januar 2010 in kirchlichen Organisationen, die beauftragt sind, sich das neue ACT-Bündnis münden zu lassen. im ökumenischen Rahmen für Entwicklung einzusetzen, und die dies gemeinsam tun wollen“. Ihr Ziel 21 www.brotfuerdiewelt.de/downloads/englisch/ACTist es, „die Zusammenarbeit der Beteiligten zu förDev-Guide-Eng-Optimised.pdf (Text in englischer dern und zu unterstützen, damit sie sich wirkungsvoll Sprache), aufgerufen am 12.07.2010.
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Es gibt neun biblisch-theologische Begründungen für die ökumenische Diakonie im Kontext der Globalisierung. Ökumenische Diakonie • muss sich auf unseren – globalen wie lokalen – Kontext beziehen, • ist der Ruf, an Gottes Mission teilzuhaben, • ist prophetische Diakonie, • strebt Verwandlung und Gerechtigkeit an, • ist untrennbar mit der koinonia verbunden, • ist globale Diakonie und gilt allen Menschen sowie der gesamten Schöpfung, • beinhaltet Heilung, Versöhnung und Wiederaufbau, • baut gerechte Beziehungen auf und fördert Gegenseitigkeit und Miteinanderteilen. Wir sind zur Einheit in Gottes Mission berufen: in Mitgefühl übender, versöhnender, verwandelnder, Gerechtigkeit suchender und prophetischer Diakonie. Quelle: Chris Ferguson und Ofelia Ortega: Ecumenical Diakonia. Unveröffentlichtes ÖRK-Dokument, 2002, S. 3
Die globale Diakoniekonsultation des LWB, die im Oktober 2008 in Addis Abeba stattfand, bekräftigte die lange Tradition der Organisationen, die nach wie vor eine wichtige Rolle in der internationalen Diakonie spielen. Aber sie stellte auch fest, dass „weiter die Notwendigkeit [besteht], über Rollen und Herangehensweisen zu diskutieren.“ Die Konsultation empfahl, „neue Synergien und Verbindungen“ zu suchen, mit dem Ziel, „einen ehrlichen Dialog zwischen dem globalen Süden und dem Norden über neue Paradigmen für die Zusammenarbeit in Mission und Diakonie zu fördern, die für beide vorteilhaft sind und sich ergänzen.“ In diesem Bestreben sind Ansätze, die die Rechte Hilfsbedürftiger bzw. die bei ihnen vorhandenen Ressourcen zum Ausgangspunkt nehmen, von entscheidender Bedeutung, da sie von der Prämisse ausgehen, dass jede/r Einzelne und die lokale Bevölkerung als Ganze einen wichtigen Beitrag leisten können, um die Integrität und Nachhaltigkeit der Aktivitäten sicherzustellen.
Es besteht kein Zweifel, dass die internationale diakonische Arbeit dringend besser koordiniert werden musste und dass mit der Schaffung dieser Bündnisse wichtige Schritte in diese Richtung gegangen wurden. Gleichzeitig haben diese Initiativen Fragen zur weiter gefassten gegenseitigen Rechenschaftspflicht im diakonischen Handeln aufgeworfen. Ein Aspekt betrifft die Konzentration von Macht und die Frage, wie ver- 4.1 Bedeutung der Methodik hindert werden kann, dass die Organisationen des globalen Nordens die neuen Strukturen dominieren. Ein Die Bedeutung einer guten Planung diakonischen anderes Thema ist das Verständnis von Entwicklung: Handelns wurde bereits hervorgehoben. Ein wichin welchem Verhältnis steht die Schaffung von ACT tiges Element guter Planung ist das Aufstellen von Entwicklung zu den Kirchen und zu einem ganzheit- Zielsetzungen. Das Wort „Methode“ kommt aus lichen Missionsverständnis? Schliesslich geht es auch dem Griechischen (meta + hodos) und bedeutet „reium das Wesen professioneller und effektiver Arbeit sen“ oder „einer Strasse folgen“. Die Methodik beund die Frage, wer die Macht hat, über ihr Wann und schäftigt sich damit, wie methodisches Vorgehen zur Wie zu entscheiden. Obwohl ACT International und Erreichung eines bestimmten Ziels eingesetzt wird. ACT Entwicklung globale Diakonieinstrumente sein Für die diakonische Praxis ist die Frage der Mewollen, bleiben Fragen offen hinsichtlich der Zielset- thodik ganz entscheidend. Keine Methode ist neutral, zungen, Analysen und Anforderungen von Akteuren jede ist von bestimmten Werten geprägt. Deswegen des Nordens, die Kirchen und Organisationen im Sü- besteht die erste Aufgabe darin, Arbeitsmethoden den womöglich aufgedrängt werden könnten. Diese zu bestimmen, die partizipatorische Prozesse und Problematik wird sicherlich weiterhin Gegenstand der Bevollmächtigung fördern und den grundlegenden ökumenischen Diskussion sein. Werten diakonischer Arbeit Rechnung tragen.
4. Methoden der Diakonie
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Die sogenannte „Hermeneutik des Verdachts“ kann gute Dienste leisten, um diakonisches Handeln kritisch zu beleuchten. Hermeneutik bedeutet „Interpretationsweise“ und erfordert Neugier. Wir müssen uns ständig fragen: Welche Interessen stehen hinter diesen Worten und Taten? Die Welt und ihre Probleme stellen sich von der Warte der Mächtigen aus betrachtet anders dar, als aus der Perspektive marginalisierter Gruppen. Überlegte Diakonie muss sich dieses Konflikts bewusst sein und den Stimmen Raum geben, die anderweitig ignoriert werden. Dies steht in guter biblischer Tradition und geht in Richtung prophetische Diakonie.
4.2 Sehen – nachdenken – handeln Das Konzept „sehen – nachdenken – handeln“ wird von lateinamerikanischen TheologInnen verwendet und ist mittlerweile allgemein anerkannt als nützliches Instrument, um Theorie und Praxis miteinander zu verknüpfen. Es hat sich auch als äusserst hilfreiche Methode zur Planung und Umsetzung diakonischer Aktivitäten erwiesen. Die Arbeit nach dieser Methode beinhaltet folgende drei Schritte:
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Der erste Schritt ist das Sehen: Das Geschehen wird mit tität und des christlichen Glaubens in die Reflexion Hilfe der Sozialwissenschaften und anderer relevanter über die Praxis einzubringen. Während der erste Schritt Disziplinen gründlich analysiert, um ein authentisches hauptsächlich analytisch und an säkularem Wissen ausBild des Kontextes zu erhalten, in dem sich Diakonie gerichtet ist, ist der zweite Schritt eher hermeneutisch vollzieht. Eine solche Analyse sollte zuerst die Erfah- zu verstehen, weil er das Gesehene und Analysierte inrungen und Berichte von Menschen aus diesem Kon- terpretiert. Wie erkennen wir das Geschehen als Zeitext berücksichtigen. Wie stellt sich die Realität aus chen der Zeit im Licht des Wortes Gottes und der Verder Perspektive der Armen und Marginalisierten dar? heissung des anbrechenden Gottesreiches in Christus?22 Was wurde aus der diakonischen Praxis und von ande- Wie sind wir als ChristInnen in unserem Auftrag zur ren, die sich für Entwicklung und Verwandlung ein- Teilhabe an Gottes ganzheitlicher Mission zum Hansetzen, gelernt? Was sind die Stärken und Schwächen deln aufgefordert? Welche diakonischen Massnahmen solchen Eingreifens? Diese Fragen eröffnen Raum für könnten für die Situation relevant sein? das „stille Wissen“ und für Stimmen, die nicht immer Dieses Nachdenken wird der Kirche helfen, Zugang zu strukturierter Reflexion haben. ihre prophetische Stimme zu erheben, Unrecht und Sünde anzuprangern und die frohe Botschaft der ZuDer zweite Schritt besteht im Nachdenken: Dies ist der Moment, Anliegen und Impulse der christlichen Iden- 22 Mission im Kontext, a. a. O., S. 24.
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wendung Gottes zu den Armen und Leidenden in Wort und Tat zu verkünden. Bisweilen kann es hilfreich sein, diesen zweiten Schritt abzuwarten, bevor theologische Interpretationsweisen angewandt werden. Wenn wir von Anfang an eine Reflexion rein theologischer Art betreiben, könnte die Perspektive zu eng werden. Die dialektische Interaktion zwischen analytischer Beobachtung und theologischer Reflexion bietet einen fundierten interdisziplinären Ansatz für das diakonische Handeln und schafft zudem einen Mehrwert im Sinne professioneller Qualität. Der dritte Schritt ist das Handeln, also die Umsetzung der Einsichten aus den ersten beiden Schritten in die diakonische Praxis. Es steht zu hoffen, dass diese Vorgehensweise einen Zuwachs an Analyse, Disziplin, Zielgerichtetheit und Effektivität für die Praxis erbringt. Unsere Methode wird zwar in drei Schritten dargestellt, dabei sollte jedoch beachtet werden, dass der erste Schritt vom Handeln ausgeht und der dritte Schritt notwendig wieder in die Reflexion über die Praxis mündet. Der Prozess schlägt somit einen Bogen zurück zum Anfang. Das bedeutet nicht, dass er sich ständig selbst bestätigt, kritische Perspektiven und Fragen sollten diesen Prozess in allen Stufen begleiten.
4.3 Förderung bürgerschaftlicher Teilhabe
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Im Zusammenhang mit dem Zweck der Diakonie (Teil III.1.) kam die Frage auf, ob Diakonie auf einzelne Personen, Gruppen oder ganze Gemeinwesen ausgerichtet sein sollte. Während lange Zeit die Tendenz dahinging, Aktivitäten für und mit Gemeinwesen zu bevorzugen, weisen neue Erfahrungen darauf hin, dass der individuelle Ansatz nicht ausser Acht gelassen werden sollte. In vielen Fällen muss nicht zwischen diesen Optionen differenziert werden, sondern eher nach einer Möglichkeit gesucht werden, Synergien zwischen ihnen zu wecken. Ein Beispiel für diesen synergiebetonten Ansatz wurde währen der Zeit der Apartheid in Südafrika
entwickelt. Schwarze SüdafrikanerInnen wurden oft und politischen Herausforderungen motiviert. Aber dadurch benachteiligt, dass ihnen ihre weissen Arbeit- es orientiert sich auch an der alten Tradition des KageberInnen die ihnen zustehenden Rechte verweigerten techismus, der uns, den Zehn Geboten gemäss, lehrt, oder sie nicht anwandten. Aus dieser Situation heraus wie wir als BürgerInnen leben sollen. begannen einige diakonische Akteure mit Programmen Bürgerschaftliche Teilhabe wird auf drei Wegen zur Thematisierung politischer und rechtlicher Fragen. befördert: durch Anwaltschaft, Bildung und MobilisieIn den Townships wurden Kampagnen gestartet, um rung. Alle drei tragen bei zu einem Prozess der Verwanddas Bewusstsein für die Problematik zu schärfen und lung, der viele Dimensionen beinhaltet. Auf persönlicher die Menschen dazu zu befähigen, ihre Rechte einzufor- Ebene müssen die Menschen ihre Haltung der Unterledern. Gleichzeitig gab es juristische Beratung für Perso- genheit bzw. einen Fatalismus ablegen, der das Schicksal nen, die Dokumente benötigten, die ihnen mehr Schutz akzeptiert, ohne es zu hinterfragen. Auf gesellschaftlials ArbeitnehmerInnen und BürgerInnen sicherten. cher Ebene müssen Wissen und Fähigkeiten vermittelt Eine ähnliche Erfahrung in Lateinamerika bezieht und die Menschen zur Beteiligung an organisierten Aksich auf das Konzept der Förderung bürgerschaftlicher tivitäten befähigt werden. Hierbei besteht eine zentrale Teilhabe (construir cidadania im Spanischen) als gemein- Herausforderung darin, Manipulation in dem Sinne zu schaftliches Bemühen, das von der Vision einer guten vermeiden, dass darauf hingearbeitet wird, dass die MeiGesellschaft motiviert ist. Eine solche Teilhabe wird ver- nung oder Haltung von TrainerInnen/Lehrkräften etc. standen als die Gesamtheit der Rechte, die einer Person unhinterfragt übernommen wird. Wahre Bevollmächtidie Möglichkeit geben, sich aktiv an der Mitgestaltung gung erlaubt es den Menschen, ihre eigene Meinung zu der öffentlichen Belange ihrer Gesellschaft zu beteiligen. bilden, auch wenn sie manchen Erwartungen widerspreFehlende Teilhabe bedeutet, an den Rand der Gesell- chen sollte, die ein Projektträger eventuell hegt. schaft gedrängt oder vom gesellschaftlichen Leben und Es hat sich herausgestellt, dass eine bürgerschaftvon Entscheidungsprozessen ausgeschlossen zu sein und liche Teilhabe von fundamentaler Bedeutung für die innerhalb einer sozialen Gruppe eine untergeordnete Po- demokratische Kompetenz einer Gesellschaft ist. Desition einzunehmen. Der Aufbau bürgerschaftlicher Teil- mokratie muss von unten aufgebaut werden. Mündige habe umfasst somit Initiativen und Prozesse, durch die BürgerInnen wissen, wie sie die Bedürfnisse der einfaPersonen sich selbst in die Lage versetzen, neue Rollen in chen Bevölkerung ansprechen und ihre Unterstützung der Gesellschaft einzunehmen und dadurch sowohl ihre für deren Rechte kundtun können. Dies beinhaltet eigenen Rechte zu verteidigen als auch aktiv in sozialen gesetzliche, wirtschaftliche, soziale und kulturelle und politischen Bewegungen mitzuwirken. Ansprüche gleichermassen. Mündige BürgerInnen Diese Problematik findet sich in fast allen Welt- wissen, was sie unternehmen müssen, um wichtige regionen. Aufgrund der Erfahrungen während des Entscheidungen, die sich auf ihr Leben auswirken, zu Kommunismus stellen die Menschen in Osteuropa beeinflussen. Sie kennen Möglichkeiten, Regierungen fest, dass sie lernen müssen, gemeinsam Initiativen zu in die Verantwortung zu nehmen, und sie sind der ergreifen und zu aktiven und verantwortlichen Bür- friedlichen Koexistenz in multiethnischen und pluragerInnen zu werden. Viele westliche Länder wieder- listischen Gesellschaften verpflichtet. um machen die Erfahrung, dass weniger Menschen am organisierten politischen Leben teilnehmen und dass Organisationen, die sich traditionell auf ehren- 4.4 Aufbau des Gemeinwesens amtliches Engagement stützen, Mitglieder verlieren. Das diakonische Bemühen um die Förderung Förderung bürgerschaftlicher Teilhabe und Aufbau des bürgerschaftlicher Teilhabe wird durch diese sozialen Gemeinwesens gehen Hand in Hand. Von Projekten,
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die auf die Bedürfnisse einer bestimmten Gruppe, wie beispielsweise Menschen mit einer bestimmten Behinderung, ausgerichtet sind, wird letztlich die ganze Bevölkerung profitieren. In manchen Kontexten kann Diakonie Spielraum für politisches Handeln eröffnen, so geschehen etwa in Mittelamerika während der Militärdiktaturen der 1980er Jahre. Dementsprechend darf diakonisches Handeln nie isoliert von seinem gesellschaftlichen und politischen Kontext betrachtet werden. Die Entwicklung des Gemeinwesens ist zu einem wichtigen Bereich der internationalen Diakonie geworden. Ihr Ziel besteht darin, das ganze Gemeinwesen – und nicht nur eine privilegierte Gruppe – an der geleisteten Arbeit teilhaben und davon profitieren zu lassen. Methodisch werden so viele Bereiche wie möglich in die Arbeit mit den Menschen vor Ort einbezogen: Wasser, sanitäre Grundversorgung, Ernährungssicherheit, Umwelt, Bildung, Gender etc. Unabhängig vom Ausgangspunkt für diakonisches Handeln, sei es Nothilfe, Wiederaufbau, Katastrophenbereitschaft oder Entwicklungsarbeit, sollten die Massnahmen miteinander verbunden werden, sodass ein partizipatorischer und integrierter Ansatz entsteht. Dieser integrierte Ansatz orientiert sich an der Erkenntnis, dass alle Bereiche miteinander in Beziehung stehen und dass eine nachhaltige Entwicklung nur möglich ist, wenn sie alle gleichermassen einbezogen werden. Natürlich ist das eine grosse Herausforderung
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und kein Akteur kann diese Bandbreite an Aufgabenfeldern allein bewältigen. Deswegen ist die Arbeit im Netzwerk und mit PartnerInnen vor Ort so wichtig. In den letzten Jahrzehnten haben wir gelernt, dass Nachhaltigkeit das konsequente Einbinden der lokalen Bevölkerung in und deren Identifikation mit den Veränderungsprozessen erfordert. Aus diesem Grund soll die Entwicklung des Gemeinwesens Einzelne und Gruppen bevollmächtigen, indem sie ihnen die Fähigkeiten vermittelt, die zu einer Veränderung in ihrer Gemeinschaft benötigt werden. Diese Fähigkeiten konzentrieren sich häufig auf die politische Ebene; dazu werden grosse gesellschaftliche Interessengruppen gebildet, die sich für gemeinsame Ziele einsetzen. MitarbeiterInnen in diesem Bereich müssen sowohl mit Einzelnen arbeiten können als auch in der Lage sein, die Positionen der Gemeinwesen im Kontext grösserer gesellschaftlicher Institutionen zu beeinflussen. Die in der Diakonie Tätigen stehen immer vor der Herausforderung, ihre eigene Rolle und Macht mit der Rolle und Macht der betroffenen Bevölkerung ins Gleichgewicht zu bringen. Sich zurückzuhalten, zuzuhören und gemeinsame Ansätze und Lösungen zu finden, muss den Vorrang haben. Von aussen erzwungene Lösungen funktionieren nicht. Sie verletzen die Eigenständigkeit einzelner Personen und des Gemeinwesens und schätzen das Wissen und die Entscheidungsfindung gering, die Teil ihres bürgerschaftlichen Engagements sind. Deswegen versuchen heute Organisationen und andere diakonische Akteure, ihre Rolle bei der Umsetzung komplexer Projekte zu beschränken und stattdessen lokale PartnerInnen mit Kenntnis der Bedingungen vor Ort zu gewinnen. Ein weiteres Problem sind heikle Themen wie beispielsweise Landbesitz, Fragen der Gleichberechtigung oder kulturelle Praktiken wie die weibliche Genitalverstümmelung. Wie offen können diakonisch Tätige solche Fragen ansprechen? Sollten sie ihre Autorität einsetzen, um Fragen der Gerechtigkeit auf den Tisch zu bringen, oder missbrauchen sie damit ihre Macht? Würden sie auf der anderen Seite durch ihr Schweigen die prophetische Dimension der Diakonie vernachlässigen?
In den letzten Jahren ist klargeworden, dass Diakonie von einem rechtebasierten Ansatz ausgehen muss, der die Menschenrechte in den Mittelpunkt stellt. Die AWD hat diesen Ansatz zu einem Hauptelement ihrer Arbeit gemacht: „Zuallererst beinhaltet der rechtebasierte Ansatz auf allen Ebenen die Herausbildung eines Bewusstseins
für die Rechte der Menschen, sowohl bei den Macht-
losen als auch bei den Mächtigen. Entwicklungsziele
sind auch Menschenrechtsziele. Die Betonung der
Menschenrechte im Entwicklungskontext erleichtert
die Konzentration auf strukturelle Ungerechtigkeit,
die Verarmung und Ausgrenzung verursacht und auf-
rechterhält. Der bewusste Bezug auf Menschenrechts-
normen und -ziele trägt dazu bei, dass den Ursachen für Armut und Ausgrenzung bei der Konzeption und
Umsetzung von Entwicklungsprogrammen die nötige Aufmerksamkeit geschenkt wird, und verhindert, dass zu eng gefasste technische Ziele zur Messlatte der
Entwicklungsarbeit werden. Dieser Ansatz reduziert ausserdem das Risiko, dass die Armen als bedürftige
Objekte unserer Wohltätigkeit angesehen werden.“23
So wie diakonisches Handeln niemals seine christliche Identität verschleiern kann, kann es ebenso wenig seine grundlegenden Werte und seine Verpflichtung auf Gerechtigkeit und die Menschenwürde leugnen. Wie sich dies in der Praxis vollzieht, hängt allerdings vom jeweiligen Kontext ab.
4.5 Vernetzung mit anderen Akteuren In den letzten Jahren hat sich die Zivilgesellschaft als wichtiges Forum zur Förderung der Partizipation und des gesellschaftlichen Wandels etabliert. Bisweilen wird sie als „dritter Sektor“ gegenüber Staat und Markt als den anderen beiden grundlegenden 23
Uphold the Rights of the Poor. Global Strategy 2007-2012. LWB-Abteilung für Weltdienst, Genf 2007, S. 9.
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Sektoren der Gesellschaft bezeichnet. Die Zivilgesellschaft zu stärken bedeutet, ein Gegengewicht zur Macht der anderen beiden Sektoren zu schaffen, wie wir der folgenden Definition entnehmen können: „Der Begriff Zivilgesellschaft bezieht sich auf den Bereich ohne äußeren Zwang geschehenden kollektiven
Handelns, das von gemeinsamen Interessen, Zielen und
Werten motiviert ist. Theoretisch sind ihre institutionellen Formen getrennt von denen des Staates, der Familie
und des Marktes, obwohl in der Praxis die Grenzen zwischen Staat, Zivilgesellschaft, Familie und Markt häu-
fig verschwimmen bzw. komplex und verhandelbar sind.
Die Zivilgesellschaft umfasst normalerweise eine Vielzahl von Räumen, Akteuren und institutionellen For-
men, die in ihrem Mass an Formalität, Autonomie und
Macht variieren. Beispiele für Akteure der Zivilgesellschaft sind eingetragene Wohltätigkeitsorganisationen,
nichtstaatliche Entwicklungsorganisationen, Zusammenschlüsse auf der Ebene des Gemeinwesens, Frau-
enorganisationen, religiöse Gruppen, Berufsverbände,
Gewerkschaften, Selbsthilfegruppen, gesellschaftliche
Bewegungen, Wirtschaftsverbände, Aktionsbündnisse und Lobbygruppen.“24
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Definition der London School of Economics and Political Sciences: www.lse.ac.uk/collections/CCS/what_ is_civil_society.htm, aufgerufen am 06.07.2010.
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Die Rolle der Zivilgesellschaft bei der Stärkung horizontaler Strukturen der Gesellschaft und damit bei der Beförderung demokratischer Prinzipien ist allgemein als eine ihrer Hauptfunktionen anerkannt. Ausserdem hängt eine gute Regierungsführung davon ab, dass unabhängige nichtstaatliche Netzwerke existieren. Kirchen und religiöse Organisationen sind wichtige Akteurinnen der Zivilgesellschaft. Dieser Raum eröffnet den Kirchen eine neue Chance, sich aktiv in der Gesellschaft zu engagieren, was früher – besonders in Europa – häufig nicht der Fall war, soweit die Kirche Teil der staatlichen Machtstrukturen war. Als Akteurin der Zivilgesellschaft ist die Kirche nicht länger von hegemonialen Machtbestrebungen motiviert, sondern sucht nach Möglichkeiten, wichtige öffentliche Themen mitzugestalten und sich in den Dienst des Gemeinwohls zu stellen. Für die Diakonie bietet die Zivilgesellschaft eine einzigartige Chance, die Gesellschaft als Ganzes zu beeinflussen. Diakonische Initiativen können als innovative Beispiele öffentlicher Verantwortung gelten. Hier kommt die grundlegende Überzeugung ins Spiel, dass Diakonie alleine niemals alle menschlichen und sozialen Probleme bewältigen kann, sondern sich mit allen Menschen guten Willens verbünden sollte. Die innere Freiheit aller PartnerInnen dieses Bündnisses sollte respektiert und ermutigt werden. Die Zivilgesellschaft bietet ein gutes Forum für Vernetzung und Kommunikation und es ist wichtig, dass diakonische AkteurInnen diese Möglichkeit erkunden und ihre Arbeit in diesen weiter gefassten Kontext öffentlichen Engagements einbringen. Darüber hinaus bietet die Zivilgesellschaft auch Möglichkeiten, anwaltschaftlich tätig zu werden. In Fällen, in denen diakonisches Handeln nicht in der Lage ist, die Gerechtigkeitsthematik ausreichend zu berücksichtigen, können Verbindungen zu anderen AkteurInnen hilfreich sein. Dies gilt auch für die Beziehungen zu staatlichen Strukturen. In einigen Ländern haben die Erfahrungen der Vergangenheit zu einem tiefen Misstrauen gegenüber politischen Strukturen geführt, in anderen Ländern wiederum verhielten sich Kirchen ihrer
Regierung gegenüber sehr loyal – bisweilen gar bis zur Unterwürfigkeit. In diesen Kontexten können Bündnisse mit ähnlich gesinnten Akteuren geschmiedet werden. Im Dialog mit VertreterInnen des Staates verfügt man dadurch über grösseres Gewicht, wodurch sich auch die Qualität verbessert und positive Beiträge zum öffentlichen Diskurs eines Landes geleistet werden können. Gleichzeitig erhalten die Anliegen der Kirche und ihre diakonischen Leistungen mehr Aufmerksamkeit.
4.6 Rechenschaft Die gegenseitige Rechenschaft wird häufig als Grundwert internationaler Diakonie aufgeführt. Rechenschaftspflicht bedeutet, in der Zusammenarbeit zwischen zwei oder mehr PartnerInnen den jeweils anderen PartnerInnen gegenüber verantwortlich zu sein. Normalerweise beinhaltet die Rechenschaftspflicht zwei Schlüsselelemente: Verantwortlichkeit und Durchsetzbarkeit. Ersteres bezieht sich auf die Verpflichtung, Entscheidungen und unternommene Schritte zu rechtfertigen, Letzteres darauf, dass jede/ r PartnerIn die Möglichkeit hat, die Durchführung vereinbarter Massnahmen einzufordern. Wenn die Rechenschaftspflicht für alle Seiten gilt, haben sämtliche Beteiligten das Recht, die jeweils anderen PartnerInnen hinsichtlich der Einhaltung der eingegangenen Verpflichtungen in die Verantwortung zu nehmen. In der Realität ist dies nicht immer der Fall, weil häufig Asymmetrien in den Partnerbeziehungen bestehen. Traditionelle Geber-Empfänger-Beziehungen bringen ein Ungleichgewicht im Blick auf Macht und Entscheidungsfindung mit sich und sollten insbesondere in der Diakonie hinterfragt werden. Auf der anderen Seite muss energisch betont werden, dass Managementkompetenz und eine effiziente Arbeitspraxis für das diakonische Handeln essentiell sind, die gegenseitige Rechenschaft ist hierbei unerlässlich. Ohne diese Kompetenz werden auch die nobelsten Absichten keine soliden und verantwortlichen Massnahmen hervorbringen.
Heute bietet die gemeinschaftliche Durchführung von Planung, Monitoring und Evaluierung (PME) ein nützliches Hilfsmittel für Geberorganisationen aus dem Norden und ihre PartnerInnen im Süden, um Managementkompetenz und Arbeitsmethoden zu verbessern. Die Motivation besteht darin, „die internen Arbeitsmethoden zu verbessern, damit begrenzte Ressourcen im Kampf gegen Armut und Unrecht optimal eingesetzt werden können“ und des weiteren, „die Kommunikation zwischen Organisationen im Süden und Geberwerken im Norden zu verbessern, indem ihre Management-Informationssysteme angeglichen und, anstelle blosser Rechenschaft, auf Lerneffekte ausgerichtet werden und indem in den wichtigsten Projektphasen der rechtzeitige Austausch relevanter Informationen zwischen den PartnerInnen gewährleistet wird, die sich miteinander für gemeinsame Entwicklungsziele einsetzen.“ 25 Die Erklärung von Paris, ein internationales Abkommen, das 2005 unter Federführung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) von hochrangigen VertreterInnen von Staaten und Entwicklungsorganisationen unterzeichnet wurde, ist ein bedeutendes Beispiel für eine auf höchster politischer Ebene angesiedelte gemeinsame Verpflichtung zur Verbesserung der Qualität von Hilfsmassnahmen und zur Stärkung ihres Einflusses auf die Entwicklung. Eines der Kernelemente dieses Abkommens sind verbesserte Mechanismen der Rechenschaft, in denen Geldgebende wie Hilfe Empfangende in die wechselseitige Verantwortung genommen sind und die sicherstellen, dass die Einhaltung dieser Verpflichtungen öffentlich überwacht wird.26 Diese Anliegen sollten nicht als Forderungen externer Partner verstanden werden. Das Risiko besteht natürlich, da sie über Macht verfügen und ihre Unterstützung einstellen können, wenn bestimmte, 25
Building bridges in PME. Guidelines for good practice
in the planning, monitoring and evaluation of community-based development projects implemented by Southern
NGOs with support from European Ecumenical Agencies. 26
ICCO, Niederlande 2000, S. 6.
Weitere Informationen zur Erklärung von Paris und ihre Umsetzung finden Sie unter www.oecd.org.
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weise zur Einschätzung der vorhandenen Ressourcen, oder auch die sogenannte Appreciative Inquiry28 hilfreich sein. Damit treten die Vorteile des Projektträgers besser hervor, was wichtig ist, da die Aktivitäten sich nicht nur an den Bedürfnissen, sondern auch an den vorhandenen Stärken und verfügbaren Ressourcen orientieren sollten. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird eine solche Analyse die Durchführbarkeit und Nachhaltigkeit des Projekts verbessern. Es fällt Kirchen nicht leicht, zugunsten der Qualität ihre Ziele niedriger zu stecken. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass es ausserhalb der Kirche zahlreiche weitere Organisationen gibt und dass Diakonie nicht alle gesellschaftlichen Probleme lösen kann. Aus diesem Grund sind Bündnisse mit anderen Akteuren so wichtig. Ausserdem wächst der Druck auf die Kirchen, ihre Aktivitäten auf Bereiche zu konzentrieren, in denen ihr diakonisches Handeln den entscheidendsten Beitrag leisten kann.
von ihnen gestellte Bedingungen von den Partnern im Süden nicht eingehalten werden. Alle Beteiligten sollten sich jedoch mit den Prinzipien der Planung und Rechenschaft als ihren eigenen Stärken, Werten und Kompetenzen identifizieren. Kommunikation ist wichtig und Ehrlichkeit hinsichtlich eines etwaigen Machtungleichgewichts sollte Teil des Dialogs sein. Gutes Management und gute Arbeitsmethoden sind für den Erfolg der Arbeit unerlässlich. Die professionelle diakonische Kompetenz sollte im Interesse der In der Diakonie sind vielfältige AkteurInnen zu finden, Beteiligten und ihrer Würde im Ringen um ein besseres die meisten von ihnen bleiben anonym, weil sie lediglich Leben oberste Priorität haben. Ausserdem ist innerhalb tun, was sie angesichts von Leid, Not oder Unrecht als der Kirchen mehr Rechenschaft vonnöten. Es ist nicht natürlich und richtig empfinden. Dies gilt insbesondere akzeptabel, wenn manche Kirchenleitenden behaupten, für die individuelle Diakonie, wie wir sie im vorigen Kasie seien „allein Gott gegenüber“ Rechenschaft schul- pitel beschrieben haben. Aber auch in den anderen Ausdig, und keine Nachweise über ihre Finanzen erbringen. prägungen diakonischen Handelns ist es normal, dass Kirchliche EntscheidungsträgerInnen sollten mit gutem viel mehr Menschen beteiligt sind als nur die unmittelbar Beispiel vorangehen und Vorbilder für eine verantwor- Verantwortlichen. Es sollte ein vorrangiges Anliegen sein, tungsvolle und transparente Haushalterschaft sein. das Engagement dieser Menschen sichtbarer zu machen, Ein allgemeines Problem in der Projektarbeit ist nicht nur, um ihren Einsatz zu würdigen, sondern auch, der Enthusiasmus der Träger, die häufig viel mehr tun um Andere zum Mittun zu motivieren. Zweifellos wären wollen, als in Anbetracht der verfügbaren Ressourcen noch mehr Menschen bereit, sich einzubringen, wenn möglich ist. Hier ist eine gute Planung unabdingbar. ihnen dazu die Möglichkeit geboten würde. In dieser Phase kann eine sogenannte SWOT-Analyse27 oder eine andere Evaluierungsmethode, beispiels- 28 Anm. d. Übers.: Appreciative Inquiry ist eine aus den USA
5. AkteurInnen der Diakonie
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SWOT steht für Strengths (Stärken), Weaknesses (Schwächen), Opportunities (Chancen) und Threats (Risiken).
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stammende Analysemethode, die sich auf die positiven
Aspekte und das Potenzial eines Prozesses konzentriert. Sie wird häufig in der Unternehmensberatung angewandt.
Frauen spielen von jeher eine entscheidende Rolle den Kontext sozialisationsbedingter Verhaltensmuster in der Diakonie und es ist ein weit verbreitetes Phäno- in Familie, Kirche und Gesellschaft in den Blick. Gemen, dass mehr Frauen als Männer ehrenamtlich wie schlechterrollen in der Diakonie können auf der Grundauch beruflich in der Diakonie tätig sind. Dafür gibt es lage dieser Analyse kritisch diskutiert werden: Sollten zahlreiche, unter anderem auch historische Gründe. Wir sie nur widerspiegeln, was im jeweiligen Kontext übsollten uns mit dieser Tatsache befassen und sie kritisch lich ist, oder könnten sie eine Alternative im Sinne der untersuchen. Die Diakonissen spielten in der Diakonie- gleichberechtigten Teilhabe von Frauen und Männern bewegung des 19. Jahrhunderts, die in Deutschland ih- vorstellen? Es ist wichtig, einen solchen Ansatz in der ren Ausgang nahm, eine zentrale Rolle. Dies hatte damit diakonischen Identität und ihrer Verpflichtung auf Inzu tun, dass Frauen bis dato nicht die Möglichkeit hatten, klusion und Partizipation zu verwurzeln. am Berufsleben teilzunehmen. Die Diakonie trug weDie Analyse der Geschlechterrollen in der Diasentlich dazu bei, sowohl in der Kirche als auch in der konie sollte sich sowohl aus dem Glauben als auch aus Gesellschaft Raum für Frauen zu schaffen. den Menschenrechten begründen. Sie betont: Frauen Gleichzeitig waren Frauen von Führungsposi- und Männer sind Ebenbilder Gottes, gleichermassen als tionen in der Gesellschaft und in den Kirchen ge- HaushalterInnen beauftragt, in eine gleichberechtigte wöhnlich ausgeschlossen und sind es teilweise heute Gemeinschaft hinein getauft und vom Heiligen Geist noch. Selbst dem Diakonissen-Mutterhaus stand ein gestärkt, die gleiche Verantwortung für Gottes SchöpMann, meistens ein Pfarrer, vor. In vielen Fällen ist fung zu übernehmen. In diesem Prozess könnte es sich das heute nicht anders, Männer bekleiden Führungs- als nützlich erweisen, darüber nachzudenken, wie Frauen positionen und sind die wirklichen Entscheidungs- und Männer gemeinsam ihren Beitrag zur Diakonie leiträger bezüglich diakonischer Aktivitäten. In ande- sten können. Sind ihre Fähigkeiten und Rollen ähnlich ren Fällen sind zwar Frauen in Führungspositionen oder verschieden? Könnte es auch sein, dass ein diakonivertreten, Entscheidungsfindung und Budgetverwal- sches Engagement die Rolle von Männern und Frauen in tung obliegen aber nach wie vor den Männern. Eine Kirche wie Gesellschaft verändern wird? Oder ist es eher weitere traurige Wahrheit ist, dass in den meisten andersherum, dass nämlich Kirchen gesellschaftliche Teilen der Welt Männer besser bezahlt werden als Prozesse verzögern, die auf eine stärkere Anerkennung Frauen, selbst wenn sie dieselbe Arbeit tun. Dieses und Wertschätzung des Beitrags der Frauen hinlaufen? überkommene Unrecht läuft eindeutig der Identität Es ist wichtig, dass dieser Ansatz in dem Sinne und den Werten der Diakonie zuwider. praktisch ist, dass er Frauen und Männern durch SchuDie Annahme, dass Diakonie vorrangig eine Auf- lung und Organisation konkrete Hilfestellung leistet. gabe für Frauen ist, wird bisweilen als „Feminisierung“ Bevollmächtigung beinhaltet Machtverschiebungen. In der Diakonie bezeichnet. Dies könnte auf dem irrigen diesem Fall bedeutet das, Haltungen aufzubrechen, die Verständnis beruhen, dass die Diakonie im Leben der Männern sämtliche Macht vorbehalten, sowie ein UmKirche zweitrangig sei, und sich auf Fürsorge und die- feld und Regeln zu schaffen, die eine gleichberechtigte nende Demut beschränke. Eine derartige „Feminisie- Teilhabe und Leitungsverantwortung sicherstellen. rung“ der Diakonie ist theologisch nicht haltbar, weil Diakonie Auftrag des ganzen Leibes Christi ist, an dem Frauen und Männer gleichermassen teilhaben. 5.1 Ehrenamtliche MitarbeiterInnen Deswegen muss der Gender-Thematik in der Diakonie grosse Aufmerksamkeit geschenkt werden. Dies Ein Grossteil diakonischer Arbeit wird von einfachen umfasst sowohl die praktische als auch die strategische Gemeindegliedern geleistet. Das gilt auch für die orDimension. Eine Analyse der Rollenverteilung nimmt ganisierte Diakonie, denn selbst in diesem Bereich
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spielen ehrenamtliche MitarbeiterInnen eine entscheidende Rolle. Diese ehrenamtliche Mitarbeit wird natürlich hoch geschätzt und in vielen Kirchen laufen Programme, um mehr Menschen für die Mitarbeit zu werben. Dem liegt die feste Überzeugung zugrunde, dass das kirchliche Leben nicht allein von der Arbeit der Hauptamtlichen getragen werden kann. In manchen Fällen sind Ehrenamtliche hochqualifizierte Personen, die ihre beruflichen Fähigkeiten ohne Bezahlung in die diakonische Arbeit einbringen. Beispielsweise opfert ein Arzt oder eine Zahnärztin jede Woche einige Stunden seiner/ihrer Freizeit, um in einer diakonischen Einrichtung arme Menschen zu behandeln. Manche betrachten dieses Engagement als freiwilligen Beitrag bzw. als Möglichkeit, der Gesellschaft zurückzugeben, was sie selbst von ihr erhalten haben. In anderen Fällen sind die ehrenamtlichen Mitarbeitenden selbst bedürftig und erhalten vielleicht eine symbolische Anerkennung ihrer Arbeit, wie beispielsweise eine kostenlose Mahlzeit oder etwas Taschengeld. In vielen Ländern gibt es für junge Menschen die Möglichkeit, ein Jahr Freiwilligenarbeit zu leisten. Ein interessantes Beispiel ist das Diakonische Jahr in Deutschland, das jungen Leuten zwischen 16 und 27 die Möglichkeit bietet, ein Jahr in einer Gemeinde oder
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diakonischen Einrichtung mitzuarbeiten. Ein weiteres Beispiel ist die internationale nichtstaatliche Jugendbewegung Changemaker (etwa: Mensch, der Veränderungen bewirkt), die von jungen Erwachsenen gegründet wurde, die für das Hilfswerk Norwegian Church Aid tätig waren. Sie mobilisiert junge Menschen für die internationale Anwaltschaft und will die Ursachen der ungerechten Ressourcenverteilung zwischen reichen nördlichen und armen südlichen Ländern bekämpfen. Ein drittes Beispiel ist das Programm „Junge Erwachsene in der Weltmission“ der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Amerika. Vor diesem Hintergrund verdient die Rolle der Ehrenamtlichen eine tiefer gehende Reflexion als dies häufig der Fall ist, vor allem wo erwartet wird, dass sie einfach nur „einspringen“ und Aufgaben übernehmen sollen, die von den hauptamtlichen Mitarbeitenden vorgegeben werden. Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass ehrenamtliche Mitarbeitende keine AssistentInnen der Hauptamtlichen sind, sondern Menschen, die, ihren Talenten und Fähigkeiten entsprechend, wichtige Aufgaben übernehmen können. Viele Kirchen bieten beispielsweise Telefonseelsorge für Menschen in unterschiedlichen Krisensituationen. Gewöhnlich wird dieser Dienst von ehrenamtlichen Mitarbeitenden geleistet, die über eine entsprechende Ausbildung verfügen. In der Diakonie ist es – insbesondere auf Gemeindeebene – eine vorrangige Aufgabe, ehrenamtliche Mitarbeitende zu gewinnen, zu motivieren, zu befähigen und zu begleiten. Bisweilen wird ihnen zu viel abverlangt, werden sie zu oft in Anspruch genommen oder aber in ihrem Dienst alleingelassen. Manche geben nach kurzer Zeit wieder auf, manche von ihnen mit einem schlechten Gewissen oder dem Gefühl, ausgenutzt worden zu sein. Deswegen ist es wichtig, den ehrenamtlichen MitarbeiterInnen Anerkennung für ihr Engagement entgegen-
zubringen, sie in Planungs- und Evaluierungsprozesse 5.2 Hauptamtliche MitarbeiterInnen einzubeziehen und als wichtige PartnerInnen zu respektieren. Ehrenamtliche Mitarbeitende werden sich bei ih- Mit diesem Verständnis dessen, was als „Diakonat alrer Arbeit wohler fühlen, wenn ihnen Fortbildungsmög- ler Gläubigen“ bezeichnet werden kann, wenden wir lichkeiten angeboten werden. Und schliesslich sehen die uns der Rolle professioneller hauptamtlicher Mitarmeisten Ehrenamtlichen eine tiefe Verbindung zwischen beiterInnen in der Diakonie zu. Man könnte fragen, ihrem Glauben und ihrem Dienst – dies muss anerkannt was passiert, wenn „gute Werke“ von professionellen und gefördert werden. MitarbeiterInnen geleistet werden, die dafür ein GeIn gewissem Sinne könnte der Begriff „ehrenamt- halt beziehen. Handelt es sich nach theologischem lich“ missverstanden werden, insbesondere, wenn der Verständnis immer noch um „gute Werke“? Wenn wir Eindruck entsteht, dass es einen grundsätzlichen Unter- der Position Luthers folgen, nach der alles gut ist, was schied zwischen ehren- und hauptamtlichen Mitarbei- „im rechten Glauben“ getan wird, können wir feststeltenden gibt. Natürlich kann das bei hoch spezialisierter len, dass professionelle Kompetenz oder das Beziehen diakonischer Arbeit bisweilen der Fall sein, wenn be- eines Gehalts den Wert guter Taten nicht mindern. stimmte Aufgaben bestimmte Kompetenzen erfordern Sie können ihnen sogar zu besserer Qualität verhelfen. und die Arbeit entsprechend organisiert ist. Aber dies Professionelle Ausbildung und Kompetenz sind rechtfertigt keine Hierarchie zwischen professionellen vor allem ein Mittel, um die Qualität organisierter Diaund ehrenamtlichen MitarbeiterInnen, und sollte kei- konie zu gewährleisten, sei es auf Gemeindeebene oder nesfalls als Argument angeführt werden, die Identifi- im Rahmen diakonischer Einrichtungen. Traditionell kation mit der Diakonie und die Verantwortung für sie verkörpern DiakonInnen und Diakonissen im Leauf eine hauptamtliche Elite zu beschränken. Der Begriff „Freiwilligendienst“ könnte so interpretiert werden, dass eine solche Tätigkeit vom persönlichen Willen abhängt. Aus menschlicher Sichtweise ergibt das Sinn. Vom theologischen Standpunkt her können wir in Bezug auf die Diakonie aber einen Schritt weiter gehen und vom Dienst als Berufung sprechen, die allen Getauften gilt und Ausdruck eines neuen, vom Heiligen Geist bevollmächtigten Lebensstils ist. Martin Luther entwickelt seine Lehre zur Ethik der Berufung auf der Grundlage dieses Verständnisses und verweist auf die Welt als den Ort, an dem wir unsere christliche Berufung leben. Als Beispiel führt er an, ein Bauer solle seine tägliche Arbeit als gottgegebenen Dienst ansehen – dasselbe gelte für einen Schumacher oder einen Lehrer. Hieraus ergibt sich, dass weltliche Arbeit im selben Masse wie kirchliche Arbeit als Berufung und das alltägliche Leben als wichtiger Raum verstanden werden, um Gottes Zuwendung zu seiner Schöpfung zum Ausdruck zu bringen. Selbstverständlich ist diese Lehre für das diakonische Handeln von grosser Bedeutung. © FELM
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ben der Kirche eine solche Professionalität, heute sind nalisierung des Gesundheitswesens und der Sozialarbeit. noch weitere Berufsgruppen wie etwa medizinisches In der Diakonie besteht das Hauptziel der ProfessionaFachpersonal, SozialarbeiterInnen, Verwaltungs- oder lisierung darin, die Qualität der geleisteten Arbeit zu siWirtschaftsfachleute hinzugetreten und leisten ihren chern. Ein qualifiziertes diakonisches Handeln umfasst Beitrag dazu, die professionelle Qualität der Diakonie mehrere Dimensionen. Dazu gehört natürlich das Mazu sichern. Qualität verstehen wir in zweierlei Hinsicht: nagement, was in diesem Fall bedeutet, dass die Arbeit einerseits als Input in Bezug auf Motivation, innere gut organisiert ist, von der Planung bis zur Umsetzung Einstellung, Fähigkeiten etc., andererseits als Output Rechenschaft gegeben wird, dass die Ressourcen korrekt bezüglich der Arbeit selbst und ihrer Ergebnisse. eingesetzt werden und die Berichterstattung die AnforDie Professionalisierung des Gesundheitswesens derungen erfüllt. Noch wichtiger ist allerdings die Inund der Sozialarbeit erhielt nach dem Zweiten Weltkrieg haltsebene, die sich auf die Ergebnisse der Arbeit bezieht einen wesentlichen Schub und hing in vielen Fällen mit und der Frage nachgeht, ob die definierten Ziele erreicht der Entwicklung des Sozialstaats zusammen. Das Ziel wurden. Hierfür verfügt professionelle Arbeit über Anabestand zum einen in der Aufwertung der in diesen lyseinstrumente, Kenntnis der Arbeitsmethoden und entBereichen tätigen Personen und der Schaffung besserer sprechende Wertesysteme. Trotzdem bleibt die menschAusbildungs- und Arbeitsbedingungen, zum anderen liche Dimension die wichtigste Komponente. Die wahre – und dieser Punkt ist noch wichtiger – sollten dadurch Qualität diakonischer Arbeit bemisst sich daran, wie zugunsten der Bedürftigen die Leistungen verbessert die Menschenwürde im Kontext einer ganzheitlichen werden. Es wurde zu einer gesetzlichen Anforderung, Weltsicht geachtet wird, wie Ausgrenzungsmechanisdass professionelle MitarbeiterInnen im Gesundheits- men überwunden werden, wie Menschen befähigt werund Sozialwesen über das nötige Wissen verfügen, um in den, über ihr eigenes Leben zu bestimmen, und wie dies komplexen Situationen menschlichen Leidens eingreifen alles zur Verwandlung der Gesellschaft beiträgt. Diese zu können, die Lebensqualität der Betroffenen zu verbes- Qualität beinhaltet die Kompetenz, mit der spirituellen sern und dabei deren Würde zu wahren. Dimension solcher Prozesse in Bezug auf individuelle SiDasselbe gilt für die Professionalisierung der diako- tuationen umzugehen, sowie die Fähigkeit, spirituellen nischen Arbeit. Tatsächlich spielten diakonische Ausbil- Bedürfnissen auf professionelle Art gerecht zu werden, dungsinstitute häufig eine Vorreiterrolle in der Professio- und Glauben, Spiritualität und Religion in der Gesamtsicht vom menschlichen Leben zu berücksichtigen. Alle diese Aspekte sind für die internationale Diakonie von grosser Relevanz. Neue Chancen und Probleme erfordern Fachwissen und Kompetenz. Manchmal entsteht der Eindruck, dass vor allem westliche Organisationen diese Frage ansprechen, weil die staatlichen Geldgeber darauf bestehen und immer höhere Ansprüche an ihre Arbeit und Berichterstattung stellen. Dies kann eine wichtige Rolle spielen, aber der wahre Grund, warum Diakonie professionell geleistet werden muss, ist die Gewährleistung der Qualität der Arbeit und der erhofften Ergebnisse. Um es ganz klar zu sagen: Der wichtigste Grund, professionell zu arbeiten, ist die Achtung vor den und die Sorge um die Menschen, denen diese Arbeit dienen soll. © LWB/E.-S. Vogel-Mfato
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Kritisches Urteilsvermögen ist integrales Element professioneller Ausbildung. Deswegen ist es wichtig, dass dieses Urteilsvermögen auch selbstkritisch eingesetzt wird und Fragen zu Risiken und Beschränkungen professioneller Arbeit benennt. Hier kann eine elitäre Haltung problematisch sein, die die Weisheit engagierter Laien ignoriert und sie von der Teilhabe ausschliesst. Sie wird auch dann zum Problem, wenn sie die Diakonie den Fachleuten vorbehalten will oder von einem strikten Säkularismus geleitet wird, der keinen Raum für spirituelle Werte und Praxis lässt. Unter solchen Bedingungen fühlen sich Laien machtlos und werden oft nicht gehört. Die professionellen Mitarbeitenden wiederum werden als „TechnokratInnen“ wahrgenommen, wie es eine Geschichte aus Madagaskar illustriert: Ein Projekt erhielt Besuch von VertreterInnen einer Partnerorganisation, die das Projekt seit vielen Jahren finanziell unterstützte. Danach beklagten die Projektverantwortlichen vor Ort: „Sie haben nur nach Akten und Berichten gefragt. Sie haben viel Zeit damit verbracht, unsere Bücher zu prüfen, und nur wenig Zeit, mit Projektbeteiligten zu sprechen. Und sie haben nicht gefragt, welche Auswirkungen das Projekt auf das tägliche Leben hat.“ Die Konsultation in Addis Abeba forderte eine „Kultur des Zuhörens“ in der Diakonie und bezeichnete es als grundlegendes Erfordernis, „dass professionelle Kompetenzen und lokale Erfahrungen und lokales Engagement miteinander verbunden werden, damit beide voneinander profitieren können.“ In der Tat ist es wichtig, die Wechselbeziehung zu bezeugen, die zwischen allen Formen der Diakonie und ihrer Aufgabe besteht, einander zu unterstützen und zu stärken – auch wenn unter manchen Umständen eine Form die Führungsrolle bei der Organisation der notwendigen Arbeit übernimmt. Dies könnte etwa in einer Katastrophensituation der Fall sein, die weit über das hinausgeht, was eine Ortsgemeinde oder -kirche leisten kann. Aber selbst dann wäre es falsch, die Rolle der Ortskirche und ihre besonderen diakonischen Kapazitäten zu ignorieren, besonders im Blick auf die langfristige Entwicklung. Diakonie will Menschen dazu bevollmächtigen, an Prozessen des Wandels mitzuwirken. Die Fä-
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higkeit, in diesem Sinne zu wirken, muss integraler Bestandteil diakonischer Ausbildung und professioneller Kompetenz sein. Sie schlägt sich sowohl in der Wahl des Ansatzes als auch in der Methodik nieder. Aber sie zeigen sich auch in einem ganzheitlichen Verständnis der menschlichen Realität und in der Fähigkeit, Glauben, Spiritualität und Wertesysteme für den Einsatz zur Verbesserung der Lebensbedingungen zu mobilisieren.
5.3 Das ordinierte Amt DiakonInnen und Diakonissen, die für die diakonische Arbeit ausgebildet sind, repräsentieren eine explizite Form professioneller Diakonie. In manchen lutherischen Kirchen gilt der Diakonat als Teil der kirchlichen Amtsstruktur. Einige Kirchen (beispielsweise in Schweden und Brasilien) anerkennen das Amt des Diakons/der Diakonin als integralen Bestandteil des ordinierten Amtes, während in anderen Kirchen der Begriff „ordiniert“ dem Pfarramt vorbehalten ist und für DiakonInnen die Begriffe „Beauftragung“ oder „Einsegnung“ verwendet werden. Ein wieder anderes Beispiel bietet Indonesien: Die Protestantisch-Christliche Batak-Kirche (HKBP) betreibt eine Ausbildungsstätte für Diakonissen und hat 1983 entschieden, dass Diakonissen ordiniert werden können.
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Unter LutheranerInnen besteht kein Konsens be- Armen hilft. Er vertrat die Meinung, die Kirche bezüglich des Wesens und der Rolle des diakonischen nötige solche Diakone, aber zur Zeit der Reformation Amtes. Luther brach mit der katholischen Tradition, gab es in den lutherischen Kirchen nur wenige konnach der ein zukünftiger Priester zunächst für einige krete Initiativen zur Schaffung eines geordneten diaZeit (normalerweise ein Jahr) das Amt des Diakons konischen Amtes. Tatsächlich verkörperte der Pfarrer auszuüben hat. Dieser sogenannte „Übergangsdia- allein das geistliche Amt, in enger Anlehnung an die konat“ ist auch heute noch üblich in Kirchen, die ein orthodoxe lutherische Lehre und ihre Interpretation hierarchisches Amtsverständnis haben, etwa in der rö- der Confessio Augustana, die das Amt der Kirche misch-katholischen und der anglikanischen Kirche. primär als Verkündigung des Evangeliums und VerNach Ansicht Luthers sollte ein Diakon kein waltung der Sakramente definierte. Dies wurde ge„Mini-Priester“ sein, sondern eine Person, die den wöhnlich mit dem Amt des Pfarrers gleichgesetzt. Die Ordnungen für Diakone und Diakonissen, die im Rahmen der Diakoniebewegung des 19. Jahrhunderts entstanden, hatten zunächst keinen Bezug zum kirchlichen Amt, obwohl es einige Initiativen zur Schaffung solcher Verbindungen gab. Der Auftrag einer Person, die für den diakonischen Dienst, meist in medizinischen und sozialen Einrichtungen, beauftragt wurde, erstreckte sich nicht auf die Verkündigung des Evangeliums und die Verwaltung der Sakramente im engeren Sinne. Mit anderen Worten war sie zweifellos als kirchliches Personal anerkannt, gehörte aber nicht der kirchlichen Amtsstruktur an. In den letzten Jahren wurde sowohl in der Ökumene als auch innerhalb lutherischer Kirchen häufig über ein mögliches Wiederaufleben des diakonischen Amtes diskutiert. Ein wichtiger Impuls kam 1982 vom ÖRK und seiner Kommission für Glauben und Kirchenverfassung, die das so genannte Lima-Papier zum Verständnis von Taufe, Eucharistie und Amt herausgab. Hier wird die dreigliedrige Amtsstruktur mit Bischof/Bischöfin, PresbyterIn (PfarrerIn) und DiakonIn behandelt, wie sie in der Urkirche anerkannt war. Bezüglich des diakonischen Amtes finden wir den Hinweis: „In vielen Kirchen besteht heute eine starke Tendenz, den Diakonat als ein ordiniertes Amt mit seiner eigenen Würde wiederherzustellen, Hin und wieder höre ich, dass Beratung und Diakonie getrennt der ein Leben lang ausgeübt werden soll [...] Diakone stellen werden müssen. Diakonie wird manchmal als Evangelium in Aktion beschrieben. Mit einem Menschen zusammenzusitzen ist eine wichtige der Kirche ihre Berufung als Dienerin in der Welt vor Augen. Handlung, die Sinn verleiht. Deshalb sind für mich Beratung und Indem sie sich in Christi Namen für die unzähligen BedürfDiakonie untrennbar miteinander verbunden. nisse der Gesellschaften und Personen einsetzen, verdeutlichen die Diakone die wechselseitige Abhängigkeit von Gottesdienst Stigs Kerstin Olsson, Diakonin der Gemeinde Säffle, Schwedische Kirche und Dienst im Leben der Kirche. Sie üben Verantwortung
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im Gottesdienst der Gemeinde aus: z. B. indem sie die Schrift die DiakonIn in das kirchliche Amt einzubeziehen. In lesen, predigen und die Gemeinde im Gebet leiten. Sie helfen diesem Sinne wird der Diakonat als grundlegende Dibei der Unterweisung der Gemeinde. Sie üben einen Dienst mension des einen Amtes der Kirche betrachtet – ein der Liebe innerhalb der Gemeinschaft aus. Sie erfüllen gewisse theologisches Prinzip, das Anwendung finden könnte, Verwaltungsaufgaben und können gewählt werden für Ver- wenn die Kirche eines Tages, unter Einbeziehung des antwortungsbereiche der Leitung.“ 29 Diakonats, ihr Amt neu strukturiert. Einige lutherische Kirchen haben das diakoniIn diesem Fall wird der/die DiakonIn nicht als sche Amt gemäss dieser weit verbreiteten kirchlichen „Mini-Priester“ verstanden, sondern als Person mit beTradition gestaltet. DiakonInnen tragen normalerwei- sonderer diakonischer Ausbildung, die sie zu einer Fühse die Hauptverantwortung für die Organisation der rungsrolle in der Kirche befähigt. Die Funktion gilt diakonischen Arbeit der Ortsgemeinde und von ihnen dann als ein Ausdruck des bene esse (Wohls) der Kirche wir erwartet, dass sie zusätzlich im Gottesdienst mit- im Dienst ihrer Identität und Mission, und nicht als wirken. Dies kann liturgische Aufgaben beinhalten, Lehrposition in dem Sinne, dass das Amt der Kirche wie beispielsweise Gebete für Kranke und Bedürftige, auf eine spezifische Weise strukturiert sein muss. oder sie treffen beispielsweise die nötigen VorkehrunDie LWB-Konsultation zum Thema „Prophetigen, dass alle Menschen am Abendmahl teilnehmen sche Diakonie“ in Johannesburg 2002 wies in ihrer Abkönnen, also auch Menschen mit Behinderungen. schlussbotschaft auf die Bedeutung diakonischer LeiIn der Diskussion um das diakonische Amt tungsverantwortung hin und forderte die Kirchen auf, kommt häufig eine allgemeine Skepsis gegenüber der die Vermittlung diakonischer Kompetenz zu ermöglidreigliedrigen Amtsstruktur zum Vorschein, insbe- chen und zu fördern: „Als Amt sollte er (der Diakonat) voll sondere wenn diese hierarchisch verstanden wird, wo- integriert sein in die ordinierten, geweihten und beauftragdurch der/die DiakonIn unter dem/der PfarrerIn und ten Ämter der Kirche als Widerspiegelung der fundamentader Bischöfin/dem Bischof steht. Die lutherische Tra- len Bedeutung der Diakonia für das Sein der Kirche.“ 31 dition kennt nur ein ministerium ecclesiasticum. Auf der Auch hier ist der Ausgangspunkt das Verständnis anderen Seite räumen die meisten LutheranerInnen vom Wesen der Kirche. Ist Diakonie dem Kirchesein ein, dass zwischen dem Amt des Bischofs/der Bischö- immanent, muss sich dies auch in der Leitungsstruktur fin und dem der Pfarrerin/des Pfarrers ein Unterschied der Kirche niederschlagen. Diese Perspektive wurde besteht.30 Wenn beide als Ausprägungen desselben 2005 auf einer LWB-Konsultation in São Leopoldo Amtes gelten, kann dann das diakonische Amt als (Brasilien) zum Thema „Das diakonische Amt in den eine weitere nötige Ausprägung betrachtet werden? lutherischen Kirchen“ weiter ausgeführt: „Aus einer ganDiese Diskussion sollte sich nicht auf das drei- zen Reihe von Gründen sind wir davon überzeugt, dass die gliedrige Amt konzentrieren, sondern auf das Ver- Bedeutung von Diakonia im Kontext des kirchlichen Zeugständnis davon, was es in der heutigen Welt bedeutet, Kirche zu sein. Die BischöfInnen der Norwegischen 31 Prophetic Diakonia: For the Healing of the World. Report. Kirche berieten 2004 über diese Frage und schlossen, Johannesburg South Africa. November 2002, LWB Genf, dass Überlegungen zum diakonischen Wesen der KirS. 9; deutsche Fassung zitiert nach: Das diakonische che und aktuelle Probleme gute Gründe liefern, den/ Amt in den lutherischen Kirchen. Abschlusserklärung der 29
Taufe, Eucharistie und Amt. Ökumenischer Rat der
30
Kirchen, Genf 1982, §31 bzw. Kommentar.
Das bischöfliche Amt im Rahmen der Apostolizität der Kirche. Erklärung von Lund 2007. LWB Genf 2008.
weltweiten LWB-Konsultation unter dem gleichen
Titel, Sao Leopoldo, Brasilien, 2.-7. November 2005, w w w.lutheranworld.org/ W hat_We_ Do/DTS/
DTS-Documents/DE/DTS_Statement_Diakonia-
2005_DE.pdf, aufgerufen am 03.07.2010.
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nisses in den letzten Jahren zugenommen hat. Die meisten Mitgliedskirchen des Lutherischen Weltbundes finden sich in unterschiedlichen sozio-politischen sowie interreligiösen Kontexten vor. Manchmal befinden sie sich in einer Minderheitensituation. […] Unter diesen Bedingungen kann das diakonische Amt eine besonders wirkungsvolle Weise sein, die Liebe Gottes zum Ausdruck zu bringen.“ 32 Der Konsultationsbericht fährt fort: „Für uns bezieht sich Diakonia auf ein Kernelement des Wesens der Kirche und ihres Auftrags in der Welt. Diakonisches Zeugnis und diakonischer Dienst ist die Äusserung von Diakonia im Leben der Kirche, an welcher im täglichen Leben teilzunehmen jeder Christ und jede Christin durch die Taufe berufen ist als Ausdruck des Priestertums aller Gläubigen. Das diakonische Amt ist ein spezifischer Ausdruck des einen Amtes der Kirche 32
The Diaconal Ministry in the Mission of the Church. LWB-Studien 01/2006, Genf, S. 82; Abschlusserklärung in deutscher
Sprache: „Das diakonische Amt in den lutherischen Kirchen“, www.lutheranworld.org/What_We_Do/DTS/
DTS-Documents/DE/DTS_Statement_Diakonia
-2005_DE.pdf, S. 1f, aufgerufen am 03.07.2010.
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(ministerium ecclesiasticum, Augsburgisches Bekenntnis, Art. 5). […] Wir gehen davon aus, dass das Potential unserer lutherischen Tradition noch nicht ausgeschöpft ist. Das eine (öffentliche) Amt der Kirche (Augsburgisches Bekenntnis, Art. 5 und 14) ist von Gott eingesetzt. Dennoch muss sich die Kirche der Aufgabe stellen, im Licht sich ständig verändernder historischer Bedingungen das Amt je neu zu ordnen. Wie wir gesehen haben, lassen das biblische Zeugnis selbst wie auch die Geschichte der Kirche, der lutherischen eingeschlossen, erkennen, dass es kein einheitliches oder universales Muster für eine solche Regelung gibt.“33 Diese Überlegung führt zu folgender Schlussfolgerung: „Wir rufen alle Mitgliedskirchen dazu auf, die Art und Weise, in welcher sie das kirchliche Amt geordnet haben, erneut zu prüfen. Dies sollte insbesondere in der Weise geschehen, dass die diakonische Verantwortung ihres Auftrags in entsprechender Weise zum Ausdruck kommt.“34
33
Abschlusserklärung, ebd., S. 2ff.
34
Ebd., S. 6.
6. Kompetenzaufbau für die Diakonie In den meisten Fällen wird diakonisches Handeln unmittelbar veranlasst durch die Bedürfnisse und Nöte anderer Menschen und zur Verteidigung ihrer Rechte. Es ist Reaktion sowohl auf äußere Herausforderungen, vor die uns Leid und Not stellen, als auch auf innere Impulse des Mitgefühls, der Solidarität und sogar der Empörung oder des Protestes, wenn andere Menschen unter Unrecht leiden oder ausgeschlossen werden. Vermutlich stimmt es, dass einem Menschen spontanes Handeln nicht antrainiert werden kann. Aber es trifft auch zu, dass keine Handlung je wirklich spontan ist, weil sie immer die grundlegende Einstellung, die Werte und Überzeugungen der handelnden Person widerspiegelt. Aus der Forschung wissen wir, dass das, was wir meist als Intuition bezeichnen, das Ergebnis früherer Erfahrungen und oftmals auch der Erziehung und Bildung ist. Daraus können wir schliessen, dass es möglich ist, sich auch auf spontane Diakonie vorzubereiten und ihr durch entsprechende Schulung zu höherer Qualität zu verhelfen. Beispielsweise kann eine Gemeinde in einem Umfeld, in dem viele HIV-positive Menschen leben, Workshops organisieren, die das Bewusstsein schärfen für das richtige Verhalten zur Verteidigung der Menschenrechte und für eine von liebevoller Zuwendung geprägte Haltung. Jegliche Schulung bzw. Ausbildung sollte das grundlegende Prinzip vermitteln, dass diakonisches Handeln über blosse Wohltätigkeit hinausgeht, und die Unterscheidung zwischen „uns, den Helfenden“ und „ihnen, den Hilflosen“ hinterfragen. Ausserdem sollte deutlich gemacht werden, dass alle Menschen über Weisheit, Talente und Fähigkeiten verfügen und einen Beitrag zur diakonischen Arbeit leisten können. Beispielsweise können HIV-positive Menschen grundlegende Einsichten zur Arbeit im Bereich HIV/AIDS beisteuern, etwa wenn sie bei Seminaren als TrainerInnen fungieren. Nur dann können die unterschiedlichen Dimensionen dieses Problems aus einer menschlichen Perspektive betrachtet werden,
die sich in von Mitgefühl, Zuwendung und Gerechtigkeit motiviertes Handeln umsetzen lässt. Massnahmen, die persönliches Wachstum und eine veränderte Einstellung fördern, sind eine wichtige Dimension dieses Prozesses. Zum Programm einer diakonischen Bildungsstätte in der Schweiz, die gleichzeitig eine Einrichtung für Menschen mit schweren geistigen Behinderungen unterhielt, gehörte die Anforderung, dass jede/r SchülerIn im ersten Jahr das Zimmer mit einer behinderten Person teilt. Beide Seiten sollten von dieser Erfahrung profitieren. Die Notwendigkeit, Mitarbeitenden diakonische Kompetenzen zu vermitteln, wird noch dringlicher, wo es um organisierte Diakonie geht. Manche Gemeinden haben festgestellt, dass Besuche bei kranken und einsamen Menschen Vorbereitung erfordern. Diese Vorbereitung erleichtert dem/der BesucherIn – und vermutlich auch der besuchten Person – die Situation. Da der Besuch im Namen der Gemeinde erfolgt, müssen ausserdem alle Beteiligten mit den Zielsetzungen eines solchen Besuchsprogramms vertraut sein. Die Erfahrung lehrt, dass gute Vorbereitungs-, Begleitungs- und Evaluierungsstrukturen bessere Teilhabe ermöglichen und zu besseren Ergebnissen führen. Erfahrungsberichte zu hören und Aufgabenstellungen in ihrem weiter gefassten sozialen, kulturellen und politischen Kontext zu analysieren, sind wichtige Elemente einer fundierten diakonischen Ausbildung. Aber weil diakonische Praxis zwingend das aktive Handeln beinhaltet, ist die praktische Schulung noch wichtiger. Rollenspiele sind eine beliebte Methode, um bestimmte Situationen einzuüben – beispielsweise Gefängnisbesuche. Eine andere Möglichkeit sind Kleingruppen, die gemeinsam agieren und deren Mitglieder sich gegenseitig Rückmeldung geben. Die institutionalisierte Diakonie erfordert normalerweise ein höheres Ausbildungsniveau. Als vor 150 Jahren in Europa diakonische Einrichtungen entstanden, gehörte die Bildung von Anfang an als wesentlicher Bestandteil zu ihrer Arbeit. Diese Ausbildungsstätten spielen auch heute noch eine wichtige Rolle bei der Kommunikation diakonischer Anliegen in Kirche und Gesellschaft hinein sowie bei
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Ausbildung und Forschung. Von Beginn an war die Aus- battiert wird, tritt die Verbindung zwischen Religion und bildung interdisziplinär angelegt. Diakonissen wurden zu Entwicklung zutage. Die Weltanschauung eines MenKrankenschwestern ausgebildet, aber gleichzeitig erhielten schen wird in der Regel von seinen religiösen Überzeusie eine fundierte theologische Ausbildung. In Deutsch- gungen und Werten bestimmt. Dies hat Rückwirkungen land wird dies häufig als „Doppelqualifikation“ bezeichnet, auf sein Verständnis der gesellschaftlichen Realität und die sich auf die zwei Bereiche Krankenhaus und Kirche seine Bereitschaft, diese zu ändern. MitarbeiterInnen in bezieht, in denen die betreffende Person gleichermassen der diakonischen Entwicklungsarbeit sollten gut geschult qualifiziert handeln kann. Aber die Unterscheidung der sein, die Rolle der Religion mit ihren Stärken und Schwäbeiden Dimensionen sollten nicht als Trennung interpre- chen zu verstehen und religiöse Einstellungen und Werte tiert werden. Im Gegenteil sollte die Ausbildung die Men- für die Verwandlung zu einer gerechteren und nachhaltischen befähigen, als VermittlerInnen zu agieren und die geren Gesellschaft mobilisieren zu können. PatientInnen sowohl in medizinischer als auch in spirituWie bereits dargestellt, ist Theologie integraler Beeller Hinsicht zu begleiten. standteil der diakonischen Ausbildung. Umgekehrt sollte Ein fachübergreifender Ansatz ist die Grundlage die Diakonie allerdings ebenso integraler Bestandteil der der diakonischen Ausbildung. Das liegt daran, dass die theologischen Ausbildung sein. Häufig fehlt dieses EleRealität von Natur aus komplex ist und eine interdiszi- ment in der seelsorgerlichen Ausbildung, so dass kirchplinäre Analyse und entsprechendes Handeln erfordert. liche Führungskräfte auf verschiedenen Ebenen nicht Ein guter professioneller Umgang mit von Leid gepräg- über die nötige Qualifikation verfügen, um diakonische ten Situationen erfordert von den diakonischen Mitar- Arbeit zu verstehen und effizient zu organisieren. beiterInnen, dass sie auf die physische, geistige, spirituIm Idealfall sollte diakonisches Lernen Teil elle und soziale Dimension des menschlichen Lebens jeglicher christlicher Unterweisung sein. Es sollte in gleichermassen reagieren können. Zusätzlich müssen der Sonntagsschule und in der Konfirmationsvorbegute diakonische Führungskräfte fundiertes Wissen reitung behandelt werden. Da es häufig an Lehrmaaus den Bereichen Buchführung, Finanzen und Ver- terialien fehlt, könnten die Kirchen untereinander waltung mitbringen. Die gefragtesten Führungskräfte Erfahrungen und Materialien austauschen. für diakonische Einrichtungen verfügen über eine Ausbildung in Theologie sowie in Betriebswirtschaftslehre oder Verwaltung im Gesundheitswesen. Einer der Vorzüge der diakonischen Ausbildung sollte darin bestehen, dass sie die Glaubensdimension sozialen Handelns berücksichtigt und in Bezug In der nachkolonialen Ära entstand die Unterscheidung auf die Theologie und andere relevante Disziplinen zwischen Industrie- und Entwicklungsländern. Die VN wie die Gesellschaftswissenschaften systematisch erklärten die 1960er Jahre zum ersten Jahrzehnt der Entreflektiert wird. Mit anderen Worten beinhaltet sie wicklung, und weltweit wurden Regierungen und NGOs sowohl den Glauben als Praxis als auch die Theologie für Initiativen zur Entwicklungshilfe mobilisiert. Diese als kritische akademische Reflexion. Anstrengungen wurden von einem allgemeinen OptimisDie Bedeutung dieser Charakteristik zeigt sich nicht mus und der Erwartung getragen, dass durch den Transnur im Gesundheitsbereich, wenn vom medizinischen fer von Wissen, Technologie und Kapital den armen LänPersonal erwartet wird, sich auch um die spirituellen Be- dern des Südens schnell und dauerhaft geholfen werden dürfnisse des Patienten kümmern zu können. Für die Ent- könne. Seither verändern sich die Entwicklungstheorien wicklungsarbeit ist sie ebenfalls wichtig: Gerade in einer immer wieder, entsprechend der politischen Stimmung Zeit, in der viel über „die Rückkehr des Religiösen“ de- des jeweiligen Jahrzehnts. In den 1970er Jahren kamen
7. Diakonie und Entwicklungsarbeit
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radikale Stimmen auf, die darauf beharrten, dass Armut nicht nur durch fehlende Entwicklung verursacht werde, sondern vor allem eine Folge von Unterdrückung und ungerechten internationalen Wirtschaftsstrukturen sei. Später kamen weitere Aspekte hinzu. Einer war die Beziehung zwischen Entwicklung und Umwelt, was im Streben nach nachhaltiger Entwicklung resultierte. Wenn wir heute über Nachhaltigkeit sprechen, wissen wir, dass dieses Konzept eine Bandbreite von Dimensionen beinhaltet, darunter den kulturellen, sozialen, wirtschaftlichen, ökologischen und selbst den ideologischen und religiösen Bereich. Die schärfsten KritikerInnen verwarfen das Konzept der Entwicklung als solches und wiesen darauf hin, dass es zu sehr im westlich geprägten Rationalismus ver- diakonisches Entwicklungsengagement von herkömmwurzelt sei, der sich auf die Weltsicht der Aufklärung licher Entwicklungsarbeit unterscheidet? Mit anderen gründe. Aus dieser westlichen Perspektive wird Ent- Worten, gestaltet sich diakonische Entwicklungsarbeit wicklung als „Aufwertung“ eines Landes nach dem Vor- wie die von säkularen NGOs geleistete, oder sind ihr bild der Industrieländer verstanden, als ob es eine „Hier- spezifische Charakteristika zu Eigen? archie der Entwicklung“ gebe. Besonders in der ersten Wir wissen seit einiger Zeit, dass Entwicklung Phase der Entwicklungshilfe wurden „HelferInnen“ und als Konzept nicht auf wirtschaftliche und politische „Fachleute“ aus dem Norden entsandt, um soziale, poli- Initiativen reduziert werden kann. Genauso wenig tische und wirtschaftliche Strukturen nach westlichem kann sie als Projektarbeit verstanden werden, die ein (oder je nach Hintergrund auch kommunistischem) Vor- spezifisches Problem lösen soll, wie beispielsweise die bild aufzubauen, in der Überzeugung, dass dadurch die Trinkwasserversorgung eines Dorfes oder den Bau erhoffte Entwicklung sichergestellt wäre. Wie schon an- einer Schule. Solche Initiativen können einen sehr gedeutet erlauben die internationalen ökonomischen und wichtigen Beitrag zu Entwicklungsprozessen leisten, politischen Machtstrukturen keine solche Entwicklung. aber sie müssen aus einer weiter gefassten und ganzDes Weiteren stellte sich schnell heraus, dass kulturelle heitlicheren Perspektive gesehen werden, in der die und menschliche Faktoren grundlegende Bedingungen Nachhaltigkeit angemessene Aufmerksamkeit erhält. im Prozess der Überwindung der Armut darstellen. Die 2002 veröffentlichte der LWB eine Broschüerhofften Resultate gutgemeinter Entwicklungshilfe blie- re unter dem Titel Leitsätze für eine nachhaltige ben aus, wo ein unangemessenes kulturelles Verständnis Entwicklung. Hier wird nachhaltige Entwicklung und ungeeignete gesellschaftliche Modelle zugrunden definiert als „Veränderungsprozess […], durch den lagen. Oder schlechte Regierungsführung und Korrupti- […] die Grundbedürfnisse und Menschenrechte von on zerstörten das Erreichte in kürzester Zeit wieder. Einzelnen und Gemeinschaften/Gemeinwesen in Das Verhältnis zwischen Diakonie und Entwick- einer Gesellschaft befriedigt und geachtet werden lung ist ein wichtiges Thema, dem viel Aufmerksamkeit während gleichzeitig Grundbedürfnisse und Mengewidmet wird. Eine wichtige Frage lautet, wie Ent- schenrechte anderer Gemeinschaften und künftiger wicklung verstanden wird, und welche Rolle ein religi- Generationen unangetastet bleiben.“ ös motivierter Ansatz somit in der Entwicklungsarbeit Das dargestellte Entwicklungsverständnis geht spielen kann. Damit verbindet sich die Frage, ob sich ein über eine rein technische oder politische Interpretati-
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on hinaus. Es verweist nicht nur auf soziale und kulturelle Perspektiven, sondern auch auf eine mögliche christliche Interpretation von Entwicklung. So heisst es weiter, das LWB-Konzept einer nachhaltigen Entwicklung „gründet im Glauben der ChristInnen an den dreieinigen Gott und erhält durch ihn Gestalt.“ Es werden 15 allgemeine Prinzipien aufgeführt:
6. Nachhaltige Entwicklung ist partizipatorisch. 7. Kapazitätsaufbau [ist] Mittel und Ziel der nachhaltigen Entwicklung. 8. Finanzielle Nachhaltigkeit ist eine Voraussetzung für die wirksame Förderung nachhaltiger Entwicklung.
1. Nachhaltige Entwicklung ist ein ganzheitlicher und vernetzter Prozess.
9. Nachhaltige Entwicklung ist abhängig von institutioneller Nachhaltigkeit.
2. Nachhaltige Entwicklung ist nicht-diskriminierend und schützt die Würde eines jedes Menschen.
10. Nachhaltige Entwicklung setzt einen Schwerpunkt bei positiven Faktoren in den Gemeinwesen.
3. Vorrangiges Anliegen der nachhaltigen Entwicklung ist das Wohlergehen der Menschen.
11. Nachhaltige Entwicklung ist in technologischer Hinsicht angemessen.
4. Nachhaltige Entwicklung hat ein Gespür für kulturelle und spirituelle Eigenarten.
12. Nachhaltige Entwicklung erfordert angemessene Bedingungen in den Bereichen Gesundheit und Bildung.
5. Nachhaltige Entwicklung geht nicht von der Überlegenheit eines bestimmten Modells wirtschaftlicher und sozialer Ordnungspolitik aus.
13. Zur nachhaltigen Entwicklung gehört das Eintreten für die dem Wohlergehen der Menschen förderlichen sozioökonomischen und politischen Bedingungen. 14. Die Förderung von Frieden und Versöhnung ist gleichzeitig wesentliche Funktion und Voraussetzung nachhaltiger Entwicklung. 15. Nachhaltige Entwicklung erfordert das gerechte und wirksame Miteinanderteilen der vorhandenen Ressourcen. Zusätzlich zu diesen allgemeinen Prinzipien werden weitere wichtige Dimensionen genannt und erläutert: 1. Menschenrechte: Menschenrechtsprinzipien sind der rechtliche Ausdruck der von Gott geschenkten Würde eines jeden Menschen. Zu ihren Schutz und ihrer Förderung ist die Kirche aufgerufen. Das Recht auf Entwicklung schliesst die
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Verwirklichung aller Menschenrechte ein – der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen ebenso wie der bürgerlichen und politischen Rechte.
keln. Nachhaltige Entwicklung hängt daher von wirksamer Kommunikation und vom Kapazitätsaufbau im Bereich der Kommunikation ab.
2. Gender-Perspektive: Der Schutz und die Förderung der Menschenrechte von Frauen sind für die Nachhaltigkeit der Entwicklung von grundlegender Bedeutung. Nachhaltige Entwicklung erfordert die Gleichstellung der Geschlechter und die volle Beteiligung der Frauen an der Entscheidungsfindung in allen Entwicklungsprozessen. Bei Bewertung, Planung, Monitoring und Evaluierung im Rahmen der Entwicklungsarbeit ist grundsätzlich eine geschlechterbezogenen Perspektive und Analyse zu integrieren, die die Arbeit und Erfahrung von Frauen gebührend würdigt.
Da Entwicklung weiterhin ein wichtiges globales Thema ist, müssen sich die Kirchen dieser Problematik stellen. Der Zustand der Welt und die Tatsache, dass Millionen Menschen ein Leben in Würde mit grundlegenden Sozialleistungen und in Sicherheit verwehrt bleibt, drängen die Kirchen zum Handeln. Dies wird noch dringlicher, wo Kirchen mit Situationen konfrontiert sind, in denen das Leben ihrer Mitglieder und deren Umfeld von Hunger und bitterer Armut bedroht sind. Die erforderlichen Massnahmen sollten auf allen Ebenen kirchlichen Lebens ergriffen werden: in Gemeinde, Ortskirche und in der internationalen Kooperation. Im Sinne von mehr Effizienz und Kohärenz sollten die Aktivitäten unter3. Umwelt: Nachhaltige Entwicklung ist umwelt- schiedlicher Ebenen miteinander verbunden werden. bewusst; sie bewahrt, erhält und erneuert den Diakonie als Entwicklungsarbeit kann vielfältige Bestand an natürlichen Ressourcen. Zur nach- Gestalt annehmen. Sie kann in Form kleiner Projekte haltigen Entwicklung gehört die Einbeziehung oder umfassender Programme organisiert werden. Sie von Umweltbelangen in alle entwicklungsbezo- sollte stets das Ziel verfolgen, Menschen zu bevollgenen Entscheidungen und Aktivitäten. mächtigen. Wie oben bereits dargelegt, sollte eine kritische Analyse der Ursachen der jeweiligen Probleme und 4. Kommunikation stärkt menschlichen Gemeinschaf- des externen Umfelds immer dazugehören. Damit kann ten/Gemeinwesen und hilft ihnen, sich zu entwic- nicht nur das erhoffte Ergebnis der Massnahmen be-
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fördert werden, sondern auch das für die Anwaltschaft nötige kritische Bewusstsein geschaffen werden. Was zeichnet diakonische Entwicklungsarbeit aus? Wir sollten klarstellen, dass kirchliches Entwicklungsengagement nicht notwendigerweise eine andere Form annimmt als das säkulare. Trotzdem können wir einige potenzielle Elemente benennen: 1. Diakonische Entwicklungsarbeit schafft Verbindungen zur Basis, zu Ortskirchen und -gemeinden. Dies ermöglicht die Teilhabe der Menschen vor Ort, insbesondere der Frauen, die auf dieser Ebene häufig gut organisiert sind. Ausserdem verspricht dieser Ansatz Kontinuität, weil die Gemeinde die Arbeit weiterführen kann, wenn das Projekt abgeschlossen ist. 2. Diakonische Entwicklungsarbeit basiert auf dem christlichen Glauben und der christlichen Weltsicht. Sie orientiert ihre sämtlichen Aktivitäten an der Überzeugung, dass alle Menschen Ebenbilder Gottes sind und somit über unan-
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tastbare Würde verfügen, und dass Gott für die Armen und Ausgeschlossenen eintritt. 3. Diakonische Entwicklungsarbeit bereichert unseren Glauben und trägt dazu bei, dass wir unseren Glauben und den Sinn unseres Lebens besser verstehen. 4. Diakonische Entwicklungsarbeit ist in der Lage, einen Bezug zu religiösen Überzeugungen und Werten aufzubauen. Weil sie religiös motiviert ist, anerkennt sie die Bedeutung des Glaubens und der Hoffnung in Prozessen der Überwindung von Armut und Leid. Dies eröffnet einen ganzheitlicheren Ansatz der Entwicklungsarbeit und führt zu mehr Kompetenz, die verschiedenen Dimensionen des menschlichen Lebens in Beziehung zu setzen. 5. Diakonische Entwicklungsarbeit bevorzugt Arbeitsmethoden, die Inklusion und Prozesse zur Bevollmächtigung der Menschen zur Teilhabe fördern. Dies fusst auf dem Verständnis, dass
jeder Mensch als selbständig handelnde Person mit einer eigenen Identität geschaffen wurde und gleichzeitig einer Gemeinschaft angehört, die diese Identität wertschätzt und unterstützt. 6. Diakonische Entwicklungsarbeit bezieht nicht nur die kirchliche Basis ein, sondern auch die kirchliche Leitungsebene geniesst Vertrauen. Im Blick auf Fragen der öffentlichen Ordnung sollten Basisinitiativen verbunden werden mit Interventionen der Kirchenleitung bei staatlichen Stellen (sog. grass-tops-Anwaltschaft: von der Basis zu und mit der Spitze). Diese möglichen Eigenschaften diakonischer Entwicklungsarbeit nehmen den Kirchen allerdings nicht die Verantwortung für die Erfüllung üblicher Qualitätsanforderungen, beispielsweise im Bereich Projektarbeit. Solches Handeln muss geplant, überlegt und organisiert werden, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen. Aktivitäten müssen gemäss definierter Zielsetzungen und verfügbarer Ressourcen ausgeführt werden. Finanzen müssen verantwortlich und transparent verwaltet werden. Deshalb müssen prioritär Kapazitäten aufgebaut und ein Verständnis für die gegenseitige Rechenschaftspflicht entwickelt werden.
Wert und Fähigkeiten armer Menschen zu erkennen. Aber bisweilen entstand der Eindruck, dass sich die Diakonie selbst demütig, still, fast schon unterwürfig verhalten und niemanden provozieren oder sich in komplizierte politische Fragen einmischen solle. In den vergangenen Jahrzehnten ist diese Interpretation korrigiert worden. ExegetInnen wie der Australier John Collins35 haben die Ansicht untermauert, dass das griechische Wort diakonia nicht demutsvollen Dienst meint, sondern vielmehr eine wichtige Aufgabe, die jemandem von einer hohen Autorität übertragen wird. Im Neuen Testament bezieht sich der Begriff meistens auf ein Amt (eine Leitungsfunktion) oder, wie wir in Bezug auf Jesus gesehen haben, auf seine messianische Mission. Auf Grundlage dieser Erkenntnis wurde das Konzept der prophetischen Diakonie entwickelt. In den letzten Jahrzehnten hat dieser Begriff in der Ökumene und insbesondere bei ChristInnen der südlichen Hemisphäre weite Verbreitung gefunden. Dies gilt auch für die lutherische Gemeinschaft. Die LWB-Konsultation zu prophetischer Diakonie in Johannesburg 2002 formulierte folgende Erklärung: „Mit Dankbarkeit nehmen wir die vielfältigen Formen diakonischer Arbeit zur Kenntnis, die in der Kirche
durch die Jahrhunderte verwirklicht wurden und
die zwangsläufig auch in der Gegenwart fortgesetzt
8. Prophetische Diakonie Die Diakoniebewegung, die in den 1830er Jahren in Deutschland ihren Ausgang nahm, war von der pietistischen Spiritualität und ihrer Betonung der individuellen Frömmigkeit motiviert. Vor diesem Hintergrund war es nur natürlich, das biblische Wort diakonia als „Dienst in Demut“ zu interpretieren, zu dem Diakone und Diakonissen beauftragt wurden. Ob in diakonischen Einrichtungen oder in Gemeinden, von Diakonen und Diakonissen wurde „demutsvoller Dienst“ erwartet. Demut ist sicherlich eine wichtige Haltung in der Arbeit mit den Armen, und ein von ihr geprägter Ansatz erlaubt es diakonisch Tätigen,
werden. Heute steht diese Arbeit nun vor der Herausforderung, sich in Richtung verstärkt prophetischer
Formen von Diakonie zu entwickeln. Nach dem Vorbild Jesu und der Propheten, die sich den Mächtigen
entgegenstellten und die Veränderung ungerechter
Strukturen und Handlungsweisen forderten, beten
wir darum, dass Gott uns bevollmächtigen möge, zur
Verwandlung all dessen beizutragen, was zu Habgier, Gewalt, Unrecht und Ausgrenzung führt.“36
35
36
Collins, John N.: Diakonia. Re-interpreting the Ancient Sources. New York/Oxford 1990.
Prophetic Diakonia: For the Healing of the World. Report. Johannesburg South Africa. November 2002. LWB Genf, S. 6.
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Der Kirche droht wie nie zuvor das Gericht Gottes. Wenn sie den Opfergeist, der die Urkirche beseelte, nicht wiedergewinnen kann, wird sie ihre Glaubwürdigkeit verlieren, die Treue von Millionen verwirken und als ein für das 20. Jahrhundert bedeutungsloser sozialer Club verworfen werden. Ich begegne täglich jungen Menschen, deren Enttäuschung über die Kirche sich in regelrechte Abscheu verwandelt hat. Martin Luther King, Brief aus dem Gefängnis in Birmingham, 1963 (Übersetzung: LWB)
Ein wichtiger Ausgangspunkt für prophetische Diakonie ist es, leidenden und marginalisierten Menschen zuzuhören. Die LWB-Vollversammlung in Curitiba stand 1990 unter dem Thema „Ich habe das Schreien meines Volkes gehört“. Diese Themenwahl war inspiriert durch das biblische Zeugnis von Gottes Sorge um Menschen in Not: „Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört; ich habe ihre Leiden erkannt.“ (2.Mose 3,7) Die Botschaft der Vollversammlung in Curitiba weist auf die Bedeutung des prophetischen Zeugnisses hin: „Prophetisches Zeugnis im Gehorsam gegenüber Gottes Wort bedeutet Konfrontation mit bestimmten gesellschaftlichen Werten, insbesondere denen, die neu-
en Formen des Götzendienstes Vorschub leisten oder
menschliche Erfüllung ohne Gott anstreben. Jedes prophetische Zeugnis hört sorgfältig auf das Schreien der
Menschen und auf das Wort Gottes. […] Das diakonische Zeugnis der Kirche wird häufig besser verstanden
als Worte. Wenn die Kirche mit den Marginalisierten
und Entwurzelten, den Jungen und den Alten, Frauen
und Männern zusammen entscheidet und –arbeitet, legt sie Zeugnis für Gottes allumfassende Gnade ab.“37
Was verstehen wir also unter „prophetischer Diakonie“? Prophetie ist ein biblischer Begriff und sollte auch vor diesem Hintergrund verstanden und verwendet werden. Manchmal werden politische Diako37
„Ich habe das Schreien meines Volkes gehört.“ Offizieller Bericht der Achten Vollversammlung des Lutherischen
Weltbundes, Curitiba 1990. LWB-Report Nr. 28/29, Dezember 1990, S. 136
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nie und prophetische Diakonie gleichgesetzt. Auch wenn es natürlich einen Zusammenhang gibt, müssen wir sie doch voneinander abgrenzen. Politische Diakonie drückt die politische Dimension diakonischen Handelns aus. Da Diakonie im öffentlichen Raum stattfindet, muss sie sich ihrer soziopolitischen Rolle bewusst und bereit sein, wenn nötig die Stimme zu erheben. Es gibt viele gute Beispiele für politische Diakonie: Die Kirchen in Indien etwa engagieren sich im Befreiungskampf der 250 Millionen Dalits – der „Unberührbaren“ – die nach dem traditionellen Kastensystem nicht als vollwertige Menschen gelten. Ein weiteres Beispiel ist das Engagement der Kirchen in Lateinamerika in der Frage der illegitimen Auslandsverschuldung, die Bündnisse mit anderen Akteuren der Zivilgesellschaft eingehen, um PolitikerInnen zum Handeln zu zwingen. Ein drittes Beispiel ist das Lutherische Büro für Weltgemeinschaft, das am Hauptsitz der VN in New York errichtet wurde, um dort die Interessen und Anliegen des LWB zu vertreten. Lobbyarbeit kann ein wichtiges Element politischer Diakonie sein. Allerdings sollte sie grundsätzlich für die Interessen der Armen und Marginalisierten einstehen und nicht so sehr für die eigenen. Prophetische Diakonie hat jedoch einen anderen Schwerpunkt. Er bezieht sich auf die Immanenz der Diakonie in dem Bewusstsein, dass die prophetische Sendung Teil des Auftrags und der Autorität ist, die Gott der Kirche und ihrer Diakonie verliehen hat. In der biblischen Tradition ist Prophetie Reaktion auf göttliche Offenbarung und ein gottgegebener Auftrag an den Propheten/die Prophetin: „Und des Herrn Wort geschah zu mir…“ Dieses Wort offenbart stets Gottes Herrschaft und Macht: „Denn siehe, er ist’s, der die Berge macht und den Wind schafft; er zeigt dem Menschen, was er im Sinne hat. Er macht die Morgenröte und die Finsternis, er tritt einher auf den Höhen der Erde – er heisst ‚Herr, Gott Zebaoth’.“ (Am 4,13).Aber es drückt auch die Fürsorge Gottes für die Schöpfung, besonders für die Menschen, aus und erinnert sie daran, dass Gott Richter und Erlöser ist, jetzt und in Zukunft. ChristInnen spüren die Relevanz dieser Formulierung. In Zeiten der Globalisierung, da der Markt und eini-
ge mächtige Staaten vorgeben, dass sie über das Recht verfügen, die grundlegenden Bedingungen für die menschliche Existenz festzulegen, erinnert uns das prophetische Wort daran, dass Gott Herr über die Geschichte ist. In welchem Bezug stehen Prophetie und Diakonie zueinander? Beide haben die Aufgabe, Wege zu finden und Brücken zu bauen in Richtung Erneuerung (Umkehr) und Verwandlung. Die Aufgabe der Diakonie besteht darin, Wegbereiterin zu sein und als Wegbereiterin zu handeln. Diakonie erschöpft sich niemals in Worten, sondern sucht aktiv nach Wegen, die Verwandlung ermöglichen. Wir sollten nicht vergessen, dass sich die Propheten energisch für Gerechtigkeit einsetzten. Sie erhoben ihre Stimme, besonders wenn das gottgegebene Gesetz des Dienstes an den Nächsten nicht eingehalten wurde. Dieses so genannte apodiktische Gesetz wurde am Berg Sinai als Teil des Bundes zwischen Gott und seinem Volk eingesetzt. Die Zehn Gebote sind sein Kern, und es verdient Aufmerksamkeit, wie Luther diese Gebote in seinen Katechismen behandelt: sie sollen nicht nur unser Handeln einschränken, sondern uns auch auf Handlungen verpflichten, die den Nächsten dienen und sie vor Schaden bewahren. Das apodiktische Recht unterscheidet sich vom kasuistischen Recht, das von den Ältesten an den Toren der Stadt festgesetzt wurde. Das apodiktische Recht steht unverrückbar fest. Es gehört zum Bund und der Verheissung von Schalom und Wohlergehen. Deswegen hatte ein Rechtsbruch so dramatische Konsequenzen. Prophetisch zu sein bedeutet, Gerechtigkeit einzufordern. Deswegen gehört zum diakonischen Handeln wesentlich die Aufgabe, insbesondere systembedingte Formen von Unrechts zu enthüllen und für Gerechtigkeit einzutreten – oder besser: ein Wegbereiter dieses Anliegens zu sein. Auf der anderen Seite kann die prophetische Stimme nicht in der Kirche institutionalisiert werden, weil sie zwar durch die Kirche erklingt, aber nicht Stimme der Kirche ist. Der/die prophetisch Hörende muss offen sein für die Stimme des Heiligen Geistes, er/sie wird von einer Spiritualität getragen, die sich
ständig neuen Perspektiven, Träumen von Erneuerung und der Hoffnung auf Erlösung öffnet. Damit hängt die Beobachtung zusammen, dass die Propheten ihre Botschaft häufig an die religiöse Führung richteten, weil diese oftmals in Korruption und Unterdrückung der Armen verwickelt war. Ebenso waren, wo Macht missbraucht wurde, die Reichen, Mächtigen und selbst der König ihre AdressatInnen. Anwaltschaft erfordert häufig, den Mächtigen und ihrer Ideologie zu trotzen. Mit dem Widerstand kann das Risiko einhergehen, leiden oder gar das Martyrium auf sich nehmen zu müssen. Viele ChristInnen der ersten Jahrhunderte ereilte dieses Schicksal und bis heute verzeichnet die Kirchengeschichte immer wieder neue Beispiele. Zu den MärtyrerInnen unserer Zeit zählen Milada Horáková, die das NSKonzentrationslager überlebte, aber 1950 vom kommunistischen Regime hingerichtet wurde, und Gudina Tumsa, der 1979 in Äthiopien ermordet wurde. Auch heute gehört es zur Aufgabe prophetischer Diakonie, das kirchliche Establishment zu hinterfragen, ob wir uns im Umgang mit den drängenden Problemen unserer Zeit nicht „dieser Welt gleich[stellen]“ (Röm 12,2). Ist es gerechtfertigt zu sagen, dass die Kirche bisweilen selbst Strukturen der Dominanz und Ausgrenzung aufgebaut hat oder sich im Umgang mit diakonischen Herausforderungen zu sehr auf alte Strukturen und traditionelle Vorgehensweisen konzentriert? Hat die Kirche einen Lebensstil religiösen Konsumdenkens und ethischer Indifferenz angenommen, anstatt sich grundMilada Horáková, Anwältin und Politikerin, steht für den Kampf um Freiheit, Demokratie und Bürgerrechte in der Tschechoslowakei. Sie war die erste Frau, die vom kommunistischen Regime hingerichtet wurde. Horáková wurde gemeinsam mit 12 weiteren Angeklagten in einem Schauprozess verurteilt, der Propagandazwecken diente. Trotz monatelanger brutaler Verhöre und Folter blieb Milada Horáková standhaft und verteidigte sich und ihre Ideale, obwohl sie wusste, dass sie damit ihre Lage und das Endergebnis nur verschlimmern würde. Sie wurde am 27. Juni 1950 im Alter von 48 Jahren hingerichtet. Milada Horáková war Mitglied der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder. http://en.wikipedia.org/wiki/Milada_Horakova
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legend von den Zeichen wachsender Armut und wachsenden Unrechts in der Welt hinterfragen zu lassen? Ohne kritische prophetische Fragen tappen die Kirche und ihre Diakonie schnell in die Falle des Triumphalismus, des Ekklesiozentrismus und anderer Formen einer Theologie der Herrlichkeit. Hier kommt die Tradition der reformatio continua ins Spiel, der Notwendigkeit anhaltender Reformation im Leben der Kirche – damit wir befreit, erneuert, an unseren gottgegebenen Auftrag erinnert werden und uns auf den Weg machen – auch wenn dies der Weg des Kreuzes sein sollte.
9. Diakonie und Verkündigung Franz von Assisi sagte einmal: „Predige das Evangelium zu jeder Zeit und wenn nötig, benutze Worte.“ Dieser Ausspruch lehrt uns, dass das Evangelium Ereignis und Handlung ist, Gottes von Menschen verkörperte Liebe. Aber er weist auch darauf hin, dass jede Handlung eine Botschaft kommuniziert und die eigene Identität und Motivation bezeugt, die schliesslich auch mit Worten bekräftigt werden können. Trotzdem besteht eine der grössten Herausforderungen der Diakonie darin, einen tragfähigen und verantwortlichen Bezug zwischen diakonischem Tun und Verkündigung herzustellen. In der Botschaft der Diakoniekonsultation von Addis Abeba 2008 räumen die Teilnehmenden „die Schwierigkeit [ein], den Bezug zwischen Verkündigung und Diakonie eindeutig zu definieren. Beide sind Ausdruck des Evangeliums und beide sind Kernelemente der Aufgabe der Kirche. Wir verpflichten uns, weiter an dieser Frage zu arbeiten und herauszufinden, wie wir in unseren unterschiedlichen Kontexten damit umgehen müssen.“ Eine erste Beobachtung in diesem Zusammenhang betrifft die Vielfalt der Kontexte, die eine feste Definition des Verhältnisses zwischen Diakonie und Verkündigung unmöglich macht. Beispielsweise ist klar, dass Diakonie in muslimischen Ländern von einer Verkündigung Abstand nehmen muss, um von der Bevölkerung akzeptiert und nicht des Proselytismus bezichtigt zu werden.
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Gleichermassen ist klar, dass in anderen Teilen der Erde die Menschen eine unmittelbare Verbindung zwischen Glauben und Handeln sehen. Sie erwarten etwa, dass vor Beginn einer wichtigen Besprechung ein Gebet gesprochen wird, und die Fürsorge für andere Menschen beinhaltet für sie auch eine spirituelle Dimension. Keines dieser Beispiele sollte uns zu vorschnellen Schlüssen verleiten. Auch im ersten Fall bezeugt das diakonische Handeln christliche Liebe und Fürsorge für andere Menschen, obwohl keine offene Verkündigung stattfindet. Der zweite Fall, der zunächst unproblematisch zu sein scheint, erfordert ebenfalls kritisches Urteilsvermögen, weil die religiöse Praxis zur Manipulation anderer Menschen missbraucht werden kann, insbesondere wenn diese leiden und schwach sind. Wir haben es hier, nolens volens, mit unausgewogenen Machtverhältnissen zu tun. Es gibt also viele Gründe, sich weiter mit dem Verhältnis zwischen Diakonie und Verkündigung zu beschäftigen. Die Erfahrung aus früherer und gegenwärtiger diakonischer Praxis kann uns dabei helfen, besser die Problematik zu erkennen, mit der wir auf verantwortliche Weise umgehen müssen. Mit dieser Einsicht als Ausgangspunkt können wir auf der Grundlage theologischer Reflexion einige Leitlinien festlegen. Ein grundlegendes Prinzip hat Martin Luther aufgestellt. Er lehnte die zu seiner Zeit praktizierte Wohltätigkeit energisch ab, besonders die Vorstellung, Menschen würden von Gott dafür belohnt, dass sie den Armen Almosen geben. Wir können die Armen nicht dazu benutzen, uns zu rechtfertigen, nur Gott hat die Macht, SünderInnen zu rechtfertigen. Weil Gott uns aus Gnade durch den Glauben an Jesus Christus gerechtfertigt hat, sind wir frei, den Armen zu dienen und von der Sklaverei der Armut befreit zu werden. Für Luther ist dieser Dienst auf der einen Seite eng mit Gott verknüpft und deswegen Gottesdienst im wörtlichen Sinne, auf der anderen Seite ist er vollständig auf die Person in Not ausgerichtet: „Nun ist kein grösserer Gottesdienst denn christliche Liebe, die den Dürftigen hilft und dienet“ 38. 38
Ordnung eines gemeinen Kastens, nach WA 12, S. 13.
Deshalb ist es unmöglich, diakonisches Handeln Die hier aufgeführten Schwierigkeiten tragen wohl als Mittel zu einem anderen Zweck zu missbrauchen, als dazu bei, dass manche in das entgegengesetzte Extrem dem, der die Diakonie in Wahrheit ausmacht: Dienst verfallen und argumentieren, dass es keine Verbindung am Nächsten in Not. Es kann kein Mittel sein, das die zwischen diakonischem Handeln und der VerkündiBedürfnisse des Helfenden befriedigt, genauso wenig ein gung des Evangeliums geben könne. Beispielsweise wird Instrument, um Menschen zu evangelisieren. Diakonie manchmal gefordert, internationale Diakonie solle sich würde auf diese Weise zur Strategie verkommen, zu einer auf Nothilfe und Entwicklungsarbeit konzentrieren. bewussten Anstrengung, Hilfsleistungen und Verkündi- Dies wird normalerweise als Konsequenz der Arbeitsgung zu verknüpfen, damit Menschen bekehrt werden. teilung innerhalb der Kirche verstanden, dass also einige Eventuell würden diakonische Massnahmen unter die- Organisationen den Auftrag zur Evangelisierung haben, sen Vorzeichen sogar danach ausgewählt, ob sie bei der andere hingegen für die Förderung von Gerechtigkeit Rekrutierung neuer Kirchenmitglieder erfolgreich sind. und die Überwindung der Armut zuständig sind. Diese missionsbetonte Methode widerspricht dem Es könnte sein, dass diese Ansicht auf einem äusbiblischen Gebot, Menschen in Not zu helfen. Diesen serst kritischen Verständnis von Missionsarbeit grüngöttlichen Auftrag zu erfüllen ist in sich selbst von ho- det, das etwa die Arbeit von Missionswerken grundhem Wert, wie wir am diakonischen Handeln Jesu ab- sätzlich mit Proselytismus assoziiert. Diese Darstellesen können. Ausserdem ist es ethisch fragwürdig, die lung von Missionsarbeit ist jedoch nicht korrekt, denn Notlage anderer Menschen zum Anlass für die Evange- mit dem Begriff Proselytismus wird normalerweise ein lisierung zu nehmen, denn wenn dies geschieht, werden Vorgehen beschrieben, das ChristInnen zum Wechsel deren Würde und Integrität nicht angemessen respek- ihrer Konfession bewegen will. Die meisten Missionstiert. Im 19. Jahrhundert sprach man z. B. von den „Reis- werke würden sich von solchen Praktiken distanzieren. Christen“, armen Menschen in China, die der Kirche Wir sollten auch bedenken, dass die Arbeit der meibeitraten, weil sie dann von den MissionarInnen tägli- sten Missionswerke diakonische Aktivitäten beinhalche Reis-Rationen erhielten. Heute arbeiten die meisten tet, die nicht an Bedingungen geknüpft sind oder dazu verantwortungsvollen Missionswerke in Partnerschaft dienen, neue Kirchenmitglieder anzuwerben. mit den Kirchen vor Ort und lehnen eine Praxis ab, die Das Prinzip, eine scharfe Trennungslinie zwiHilfsleistungen an Bedingungen knüpft, beispielsweise schen Diakonie und Evangelisierung zu ziehen, kann dass Kinder die Sonntagsschule besuchen oder Erwach- auch damit begründet werden, dass erstere häufig mit sene regelmässig am Gottesdienst teilnehmen. öffentlichen Mitteln unterstützt wird. Staatliche ZuEs ist bestürzend, wenn eine Missionsmethode die Trennung zwischen Reichen und Armen in der Welt widerspiegelt, indem MissionarInnen aus wohlhabenden Ländern die ungerechte Trennung zwischen Arm und Reich ausnutzen und die Situation der Armen als Chance zur Bekehrung betrachten. Stattdessen sollten Kirchen in der Mission ihre prophetische Stimme erheben und diese Situation anprangern. Sie sollten ausserdem ihre eigene Beteiligung an Machtstrukturen kritisch beurteilen. In jedem Fall muss energisch betont werden, dass Gottes Liebe bedingungslos gilt und somit auch die Kirche zum bedingungslosen Dienst an Menschen in Not berufen ist. © ELKA/Laury Rinker
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wendungen kommen aus dem säkularen Bereich, also darf erwartet werden, dass die damit unterstützten Aktivitäten ebenfalls säkularer Natur sind. Dies gilt häufig für das Engagement westlicher kirchlicher Organisationen in der internationalen Diakonie, die sich an die Bedingungen der staatlichen Geber halten müssen. Dahinter steht die Ansicht, dass Entwicklungshilfe nicht im religiösen Bereich intervenieren darf, die häufig darauf beruht, dass Religion als Privatangelegenheit betrachtet wird. Tatsächlich aber kann keine Intervention völlig neutral geschehen, weil sie immer in existentielle und moralische Haltungen eingebettet ist, die sich dadurch bewusst oder unbewusst auf die religiösen Überzeugungen und das Verhalten der beteiligten Personen auswirken. Dies gilt für jegliche Entwicklungsarbeit, egal ob säkular oder religiös motiviert. Mittlerweile wächst bei staatlichen Gebern das Bewusstsein für die Bedeutung der Religion in der Entwicklungsarbeit. Die Kirchen erhalten für ihre Rolle als Basisbewegungen und Akteurinnen der Zivilgesellschaft Anerkennung. Wenn kirchliche Werke von staatlichen Behörden Zuwendungen erhalten, dann liegt der Grund dafür in ihrer Identität und Fähigkeit, mit entsprechenden Netzwerken der südlichen Hemisphäre zusammenzuarbeiten. Dies verleiht ihnen einen Mehrwert als Akteurinnen der Verwandlung, mit dem sie sich aktiv identifizieren und den sie in ihre strategischen Aktivitäten einbeziehen sollten. Die wahre Aufgabe für die Kirchen besteht darin, einen Weg zur Verknüpfung von Diakonie und
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Verkündigung zu finden, der sowohl die Eigenart der Diakonie als auch ihre Einbettung in die ganzheitliche Mission der Kirche berücksichtigt. Diakonie und Verkündigung gehören im Leben der Kirche zusammen, aber so wie sich manche Organisationen innerhalb der Kirche auf die Verkündigung konzentrieren, spezialisieren sich andere auf die Diakonie. Die LWB-Konsultation „Kirchen in Mission“ 1998 in Nairobi erklärte, dass Mission „Verkündigung, Dienst und Anwaltschaft für Gerechtigkeit“39 beinhalte. Dieses Verständnis greift die Aussage des LWBMissionsdokuments von 1988/89 auf: „Die gesamte kirchliche Verkündigung muss die Ganzheitlichkeit der Mission in der Einheit von Wort und
Tat zum Ausdruck bringen. Beide sind Träger der bedingungslosen Liebe Gottes, der Menschen ohne Rücksicht auf ihre soziale, rassische oder kulturelle Herkunft,
obwohl sie Sünder sind, annimmt. Das Wort ohne ihm
entsprechende Taten verfälscht das Wort selbst, denn es macht das Evangelium abstrakt und verleugnet Gottes
verwandelnde Macht in Schöpfung und Menschwerdung. Wenn es uns einerseits nicht gelingt, das Zeugnis
durch das Wort auch mit unserem Leben zu bezeugen,
kann sich die Tür für das Evangelium schliessen. Wenn
andererseits die Tat nicht vom Wort begleitet wird, besteht die Gefahr des Abgleitens in blosse Mitmensch-
lichkeit und der Anpassung an die Umwelt, und die Fülle des Heils als Gabe Gottes wird nicht weitergegeben.
Die Glaubwürdigkeit des Zeugnisses gründet letztlich
nicht in den Taten, die zwangsläufig unvollkommen bleiben müssen, sondern im Evangelium selbst.“40
Hier geht es nicht nur darum, dass Wort und Tat zusammengehören, sondern auch, dass jegliche Handlung ein Zeugnis beinhaltet, das interpretiert werden muss. Es ist nur natürlich, zu erwarten, dass das, was eine 39 40
Bericht (Englisch) S. 20.
Gottes Mission als gemeinsame Aufgabe: Ein Beitrag des
LWB zum Verständnis von Mission. LWB-Dokumentation Nr. 26, Januar 1989, Kap.4.1.6.
Person tut, mit dem, was sie sagt, übereinstimmt. Diakonisches Handeln kann niemals schweigen und sollte auch nichts dergleichen vorgeben. Hieraus ergibt sich, dass eine Person, die einer anderen Religion angehört oder AtheistIn ist und in einer diakonischen Einrichtung wie beispielsweise einem Krankenhaus arbeitet, auch zur Verwirklichung des kirchlichen Auftrages beiträgt. Von allen Beteiligten sollte Ehrlichkeit bezüglich der christlichen Identität der Einrichtung wie auch ihrer Werte und Prinzipien erwartet werden. Auf der einen Seite beinhaltet diese Identität die Zugehörigkeit zu einer Kirche, die das Evangelium verkündet. Somit kann Diakonie nicht so tun, als wäre Verkündigung nicht Teil der kirchlichen Mission in der Welt. Auf der anderen Seite sollten die verschiedenen Dimensionen dieser Mission so miteinander in Einklang gebracht werden, dass ihre jeweilige Eigenart zur Geltung kommt. Auch wenn Wort und Tat nicht getrennt werden können, sollten sie doch nicht so vermischt werden, dass eins von beiden auf ein Instrument des anderen reduziert wird. Was das für die Praxis bedeutet, ist von Kontext zu Kontext unterschiedlich. Professionelle Diakonie muss sich mit dieser Frage auseinandersetzen, um der Gefahr zu entgehen, das Leid anderer Menschen zur Verbreitung der christlichen Botschaft zu missbrauchen. Aber ein solcher Reflexionsprozess braucht das Bewusstsein für die spirituelle Dimension allen Leids und für die Kraft, die das Evangelium in Prozessen der Verwandlung, Versöhnung und Bevollmächtigung entfalten kann. Zusammenfassend können folgende allgemeine Prinzipien formuliert werden: 1. Dem diakonischen Handeln ist sein eigener Sinn immanent. Es muss nicht mit anderen Gründen gerechtfertigt werden. Gleichermassen sollte es nie auf ein Mittel zur Erreichung anderer Zwecke reduziert werden. 2. Diakonisches Handeln muss bedingungslos erfolgen. Eine Hilfeleistung darf nicht an Bedingungen, wie beispielsweise die Teilnahme an religiösen Aktivitäten, geknüpft sein.
3. Diakonisches Handeln muss die Integrität jeder Person und ihre Freiheit, ihren Glauben nach eigener Überzeugung und Tradition zu leben, respektieren. 4. Diakonisches Handeln muss sicherstellen, dass durch ihre Situation verwundbare Menschen nicht beeinflusst oder zu religiösen Entscheidungen und Verhaltensweisen gedrängt werden. 5. Diakonisches Handeln muss die spirituelle Dimension des menschlichen Lebens und besonders des menschlichen Leidens anerkennen und bereit sein, Menschen, die darum bitten, Unterstützung und – wenn gewünscht – Seelsorge anzubieten. 6. Diakonisches Handeln muss in der Lage sein, die Wirklichkeit und Prozesse sozialen Wandels auf ganzheitliche Weise zu interpretieren. 7. Diakonisches Handeln muss bereit sein, Rechenschaft über seine aus dem Glauben erwachsende Identität abzulegen. 8. Diakonisches Handeln muss Verantwortung übernehmen für das Zeugnis, das es von der Botschaft der Kirche gibt. Es gehört zum Kern der Diakonie, dass ihre vertikale und horizontale Dimension untrennbar miteinander verbunden sind, und der Lackmustest diakonischen Handelns besteht in der Frage, ob diese beiden Dimensionen in einer dialektischen Zusammenschau verwirklicht werden, die sie weder trennt noch vermischt. Werden sie getrennt, führt dies leicht zu einer Säkularisierung der Diakonie. Dies bedeutet, dass sie zwar weiterhin gute und notwendige Arbeit tut, sich aber auf weltliche Interessen und Ziele beschränkt. Eine andere mögliche Konsequenz dieser Trennung wäre die Spiritualisierung der Diakonie, also ihre zu starke Beschränkung durch ihren theologischen und kirchlichen Rahmen. Letztlich befreit uns unsere Zuversicht, dass die Kraft des Heiligen Geistes den Geist der Menschen zu
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qualität ihrer Mitmenschen zu verbessern. 1988 schlug die dänische Theologin Lissi Rasmussen in Bezug auf interreligiöse Zusammenarbeit den Begriff Diapraxis vor: „Aufgrund der Erfahrungen, die ich in Afrika und Europa sammeln konnte, verstehe ich Dialog als einen lebendigen Prozess, als eine Möglichkeit zu Koexistenz
und ‚Pro-Existenz’. Deshalb möchte ich die Bezeich-
nung ‚Diapraxis’ einführen. Dialog beschreibt eine Beziehung, in der das Miteinanderreden im Mittelpunkt
steht, Diapraxis aber bezeichnet eine Beziehung, in der
das Wichtigste das gemeinsame Handeln ist.“41 © LWB/J. Schep
Glauben, Hoffnung und Liebe bewegt, dazu, zu dienen und auf Gott und die Fähigkeit der Menschen zu vertrauen, ihre Entscheidungen in Würde zu treffen.
10. Diakonie und Diapraxis Schon immer hat diakonisches Handeln Menschen verschiedener Konfessionen und Glaubensrichtungen sowie AtheistInnen zusammengebracht, um sich gemeinsam mit leidenden Menschen und für Marginalisierte zu engagieren. Durch dieses gemeinsame Engagement für Gerechtigkeit im unmittelbaren Umfeld wie auch in der Gesamtgesellschaft hat Diakonie dazu beigetragen, religiöse Vorurteile zu überwinden und Dialog anzuregen. Diese starke Tradition des Brückenbauens zwischen unterschiedlichen Gruppen machte die Diakonie zu einer der Grundlagen der ökumenischen Bewegung. Ein wichtiges Beispiel ist die Stadtmission, die Mitte des 19. Jahrhunderts in Nordeuropa ihren Anfang nahm. Hier kamen ChristInnen aus verschiedenen Konfessionen zusammen, um gemeinsam Menschen in Not zu begleiten, die unter den zahlreichen sozialen Problemen der Industrialisierung und Urbanisierung ihrer Zeit litten. Ähnliche Erfahrungen entstehen, wenn Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen Seite an Seite in der Not- und Entwicklungshilfe arbeiten, um die Lebens-
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Das LWB-Dokument Mission im Kontext verweist auf Diapraxis-Erfahrungen in Indien, wo unter Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen Gemeinschaft entsteht durch „das gemeinsame solidarische Handeln zur Förderung der Gerechtigkeit, einer besseren Lebensqualität sowie der Linderung menschlichen Leidens.“42 Im Juni 2006 organisierte der LWB in Medan (Indonesien) eine Konsultation, auf der ChristInnen und MuslimInnen ihre Erfahrungen austauschten über den verheerenden Tsunami und die in den darauffolgenden Tagen erlebte konkrete Solidarität und Hilfe über religiöse Grenzen hinweg. Für die meisten Teilnehmenden war dies die erste Gelegenheit zum muslimisch-christlichen Dialog über Glaubensfragen. Manche fanden es schwierig, den Anderen zuzuhören. Aber ihre gemeinsame Erfahrung des Leids, der gegenseitigen Hilfeleistung und des gemeinsamen Aufbaus einer neuen Zukunft motivierte sie, den Dialog fortzuführen.43 Auf diese Weise öffnet Diakonie – auch in Form von Diapraxis – die Menschen für Verwandlung, Be41
Rasmussen, Lissi: „From Diapraxis to Dialogue. ChristianMuslim Relations“, in: Thunberg, Lars et al. (Hrsg.): Dialo-
42 43
gue in Action. New Delhi: Prajna Publications 1988, S. 282.
Mission im Kontext, a. a. O., S. 54.
LWB-Seminar zum Thema „Dialog im Leben“, Bericht vorgelegt von der LWB-Abteilung für Mission und Entwicklung, Genf (nur auf Englisch verfügbar).
vollmächtigung und Versöhnung, selbst in einem Glauben nicht in dem Sinne, dass alle Religionen „zu Umfeld religiöser Spannungen, wie es in vielen sü- Gott führen“, wie eine populäre Sicht des Religiösen dasiatischen Ländern der Fall ist. In Europa wird behauptet. Sie bedeutet auch nicht, dass diakonische gegenwärtig erprobt, Diapraxis mit staatsbürgerli- Arbeit „religiöse Neutralität“ anstreben oder dass wir cher Bildung zu verbinden, um Menschen zur freien, darüber schweigen sollten, was die Kirche bekennt gleichberechtigten und demokratischen Teilhabe an und feiert. Es geht vielmehr um die grundlegende der Gesellschaft zu befähigen.44 Achtung der Diakonie vor der Würde des/der AndeDer LWB hat sich stark in der Gründung der In- ren und seiner/ihrer Andersartigkeit, gekoppelt mit terreligiösen Initiative für Frieden in Afrika (IFAPA) engagiert, die in verschiedenen Teilen Afrikas interreli- Ruf eines verwundeten Planeten giöse Begegnungen, Diskussionen und Konsultationen Söhne und Töchter der Erde, organisiert, um die gegenseitige Achtung religiöser Traihr, die ihr Erkenntnis von Gut und Böse habt: ditionen sowie Entwicklungsinitiativen wie beispielsDas Leben ist in Gefahr! Zeigt eure Besorgnis! weise in der Trinkwasserversorgung zu fördern. ENTDECKT DIE GANZHEIT In der Diapraxis kommt die christliche ÜberzeuDie Erde ist ein nahtlos gewebter Gobelin. gung zum Ausdruck, dass alle Menschen vom Schöpfer Niemand hat das Recht, ihn zu zerreissen. berufen sind, ihre Nächsten zu lieben und bedürftigen Menschen Nächste zu sein. Es gibt gute theologische SPÜRT DIE HEILIGKEIT Gründe, die Geschichte vom barmherzigen Samariter Ein heiliger Duft schwebt über allem, was ist. (Lk 10) als Gleichnis zu dem Gebot „Liebe deinen NächDas Leben muss wertgeschätzt, geschützt und geliebt werden. sten wie dich selbst.“ zu interpretieren, das sich aus dieFREUT EUCH AN DER SCHÖNHEIT ser Perspektive auf jede Person unabhängig von ihrem Die Schöpfung hat ihren eigenen Reichtum. Glauben bezieht. Die Tatsache, dass der Samariter ein Nichts ist blosser Rohstoff. Aussenseiter war, der nicht der örtlichen GlaubensgeDie Gaben, die uns die Erde schenkt, meinschaft angehörte, stützt diese These. Das Gleichnis müssen wir mit Ehrfurcht und Dankbarkeit gebrauchen. hilft uns zudem, Fürsorge und Handeln aus NächstenBEACHTET DEN KONTEXT liebe auch ausserhalb der von ChristInnen organisierten diakonischen Arbeit wahrzunehmen. Euer Leben ist mit dem Muster allen Lebens auf Erden verwoben. Dasselbe Verständnis bekräftigt die BedeuAlles, was ihr besitzt, ist nur geliehen. Ihr müsst es denen weitergeben, die nach euch kommen. tung von Glauben, Spiritualität und Religion für die Entwicklungsarbeit, weil es berücksichtigt, dass KÄMPFT FÜR GERECHTIGKEIT alle Religionen wichtigen Einfluss auf die Werte eiMutter Erde hat genug für alle, nes Menschen und seine Sicht auf die Wirklichkeit aber nicht für ihre Habgier. nehmen. Deswegen kann die Religion in Sozial- und Die Kluft zwischen Arm und Reich Entwicklungsarbeit nicht ignoriert werden. ist Verachtung der Menschenwürde. Diakonie als Diapraxis beinhaltet die grundsätzLEBT IN VERSÖHNUNG liche Achtung anderer Konfessionen, Religionen und Söhne und Töchter der Erde, Weltanschauungen. Diese Haltung relativiert den 44
Rasmussen, Lissi (Hrsg.): Bridges Instead of Walls. Christian-Muslim Interaction in Denmark, Indonesia and Nigeria. Genf: LWB 2007, S. 208f.
ihr, die ihr die Macht habt, ihre Gewebe zu zerstören: Ihr seid zu einem Leben der Versöhnung berufen!
Finn Wagle, Bischof von Trondheim, Norwegen (Übersetzung: LWB)
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der festen Überzeugung, dass Gott allen Menschen sundheits- oder Sozialbereich Tätigen, und genauso auch die Fähigkeit verliehen hat, Gutes zu tun. den Organisationen der internationalen Diakonie ebenso Die Etymologie des synonymen Begriffs Respekt wie der internationalen Nothilfe und Entwicklungsarbeit – der sich ableitet vom lateinischen re-spectare: erneut am Herzen. Wo sich mächtige und machtlose Menschen ansehen – lehrt uns, den Blick immer wieder über die begegnen, besteht immer das Risiko, dass Macht auf uneigenen vorgefassten Meinungen und Stereotypen hin- angemessene Weise ausgeübt oder sogar missbraucht wird. auszurichten, über den ersten Eindruck oder die unmitFür verschiedene Berufe existieren Verhaltelbare Reaktion auf eine andere Person hinaus zu sehen. tenskodizes. Sie enthalten gewöhnlich Prinzipien, Ein Mensch, der auf den ersten Blick hilflos erscheint, ist, Werte, Standards oder Verhaltensregeln, an die sich wenn wir wirklich hinschauen, eine Person mit eigener die im jeweiligen Bereich professionell Tätigen in ihGeschichte, eigenen Fähigkeiten und eigenem Glauben. rer täglichen Arbeit halten. Der Verhaltenskodex soll Dieser Respekt für den/die Andere/n und seine/ dem Wohl aller Beteiligten dienen und insbesondere ihre Integrität, insbesondere angesichts von Leid und dafür sorgen, dass ihre Rechte gewahrt bleiben. Unrecht, schliesst die Möglichkeit aus, Diakonie zu Ein bekanntes Beispiel ist der Verhaltenskodex für einem Instrument der Evangelisierung oder der Wer- die Internationale Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung bung neuer Kirchenmitglieder zu machen. Wir müs- und NGOs in der Katastrophenhilfe. Er stammt aus dem sen klar bekennen, dass der Diakonie ihr eigener Sinn Jahr 1994 und umfasst folgende zehn Prinzipien: immanent ist, weil sie zu den grundlegenden Dimen1. Der humanitäre Imperativ steht an erster Stelle. sionen der Mission der Kirche gehört. Die Achtung vor dem/der Andere/n beinhaltet allerdings auch, sei2. Hilfe wird ohne Ansehen von Hautfarbe, Glaune/ihre Entscheidung zu respektieren, wenn er/sie sich aus freien Stücken dem annähern und an dem teilhabensüberzeugung oder Nationalität der Empben will, was die Kirche bekennt und feiert. fängerInnen und ohne jedwede Benachteiligung Ein weiterer wichtiger Aspekt der Diapraxis ist geleistet. Die Prioritäten der Hilfe bestimmen die gute Zusammenarbeit mit anderen „Menschen gusich allein nach der Bedürftigkeit. ten Willens“ anstelle eines isolierten Vorgehens. Die 3. Hilfe wird nicht dazu verwendet, einen beHerausforderungen und Aufgaben gehen weit über das heraus, was die Kirche mit ihrer Diakonie alleine leisten stimmten politischen oder religiösen Standkann. Bündnisse mit anderen PartnerInnen tragen zum punkt zu befördern. Aufbau der Zivilgesellschaft bei und stärken lokale Ge4. Wir unternehmen Anstrengungen, uns nicht zu meinwesen im Umgang mit Not und Unrecht. Instrumenten staatlicher Aussenpolitik machen zu lassen.
11. Ein diakonischer Verhaltenskodex: Grundlegende Werte
In der Diakonie kommt es nicht nur darauf an, was man tut, sondern auch, wie man es tut. Welche Einstellungen spiegeln sich in der Arbeit wider? Wie wird das Verhalten der diakonischen MitarbeiterInnen wahrgenommen? Diese Fragen liegen allen in der Diakonie wie auch im Ge-
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5. Wir respektieren Kultur und Sitten. 6. Wir bemühen uns, unsere Katastrophenhilfe auf lokalen Kapazitäten aufzubauen. 7. Es werden Möglichkeiten gesucht, die NutzniesserInnen eines Programms in die Verwaltung der Nothilfe einzubeziehen.
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8. Nothilfe muss sich, neben der Erfüllung grundlegender Bedürfnisse, bemühen, die zukünftige Anfälligkeit für Katastrophen zu reduzieren. 9. Wir schulden sowohl denen, denen wir helfen, als auch denen, die uns Ressourcen überlassen, Rechenschaft. 10. In unserer Kommunikation, Öffentlichkeitsarbeit und Werbung stellen wir Opfer einer Katastrophe nicht als hoffnungslose Objekte der Hilfe, sondern als Menschen in Würde dar.45 Diakonische Arbeit sollte dieselbe hohe Qualität anstreben und sich deswegen einem solchen Verhaltenskodex verpflichten. Die hier aufgeführten Werte werden von einem breiten Netzwerk diakonischer MitarbeiterInnen in der ganzen Welt geteilt. Die Diakoniekonsultation in Addis Abeba diskutierte dieses Thema und rief zu einem Dialog mit dem Ziel auf, einen Verhaltenskodex für die Diakonie zu erstellen. Sie bezog sich dabei konkret auf die internationale Kooperation in der Diakonie und die Art der Zusammenarbeit der unterschiedlichen PartnerInnen. Aber die Frage ist auch für andere Formen diakonischer Arbeit relevant, sowohl auf Gemeindeebene als auch für diakonische Einrichtungen. Es geht hierbei nicht darum, bestehende Verhaltensregeln zu ersetzen. Die Idee ist eher, zusätzliche Perspektiven und Richtlinien zu finden, die sich auf die Grundwerte diakonischen Tuns stützen. Solche Richtlinien müssten natürlich dem jeweiligen lokalen Kontext mit seinen spezifischen Bedingungen angepasst werden. Im Folgenden stellen wir Aspekte vor, die von den Teilnehmenden der Konsultation in Addis Abeba als entscheidende Elemente eines gemeinsamen Diakonieverständnisses angesehen wurden und somit die Grundlage eines diakonischen Verhaltenskodex bilden sollten. In theologischer Hinsicht ist Diakonie: 45
www.ifrc.org/publicat/conduct,
aufgerufen
06.07.2010 (nur auf Englisch verfügbar).
am
1. gegründet auf Gnade und Ausdruck unseres christlichen Glaubens, 2. vom Leben und Dienst Christi geprägt, 3. das Handeln Gottes durch uns, um (körperlich, psychisch, spirituell oder sozial) leidenden Menschen zu helfen, in deren Gesichtern sich Christus spiegelt, 4. das Bemühen, die bedingungslose Liebe Gottes und seine Sorge um die Schöpfung zu bezeugen und widerzuspiegeln, 5. Teil der ganzheitlichen Aufgabe der Kirche. In Bezug auf ihre Ziele will Diakonie 1. menschliche Würde stärken, 2. zerbrochene Beziehungen wiederherstellen und Heilung und Versöhnung bringen, 3. für die Integrität der Schöpfung sorgen, 4. Unrecht anprangern und sich mit ihrer prophetischen Berufung für Frieden und Gerechtigkeit einsetzen, 5. Menschen in Not dienen,
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6. für alle Beteiligten einen Wandel erreichen. In Bezug auf ihr Handeln muss Diakonie 1. Mitgefühl, Integration, Gegenseitigkeit, Respekt und Rechenschaft als grundlegende Werte betrachten, 2. Solidarität und gegenseitige Rechenschaft über Grenzen hinweg ausdrücken und Gelegenheiten zum Teilen von Ressourcen suchen, 3. ökumenische Bündnisse mit Menschen anderen Glaubens und mit anderen Akteuren der Zivilgesellschaft anstreben, 4. Teilhabe, Begleitung und Bevollmächtigung als wichtigste Methoden betreiben,
6. sich ihrer Grenzen bewusst sein und vermeiden, Abhängigkeiten zu schaffen. Diakonie als Konzept sollte dem vorbehalten sein, was ChristInnen – spontan, oder in Form von diakonischen Initiativen organisiert – als PartnerInnen in Gottes Mission „zur Heilung der Welt“ tun. Jedoch kann Gottes gnadenreiche Gegenwart in der Welt, die Frieden, Gerechtigkeit und Versöhnung wirkt, nicht auf das begrenzt werden, was im Rahmen diakonischer Arbeit geschieht bzw. was ChristInnen sagen und tun. Deshalb ist Diakonie weder in ihrem theologischen Selbstverständnis noch in ihrer Praxis als exklusiv zu deuten. Diakonisches Handeln muss seinen Antrieb aus dem Bekenntnis der „Tiefe des Reichtums […] der Weisheit und der Erkenntnis Gottes“ (Röm 11,33) beziehen, von dem, durch den und zu dem hin alle Dinge sind und dem in Ewigkeit Ehre gebührt.
5. kontextuell sein und deshalb unterschiedliche Methoden anwenden,
Fragen zur Reflexion 1. In welcher Beziehung stehen Ihrer Erfahrung nach die verschiedenen Formen der Diakonie zueinander? Welches sind die Stärken und Schwächen dieser Beziehungen? Wie sehen Sie die Rolle professioneller MitarbeiterInnen in der Diakonie? Halten Sie ein geordnetes diakonisches Amt in der Kirche für sinnvoll? 2. Wie definieren Sie die Rolle und Funktion der Verkündigung als Teil der Mission der Kirche? Wie definieren Sie die Rolle und Funktion der Diakonie als Teil der Mission der Kirche? In welchem Verhältnis stehen die beiden Dimensionen? 3. Die Diakonie ist berufen, prophetisch zu sein und die Stimme der Marginalisierten zu Gehör zu bringen. Wie sehen Sie diese Berufung in Bezug auf Ihren Kontext? Inwiefern kann ihr diakonisches Handeln entsprechen? 4. Die Vernetzung wird als wichtiges Instrument der Diakonie beschrieben. Wie ist Ihre diakonische Arbeit mit anderen Akteuren (Gruppen, Organisationen, anderen Kirchen, staatlichen Strukturen etc.) vernetzt? 5. Wie schafft Ihre Kirche diakonische Kompetenz (Schulungs-, Ausbildungsangebote etc.)? Welche Verbesserungen sind nötig, und wie könnten sie verwirklicht werden?
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ritueller und sozialer Aspekte des Lebens aus und schreibt ihnen gleichermassen hohe Bedeutung zu.
Einige Schlüsselbegriffe 46 dieser Publikation: Anwaltschaft (advocacy) – strategisches öffentliches Zeugnis gemeinsam mit und im Namen von marginalisierten, verwundbaren oder zum Schweigen gebrachten Menschen. Bevollmächtigung (empowerment) – der Prozess, in dem marginalisierte Menschen für ihr eigenes Leben und die Gesellschaft selbstbestimmt Verantwortung übernehmen. Bürgerschaftliches Engagement (citizenship) – die öffentliche, staatsbürgerliche Rolle aller Menschen, die Rechte und Pflichten im lokalen, nationalen und globalen Kontext beinhaltet. DiakonIn – geordnetes Amt der Kirche. In der altkirchlichen Tradition bildete der Diakon mit dem Bischof und dem Ältesten (Presbyter, Priester) die Kirchenleitung. In der protestantischen Tradition ist ein/e DiakonIn oftmals dazu ausgebildet, in Gemeinden oder Institutionen die diakonische Arbeit zu leiten. Ekklesiologie – das theologische Verständnis von der Kirche. Ganzheitlich – im sozialen und diakonischen Handeln geht der ganzheitliche Ansatz von der wechselseitigen Relevanz materieller, intellektueller, spi46
Anm. d. Übers.: Viele dieser Konzepte stammen aus der englischen Sprache. Oftmals hat sich im Deutschen noch
keine bestimmte Übersetzung durchgesetzt, oder die Be-
griffe müssen je nach Kontext unterschiedlich übersetzt
werden. Manchmal ist die Bedeutung im Deutschen im
Vergleich zum Englischen auch leicht verschoben, enthält
also teilweise andere Konnotationen. Als Hilfe ist bei solchen Fällen die englische Entsprechung mit angegeben.
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Gegenseitigkeit (mutuality) – wechselseitige Beziehungen, beide Seiten haben dieselbe Beziehung zueinander, sowohl als Gebende als auch als Empfangende. Gender – Begriff für die Analyse der Rollen von und Unterschiede zwischen Frauen und Männern, nimmt jenseits der biologischen Gegebenheiten die sozial bedingten Erscheinungsformen in den Blick. Inkarnation – Fleisch-/Menschwerdung, auch: Verkörperung, aus lateinisch: in carnis (im Fleisch). In der christlichen Theologie die Lehre, dass Jesus Christus Gott ist, der sich in Christus als wahrem Menschen offenbart hat. Diakonie ist oftmals motiviert durch das Ziel, den christlichen Glauben und Dienst im wahren Leben der Menschen zu „verkörpern“. Inklusion/Integrativität (inclusiveness) – Ansatz und Praxis, alle Menschen einzubeziehen, insbesondere Personen oder Gruppen, die ausgeschlossen sind. Kapazität (capacity) – das Personen, Gruppen und Organisationen innewohnende Potenzial, ihr Umfeld zu beeinflussen und zu verwandeln, sowie die zur Aktivierung dieses Potenzials zu vermittelnden Kompetenzen. Koinonia – griechisch für Gemeinschaft, wird im Neuen Testament als Ausdruck für die Kirche verwendet (Apg 2,42 und 1.Kor 1,9). In der Ökumene ein Schlüsselkonzept zur Beschreibung des göttlichen Wesens der Kirche, ihrer Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott und ihres Seins als Gemeinschaft aller Getauften. Kontext – das jeweilige Umfeld, einschliesslich seiner gesellschaftlichen, politischen, kulturellen, religiösen, wirtschaftlichen und ökologischen Dimension.
Millenniumsziele (Millennium Development Goals, MDG) – acht Ziele der Vereinten Nationen, die bis 2015 erreicht werden sollen, um die wichtigsten Entwicklungsprobleme der Welt zu lösen. Sie entstammen den Beschlüssen und Zielen der Millenniumserklärung, die von 189 Ländern angenommen und von 147 Staats- und Regierungschefs auf dem VNMillenniumsgipfel im September 2000 unterzeichnet wurde. Mission – lateinisch: missio (Sendung), steht in der christlichen Theologie für die Aussendung der Kirche in die Welt. Heute wird Mission als Teilhabe an Gottes Mission gesehen. Sie wird zudem als ganzheitliches Geschehen verstanden, das die Verkündigung, Dienst (Diakonie) und Anwaltschaft umfasst.
nie bezeichnet gewöhnlich eine bestimmte Art, wie diakonische Arbeit organisiert ist und ausgeführt wird. Dies geschieht nach anerkannten Standards und Qualitätsnormen – beispielsweise durch die Anwendung von PME-Systemen (Planung, Monitoring und Evaluierung). Prophetisch – nach biblischer Tradition bedeutet ProphetIn zu sein die Berufung, in Gottes Namen die Stimme gegen Unrecht und zur Verteidigung der Armen und Unterdrückten zu erheben. Rechenschaft (accountability) – gegenseitige Verantwortung, häufig als grundlegender Wert der internationalen Diakonie angeführt. Rechtebasiert (rights-based) – Begriff für soziales und diakonisches Handeln, das sich aus den bürgerlichen, politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechten motiviert und an ihnen orientiert.
Neoliberalismus – eine ideologische und politische Bewegung seit den 1980er Jahren, die sich durch die grundlegende Überzeugung auszeichnet, dass die Mechanismen einer freien Marktwirtschaft mit einem Minimum an politischer Regulierung zu politi- Säkular – von lateinisch saeculum (die gegenwärtige scher und wirtschaftlicher Freiheit führen. Welt), beschreibt den weltlichen Bereich in Abgrenzung zur Religion. Säkularisierung ist ein Prozess, Partnerschaft –Beziehung gegenseitiger Koope- der sich durch die abnehmende Macht der Religion ration und Rechenschaft zwischen Menschen oder in der Gesellschaft auszeichnet, wobei sich Politik, Gruppen, die zusammenarbeiten, um gemeinsame Wissenschaft und Kultur emanzipieren. Ziele zu erreichen. Solidarität – von lateinisch solidum (die ganze SumPaternalistisch – von lateinisch: pater (Vater), auto- me), ursprünglich die gegenseitige Unterstützung unritärer Umgang mit Menschen, der Fürsorge vorgibt, ter Mitgliedern einer Gruppe. Heute ist der Begriff gleichzeitig aber aus einer Machtposition heraus den weiter gefasst und beinhaltet die Unterstützung AnZugang zu Rechten, Verantwortung und eigenen derer, insbesondere der Armen und Marginalisierten, Entscheidungen verwehrt. als Ausdruck der Zugehörigkeit zur Weltfamilie. Politische Diakonie – diakonisches Handeln, das bewusst politische Themen aufgreift und sich im öffentlichen Bereich engagiert. Professionelle/r bzw. hauptamtliche/r MitarbeiterIn – hat eine Ausbildung durchlaufen und erhält für ihre/seine Arbeit ein Gehalt. Professionelle Diako-
Sozialstaat – politisches Modell, das vor allem in westlichen Ländern nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt wurde. Es vereint Demokratie, regulierten Kapitalismus und eine Sozialgesetzgebung, die Gesundheitsversorgung, Sozialversicherung und Bildung für alle BürgerInnen etc. als staatliche Leistungen organisiert.
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Teilhabe/Partizipation – Praxis der Zusammenar- Würde – grundlegendes Element des christlichen beit: gemeinschaftliche Ausübung von Rechten und Menschenbildes: Jeder Mensch ist nach Gottes Bild Verantwortung sowie Entscheidungsfindung zugun- geschaffen und verfügt dadurch über unbeschränkte sten gemeinsamer Ziele. Würde, die anerkannt, respektiert und bestärkt werden muss. Weggemeinschaft (accompaniment) – bedeutet, andere Menschen mit Respekt und in Gegenseitigkeit Zivilgesellschaft – ein Netzwerk von Bewegungen, auf ihrem Weg zu begleiten, besonders in schwieri- Organisationen und Institutionen, steht als dritter gen Situationen. Weggemeinschaft erwächst aus der Sektor der Gesellschaft neben den staatlichen StrukOrientierung am Vorbild Christi, seinen Beziehun- turen und dem Markt. gen zu und seinem Umgang mit den Menschen. Wohltätigkeit (charity) – Praxis, Hilfsbedürftige zu unterstützen; wird sowohl von Einzelpersonen geübt als auch in organisierter Form betrieben.
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Lutherischer Weltbund – eine Kirchengemeinschaft