Das Selbstverständnis der lutherischen Kirchengemeinschaft Ein Studiendokument
Das Selbstverständnis der lutherischen Kirchengemeinschaft Ein Studiendokument
© Lutherischer Weltbund Herausgeber:
Abteilung für Theologie und Öffentliches Zeugnis
Entwurf und Satz:
Abteilung für Theologie und Öffentliches Zeugnis Büro für Kommunikationsdienste
Coverbild:
LWB/I. Benesch
Inhalt Vorwort....................................................................................................... 5 Martin Junge
Die lutherische Kirchengemeinschaft – Gabe und Aufgabe............................7 Die Gabe der Gemeinschaft......................................................................... 9 Der Lutherische Weltbund erfährt in der Communio die Gabe der Einheit..............................................................................................9 Communio: Gabe, die uns geschenkt ist..........................................10 Die Gabe der Einheit – gelebt in Einheit und Vielfalt..........................12 Die Aufgabe: Kirchengemeinschaft verstehen und gestalten....................... 13 Autonomie und Rechenschaft..........................................................13 Gemeinsame Entscheidungsprozesse..............................................15 Unterschiedliche Positionen innerhalb der Kirchengemeinschaft.......16 Grundlagen für Entscheidungsprozesse in wechselseitiger Rechenschaft............................................................................................. 17 Das Evangelium ist der Kern unseres Lebens in Gemeinschaft...............18 In Wort und Sakrament ereignet sich Communio...................................20 Die Botschaft vom Kreuz heilt unsere Gebrochenheit............................ 22 Das Wort Gottes schafft und bestärkt sowohl Einheit als auch Vielfalt....23 Aus dem Evangelium erwachsen Freiheit, Respekt und das Vermögen, einander zu ertragen............................................................................. 24
Weiterführende Gesichtspunkte..................................................................27
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Vorwort Martin Junge
Der Lutherische Weltbund (LWB) ist eine lebendige und verbindliche Kirchengemeinschaft. Seine Mitgliedskirchen stehen in Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft und bündeln ihre spirituellen und materiellen Ressourcen mit dem Ziel, gemeinsam mitzuwirken an Gottes Mission in der Welt. Die Kirchengemeinschaft lebt, weil Gott sie ins Sein ruft und erhält. Als Communio zusammenleben zu können ist eine Gabe, die den Kirchen geschenkt ist. Als Antwort auf Gottes Ruf verpflichtet sich der LWB zur kontinuierlichen Verwirklichung der Communio. Die Kirchengemeinschaft ist Gabe, also etwas, das uns geschenkt wird, gleichzeitig ist sie Aufgabe, das heisst, wir verpflichten uns, auf ihre Verwirklichung hinzuarbeiten. Seit seiner Entstehung hat der LWB spürbar an ekklesialer Dichte zugenommen. Dies ist erkennbar in seinen Strukturen wie seiner Praxis, seinen grundlegenden Texten und Leitungsstrukturen sowie in der Art und Weise, wie er seine gemeinsamen Tagungen, die Zusammenarbeit und auch das Miteinanderfeiern gestaltet. Auf dem Weg der lutherischen Kirchengemeinschaft zum Reformationsjubiläum 2017 will der LWB bezeugen, was es aus lutherischer Perspektive bedeutet, ekklesiale Gemeinschaft zu sein. Einer der Begriffe, die zum Markenzeichen lutherischer Ekklesiologie geworden sind, ist die „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“. Zu allen Zeiten und an allen Orten prüfen die Kirchen, wie sie im jeweiligen Kontext die Botschaft des Evangeliums treu leben können. Im Rahmen dieses Prozesses sind sie aufgerufen, kulturelle und sozialethische Paradigmen im Licht des Evangeliums Jesu Christi wahrzunehmen und zu hinterfragen. Eine sorgsame Verhältnisbestimmung zum jeweiligen Kontext ist ein wichtiges Element der glaubwürdigen Vermittlung der Evangeliumsbotschaft. Gleichzeitig ist die wechselseitige Rechenschaftspflicht von Kirchen unterschiedlicher Kontexte Teil ihrer Verpflichtung auf die Katholizität der Kirche Jesu Christi. Bei seiner Tagung im Jahr 2013 beauftragte mich der LWB-Rat,
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Das Selbstverständnis der lutherischen Kirchengemeinschaft die LWB-Mitgliedskirchen zu weiterer theologischer Reflexion darüber [zu] ermuntern, wie die Autonomie der einzelnen Mitgliedskirchen, eigene Entscheidungen zu treffen, respektiert und wie mit den daraus resultierenden Unterschieden umgegangen werden kann und wie diese zum Ausdruck gebracht werden können, sowie darüber wie gleichzeitig auch die Zusage der Mitgliedskirchen, als Gemeinschaft von Kirchen leben und arbeiten zu wollen, Anerkennung finden kann.1
Der Rat empfahl den LWB-Mitgliedskirchen, das Dokument „Die Gabe der Gemeinschaft in einer zersplitterten Welt bekräftigen“2, das meine vorbereitenden Überlegungen zur LWB-Ratstagung enthält, aufmerksam zu studieren. Eine aus sieben VertreterInnen verschiedener Regionen und Fachgebieten zusammengesetzte Arbeitsgruppe wurde Ende 2013 vom Gremium leitender AmtsträgerInnen eingesetzt und begann mit dem gemeinsamen Reflexionsprozess. Die Arbeitsgruppe hatte den Auftrag, ein Studiendokument zum Selbstverständnis der lutherischen Kirchengemeinschaft zu erarbeiten und dem Rat bei seiner Tagung 2015 vorzulegen. Dies soll dann den Mitgliedskirchen zur Verfügung gestellt werden. Im Rahmen der Vorbereitung des Dokuments hatten die Regionen bei verschiedenen Kirchenleitungstagungen 2014 und 2015 Gelegenheit, sich über ihr Communio-Verständnis auszutauschen. Schliesslich möchte ich herzlich danken für die von den Mitgliedern der Arbeitsgruppe, Guillermo Hansen, Minna Hietamäki, Allen Jorgenson, Annika Laats, Hance A. O. Mwakabana, Elisabeth Parmentier und En Yu Thu, geleistete intensive Arbeit und ihr Engagement während dieses 18-monatigen Prozesses. Ihre jeweiligen Beiträge 3 haben den vielfältigen Ausprägungen und Verständnisweisen des Konzepts der Kirchengemeinschaft innerhalb des LWB Ausdruck gegeben.
Botschaft des LWB-Rates, 17. Juni 2013, www.lutheranworld.org/sites/default/files/Botschaft_des_LWB-Rates-Gabe_der_Gemeinschaft.pdf (abgerufen am 21.10.2015). 2 Tagesordnung, Tagung des LWB-Rates 2013, Anlage 9.0.1. 3 „Understanding the Gift of Communion. The Quest for a Shared Self-Understanding of the Lutheran Communion. A Reader“, 2014, www.lutheranworld.org/sites/default/files/DTPW-SelfUnderstanding_Communion-low.pdf (abgerufen am 21.10.2015).
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Die lutherische Kirchengemeinschaft – Gabe und Aufgabe Miteinander als lutherische communio unterwegs zu sein – was bedeutet das für uns Kirchen und unser gemeinsames Leben, Handeln sowie die gemeinsame Gestaltung unseres Weges? Nach lutherischem Verständnis ist Communio gleichzeitig Gabe und Aufgabe.4 Weil sie uns als Gabe geschenkt ist, wird sie uns auch zur Aufgabe. Zuerst ist sie uns geschenkt, was uns in die Lage versetzt, aus der Fülle des uns Geschenkten zu geben. Die Kirchengemeinschaft entsteht im Hören des Wortes und im Empfang der Sakramente – durch die Eingliederung in den Leib Christi, der dem Glauben in der Gestalt des Kreuzes offenbar wird. Die Gabe solcher Gemeinschaft wurzelt im dreieinigen Gott. Anhand des Schlüsselbegriffs der „Gabe“ untersucht dieses Dokument den Verheissungscharakter des von Gott an uns ergangenen Wortes. Der Gott Jesu Christi spricht uns im Modus der Verheissung an, befähigt uns so, das Evangelium auf verschiedene Weise zu empfangen, und macht uns dadurch bewusst, dass die Vielfalt selbst eine Gabe ist. Diese Gabe ist jedoch gleichzeitig Aufgabe. Wer das Evangelium hört, sieht, fühlt, schmeckt und riecht, macht sich die Aufgabe zu eigen, Christus nachzufolgen. Dazu gehören Wege der Vielfalt inmitten der Einheit. Dieses Evangelium ist nicht unser eigenes Unterfangen, nein, es nimmt uns, um der Liebe willen und um Gottes willen, mit in die Welt. Jede Mitgliedskirche steht intern bereits in diesem Dialog, in dem Bewusstsein, dass es die Treue zum Evangelium erfordert, sich über seine Botschaft und seine Konsequenzen für den gelebten Glauben im Klaren zu sein. Der vorliegende Text will die gemeinsamen Glaubensüberzeugungen der LWB-Mitgliedskirchen artikulieren, die jederzeit relevant und bedeutsam sind, besonders aber dann, wenn in der Kirchengemeinschaft Uneinigkeit besteht, damit Wege und Verfahren zur Klärung unseres Miteinanders gefunden werden können.
„Aber die Christliche Kirche stehet nicht allein inn geselschafft eusserlicher zeichen, sondern stehet furnemlich inn gemeinschafft innwendig der ewigen guter im hertzen, als des heiligen geists, des glaubens, der forcht und liebe Gottes.“ Apologia Confessionis Augustanae, Artikel VII, in: Irene Dingel (Hg.): „Die Bekenntnisschriften der evangelischlutherischen Kirche. Vollständige Neuedition“, Göttingen, 2014, S. 398. 4
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Die Gabe der Gemeinschaft Der Lutherische Weltbund erfährt in der Communio die Gabe der Einheit* [*Anm d. Übers.: in der englischen Fassung oneness] Die bei der Vollversammlung in Lund 1947 verabschiedete erste Verfassung des Lutherischen Weltbundes (LWB) definierte den LWB als „eine freie Vereinigung von lutherischen Kirchen“, die „keine Vollmacht [hat], Gesetze zu erlassen, oder in ihre volle Autonomie einzugreifen. Er handelt aber als ihr Organ in Angelegenheiten, die ihm von den Gliedkirchen übertragen werden.“5 Anlässlich der Vollversammlung im Jahr 1984 in Budapest verabschiedeten die Mitgliedskirchen, die gemeinsam vielfältige Probleme bewältigt und ihre wechselseitigen Bindungen vertieft hatten, eine „Erklärung über Selbstverständnis und Auftrag des Lutherischen Weltbundes“6. Bezugnehmend auf Artikel VII des Augsburger Bekenntnisses wird darin festgestellt: Diese lutherische Kirchengemeinschaft findet ihren sichtbaren Ausdruck in Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft, im gemeinsamen Zeugnis und Dienst, in der gemeinsamen Erfüllung des missionarischen Auftrags und in der Bereitschaft zu ökumenischer Zusammenarbeit, Dialog und Gemeinschaft. Die lutherischen Kirchen der Welt verstehen ihre Gemeinschaft als Ausdruck der einen heiligen katholischen und apostolischen Kirche. Sie sind daher verpflichtet, sich für die Manifestierung der in Jesus Christus gegebenen Einheit der Kirche einzusetzen.7
Weiter wird der LWB definiert als ein Ausdruck und Instrument dieser Gemeinschaft. Er hilft ihr, immer mehr zu einer konziliaren, wechselseitig verpflichteten Gemeinschaft zu werden, indem er unter
5 Artikel III.1 der Verfassung des Lutherischen Weltbundes (angenommen von der Ersten Vollversammlung 1947 in Lund, Schweden), abgedruckt in: Jens Holger Schjorring/Prasanna Kumari/Norman A. Hjelm (Hg.): „Vom Weltbund zur Gemeinschaft. Geschichte des Lutherischen Weltbundes 1947-1997“, Hannover, 1997, S. 465. 6 Carl H. Mau (Hg.): „Budapest 1984. ‚In Christus – Hoffnung für die Welt‘. Offizieller Bericht der Siebenten Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes, Budapest, Ungarn, 22. Juli – 5. August 1984“, LWB-Report Nr. 19/20, Stuttgart, 1985, S. 184. 7 Ebd.
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Das Selbstverständnis der lutherischen Kirchengemeinschaft seinen Mitgliedskirchen und anderen Kirchen der lutherischen Tradition Beratung und Austausch und gegenseitige Teilhabe an Freude, Leiden und Ringen fördert.8
Die Geschichte des LWB ist geprägt davon, dass der Weltbund die Gemeinschaft, die ihm geschenkt ist, aktiv gestaltet. Ab dem frühen 20. Jahrhundert gab es bei verschiedenen lutherischen Kirchen Bemühungen, als Vertreterinnen derselben konfessionellen Tradition lokal wie international zusammenzukommen. Zwei Impulse für die entstehende Communio sind erkennbar: zum einen die gemeinsame Reaktion auf eine Not, die so gross und dringlich war, dass sie weder ignoriert noch von einer einzelnen Kirche allein bewältigt werden konnte, und zum anderen die interne Debatte und Positionsbestimmung der Kirchen. Die LWB-Verfassung hat sich als relativ stabiler Text erwiesen, der sowohl Wegweisung für die Kirchengemeinschaft gab als auch dem sich entwickelnden Selbstverständnis angepasst wurde. Die Vollversammlung in Curitiba im Jahr 1990 definierte die wechselseitige Verpflichtung der Kirchen dieser Gemeinschaft genauer: Der Lutherische Weltbund ist eine Gemeinschaft von Kirchen, die sich zu dem dreieinigen Gott bekennen, in der Verkündigung des Wortes Gottes übereinstimmen und in Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft verbunden sind.9
Diese Entwicklung vom Weltbund zur Kirchengemeinschaft spiegelt eine Weiterentwicklung im Verständnis der zwischenkirchlichen Beziehungen.10 Das Konzept der communio stützt sich auf den biblischen Gedanken der koinonia, ist also Teil des Erbes aller christlichen Kirchen.11
Communio: Gabe, die uns geschenkt ist Im Neuen Testament beschreibt der Begriff communio/koinonia die „Gemeinschaft der Heiligen“ als Gemeinschaft der Glaubenden, die teilhaben an Wort und Sakrament, Gottesdienst und Gebet sowie an den Gaben Gottes. Ebd. Verfassung des LWB, Artikel III., www.lutheranworld.org/sites/default/files/Constitution%20 DE%20final_0.pdf (abgerufen am 21.10.2015). 10 So war es in der Vergangenheit etwa üblich, dass eine Kirche in der südlichen Hemisphäre Beziehungen zu einer Missionsgesellschaft oder kirchlichen Abteilung im Norden pflegte, nicht aber zu einer Kirche als Ganzer. 11 Vgl. John Reuman: „Koinonia in der Bibel. Ein Überblick“, in: Günther Gassmann und Dagmar Heller (Hg.): „Santiago de Compostela 1993. Fünfte Weltkonferenz für Glaube und Kirchenverfassung, 3. bis 14. August 1993, Berichte, Referate, Dokumente“, Beiheft zur Ökumenischen Rundschau 67, Frankfurt, 1994, S. 37-69; Barbara Rossing: „Modelle der Koinonia im Neuen Testament und in der Alten Kirche“, in: Heinrich Holze (Hg.): „Die Kirche als Gemeinschaft. Lutherische Beiträge zur Ekklesiologie“, LWB-Dokumentation 42, Genf, 1998, S. 61-74. 8
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Paulus entfaltet koinonia als ein Beziehungsgefüge, das in der Einladung des Evangeliums und der Tischgemeinschaft gründet. In 1.Kor 10,16 und 1.Kor 11,23–25 sind Leib und Blut Jesu Christi in und durch Brot und Wein im Sakrament die Grundlage, auf der koinonia sichtbar und gestärkt wird. Wo Menschen unterschiedlicher Herkunft miteinander assen, bedeutete dies Teilhabe an Jesus Christus und eröffnete neue Beziehungen zueinander. Diese Überwindung ethnischer Grenzen, die die verschiedenen Glieder der koinonia eigentlich voneinander getrennt hätten, wird daran deutlich, wie Paulus sich Petrus und seinen AnhängerInnen entgegenstellt, weil sie die HeidenchristInnen diskriminieren (Gal 2). Auch in der Apostelgeschichte wird beschrieben, dass die hebräisch-hellenistische Gemeinde „beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft [koinonia] und im Brotbrechen und im Gebet“ blieb (Apg 2,42). Das Verständnis der Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft in der Kirchengemeinschaft des LWB stützt sich auf dieses Grundkriterium der apostolischen Tradition, das gegenseitige Lernen und die gemeinsame Teilhabe an den Sakramenten.12 In diesem Rahmen wird deutlich, was die Anderen brauchen, woraus dann Bedarf an Strukturen erwächst, um diesen Bedürfnissen auf gerechtere und ausgewogenere Weise zu entsprechen (Apg 2,44-47; 4,32-35). Koinonia stellt sich in der Bibel also dar als Handeln Gottes, das Menschen auf Gott und aufeinander zu bewegt. Insbesondere führt diese Bewegung dazu, dass Bedürfnisse ernst genommen und Leben bewahrt wird. Dass sie zu einer Gemeinschaft werden, wird den Kirchen geschenkt. Zur Gemeinschaft mit Christus aber kommt es durch die Predigt des Evangeliums, die den Glauben weckt und im Glauben angenommen werden will, und durch die Sakramente, die den Glauben stärken und im Glauben empfangen werden wollen.13
Diese Gemeinschaft mit Christus durch den Glauben und die Teilhabe an seinem Erlösungswerk implizieren eine tiefe Solidarität miteinander, der das Miteinanderteilen materieller wie spiritueller Ressourcen inhärent ist. Darüber hinaus erfordert sie wechselseitige Verbindlichkeit und ein Miteinanderleben und -handeln. Diese Kirchengemeinschaft bedeutet nicht erzwungene oder verordnete Einheitlichkeit und Gleichförmigkeit. Diese Gemeinschaft ist in sich vielgestaltig. Sie lebt und wirkt in der Vielfalt empfangener Gaben und in der Verschiedenheit sich stellender Aufgaben.14 Vgl. Confessio Augustana, Artikel VII, in: „Die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche. Vollständige Neuedition“, a. a. O. (Anm. 4), S. 64f. 13 „Communio, Koinonia: ein neutestamentlich-frühchristlicher Begriff und seine heutige Wiederaufnahme und Bedeutung“, Eine Stellungnahme des Instituts für Ökumenische Forschung, Strassburg, 1990, S. 9. 14 Ebd., S. 10. 12
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Das Selbstverständnis der lutherischen Kirchengemeinschaft
Die Kirchengemeinschaft blickt nicht nur auf sich selbst. Sie lebt aus der Gemeinschaft mit dem Herrn, der Herr und Heiland der ganzen Schöpfung ist und dem sie dient als Werkzeug und Zeichen für das Heil der Welt.15
Das ist die Einheit, an der wir teilhaben. Die Gemeinschaft des Lutherischen Weltbundes hat ihre Grundlage in der theologischen Wirklichkeit, dass wir eins sind in Christus.
Die Gabe der Einheit – gelebt in Einheit und Vielfalt* [*Anm d. Übers.: in der englischen Fassung The gift of oneness is lived in unity and diversity] Zum Verständnis von der Kirche als Communio gehört auch die Vorstellung, dass Einheit mit Unterschieden einhergeht. Leben wir in Einheit, so ist dies das Ergebnis des Wirkens von Gottes Geist unter uns aufgrund des Gebets Jesu darum, dass „sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein“ (Joh 17,21). Dieses Gebet stärkt unsere Beziehungen als lutherische Kirchen sowie mit anderen Kirchen weltweit. Die ökumenischen Dialoge haben den lutherischen Kirchen Gelegenheit gegeben, ihr gemeinsames Verständnis von Kirchengemeinschaft zu klären. Im Dialog mit den ökumenischen Partnern haben die Mitgliedskirchen des LWB begonnen, ihre Art der Gemeinschaft als Einheit in Sichtbarkeit, in Vielfalt und in Dynamik zu beschreiben.16 Die Communio soll historisch greifbar, sichtbar und für die Welt erkennbar sein. Unsere Kirchengemeinschaft wird sichtbar in Wort und Sakrament und wir feiern sie gemeinsam mit unseren Partnern, wo wir miteinander den Mitmenschen dienen. Im LWB kommt die bedingungslose Liebe Gottes zum Ausdruck in der Zusammenarbeit mit anderen im Dienst an Menschen in Not. Als LutheranerInnen bezeichnen wir diesen Dienst als Diakonie. Sie ist integraler Bestandteil unserer Identität und eint uns im Leben der Kirchengemeinschaft.
Ebd. Vgl. Gemeinsame römisch-katholische/evangelisch-lutherische Kommission: „Wege zur Gemeinschaft“ (1980), in: Harding Meyer/Hans Jörg Urban/Lukas Vischer (Hg.): „Dokumente wachsender Übereinstimmung I. Sämtliche Berichte und Konsenstexte interkonfessioneller Gespräche auf Weltebene, 1931-1982“, Paderborn/Frankfurt, 1983, S. 303f., Abs. 32–41.
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Die Aufgabe: Kirchengemeinschaft verstehen und gestalten Autonomie und Rechenschaft Als Mitglied des LWB muss eine Kirche seine Lehrgrundlage offiziell anerkennen, eine selbständige [Anm d. Übers.: in der englischen Fassung autonomous] Körperschaft sein und aus mehr als einer Ortsgemeinde bestehen.17 Dieses Verständnis von Mitgliedschaft harmoniert mit der Definition des LWB als föderativ gedachtem „Bund“ und entspricht der Tendenz internationaler Organisationen zur Zeit seiner Entstehung, sich als Institutionen zu verstehen, die aus unabhängigen Gemeinschaften zusammengesetzt sind, die übereinkommen, zu einem bestimmten Zweck zusammenzuarbeiten. Bis 1990 zur Vollversammlung in Curitiba, Brasilien, erwies sich dieses Verständnis für den LWB als sehr nützlich. Dann entdeckten die Kirchen, dass der Gedanke der Selbständigkeit bzw. Autonomie zu betrachten ist im Licht des sich entfaltenden Verständnisses, dass beides zusammengehöre – die Autonomie wie auch die Rechenschaftspflicht gegenüber der Gemeinschaft. Dies impliziert eine wechselseitige Verbindlichkeit und vielfältige Beziehungen gegenseitiger Rechenschaft. Die Mitgliedskirchen wurden sich zunehmend bewusst, dass zu unseren Beziehungen zueinander und zu unserer jeweiligen Identität die Rechenschaftspflicht ganz grundlegend dazugehört.18 Die paulinische Formulierung von der Kirche als Leib (1.Kor 12,12–31) ist nur eine mögliche Weise, wie gegenseitige Verantwortung begrifflich gefasst werden kann. Wir sind uns auch bewusst, dass das Thema Beziehung in den Bildern von der Kirche als Volk Gottes und als Tempel des Heiligen Geistes bedeutsam ist (1.Petr 2,9; 1.Kor 3,16). Der Begriff Autonomie wird hier also nicht als kompromisslose Unabhängigkeit verstanden, sondern als Selbstwer-
Ausführungsbestimmungen des Lutherischen Weltbundes, 2.2.1, www.lutheranworld.org/sites/ default/files/Bylaws%20DE%20final.pdf (abgerufen am 21.10.2015). 18 Vgl. Ökumenischer Rat der Kirchen, Die Kirche: Auf dem Weg zu einer gemeinsamen Vision, Studie der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung Nr. 214, Genf, 2013, S. 7, Abs. 13: „Der biblische Begriff Koinonia hat bei der ökumenischen Suche nach einem gemeinsamen Verständnis des Lebens und der Einheit der Kirche eine zentrale Bedeutung gewonnen.“ 17
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Das Selbstverständnis der lutherischen Kirchengemeinschaft
dung in Interdependenz mit dem Leben der anderen Kirchen. In diesem Sinne sind Autonomie und Rechenschaftspflicht untrennbar miteinander verbunden. Uns prägt die Realität, in einer Kirchengemeinschaft zu leben, deren verschiedene Mitglieder grundlegend beeinflusst werden von ihrer Interaktion miteinander und mit ihrem jeweiligen Kontext. Diese Beziehungen sind bestimmt von der wechselseitigen Rechenschaftspflicht. Die Freiheit, die die Aufgabe, Kirchengemeinschaft zu sein, definiert, ist eine Freiheit zum Dienst an den und mit den Anderen. Wir sind jenen Rechenschaft schuldig, denen wir dienen. Aneinander gebunden zu sein bedeutet paradoxerweise nicht die Zerstörung von Freiheit, vielmehr liegt darin ihre vollkommene Gestalt. Gemeinsam mit den Anderen wachsen wir in unserem Zeugnis vom Evangelium, das uns frei macht für unsere Nächsten. Unsere Herzen erfreuen sich daran, dass Schwesterkirchen gedeihen, schwer sind unsere Herzen, wenn sie leiden (1.Kor 12). Aufgrund dieses Aufeinander-Bezogen-Seins wirken sich Ereignisse und Entscheidungen, die Mitglieder innerhalb der Kirchengemeinschaft treffen, auf verschiedene Weise auf andere Mitglieder aus. Da wir aufgerufen sind, Rechenschaft zu geben über die Hoffnung, die in uns ist (1.Petr 3,15), haben wir eine Verantwortung gegenüber unserem jeweiligen Kontext wie auch gegenüber den Mitgliedern der Kirchengemeinschaft. Wir wissen also, dass wir bei unserer Rechenschaft vor anderen Kirchen auch den jeweiligen soziokulturellen Kontext und unsere Verantwortung der Umwelt gegenüber berücksichtigen müssen. Die theologische und geistliche Realität der Communio hat sich auf verschiedene Weise entfaltet und steht unter dem Einfluss politischer, historischer, geographischer und kultureller Faktoren, darunter: • das Verhältnis zum Staat bzw. zur Obrigkeit und die sich daraus für die Kirchen ergebenden äusseren Bedingungen, • Fragen bezüglich der Minderheits- oder Mehrheitsposition im lokalen Kontext und innerhalb der Familie des LWB, • Ausbreitung lutherischer Kirchen durch Missionstätigkeit und erzwungene oder freiwillige Migration, • Veränderungen in den gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten, • Veränderungen im Menschenbild, • Sorge um die Umwelt, • jüngste Entwicklungen im Blick auf Reisemöglichkeiten, Massenmedien und Informationstechnologie,
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ökumenische und interreligiöse Beziehungen.
Zudem sind die Kirchen innerhalb der Kirchengemeinschaft Institutionen mit eigener Leitung und rechtlich bindenden Verfassungen. Das Kirchenrecht regelt verschieden Aspekte des Lebens der einzelnen Kirche, etwa, wer zum Abendmahl oder zur Ordination zugelassen ist. Die im Kirchenrecht formulierten Prinzipien spiegeln sowohl ein bestimmtes theologisches Kirchenverständnis als auch die örtlichen Bedingungen wider. Beide Aspekte sind auf kulturelle Gegebenheiten bezogen. Ein Kennzeichen der Entschlossenheit des LWB, das Leben der Kirchengemeinschaft zu gestalten, ist die Tatsache, dass seine verschiedenen Ausprägungen um wechselseitige Anerkennung bemüht sind. Aber sowohl theologische Auslegungsweisen als auch institutionelle Strukturen können diese wechselseitige Anerkennung entweder befördern oder auch behindern.
Gemeinsame Entscheidungsprozesse Als Communio benötigen die LWB-Mitgliedskirchen Formen der gemeinsamen Entscheidungsfindung. Einige solche Formen bestehen bereits im Blick auf gemeinsame Anliegen und Fragen gemeinsamer Verantwortung.19 Zu den Organen, die gemeinsame Entscheidungen treffen, gehören die Vollversammlung, der Rat und das Gremium leitender AmtsträgerInnen des LWB. Die Mitgliedskirchen haben auch im Blick auf die ökumenischen Beziehungen gemeinsame Beschlüsse gefasst, etwa die Bestätigung der „Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ 1999 und die Entscheidung der Vollversamm lung 2010, gegenüber der Mennonitischen Weltkonferenz öffentlich ihr tiefes Bedauern und ihre Betrübnis zum Ausdruck zu bringen über die Verfolgung der TäuferInnen durch lutherische Obrigkeiten und besonders darüber, dass lutherische Reformatoren diese Verfolgung theologisch unterstützt haben. Verfahren für die wechselseitige Rücksprache bezüglich der Entscheidungsfindung in den Mitgliedskirchen, soweit diese Auswirkungen auf die Beziehungen innerhalb der Kirchengemeinschaft haben kann, müssen noch weiter entwickelt werden. Eine wechselseitige Rücksprache erfordert genug Zeit für Beratungen und setzt voraus, dass alle Beteiligten sich ausreichend gehört und ihren Standpunkt zur Kenntnis genommen fühlen, selbst wenn die unterschiedlichen Haltungen bestehen bleiben. 20
Etwa in den Bereichen Klimawandel, ökumenische Beziehungen und humanitäre Arbeit. Vgl. www.oikoumene.org/de/resources/documents/assembly/2006-porto-alegre/3-preparatoryand-background-documents/guidelines-for-the-conduct-of-meetings-of-the-wcc?set_language=de (abgerufen am 25.08.2015).
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Das Selbstverständnis der lutherischen Kirchengemeinschaft
Unterschiedliche Positionen innerhalb der Kirchengemeinschaft Als Mitglieder ein und derselben Communio fragen sich die Kirchen zunehmend, wie mit unterschiedlichen Positionen innerhalb der Kirchengemeinschaft kritisch aber konstruktiv umgegangen werden kann. Die Bereitschaft zu einem solchen Umgang ist in sich selbst schon Zeugnis von der Macht der göttlichen Liebe inmitten einer Welt, wo Unterschiede allzu oft zu Uneinigkeit und Gegeneinander führen. Die Vielfalt ist ein gesunder Ausdruck unseres gemeinsamen Glaubens und unserer Treue zum Evangelium. Allerdings gibt es bestimmte Differenzen, aus denen Unstimmigkeiten entstehen, die der Kirchengemeinschaft schaden können. Worin besteht ein Hindernis für das gemeinsame Leben der Communio? Welche Kriterien helfen zu unterscheiden zwischen akzeptablen und nicht akzeptablen Unterschieden? Im folgenden Abschnitt sind Instrumente für die Klärung solcher Fragen zusammengestellt. Es steht zu hoffen, dass sie der LWB-Familie jetzt und in Zukunft gute Dienste leisten angesichts konkreter Differenzen und Meinungsunterschiede. Zu den wichtigen Herausforderungen der Gegenwart, mit denen die Mitgliedskirchen konfrontiert sind, gehören Fragen aus dem Bereich Familie, Ehe und Sexualität. Manche Kirchen haben offiziell zu diesen Fragen Stellung bezogen, andere nicht. Wieder andere klären noch, wie mit solchen Fragen umzugehen ist. Im Jahr 2007 nahm der LWB-Rat das Dokument „Vorgeschlagene Richtlinien und Verfahren für einen respektvollen Dialog“ entgegen, das den Kirchen in diesem Prozess Hilfestellung leisten soll. Im Vorwort zu dem Papier wird festgestellt, da der LWB eine Kirchengemeinschaft ist, könne „keine Mitgliedskirche dieses Thema ignorieren oder es für abgeschlossen erklären (in welcher Weise auch immer), während sich andere Mitgliedskirchen noch damit auseinandersetzen.“21 Dass es Fragen gibt, die innerhalb des LWB kontrovers diskutiert werden, ist kein neues Phänomen. Manche Krisen vergangener Jahre haben sogar beigetragen zum Wandel vom Weltbund zur Communio.22 Im Blick auf gegenwärtige Reibungspunkte bleibt festzustellen, dass Entscheidungen, die die einen Kirchen der sozialethischen oder pastoralen Ebene zurechnen, anderen 21 „Lutherischer Weltbund: Ehe, Familie und menschliche Sexualität. Vorgeschlagene Richtlinien und Verfahren für einen respektvollen Dialog“, o. O., 2007, www.lutheranworld.org/sites/default/files/ Exhibit%2010%20Report%20Task%20Force%20Deutsch.pdf (abgerufen am 21.10.2015). 22 Bedeutsam ist in diesem Zusammenhang besonders der Umgang des LWB mit dem Thema Apartheid in Südafrika. Die Kirchengemeinschaft stellte sich der Situation und traf Entscheidungen, die dem LWB eine gewisse „ekklesiale Dichte“ verliehen. Dies ist nicht im bürokratischen Sinne (der LWB als „Über-Kirche“) zu verstehen, sondern in dem Sinn, dass die Fülle der lutherischen Kirche auch in ihrer weltweiten Beziehung als Netzwerk von Kirchen zum Ausdruck kommt.
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als Lehrfragen gelten. So oder so aber geht es um die Treue zum Evangelium. Betrachtet man aktuelle Kontroversen, etwa bezüglich der Ordination von Menschen mit homosexueller Orientierung und der Segnung gleichgeschlechtlicher Beziehungen, so werden sie von einer Seite behandelt unter dem pastoralen Gebot, niemanden auszuschliessen, die andere Seite vertritt die Position, solche Entscheidungen könnten die Communio beschädigen. Aus diesem Grund sollten solche Fragen nicht ausschliesslich als sozialethisch definiert, sondern auch dem Bereich der Kirchenordnung und -zucht zugeordnet werden, da sie relevant sind für die Verkündigung des Evangeliums. Zunächst sollte das Gewicht des strittigen Themas geprüft werden: Stehen grundlegende Aspekte lutherischer Verkündigung und Lehre in Frage? Oder ist es bezogen auf das kulturell und sozial geprägte Vorverständnis? Die reformatorische Theologie definierte Fragen menschlicher Tradition, Riten und Zeremonien als adiaphora und steckte damit einen Raum für akzeptable Differenzen ab.23 In bestimmten Situationen aber kann selbst Angelegenheiten, die manchen als adiaphora gelten, solches Gewicht zukommen, dass Kirchen nicht umhin können, sich zu positionieren. 24 Den Mitgliedern der Kirchengemeinschaft fällt die Aufgabe zu, sich auf einer soliden theologischen Grundlage mit diesen Fragen auseinanderzusetzen, um unserer gemeinsamen Treue zum Evangelium und um der Gemeinschaft innerhalb der Communio willen. Dieser Prozess der theologischen Urteilsbildung muss ausgearbeitet und klarer gefasst werden.
Grundlagen für Entscheidungsprozesse in wechselseitiger Rechenschaft Angesichts der komplexen Fragestellungen, mit denen sich die Kirchengemeinschaft auseinandersetzen muss, greifen wir zurück auf die Gaben, die unsere Identität ausmachen. Im Folgenden werden verschiedene Instrumente aufgezeigt, die der Communio dabei helfen können zu klären, wie sie inmitten der Vielfalt ihr Zusammenleben gestalten kann. Die zugrundeliegende Struktur nimmt das Wort Gottes als zentrale, unsere Identität bestimmende Gabe zum Ausgangspunkt.
23 Confessio Augustana, Artikel VII, in: „Die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche. Vollständige Neuedition“, a. a. O. (Anm. 4), S. 102. 24 Die Konkordienformel – Solida Declaratio, „X. Von Kirchengebreuchen, so man Adiaphora oder Mitteldinge nennet“, in: ebd., S. 1548f.
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Das Selbstverständnis der lutherischen Kirchengemeinschaft
Das Evangelium ist der Kern unseres Lebens in Gemeinschaft Unsere Überzeugung Der einende Kern unseres christlichen Glaubens und der lutherischen Bekenntnisschriften ist unsere Erlösung in Jesus Christus aus Gnade durch den Glauben, wie in der Schrift bezeugt, die Gottes bedingungslose Liebe zu uns offenbart (Eph 2,8). Keine andere Überlieferung oder menschliche Vorschrift kann Grundlage dieser Gnadengabe in Jesus Christus sein. Alle Kirchen unserer Communio teilen die Überzeugung, dass christlicher Glaube und christliches Leben auf dem Fundament der Wirklichkeit der rechtfertigenden Gnade Gottes, die uns geschenkt ist, aufbauen, und dass christliche Praxis und „gute Werke“ aus dem Glauben resultieren, der sich im Blick auf die Einheit auf die Gnade ausrichtet (Gal 3,25–29). Diese Einheit schafft das Wort, das die Kirche als sichtbaren Leib Christi konstituiert. Jene, die das Wort hören, sind in die Realität dieser neuen Schöpfung gerufen (2.Kor 5,16–21). Die Reformatoren beharrten darauf, dass die neue Beziehung, die Gott zu uns schafft, nur zu verstehen ist, wenn unterschieden wird zwischen zwei Akzenten in Gottes Anrede.25 Gott ist nicht etwa zwiespältig in seiner Haltung, vielmehr sind wir es, die von zwei widerstreitenden Kräften beeinflusst werden, die uns Gottes Stimme unterschiedlich hören lassen – entweder als Willen, der von uns verlangt, äusserlichen moralischen Gesetzen zu gehorchen, oder als Verheissung der Erneuerung unserer ganzen Existenz durch das Geschenk einer neuen Identität in Christus. Gottes radikales Versprechen kann man nur annehmen und leben in dem Bewusstsein und der Erfahrung dessen, was uns Gott ruft zu sein, inmitten unserer vergeblichen Versuche, sein Gesetz zu erfüllen. In den biblischen Erzählungen spricht eine Vielzahl von Stimmen, Textgattungen und Schreibstilen zu uns. Sie beschreiben realistisch, was wir sind sowie was wir getan haben und tun, und hoffnungsvoll, was wir berufen sind zu sein – was möglich ist, wenn Gott unser Herz, unseren Leib und unseren Geist anrührt. So ergeht etwa in Gottes von Gnade bewegten Geboten sein Ruf an uns, der uns bevollmächtigt, inmitten von Angst und Versuchung unser Menschsein in vertrauensvoller Beziehung zu Gott und unseren menschlichen und kreatürlichen Nächsten zu leben. Der Inhalt des göttlichen Gebots ist zwar immer Liebe, aber Gottes Gebote werden zum unerträglichen Gesetz, wenn sie Menschen berühren, deren Leben in sich selbst verkrümmt ist. Ein solches Leben achtet Gottes Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Zuwendung gering. Es ist gleichermassen allergisch auf Gottes vorrangige Option für jene, 25
Vgl. Martin Luther: „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, WA 7, S. 12ff.
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die sündigen, entfremdet sind und leiden.26 Ein solches Leben freut sich nicht an der frohen Botschaft von Gottes barmherziger Umarmung jener, die am Rand stehen. Vielmehr will es seine Existenz dadurch rechtfertigen, dass es mit Fingern auf den/die „SünderIn“ zeigt, Urteil und Verurteilung fordert und damit die eigene Überlegenheit und Auserwählung zu beweisen sucht. Durch den Glauben baut unser Leben auf einem Fundament auf, das ausserhalb unserer selbst liegt, unser Leben hat sein Fundament in Christus. Aus Gnade durch den Glauben zu leben heisst, dass unser Leben ausserhalb unserer selbst und daher ausserhalb unserer Verfügung ist.27 Unser Leben wird eins mit jenem Anderen, jenem Fremden, dem Einen, der uns ruft, Gott und der Liebe zu vertrauen und gegenüber unseren Nächsten Gerechtigkeit zu üben. Das in der Schrift dargestellte Geheimnis liegt darin, dass Einheit mit sich selbst nur möglich ist, wenn der Mensch das eigene Ich mit Christus und den Bedürfnissen seiner Nächsten umgibt.28 Sind wir neu gekleidet von Gott und den Bedürfnissen unseres Gegenübers, werden wir zu dem, wozu wir berufen sind, wahrhaft Menschen.
Diskussionsbedarf Rechtfertigung geschieht zwar aus Gnade durch den Glauben und unsere Einheit gründet im göttlichen Handeln, aber Kirchen treffen zuweilen Entscheidungen, die es schwieriger für uns machen, Einheit zu erleben. Dies „betrübt […] den heiligen Geist Gottes“ (Eph 4,30). Gute Werke sind zwar nicht Vorbedingung für die Rechtfertigung, aber wir sind verantwortlich für ein vertrauenswürdiges Zeugnis vor unseren Nächsten und den Menschen allgemein und wir haben die Pflicht, in einer Zeit des Wandels einander dabei zu helfen, dass wir unserem christlichen Glauben entsprechend handeln. Nichtsdestotrotz fordern die kontextuellen Gegebenheiten kontinuierlich von den Kirchen, dass sie Gesetz und Evangelium unterscheiden, wenn sie auf pastorale Erfordernisse und politische Realitäten reagieren; dies kann dazu führen, dass Kirchen Entscheidungen treffen, die für andere Kirchen gegebenenfalls nicht nachvollziehbar sind. Es sollte möglich sein, dass Mitglieder der Kirchengemeinschaft nicht übereinstimmen mit Entscheidungen anderer Mitgliedskirchen, ohne dass dadurch die Einheit der Communio in Frage gestellt wird. Dies gilt insoweit, als Martin Luther: „Heidelberger Disputation, 1518“, in: Wilfried Härle (Hg.): Martin Luther, Lateinisch-Deutsche Studienausgabe, Bd. 1: „Der Mensch vor Gott“, Leipzig, 2006, S. 61: „Denn darum sind die Sünder schön, weil sie geliebt werden; nicht darum werden sie geliebt, weil sie schön sind.“ 27 Dietrich Bonhoeffer: „Die Geschichte und das Gute“, in: ders., „Ethik“, hg. von Ilse Tödt u. a., DBW Bd. 6, München, 1992, S. 249. 28 Martin Luther: „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, a. a. O. (Anm. 25). 26
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eine solche Entscheidung nicht bewertet wird als im Widerspruch stehend zur gemeinsamen Überzeugung von der Rechtfertigung durch den Glauben. Da es jedoch für Kirchen in unterschiedlichen Kontexten nicht immer einfach ist, pastorale Überlegungen aus anderen Kontexten nachzuvollziehen, ist es immer hilfreich, wenn sich die verschiedenen Mitglieder der Kirchengemeinschaft gegenseitig darüber auf dem Laufenden halten, wie sie trotz aller kontextuellen Anforderungen darum bemüht sind, dem Evangelium treu zu bleiben.
In Wort und Sakrament ereignet sich Communio Unsere Überzeugung Das Augsburger Bekenntnis sagt von der Kirche, sie sei dort zu finden, wo „das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sacrament laut des Evangelii gereicht werden“29 Nach CA VII genügt es [satis est] also zur wahren Einheit der christlichen Kirche, dass wir das Evangelium recht predigen und die Sakramente recht verwalten. Gott verheisst, dass diese Kirche ewigen Bestand haben wird. 30 Diese Beschreibung der Kirche steht im Einklang mit der Feststellung, dass das fleischgewordene Evangelium über die menschlichen Sinne empfangen wird. Es gibt keine unmittelbare Rezeption des Evangeliums. Wir hören, sehen, fühlen, schmecken und riechen es im Alltäglichen. Gott gebraucht das Alltägliche, um Aussergewöhnliches zu wirken, und bestätigt so, dass die Schöpfung gut ist (1.Mose 1,31). So spricht auch Luther von der Schöpfung als fortwährendem Prozess 31 und vermittelt so, dass der Ausfluss des Guten Gottes fortwährende Bestätigung der Vielfalt bezeugt. Diese Vielfalt ist in sich Spiegelbild der Schöpfung und unserer Gottebenbildlichkeit (1.Mose 1,27 und Ps 8). Wir empfangen Gott auf vielfältige Weise, weil er uns auf unterschiedlichen Wegen anspricht. Wir sind eine Gemeinschaft lutherischer Kirchen, die vereint ist in Wort und Sakrament. Dies bindet uns in tieferer Weise aneinander als jede Verfassungsklausel. […] Wann und wo immer wir in den Ortsgemeinden zusammenkommen, um das Wort zu hören und die Sakramente zu feiern, werden wir daran erinnert, dass wir dies als Teil der weltweiten Gemeinschaft der Heiligen tun. Diese weitere Gemeinschaft muss uns mehr werden als nur abstrakte, anonyme Realität. Wir müssen die Möglichkeit haben, diese Realität unmittelbar
29 Confessio Augustana, Artikel VII, in: „Die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche. Vollständige Neuedition“, a. a. O. (Anm. 4), S. 102. 30 Apologia Confessionis Augustanae, „Von der Kirchen“, in: ebd., S. 400.29ff. 31 Martin Luther: „Das Magnificat verdeutschet und ausgelegt, 1521“, WA 7, S. 547.
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anzufassen, zu hören, zu schmecken und zu erfahren. […] Durch Gottes Gnade ist es uns möglich, in Solidarität Freud und Leid, Lasten und Gaben miteinander zu teilen…32
Da wir geliebt sind, wissen wir, dass die Liebe uns nicht nur ansieht, sondern uns auch annimmt. Das Gottesgeschenk der Taufe ist unser tägliches Kleid.33 Täglich berührt die Ewigkeit die Zeit, damit das Gewöhnliche zunehmend dem Aussergewöhnlichen entspricht. Dies gilt natürlich für die Kirchengemeinschaft genauso wie für die/den Einzelnen, denn die Taufe ist genauso Gabe an die Kirche wie an ihre Glieder. Jeden Tag aufs Neue wird die Kirche geformt nach dem Bild des Gekreuzigten, der lebt, indem er sich selbst hingibt um der Welt, also auch um unser, willen (Phil 2,5–11). Die Taufe ist das Ereignis unserer Entäusserung, durch die wir ein Echo der Stimme Gottes sein mögen.34 Die lutherische Kirche bekennt auch, dass die Kirche Jesu Christi zu dem wird, was sie beim Herrenmahl isst und trinkt. Im Abendmahl werden wir vereinigt sowohl mit Christus als auch mit den Heiligen (1.Kor 11,17–34). Diese Vereinigung geht allerdings einher mit einer gewissen Asymmetrie. Durch unsere Teilhabe am Mahl werden wir nicht zu Christus, beim Mahl werden wir Leib Christi. Christus bleibt Haupt des Leibes, weil Wort und Sakrament die Mittel bleiben, durch die Christus die Kirche regiert. Das heilige Mahl ist das Mittel, mit dem die Kirche als Leib konstituiert wird; ein Leib wiederum ist nur Leib insoweit er vielfältig ist. Dieser gebrochene Leib, der Kirche genannt wird, ist ein Volk bei Tisch, das die Freundlichkeit des Herrn schmeckt. Unser Tischgespräch bzw. heute unser Gebet steigt zur Herrn des Gastmahls auf. Unser Gebet ist ein Duft so reichhaltig und vielfältig wie die Düfte, die von den Tischen in aller Welt aufsteigen (Ps 141,2). Wir sind alle unterschiedlich, aber die Vielfalt ist Teil des Geheimnisses unserer Erlösung (Röm 12,3–8). Wir sind gerechtfertigt und unsere Rechtfertigung bestätigt nicht nur unsere Vielfalt, sie bringt sie hervor.
Diskussionsbedarf In bestimmten Regionen des LWB möchten Menschen getauft werden, dies ist aber nur möglich, wenn sie oder die Menschen, die ihnen nahestehen, einen erheblichen Preis zahlen. Es ist notwendig, dass die Communio ihre Ishmael Noko: „Warum kommt die Gemeinschaft lutherischer Kirchen zur Vollversammlung zusammen?“, in: „Zur Heilung der Welt“. Vollversammlung aktuell Nr. 1, März 2002, S. 2, www. lwf-assembly2003.org/lwb-vollversammlung/htdocs/lwfimages/AU_200201-D-Web.pdf (abgerufen am 27.08.2015). Vgl. Gal 6,1. 33 Der Grosse Katechismus, „Das IIII. Teil: Von der Tauffe“, in: „Die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche. Vollständige Neuedition“, a. a. O. (Anm. 4), S. 1132. 34 Martin Luther: „Enarratio Psalmi XC“, WA 40 III, S. 557. 32
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Glaubenstreue anerkennt, auch wenn sie nicht in der Lage sind, die Taufe zu erfahren. Die Geschichte des LWB hat gezeigt, dass der Tisch des Herrn der Ort ist, wo Konflikte und Uneinigkeit unter den Getauften offenbar werden. Weil der Gottesdienst Zeichen und Ausdruck unseres Heils ist, veranschaulicht unsere Fähigkeit, miteinander als der eine Leib der Glaubenden Gottesdienst zu feiern und am Abendmahl teilzunehmen, unsere Gemeinschaft: sind wir nicht in der Lage zur gemeinsamen Feier, ist unsere Communio beschädigt.
Die Botschaft vom Kreuz heilt unsere Gebrochenheit Unsere Überzeugung Die Kirche ist, vor allem anderen, Kirche des Kreuzes, was immer wieder aufs Neue in unserem Leben deutlich wird (1.Kor 1,18–25). Luther erinnert uns, dass überall, wo wir das Kreuz sehen oder die Schreie vom Kreuz hören, Kirche ist.35 Gleiches gilt vom Vaterunser. 36 Denn unter dem Kreuz betet die Kirche fieberhaft und fleht Gott um das an, was die Welt jeden Tag nötig hat. Unter dem Kreuz ersehnt sie die Vernichtung des Bösen durch die Verwirklichung von Gottes Willen in die Welt hinein durch die Heiligung seines Namens (Mt 6,9–13). Dieses Gebet zeichnet die Konturen des heiligen Kreuzes nach. Jede Bitte blickt aus anderer Perspektive auf das Kreuz, damit wir wissen, jeder Tag des Brotes ist ein Tag des Gebets, der Gnade, des Glaubens, des Heils. Vor allem aber ist das Leben der Kirche Heilsereignis: Gnade weckt den Glauben, damit diese kleine Schar geliebter Jüngerinnen und Jünger auf die Stimme ihres Hirten hört (Joh 10,27) und an unerwarteten Orten Kreuze auf Stirnen gezeichnet sieht, die nur dem Glauben sichtbar sind. 37 Wir bekennen die Kirche als Gemeinschaft, die von ansteckender Heiligkeit berührt ist, damit wir unsere Vergebung zu entdecken beginnen als göttlichen Auftrag, das Unberührbare zu berühren. Berühren wir das Zerbrochene, entdecken wir, dass wir verwandelt werden und eine prophetische Berufung an uns ergeht, die die Weisheit der Welt infrage stellt und konservative wie liberale Haltungen ablehnt, die den Aufruf des Evangeliums zur Solidarität mit den Zurückgewiesenen ignorieren.
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Martin Luther: „Von den Konziliis und Kirchen“, WA 50, S. 642. Ebd., S. 641. Martin Luther: „Wochenpredigten über Johannes 6-8“, WA 33, S. 536f.
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Diskussionsbedarf Die Kirche unter dem Kreuz ist eine Kirche, die den Unterschied zwischen einer gesunden und einer gefährlichen Demut kennt. Das Thema des Kreuzes ist in der Geschichte auch missbraucht worden, um Menschen zu unterdrücken und ihrer Stimme zu berauben. Wer aufgrund der Hautfarbe, des Geschlechts, des sozialen Status oder der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Schicht am Rand steht, sollte die Botschaft vom Kreuz nicht als Rechtfertigung der eigenen Unterdrückung hören, sondern als Bekräftigung der Solidarität Gottes mit der eigenen Situation und als Begleitung in der Geschichte der Befreiung, die die Geschichte Gottes ist. Sind wir uns dieses Gottes bewusst, der uns befreit, indem er unseren Weg mitgeht, schafft das in uns eine gesunde Demut, die mit einem offenen Herzen, Geist und offenen Händen einhergeht.
Das Wort Gottes schafft und bestärkt sowohl Einheit als auch Vielfalt Unsere Überzeugung Das Wort Gottes, das uns in der Heiligen Schrift vermittelt wird, ist die Quelle kirchlicher Gemeinschaft wie auch des Lebens, der Hoffnung und des Glaubens der Kirche. Das Zeugnis der Schrift ist nicht gleichförmig, sondern begegnet uns in einem Chor vielfältiger Stimmen. Die Vielfalt wird also von der Schrift bestätigt (Gal 2,7–10). Dementsprechend ist es unerlässlich, sich der Bandbreite biblischer Aussagen bewusst zu sein, anstatt sich auf eine engere Auswahl von Stellen zu konzentrieren. Versöhnt wird diese Vielfalt durch den gemeinsamen Kern der Schrift: alle lutherischen Kirchen bekennen die grundlegende Autorität der Schrift, so sie ausgelegt wird durch den hermeneutischen Schlüssel des Evangeliums der in Jesus Christus geschenkten befreienden Gnade. Zudem sind alle, die in der Nachfolge Jesu stehen, mit den Grundfragen konfrontiert, die Menschen in ihrem jeweiligen Kontext stellen, denn Jesus führt uns in die Welt (Mt 28,18–20). Überdies lesen wir die Schrift mit einer Wolke von ZeugInnen an unserer Seite (Heb 12,1–2) und ihre Stimmen nehmen wir ernst, wie auch die Stimmen von ausserhalb der lutherischen Kirchengemeinschaft. Diese polyphone Auslegung der Schrift gründet in Christus, gibt aber einer Pluralität der interpretativen Möglichkeiten Raum und weiss darum, dass die ernsthafte Auseinandersetzung mit Anderen auch dazu führen kann, dass sich Punkte zeigen, in denen tiefgreifende Gegensätze bestehen.
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Diskussionsbedarf Die Kirchen sind auf der Suche nach verlässlichen Möglichkeiten zum Umgang mit Konflikten in der Auslegung der Schrift in Bezug auf das tägliche Leben. Wie können wir biblische Texte in ihrem jeweiligen historischen Kontext sinngetreu betrachten und uns mit denselben Texten im aktuellen Kontext so auseinandersetzen, dass wir ihnen gleichermassen treu und für die Gegenwart relevant bleiben? Wie wäre dies denkbar im Umgang mit in biblischer Zeit unbekannten Problemen (z. B. durch technischen Fortschritt entstandene bioethische Fragen)? Bisweilen wird angenommen, dass die grundlegenden Gegensätze in der biblischen Auslegung im Zusammenhang mit konfessionellen oder geographischen Kontexten stehen, aber womöglich sind sie das Ergebnis innerer Gegensätze, die sich aus Unterschieden in der hermeneutischen Orientierung ergeben. Jede Kirche sollte in der Lage sein zu erklären, warum und wie in einer Debatte biblische Argumente eingesetzt werden. Als Kirchengemeinschaft, die um ein gemeinsames Zeugnis in der Welt bemüht ist, streben wir auch weiterhin miteinander danach, Formen der biblischen Auslegung zu finden, die der gegenseitigen Erneuerung dienen.
Aus dem Evangelium erwachsen Freiheit, Respekt und das Vermögen, einander zu ertragen Unsere Überzeugung Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan. 38
Die evangelische Freiheit ist geprägt vom Dienst, in dem Bewusstsein, dass Menschen keine absolute Freiheit erfahren können. So sind zwar die Kirchen autonom in dem Sinne, dass sie sich selbst verwalten, aber Freiheit kann nicht getrennt von der Beziehung zu den Nächsten und zur Umwelt gedacht werden (Lk 10,25–37). Bisweilen treffen unsere Nächsten Entscheidungen, die wir nicht treffen können. In einer solchen Situation sind die Kirchen gegebenenfalls gefordert, einander geduldig zu ertragen und die unterschiedlichen Haltungen als Spielart ihrer eigenen Freiheit zu respektieren. Dieses geduldige Ertragen, dieser Respekt haben zweierlei Konsequenz: einerseits lehnen wir es ab, die getroffene Entscheidung für uns selbst zu übernehmen (Gal 5,1), 38
Martin Luther: „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, WA 7, S. 21.
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andererseits ertragen wir einander, indem wir die Anderen unterstützen, soweit uns dies möglich ist. Darum lasst uns nicht mehr einer den andern richten; sondern richtet vielmehr darauf euren Sinn, dass niemand seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis bereite. Ich weiß und bin gewiss in dem Herrn Jesus, dass nichts unrein ist an sich selbst; nur für den, der es für unrein hält, ist es unrein. […] Darum lasst uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander. […] Den Glauben, den du hast, behalte bei dir selbst vor Gott. Selig ist, der sich selbst nicht zu verurteilen braucht, wenn er sich prüft. […] Wir aber, die wir stark sind, sollen das Unvermögen der Schwachen tragen und nicht Gefallen an uns selber haben. Jeder von uns lebe so, dass er seinem Nächsten gefalle zum Guten und zur Erbauung. (Röm 14,13f.19.22; 15,1f.)
Weil wir unsere Freiheit in unserem jeweils eigenen Kontext leben, sind Differenzen unvermeidlich. Wo wir einander im Respekt vor der Freiheit der Anderen wie auch vor unserer eigenen Freiheit ertragen, erfahren wir, dass wir diese Unterschiede aushalten können, insofern wir Beziehungen miteinander eingehen, die von Demut und der Bereitschaft zum Dienst geprägt sind. Den Mitgliedskirchen ist ans Herz gelegt, sich vor Augen zu führen, dass alle auf verschiedene Weise sowohl zu den Starken als auch den Schwachen zählen. Auch sind wir aufgefordert, uns die Wahrheit vor Augen zu führen, die uns das Evangelium lehrt, dass nämlich das Kreuz unsere Definition von „schwach“ und „stark“ umstösst, insofern wir sie zu unserem eigenen Vorteil nutzen. Der Dienst aneinander ist unser Gegengift gegen den Stolz und der Weg, der uns dazu führt, einander in Liebe zu ertragen. Diese Beziehung des respektvollen Ertragens der Anderen und der Anerkennung ihrer Freiheit bedeutet nicht, dass uns Integrität nichts bedeutet, sondern legt uns ans Herz, zuerst und vor allem zuzuhören und zu dienen (Gal 6,2).
Diskussionsbedarf Der Respekt vor unserem Gegenüber öffnet uns die Augen dafür, dass Freiheit beinhaltet, dass jede/r von uns das Recht auf eine abweichende Meinung hat. Wir ertragen das Recht der Anderen, anders zu denken und zu leben, auch wenn wir unsere eigene Überzeugung in ihrem Verhalten nicht wiederfinden. Dabei geht es nicht um Gleichgültigkeit, sondern um eine Haltung, die ihren Preis hat: sie fordert den Preis, dass wir leiden, wenn wir die Freiheit der/des Anderen anerkennen, sich für eine andere Position zu entscheiden, ohne unsere eigenen Überzeugungen zu vergessen. Die Fähigkeit zum Respekt und zum geduldigen Ertragen eröffnet sich nur jenen, die selbst starke Überzeugungen haben. Die Kirchengemeinschaft wird prüfen müssen, wie
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Räume geschaffen werden können, in denen auf gute Weise gegenseitige Korrektur, Ermahnung und Ermutigung geschehen können.
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Weiterführende Gesichtspunkte 1. Als Kirchengemeinschaft sind wir zur wechselseitigen Rechenschaft berufen. Konkret heisst das: • Offenheit, uns mit den Gaben beschenken und uns von den verschiedenen Traditionen bereichern zu lassen, die in der Familie lutherischer Kirchen existieren. Bemühen um eine aufrichtige Wahrnehmung des Gegenübers und Vermeiden unbegründeter Vorurteile. • Schaffung von Gelegenheiten, einander tiefer und unmittelbarer kennenzulernen (einschliesslich der Gottesdienst- und Frömmigkeitsformen, künstlerischer und kultureller Leistungen sowie des Dienstes an der Gesellschaft). • Freiheit und Raum, nach den Hintergründen von Entscheidungen zu fragen. • Bereitschaft zum geduldigen Dialog über Entscheidungen, die die Mitgliedskirchen getroffen haben, damit die Glieder der Kirchengemeinschaft ihre Stimme zu Gehör bringen können. • Prüfung und Klärung lokaler Tradition und Praxis sowie ihre Bewertung im Licht gemeinsamer theologischer Prinzipien, damit die Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft innerhalb der Communio als Ganzer gestärkt wird. Die Kirchen der Communio sind verantwortlich dafür, die Wirkung der von ihnen getroffenen Entscheidungen auf die Kirchengemeinschaft zu berücksichtigen und einen respektvollen Dialog mit Anderen zu führen. 2. Als Communio lutherischer Kirchen eint uns das hermeneutische Prinzip der Auslegung biblischer Texte von ihrem Kern her – dem Evangelium von der Erlösung in Jesus Christus. Konkret heisst das: • Förderung gemeinsamer Ansätze dafür, die Vielzahl biblischer Stimmen zu hören und eine gemeinsame Orientierung an der Schrift zu stärken, die die Vielfalt und Dynamik des Wortes Gottes nicht mindert.
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• Verständnis vom Wort Gottes als vermittelt in einer Vielfalt von Traditionen und konkreten historischen Kontexten. • Schaffung von Gelegenheiten zur gemeinsamen kritischen hermeneutischen Reflexion und Arbeit. • Bewusstsein für die Bedeutung der lutherischen Bekenntnisschriften und die Relevanz ihrer kontextbezogenen Rezeption. Eine Pluralität der Auslegung ist dort legitim, wo sie nicht dem Evangelium vom Heil, dem Werk, das Christus für uns getan hat, und dem zentralen Artikel, mit dem die Kirche steht und fällt, widerspricht. 3. Als Kirchengemeinschaft sind wir berufen, achtzugeben auf die Vielfalt der Stimmen. Konkret heisst das: • Verkündigung und Seelsorge so zu üben, dass die Teilhabe und Akzeptanz aller ermöglicht wird. • Bestärkung einer Lehre und Praxis, die, geprägt vom Evangelium, die Inklusion fördern. • Lernen aus unseren ökumenischen und interreligiösen Beziehungen. • Gastfreundliche Aufnahme von Fremden, auch wenn dabei bisweilen unsere eigene Verletzlichkeit offenbar wird. Die Kirchen sollten zunehmend Weggemeinschaft und Gastfreundschaft in unterschiedlichen Formen üben. Dies ist entscheidend in einer Zeit belasteter Beziehungen. Die Weiterentwicklung der Kirchengemeinschaft erfordert die Klärung des Verhältnisses zwischen Autonomie, wie sie die geltende Verfassung versteht, und der für die Communio erforderlichen Rechenschaftspflicht.
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