OBS-Arbeitsheft 67
Otto Brenner Stiftung
Teil IV: Erweiterungen und Vertiefungen 6. Die „Bild“-Kampagne in der öffentlichen Debatte – einige Funde
Hans-Jürgen Arlt, Wolfgang Storz
Drucksache „Bild“ – Eine Marke und ihre Mägde Die „Bild“-Darstellung der Griechenland- und Eurokrise 2010
Eine Studie der Otto Brenner Stiftung Frankfurt/Main 2011
Teil IV: Erweiterungen und Vertiefungen
1.
„Ich hoffe, dass in den Verlusten auch ein Zeichen von Abwendung steckt“ Interview mit Günter Wallraff
2. Befunde und Deutungen der „Bild“-Berichterstattung über die Griechenland- und Eurokrise 2010 im Detail: Handwerk und Machart
3. Befunde und Deutungen der „Bild“-Berichterstattung über die Griechenland- und Eurokrise 2010 im Detail: Inhalte
4. Tagesdarstellung und -analyse der „Bild“-Berichterstattung vom 29. Januar bis 30. Juni 2010
5. Die „Bild“-Herbst-Serie „Wie Griechenland den Euro bekam“
6. Die „Bild“-Kampagne in der öffentlichen Debatte – einige Funde
7.
Chronologisches zur Griechenland- und Eurokrise
Neben diesem Teil IV, der die empirische Analyse und die inhaltliche Bewertung der „Bild“Darstellung der Griechenland- und Eurokrise 2010 in der Printfassung erweitert und vertieft, informiert die Otto Brenner Stiftung unter www.bild-studie.de laufend und zeitnah über die Studie. Wir machen Reaktionen auf die Studie öffentlich zugänglich, stellen Material zur Studie zur Verfügung, kündigen Termine von Veranstaltungen zur Studie an und verlinken zu interessanten Seiten, die sich auch mit „Bild“ beschäftigen.
D IE „B ILD “-K AMPAGNE IN DER ÖFFENTLICHEN D EBATTE
6. Die „Bild“-Kampagne in der öffentlichen Debatte – einige Funde Auf dem Höhepunkt der Griechenland-Krise,
weist jedoch nicht nur darauf hin, dass „Bild“
Ende April 2010, greifen mehrere Zeitungskom-
„die Angst um unser Geld“ schüre. Sie erwähnt
mentatoren das Verhalten der Boulevardmedien
auch, dass es entsprechende Meinungsumfra-
auf, insbesondere das von „Bild“. So schreibt
gen gebe und zahlreiche Koalitionspolitiker, die
Marc Beise in der „Süddeutschen Zeitung“ (29.
gegen Hilfen für Griechenland oder zumindest
April) auf der Kommentarseite unter der Über-
diesen gegenüber sehr skeptisch seien.
schrift „Die Zocker in Berlin“: Es gebe in der
In einem Autorenbeitrag der „Frankfurter
ob
Rundschau“ (28. April, S. 6) wird dargelegt,
überhaupt und, wenn ja, wann und wie Griechen-
dass die vielen, oft hasserfüllten E-Mails, die
land geholfen werden solle. „Hinter diesem
die griechische Botschaft in Berlin erreichten,
Zickzackkurs steckt eine große Angst: Der ‚Bou-
Folge von aggressiven Berichten der Boulevard-
levard‘, wie es in Berlin heißt, könne sich des
medien und von Magazinen seien. Auch die
Themas bemächtigen. Schon beginnt ja das
„Frankfurter Rundschau“ nennt explizit die Be-
Trommelfeuer, von ‚Bild‘ (‚Griechen wollen un-
richterstattung von „Bild“.
Bundesregierung
einen
Zickzackkurs,
ser Geld‘) bis zu konservativen Blättern, die
Der
bildblog
(http://www.bildblog.de/
mindestens den vergifteten Rat an die Griechen
18326/leitfaden-wie-hetze-ich-gegen-ein-land-
im Köcher haben, doch mal über den Austritt aus
auf/) präsentiert mit „Bild“-Beispielen „den ul-
der Währungsunion nachzudenken.“
timativen Leitfaden in 13 Schritten“, wie man
Auch in einer großen Seite-3-Reportage am
gegen ein fremdes Volk aufwiegelt.
selben Tag legen die Reporter der „Süddeut-
Nach einer Analyse der „Süddeutschen Zei-
schen Zeitung“ den Eindruck nahe, dass es vor
tung“ vom 28. April (S. 5) weisen vor allem Koa-
allem „Bild“ vermöge, ein Klima gegen Grie-
litionspolitiker auf die schwierige Stimmung
chenland und die Griechenland-Hilfe aufzubau-
hin: Es gebe viele Äußerungen in der Bevölke-
en, das die Politik, vor allem die Bundesregie-
rung gegen eine Hilfe für Griechenland. Das kön-
rung, beeinflusse. Unter Merkels Beratern herr-
ne Folge der Berichterstattung des Boulevards
sche Angst vor „der Wucht der aufgeheizten
sein. In der Union sei der starke Wunsch zu er-
Stimmung“. Es wird einer dieser Berater aus
kennen, Merkel möge die Zwänge vor einem
dem Kanzleramt zitiert: „Wenn es jetzt am rech-
größeren Publikum erläutern „und auf diese
ten Rand jemanden mit Charisma gebe, man
Weise gegen die Stimmungsmache des Boule-
könnte gar nicht so schnell schauen, so schnell
vards kämpfen“. Die „Also-doch“-Headline von
hätte der zehn Prozent der Stimmen.“
„Bild“ (24. April) klinge „wie Merkels Umfall-
An diesem 29. April geht auch die „Financial
er“. Die Wirkung dieser Schlagzeile, so sei in
Times Deutschland“ in einer Analyse (S. 10) auf
der Union allenthalben zu hören, könne „gar
die Rolle von „Bild“ ein und konstatiert, diese
nicht überschätzt werden“, zumal „Bild“ die
sich über Wochen hinziehende Berichterstat-
Kanzlerin zuvor als neuen eisernen Bismarck
tung sei für Merkel „ein Faktor“. Die Zeitung
gelobt habe.
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T EIL IV: E RWEITERUNGEN
UND
V ERTIEFUNGEN
Nicht nur in der Union, auch bei den Ge-
spielten eben „die üblichen Eskalationsstufen
werkschaften wird von der Berichterstattung in
eines solchen Themas durch“ (S. 26). Neu sei
„Bild“ auf die Stimmung in der Bevölkerung
bei „Bild“ höchstens gewesen, „dass ein ei-
geschlossen und alarmiert registriert: „Ich war
gentlich sperriges Wirtschaftsthema wie Wäh-
richtig erschrocken, wie an den sogenannten
rungspolitik kampagnenfähig wurde“ (S. 26).
Stammtischen die Kampagne der ‚Bild‘-Zeitung
Ein Hinweis, den der Medienwissenschaftler
ganz, ganz schnell Wirkung gezeigt hat“ (IG-
Volker Lilienthal mit dem Argument kontert, da
Bau-Vorsitzender
am
es um den Geldbeutel gehe, sei jeder betroffen,
18. Mai 2010 auf dem 19. DGB-Bundeskongress
und das mache ein Thema kampagnenfähig
in Berlin nach Tagungsprotokoll). Weiter wird
(vgl. S. 28). Dagegen sei die Politik der Zuspit-
Wiesehügel in diesem Protokoll zitiert: „Was
zung beim „Handelsblatt“ neu und dem neuen
da in den letzten Wochen drinstand, das hat
Chefredakteur geschuldet, so Schuster weiter,
mich echt aus den Socken gehauen. Da ist wirk-
welcher einen überheblichen, zuweilen sogar
lich versucht worden, in einem Stil, in einer Art
„‚nationalistische(r)n Ton‘“ (S. 26) registriere
und Weise die Arbeitnehmerinnen und Arbeit-
und deshalb sein Blatt als „‚eine Stimme der
nehmer in Griechenland für die Krise verant-
Vernunft‘“ (S. 26) in einer aufgewühlten Debat-
wortlich zu machen. Es ist eigentlich eine
te höre, ganz im Gegensatz zu Volker Lilient-
Schande, dass dies in unserem Lande in der
hal, der darin „‚eher Selbstmarketing‘“ (S. 26)
Form so passiert.“
entdeckte. Schuster berichtet, beim „Handels-
Klaus
Wiesehügel
Der Journalist Marcus Schuster analysiert
blatt“ habe sich die Aktion in bis zu 20 Prozent
für das Fachmagazin „Wirtschaftsjournalist“
höheren Einzelverkaufszahlen niedergeschla-
unter der Überschrift „Wir kriegen Korfu. War-
gen, während Nikolaus Blome, Leiter des
um ‚Bild‘ und ‚Handelsblatt‘ in der Griechen-
„Bild“-Hauptstadtbüros, mit den Worten zitiert
land-Krise in die Vollen gingen. Wem es nützte,
wird, dass bei „Bild“ Politik und Wirtschaft auf
wem es schadete“ (Ausgabe 03/2010, S. 26-28)
Seite 1 in der Regel „nicht zu den besten Ver-
die Berichterstattung der beiden Tagesmedien.
käufen“ (S. 27) zählten. Jedoch war das Echo
„Bild“ machte unter anderem mit der Headline
stark: Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt kon-
mobil: „750 Milliarden für Pleite-Nachbarn,
statierte im „Zeitmagazin“, „Bild“ betreibe
aber Steuersenkung gestrichen. Wir sind
„‚Demagogie’ und ‚Missbrauch der Pressefrei-
wieder mal Europas Deppen“; von vorne nach
heit‘“ (S. 27). Und Nikolaus Blome rechtfertigte
hinten mit aufsteigender Typografie. Und das
sich in der ARD-Sendung „Hart, aber fair“ (The-
„Handelsblatt“ titelte Anfang Mai: „Deutsch-
ma: „Verbraten die Griechen unser Geld?“) für
land hilft! Ich kaufe griechische Staatsanlei-
das Vorgehen von „Bild“: „Es war sicherlich
hen“. Stand also Kampagne gegen Kampagne?
laut und plakativ, aber wir mussten die Leute
Diekmann gegen Steingart? Marcus Schuster
mal aufwecken“ (S. 27).
kommt zu dem Schluss, „Bild“ und „bild.de“
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D IE „B ILD “-K AMPAGNE IN DER ÖFFENTLICHEN D EBATTE
Schuster schildert zudem, wie die Berichter-
Schuster erinnert an die Einführung des Eu-
stattung von „Bild“ auf die politische Ebene ge-
ros und die damalige Berichterstattung von
hoben worden sei: So hatte der SPD-Vorsitzende
„Bild“ Mitte bis Ende der 1990er Jahre. Schus-
Sigmar Gabriel Ende Mai 2010 gemeint, die
ter: Diese Berichterstattung könne man im
Kanzlerin hätte eigentlich ihr Wort gegen diese
Nachhinein „getrost als Pro-Kampagne bezeich-
Berichterstattung erheben müssen, vielmehr
nen [...], ohne die der Euro es schwerer gehabt
habe sie diese Stimmung noch bedient. Volker
hätte in Deutschland“ (S. 28). Klemens Kinder-
Lilienthal kommentierte diese politische Einmi-
mann, Abteilungsleiter Gesellschaft und Wirt-
schung mit den Worten: „Ich halte das für abso-
schaft beim „Deutschlandfunk“, kommentiert
lut fatal. Ein Politiker darf sich nicht in die Ent-
diese wertende Erinnerung mit den Worten:
scheidungen von Redaktionen einmischen. Wir
„Wenn die ‚Bild’-Zeitung das heute wieder – in
mögen das für Kampagnenjournalismus halten,
den ihr eigenen Formen – tut, geschieht das si-
was ‚Bild‘ gemacht hat. Aber es ist durch die
cher auch aus Sorge darüber, dass die Währung
Pressefreiheit gedeckt“ (S. 27).
bedroht ist. Und diese Sorge ist berechtigt.“
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