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Über Reichtum berichten. Der „Gute Rat für Rückverteilung“ in den Medien

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OBS-Arbeitspapier 79

Hendrik Theine, Carlotta Verita, Moritz Gartiser

OBS-Arbeitspapier 79

Über Reichtum berichten

Über Reichtum berichten Der „Gute Rat für Rückverteilung“ in den Medien

Der „Gute Rat für Rückverteilung“ in den Medien www.otto-brenner-stiftung.de

EIN PROJEKT DER OTTO BRENNER STIFTUNG FRANKFURT AM MAIN 2025


OBS-Arbeitspapier 79 ISSN: 2365-1962 (nur online)

Die Otto Brenner Stiftung … ... ist die gemeinnützige Wissenschaftsstiftung der IG Metall. Sie hat ihren Sitz in Frankfurt am Main. Als Forum für gesellschaft­ liche Diskurse und Einrichtung der Forschungsförderung ist sie dem Ziel der sozialen Gerechtigkeit verpflichtet. Besonderes Augen­merk gilt dabei dem Ausgleich zwischen Ost und West.

Herausgeber: Otto Brenner Stiftung Can Gülcü Wilhelm-Leuschner-Straße 79 D-60329 Frankfurt am Main Tel.: 069-6693-2584 E-Mail: info@otto-brenner-stiftung.de www.otto-brenner-stiftung.de

... initiiert den gesellschaft­ lichen Dialog durch Veranstaltungen, Workshops und Koopera­ tionsveranstaltungen (z. B. im Herbst die OBS-Jahrestagungen), organisiert Konferenzen, lobt jährlich den „Otto Brenner Preis für kritischen Journalismus“ aus, fördert wissenschaftliche Untersuchungen zu sozialen, arbeitsmarkt- und gesellschaftspolitischen Themen und legt aktuelle medienkritische und -politische Analysen vor.

Für die Autor*innen: Hendrik Theine Johannes Kepler Universität Linz Mail: Hendrik.theine@jku.at Redaktion & Lektorat: Benedikt Linden (OBS)

... informiert regelmäßig mit einem Newsletter über Projekte, Publikationen, Termine und Veranstaltungen.

Satz und Gestaltung: Isabel Grammes, think and act Titelbild: Hanna Fasching Redaktionsschluss: 05. März 2025

... veröffentlicht die Ergebnisse ihrer Forschungsförderung in der Reihe „OBS-Arbeitshefte“ oder als Arbeitspapiere (nur online). Die Arbeitshefte werden, wie auch alle anderen Publikationen der OBS, kostenlos abgegeben. Über die Homepage der Stiftung können sie auch elektronisch bestellt werden. Vergriffene Hefte halten wir als PDF zum Download bereit unter: www.otto-brennerstiftung.de/wissenschaftsportal/ publikationen/ ... freut sich über jede ideelle Unterstützung ihrer Arbeit. Aber wir sind auch sehr dankbar, wenn die Arbeit der OBS materiell gefördert wird. ... ist zuletzt durch Bescheid des Finanzamtes Frankfurt am Main V (-Höchst) vom 16. November 2023 als ausschließlich und unmittelbar gemeinnützig anerkannt worden. Aufgrund der Gemeinnützigkeit der Otto Brenner Stiftung sind Spenden steuerlich absetzbar bzw. begünstigt.

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In den Arbeitspapieren werden die Ergebnisse der Forschungsförderung der Otto Brenner Stiftung dokumentiert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Für die Inhalte sind die Autorinnen und Autoren verantwortlich. Download und weitere Informationen: www.otto-brenner-stiftung.de

OBS-Arbeitsheft 114*

Marlis Prinzing, Mira Keßler, Melanie Radue

Berichten über Leid und Katastrophen

Die Ahrtalflut 2021 aus Betroffenen- und Mediensicht sowie Lehren für künftige Krisen

OBS-Arbeitsheft 113*

Janine Greyer-Stock, Julia Lück-Benz

Moderne Wirtschaftsberichterstattung?

Wie Podcasts auf Spotify und in der ARD Audiothek über Wirtschaft sprechen

OBS-Arbeitsheft 112*

Leif Kramp, Stephan Weichert

Whitepaper Non-Profit-Journalismus

Handreichungen für Medien, Politik und Stiftungswesen

OBS-Arbeitsheft 111*

Janis Brinkmann

Journalistische Grenzgänger

Wie die Reportage-Formate von funk Wirklichkeit konstruieren

OBS-Arbeitsheft 110*

Henning Eichler

Journalismus in sozialen Netzwerken

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Dieses Arbeitspapier ist unter der Creative Commons „Namens­nennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter

Aktuelle Ergebnisse der Forschungsförderung in der Reihe „OBS-Arbeitshefte“

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ARD und ZDF im Bann der Algorithmen?

OBS-Arbeitsheft 109*

Barbara Witte, Gerhard Syben

Erosion von Öffentlichkeit

Freie Journalist*innen in der Corona-Pandemie

OBS-Arbeitsheft 108*

Victoria Sophie Teschendorf, Kim Otto

Framing in der Wirtschaftsberichterstattung

Der EU-Italien-Streit 2018 und die Verhandlungen über Corona-Hilfen 2020 im Vergleich

OBS-Arbeitsheft 107*

Leif Kramp, Stephan Weichert

Konstruktiv durch Krisen?

Fallanalysen zum Corona-Journalismus

OBS-Arbeitsheft 106*

Für Spenden mit zweckgebundenem Verwendungszweck zur Förderung von Wissenschaft und Forschung zu den Schwerpunkten:

Lutz Frühbrodt, Ronja Auerbacher

• Angleichung der Arbeits- und Lebensverhältnisse in Ost- und Westdeutschland (einschließlich des Umweltschutzes) • Entwicklung demokratischer Arbeitsbeziehungen in Mittel- und Osteuropa • Verfolgung des Zieles der sozialen Gerechtigkeit

Der Podcast-Boom in Deutschland

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Den richtigen Ton treffen OBS-Arbeitsheft 105*

Hektor Haarkötter, Filiz Kalmuk

Medienjournalismus in Deutschland

Seine Leistungen und blinden Flecken

OBS-Arbeitsheft 104*

Valentin Sagvosdkin

Qualifiziert für die Zukunft?

Zur Pluralität der wirtschaftsjournalistischen Ausbildung in Deutschland * Printfassung leider vergriffen; Download weiterhin möglich. Diese und weitere Publikationen der OBS finden Sie unter www.otto-brenner-stiftung.de Otto Brenner Stiftung | Wilhelm-Leuschner-Straße 79 | D-60329 Frankfurt/Main


Vorwort

Vorwort

Seit 1987 veröffentlicht das US-amerikanische Wirtschaftsmagazin Forbes jährlich die „World’s Billionaires“-Liste, eine Übersicht der reichsten Menschen der Welt. Ein neues Feature macht inzwischen auch möglich, die Vermögensentwicklung aller (bekannten) Milliardäre weltweit tagesaktuell zu verfolgen. Im erratischen Takt der Finanzmärkte lässt sich beobachten, wie innerhalb von Stunden einige Milliarden gewonnen oder verloren werden. Es lohnt sich allerdings auch, die zeitliche Perspektive in die andere Richtung auszuweiten und mehrere Jahre zurückzublicken. Das börseninduzierte, milliardenschwere tägliche Auf und Ab verdeckt, dass die Vermögensentwicklung der Reichsten seit Jahrzehnten weltweit nur eine Richtung kennt: steil nach oben. Im Jahr 2000 führte Bill Gates die Forbes-Liste mit einem Gesamtvermögen von rund 60 Milliarden Dollar an. Wer über 20 Milliarden verfügte, schaffte es bereits in die Top Ten, die zusammen auf ein Vermögen von rund 275 Milliarden Dollar kamen. 25 Jahre später müssen die Besitzer*innen von 20 Milliarden Dollar zittern, ob sie es überhaupt noch in die Klasse der weltweit reichsten 100 Menschen schaffen. Elon Musk vereinte als neuer Spitzenreiter zeitweise mit mehr als 400 Milliarden Dollar rund das Siebenfache des Bill Gates’ der 2000er Jahre – und die Top Ten 2025 sind rund zwei Billionen Dollar wert. Dass eine solche Konzentration von Vermögen – und damit einhergehend auch Macht – in den Händen einer kleinen Gruppe von Menschen nicht dauerhaft neben demo­ kratischen Prozessen und Institutionen existieren kann, ist ein Gemeinplatz kritischer Akteure aus Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft. Die gegenwärtigen Entwicklungen in den USA zeigen exemplarisch, dass aus Sicht der Superreichen die Zeit nun gekommen scheint, die immer schon recht locker sitzenden demokratischen Fesseln vollends abzuwerfen und den Kritiker*innen vorzuführen, dass sie mit ihren Befürchtungen genau richtig lagen: Mit wenigen hundert Millionen Dollar kauft sich Musk einen Platz in der Regierung und dirigiert den schnellen Takt der Demontage demokratischer Institutionen. Denen, die sich nicht auf den Reichenlisten dieser Welt wiederfinden, bleibt nach dieser offenen Kampfansage nichts anderes übrig, als den Federhandschuh aufzuheben und nach Möglichkeiten zu suchen, die gefährliche Vermögens- und Machtkonzentration abzubauen (sowie künftig ganz zu verhindern). Zu den Mitstreiter*innen in diesem Einsatz für Demokratie und Gleichheit gehört eindeutig auch Marlene Engelhorn. Die österreichische

1


Über Reichtum berichten

Millionenerbin kämpft für eine höhere Besteuerung reicher Personen und hat im letzten Jahr 90 Prozent ihres Erbes (rund 25 Millionen Euro) an die Gesellschaft zurückgegeben. Was Engelhorn auszeichnet, ist nicht der Fakt, dass sie auf Vermögen verzichtet – das haben andere Reiche ebenfalls getan (auch wenn ihr relativer Verzicht beachtlich ist). Bemerkenswert ist vielmehr, dass sie die Aufgabe ihres Vermögens bewusst politisiert und die Entscheidung über die Verteilung des Geldes demokratisiert hat. Mit ihrem Projekt des „Guten Rats für Rückverteilung“ überließ sie 50 repräsentativ ausgewählten Menschen in Österreich, die begleitet von Expert*innen, Moderator*innen und eigener Öffentlichkeitsarbeit sechs Wochen diskutierten, weitgehend die Entscheidung über die Verwendung ihres Millionenerbes. Sie grenzt sich damit bewusst von den philanthropischen Inszenierungen ihrer ‚Klassenkamerad*innen‘ ab, die sich – durchaus mit der ehrlichen Intention „Gutes zu tun“ – durch wohltätige Spenden und Förderungen wahlweise ein gutes Gewissen, humanistische Ausstrahlung oder politische Aufmerksamkeit erkaufen. Engelhorn scheint die Worte des südamerikanischen Publizisten Eduardo Galea­no verinnerlicht zu haben – „Wohltätigkeit [wirkt] von oben nach unten, [sie] ändert nie auch nur ein bisschen an den Machtverhältnissen“ – und hat es anders gemacht. Aber ist dies auch in der Öffentlichkeit wahrgenommen worden? Und wenn ja, in welcher Form? Diese Fragen waren Auslöser des Forschungsprojektes von Hendrik Theine und Carlotta Verita (beide Johannes Kepler Universität Linz) sowie Moritz Gartiser (Universität Duisburg-Essen). In ihrer Studie untersuchen sie, wie der „Gute Rat für Rückverteilung“ über die eigene Arbeit kommuniziert und wie wiederum über diesen in 26 deutschsprachigen Medien berichtet wurde. Es zeigt sich, dass der Rat durchaus als Anlass genutzt wurde, um über die Gefahren und Nebeneffekte großer Vermögenskonzentrationen zu berichten. Doch die explizit systemkritischen Verlautbarungen des Guten Rats wurden wenig aufgegriffen. Und während der Rat in seiner öffentlichen Kommunikation immer wieder die herausragende Bedeutung von weitreichender Teilhabe und deliberativer Verfahren für den Prozess der Rückverteilung großer Vermögen hervorhob, wurde medial nur selten über die demokratische Arbeitsweise und Zusammensetzung des Rats berichtet. Dabei dürfte doch gerade diese Vorgehensweise der Wegweiser hin zu einer demokratischeren Zukunft mit gerechterer Einkommens- und Vermögensverteilung sein. Der Kurzbegriff für ein solches, der Wohltätigkeit diametral gegenüberstehendes, „horizontales und gleichberechtiges“ Vorgehen ist, auch das lehrt uns Galeano, Solidarität. Darüber darf gerne mehr berichtet werden. Benedikt Linden Referat Wissenschaftsförderung

2

Frankfurt am Main, im Mai 2025


Inhalt

Inhalt

1

Einleitung................................................................................................................ 4

2

Die Rolle der Zivilgesellschaft und der Medien in der (De-)Legitimierung von Vermögensungleichheit............................................... 6

3

Marlene Engelhorn und der Gute Rat für Rückverteilung............................................ 9

4

Diskursanalytischer Ansatz und Fragestellungen...................................................... 15

5

Die diskursive Aushandlung von Vermögensungleichheit und Umverteilung: eine Skizze existierender Diskurspositionen............................... 17

6

Datensatz und Analysestrategie.............................................................................. 24

7

Ergebnisse: Der Gute Rat und die Medien................................................................ 30 7.1 Außenkommunikation und Medienberichterstattung im Überblick.................................. 30 7.2 Die Diskurspositionen im Detail..................................................................................... 33 7.3 Einordnung der Außenkommunikation des Guten Rats................................................... 54 7.4 Einordnung der Medienberichterstattung....................................................................... 56

8

Fazit und Schlussfolgerungen................................................................................. 60 Anhang: Tabelle A.1 – A.4......................................................................................................62 Quellenverzeichnis............................................................................................................... 65 Verzeichnis der Abbildungen und Tabellen............................................................................ 74 Hinweise zu den Autor*innen................................................................................................ 75

3


Über Reichtum berichten

1 Einleitung

Anfang 2024 gab die österreichische Millionen-­

Schweiz und in Österreich rund 40 Prozent des

Erbin Marlene Engelhorn bekannt, dass der

Gesamtvermögens und in Deutschland etwa

Großteil ihres Vermögens – in Summe 25 Mil-

30 Prozent, während die Zahlen beispielsweise

lionen Euro – an die Gesellschaft rückverteilt

im Vereinigten Königreich oder in Finnland deut-

werden soll. Dafür wurde der „Gute Rat für Rück-

lich niedriger liegen (21 Prozent bzw. 18 Prozent;

verteilung“ (im Folgenden auch: „Guter Rat“) ins

Chancel et al., 2022; Heck et al., 2020; Marti

Leben gerufen – 50 repräsentativ ausgewählte

et al., 2023). Fragen zur Vermögensverteilung

Menschen in Österreich, die nach sechs Wo-

sind eng verknüpft mit politischer Partizipa-

chenenden der gemeinsamen Diskussion ent-

tion und Repräsentation sowie der Legitimität

schieden haben, wie das Geld verteilt wird. Das

der Demokratie. Ein hohes Maß an Ungleichheit

Vorhaben fand vor dem Hintergrund einer jahr-

reduziert das Vertrauen in die Demokratie und

zehntelangen gesellschaftlichen Entwicklung

gefährdet die Akzeptanz staatlicher Institutio­

statt, in der sich die Kluft zwischen den Reichsten

nen (Ehs & Zandonella, 2021; Piketty, 2021).

und den Ärmsten weltweit vertieft hat, wobei ins-

Sozioökonomische Analysen zeigen außerdem,

besondere das reichste Prozent der Bevölkerung

dass eine hohe Konzentration von Privatver-

immense Zuwächse an seinem Vermögensanteil

mögen eng mit wirtschaftlicher und politischer

verzeichnet (Chancel et al., 2022). Der Ausbruch

Macht der Vermögensbesitzer*innen einhergeht

der Covid-­19-Pandemie hat die globale Vermö-

(Rehm & Schnetzer, 2015; Scheve & Stasavage,

gensungleichheit noch weiter verschärft, das Jahr

2017; Theine, 2020).

2020 markierte den bislang stärksten Anstieg des Vermögensanteils der Milliardäre am weltweiten

Lange waren die Ungleichverteilung von Ver-

Gesamtvermögen (Derndorfer et al., 2023).

mögen und Einkommen im deutschsprachigen Raum eher ein Nischenthema. In den letzten Jah-

In Europa weisen insbesondere die drei deutsch-

ren scheinen aber Verteilungsfragen wieder zu-

sprachigen Länder Deutschland, Österreich und

nehmend in das öffentliche Bewusstsein zu rü-

Schweiz hohe Vermögensungleichheiten auf:

cken. Die Wirtschafts- und Finanzkrise 2007 ff.,

Die obersten zehn Prozent der Haushalte in al-

Occupy Wall Street und der mediale Hype um die

len drei Ländern halten etwa 60 Prozent des

Veröffentlichung von Thomas Pikettys Bestsel-

Gesamtvermögens (im Vergleich zu beispiels-

ler „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ sind nur drei

weise rund 45 Prozent in Italien oder Spanien).

prominente Ereignisse der letzten Jahre, die eng

Das superreiche oberste Prozent besitzt in der

verknüpft sind mit Fragen der Ungleichheit, Ge-

4


Einleitung

rechtigkeit und Umverteilung (Grisold & Preston,

Engelhorns Erbe an die Gesellschaft zurückzu-

2020; Smith Ochoa, 2020; Wade, 2014). Hinzu

geben. Im Mittelpunkt der Kommunikation stand

kommt, dass progressive und zivilgesellschaft-

dabei Vermögensungleichheit als strukturelles

liche Akteur*innen, wie beispielsweise die Ar-

Problem, die Notwendigkeit einer systemischen

beiterkammer Österreich, das Momentum Insti-

Rückverteilung sowie demokratische Inklusion

tut, das Netzwerk Steuergerechtigkeit sowie die

und Transparenz. Die mediale Rezeption dieser

Initiative taxmenow, sich immer wieder öffent-

Botschaften variierte stark in Tiefe und Genauig-

lichkeitswirksam für eine höhere Steuergerech-

keit. Zwar konnte der Gute Rat den Mediendis-

tigkeit bei Erbschaften und Vermögen einsetzen

kurs teilweise beeinflussen und zentrale Themen

(Friedrich, 2024).

setzen, doch seine Kernbotschaften wurden in der breiteren medialen Berichterstattung oft nur

In diesem Zusammenhang stellt der Gute Rat für

oberflächlich behandelt, abgeschwächt oder

Rückverteilung und die daraufhin einsetzende

zuweilen auch fehlerhaft dargestellt, was ihre

mediale Debatte ein interessantes Analyse­

Wirkung einschränkte.

objekt dar. Aufbauend auf dem Ansatz der Kritischen Diskursanalyse (KDA) argumentieren wir,

Dieses Arbeitspapier ist wie folgt strukturiert:

dass die Außenkommunikation und mediale

Kapitel 2 gibt einen Überblick über die Rolle der

Debatte um den Guten Rat gute Beispiele dar-

Zivil­gesellschaft und der Medien in der (De-)Le-

stellen, wie ideologische Auseinandersetzungen

gitimierung von Vermögensungleichheit. Kapi-

über Ungleichheit und Rückverteilung ablaufen

tel 3 stellt Marlene Engelhorn und den Guten

können (Fairclough, 2003; Wodak, 2011). Die

Rat für Rückverteilung vor. In Kapitel 4 werden

KDA ermöglicht es zu untersuchen, wie unter-

unser diskursanalytischer Ansatz und die zen­

schiedliche Diskurspositionen in der Kommuni-

tralen Fragestellungen erläutert, während Kapi-

kation des Rats und in den Medien kon­struiert,

tel 5 vorherrschende Diskurspositionen zur Un-

angefochten und legitimiert werden.

gleichheitsthematik beleuchtet. Der Datensatz und die Analysestrategie, die der Untersuchung

Wir zeigen, dass der Gute Rat – vertreten durch

zugrunde liegen, werden in Kapitel 6 vorgestellt.

Marlene Engelhorn, das Organisationsteam und

Kapitel 7 analysiert die Außenkommunikation

die Ratsmitglieder – eine aktive und vielseitige

des Guten Rats sowie die mediale Berichterstat-

Kommunikationsstrategie verfolgte. Über sozia-

tung, einschließlich der verschiedenen Diskurs­

le Medien, eine eigene Website und Pressemit-

positionen, im Detail. Das Papier schließt in Ka-

teilungen wurde die Mission vermittelt, Marlene

pitel 8 mit einem Fazit ab.

5


Über Reichtum berichten

2 Die Rolle der Zivilgesellschaft und der Medien in der (De-)Legitimierung von Vermögensungleichheit Die drei deutschsprachigen Länder Deutsch-

che Bewusstsein für das Thema geschärft. In

land, Österreich und die Schweiz weisen im

Deutschland und Österreich werden beispiels-

euro­päischen Vergleich und auch weltweit hohe

weise im Rahmen des von der Euro­päischen

Vermögensungleichheiten auf. Doch hohe Un-

Zentralbank koordinierten Projekts „House-

gleichheiten per se führen nicht dazu, dass diese

hold Finance and Consumption Survey“ de-

auch gesellschaftlich als problematisch oder än-

taillierte Daten zu Vermögen und Schulden

derungsbedürftig wahrgenommen werden. Im

privater Haushalte gesammelt und seit dem

Gegenteil: Untersuchungen zeigen immer wie-

Jahr 2013 regelmäßig veröffentlicht (Eurosys-

der, dass das wirkliche Ausmaß der Ungleichheit

tem Household Finance and Consumption Net-

in der Bevölkerung oft unterschätzt wird (Bellani

work, 2013, 2016, 2023).

et al., 2021; Gimpelson & Treisman, 2018; Knell & Stix, 2020). Teilweise lässt sich sogar zeigen,

Ob Ungleichheiten als ungerecht oder bedenk-

dass Menschen, die in sehr ungleichen Gesell-

lich gelten, hängt allerdings sehr viel stärker von

schaften leben, diese Ungleichheit als weniger

der diskursiven (De-)Legitimierung sowie der

problematisch wahrnehmen als Menschen, die

gesellschaftlichen Aushandlungen rund um

in vergleichsweise egalitären Gesellschaften le-

das Thema Ungleichheit ab. Die gesellschaft-

ben (Mijs, 2021).

liche Aushandlung findet dabei in verschiedenen sozialen Räumen statt (beispielsweise im

Wissenschaftliche Erkenntnisse und die ver-

Parlament, am Arbeitsplatz oder in der Familie).

besserte Datenlage können eine wichtige Rol-

Damit sind unterschiedliche Akteure in die Aus-

le für die stärkere Problematisierung gesell-

handlung miteinbezogen, von politischen Partei-

schaftlicher Ungleichheit spielen: Wichtige

en über Interessensgruppen, Forschenden oder

internationale Studien, wie die „World Inequa-

Einzelpersonen.

lity Reports“ und Thomas Pikettys Bestseller „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ (2014), haben

Für die Frage der gesellschaftlichen Verhandlung

auch im deutschsprachigen Raum große Be-

des Themas Ungleichheit spielen neben staat-

achtung gefunden und die Debatte um die Ver-

lichen und politischen sowie den oben schon

teilung von Vermögen angefacht (Bank, 2017;

genannten wissenschaftlichen Akteur*innen

Grisold & Preston, 2020; Smith Ochoa, 2020).

insbesondere zwei Gruppen eine herausragende

Auch die zunehmende Verfügbarkeit und Qua-

Rolle, die wir im Folgenden näher besprechen

lität von Daten zur Vermögensverteilung im

wollen: zivilgesellschaftliche Organisationen und

deutschsprachigen Raum haben das öffentli-

soziale Bewegungen sowie die Medien.

6


Die Rolle der Zivilgesellschaft und der Medien in der (De-)Legitimierung von Vermögensungleichheit

Die Zivilgesellschaft ist ein wichtiger Ort, in der

Friedrich (2024) resümiert, dass etablierte kon-

Aushandlungsprozesse um Deutungsmacht und

servative Akteure (zum Beispiel die Initiative

diskursive Rahmung stattfinden. Dort ringen ver-

Neue Soziale Marktwirtschaft oder der Verband

schiedene politische Kräfte und Organisationen

der Familienunternehmen) im deutschen Bun-

um die Durchsetzung gesellschaftlicher, politi-

deswahlkampf 2021 eine ausgeprägte Anti-Ver-

scher und auch rechtlicher Normen (Demirovic,

mögenssteuer-Kampagne gefahren haben, um

2003; Wullweber, 2017). Zivilgesellschaftliche

die aufkommende Diskussion um eine stärkere

Organisationen und soziale Bewegungen bilden

Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums

folglich ein vielfältiges Feld mit unterschied­

zu unterbinden.

lichen Interessen und Perspektiven in Bezug auf die Frage der Vermögensungleichheit und

Gleichzeitig spielen zivilgesellschaftliche Or-

der potentiellen Umverteilung. Untersuchungen

ganisationen und soziale Bewegungen eine

zeigen, dass wirtschaftsnahe Interessensgrup-

entscheidende Rolle, wenn es darum geht, Un-

pen oft bestrebt sind, das Thema Ungleichheit

gleichheitsfragen zu thematisieren und auf poli­

zu relativieren und sich gegen Maßnahmen zur

tische Veränderungen und soziale Reformen zu

Umverteilung auszusprechen. Beispielswei-

drängen. Auf internationaler Ebene ist sicher die

se weisen Emmenegger und Marx (2019) nach,

Protestbewegung Occupy Wall Street eins der be-

dass sich unternehmensnahe Interessensgrup-

kanntesten Beispiele, welche den Diskurs um

pen strategisch und vehement in die öffentliche

Ungleichheit und Verteilung stark geprägt hat

Debatte um das Referendum zur Einführung ei-

(Gottlieb, 2015; Shrivastava & Ivanova, 2015).

ner nationalen Erbschaftssteuer in der Schweiz

In besagtem deutschen Bundeswahlkampf 2021

eingebracht haben, mit dem Ergebnis, dass das

haben das Netzwerk Steuergerechtigkeit, die

Referendum letztendlich scheiterte – und das

Initiative taxmenow und die Bürgerbewegung

obwohl der Großteil der schweizerischen Bevöl-

Finanzwende eine gemeinsame Kampagne mit

kerung entweder nicht betroffen gewesen wäre

dem Titel „Steuerprivilegien kippen“ gestartet,

oder von der Steuer aufgrund höherer staat­licher

um auf die bestehende Ungleichheit und mögli-

Budgets profitiert hätte. Theine (2020) hat die

che Gegenmaßnahmen aufmerksam zu machen

vielfältigen Strategien dargelegt, welche von der

(Friedrich, 2024). Etwas allgemeiner lässt sich

deutschen Stiftung Familienunternehmen einge-

beobachten, dass sich in den letzten Jahren im

setzt werden, um eine höhere Besteuerung von

deutschsprachigen Raum unterschiedliche zivil-

Erbschaften zu verhindern. Zum Strategieset

gesellschaftliche Organisationen und Bündnisse

der Stiftung gehören die direkte Einflussnahme

mit dem Ziel gegründet haben, die hohe Vermö-

auf Politiker*innen, die strategische Platzierung

gensungleichheit und fehlende staatliche Um-

ihrer Positionen in der Öffentlichkeit, die Nut-

verteilung zu problematisieren. Beispiele dafür

zung enger Kontakte zu Medienunternehmen

sind das österreichische Momentum Institut, So-

sowie die gezielte Förderung von Forschung zur

lidar Suisse, die Europäischen Bürger*innenini-

Untermauerung ihrer Argumente. Die Arbeit von

tiative „Tax the Rich“ sowie das schon erwähnte 7


Über Reichtum berichten

Netzwerk Steuergerechtigkeit und die Initiative

Stehen demokratische Maßnahmen zur Eindäm-

taxmenow.

mung von Ungleichheit (beispielsweise über Vermögenssteuern) im Zentrum medialer Debatten,

Hinsichtlich der medialen Debatte um Vermö-

zeichnen sich diese durch eher skeptische bis

gensungleichheit und mögliche Gegenmaßnah-

stark ablehnende Haltungen aus. Eine Analyse

men zeigen aktuelle Untersuchungen, dass die

von Kommentaren in österreichischen Tages-

Berichterstattung zum Thema in den letzten Jah-

zeitungen zwischen 2005 bis 2020 zur Vermö-

ren zugenommen hat, der Thematik aber nach

genssteuer zeigt eine überwiegend ablehnende

wie vor kein großer Stellenwert eingeräumt wird

Haltung: 69 Prozent der Artikel lehnen Vermö-

(McCall, 2013; McGovern et al., 2023; Thomas,

genssteuern ab, nur 22 Prozent bewerten diese

2020). Auf inhaltlicher Ebene wird deutlich, dass

als positive und sinnvolle wirtschaftspolitische

zwar ein Bewusstsein für die mit wirtschaftlicher

Maßnahmen. Zwar nehmen Kommentare im

Ungleichheit verbundenen Probleme in Medien-

linksliberalen Standard eine positivere Haltung

debatten vorherrscht, gleichzeitig jedoch ihre

ein als in marktliberalen und konservativen Zei-

Dringlichkeit eher relativiert wird. Dies lässt

tungen (zum Beispiel Die Presse), gleichzeitig

sich am Beispiel der medialen Debatte rund um

überwiegen die ablehnenden Argumente in allen

den Bestseller „Das Kapital im 21. Jahrhundert“

Medien, egal welcher redaktionellen und politi-

von Thomas Piketty (2014) nachvollziehen, wel-

schen Linie diese folgen (Dammerer et al., 2023;

cher sowohl Fragen über die Legitimität hoher

Theine et al., 2023). Für Deutschland zeigt die

ökonomischer Ungleichheit aufwirft als auch

Studie „Streitfall Vermögenssteuer?“ eine stark

mögliche demokratische Maßnahmen zur Ein-

(partei)politisch ausgerichtete mediale Debatte

hegung eben dieser Ungleichheit vorschlägt.

rund um vermögensbezogene Steuern, die ge-

Grisold und Preston (2020) sowie Grisold und

trieben ist von einzelnen Events und Ereignis-

Theine (2020) zeichnen nach, dass Nachrichten-

sen, wie den Bundesverfassungsgerichtsurtei-

medien in Deutschland und Österreich Pikettys

len zur Erbschaftsteuer (Theine & Grisold, 2020,

grundlegende These über die rapide wachsen-

2022). Ähnliches zeigt auch eine umfassende

de Ungleichheit thematisieren, gegenüber Um-

Längsschnittanalyse zur Medienberichterstat-

verteilungsmaßnahmen aber eher zögerlich bis

tung über vermögensbezogene Besteuerung in

ablehnend auftreten (siehe auch Rieder & Thei-

Deutschland (Gartiser, 2025). Demnach ist die

ne, 2019). Ähnliche Arbeiten mit anderen Fall-

Berichterstattung charakterisiert durch einen

beispielen zeigen, dass Ungleichheit häufig als

generellen Mangel medialer Aufmerksamkeit,

unausweichliches Ergebnis globalisierter Markt-

eine rekursive Nutzung bekannter, meist steuer-

kräfte und technologischen Wandels dargestellt

kritischer Argumentationslinien, einer ideologi-

wird oder mit Verweis auf die Bedeutung des

schen Prägung der Medienhäuser sowie einer

Wettbewerbs für Innovation gerechtfertigt wird

starken Orientierung an Parteien und tagespo-

(Champlin & Knoedler, 2008; McGovern et al.,

litischen Ereignissen, die jedoch selten zu einer

2023; Smith Ochoa, 2020).

nachhaltigen Veränderung des Diskurses führen.

8


Marlene Engelhorn und der Gute Rat für Rückverteilung

3 Marlene Engelhorn und der Gute Rat für Rückverteilung Sowohl Marlene Engelhorn als auch der Gute Rat

Reformen und eine weitreichende Umverteilung,

für Rückverteilung zählen zu den im vorherigen

um die soziale Gerechtigkeit zu erhöhen und

Kapitel beschriebenen zivilgesellschaftlichen

die Chancengleichheit für alle zu gewährleisten

Organisationen und Bewegungen, die sich für

(Engel­horn, 2022a).

eine verstärkte Thematisierung von Fragen der Ungleichheit und Umverteilung sowie für politi-

Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen,

sche Veränderungen und soziale Reformen ein-

gründete Engelhorn im Februar 2021 zusam-

setzen. In diesem Kapitel werden beide Akteure

men mit anderen vermögenden Erb*innen die

ausführlich vorgestellt, mit besonderem Fokus

Initiative taxmenow. Die Initiative organisiert

auf ihre Relevanz für das forschungsleitende In-

Kampagnen und Öffentlichkeitsarbeit, um mit

teresse dieses Berichts.

ihrer Arbeit zu „strukturellen Veränderungen in den bestehenden Steuersystemen, zum Abbau

Im Jahr 2019 teilte die Großmutter von Marle-

von sozialer Ungleichheit und zur Stärkung der

ne Engelhorn der Familie mit, wie sie ihr (ererb-

Demokratie“ (taxmenow, 2024) beizutragen.

tes) Vermögen aufteilen würde. Marlene Engel-

Die Initiative betreibt Lobbyarbeit, Sensibilisie-

horn, die demnach Aussicht auf das Erbe eines

rungskampagnen und arbeitet mit verschiede-

zweistelligen Millionenbetrags hatte, begann

nen Organisationen für soziale Gerechtigkeit

sich seitdem öffentlich kritisch über die Unge-

zusammen. Als Teil der Gruppe hat Engelhorn

rechtigkeit von Erbschaften in demokratischen

an zahlreichen öffentlichen Veranstaltungen und

Gesellschaften zu äußern. In einem TEDx Vienna

Protestaktionen teilgenommen sowie zahlreiche

Vortrag im Oktober 2022 argumentiert sie bei-

Interviews gegeben und mit anderen Initiativen

spielsweise, dass Erbschaften fundamental un-

zusammengearbeitet, die sich für eine Umvertei-

gerecht seien, weil die Erben ihr Vermögen nicht

lung des Reichtums einsetzen.

selbst erarbeitet haben und mit hohen Vermögen große Privilegien sowie politische und ökonomi-

Die Idee zum Guten Rat für Rückverteilung wurde

sche Macht einhergehe (Engelhorn, 2022d). Sie

in der zweiten Jahreshälfte 2023 konkretisiert.

sehe es als Versagen der Politik an, dass große

Zu den wichtigsten Vorarbeiten gehörte eine per-

Vermögen nicht viel stärker besteuert werden.

sönliche Mitteilung von Marlene Engelhorn, in

In ihrem Buch „Geld“ argumentiert Engelhorn

der sie ihre Motivation zur Gründung des Rats

weiter, dass extremer Reichtum demokratische

darlegte und ihre Gedanken zur Frage der Rück-

Werte untergrabe und systemische Ungleich-

verteilung und demokratischen Ausgestaltung

heiten aufrechterhalte. Sie fordert grundlegende

dieser erörterte. Diese Mitteilung ist auch auf 9


Über Reichtum berichten

der Website des Guten Rats zu finden (Engel-

wird. In Kooperation mit dem Forsight Institut

horn, 2024a). Weiterhin wurden grundlegende

wurden dazu 10.000 repräsentativ ausgewähl-

Argumente zur Notwendigkeit, Vermögen an die

te Menschen angeschrieben und gefragt, ob sie

Gesellschaft rückzuverteilen, ausgearbeitet.

Interesse an einer Teilnahme beim Guten Rat hät-

Der Begriff „Rückverteilung“ soll dabei verdeut-

ten. Von den 1.000 Menschen, die sich zurückge-

lichen, dass „Vermögen immer aus der Gesell-

meldet hatten, wurden schließlich 50 Personen

schaft heraus entsteht – nie aus sich selbst.

ausgewählt, die in neun Kategorien (Geschlecht,

Deshalb sollte auch etwas davon an die Gesell-

Alter, Bildungsabschluss, Erwerbsstatus, Region,

schaft rückverteilt werden, um das Leben aller zu

Urbanisierung, Geburtsland, Einkommen sowie

verbessern“ (Guter Rat, 2024a). Rückverteilung

die Einstellung zur Vermögensverteilung), die

habe zudem eine prozedurale Komponente.

Bevölkerung in Österreich repräsentieren (In-

Sie sei darauf angewiesen, „denen zuzuhören,

gruber, 2024).

die am meisten von sozialen und ökologischen Problemen betroffen sind. […] Und: ihnen auch

Marlene Engelhorn selbst entschied nicht mit,

Vertrauen und Entscheidungshoheit zu geben“.

wie das Geld verteilt wird, sie hatte lediglich

Entsprechend unterscheide sich Rückverteilung

einige Rahmenbedingung festgelegt: Ausge-

auch begrifflich vom gängigen Verständnis der

schlossen von der Rückverteilung waren ver-

Umverteilung, da Umverteilung den Aspekt der

fassungswidrige, lebensfeindliche, menschen-

gesellschaftlichen Produktion von Reichtum au-

verachtende und profitorientierte Zwecke. Der

ßen vor lasse. Mit dem Umverteilungs-Begriff

Gute Rat formulierte außerdem Botschaften und

liege der Fokus zudem stärker auf den Ergebnis-

Maßnahmen an die Gesellschaft, um der Ver-

sen des Vorgangs und weniger auf den zugrunde

mögensungleichheit entgegenzuwirken (Guter

liegenden Prozessen oder Machtverhältnissen.

Rat, 2024b).

Im weiteren Verlauf wurden weitere Aspekte des

Die Teilnahme am Rat sollte so inklusiv wie mög-

Rats konkretisiert. Zum einen wurde das Orga-

lich gestalten sein: alle Räumlichkeiten waren

nisations- und Moderationsteam des Guten Rats

barrierefrei, Dolmetscher*innen wurden gestellt,

festgelegt, welches organisatorische Tätigkeiten

Kinderbetreuung vor Ort angeboten oder Kosten

übernahm und den Prozess moderierte. Zum

für die Betreuung zuhause erstattet. Die Teilneh-

anderen wurden Ablauf und konkrete Prozess-

menden des Guten Raus bekamen außerdem pro

fragen geklärt. Der Rat sollte als sogenanntes

Wochenende eine Aufwandsentschädigung; die

Österreich“ nach sechs Wochenenden „Mini-­

Kosten für Übernachtungen, Verpflegung sowie

der Deliberation und unter Einbeziehung von Ex-

An- und Abreise wurden ihnen erstattet (Guter

pert*innen entscheiden, wie das Geld verwendet

Rat, 2024b).

10


Marlene Engelhorn und der Gute Rat für Rückverteilung

Tabelle 1:

Chronik des Guten Rats

Ereignis

Datum

Beschreibung

Pressekonferenz

9. Januar 2024

Marlene Engelhorn gibt Gründung des Guten Rats offiziell bekannt, erklärt die Hintergründe und das Vorgehen

Wochenende 1

16./17. März 2024

Erstes Treffen der 50 Ratsmitglieder, Begrüßung durch Marlene Engelhorn, Erarbeiten gemeinsamer Regeln für ein gutes Miteinander, zwei Expertinnen-Vorträge zur Ver­mögensverteilung in Österreich (Karin Heitzmann und Franziska Disslbacher)

Wochenende 2

6./7. April 2024

Vortrag und Diskussion zu unterschiedlichen Konzepten von Gerechtigkeit (Christian Neuhäuser), vertiefende Diskussion zum Thema Vermögensungleichheit und der anstehenden Rückverteilung von Marlene Engelhorns Erbe, erste Ideen für Botschaften an Gesellschaft und Politik

Wochenende 3

20./21. April 2024

Inputs von acht Expert*innen in sechs unterschiedlichen Handlungsfeldern, Vortrag von Johanna Mang zur Frage, worauf man bei der Rückverteilung achten sollte, Erarbeiten von Kriterien für Organisationen und Initiativen

Wochenende 4

4./5. Mai 2024

Interviews mit drei Expert*innen zur Frage, wie Gelder in NGOs und Organisationen verwendet werden, intensive Recherche zu möglichen Organisationen, Konkretisierung der Handlungsfelder

Wochenende 5

25./26. Mai 2024

Gespräch mit drei Expert*innen aus den Bereichen Rückverteilung, Armutsforschung und Recht; weitere Ausarbeitung der Botschaften zur Rückverteilung an die Gesellschaft

Wochenende 6

8./9. Juni 2024

gemeinsame Entscheidung über Rückverteilung an die vorgeschlagenen Organisationen (in den sechs Handlungsfeldern); Abstimmung gemeinsamer Botschaften an die Gesellschaft, gemeinsame Reflexion des Gesamtprozesses

Pressekonferenz

18. Juni 2024

Präsentation der 77 Initiativen und Organisationen, welche von der Rückverteilung profitieren sowie der Botschaften an die Gesellschaft

Externe Evaluation

2. August 2024

Veröffentlichung der externen Evaluation durch Daniela Ingruber unter https://guterrat.info/evaluation/

Abschlussbericht

31. Oktober 2024

Veröffentlichung des Abschlussbericht durch die Projektverantwortlichen unter https://guterrat.info/bericht/

Quelle: Eigene Darstellung basierend auf https://guterrat.info/. Die Tabelle listet lediglich die wichtigsten Ereignisse des Guten Rats auf.

11


Über Reichtum berichten

Am 9. Januar 2024 gab Marlene Engelhorn in

Das fünfte Wochenende war ein Wechselspiel

einer Pressekonferenz ihre Entscheidung be-

zwischen intensiver Recherche, der Diskussi-

kannt, dass ein Großteil ihres Erbes – 25 Millio-

on der Ratsmitglieder im Plenum und in ihren,

nen Euro1 – an die österreichische Gesellschaft

nach Handlungsfeldern aufgeteilten, Gruppen.

rückverteilt werden sollte (Engelhorn, 2024b).

Organisationen wurden als mögliche Geldemp-

Die zentralen Punkte der ersten zwei Wochen-

fänger*innen identifiziert, Förderhöhen und

enden des Guten Rats betrafen grundlegende

Laufzeiten diskutiert und Botschaften für die

Fragen zum Thema Ungleichheit. Gemeinsam

jeweiligen Handlungsfelder entwickelt. Die Vor-

wurde erarbeitet, was Vermögensungleichheit

schläge potentieller Empfänger*innen sowie

eigentlich bedeutet und weshalb sie problema-

erste Entwürfe der Botschaften wurden anschlie-

tische Folgen haben kann. Dies erfolgte unter an-

ßend im Plenum zur gemeinsamen Abstimmung

derem anhand von Expert*innen-Vorträgen und

präsentiert (Guter Rat, 2024d).

(Kleingruppen-)Diskussionen (siehe Tabelle 1). Anschließend teilten sich die Ratsmitglieder auf

Am sechsten Wochenende wurde dann die finale

sechs Handlungsfelder auf: Bildung & Medien,

Entscheidung über die Rückverteilung der Gel-

Raum & Wohnen, Teilhabe & Rechte, Umwelt &

der gefällt. In den Gruppen wurden zunächst im

Klima, Gesundheit & Soziales, Wirtschaftspo-

Konsent-Verfahren Entscheidungen über die zur

litik & Überreichtum2. In jedem Themengebiet

Rückverteilung vorgeschlagenen Organisatio­nen,

konnten vier Millionen Euro auf unterschiedliche

die Höhe und Laufzeit der Unterstützung sowie

Projekte aufgeteilt werden (Guter Rat, 2024d). Am

die maximale Unterstützungssumme getroffen,

dritten Wochenende waren nochmals Expert*in-

wodurch insgesamt 21.340.000 Euro verteilt

nen zu Besuch und hielten in jedem Handlungs-

wurden. Anschließend wurden die bisherigen

feld einführende Vorträge und diskutierten mit

Ergebnisse im Plenum präsentiert. Am Abend

den Ratsmitgliedern. Am vierten Wochenende

teilten die teilnehmenden Bürger*innen die ver-

konkretisierten die Mitglieder eine Liste poten-

bleibenden rund 3,5 Millionen Euro in Zweier­

tieller Geldempfänger*innen in den einzelnen

teams auf Projekte auf, die sie persönlich für

Handlungsfeldern und legten gemeinsame Kri-

besonders unterstützenswert hielten, basierend

terien fest nach denen die weitere Recherche

auf den über den Tag gehaltenen Präsentationen,

stattfinden sollte. Immer wieder fand auch ein

Diskussionen und gesammelten Informationen.

Austausch zwischen den sechs Gruppen statt.

Parallel dazu finalisierten die einzelnen Grup-

1

Die genaue Höhe des Erbes ist nicht bekannt. Die 25 Millionen Euro entsprechen laut Marlene Engelhorn ca. 90 Prozent ihres Vermögens. 2 Der Begriff „Überreichtum“ bezeichnet eine extreme Form von Reichtum, die nicht nur finanziellen Überfluss bedeutet, sondern auch politische Macht und gesellschaftliche Einflussnahme ermöglicht. Überreichtum ist nicht nur eine Frage individuellen Vermögens, sondern auch ein demokratisches Problem, da er bestehende Ungleichheiten verstärkt und soziale Teilhabe verzerrt (Schürz, 2019).

12


Marlene Engelhorn und der Gute Rat für Rückverteilung

pen ihre Botschaften an die Gesellschaft, über

Förderungen. Auch Organisationen, die sich für

die abschließend im Plenum abgestimmt wurde

eine progressive Wirtschafts- und Sozialpolitik

(Guter Rat, 2024d).

einsetzen, wurden berücksichtigt (beispielsweise das Momentum Institut, die Armutskonferenz

Am 18. Juni 2024 wurde schließlich in einer

oder Attac Österreich; Guter Rat, 2024d).3

Pressekonferenz bekannt gegeben, welche Organisationen wieviel Geld bekommen werden

Gleichwohl wir den Guten Rat in dieser Studie

(zuvor wurden diese Organisationen vom Guten

primär als ein diskursanalytisch interessantes

Rat kontaktiert). Insgesamt wurden fast 25 Mil-

Phänomen betrachten (siehe nächstes Kapitel),

lionen Euro an 77 Organisationen verteilt. Unter

sollte auch hervorgehoben werden, dass er ein

diesen sind Organisationen im Sozialbereich,

exemplarisches Beispiel für deliberative Beteili-

wie beispielsweise das Neunerhaus, das ob-

gungsverfahren ist, die zu demokratischer Sen-

dachlosen und armutsgefährdeten Menschen

sibilisierung und Versachlichung polarisierter

ein selbstbestimmtes und menschenwürdiges

Debatten beitragen können (Dryzek et al., 2019;

Leben mit medizinischer Versorgung, Wohnen

OECD, 2020). Bürgerräte wie der Gute Rat ge-

und Beratung ermöglicht. Auch die Lebenshilfe

winnen insbesondere in der Klimapolitik zuneh-

Österreich, die sich für die Interessen von Men-

mend an Bedeutung. Bewegungen wie Fridays

schen mit intellektuellen Behinderungen bzw.

for Future oder die (inzwischen umbenannte)

mit Lernschwierigkeiten einsetzt, erhielt Gelder.

Letzte Generation setzen sich seit Jahren für de-

Insgesamt acht Straßenzeitungen wurden be-

ren Implementierung ein, und auch die letzte

rücksichtigt: Kupfermuckn (Oberösterreich: Linz,

Bundesregierung in Deutschland hatte deren

Wels und Steyr), Megaphon (Graz und einige an-

Einrichtung als Ziel im Koalitionsvertrag veran-

dere Städten in der Steiermark), Kärntner Allge-

kert. Vereinzelt finden Bürgerräte auch Unter-

meine Zeitung (Klagenfurt und weitere Städte in

stützung aus konservativen Kreisen, etwa durch

Kärnten), LOS-Magazin (südöstliches Niederös-

Wolfgang Schäuble (Frinken, 2024).

terreich und Teile des Burgenlands), Apropos (Salzburg), Augustin (Wien und Wiener Umland),

Bürgerräte basieren auf einem deliberativen De-

Marie (Vorarlberg) sowie 20er (Tirol). Im Umwelt-

mokratieverständnis, welches maßgeblich von

und Klimaschutzbereich bekamen beispielswei-

Jürgen Habermas (1992) geprägt und theoretisch

se das KONTEXT Institut, der Naturschutzbund

ausgearbeitet wurde. Es formuliert eine Kritik an

Österreich sowie das Klimadashboard, welches

der liberalen Vorstellung, dass demokratische

eine datenbasierte Berichterstattung und Be-

Legitimität primär durch Wahlen und Präferenz­

wusstseinsbildung zur Klimakrise zum Ziel hat,

aggregation gesichert wird. Stattdessen rücken

3 Eine Liste mit allen 77 Organisationen kann hier eingesehen werden: https://guterrat.info/die-ergebnisse/

13


Über Reichtum berichten

deliberative Demokratietheorien die Qualität

steht zudem die Möglichkeit, schwerwiegende

und die Bedingungen der Meinungsbildung in

Einwände lediglich zu dokumentieren, ohne den

den Fokus. Ein deliberativer Prozess sollte idea­

Entscheidungsprozess zu blockieren (Ingruber,

lerweise inklusiv sein, also die Anliegen aller

2024).

Entscheidungsbetroffenen repräsentieren, intersubjektiv nachvollziehbar argumentiert werden,

Durch seine repräsentative Zusammensetzung

Offenheit für Meinungsänderungen auf Basis

haben die vom Guten Rat formulierten Botschaf-

überzeugender Gründe ermöglichen und auf

ten das Potential, breite gesellschaftliche Ak-

gegenseitigem Respekt sowie Machtfreiheit ba-

zeptanz zu finden sowie neue Lösungsansätze

sieren – also nicht durch ungleiche Ressourcen

für das kontroverse Thema Ungleichheit und Um-

verzerrt werden.

verteilung zu liefern. Wissenschaftliche Studien zu vergleichbaren Beteiligungsprozessen zeigen

Wie viele andere Bürgerräte, arbeitete der Gute

zudem, dass deren positiven Effekte über die

Rat nach dem Konsent-Prinzip. Die Teilnehmen-

Teilnehmenden hinaus wirken können. Insbe-

den können entweder zustimmen, Bedenken

sondere Bevölkerungsgruppen mit geringem

äußern (die notiert werden, aber nicht prozess-

Vertrauen in repräsentative Institutionen und

hemmend sind) oder schwerwiegende Einwände

einer niedrigen politischen Beteiligung könnten

einbringen, die den Diskussionsprozess erneut

durch solche Prozesse stärker einbezogen wer-

öffnen. Um innerhalb des zeitlichen Rahmens

den als durch klassische demokratische Verfah-

eines Bürgerrats arbeitsfähig zu bleiben, be-

ren wie Wahlen (Germann et al., 2024).

14


Diskursanalytischer Ansatz und Fragestellungen

4 Diskursanalytischer Ansatz und Fragestellungen

Das Forschungsprojekt basiert auf der Kriti-

len Beziehungen äußern, bewusst in Frage stellt.

schen Diskursanalyse (KDA). Die KDA hat ihre

Ziel ist es, zu einem besseren Verständnis der

Wurzeln in der marxistischen Theorie sowie im

Ursachen sozialer Missstände beizutragen, Hin-

(Post-)Strukturalismus, beruft sich auch auf die

dernisse zu identifizieren, die möglichen Lö-

Kritische Theorie der Frankfurter Schule und ist

sungen auf dem Weg zu einer egalitäreren Ge-

geprägt durch die Diskursforschung, die am Bir-

sellschaft im Wege stehen sowie Strategien zu

mingham Center for Cultural Studies populari-

deren Überwindung auszuarbeiten (Fairclough,

siert wurde (Forchtner & Wodak, 2017; Reynolds,

2013; Pickard, 2013; Rieder & Theine, 2023; Say-

2019). Die unterschiedlichen Ansätze der KDA

er, 2009).

vereint, dass Diskurse als „Fluss von ‚Wissen‘ bzw. sozialen Wissensvorräten durch die Zeit“

Aus diskursanalytischer Perspektive lässt sich

(Jäger, 2015, S. 26) betrachtet werden. Diskur-

der Gute Rat als diskursives Ereignis (Jäger, 2015)

se spiegeln dabei nicht einfach nur die Realität

begreifen, welches (potentiell) weitere Aufmerk-

wider (und sind damit von dieser bedingt); sie

samkeit und eine Sensibilisierung für die Frage

konstruieren und reproduzieren ihrerseits ge-

der ökonomischen Ungleichheit sowie möglicher

sellschaftliche Realitäten (sind somit für diese

Umverteilungsmaßnahmen schaffen kann. Damit

konstitutiv). Diskurse üben folglich Macht aus,

zusammenhängend ergibt sich die Frage, inwie-

da sie institutionalisiert, geregelt und an Hand-

fern der Gute Rat (zumindest kurzfristig) eine

lungen angekoppelt sind (Fairclough, 2007; Jä-

mediale Debatte auslösen konnte, die insbeson-

ger, 2015; Rieder & Theine, 2023).

dere die hohe Vermögensungleichheit problematisiert. Das vorliegende Forschungsprojekt fokus-

„Kritisch“ ist die KDA aufgrund der Perspektive,

siert auf die Analyse zweier Hauptaspekte: die

mit der die Forschenden an Gesellschaft insge-

Außenkommunikation des Rats und die mediale

samt und das spezifische Forschungsinteresse

Aufarbeitung und Rezeption seiner Tätigkeiten.

herangehen: der gesellschaftliche Status quo wird aufgrund der ihm innewohnenden Macht­

Im vorliegenden Report ergeben sich aus dis-

ungleichgewichte problematisiert und die ihm

kursanalytischer Perspektive insbesondere drei

zugrunde liegenden Machtstrukturen, die sich in

Forschungsfragen, die wir im Folgenden kurz be-

der Ausgestaltung von Institutionen und sozia­

gründen.

15


Über Reichtum berichten

In bestehenden Diskursen (in unserem Fall:

Interesse ist im Falle des Guten Rats, ob und

dem Diskurs über Ungleichheit und Umvertei-

inwiefern sich diese beiden Diskursebenen un-

lung) gibt es immer unterschiedliche Diskurs-

terscheiden und wie sie miteinander interagie-

positionen. Diskurspositionen sind spezifische

ren – also inwiefern die Außenkommunikation

politisch-ideologische Standpunkte von Indi-

auf die mediale Debatte einwirkt, bzw. welche

viduen, Gruppen oder Medien, die in den Dis-

diskursiven Einwände und Delegitimierungen in

kurs eingebracht werden (Jäger, 2015). Diskurse

den Medien aufkommen. Daraus ergibt sich die

„mäandern“ durch Zeit und Raum (Jäger, 2015);

zweite Forschungsfrage:

spezifische, in einem bestimmten Fallbeispiel eingebrachte Diskurspositionen schließen an

Inwieweit unterscheiden sich die verwende-

vorherige Diskurspositionen und Diskursfrag-

ten Diskurspositionen in der externen Kom-

mente an und rekurrieren auf diese (wenn auch

munikation des Rats und der Medienrezep­

oft nur implizit). Daraus ergibt sich die erste For-

tion?

schungsfrage: Die in den Medien aufgegriffenen Positionen las-

Welche Diskurspositionen zu Ungleichheit

sen sich klassischerweise entlang unterschied-

und Umverteilung werden in der Außenkom-

licher Medientypen, deren politisch-redaktionel-

munikation des Guten Rats und in der Me-

ler Ausrichtung und der journalistischen Stilform

dienberichterstattung bedient bzw. rezipiert

der Beiträge unterscheiden. Entsprechend ergibt

und diskutiert?

sich unsere letzte Forschungsfrage:

Die Außenkommunikation und die mediale Re-

Wie beeinflussen die politische Ausrichtung

zeption sind zwei unterschiedliche „Diskurs­

von Medien und die journalistischen Stil-

ebenen“ (Jäger, 2015), also zwei soziale Orte die

formen der Beiträge die Verwendung unter-

aufeinander einwirken können. Von besonderem

schiedlicher Diskurspositionen?

16


Die diskursive Aushandlung von Vermögensungleichheit und Umverteilung

5 Die diskursive Aushandlung von Vermögensungleichheit und Umverteilung: zentrale Diskurspositionen

Wie in Kapitel 4 beschrieben, „erfinden“ gesell-

Diskurspositionen, die Ungleichheit

schaftliche Akteure Diskurspositionen nicht not-

legitimieren

wendigerweise neu, sondern schließen oftmals explizit oder implizit an bestehende Positionen

Diskursposition 1: Hohe Vermögen und die re-

an. Auf Basis einschlägiger Forschungsliteratur

sultierende Ungleichheit als Ergebnis der Leis-

skizziert dieses Kapitel existierende Diskurs-

tungsgesellschaft

positionen zum Thema (sozioökonomischer)

Die liberale und meritokratische Perspektive auf

Ungleichheit, um die rund um den Guten Rat

den Reichtum von Individuen versteht diesen

artikulierten politisch-ideologischen Standpunk-

als Ergebnis eigener Arbeit in der Leistungsge-

te besser verstehen und kontextualisieren zu

sellschaft. Reiche Menschen haben ihr Vermö-

können. Die folgenden Darstellungen sind

gen eigenverantwortlich verdient, weil sie hart

„stilisiert“; die Standpunkte können so oder

dafür gearbeitet haben oder unternehmerisch

in Kombination und Variation im öffentlichen,

erfolgreich waren (Rowlingson & Connor, 2011).

medialen, politischen und privaten Raum auf-

Schon 1958 hat Michael Young diese Diskurs-

treten. Sie entsprechen nicht unbedingt realen

position auf die einfache Formel herunterge-

Tatsachen, sondern enthalten notwendigerwei-

brochen, dass Intelligenz und Anstrengung den

se Vereinfachungen und Zuspitzung der komple-

Verdienst bestimmen (Young, 1958). Die daraus

xen Realität.

resultierende Ungleichheit ist demnach legitim, weil sie das Ergebnis individueller Leistung bzw.

Die ersten vier Diskurspositionen sind eher da­

individuellen Talents ist (Rowlingson & Connor,

rauf ausgerichtet, die existierende (und steigen-

2011).

de) ökonomische Ungleichheit zu legitimieren und sprechend sich tendenziell gegen eine

Eng verknüpft mit der Vorstellung, dass Reich-

Umverteilung zum Abbau dieser Ungleichheit

tum und damit die Stellung in der Gesellschaft

aus. Die daran anschließenden fünf Diskurs­

direkt mit dem Verdienst zusammenhängt, ist

positionen problematisieren die existierende

das Konzept der Eigentumsrechte, das unter an-

Ungleichheit und tendieren dazu, diese abmil-

derem zum Leitprinzip des Libertarismus gehört.

dern zu wollen.

So argumentieren libertäre aber auch liberale

17


Über Reichtum berichten

Philosoph*innen, dass Reichtum, den Individuen

Diskursposition 2: Vermögen gehören der Fa-

rechtmäßig (das heißt nicht durch Diebstahl) er-

milie

worben haben, ihnen unveräußerlich zusteht.

Eine konservativere Diskursposition bezieht sich

Daraus folgt, dass diese Individuen mit so er-

weniger auf das Individuum, sondern stellt die

worbenem Reichtum tun und lassen können,

Familie als zentrale gesellschaftliche Institution

was sie wollen (Beckert, 2007; Carr et al., 2019).

in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen. Eigentum

Folglich stehen Befürworter*innen dieser Posi-

und Vermögen sind folglich nicht als individueller

tion jeglichen Steuer- oder Umverteilungsmaß-

Besitz von Gütern, sondern als Familieneigentum

nahmen, die über den „Minimalstaat“ hinaus-

zu verstehen (Cooper, 2017). Regulierungen und

gehen, äußerst skeptisch gegenüber. Repräsen-

Gesetze bezüglich der Veräußerung und Weiter-

tative Befragungen bestätigen, dass Personen

gabe von Vermögen müssen aus dieser Perspek-

einer Besteuerung von Vermögen tendenziell

tive primär die Auswirkungen und Folgen für die

ablehnend gegenüberstehen, wenn dieses als

betroffenen Familien zur Grundlage haben (Be-

erarbeitet wahrgenommen wird und nicht durch

ckert, 2007).

Erbschaft, Heirat oder Lottogewinn zustande gekommen ist (Ragusa, 2015, 2015; Sachweh, 2012;

Aus dieser Position heraus ergibt sich eine star-

Sachweh & Eicher, 2018).

ke Ablehnung gegenüber Maßnahmen zur Umverteilung und Besteuerung von Vermögen und

Der Diskurs um Ungleichheit und Umverteilung

Erbschaften, da dies als illegitime und zerstö-

war lange durch meritokratische Argumente

rerische Eingriffe in die Einheit der Familie ver-

strukturiert (Littler, 2018). Diese Diskurspositi-

standen wird. Statt Vermögen zu besteuern, wird

on ist auch nach wie vor sehr wirkmächtig. Mijs

der Erhalt und die Weitergabe von Vermögen als

(2021) zeigt beispielsweise anhand internatio-

ein wichtiger Faktor für die Stabilität von Fami-

naler Daten: Die zunehmende Ungleichheit wird

lien sowie allgemeiner der gesellschaftlichen

durch die weit verbreitete Überzeugung legiti-

Ordnung angesehen. Vermögen und Erbschaft

miert, dass Menschen mit höheren Einkommen

symbolisieren familiäre Abstammung und Konti-

auch mehr geleistet haben müssen. Gleichzeitig

nuität (Beckert, 2008b). Eine Studie aus Großbri-

haben solche meritokratischen Einstellungen

tannien zeigt, dass die Familie eine herausgeho-

in den letzten Jahren an Zustimmung verloren

bene Rolle in der sozialen Konstruktion von Ver-

(Mijs & Savage, 2020). Qualitative Interviews mit

mögen und dessen Besteuerung spielt (Stanley

reichen Menschen zeigen jedoch immer wieder,

et al., 2023). Moor und Friedman (2021) kommen

dass diese ihren Erfolg und Reichtum als auf har-

in ihrer Befragung von Hauseigentümer*innen,

ter Arbeit und Ausdauer basierend konstruieren

die ihr Eigentum mit Erbschaften und Schen-

und ihre privilegierte Position so legitimieren

kungen finanziert haben, zu dem Ergebnis, dass

(Kantola & Kuusela, 2019; Lamont, 1992; Sher-

insbesondere diese Diskursposition zur Recht-

man, 2019).

fertigung des eigenen Besitzes verwendet wird.

18


Die diskursive Aushandlung von Vermögensungleichheit und Umverteilung

Diskursposition 3: Vermögende tragen positiv

als wirksame und effiziente Maßnahmen zur

zur ökonomischen und gesellschaftlichen Ent-

Lösung zahlreicher gesellschaftlicher Probleme

wicklung bei

angesehen (Waitkus & Wallaschek, 2022).

Eine weitere Diskursposition argumentiert, dass Vermögende ein wesentlicher, positiver Treiber

Zum Umfeld dieser Position gehört auch die

für gesellschaftliche und gesamtwirtschaftliche

rie der „Trickle Down“-Ökonomie, die in Theo­

Entwicklungen sind. Im Gegensatz zu den vor-

den 1980er-Jahren durch US-Präsident Ronald

herigen politisch-ideologischen Standpunkten,

Reagan und die englische Premierministerin

geht es hier weniger um die Frage der morali-

Margaret Thatcher Wirksamkeit erlangte. Im

schen Bewertung und der Quelle des Vermö-

Kern besagt diese Theorie, dass Menschen, die

gens. Stattdessen wird in dieser Diskurspositi-

über ein höheres Vermögen verfügen, durch ihr

on die Verwendung von Reichtum und dessen

hohes Konsumniveau und die Investition ihres

(positive) gesellschaftliche und ökonomische

Vermögens die gesamte Wirtschaft ankurbeln.

Auswirkungen betont.

Dies regt die Produktion und in der Folge die Beschäftigung an, sodass langfristig auch die

Wohlhabende Individuen und Familien wer-

unteren Schichten der Gesellschaft profitieren

den in dieser Diskursposition hauptsächlich

(Arndt, 1983; Law­rence, 2024).

als Eigentümer*innen von Unternehmen und als Investor*innen konstruiert, was mit einer

Ähnlich wie die vorherigen Diskurspositionen

Reihe von positiven Assoziationen einhergeht:

ist auch diese skeptisch gegenüber Umvertei-

sie sind maßgeblich für die Entwicklung neuer

lungsmaßnahmen und der Besteuerung von

Technologien und Innovationen verantwortlich,

Vermögen, da dies die skizzierte wirtschaftliche

sie schaffen Arbeitsplätze, sie steigern die wirt-

Dynamik beeinträchtigt. Die Erhaltung von Ver-

schaftliche Produktivität und garantieren damit

mögen und hohen Einkommen sowie die daraus

gesellschaftlichen Fortschritt. Durch die Kon-

resultierende Ungleichheit wird in dieser beson-

zentration von Kapital können diese Akteure

ders elitären Perspektive folglich als notwendig

schnell und effektiv auf Marktchancen reagie-

erachtet.

ren, was wiederum die Wettbewerbsfähigkeit der gesamten Volkswirtschaft stärkt (Smith

Diskursposition 4: Umverteilung ist nicht reali-

Ochoa, 2020; Waitkus & Wallaschek, 2022).

sierbar

Weiterhin werden philan­thropische Aktivitä-

Diese Diskursposition stellt grundsätzlich in-

ten von wohlhabenden Einzelpersonen oder

frage, ob (staatliche) Umverteilungspolitik ein

Familienstiftungen als dem Gemeinwohl dien-

effektives und realistisches Mittel zur Reduzie-

lich angesehen und dargestellt (Liu & Baker,

rung von Ungleichheiten darstellt (Bowles, 2012;

2016; Thorup, 2013). Individuelle Handlungen

Dixit & Londregan, 1995). Sie wird dabei vor al-

wie Spenden oder Stiftungsgründungen werden

lem durch zwei Facetten charakterisiert.

19


Über Reichtum berichten

Einerseits wird hinterfragt, ob der Staat ange-

kämpfung von sozialer Ungleichheit wird als

sichts bestehender Rahmenbedingungen wie

Argument ignoriert.4

dem internationalem Steuerwettbewerb und der hohen Mobilität des Kapitals überhaupt in der Lage ist, Vermögen angemessen zu besteuern (Epple & Romer, 1991; Wildasin, 1995). Es wird befürchtet, dass jeglicher Versuch des steuer-

Diskurspositionen, die Ungleichheit problematisieren und Umverteilung bzw. Rückverteilung legitimieren

lichen Zugriffs auf mobile Vermögenswerte zu

Diskursposition 5: Hohe Vermögen sind unfair,

Kapitalflucht ins Ausland führt und solche Steu-

wenn diese nicht auf Leistungsgerechtigkeit ba-

ern demnach mehr Schaden als Nutzen bringen.

sieren In der Realität basieren Vermögen oft nicht auf

Des Weiteren zweifelt diese Diskursposition die

eigener Arbeit, sondern werden vererbt. Studien

Effektivität der Besteuerung an; der erwartete

zufolge stammen etwa 50–70 Prozent des Ver-

Ertrag vermögensbezogener Steuern wird als

mögens in vielen wohlhabenden Gesellschaften

äußerst gering eingeschätzt. Meist wird diese

aus Erbschaften (Alvaredo et al., 2017). In der

Darstellung in Kontrast gesetzt mit dem pro­

Konsequenz führt dies zu einer Gesellschaft, in

gnostizierten großen Erhebungsaufwand, der

der der Zufall der Geburt einen größeren Einfluss

in keinem Verhältnis zum tatsächlichen Ertrag

auf individuellen wirtschaftlichen Erfolg hat als

stehe. Unterfüttert wird diese Haltung durch eine

die eigene Arbeit und Anstrengung oder das ei-

generelle Skepsis gegenüber der ,Aufblähung‘

gene Talent.

des als ,inkompetent‘ geltenden Staatsapparates (Grisold et al., 2020; Grisold & Theine, 2020).

Dieser Umstand wird in dieser Diskursposition aufgegriffen und so gewendet, dass (hohe) Ver-

Die Diskursposition geht von einem grundsätz-

mögen und die daraus resultierende Ungleich-

lichen Effizienzgedanken aus, der staatliches

heit nicht allgemein als gerecht angesehen wer-

Handeln von einer Maxime der ökonomischen

den (wie es in der ersten Diskursposition der Fall

Rentabilität bewertet. Staatliche Umverteilung

ist), sondern nur dann, wenn sie wirklich meri-

als gesellschaftliche Aufgabe im Sinne eines

tokratisch zustande gekommen sind. Kritisiert

funktionierenden Gemeinwesens und der Be-

werden also nicht hohe Vermögen per se, son-

4 Einige der grundlegenden Annahmen dieser Diskursposition sind bei näherer Betrachtung nicht mit aktuellen wissenschaftlichen Ergebnissen vereinbar: So gehen entsprechende Studien meist von moderaten und politisch beinflussbaren Ausweicheffekten des Kapitals aufgrund einer Besteuerung von Vermögen aus und erwarten nur mäßige Erhebungskosten staatlicherseits, die von den erwarteten Steuererträgen in den Schatten gestellt werden (Alka & Trautvetter, 2024; Bach & Thiemann, 2016).

20


Die diskursive Aushandlung von Vermögensungleichheit und Umverteilung

dern das mühelos erlangte Erbvermögen, weil

Die Einnahmen aus einer höheren Besteuerung

es dem/der Begünstigten ohne eigene Leistung

von Vermögen und Erbschaften sollen zur Bereit-

zufällt (Beckert, 2008a).

stellung sozialer Wohlfahrt oder zur Finanzierung kostenloser Bildung verwendet werden. Durch

Die Auffassung, dass auf Erbschaften basie-

diese Maßnahmen wird versucht, die Lebensbe-

render Reichtum nicht unter die Definition der

dingungen der weniger privilegierten Mitglieder

Leistungsgesellschaft falle, wird von einigen

der Gesellschaft zu verbessern und ihnen Zu-

Strömungen des Libertarismus geteilt, die oft

gang zu grundlegenden sozialen Diensten – wie

allgemein als ‚linke‘ Libertäre bezeichnet wer-

einer (verbesserten) Gesundheitsversorgung,

den. Ihr Argument ist, dass jede Übertragung

bezahlbarem Wohnraum oder unterstützenden

von Vermögen, die nicht zu Lebzeiten desjenigen

Sozialleistungen – zu gewähren.

Subjekts erfolgt ist, welches dieses Vermögen rechtmäßig erworben hat, zu Recht vom Staat

Im Gegensatz zu Diskursposition 5 steht hier

besteuert werden kann und muss. In diesem

weniger die Chancengleichheit im Fokus des

Fall handele es sich nicht um eine Verletzung

Arguments. Stattdessen wird auf die im Sinne

der Eigentumsrechte eines Subjekts, da nur

sozialer Gerechtigkeit wünschenswerten (distri-

eine lebende Person diese Rechte besitze. Da

butiven) Ergebnisse verwiesen. Beide Diskurs­

zudem der Gewinn des Erbenden nicht das Er-

positionen werden häufig gemeinsam vorge-

gebnis eines unmittelbaren Verdienstes ist, hat

bracht und typischerweise von sozialdemokra­

er oder sie auch keinen Anspruch auf das Eigen-

tischen Akteuren vertreten (Jackson, 2013).

tum. Der Eingriff des Staates muss jedoch stets mit dem Ziel erfolgen, die (Chancen)Gleichheit

Diskursposition 7: Hohe Vermögen sind gesell-

und gesellschaftliche Fairness zu erhöhen. Dies

schaftlich schädlich

kann durch progressive Vermögenssteuern, Erb-

Eine etwas anders gelagerte Position verfolgt die

schaftssteuern oder andere Formen der Umver-

Argumentation, dass hohe Vermögen und de-

teilung erreicht werden.

ren weitreichende Vererbung aus gesellschaftlicher Perspektive als schädlich zu erachten

Diskursposition 6: Umverteilung als Sozialpolitik

sind. Die negativen Auswirkungen hoher Vermö-

Dieser Standpunkt verbindet hohe Vermögen

gensungleichheit umfassen dabei zum einen

und Einkommen mit sozialpolitischen Fragen.

wirtschaftliche Aspekte, tangieren aber auch

Hier wird auf das Ideal der sozialen Gerechtig-

grundlegende demokratische und vielschichti-

keit verwiesen und argumentiert, dass die Be-

ge gesellschaftliche Fragen. Aus wirtschaftlicher

steuerung von Vermögen und Erbschaften ein

Perspektive können hohe Vermögen strukturell

geeignetes Mittel zum Erreichen dieses Ziels sei

problematisch sein. Sie bremsen demnach das

(Beckert, 2008b).

wirtschaftliche Wachstum, weil sie oft in unpro-

21


Über Reichtum berichten

duktiven Anlagen gehalten werden, anstatt in

bensstile der Wohlhabenden einher, sei es auf

produktive Investitionen zu fließen. Wenn Vermö-

individueller oder globaler gesellschaftlicher

gen über Generationen hinweg vererbt wird, kann

Ebene (Theine et al., 2022; Wiedmann et al.,

dies zudem dazu führen, dass große Teile des

2020). Historisch betrachtet bedeutet dies, dass

Kapitals in wenigen Händen konzentriert bleiben,

diejenigen, die über diesen höheren Anteil am

was die Kapitalzirkulation und damit das wirt-

Wohlstand verfügen, eine größere Verantwortung

schaftliche Wachstum verlangsamt. Dies führt zu

für die Klimakrise tragen (Cuomo, 2011). Chancel

einer geringeren Dynamik und Innovationskraft

(2022) verweist außerdem auf die Vermögensan-

in der Wirtschaft, da weniger Kapital für neue,

lagen der Reichen, welche zu großen Teilen in der

risikobehaftete Unternehmungen verfügbar ist

fossilen Wirtschaft (bzw. in emissionsintensiven

(Onaran et al., 2019; Steenbrink & Skali, 2024).

Sektoren) investiert sind. Betrachtet man also zusätzlich zu den hohen Emissionen des Kon-

Darüber hinaus gehen große Vermögen oft mit er-

sums auch noch die Vermögensseite, steigt der

heblicher wirtschaftlicher und gesellschaft­licher

CO2-Fußabdruck von Vermögenden weiter an.

Macht einher – Chomsky (2012) spricht entsprechend von einer „Plutonomy“. Diese Machtkon-

Um diesem Trend entgegenzuwirken, wird vorge-

zentration führt zu einer Verzerrung des politi-

schlagen, hohe Vermögen und deren Vererbung

schen und wirtschaftlichen Systems, da die Ver-

stärker zu besteuern und diese Einnahmen in

mögenden ihre Ressourcen nutzen können, um

Bereiche zu investieren, die wirtschaftliches

politische Entscheidungen zu beeinflussen und

Wachstum und Innovation fördern. Durch eine

ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Damit

gerechtere Verteilung des Reichtums soll die

seien Politik und Ökonomie von den Interessen

wirtschaftliche und gesellschaftliche Macht bes-

der Reichen kontrolliert und beeinflusst, anstatt

ser verteilt werden.

auf das Gemeinwohl ausgerichtet zu sein (Bartels, 2016; Gilens, 2016; Hay, 2016; Scheve &

Diskursposition 8: Der „Unterbau“ gesellschaft-

Stasavage, 2017).5

licher Reichtumsproduktion Eine weitere Diskursposition argumentiert, dass

Und auch aus umwelt- und klimapolitischer Per­

die Verknüpfung zwischen individueller Leistung

spektive sind hohe Vermögen problematisch:

und der ‚gerechten‘ Aneignung von Vermögen

diese gehen mit wesentlich erhöhten CO2-Emis-

ein Mythos ist. Andrew Sayer (2016, S. 95, Übers.

sionen aufgrund der kohlenstoffintensiveren Le-

d. Verf.) beschreibt dies wie folgt: „Wir alle sind

5 Wie sehr hohe Vermögen, wirtschaftliche und politische Macht verzahnt sind, lässt sich aktuell in den USA am Beispiel von Elon Musk und den „Broligarchs“ (Harrington, 2024) beobachten. Mit Wahlkampfspenden von mehreren hundert Millionen Dollar erkauften sie sich Einfluss in der Trump-Regierung. Seitdem demontiert Elon Musk demokratische Institutionen und Spitzenpersonal der neuen Regierung, wie der FTC-Vorsitzende Andrew Ferguson, sprechen sich für eine minimale oder gar keine Regulierung von Digitalkonzernen und Künstlicher Intelligenz aus (Tröger & Theine, 2025).

22


Die diskursive Aushandlung von Vermögensungleichheit und Umverteilung

soziale Wesen, die für ihr Überleben und ihr

gerechte Durchführung. Im Mittelpunkt dieser

Wohlergehen nicht nur auf sich selbst, sondern

Position steht der Begriff der deliberativen De-

auch auf andere angewiesen sind. Niemand ist

mokratie, also der umfassenden Beteiligung

oder war jemals nur durch ‚eigene Arbeit reich‘:

unterschiedlicher Mitglieder der Gesellschaft

Finanzieller Reichtum ist lediglich ein Anspruch

an der Aushandlung zentraler wirtschafts- und

auf Reichtum in Form von Gebrauchswerten, die

gesellschaftspolitischer Fragen (Dryzek et al.,

von anderen produziert werden.“ Ein Artikel von

2019; Germann et al., 2024). Aufgrund der zu-

Tom Malleson (2024) schließt daran an und be-

nehmenden Popularität von Bürgerräten erhielt

schreibt mit dem Begriff „Unterbau“, die not-

diese Perspektive in den letzten Jahren größeres

wendigen sozialen, kulturellen und politischen

Interesse (Courant, 2021; Galván Labrador & Zo-

Bedingungen, welche notwendig sind, um indi-

grafos, 2024).

viduellen Reichtum überhaupt hervorzubringen. Die Betonung gleichberechtigter Partizipation Diese polit-ökonomische und feministische

an gesellschaftlichen Aushandlungsprozes-

Perspektive kritisiert die Orientierung am In-

sen steht im Gegensatz zur ungleichen und

dividuum und betont, dass Gesellschaften

ungerechten Machtkonzentration, die mit der

notwendigerweise in einem Netz aus gegensei-

hohen Konzentration von Reichtum einher-

tigen Abhängigkeiten und Beziehungen orga-

geht. Es geht also nicht nur um die Umvertei-

nisiert sind. Die Ökonomie wird entsprechend

lung dieses konzentrierten Reichtums, son-

als sozioökonomisches Versorgungssystem

dern auch um die Sicherstellung einer gleich-

betrachtet (Fanning et al., 2020; Power, 2004).

berechtigten Mitwirkung aller Gesellschafts-

Kein Individuum erreicht seinen Erfolg allein;

mitglieder bei der Entscheidung, wie diese

es profitiert stets von den kollektiven Anstren-

Umverteilung gehandhabt wird. Im Gegenzug

gungen und der Unterstützung anderer, sei es

zur Diskursposition 3 bezieht dieser Stand-

durch familiäre Netzwerke und Care-Arbeit, Bil-

punkt die Existenz von Machtgefällen in sei-

dungssysteme oder soziale Strukturen. Als Kon-

ne Argumentation mit ein: Wenn denjenigen,

sequenz wird eine tiefgreifende Umgestaltung

die über Reichtum verfügen, einfach gestattet

der gesellschaftlichen Werte und Strukturen

wird, ihn in Form von Spenden an die Gesell-

gefordert sowie impliziert, dass hohe Vermö-

schaft zurückzugeben, bleibt ihr überpropor-

gen nicht verdient sind und ein hohes Maß an

tionaler politisch-gesellschaftlicher Einfluss

Umverteilung legitim ist.

erhalten. Sie geht zudem darüber hinaus, bloß dem Staat die alleinige Handlungsfähig-

Diskursposition 9: Demokratie als Grundlage für

keit zuzugestehen, stattdessen sind Überle-

die Umverteilung

gungen zu Transparenz, Repräsentation und

Diese Diskursposition legitimiert Umverteilung

gemeinsamen Interessen zentral. Der Prozess

nicht nur, sondern konzentriert sich auf deren

ist ebenso wichtig wie das Ergebnis.

23


Über Reichtum berichten

6 Datensatz und Analysestrategie

In diesem Arbeitspapier analysieren wir zwei

wie beispielsweise die sechs Podcastfolgen auf

Aspekte des Guten Rats, die aus diskursanaly-

YouTube, wurden transkribiert. Visuelle Inhalte

tischer Perspektive besonders interessant sind:

(insbesondere auf Tiktok und Instagram) haben

die Außenkommunikation des Rats sowie dessen

wir in die Analyse aufgenommen. Die Inhalte

mediale Aufarbeitung und Rezeption.

der Website und die Pressemitteilungen wurden heruntergeladen und für die Analyse zugänglich

Hinsichtlich der Außenkommunikation haben wir

gemacht. Insgesamt wurden mehr als 500 Posts,

alle Kommunikationsmittel des Guten Rats mit-

Reels und Kurzvideos gesichtet, die meisten

einbezogen: Posts und Aktivitäten auf den un-

davon wurden auf Facebook, Instagram und X

terschiedlichen Social-Media-Plattformen (You-

veröffentlicht (siehe Abbildung 1). Die Mehrheit

Tube, LinkedIn, Instagram, TikTok, X, Facebook),

der Beiträge wurden dabei entweder gleich für

die Website und die veröffentlichen Pressemit-

mehrere Plattformen und Kanäle aufbereitet

teilungen. Alle Posts wurden heruntergeladen

oder aber wiederverwertet, sodass ein möglichst

und auf Dopplungen überprüft. Audioinhalte,

breites Publikum erreicht wurde.

Abbildung 1:

152

144

100

84 53 15

11

Yo u

Ti kT ok

X

Li nk ed In

Fa ce b

In st ag

oo k

0

3

OT S

50

W eb si te

62

Tu be

150

ra m

Anzahl der Reels und/oder Posts

Anzahl der Reels und Posts auf den unterschiedlichen Social-Media-Plattformen

Plattform

Quelle: Eigene Darstellung. Insgesamt wurden 524 Beiträge auf den unterschiedlichen Plattformen gepostet bzw. ver­ öffentlicht. Davon haben wir 137 originäre Beiträge analysiert; der Rest sind Dopplungen, die auf unterschiedlichen Plattformen identisch gepostet worden sind (vgl. auch Tabelle A.4 im Anhang).

24


Datensatz und Analysestrategie

Darüber hinaus haben wir die mediale Aufar-

und ihrer Relevanz für die öffentliche Debatte)

beitung und Rezeption des Rats in den Blick

berücksichtigt. Neben der Analyse der deutsch-

genommen. Hierzu haben wir Beiträge von

sprachigen Medien, haben wir auch ausgewähl-

ausgewählten Tages- und Wochenzeitungen,

te Beiträge internationaler Medien zum Vergleich

Online-Nachrichten sowie TV- und Radiobeiträ-

und weiteren Kontextualisierung der Debatte he-

ge in Österreich, Deutschland und der deutsch-

rangezogen. Hierzu gehören: Al Jazeera English

sprachigen Schweiz zur Analyse herangezogen

(ein Artikel), The Guardian (drei Artikel), The New

(siehe Tabelle 2). Bei der Auswahl der zu analy-

York Times (vier Artikel) sowie The Times (zwei

sierenden Medien haben wir sowohl forschungs-

Artikel). Insgesamt ist unsere Auswahl zwar im

strategische Überlegungen (eine Samplegröße,

strikten Sinne nicht repräsentativ, gleichzeitig

die sich noch qualitativ analysieren lässt; eine

bedeutet die breite Einbeziehung der wichtigs-

besondere Aktivität des Mediums zum Guten

ten und reichweitestärksten Nachrichten in un-

Rat) als auch klassische medienwissenschaft-

serem Sample jedoch, dass die Aussagekraft der

liche Entscheidungskriterien (unterschiedliche

Ergebnisse für die großen Trends der deutsch-

Medien entlang der politisch-redaktionellen

sprachigen Mediendebatte zum Thema recht

und journalistisch-stilistischen Ausrichtungen

hoch sein dürfte.

Tabelle 2:

Untersuchte Medien

Medium

Typ

Land

politischredaktionelle Ausrichtung

Kleine Zeitung

Tageszeitung

Österreich

unklar

18

Der Standard

Tageszeitung

Österreich

links-liberal

16

Die Presse

Tageszeitung

Österreich

rechts-konservativ

8

Kurier

Tageszeitung

Österreich

unklar

4

Kronen Zeitung

Boulevardzeitung

Österreich

rechts-konservativ

7

profil

wöchentliches Magazin

Österreich

unklar

11

Falter

wöchentliches Magazin

Österreich

links-liberal

2

Ö1 & weitere ORF Formate

Radio/TV

Österreich

zentristisch

18

Anzahl der Artikel/Beiträge

25


Über Reichtum berichten

Süddeutsche Zeitung Tageszeitung

Deutschland

links-liberal

11

Die Welt

Tageszeitung

Deutschland

rechts-konservativ

3

taz, die tageszeitung

Tageszeitung

Deutschland

links-liberal

1

BILD

Boulevardzeitung

Deutschland

rechts-konservativ

3

Brigitte

Boulevardzeitung

Deutschland

unklar

1

Bunte

Boulevardzeitung

Deutschland

unklar

2

Die Zeit

wöchentliches Magazin

Deutschland

links-liberal

5

Stern

wöchentliches Magazin

Deutschland

unklar

8

DER SPIEGEL

wöchentliches Magazin

Deutschland

links-liberal

8

Gala

wöchentliches Magazin

Deutschland

unklar

1

Focus

wöchentliches Magazin

Deutschland

unklar

18

ARD

TV

Deutschland

zentristisch

1

ZDF

TV

Deutschland

zentristisch

1

Deutschlandfunk

Radio

Deutschland

zentristisch

4

Neue Zürcher Zeitung Tageszeitung

Schweiz

rechts-konservativ

2

Tages-Anzeiger

Tageszeitung

Schweiz

links-liberal

3

Handelszeitung

Tageszeitung

Schweiz

unklar

2

Blick.ch

Boulevardzeitung

Schweiz

rechts-konservativ

4

Gesamt

162

Quelle: Eigene Darstellung. Insgesamt wurden 162 Artikel und Beiträge im deutschsprachigen Raum veröffentlicht. Die Einschätzung der politisch-redaktionellen Ausrichtung basiert auf rezenter, eigener Forschung sowie eigenen Einschätzungen. Ausgenommen von der Tabelle sind die zehn Artikel aus internationalen Medien. Alle Prozentangaben beziehen sich im Folgenden ausschließlich auf die deutschsprachigen 162 Artikel.

26


Datensatz und Analysestrategie

Der Zugang zu diesen Beiträgen erfolgte über Da-

oft mehrere Codes vergeben. Die Kodierung wur-

tenbanken wie Factiva, wiso, Lexis Nexis und teil-

de mithilfe von MaxQDA durchgeführt.

weise über die jeweiligen Websites. Insgesamt haben wir 162 Artikel und Beiträge von 26 un-

In einem zweiten Schritt ordneten wir diese

terschiedlichen Medien ausgewertet. Der Unter-

Codes – falls möglich – den von uns zuvor iden-

suchungszeitraum erstreckte sich vom 1. Januar

tifizierten und ausgearbeiteten Diskurspositi-

2024 (ein paar Tage vor der ersten Pressekon-

onen (siehe Kapitel 5) zu, wobei auch dieser

ferenz) bis zum 31. Oktober (ein paar Tage nach

Prozess ausführlich diskutiert wurde. Bei dieser

dem Abschlussbericht).

Zuordnung stellte sich heraus, dass die von uns im Vorfeld ausgearbeiteten Diskurspositionen

Wie in Kapitel 4 ausgeführt, untersuchen wir im

gut zu den geäußerten Positionen des Guten

Rahmen unseres diskursanalytischen Ansatzes

Rats und der Medien passen. Gleichzeitig haben

die Diskurspositionen, die in der Außenkommu-

wir zwei Diskurspositionen induktiv herausge-

nikation des Guten Rats und in der medialen

arbeitet, die wir so nicht zuvor ausgearbeitet

Debatte vertreten sind. Wir operationalisieren

hatten: Die Positionen Systemversagen sowie

die Analyse der Diskurspositionen, indem wir,

Kritik am Guten Rat. Diese zwei Positionen sind

wie Reynolds (2019) vorschlägt, auf das „value

natürlich auch nicht völlig ‚neu‘. Die erste be-

coding“ nach Saldaña (2021) zurückgreifen.

zieht sich auf die grundlegende Frage, inwiefern das politische und gesellschaftliche System an-

Dafür haben wir zunächst die unterschied­lichen

gesichts der hohen Vermögensungleichheit in

Dokumente gesichtet und ein detailliertes Ko-

Frage zu stellen ist oder nicht. Die zweite Positi-

dierschema entwickelt, das die Themen und

on ist sehr diskursspezifisch. Sie vereint einen

Aspekte der Außenkommunikation und der me-

kritischen Blick auf die Genese, die Ziele und die

dialen Debatte präzise abbildet. Dieses Sche-

Arbeit des Guten Rats. In unserem Kodier- und

ma wurde in mehreren Iterationen diskutiert,

Analyseschema kombinierten wir auf diese Wei-

überarbeitet und verfeinert, bis es schließlich

se ein induktives Vorgehen, das direkt aus dem

27 Codes umfasste. Jeder Code wurde in we-

Material abgeleitet wurde, mit einer deduktiven

nigen Sätzen definiert und mit Beispielzitaten

Herangehensweise, bei der wir auf die im Vor-

illus­triert. Dieses Kodierschema haben wir auf

feld erarbeiteten stilisierten Diskurspositionen

die Außenkommunikation und die mediale Be-

zurückgriffen.

richterstattung gleichermaßen angewandt. Die kleinste mögliche Kodiereinheit waren wenige

Im vorliegenden Report sind wir auch daran in-

Wörter bzw. halbe Sätze. Als größte Kodierein-

teressiert, inwiefern die politisch-redaktionelle

heit haben wir einen Absatz bzw. Sinnzusam-

Ausrichtung von Medien und ihre journalisti-

menhang festgelegt. Damit wurden pro Beitrag

schen Stilformen die Verwendung unterschied­

27


Über Reichtum berichten

licher Diskurspositionen beeinflusst. Für die

Berichterstattung zu einer bestimmten Stilform

Analyse der politisch-redaktionellen Ausrichtung

erfolgte dabei in der Regel auf Grundlage der

haben wir die klassische recht-links Heuristik he-

redaktionellen Kennzeichnung. Diese kann sich

rangezogen, die eine notwendige Vereinfachung

aus der Anmoderation, der Rubrikenüberschrift

darstellt und nicht ohne Kritik ist. Die von uns

oder einer speziellen typografischen Gestal-

verwendete Kategorisierung der politisch-redak-

tung von Text oder Überschrift ergeben. Falls

tionellen Ausrichtung basiert auf existierender,

eine solche Kennzeichnung nicht vorhanden

zumeist empirischer Literatur sowie unserer ei-

war, wurde die journalistische Stilform auf Ba-

genen Einschätzung (siehe Tabelle 2).

sis einer inhaltlichen Einschätzung durch unser Forschungsteam bestimmt. Wir unterscheiden

Unter journalistischen Stilformen verstehen wir

die folgenden fünf journalistischen Stilformen,

verschiedene Nachrichtenformate, die spezi-

die wir für unsere Analyse aus verschiedenen

fischen Regeln und Konventionen der Bericht-

bestehenden Literaturquellen6 angepasst ha-

erstattung folgen (Haarkötter, 2022). Beispiels-

ben:

weise sind Journalist*innen in tatsachenbetonten Formaten dazu angehalten, die zentralen

1. Tatsachenbetonte Nachricht: Diese Stilform

W-Fragen (Wer, Was, Wann, Wo, Warum) gleich

zeichnet sich durch eine sachliche und präg-

zu Beginn eines Beitrags zu beantworten. Mei-

nante Darstellung von Ereignissen aus, wobei

nungsbetonte Formate hingegen setzen stärker

die zentralen W-Fragen (Wer, Was, Wann, Wo,

auf Spannung und narrative Elemente, sodass

Warum) zu Beginn beantwortet werden. Eige-

wesentliche Informationen erst im Verlauf des

nen Meinungen oder Interpretationen des*

Artikels vermittelt werden. Das Interview wiede-

der Journalist*in werden in der Regel nicht

rum zeichnet sich durch das formale Wechsel-

kenntlich gemacht, sondern fließen nur indi-

spiel zwischen Fragen (Interviewer*in) und Ant-

rekt und implizit mit ein.

worten (Interviewte*r) aus.

2. Tiefergehende Reportage: Hier steht eine ausführliche, oft narrative Aufbereitung ei-

Die journalistischen Stilformen wurden als Teil

nes Themas im Vordergrund, die neben rei-

des Kodierleitfadens erfasst. Die Zuordnung der

nen Fakten auch Hintergründe, persönliche

6 In der wissenschaftlichen Literatur existieren verschiedene Klassifikationen journalistischer Textsorten. Beispielsweise unterscheidet Lüger (1995) fünf Gruppen: (a) kontaktorientierte, (b) informationsbetonte, (c) meinungsbetonte, (d) auffordernde und (e) instruktiv-anweisende Texte. Straßner (2000) identifiziert 14 Textsorten, darunter Abhandlung, Bericht, Essay, Feature, Gespräch, Glosse, Interview, Kommentar, Kritik, Meldung, Moderation, Porträt, Reportage und Story. Fasel (2013) teilt journalistische Textsorten in drei Hauptgruppen ein: (1) tatsachenbetonte Darstellungsformen (z. B. Nachricht, Bericht, Feature, Magazinstory), (2) erzählende Darstellungsformen (z. B. Interview, Porträt, Reportage) und (3) meinungsbetonte Darstellungsformen (z. B. Kommentar, Glosse, Feuilleton, Kritik, Betrachtung).

28


Datensatz und Analysestrategie

Perspektiven und Stimmungen einbindet, um ein vielschichtiges Bild zu vermitteln.

5. Soft News: Soft News behandeln gesellschaftliche, kulturelle oder unterhaltsame Themen

3. Meinungsbetonter Kommentar: Dieses Format

oft in einem emotionalisierenden oder anek-

enthält eine explizite Meinung oder Bewertung

dotischen Stil, wobei der Informationsgehalt

des*der Autor*in und verfolgt das Ziel, Argu-

zugunsten von Erzählbarkeit, Prominenz oder

mente, Kritik oder Satire zu einem Thema zu

menschlichem Interesse in den Hintergrund

liefern, um Leser*innen zur Reflexion oder De-

treten kann. Im vorliegenden Fall drehen sich

batte anzuregen. Wir schließen hier Leitartikel,

Beiträge in dieser Kategorie typischerweise

Glossen und auch Gastbeiträge mit ein.

um die Person Marlene Engelhorn.

4. Interviews: Interviews und Gesprächsformate bestehen aus einem strukturierten Dialog

Schließlich haben wir noch zwei Interviews mit

zwischen Interviewer*in und Gesprächspart-

Personen aus dem Organisationsteam des Guten

ner*in, wobei durch gezielte Fragen Stand-

Rats geführt, um weitere Details und Hintergründe

punkte, Hintergründe oder Einschätzungen

bezüglich der Prozesse und vermittelten Inhal-

zu einem bestimmten Thema herausgearbei-

te zu erfragen. Die folgende Tabelle 3 gibt eine

tet werden.

Übersicht über die Interviewpartner*innen.

Tabelle 3:

Informationen zu den Interviewpartner*innen

Hauptaufgabe beim Guten Rat

Länge

Datum

Interview 1

Presse

1 Std 20 min

05. Juli 2024

Interview 2

Social-Media-Kommunikation und kommunikative Leitlinien

1 Std 14 min

11. September 2024

Quelle: Eigene Darstellung.

29


Über Reichtum berichten

7 Ergebnisse: Der Gute Rat in den Medien

Im folgenden Kapitel präsentieren wir die Ergebnisse unserer Untersuchung zur Außenkommunikation des Guten Rats und deren medialer Rezeption. Zunächst geben wir einen Überblick über die Kommunikationsstrategien des Guten Rats sowie die allgemeine Medienberichterstat-

1) der Verteilungssituation insbesondere in Österreich und Deutschland, 2) der Notwendigkeit einer Rückverteilung von Vermögen und 3) des deliberativ-demokratischen Ansatzes des Guten Rats.

tung (Kapitel 7.1). Anschließend analysieren wir detailliert die verschiedenen Diskurspositionen

Hinzu kamen Portraits der Ratsmitglieder. Da­

(7.2), betten die Diskurspositionen des Guten

rüber hinaus gab es jedoch keine feste Argumen-

Rats in eine breitere Debatte ein (7.3.) und ver-

tations- und Außenkommunikationsstrategie

tiefen die Diskussion der medialen Berichter-

(Interview 1, 2). Viele Inhalte wurden während der

stattung inklusive der Unterschiede hinsichtlich

einzelnen Sitzungswochenenden kreiert und be-

der journalistischen Stilformen und politisch-­

gleiteten den Prozess durch die Darstellung der

redaktionellen Ausrichtungen (7.4).

beteiligten Inhalte und Personen (Interview 2). Abbildung 2 zeigt, dass die Außenkommunika­

7.1 Außenkommunikation und Medien­ berichterstattung im Überblick

tion über den gesamten Zeitraum quantitativ nur leichten Schwankungen unterlag.

Im Anschluss an die Pressekonferenz am 9. Ja-

Zusätzlich zur Kommunikation über die sozialen

nuar 2024 begann der Gute Rat mit einer weit ge-

Medien verfolgte der Gute Rat eine aktive Strate-

fächerten Außenkommunikation, die ein mög-

gie im Umgang mit etablierten Massenmedien.

lichst breites Publikum erreichen sollte.

Interviews (von Marlene Engelhorn sowie Ratsmitglieder*innen) mit führenden deutschspra-

Die Kommunikation über soziale Medien erfolgte

chigen und internationalen Medien wurden pro-

dabei auf Grundlage eines im Vorhinein festge-

aktiv vereinbart. Gleichzeitig wurden Anfang Mai

legten Argumentationsrepertoires, mit vorberei-

2024 Hintergrundgespräche mit deutschspra-

teten und ausformulierten Argumenten (Inter-

chigen Medien geführt und Journalist*innen per-

view 1, 2). Die Kernaussagen orientierten sich an

sönlich zu Pressekonferenzen eingeladen. Der

der Vermittlung von Informationen, Fakten und

Gute Rat bemühte sich um einen andauernden

Hintergründen in drei Bereichen:

Austausch mit der Presse, um so ein positives

30


Ergebnisse: Der Gute Rat in den Medien

und konsistentes Medienbild zu präsentieren.

zu Presseanfragen nach Interviews und Hin-

Teil dieser Medienarbeit war auch die exklusive

tergrundinformationen. Neben bedeutendem

Einladung an drei Journalist*innen, an einigen

Medieninteresse aus dem deutschsprachigen

der Wochenenden beobachtend an der Arbeit

Kontext gab es auch vereinzelte Anfragen von

des Rats teilzunehmen. So wurde Lisa Nimmer-

Medien aus aller Welt. Das Medieninteresse

voll (Der Standard), Julia Friedrichs (Schriftstel-

war so groß, dass ein proaktiverer Medienum-

lerin und Journalistin u. a. für Die Zeit) sowie

gang nie nötig wurde, sondern auf Anfragen

Joshua Jaffer (The New Yorker) dieser Zugang

aus logistischen und zeitlichen Gründen sogar

ermöglicht (Interview 1).

nur teilweise eingegangen werden konnte. So berichtete die New York Times beispielsweise

Die aktive Medienstrategie des Organisati-

ausführlicher über den Guten Rat und Marlene

onsteams führte zu einer relativ umfassenden

Engelhorn, während die Anfrage eines brasilia-

Medienrezeption des Guten Rats. Während

nischen TV-Mediums nicht umgesetzt werden

der gesamten Dauer des Prozesses kam es

konnte (Interview 1).

Abbildung 2:

Außenkommunikation des Guten Rats und mediale Rezeption in ausgewählten Medien (Januar bis November 2024) Ergebnisverkündung

Projektlaunch 15

Außenkommunikation

Anzahl

Medien

10 WE 6 WE 1 5

WE 2

WE 4

WE 3

0

Jan

Feb

März

Apr

Mai

Jun

Jul

Aug

Sep

Okt

Nov

Datum Quelle: Eigene Darstellung. Datengrundlage sind 162 Medienbeiträgen von 26 unterschiedlichen Medien sowie 137 Beiträge des Guten Rats, die auf den unterschiedlichen Social-Media-Plattformen veröffentlicht wurden.

31


Über Reichtum berichten

Über die Zeit und im Vergleich zur Außenkommu-

le folgen mit zwölf Prozent meinungs­betonte

nikation des Guten Rats fällt auf, dass sich die

Kommentare, die oft eine kritische Würdigung

mediale Aufmerksamkeit trotz des großen und

der Arbeit des Guten Rats und somit eine expli-

kontinuierlichen Medieninteresses stark auf ein-

zite Wertung transportieren (und diese meist

zelne Momente wie den Projektstart, das erste

kenntlich machen). Nahezu gleichauf folgen

Beratungswochenende und die Ergebnisverkün-

mit ebenfalls rund zwölf Prozent Interviews,

dung fokussierte (Abbildung 2).

überwiegend mit Marlene Engelhorn. Tiefergehende Reportagen im Sinne einer eingehenden

Hinsichtlich der journalistischen Stilformen

Beschäftigung und Aufbereitung der zentralen

zeigt unsere Analyse, dass die mediale Bericht-

Themen und Anliegen des Rats – wie Ungleich-

erstattung tendenziell oberflächlich, oft am ta-

heit und Besteuerung – sowie von Idee, Pro-

gesaktuellen Geschehen orientiert und – in rund

zess und Ablauf des Vorhabens machen elf

60 Prozent der Fälle – von tatsachenbetonten

Prozent der Beiträge aus. Schließlich bestehen

Nachrichten dominiert war (Abbildung 3). Die

ca. sechs Prozent der Beiträge aus Soft News

Beiträge in dieser journalistischen Form sind

und drehen sich fast ausschließlich um Mar-

meist einer Chronistenrolle verhaftet und ori-

lene Engelhorn als Kuriosum, während der von

entieren sich stark an der Geschichte und den

ihr ini­tiierte Gute Rat, sein Anliegen und das

Aussagen von Marlene Engelhorn, die häufig

Thema Vermögensungleichheit nur eine unter-

zitiert und paraphrasiert wird. An zweiter Stel-

geordnete Rolle spielt.

Abbildung 3:

Berichterstattung über den Guten Rat nach journalistischer Form (in Prozent) 60

59,9 %

50

Anteil

40 30 20

12,2 %

11,6 %

10

11 % 5,5 %

ws Ne So ft

fe r Re geh po en rta de ge

Ti e

w vi e te r In

nu ng Ko sb m eto m n en te ta r r

M ei

Ta t

sa ch en Na be ch ton ric te ht

0

Quelle: Eigene Darstellung. Datengrundlage sind 162 Medienbeiträgen von 26 unterschiedlichen Medien. Abweichungen von 100 beruhen auf Rundungen.

32


Ergebnisse: Der Gute Rat in den Medien

7.2 Die Diskurspositionen im Detail

Ein großer Teil der Außenkommunikation des Guten Rats problematisiert und kritisiert die

Welche der gängigen Diskurspositionen zum

existierende Ungleichverteilung von Reich-

Thema Ungleichheit (siehe Kapitel 5) wurden in

tum in der Gesellschaft. Diese Kritik haben

der Außenkommunikation des Guten Rats vor-

wir in drei miteinander zusammenhängenden

gebracht? Und wie wurden diese in der medialen

Diskurs­positionen zusammengefasst, die wir

Berichterstattung aufgegriffen? In der Analyse

folgend auch in dieser Reihenfolge diskutie-

haben sich sieben Diskurspositionen heraus-

ren: 1) Hohe Vermögen sind gesellschaftlich

kristallisiert, die folgend hinsichtlich ihrer kon-

schädlich, 2) Meritokratie: Kritik am Leitbild der

kreten Erscheinungsformen genauer vorgestellt

Leistungsgesellschaft und 3) Der „Unterbau“

werden. Abbildung 4 zeigt und vergleicht die Re-

gesellschaftlicher Reichtumsproduktion. An die

levanz der jeweiligen Diskurspositionen in der

Reichtums-Kritik anschließend betont der Gute

Außenkommunikation des Guten Rats und der

Rat 4) die Rolle der Demokratie als Grundla-

Medienberichterstattung.

ge für Umverteilung und äußert grundlegende

Abbildung 4:

Relevanz der Diskurspositionen in Außenkommunikation und Medienberichterstattung

18,2 % 23,8 %

Hohe Vermögen sind gesamtgesellschaftlich schädlich

Berichterstattung Medien

6,4 % 6,2 %

Kritik am Leitbild der Leistungsgesellschaft

Außenkommunikation Guter Rat

13,3 % 12,3%

„Unterbau“ gesellschaftlicher Reichstumsproduktion

26,1 %

Demokratie als Grundlage für Umverteilung

39,6 %

12,7 % 17,5 %

Systemversagen Systembewahrend

0%

Kritik am Guten Rat

6,3 % 17 %

0,6 % 0

10

20

30

40

Gewicht (%) Quelle: Eigene Darstellung. Die Grafik basiert auf 162 Medienbeiträgen sowie 137 analysierten Veröffentlichungen des Guten Rats (Posts, Pressemitteilungen etc.). Sie zeigt, wie sich die verschiedenen Diskurspositionen in der Außenkommunikation des Guten Rats und in der Medienrezeption verteilen. Der Prozentsatz gibt an, welchen Anteil eine Diskursposition an allen kodierten Segmenten im jeweiligen Datensatz hat. So wird sichtbar, wie stark einzelne Positionen vertreten sind und welchen Raum sie im Vergleich zueinander einnehmen.

33


Über Reichtum berichten

Kritik am politischen System, welche wir in der

können, um direkten Einfluss auf politische,

Position 5) Systemversagen zusammengefasst

gesellschaftliche und ökonomische Entschei-

haben.

dungsprozesse auszuüben. Immer wieder mahnt der Gute Rat, dass die soziale Ungleich-

Zwei weitere Diskurspositionen kommen maß-

heit und damit auch die Machtkonzentration

geblich nur in den Medien vor, das sind 7) Sys-

weiter zunimmt:

tembewahrend: Vermögende tragen positiv zur ökonomischen und gesellschaftlichen Entwick-

„Die Ungleichheit nimmt immer weiter zu. Das

lung bei sowie 8) Kritik am Guten Rat.

gefährdet den sozialen Zusammenhalt und widerspricht unserem Gefühl von Gerechtig-

Hohe Vermögen sind gesellschaftlich schädlich

keit. Das bereitet uns Sorgen, da sich mit dem

Ein zentrales Thema in der Kommunikationsstra-

Vermögen auch Macht konzentriert – und das

tegie des Guten Rats ist die Diskursposition Hohe

kann sogar unsere Demokratie gefährden.“

Vermögen sind gesellschaftlich schädlich. Diese

(Guter Rat, 2024d, S. 24)

Position problematisiert die hohe Konzentration von Vermögen in den Händen eines kleinen Pro-

In den Veröffentlichungen des Guten Rats werden

zentsatzes der Bevölkerung sowohl in Österreich

unterschiedliche Arten besprochen, wie beson-

als auch weltweit (siehe dazu auch die stilisierte

ders reiche Personen Macht ausüben können.

Diskursposition 7 in Kapitel 5). Rund 24 Prozent

Im Podcast des Guten Rats beschreibt Franziska

der Veröffentlichungen des Rats fokussieren auf

Disslbacher, Reichtums-Forscherin an der Wirt-

diesen Aspekt, wobei insbesondere durch Info-

schaftsuniversität Wien, dies eindrücklich:

grafiken und Sharepics Fakten zur Vermögensverteilung in ihren unterschiedlichen Dimensio-

„Wer Vermögen hat, kann eher große Beträge

nen beleuchtet werden.

spenden. Es geht auch um das Eigentum an Medien. Das ist nicht nur in Österreich so,

So teilte der Rat bei Instagram Sharepics mit

es gibt auch international sehr viele Studien,

Angaben zu den Vermögen der reichsten 1 Pro-

die zeigen, dass sehr vermögende Menschen

zent in Österreich (Abbildung 5). Mit anderen

tendenziell einen überproportional großen

Grafiken wird wiederum über den übermäßigen

Anteil an verschiedenen Medienhäusern wie

CO2-Ausstoß von Superreichen informiert (Ab-

Fernsehsender und Zeitungen gehören. Und

bildung 6).

es gibt ja auch noch den Zugang zu und die Einflussnahme auf politische Netzwerke, auf

Ebenso wird der Zusammenhang von Vermö-

politische Kontakte. Vermögen kann also

gen und soziopolitischer Macht thematisiert.

durch verschiedene Weg[e,] […] [b]eispiels-

Zentraler Topos ist hier, dass superreiche

weise Lobbyismus, Spenden und so weiter,

Einzelpersonen und/oder Gruppen ihre ma-

demokratische Prozesse beeinflussen.“

teriellen Ressourcen und Netzwerke nutzen

(Disslbacher, 2024)

34


Ergebnisse: Der Gute Rat in den Medien

Abbildung 5:

Sharepics des Guten Rats zum Thema Vermögensungleichheit in Österreich

Quelle: Instagram, 25.03.2024 (https://www.instagram.com/p/C48hdezSodV/?img_index=1, Zugriff: 18.02.2025).

Abbildung 6:

Infografiken des Guten Rats zum Zusammenhang von Ungleichheit und Klimaschäden

Quelle: Instagram, 18.02.2024 (https://www.instagram.com/p/C3f5_4-MmUA/?img_index=1, Zugriff: 18.02.2025).

35


Über Reichtum berichten

Aus dieser Problematisierung sehr hoher Vermö-

nem Freibetrag bei der Erbschaftssteuer von

gen leitet der Gute Rat in seiner Außenkommu­

z. B. einer Million Euro würde sie etwa zwei

nikation eine Notwendigkeit für höhere Steuern

Prozent der Bevölkerung betreffen. […] Darü-

ab und plädiert für eine sinnvolle Kombination

ber hinaus sollten diese Steuern progressiv

von Erbschafts-, Schenkungs- und Vermögens-

ausgestaltet werden und das Steuersystem

steuern (Abbildung 7).

sollte regelmäßig an die Inflation angepasst werden.“ (Guter Rat, 2024d, S. 24)

Eine solche Steuerpolitik sollte dem Guten Rat nach folgende Anforderungen erfüllen:

In der Medienberichterstattung wird die Diskursposition Hohe Vermögen sind gesamtwirtschaft-

„Freibeträge, die es zumindest ermöglichen,

lich schädlich in rund 18 Prozent der Beiträge

Wohnungseigentum oder einen entsprechen-

aufgegriffen und diskutiert. Dabei werden Posi­

den Gegenwert anzuschaffen und zu erhal-

tionen des Guten Rats übernommen und verbrei-

ten. Alle haben ein Recht auf Sicherheit. […]

tet. Beispielsweise wird in einem Gastkommen-

Der Großteil der Menschen wäre von so ei-

tar von Christian Felber (2024) in der österrei-

ner Steuer also gar nicht betroffen: Bei ei-

chischen Tageszeitung Der Standard die hohe Konzentration von Vermögen in den Händen sehr

Abbildung 7:

Forderung des Guten Rats nach höheren Steuern

weniger Menschen problematisiert: „Laut der NGO Oxfam ist das Vermögen der 2755 globalen Milliardärinnen und Milliardäre von Pandemiebeginn bis 2022 von 8,6 auf 13,8 Billionen US-Dollar [an]gewachsen – ein größerer Anstieg als in den vierzehn Jahren davor. Gleichzeitig sind 163 Millionen Menschen unter die von der Weltbank gezogene Armutsgrenze von 5,50 US-Dollar pro Tag gerutscht.“ Marlene Engelhorn (2024c) rückt in einem Gastkommentar in Die Presse die Ungleichheit in Österreich in eine internationale und gesamtgesellschaftliche Perspektive:

Quelle: Instagram, 25.09.2024 (https://www. instagram.com/p/DAWQcDRtFEL/?img_index=1, Zugriff: 18.02.2025).

36

„Die Ungleichheit ist in Österreich besonders gravierend, nur Lettland hat in der Eurozone


Ergebnisse: Der Gute Rat in den Medien

eine noch ungleichere Verteilung von Vermö-

Vermögen, wie z.B. einem 25-Millionen-Euro-­

gen. Das reichste Prozent der Bevölkerung

Vermögen, kann man Realitäten schaffen.“

hält bei uns, je nach Quellen, 40 bis 50 Pro-

(Deutschlandfunk, 2024)

zent aller Vermögen und es erbt folglich im Schnitt 3,4 Millionen Euro, während 70 Pro-

Gleichzeitig zeigen die Beispiele auch ein Pro­

zent der Österreicherinnen und Österreicher

blem der Berichterstattung auf: Diese Diskurs­

nichts oder Schulden erben.“

position wird bei genauerer Betrachtung überwiegend im Rahmen von Gastkommentaren,

Neben der hohen Ungleichheit von Vermögen

indirekten oder direkten Zitaten geäußert.

wird auch die damit einhergehende Macht pro­

Dadurch übernehmen die Redaktionen diese

blematisiert. Beispielsweise wird Marlene Engel-

Perspektive nicht selbst, sondern überlassen

horn auf Focus online wie folgt wiedergeben:

ihre Artikulation externen Stimmen. So wird eine gewisse Distanz geschaffen, mit der die-

„Das Problem für Engelhorn: Viel Geld brin-

se Diskursposition medial wiedergegeben

ge auch viel Macht mit sich. Häufig würden

wird. Hinzu kommt, dass der Zusammenhang

Superreiche gute Kontakte in die Politik pfle-

zur Klimakrise und den hohen CO2-Emissionen

gen und ‚überproportional in Entscheidungen

von Superreichen praktisch nicht aufgegriffen

involviert‘ sein, zum Beispiel in Hinblick auf

wurde – obwohl der Gute Rat diesen Zusam-

den Arbeitsmarkt. ‚Sie regeln quasi mit dem

menhang immer wieder betont hatte. Darüber

Exklusivitätsprinzip den Zugang anderer zu

hi­naus gab es innerhalb der Diskursposition die

bestimmten Ressourcen – Land, Wohnraum,

erkennbare Tendenz, auf kritischere Argumente

aber auch Gesundheit oder Mobilität‘, sagt

zugunsten allgemei­nerer Feststellungen zu so-

Engelhorn. ‚Und das alles unter Aufrechter-

zialer Ungleichheit und ihrer machtpolitischen

haltung der himmelhohen Brandmauern zu

Dimension zu verzichten.

ihrer Macht.‘“ (Focus online, 2024c) Meritokratie: Kritik am Leitbild der In einem Deutschlandfunk Kultur-Beitrag wird

Leistungsgesellschaft

Marlene Engelhorn als „BASF-Millionenerbin

Ähnlich zur vorangegangenen Diskursposition

und Aktivistin“ vorgestellt, die es „ungerecht

problematisiert auch die Perspektive Meritokra-

[findet], dass bei ihr schon bei ihrer Geburt

tie: Kritik am herrschenden gesellschaftlichen

klar war, dass sie mal reich wird. Sie ist der An-

Leitbild hohe Vermögen. Diese Diskursposition

sicht, dass ihr als Einzelperson zu viel Macht

wird in rund sechs Prozent der Beiträge des Gu-

in den Schoß gefallen sei“ (Deutschlandfunk,

ten Rats kommuniziert. Im Gegensatz zur vor-

2024). Sie kommt dann auch direkt zu Wort und

herigen Perspektive wird aber weniger auf die

führt ihre machtkritische Perspektive aus: „Mit

Konsequenzen hoher Vermögen für Wirtschaft

37


Über Reichtum berichten

und Gesellschaft geschaut, sondern am gesell-

„Ich war sauer, dass ich dieses Erbe kriege,

schaftlich weit verbreiteten Leitbild der Leis-

weil ich wusste, dass es ungerecht ist. Ich

tungsgesellschaft angesetzt (siehe dazu auch

konnte mich nicht wirklich freuen. Und ich bin

die stilisierten Diskursposition 1 und 5 in Kapi-

dann allen in meiner Umgebung ein bisschen

tel 5). Dieses Leitbild besagt, dass Menschen

in den Ohren gelegen damit, wie furchtbar

mit hohen Einkommen und Vermögen dieses

ungerecht das ist und dass man eigentlich

auch verdient haben, weil sie dafür viel geleis-

doch was machen muss. […] Aber ja, ich habe

tet und hart gearbeitet haben. Die resultierende

mich nicht gefreut, sondern ich war so: das ist

Ungleichheit ist dann gerechtfertigt und sogar zu

eigentlich geschissen. Das gehört nicht so. Wir

befürworten, weil sie das Ergebnis individueller

sind doch in einer Demokratie oder? Wie kann

Leistung bzw. Talent ist.

meine Geburt so einen Unterschied machen dürfen.“ (Reichel, 2024a)

In den Veröffentlichungen des Guten Rats wird diese gesellschaftliche Vorstellung als nichtzutref-

Die Stellung in der Gesellschaft hängt also oft

fend und realitätsfremd entlarvt. Im Zentrum der

nicht vom eigenen Tun ab, so der Tenor des Bei-

Kritik steht dabei, dass Reichtum typischerweise

trages, sondern ist durch Geburt vorbestimmt:

nicht auf individueller Leistung, herausragendem

„[W]ir haben den Geburtsvorgang als den maß-

Talent oder harter Arbeit beruht, sondern durch

geblichen Entscheidungsfaktor dafür, wie unser

große Erbschaften zustande kommt (für weitere

Leben ausschaut“ (Reichel, 2024a).

Details siehe die Diskursposition 5 in Kapitel 5). Der Gute Rat transportiert die Diskursposition Dies trifft auch auf das Vermögen von Marlene

Meritokratie: Kritik am herrschenden gesell-

Engelhorn zu, wie auf der Website des Guten Rats

schaftlichen Leitbild auch über Infografiken, die

ausgeführt wird: „Das Geld stammt aus einer

zum Beispiel die Rolle von Erbschaften themati-

Übertragung von Marlene Engelhorns Großmutter.

sieren. So wird beispielsweise darauf hingewie-

Marlene Engelhorn stammt aus einer reichen In-

sen, dass der Großteil der Erbschaften in Öster-

dustriellenfamilie, das Unternehmen Boehringer

reich an Menschen geht, die selbst schon reich

Mannheim wurde 1996/97 verkauft und da­raus

sind (Abbildung 8).

ergibt sich das Vermögen.“ (Guter Rat, 2024b) Auch der Zusammenhang zwischen der VererIm Podcast des Guten Rats wird Marlene Engel-

bung von Vermögen und ungleichen Bildungs-

horn gefragt, wie sie sich gefühlt hat, als sie er-

chancen wird betont (Abbildung 9).

fuhr, dass sie eine hohe Erbschaft ihrer Großmutter erhalten wird. In ihrer Antwort beschreibt

In der untersuchten medialen Berichtserstattung

sie die Ungerechtigkeit, die mit solch hohen Erb-

wurde der Diskussion um Leistung, Reichtum und

schaften einhergeht:

Erbschaften mit rund sechs Prozent ein ähnlicher

38


Ergebnisse: Der Gute Rat in den Medien

Abbildung 8:

Abbildung 9:

Infografik des Guten Rats zum Zusammenhang von Vermögen und Erbschaften

Infografik des Guten Rats zum Zusammenhang von Vermögensungleichheit und Bildungschancen

Quelle: Instagram, 31.07.2024 (https://www. instagram.com/p/C-F9GKvvu4m/?img_index=2, Zugriff: 18.02.2025).

Quelle: Instagram, 19.09.2024 (https://www. instagram.com/p/DAGzo3cNcSp/?img_index=2, Zugriff: 18.02.2025).

Stellenwert wie vonseiten des Guten Rats einge-

artikel der österreichischen Wochenzeitung Profil

räumt. Die vom Guten Rat und Marlene Engelhorn

heißt es beispielsweise:

geäußerte Kritik an der Rolle von Erbschaften für den eigenen Reichtum und die Stellung in der

„Engelhorn hat sich in einem Akt der Emanzi-

Gesellschaft wird aufgegriffen und diskutiert. Im

pation aus ihrer Rolle als Tochter einer reichen

Focus wird Engelhorn beispielsweise zugespitzt

Familie gelöst. Sie hat die Überzeugung gewon-

so zitiert, dass sie sich „als ‚hochprivilegierte

nen, das riesige Erbe, das sie als Enkelin der

Bummel-­Studentin‘ [bezeichnet], die eine Ge-

schwerreichen Traudl Engelhorn-Vechi­atto an-

winnerin in der ‚Geburts-Lotterie‘ ist“ (Focus on-

getreten hat, nicht verdient zu haben, weil Erb-

line, 2024a).

schaften in ihren Augen keine gesellschaftlich vertretbare Quelle von Reichtum sein sollten.

An die Diskursposition des Guten Rats anschlie-

Diesen Grundsatz wendet sie schonungslos

ßend, wird auch medial die Legitimität von gro-

auf sich selbst an und beweist damit geradezu

ßen Erbschaften problematisiert. In einem Leit-

Kant’sche Prinzipientreue.“ (Treichler, 2024)

39


Über Reichtum berichten

Der Spiegel beschreibt, dass „Engelhorn selbst

Der „Unterbau“ gesellschaftlicher

es nicht fair [findet], dass sie als Millionen-Erbin

Reichtumsproduktion

so viele Vorteile hat im Vergleich zu Menschen,

Rund zwölf Prozent der Beiträge des Guten Rats

die ihr Leben lang hart arbeiten und nur ein ge-

schließen an die Diskursposition Der „Unterbau“

ringes Einkommen haben“ (Beckschebe, 2024).

gesellschaftlicher Reichtumsproduktion (siehe

In der Neue Zürcher Zeitung wird hervorgeho-

Diskursposition 8 in Kapitel 5) an. Mit dieser

ben, dass sie „für dieses Geld keine Sekunde

Perspektive wird betont, dass ein gelingendes

gearbeitet hat“ und sie seither „die ungerechte

und selbstbestimmtes Leben nicht von den

Verteilung von Vermögen und auch, dass Reiche

Leistungen und Fähigkeiten einzelner Personen

nicht ausreichend besteuert würden [kritisiert]“

abhängt, sondern die gesellschaftlichen Rah-

(Gollmer, 2024).

menbedingungen entscheidend sind: Politik, Wirtschaft und Bürger*innen müssen an einem

Gleichzeitig wird die Position des Guten Rats

Strang ziehen, um die notwendigen Grundlagen

durchaus kritisch rezipiert und eingewandt, dass

für das alltägliche Leben zu schaffen und zu si-

die Leistungsgerechtigkeit eine wichtige Leit­linie

chern. Damit bauen das Leben und Fortbestehen

der Gesellschaft ist (siehe dazu die stilisierte

aller auf diversen sozialen, kulturellen, politi-

Diskursposition 1 in Kapitel 5). Reiche Menschen

schen und ökologischen Bedingungen – kurz:

haben – diesen Einwänden nach – ihr Vermögen

dem Unterbau – auf. Neben der öffentlichen

durchaus verdient, weil sie selbst dafür „verant-

Infrastruktur, Gesundheitsversorgung, dem Bil-

wortlich“ waren, indem sie hart arbeiteten oder

dungswesen, rechtlicher Sicherheit und Eigen-

unternehmerisch erfolgreich waren. Um die Sta-

tumsgarantien ist die individuelle Lebensweise

tistiken und Zahlen des Guten Rats zu kontern,

und die wirtschaftliche Produktion dabei auch

die zeigen, dass Vermögen in den meisten Fällen

auf die Arbeitskraft und -leistung der abhängig

durch Erbschaften zustande kommen, werden

Beschäftigten angewiesen.

Beispiele und Einzelfälle angeführt. So auch im Spiegel-Gespräch mit Marlene Engelhorn, in

In den Veröffentlichungen des Guten Rats geht

dessen Verlauf das BioNTech-Unternehmen und

damit ein kritischer Blick auf hohe Vermögen

ihre Gründer*innen aufgegriffen werden, um

und „Überreichtum“ einher. Im Gegensatz zu

hohe Vermögen zu rechtfertigen: „Die Gründer

den zwei vorherigen Diskurspositionen wird hier

Özlem Türeci und Uğur Şahin sind aus einfachen

individueller Reichtum grundlegend hinterfragt.

bis soliden Verhältnissen. Sie haben mit ihrem

Denn: „Reichtum entsteht nie im Vakuum, son-

Coronaimpfstoff der Menschheit großen Nutzen

dern immer im Austausch mit anderen“ (Guter

gebracht und sind damit zu Multi­milliardären

Rat, 2024a). Marlene Engelhorn führt das in ih-

geworden. Das ist doch legitim.“ (Diekmann &

rem Mission Statement auf der Homepage des

Kühn, 2024)

Guten Rats wie folgt aus:

40


Ergebnisse: Der Gute Rat in den Medien

„Vermögen ist nie eine individuelle Leistung.

Aktien kauft von Unternehmen, die irgendwo

Vermögen entsteht immer aus der Gesell-

in ihren Lieferketten Menschen ausbeuten“

schaft heraus. Ein paar Menschen werden

(Reichel, 2024a).

reich, weil sie anderen ihre Zeit abkaufen und daraus Profit machen. Weil sie ein Patent

Aus dieser Perspektive auf Reichtum und Un-

auf ein Produkt haben, das andere dringend

gleichheit folgt auch die Forderung, Vermögen

brauchen. Weil sie ein Grundstück kaufen,

an die Gesellschaft rückzuverteilen – das heißt

das mehr wert wird, weil die Gesellschaft

in dieser Perspektive, dahin zurückzugeben wo

Infrastruktur rundherum baut. Weil sie die

es herkommt und eigentlich hingehört:

Umwelt vernichten, um an Rohstoffe zu kommen.“ (Engelhorn, 2024a)

„Rückverteilung hingegen orientiert sich an dem Gedanken, dass Vermögen ungleich von

Auch in Bezug auf ihr eigenes ererbtes Vermögen

der Gesellschaft an einzelne Personen verteilt

beschreibt Marlene Engelhorn (2024a): „Mein

wurde – und dass große Vermögen ohne die

Reichtum wurde angehäuft […], weil andere Men-

Gesellschaft gar nicht entstehen können. […]

schen die Arbeit gemacht haben, aber meine Fa-

Bei der Rückverteilung geht es auch darum,

milie das Eigentum am Unternehmen und somit

nicht nur die Symptome von Krisen und un-

alle Ansprüche auf die Früchte dieser Arbeit mit-

gleicher Verteilung ändern zu wollen – son-

unter steuerfrei vererben konnte.“

dern auch die Ursachen für ungleiche Verteilung im System. Es geht darum, jenen zu-

In den Positionen des Guten Rats wird der

zuhören, die von sozialen und ökologischen

existierende Reichtum einzelner auch in einen

Problemen direkt betroffen sind. Und es geht

Zusammenhang mit der (weltweiten) Armut

darum, dass man ihnen auch vertraut und

und Verteilung von Vermögen gesetzt: „Wäh-

sie mitentscheiden lässt, was gute Lösungen

rend die fünf reichsten Männer der Welt ihr

sind.“ (Guter Rat, 2024b)

Vermögen seit 2020 verdoppelt haben, sind fünf Milliarden Menschen ärmer geworden.“

In der Außenkommunikation des Guten Rats wird

(Insta­gram, 31.01.2024) 7 Denn die Vermeh-

auch wiederholt betont, dass „Rückverteilung

rung von Vermögen ist nur möglich aufgrund

grundsätzlich etwas anderes als Philanthropie“

der Arbeit „von Menschen auf der ganzen

ist (Guter Rat, 2024b). Auf diesen Unterschied

Welt, die man bequem ignorieren kann, weil

wurde zum Beispiel in Infografiken hingewiesen

nichts anderes ist es, wenn man zum Beispiel

(Abbildung 10).

7 Instagram, 31.01.2024 (https://www.instagram.com/p/C2xlZwUSX3q/?img_index=1, Zugriff: 18.02.2025).

41


Über Reichtum berichten

Abbildung 10:

Infografik des Guten Rats zum Unterschied zwischen Rückverteilung und Philanthropie

Quelle: Instagram, 21.01.2024 (https://www.instagram.com/p/C2XyDYKsVrd/?img_index=1, Zugriff: 18.02.2025).

In dieser Diskursposition wird demnach die de-

der Medienbeiträge auf, dass die Positionen

mokratiepolitische und gesellschaftspolitische

des Guten Rats zu dieser Thematik selten tiefge-

Dimension von Reichtum betont. Es geht darum,

hender diskutiert und kontextualisiert werden.

die Bedürfnisse der Gesellschaft in den Mittel-

Das äußert sich zum Beispiel dadurch, dass die

punkt zu stellen und in einem demokratischen

in der Diskursposition angelegte grundlegen-

Prozess über Rückverteilung zu entscheiden,

de Infragestellung der Legitimität individuellen

statt Ideen und Vorstellungen einer Einzelperson

Reichtums nur selten medial aufgegriffen wird,

ins Zentrum zu stellen (hier besteht eine Über-

während sie in der Außenkommunikation des

schneidung zur Diskursposition „Demokratie als

Guten Rats stark vertreten ist. Wenn dieser As-

Grundlage für Umverteilung“, siehe unten und

pekt medial vorkommt, dann fast ausschließlich

Diskursposition 9 in Kapitel 5).

im Rahmen von direkten oder indirekten Zitaten von Marlene Engelhorn. In einem Beitrag des

Auf die Diskursposition zum „Unterbau“ gesell-

ARD-Morgenmagazin wird Engelhorn beispiel-

schaftlicher Reichtumsproduktion wird medial

weise so zitiert:

in rund 13 Prozent des untersuchten Materials rekurriert (siehe Abbildung 4 in Kapitel 7.2).

„Man könnte zum Beispiel […] endlich mal bit-

Gleichzeitig fällt bei einer qualitativen Analyse

ten, dass die Vermögenden ihren Beitrag leis-

42


Ergebnisse: Der Gute Rat in den Medien

ten, weil die von der öffentlichen Infrastruktur

sche Aktivistin, Autorin und Millionenerbin, die

profitieren, wo die Steuergelder schlussend-

schon international mit ihrem Kampf für eine Erb-

lich hinfließen […]. Spitäler, Schulen für die

schaftssteuer für Schlagzeilen gesorgt hat, startet

Fachkräfteausbildung, Grundlagenforschung,

ihre länger angekündigte Aktion der ‚Rückvertei-

all das brauchen Unternehmen, sonst können

lung‘ ihres Vermögens.“ (Bachner, 2024)

sie sowieso keinen Gewinn machen. Es kann also nicht sein, dass man nicht etwas zurück-

In einem Beitrag des ZDF heute, in dem über den

gibt von dem Vermögen, das man diesen in­

Start des Guten Rats berichtet wird, wird durch

frastrukturellen Bedingungen verdankt.“

den kleinen Zusatz „wie sie es nennt“ betont,

(ARD Morgenmagazin, 2024)

dass rückverteilen ein Begriff ist, den Marlene Engelhorn verwendet. Damit wird auch klarge-

Auch der Aspekt der Rückverteilung wird medi-

stellt, dass dieser Begriff – und damit auch die

al nur im Rahmen von direkten oder indirekten

dahinter liegende Idee – keine etablierte und

Zitaten von Marlene Engelhorn rezipiert und we-

„normale“ Praxis ist: „Die Erbin hat 25 Millionen

nig über das Schlagwort der „Rückverteilung“

Euro rückzuverteilen, wie sie es nennt.“ (Hil-

hi­naus besprochen. In einem ORF Beitrag heißt

pert, 2024) Auch wenn diese Beispiele keine

es in der Anmoderation beispielsweise: „Mar-

offenen und eindeutigen Widerspruch gegen-

lene Engelhorn setzt sich mit anderen reichen

über Marlene Engelhorn, dem Guten Rat und

Personen für Erbschafts- und Vermögenssteuern

der dahinterliegenden Idee enthalten, halten

ein. Weil ihr Erbe nicht besteuert wird, will sie

wir es doch für relevant auf diese kleinen und

ihr Geld anders rückverteilen.“ (ORF, 2024) Ähn-

subtilen Qualifizierungen und Distanzierungen

lich wird im Ö1 Journal um 5 über das Ergebnis

hinzuweisen. Denn: Sprache schafft Bewusst-

des Guten Rats berichtet, wenn es heißt, dass

sein, und dies oft durch implizite und nicht auf

sich „Millionenerbin Marlene Engelhorn […] heu-

den ersten Blick ersichtliche Formulierungen

te zufrieden [zeigt]. Der Großteil ihres geerbten

(zu eindeutigeren Kritiken und Abwertungen

Vermögens werde nun im Einklang mit demokra-

des Guten Rats siehe die Diskursposition Kritik

tischen Werten rückverteilt.“ (Ö1, 2024a)

am Guten Rat).

Hinzukommt, dass in der Berichterstattung teil-

Es gibt jedoch auch Beispiele, in denen die Po-

weise subtile Distanzierungen und leichte Ab-

sitionen des Guten Rats ausführlicher diskutiert

wertungen vorkommen. In folgendem Beispiel,

und im Kontext der gesellschaftlichen Reichtums­

veröffentlicht im Kurier, fällt auf, dass der groß-

produktion des „Unterbaus“ eingeordnet wer-

angelegte und langorganisierte Prozess der

den. So argumentiert Jule Hoffmann in einem

Rückverteilung (siehe Kapitel 3) zu einer „Aktion

Zeit Online-Artikel, dass die Wahl des Namens

der Rückverteilung“ heruntergespielt wird: „Die

„Guter Rat für Rückverteilung“ bewusst getroffen

in Wien aufgewachsene deutsch-österreichi-

wurde:

43


Über Reichtum berichten

„Statt des Begriffs der Umverteilung, bei dem

und Zusammensetzung der Ratsmitglieder an-

ja immer mitschwingt, dass einigen etwas

geführt:

weggenommen wird, steckt in ‚Rückverteilung‘ schon die Berechtigung und Notwendig-

„Die 50 Ratsmitglieder bilden die öster-

keit, auf die Marlene Engelhorn aufmerksam

reichische Gesellschaft nahezu perfekt ab

machen will: Der Reichtum einiger Weniger

bezüglich Alter, Einkommen, Geschlechts-

hängt strukturell zusammen mit dem Preka­

identität, Region und Urbanisierungsgrad,

riat der Vielen.“ (Hoffmann, 2024)

Bildung, Beschäftigung, Migrationshintergrund – und die Einstellung zur Vermögens-

Insgesamt zeigt sich jedoch, dass in vielen Fäl-

verteilung.“ (Guter Rat, 2024e)

len eine eindeutige Verkürzung der Positionen des Guten Rats zur Diskursposition Der „Unter-

Damit die Ratsmitglieder gemeinsame Ent-

bau“ gesellschaftlicher Reichtumsproduktion

scheidungen treffen konnten, waren klare Re-

stattfindet. Die weiterführende, strukturelle Ar-

geln, ein respektvoller Umgang und Diskussi-

gumentation des Guten Rats, welche individuel-

onen auf Augenhöhe entscheidend (siehe Ka-

len Reichtum in Frage stellt und damit die Forde-

pitel 3) – Aspekte, die in der Kommunikation

rung und Praxis der Rückverteilung begründet,

des Guten Rats kontinuierlich hervorgehoben

wird Großteils ausgeblendet.

wurden. Der Gute Rat betont den Vorrang des Gemeinwohls vor dem individuellen Wohl; wo-

Demokratie als Grundlage für Umverteilung

raus Kompromissbereitschaft, Verantwortung

Die mit rund 40 Prozent dominierende Diskurs­

und Respekt als Eckpfeiler einer funktionie-

position in der Außenkommunikation des Gu-

renden Gesellschaft abgeleitet wurden. In der

ten Rats betont die Rolle der Demokratie als

Abschlusspressekonferenz wurde von zwei der

Grundlage für die Umverteilung (siehe Diskurs­

vier anwesenden Ratsmitglieder die Zusam-

position 9 in Kapitel 5) und hebt hervor, dass

menarbeit und demokratische Aushandlung

demokratische Prinzipien und weitreichende

betont. Ratsmitglied Dietmar Feurstein be-

Teilhabe unterschiedlicher Gesellschaftsgrup-

schreibt:

pen entscheidende Kriterien für die Rückverteilung von Vermögen sind. Eine besondere Rolle

„Demokratie in ihrer besten Form bedeutet

in der Außenkommunikation des Rats spielte

für mich oder hat auch für den ganzen Gu-

dabei ein breites Verständnis von Inklusivität,

ten Rat […] Zeit und Raum für gegenseitigen

also die Einbeziehung sozial, wirtschaftlich und

Austausch [bedeutet.] […] [D]er respektvolle

kulturell unterschiedlich verorteter Menschen.

Umgang miteinander und […] die Konsent­

Ein solches demokratisches Verständnis wurde

entscheidung, dass nicht eine Gruppe die

immer wieder als Begründung für die Auswahl

andere Gruppe überstimmt, […] war für mich

44


Ergebnisse: Der Gute Rat in den Medien

ein Schlüssel für einen Erfolg.“ (Guter Rat,

tatsächliche, deliberative demokratische Pro-

2024c)

zesse.

Ratsmitglied Kyrillos Gadalla hat besonders be-

Diesbezüglich betonte Ratsmitglied Kyrillos

eindruckt

Gadalla in der Abschlusspressekonferenz:

„wie wir gemeinsam, eine Gruppe von 50 un-

„Ich finde das war ja das Schwierige an der

terschiedlichen Personen, ganz kon­struktiv

Sache. Es war eine freie Wahl. Wir wurden

fair und auf Augenhöhe diskutiert haben

nicht beeinflusst durch die Vorträge, ganz im

und Entscheidungen getroffen haben. Es

Gegenteil. Es hat sich einfach nur viel besser

ist für mich persönlich auch ein großes,

angefühlt, Vorträge anzuhören. Man wurde

ein starkes Zeichen, dass wenn es wirklich

extrem viel informiert, weil, wie gesagt, wir

nur um die Sache geht und nicht um politi-

sind 50 zufällig ausgewählte Personen und

sche Machtspiele, es sehr wohl möglich ist,

nicht jeder hat sich ausgekannt und die Vor-

Lösungen zu finden und Kompromisse zu

träge haben uns einfach nur unterstützt, in-

schließen, womit alle leben können.“ (Guter

formiert über das Thema zu sein.“ (Guter Rat,

Rat, 2024c)

2024c)

Die Vielfalt und Zusammenarbeit des Rats spie-

Insgesamt präsentierte sich der Gute Rat damit

geln sich auch in seinen Entscheidungen wider:

in seiner Kommunikation als Vorbild für delibera-

„Das Ergebnis ist so divers wie der Rat selbst.

tive Prozesse und betonte das Potential partizi-

Es wurden Organisationen unterstützt, die direkt

pativer Bürgerräte als wichtige Lernerfahrungen

Betroffene unterstützen oder die Ursachen des

für eine gelebte Demokratie. Dabei wurde da-

Problems bekämpfen.“ (Guter Rat, 2024e)

rauf hingewiesen, dass diese Aktivitäten dazu beitragen, eine offene und produktive Debatte

Eine weitere Säule der demokratischen De-

über kritische Themen zu fördern, mit denen die

liberation ist der Zugang zu guten Informati-

Gesellschaft konfrontiert ist.

onen. Dieser ermöglicht es den Mitgliedern eines demokratischen Prozesses, komplexe

Medial wurde die Diskursposition Demokratie

Entscheidungen zu treffen. Der Unterschied

als Grundlage für die Umverteilung in rund je-

zwischen guter Information und Lobbying liegt

dem vierten Beitrag (26 Prozent) aufgegriffen.

dabei in der primären Absicht, Perspektiven

Sie nahm damit anteilig zwar deutlich weniger

zu erweitern, anstatt sie zu beeinflussen. In-

Gewicht ein als in der Außenkommunikation des

formiertheit und möglichst große Unabhän-

Guten Rats, stellt jedoch die medial am häufigs-

gigkeit sind demnach Voraussetzungen für

ten transportierte Diskursposition dar. Inhaltlich

45


Über Reichtum berichten

wurde dabei insbesondere die Zusammenset-

ben wir uns untereinander vertraut.“ (Hitzler,

zung des Guten Rats und die demokratische Ar-

2024)

beitsweise aufgegriffen. In einem Deutschland-

funk Nova-Beitrag wird der Gute Rat wie folgt

Es zeigen sich allerdings auch Unterschiede

beschrieben: „Aber sie verteilt das Geld nicht

in der medialen Berichterstattung mit Hinblick

einfach selbst, sondern stellt ein Gremium zu-

auf den Fokus zwischen einzelnen demokrati-

sammen. 50 Menschen, die Österreich im Klei-

schen Kriterien. Den prozeduralen und struk-

nen abbilden sollen. Die sollen entscheiden,

turellen Themen deliberativer Demokratie (In-

wie das Geld am besten für die Gesellschaft

klusivität, Lerneffekte durch Teilnahme an de-

eingesetzt werden kann.“ (Potthoff, 2024) Im Ö1

mokratischen Entscheidungen, Transparenz

Abendjournal 18 Uhr kam beispielsweise Ange-

und Informiertheit) wurde in den Medien weit

lika Taferner wie folgt zu Wort: „Mich hat auch

weniger Bedeutung beigemessen, als dies in der

besonders beeindruckt, wie wir gemeinsam,

Außenkommunikation des Guten Rats der Fall

eine Gruppe von 50 unterschiedlichen Perso-

war. Nur in ausgewählten Beiträgen wurde die

nen, ganz konstruktiv, fair und auf Augenhöhe

demokratische Dimension des Guten Rats in ei-

diskutiert haben und Entscheidungen getroffen

nen breiteren Kontext gesetzt. Eine Ausnahme

haben.“ (Ö1, 2024b)

ist ein Deutschlandradio Kultur-Beitrag, in welchem Marlene Engelhorn den Hintergrund und

In einem Spiegel-Interview wiederrum be-

die demokratie­politische Intention des Guten

schreibt der Journalist Erwin Hitzler, dass „der

Rats erläutert:

Gute Rat repräsentativ für Österreich stehen [soll]. Konservative, Linke, Leute aus der Stadt,

„Und dann dachte ich mir, wenn ich Demo-

vom Land.“ Und fragt die Ratsmitglieder Kyrillos

kratie einbinden will in diese Entscheidung,

Gadalla und Burcu Dogan: „Wie haben Sie sich

und es gibt dieses wundervolle Instrument

geeinigt, wenn sie unterschiedlicher Meinungen

der BürgerInnenräte, dann kann man das

waren?“ Burcu Dogan beschreibt die demokrati-

doch versuchen und mal zeigen, was alles

schen Aushandlungsprozesse wie folgt:

passieren kann, wenn man es ernst meint damit Macht und Ressourcen zu teilen und diese

„Bevor der Gute Rat begonnen hat, habe ich

Entscheidung abzugeben. […] Ich allein könn-

mir eigentlich schon gedacht, dass es sehr

te nie so gut entscheiden, wie diese 50 […]

große Diskussionen und Streitereien geben

Personen.“ (Deutschlandfunk Kultur, 2024)

wird. Ich war dann sehr überrascht, weil ich

46

gar keine riesigen Diskussionen erlebt habe.

Bezüglich des demokratischen Charakters des

Wir waren damit beschäftigt, nach Organisa-

Guten Rats thematisierten die Medien immer

tionen zu recherchieren, an die wir spenden

wieder die Frage nach der Unabhängigkeit des

wollen. So wie Marlene uns vertraut hat, ha-

Gremiums. Einerseits wurde Marlene Engelhorn


Ergebnisse: Der Gute Rat in den Medien

direkt oder indirekt mit ihrer Aussage zitiert,

Statement von Marlene Engelhorn (2024a), das

dass sie keinen Einfluss auf das Ergebnis habe.

der Homepage des Guten Rats beigefügt wurde,

Gleichzeitig wurde angemerkt, dass eine Ein-

heißt es: „Es wäre die Aufgabe der Politik, unser

flussnahme durch die Initiatorin zu befürchten

Miteinander so zu organisieren, dass die Geburt

sei (siehe dazu auch die Diskursposition Kritik

nicht darüber entscheidet, ob wir ein gutes Le-

am Guten Rat weiter unten).

ben haben. Es wäre also auch die Aufgabe der Politik, dafür zu sorgen, dass alle, die mehr bei-

Insgesamt wird eine allgemeine Tendenz der

tragen können, mehr beitragen.“

medialen Berichterstattung deutlich, vergleichsweise oberflächliche machtpolitische Erwägun-

Andernfalls würde ein Zustand akzeptiert, der

gen gegenüber grundlegenderen, systemischen

langfristig eine gesellschaftszersetzende Wir-

Fragen demokratischer Entscheidungsfindung

kung entfalte. Als Lösung wird daher ein ande-

zu betonen.

res gesellschaftliches Verständnis von Reichtum gefordert, welches von einer gesellschaftlichen

Systemversagen

Verantwortung reicher Personen ausgeht, und

Die mit rund 17 Prozent dritthäufigste Diskurs-

diese staatlich durchsetzt. Alternativ wurde auch

position in der Außenkommunikation des Guten

eine harte Obergrenze für Reichtum als Pendant

Rats ist die Position des Systemversagen. Diese

zur Armutsgrenze ins Spiel gebracht, wie es bei-

schließt an die vorherige Perspektive über die

spielsweise im Podcast mit Daniela Brodesser

demokratischen Grundlagen der Rückverteilung

formuliert wird:

an, bildet jedoch eine eigenständige Position (siehe Kapitel 6). In dieser attestiert der Gute

„Also es sollte meiner Meinung nach keine

Rat staatlicher Regulierung systemische Fehl-

Menschen geben, die viele Millionen haben

entwicklungen: Statt Bürgerräte und eine breite

und dadurch Einfluss auf Politik und auf all

demokratische Basis vermögenspolitischer Ent-

das Mögliche, auf Medien nehmen können.

scheidungen zu berücksichtigen, hätten wech-

Wir wissen, wie die Medienlandschaft in Ös-

selnde Regierungen im deutschsprachigen Raum

terreich ausschaut. Also da war ich wirklich

die zunehmende Vermögenskonzentration bis-

für eine Obergrenze. Radikale Utopie aber ein

lang ignoriert und keine politischen Maßnahmen

bisschen Radikalität ist in radikalen Zeiten

gegen diese getroffen. Damit untergraben diese

hier angebracht“. (Reichel, 2024b)

Regierungen grundlegende Voraussetzungen einer funktionierenden Demokratie – etwa die

Auch in den Medien wurde die Diskurspositi-

Sicherung eines Mindestmaßes an materieller

on Systemversagen breit rezipiert (13 Prozent).

und demokratischer Gleichheit sowie die Erfül-

Dabei stand insbesondere Marlene Engelhorns

lung gesellschaftlicher Moralvorstellungen von

Kritik am Versagen der Regierungen, durch Erb-

Leistungsgerechtigkeit und Egalität. Im Mission

schafts- und Vermögenssteuern existierende

47


Über Reichtum berichten

Ungleichheiten zu reduzieren, im Zentrum. Ein

über den engen Bereich der Vermögensungleich-

Beispiel ist ein ARD Morgenmagazin-Beitrag, in

heit hinausgehen. So wird beispielsweise kon­

dem es heißt: „Ihre Aktion ist auch eine Kritik

statiert, dass durch eine fehlende Besteuerung

an der österreichischen Regierung, die keine

auch eine Möglichkeit verschenkt wird, effektive

Erbschaftssteuer erhebt. Engelhorn findet das

Maßnahmen gegen die Klimakrise zu finanzie-

ungerecht.“ (ARD Morgenmagazin, 2024)

ren:

In einem Beitrag auf Focus online wurde Engel-

„Und wir haben die Möglichkeit, durch po-

horns Kritik wie folgt wiedergegeben: „Der Poli­

litische Entscheidungen einzugreifen und

tik fehlt der Mut, sich gegen meine Klasse der

zu sagen, hey, du bist überreich du kannst

Hochvermögenden zu positionieren“. (Wolfsgru-

auf jeden Fall einen Beitrag leisten. Hier ist

ber, 2024) Auf Zeit Online wird Engelhorns Kritik

deine Vermögenssteuer, zahl die und damit

hinsichtlich der historischen Entwicklung von

retten wir das Klima. Weil wir wissen auch,

Erbschafts- und Vermögenssteuern kontextua-

überreiche Menschen konzentrieren Vermö-

lisiert:

gen. Also dort ist wahnsinnig viel Vermögen geparkt. Sie hätten das Geld dazu, echt viel

„In Österreich wurde die Erbschafts- und

umzusetzen, aber sie machen es nicht. An-

Schenkungssteuer 2008 aufgehoben, eine

scheinend muss man die Verpflichtung doch

Vermögenssteuer gibt es schon seit 1993 nicht

wieder in der Öffentlichkeit und bei der zivil-

mehr. Eine alleinerziehende Mutter werde da-

gesellschaftlichen engagierten Bevölkerung

her ab 11.000 Euro Nettoeinkommen pro Jahr

suchen.“ (Potthoff, 2024)

mit 20 Prozent besteuert, sagt Engelhorn, und sie selbst bekomme ihr Millionenerbe einfach

Auch in dieser Diskursposition zeigen sich

geschenkt. Auch hier in Deutschland wird seit

deutliche Unterschiede in der Verwendung

1997 keine Vermögenssteuer mehr erhoben.

und Aufbereitung der enthaltenen Argumente.

Und was der deutsche Staat pro Jahr an Erb-

Während sie in der Außenkommunikation des

schafts- und Schenkungssteuer einnimmt,

Guten Rats die Basis für weitergehende Über-

macht gerade mal etwas mehr als ein Prozent

legungen zu systemischen Veränderungen im

des gesamten Steueraufkommens aus. Dabei

Sinne einer (Re-)Demokratisierung von Reich-

werden in Deutschland Schätzungen zufolge

tum bildet, wird sie in der Medienberichterstat-

jährlich etwa 400 Milliarden Euro vererbt.“

tung als Position dargestellt, die einer weiter-

(Hoffmann, 2024)

gehenden Diskussion und Einordnung bedarf. Dementsprechend war die mediale Berichter-

Ebenso wie der Gute Rat in seiner Außenkommu-

stattung auf die Darlegung und Erläuterung al-

nikation, werden auch medial Auswirkungen des

ler verschiedenen Dimensionen systemischen

konstatierten Systemversagens thematisiert, die

Versagens fokussiert, die in entsprechenden

48


Ergebnisse: Der Gute Rat in den Medien

wissenschaftlichen, medialen und politischen

unterstützen, Künstlerinnen Ateliers finanzie-

Debatten aufkommen.

ren, Museen-Sammlungen erweitern, Galerien durch Käufe das Überleben garantieren,

Systembewahrend: Vermögende tragen positiv

Musikfestivals und Theater für alle das ganze

zur ökonomischen und gesellschaftlichen Ent-

Jahr über erschwinglich werden lassen. Herr-

wicklung bei

gott, ist der Zorn auf die Reichen so groß, dass

Spiegelbildlich zur kritischen Perspektive auf

man darüber das parlamentarisch-staatspoli-

Reichtum und dessen hoher Ungleichverteilung

tische Denken vergisst?“ (Wallnöfer, 2024)

in der Gesellschaft finden wir in der medialen Debatte auch eine systemverteidigende Diskurs­

Ähnlich wird in einem Gastbeitrag in der Presse

position, die sich mit der stilisierten Diskurspo-

betont, wie wichtig das Engagement Vermögen-

sition 3 deckt (siehe Kapitel 5) und zu der sich

der im gesundheitlichen und demokratiepoliti-

kein Pendant in der Außenkommunikation des

schen Bereich ist:

Guten Rats finden lässt. Diese Position wendet sich gegen kritische Perspektiven auf Reichtum,

„Die Malariabekämpfung, von der Staaten-

indem die positiven Aspekte von Vermögen und

gemeinschaft grob vernachlässigt, erhielt

die positive Rolle von Vermögenden hervorge-

erst durch die Milliardenunterstützung der

hoben werden. Sie macht rund sechs Prozent

Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung den Antrieb,

der Medienbeiträge aus. Dabei wird betont, wie

der jetzt zur ersten verfügbaren Malaria-Imp-

wichtig und vielschichtig der gesellschaftliche

fung und zu vielen anderen Maßnahmen führ-

Beitrag von reichen Einzelpersonen ist. Syste-

te. Das von George Soros finanzierte Open

mische Kritik an „den Reichen“ wird damit an-

Society Institute war und ist in vielen Staaten

gesichts der gelebten gesellschaftlichen Ver-

eine der wenigen Stellen, die für die Stärkung

antwortung und des freiwilligen Engagements

schwächelnder Demokratien eintritt. […] Die

einzelner Vermögender für Land und Gemeinden

Liste der Aufgaben, die mithilfe privaten Ver-

als unangemessen und unfair beklagt.

mögens wesentlich vorankommen könnten, ist lang.“ (Loidolt, 2024)

So wird beispielsweise in einem Kommentar im

Standard, welcher den Titel „Frau Engelhorn,

Neben den positiven Effekten von Reichtum

schenken geht auch leise“ trägt, ausgeführt:

wird auch eine Komplementarität von öffentlichen Mitteln und privaten Geldern betont. Felix

„Zudem übersieht man offensichtlich jene

Oldenburg, Gründer des Fintech-Unternehmens

Reichen, die ohne Bahö8 Obdachlosenhilfen

Because und ehemaliger Leiter des Bundesver-

8 Bahö bedeutet „Aufsehen“ oder „Aufhebens“ und ist ein ursprünglich in Nordostösterreichisch, heute aber auch im gesamten österreichischen Sprachraum verwendeter Ausdruck.

49


Über Reichtum berichten

bands Deutscher Stiftungen, führt im Deutsch-

mokratie. Und damit auch die Möglichkeit, reich

landfunk Nova-Gespräch aus, dass privates Geld

zu werden.“9 (Diekmann & Kühn, 2024)

„andere Dinge tun [kann] als staatliches Geld“. Privates Geld kann „höhere Risiken eingehen,

Mit der Betonung der positiven Aspekte von

kann auch Nischen fördern, die vielleicht durch

Reichtum und der wichtigen Rolle von Vermögen-

demokratische Mehrheiten noch nicht zustande

den geht auch die Forderung nach mehr Respekt

kommen, kann Vorbildwirkung haben.“ Diese

vor der (Lebens-)Leistung reicher Personen ein-

Komplementarität solle man „nicht gegenei­

her. So wird im Standard kritisiert, dass Marlene

nander ausspielen“ (Potthoff, 2024). Als ein

Engelhorn einen „linken Populismus“ befeuere,

Beispiel führt Felix Oldenburg die Philanthropin

der „mit seinem pauschalen Urteil alle Reichen

Ise Bosch an, die:

als raffgierig dämonisiert“ (Wallnöfer, 2024). Etwas weniger zugespitzt aber in gleicher inhalt-

„vor 25 Jahren schon LGBTQ, also gleichge-

licher Stoßrichtung wird im Spiegel-Gespräch

schlechtliche und queere Lebenspartner-

mit Engelhorn eingewandt: „Sie blenden aus,

schaften gefördert [hat]. Das wäre damals

wie schwer es Unternehmer mitunter haben.

keinem Parlament eingefallen und heute gibt

Der Architekt, der in der Baukrise ohne Aufträge

es dafür auch staatliche Förderprogramme.

dasteht, aber seine Mitarbeiter bezahlen muss.

Also privates Geld kann und darf und soll Din-

Das Restaurant, das dichtmacht, weil Personal

ge tun, die staatliches Geld nicht tun kann.

fehlt.“ (Diekmann & Kühn, 2024)

Deshalb brauchen wir mehr.“ (Potthoff, 2024) Auffallend ist dabei, dass in dieser Diskursposition Darüber hinaus wird betont, dass Reichtum nicht

meist ‚klassische‘ Geschichten mittelständischen

nur positive Effekte für die Gesellschaft habe,

Unternehmertums bemüht werden, um Respekt,

sondern im Sinne der ökonomischen Freiheit

Verständnis und sogar Mitgefühl für die Leistung

auch legitim und sogar notwendig sei. Exempla-

vermögender Personen einzufordern. Das diese

risch kann hier auf einen Auszug aus einem Spie-

Argumentation an der grundlegenden Kritik des

gel-Interview mit Engelhorn verwiesen werden:

Guten Rats an ererbtem Vermögen, mangelnder

„Sie bezeichnen Überreichtum als undemokra-

demokratischer Kontrolle und eines ausgehöhl-

tisch. Aber es ist doch umgekehrt: Die wirtschaft-

ten meritokratischen Leitgedankens vollkommen

lichen Freiheiten gehören unabdingbar zur De-

vorbei geht, bleibt dabei meist unreflektiert.

9 Der weitere Gesprächsverlauf im Spiegel ist dann ein typisches Beispiel dafür, mit welchen Allgemeinplätzen und Plattitüden oft auf die Infragestellung von Reichtum und Ungleichheit reagiert wird: „Engelhorn: Im Kapitalismus ist das so. Aber der ist nicht automatisch demokratisch. SPIEGEL: Wollen Sie den Kapitalismus abschaffen? Engelhorn: Der aktuelle Kapitalismus hat bewiesen, dass er nicht läuft, ohne Menschen auszubeuten und die Natur zu vernichten. SPIEGEL: Was ist Ihre Alternative? Sozialismus?“ (Diekmann & Kühn, 2024)

50


Ergebnisse: Der Gute Rat in den Medien

Darauf aufbauend wird auch die geäußerte Kritik

grund des Wohnsitzes in Österreich erfolgt,

am politischen System und an der existieren-

bei gleichzeitig großen Auslandsvermögen.

den Regulierung zurückgewiesen und stattdes-

Das ist sozialistischer Fiskalimperialismus:

sen der Status Quo verteidigt. Beispielsweise

Um Gerechtigkeit im Inland herzustellen, wird

wird eingewandt, dass die Forderung nach Erb-

Vermögen, das im Ausland gelegen ist, be-

schafts- und Vermögenssteuern gesellschaftlich

steuert.“ (Luigi, 2024)

gar nicht so beliebt sei, wie vom Guten Rat beschrieben. Im Interview mit dem Tages-Anzeiger

In der Essenz wird Umverteilung in dieser Posi-

heißt es, dass die Schweizer*innen eine höhere

tion damit als valide politische Maßnahme be-

Besteuerung mehrmals abgelehnt haben: „Zu-

reits im Vorhinein disqualifiziert. Dabei wird auf

letzt 2015 die Einführung einer nationalen Erb-

eine Reihe etablierter Argumente über Vermö-

schaftssteuer: Diese wurde mit 70 Prozent der

gensteuern zurückgegriffen, die nicht nur eine

Stimmen verworfen. Sind Sie sicher, dass tat-

grundlegende Skepsis gegenüber staatlicher

sächlich eine Mehrheit höhere Steuern für Rei-

Handlungsfähigkeit aufweisen, sondern jegli-

che will?“ (Marti, 2024)

chen staatlichen Maßnahmen auch ein latentes Misstrauen entgegenbringen.

Neben der Unbeliebtheit wird weiterhin eingewandt, dass Vermögenssteuern schwer umzu-

Kritik am Guten Rat

setzen sind, da viele rechtliche, administrative

Jeder sechste Beitrag, rund 17 Prozent, in der Me-

und ökonomische Hürden im Wege stehen (hier

dienberichterstattung gaben eine Diskurspositi-

zeigen sich Überschneidungen mit der stilisier-

on wieder, die als Kritik am Guten Rat subsumiert

ten Diskursposition 4 in Kapitel 5). Im Beitrag

werden kann – während der Rat diese Position

„Frau Marlene Engelhorn, denken Sie einmal

naturgemäß kaum thematisiert (0,5 Prozent).11

nach“10 in der Presse wird exemplarisch für diese

Diese Position kritisiert den Guten Rat auf drei

Position ausgeführt:

miteinander verschränkten Ebenen. Zum einen werden die Ziele und Motive Marlene Engelhorns

„Die Forderung nach einer gerechten Besteue-

in Frage gestellt. Marlene Engelhorn wird dabei

rung der Supereichen, wie sie auch Andreas

insbesondere von Der Welt und der Kronen Zei-

Babler wortstark vorträgt, hat mehrere Haken.

tung vorgeworfen, dass sie die immergleiche For-

[…] Eine Vermögensteuer käme einer Haus-

derung – stärker besteuert zu werden – nur wie-

haltsabgabe gleich, weil die Besteuerung auf-

derhole, um damit Aufmerksamkeit zu erhaschen.

10 Zum belehrenden Titel des Beitrages passt auch der abschließende, herablassende Satz: „Ich glaube, das verstehen Sie zwar nicht, aber vielleicht denken Sie einmal nach.“ (Luigi, 2024) 11 Auf die in dieser Position vonseiten der Medien aufgeworfene Kritik wurde an einigen Stellen vom Guten Rat und/oder Marlene Engelhorn eingegangen und entsprechende Gegenargumente vorgebracht. In der Berichterstattung finden wir diese Antworten auf bestehende Kritik oft nicht wieder.

51


Über Reichtum berichten

In der Kronen Zeitung wird beschrieben, dass die

Presse als „recht einfach gestrickte[n] Ansichten“

,,Ich bin so reich – Holt mich da raus-Aktivistin“

abgetan. Nur weil sie „herschenkt“, habe sie

Engelhorn mit ihrer „Millionen-Show“ durch „Ös-

nicht die „besseren Argumente“ (Zirm, 2024).

terreich, Deutschland und diverse TV-Studios“ tingelt (Kronen Zeitung, 2024). Auf ähnlich zu-

Eine zweite Ebene der Kritik zielt statt auf Engel-

gespitzte Art heißt es in einem Welt-Artikel, dass

horn auf den Guten Rat ab, indem der Rat selbst

sich seit 2021 „vieles dramatisch verändert“ hat.

oder der Prozess als unzulänglich und undemo-

Außer „die Nachrichtenlage rund um die Milli-

kratisch abgetan wird, mit dem Ziel, dessen Legi-

onenerbin“ Marlene Engelhorn, welche sich „bis

timität zu untergraben. Statt über das Zustande­

heute als auf den ersten Blick bemerkenswert

kommen und die Repräsentativität des Guten

veränderungsresistent“ erweist. Der Artikel be-

Rats zu berichten, wird dieser als undemokra-

schreibt weiter, dass „seit nunmehr fast drei Jah-

tisch beschrieben. In einem Artikel der Kronen

ren […] also immer mal wieder Murmeltier-Tag

Zeitung wird berichtet, dass Engelhorns Erbe bei

[ist], immer wieder möchte Marlene Engelhorn

einem „Geheim-Treffen“ in einem „Stadt-Hotel“

ihre Millionen verschenken“ (Höfling, 2024). Da-

„verteilt werden soll“ (Kronberger, 2024a). Direkt

mit wird der Eindruck erweckt, Marlene Engelhorn

am nächsten Tag wird in derselben Zeitung eine

gehe es nicht wirklich um ihre inhaltlichen For-

Beschreibung des Hotels nachgeliefert:

derungen, sondern um die mediale Aufmerksamkeit. Auch in einem Kommentar im Standard

„Ein modernes Konferenzhotel, vier Sterne

werden Formulierungen gewählt, die die Ziele

in der Hotel-Bewertung und fünf Seminarräu-

und Integrität Engelhorns in Frage stellen und

me. Verkehrsgünstig in der Alpenstraße in der

ihr stattdessen eine Affinität zur Show und zum

Stadt Salzburg gelegen, dennoch ruhig. In

Heldentum bescheinigen:

der hoteleigenen Parkanlage kann man kurz durchschnaufen. Der richtige Ort, um sich Ge-

„Aktuell lässt sich BASF-Millionenerbin Mar-

danken zu machen, wie man ein Vermögen

lene Engelhorn dafür feiern, dass sie den

von 25 Millionen Euro neu und gerecht ver-

Großteil ihres Erbes verteilt. Allerlei Claqueu-

teilt.“ (Kronberger, 2024b)

re versüßen ihr auf diesem Wege, Last und Verantwortung für ihr familiäres Erbe loszu-

Damit wird der Rat als illegitimes Forum darge-

werden. Doch will jenen, die derlei für heroi-

stellt, das in elitärer, abgehobener Manier über

nenhaft halten, die politische Dimension des

die Verteilung des Millionenerbe bestimmt; der

Gnadenaktes vorgehalten werden.“ (Wallnö-

demokratische und partizipative Charakter fin-

fer, 2024)

det keine Erwähnung. Eine ähnliche Suggestion erzeugt der Begriff „Schattendemokratie“, mit

Auch Engelhorns Forderungen zu einer höheren

welchem die Kleine Zeitung den Prozess rund um

Erbschafts- und Vermögenssteuer werden in der

den Guten Rat bezeichnet (Haas, 2024). Darüber

52


Ergebnisse: Der Gute Rat in den Medien

hinaus weist dieses Wording auf einen engen,

nig effektive Umverteilung mit der „Gießkanne“,

auf formale staatliche Institutionen beschränk-

welche weder zu mehr Gerechtigkeit noch zu

ten Demokratiebegriff der Kritiker*innen hin.

niedrigerer Vermögensungleichheit führe:

Gewarnt wird folglich auch davor, dass solche Strukturen die existierenden demokratischen

„Schließlich wird die Vermögensverteilung

Institutionen zu ersetzen drohen. Der stellver-

in Österreich dadurch auch nicht gerechter.

tretende Direktor des wirtschaftsliberalen Think

Natürlich kann man das auch kritisch sehen,

Tanks Agenda Austria, Hanno Lorenz, gibt diese

werden die Millionen doch quasi per Gieß-

Position beispielhaft in einem Interview im ORF

kanne auf ganz viele Initiativen und Organi-

wieder:

sationen verteilt, was durchaus wahllos erscheint.“ (Busse, 2024)

„Ja, wenn man sagt, man fordert eine Vermögens- oder eine Erbschaftssteuer und gleich-

In Frage gestellt wird auch, inwiefern der Gute

zeitig sein Geld aber nicht im Staat spendet,

Rat ein Vorbild für andere Superreiche und die

das zeigt uns natürlich auch was, und zwar,

Rückverteilung von großen Vermögen sein kön-

dass offenbar die Frau Engelhorn eben nicht

ne: „Es war ein drei Millionen Euro teurer Prozess

das Vertrauen hat, dass der Staat das Geld

für ein unspektakuläres Ergebnis. Eine Mischung

dann sinnvoll auch einsetzt, sondern sie

aus Wohlfahrtsorganisationen, karitativen Ein-

gibt es eben einer gegründeten Institution,

richtungen und Lobbying-Vereinen wurde ausge-

die dann […] überlegen soll, was das Beste

wählt.“ Darunter seien sicherlich viele förderwür-

wäre.“ (ORF1, 2024)

dige Projekte, aber „die Schwarmintelligenz hat keine große Idee, keine Vision hervorgebracht“

Innerhalb der Diskursposition Kritik am Guten Rat

(Peterlik, 2024).

wird dieser immer wieder als philanthropisches Unterfangen dargestellt. Entsprechende Beiträge

Ein weiterer Aspekt der medialen Kritik an der

beschreiben den Guten Rat als eine „Spende“

Arbeit des Guten Rats ist die Frage, inwiefern

(Peterlik, 2024) oder ein „Geschenk” (Focus on-

das Ergebnis der Ratsarbeit durch das Organisa-

line, 2024b) Engelhorns und untergraben damit

tionsteam und die eingeladenen Expert*innen

dessen demokratiepolitische Dimension.

beeinflusst wurde. Diese Position wird teilweise explizit gemacht und teilweise insinuiert. So

Darüber hinaus wird das Ergebnis des Guten

wird im Profil berichtet, dass der gewerkschafts-

Rats delegitimiert, in dem es als nicht effektiv

nahe Thinktank „Momentum Institut“ 1,2 Millio-

beschrieben wird. Der Gute Rat war demnach ein

nen Euro erhält. Anschließend wird ergänzt, dass

kostspieliges Unterfangen mit wenig nachhalti-

„[d]ie Projektleiterin des Guten Rats, Alexandra

gem Ertrag. Durch den Fokus auf viele verschie-

Wang, für die Großspender:innen beim Momen-

dene Einzelprojekte handele es sich um eine we-

tum Institut zuständig [war], bevor sie bei En-

53


Über Reichtum berichten

gelhorn direkt anheuerte“ (Peterlik, 2024). Die

die existierende Ungleichheit als unproblema-

finanzielle Zuwendung an das Momentum Insti-

tisch analysieren.12

tut, so die Suggestion des Artikels, sei also nicht allein aufgrund inhaltlicher Übereinstimmungen erfolgt, sondern durch persönliche Verbindungen beeinflusst (dieser Vorwurf wurde sowohl

7.3 Einordnung der Außenkommunikation des Guten Rats

vom Momentum Institut als auch vom Organi-

Nach einer vertieften Rekonstruktion der Diskurs­

sationsteam und den Ratsmitgliedern öffentlich

positionen in der Außenkommunikation des

zurückgewiesen).

Guten Rats im vorherigen Abschnitt, wollen wir diese nun in eine breitere Perspektive einordnen.

In eine ähnliche Kerbe schlägt Julia Friedrichs

Die Außenkommunikation rückt, wie gezeigt, ins-

(2024) in einem längeren Beitrag für Die Zeit.

besondere kritische Diskurse zur Vermögensun-

Nach einer Beschreibung des Guten Rats, sei-

gleichheit in den Vordergrund und damit alter­

ner Mitglieder und Ziele lenkt sie den Fokus

native, oft randständige Perspektiven auf Reich-

auf das Organisations- und Moderationsteam,

tum und überreiche Personen.

welches „die Sitzungen [lenkt] und über die Tagungsordnung [entscheidet]“. Im weiteren

Ein zentrales Merkmal der Kommunikationsstra-

Verlauf des Artikels werden dann immer wieder

tegie des Guten Rats ist es, die grundlegende

Szenen beschrieben, die illustrieren wie das

Infragestellung der existierenden Ungleichheit

Organisations- und Moderationsteam auf die

und des hohen Reichtums einzelner Personen

Strukturen und Prozesse Einfluss nahm und

mit einer Kritik am existierenden (politischen

damit auch auf die Ergebnisse des Guten Rats

und ökonomischen) System zu verbinden. In

einwirkte. An einer Stelle resümiert Friedrichs,

Anlehnung an die stilisierte Diskursposition 5

dass „Wochenende um Wochenende sich ein

Hohe Vermögen sind unfair, wenn diese nicht

merkwürdiger Widerspruch [zeigt]: Engelhorn

auf Leistungsgerechtigkeit basieren wird das

wollte doch die Macht über ihr Vermögen ab-

Fehlen von meritokratischen Werten in unserer

geben, aber immer wieder erwähnt das Team

heutigen Gesellschaft als großer Makel hervor-

in Diskussionen, dass Engelhorn dieses beson-

gehoben, was insbesondere durch die wichtige

ders gern oder jenes gar nicht gewollt habe.“ An

Rolle von vererbtem Vermögen für die gesell-

anderer Stelle wird problematisiert, dass keine

schaftliche Stellung von Individuen und sozia-

Wissenschaftler*innen eingeladen wurden, die

len Gruppen zustande kommt. Dies ist im Prin-

12 Dies scheint wie eine False-Balance-Forderung, da es in der wissenschaftlichen Ungleichheitsforschung kaum ernstzunehmende Stimmen gibt, die bestehende Ungleichheit verharmlosen oder als unproblematisch darstellen. Zwar existiert eine breite Diskussion über unterschiedliche Methoden und theoretische Ansätze, jedoch herrscht weitgehender Konsens darüber, dass Ungleichheit als gesellschaftliches Problem betrachtet werden muss.

54


Ergebnisse: Der Gute Rat in den Medien

zip eine argumentative Unterstützung für die

die Idee der Leistungsgesellschaft, genau wie

Idee, den individuellen Beitrag zur Gesellschaft

die individuelle Anhäufung von Reichtum jegli-

zu belohnen.

cher Art, als Ideologie und Mythos und fordert damit einen Wandel hin zu einem kollektiven

Gleichzeitig bleibt der Gute Rat nicht bei die-

Verständnis wirtschaftlicher Produktions- und

ser Argumentation stehen, sondern verschiebt

Lebensweisen. Dies bietet eine neue Perspek-

mit der zentralen Diskursposition 8 Der „Unter-

tive auf Alternativen zur Beseitigung systemi-

bau“ gesellschaftlicher Reichtumsproduktion

scher Ungleichheit, eine Perspektive, die sich

bewusst den Fokus vom Individuum hin zum

auf eine Wiederbelebung des Unterbaus kon-

Kollektiv. Ausgehend von der Feststellung, dass

zentriert, um so das kollektive Wohlergehen zu

individueller Reichtum immer auf einer gesell-

verbessern.

schaftlichen und ökologischen Grundlage (dem „Unterbau“) fußt, macht der Gute Rat dieses

In der Kommunikation des Guten Rats wird da­

meist ignorierte Fundament, das unser gegen-

rüber hinaus auch der Zusammenhang zwischen

wärtiges System trägt und am Laufen hält (etwa

Macht, Reichtum und Demokratie ausdrücklich

durch die existierende Infrastruktur, die geleis-

hervorgehoben. Die Argumentation stützt sich

tete Care- und unterbewertete Arbeit oder durch

hier in weiten Teilen auf die stilisierte Diskurs-

die ökologischen Grundlagen), sichtbar. Der

position 7 Hohe Vermögen sind gesellschaftlich

Gute Rat stellt dadurch die Anhäufung von indivi-

schädlich. Ausdruck findet hier inbesondere die

duellem Reichtum überhaupt auf den Prüfstand.

Feststellung eines asymmetrischen Machtver-

Dies geht weit über die typische meritokratische

hältnisses, das unweigerlich mit der Existenz

Kritik hinaus, die sich auf spezifische illegitime

großer Ungleichheiten einhergeht und sich in

Formen der Reichtumsanhäufung, wie zum Bei-

der Fähigkeit einiger Vermögender ausdrückt,

spiel Erbschaften, konzentrieren. Darüber hi-

übermäßig Einfluss nehmen zu können (etwa

naus steht in dieser Diskursposition auch die

durch Lobbyarbeit, Einflussnahme auf die Regu-

Frage der strukturellen Abwertung dieses Unter-

lierung und die Kontrolle von Institutionen und

baus im Vordergrund – einschließlich der sys-

Medien). In seiner Kommunikation macht der

temischen Herabwürdigung und Ausgrenzung

Gute Rat deutlich, dass diese Machtasymmetrien

eben derjenigen Personen, die die Arbeiten an

demokratische Prozesse gefährden, auch durch

den Fundamenten der Gesellschaft leisten.

die geringe Repräsentation und Entmündigung von weniger mächtigen Akteuren. Die illegitime

In Verbindung mit der Kritik an der Leistungs-

Handlungsmacht Überreicher und ihre daraus

gesellschaft zeigt der Gute Rat damit nicht nur

resultierende Fähigkeit, sich in demokratische

das Versagen des herrschenden Systems auf,

Gesellschaften einzumischen und diese nach

sondern macht auch darauf aufmerksam, wa-

den eigenen Präferenzen und Vorstellungen zu

rum das so ist. So delegitimiert der Gute Rat

gestalten, wird problematisiert.

55


Über Reichtum berichten

Die Außenkommunikation des Guten Rats ver-

betrachtet. Engelhorns Selbstidentifikation als

knüpft beide Punkte, die Problematisierung von

überreiche Person führte zur Entscheidung,

Macht und die Hervorhebung des Unterbaus, in

ihren Reichtum und auch die Entscheidungs­

der Diskursposition 9 Demokratie als Grundla-

gewalt über die Neuverwendung dieses Reich-

ge für Umverteilung. Deliberative und partizi-

tums abzugeben. Dieser Akt und die Kommu-

patorische demokratische Prozesse werden als

nikation darüber rütteln an der Legitimität be-

Lösung für illegitime Machtkonzentrationen in

stehender Machtstrukturen und existierender

der Gesellschaft hervorgehoben und als zentra-

Ungleichheiten. Die Außenkommunikation des

ler Unterschied der anvisierten Rückverteilung

Guten Rats betont die Beispiel­losigkeit die-

von anderen Verteilungsformen markiert. Da in

ses Schrittes und seine Bedeutung. Insgesamt

dieser Perspektive ungleiche Machtkonzentra-

kann konstatiert werden, dass der Gute Rat

tionen eine Folge der individuellen Anhäufung

nicht nur kritische Diskurspositionen in Bezug

gesellschaftlich produzierten Reichtums sind,

auf Vermögenskonzentration und Ungleichheit

ist es konsequent, die Frage wie dieser Reichtum

gestärkt hat, sondern auch den Weg für die

wieder in die Gesellschaft zurückverteilt werden

Legitimierung umfassender, strukturell ausge-

kann, nicht dem Individuum zu überlassen, das

richteter Alternativen zur Bewältigung dieser

ihn gerade besitzt – dies wäre ein Weg den bei-

Probleme ebnet.

spielsweise philanthropische Ansätze verfolgen. Für den Guten Rat ist die Ausweitung partizipatorischer demokratischer Räume – und in diesem Zusammenhang auch des Personenkreises

7.4 Einordnung der Medien­ berichterstattung

der an demokratischer Willensbildung direkt

Wie in Kapitel 7.2 beschrieben, greift die Medien­

beteiligt ist – ein notwendiger Schritt zur Ver-

rezeption die wesentlichen systemkritischen

besserung des existierenden demokratischen

Aussagen, die den Kern der Kommunikation des

Systems. Ein Vergleich der stilisierten Diskurs­

Guten Rats ausmachen, auf – wenn auch teil-

positionen (Kapitel 5) mit der Kommunikation

weise in eingeschränkter Form. Dabei gibt es –

des Guten Rats zeigt interessanterweise, dass

insbesondere entlang politisch-redaktioneller

die stilisierte Diskursposition 6 (Umverteilung

Ausrichtungen und journalistischer Stilformen

als Sozialpolitik) in der Außenkommunikation

(siehe Tabelle 2 in Kapitel 6 und Abbildung 3 in

des Guten Rats keine relevante Erwähnung fin-

Kapitel 7.1) – Unterschiede zwischen einzelnen

det.

Medien bezüglich der Frage, inwieweit Diskurs­ positionen aufgegriffen, relativiert, ignoriert

Die Fähigkeit des Guten Rats, systemkritische

oder zurückgewiesen wurden. Analog zum voran-

und oft randständige Diskurspositionen zu

gegangenen Abschnitt ordnen wir folgend auch

stärken, wird besonders deutlich, wenn man

noch einmal die Medienrezeption breiter ein und

sie am Beispiel von Marlene Engelhorn selbst

heben bestehende Unterschiede hervor.

56


Ergebnisse: Der Gute Rat in den Medien

Für die Häufigkeit der medialen Darstellung der

gensverteilung eher aufzugreifen als rechts-kon-

Diskursposition Kritik am herrschenden gesell-

servative oder zentristische Medien, zeigt sich

schaftlichen Leitbild der Leistungsgesellschaft

auch im Falle der Diskursposition Hohe Vermö-

ist kein klarer Zusammenhang zur politisch-­ gen sind gesellschaftlich schädlich. Rechts-konredaktionellen Ausrichtung oder der journalisti-

servative Medien griffen diesen Diskurs ver-

schen Form der jeweiligen Medien bzw. Beiträge

gleichsweise seltener auf als links-liberale Me-

erkennbar (vgl. für diese und die folgenden Aus-

dien. Größere Unterschiede sind auch in Bezug

sagen die Tabellen A.2 und A.3 im Anhang).

auf journalistische Stilformen erkennbar: In tiefergehenden Reportagen und in Interviews

Anders stellt es sich im Falle der Diskursposition

verzeichnete diese Diskursposition viel größere

Der „Unterbau“ gesellschaftlicher Reichtumspro-

Relevanz, während ihre Präsenz bei meinungs-

duktion dar. Hinsichtlich der politisch-redaktio-

betonten Kommentaren und tatsachenbetonten

nellen Ausrichtung der Medien zeigt sich, dass

Nachrichten deutlich geringer ausfiel. Insgesamt

links-liberale Medien dieser Diskursposition mehr

wurde diese Perspektive in den Medien zudem

Platz einräumen als rechts-konservative oder zen-

deutlich oberflächlicher aufgegriffen als in der

tristische Medien. Bezüglich der journalistischen

Außenkommunikation des Guten Rats. So blieb

Form häuft sich die Diskursperspektive in tieferge-

der Zusammenhang zwischen hohem Wohlstand

henden Formaten wie Reportagen und – erstaunli-

und klimaschädlichem Lebensstil weitgehend

cherweise – in unterhaltenden ‚Soft News‘-Beiträ-

unbeachtet. Auch wurde der Aspekt ungleicher

gen. Allerdings wurden nicht alle Aspekte dieser

demokratischer Teilhabe meist nur mit den Fä-

Diskursposition in den Medien gleichermaßen be-

higkeiten zum politischen Lobbyismus und der

tont. Insbesondere Fragen zur systemischen Ent-

Machtkonzentration aufseiten wohlhabender

wertung sozialer und ökologischer Grundlagen der

Akteure in Verbindung gebracht – eine grund-

Gesellschaft blieben weitgehend unbeachtet – un-

sätzliche Kritik an ungleicher Verteilung von

abhängig von der politischen Ausrichtung oder

Macht sowie an der strukturellen Verknüpfung

der journalistischen Form. Nur wenige Punkte, die

von finanziellem und politischem Einfluss spiel-

sich auf die stilisierte Diskurs­position 8 beziehen,

te hingegen kaum eine Rolle.

tauchten in der Medienberichterstattung auf. Der größte Fokus innerhalb dieser Diskursposition

Die Diskursposition Demokratie als Grundla-

lag auf der Unterscheidung zwischen Rück- und

ge für Umverteilung erhielt über alle politisch-­

Umverteilung, einem zentralen, aber eben nicht

redaktionelle Ausrichtungen hinweg eine hohe

alleinigen Bestandteil der Außenkommunikation

Aufmerksamkeit, wobei rechts-konservative Me-

des Guten Rats.

dien etwas weniger auf diese Position eingingen. Hinsichtlich der journalistischen Form zeigt sich

Die Tendenz links-liberaler Medien, die grund-

eine deutliche Unterrepräsentation in meinungs-

sätzliche Kritik des Guten Rats an der Vermö-

betonten Kommentare und unterhaltenden ,Soft

57


Über Reichtum berichten

News‘-Formaten. Innerhalb dieses Diskurses lag

Ausdruck individueller Freiheit oder die Vorbild-

der Fokus der Medien vor allem auf der Auswahl

funktion reicher Philanthrop*innen. Diese Argu-

der Ratsmitglieder, mit einer mehrheitlichen Dar-

mente sind seit Langem fester Bestandteil medi-

stellung des Guten Rats als eindeutig partizipa-

aler Diskurse im Umgang mit Ungleichheit; deren

tiver demokratischer Raum. Weniger präsent war

Fortbestehen legitimiert die hohe Vermögens-

hingegen die Idee der deliberativen Demokratie

konzentration, während politische Maßnahmen

als prozessualem Mittel gegen Machtkonzentra-

zur Bekämpfung von Ungleichheit abgewertet

tion und Ungleichheit. Der Gute Rat wurde meist

werden (Cook, 2020; Theine & Grisold, 2020;

als isoliertes Beispiel betrachtet, während sein

Wisman & Smith, 2011). Die anhaltende Repro-

Potenzial für einen umfassenderen Systemwan-

duktion dieser Argumente durch die Medien er-

del kaum aufgegriffen wurde.

schwert es, bestehende Machtungleichheiten grundlegend infrage zu stellen.

In der Medienrezeption gab es auch deutliche Widerstände gegen die Positionen des Guten

Die Position der direkten Kritik am Guten Rat

Rats. Dies wird insbesondere deutlich durch die

ist teilweise mit der zuvor diskutierten Diskurs­

Diskursposition Systembewahrend: Vermögen-

position verknüpft und findet sich bei rechts-kon-

de tragen positiv zur ökonomischen und gesell-

servativen Medien sowie in Form meinungs-

schaftlichen Entwicklung bei, die besonders in

betonter Kommentare am häufigsten. In vielen

rechts-konservativen Medien aufgegriffen wur-

Beiträgen aus dieser Perspektive wurde der Gute

de. Vor allem in meinungsbetonten Kommenta-

Rat verzerrt dargestellt. Besonders auffällig war

ren und Interviews – was auf den Widerstand

die systematische Ausblendung der Verbindung

zurückzuführen ist, den Marlene Engelhorn und

zwischen Demokratie, Rückverteilung und Engel-

andere bei einigen dieser Interviews erfahren

horns Abgabe von Macht. Scharfe Kritik wurde

haben – wurde diese Perspektive artikuliert.

zudem an der Effektivität solcher Umverteilungs-

Diese Position ordnet sich darüber hinaus eher

ansätze geübt. Insbesondere wurden die hohen

in einem nationalen Kontext ein: Das System,

Kosten bemängelt, die in keinem Verhältnis zur

wie es vor allem in Deutschland und Österreich

angeblich geringen Innovationskraft und Durch-

funktioniert, habe dank eines funktionierenden

schlagskraft der Ergebnisse standen – etwa in

sozialen Sicherheitsnetzes faire Bedingungen

Bezug auf die Projektauswahl und den Umfang

zur individuellen Vermögensmehrung geschaf-

der rückverteilten Geldmittel.

fen. Dadurch wird die gesellschaftliche Relevanz Vermögender in der medialen Berichterstattung

Ein Vergleich der ungleichheitslegitimierenden

teilweise weiter legitimiert – sei es durch die

Diskurspositionen mit der Medienberichter-

Erzählung der Trickle-Down-Ökonomie (siehe

stattung zeigt, dass sich die Diskursposition 2

Kapitel 5), die Rolle Vermögender als Arbeitge-

(Vermögen gehören der Familie) nicht unter

ber*innen, die Akkumulation von Reichtum als

den Verteidigern der Ungleichheit findet. Dies

58


Ergebnisse: Der Gute Rat in den Medien

wirft die Frage auf, warum dieses Argument in

fachere Handlungsstränge, leicht verständliche

der Rechtfertigung bestehender Vermögens-

und „skandalöse“ Themen im Vordergrund ste-

verhältnisse kaum eine Rolle spielt, obwohl es

hen (Nolan, 2008). Mit Bezug auf den Guten Rat

potenziell als legitimierendes Narrativ dienen

zeigt sich dies insbesondere für die deliberativen

könnte.

und partizipativen Prozesse des Bürgerrats: ihnen wird eher mit Skepsis begegnet, das innovative

Die medial vorgebrachte Kritik an den Ansätzen

und demokratische Potenzial des Ansatzes tritt

des Guten Rats offenbart eine allgemeine Ten-

in den Hintergrund. Der Rückgriff auf etablierte

denz im Mediendiskurs: Während Kritikpunkte

Diskurse und oberflächliche Argumente erleich-

schnell gefunden sind, fehlen oft konstruktive

tert die schnelle Produktion einfacher und leicht

Alternativen oder eine ernsthafte Auseinander-

konsumierbarer Inhalte – was sich auch in der

setzung mit den vorgeschlagenen Lösungen

Dominanz tatsachenbetonter, aber wenig tief-

(Dammerer et al., 2023; Theine et al., 2023). Ein

gründiger Nachrichtenformate widerspiegelt

wesentlicher Grund dafür liegt in der Logik und

(Abbildung 3 in Kapitel 7.1).

Ausrichtung des Mediensystems begründet, das sich tendenziell auf leicht konsumierbare,

Die Tendenz, auf etablierte, leicht und schnell

konfliktträchtige und oft negativ gefärbte The-

konsumierbare Diskurse zurückzugreifen wird

men konzentriert (Cappella & Jamieson, 1997;

im Allgemeinen durch die Dynamiken des sich

Pickard, 2020; Soroka et al., 2019). Dies führt

verändernden Mediensystem weiter verstärkt

dazu, dass der politische Prozess oft als reines

(Chadwick, 2017; Langer & Gruber, 2021). Zuneh-

Machtspiel oder Konfliktfeld dargestellt wird,

mender wirtschaftlicher Druck, die Konkurrenz

während komplexe Themen, die spezialisiertes

durch Social-Media-Plattformen und sinkende

Wissen erfordern, eher vermieden werden. Statt

Nutzer*innenzahlen sind einige der Hauptgrün-

Komplexität verständlich aufzubereiten oder in

de für diese Entwicklung (insbesondere die wis-

einen breiteren Kontext zu stellen, bleiben tie-

senschaftliche Disziplin der politischen Ökono-

fere strukturelle Probleme häufig im Hintergrund

mie der Medien analysiert diese Entwicklungen,

(Kenski & Jamieson, 2017). Es kommt also zu

siehe Ferschli et al., 2019; Pickard, 2023; Theine

einer „Tabloidisierung“, indem zunehmend ein-

et al., 2025; Theine & Grabner, 2023).

59


Über Reichtum berichten

8 Fazit

Der Gute Rat für Rückverteilung wurde gegrün-

ist die Diskursposition des Unterbaus der gesell-

det, um einen Großteil von Marlene Engelhorns

schaftlichen Reichtumsproduktion. Sie stellt den

Erbe – 25 Millionen Euro – an die Gesellschaft

dominanten Mythos in Frage, dass individueller

rückzuverteilen. Der Prozess und die Arbeit des

Reichtum allein auf persönlicher Leistung beruht

Guten Rats wurden von einer aktiven Außenkom-

und verweist stattdessen auf die Bedeutung von

munikation begleitet und fanden ein breites Me-

kollektiven Produktionsprozessen sowie maß-

dienecho. In diesem Arbeitspapier wurden die

geblichen gesellschaftlichen Rahmenbedingun-

beiden Diskursebenen mithilfe der Kritischen

gen. Der Gute Rat zeigt dadurch auf, dass Reich-

Diskursanalyse detailliert untersucht.

tum nicht unabhängig von sozialen, kulturellen, ökologischen und politischen Strukturen ange-

Unsere Analyse zeigt, dass der Gute Rat sowohl

häuft werden kann und dass seine ungleiche

in den sozialen Medien als auch über seine

Verteilung nicht nur finanzielle, sondern auch

Website und per Pressemitteilungen eine starke

demokratische Folgen hat. Diese Einsicht bildet

öffentliche Präsenz hatte. Die verbreitete Bot-

die Grundlage für die Forderung nach Vermö-

schaft war klar: Das Erbe von Marlene Engelhorn

gens- und Erbschaftssteuern sowie nach einer

gehört der Gesellschaft, denn es beruht auf so-

demokratischen Rückverteilung. Zugleich zeigt

zialen und strukturellen Bedingungen, die über

der Gute Rat, wie demokratische Teilhabe an Ent-

individuelle Leistungen hinausgehen. In der Au-

scheidungsprozessen wirksam gestaltet werden

ßenkommunikation des Guten Rats standen zen-

kann. Indem er die Bürger*innen aktiv in die

trale Themen wie die massive Ungleichverteilung

Entscheidungen einbezieht, dient er als Beispiel

des Reichtums, damit verbundene Machtasym-

und Modell für ähnliche politische Beteiligungs-

metrien und die Notwendigkeit demokratischer

prozesse auf regionaler und nationaler Ebene,

Prinzipien bei der Umverteilung im Vordergrund.

um komplexe und polarisierende Themen wie die

Demokratie und Partizipation wurden als unver-

Vermögensverteilung effektiv und demokratisch

zichtbare Grundlagen für eine gerechte Umvertei-

anzugehen. Der Gute Rat reiht sich damit in eine

lung des Reichtums hervorgehoben. Diese Positi-

Reihe von zivilgesellschaftlichen Initiativen ein,

onen waren geprägt von einer strukturellen Kritik

die in den letzten Jahren im deutschsprachigen

an der wachsenden Ungleichheit und unzurei-

Raum entstanden sind, um auf das hohe Maß an

chenden staatlichen Maßnahmen dagegen, was

Ungleichheit und mangelnder Umverteilung auf-

als Ausdruck systemischer Fehlentwicklungen

merksam zu machen. Er zeigt eindrucksvoll, wie

verstanden wurde. Besonders hervorzuheben

wichtig es ist, unterschiedliche gesellschaftliche

60


Fazit

Gruppen einzubinden, um innovative Lösungen

gewisse Zurückhaltung der Medien im Umgang

zu entwickeln und die demokratische Legitima-

mit als sozio-ökonomisch ‚links‘ wahrgenom-

tion von Entscheidungen zu stärken.

menen Positionen, was Forschungsarbeiten zum Umgang der Medien mit Ungleichheit bestätigen

Mit Blick auf die Medienberichterstattung wird

(Dammerer et al., 2023; Gartiser, 2025; Grisold

deutlich, dass es dem Guten Rat auf den ers-

& Theine, 2020; Theine & Grisold, 2020). Unse-

ten Blick durchaus gelungen ist, seine zentra-

re Analyse zeigt darüber hinaus, dass Medien

len Botschaften zu platzieren. Die Verteilung

meist in der betont neutralen Form tatsachenbe-

und Gewichtung der Diskurspositionen in der

tonter Nachrichten berichteten. Damit wurde ein

Medienberichterstattung spiegelt weitgehend

journalistischer Stil bevorzugt, der kaum Raum

die Prioritäten des Rats wider. Allerdings gibt

für systemische Fragen lässt, damit eher dazu

es auch deutliche Unterschiede. Neben der Dis-

beiträgt, den Status quo aufrechtzuerhalten und

kussion um die hohe Ungleichheit waren in der

es alternativen Gesellschaftsbildern erschwert,

Berichterstattung auch systemerhaltende Posi­

im öffentlichen Diskurs Fuß zu fassen.

tionen prominent vertreten. Auch wurde häufig die Unabhängigkeit des Rats von Marlene Engel-

Trotz dieser Herausforderungen muss der Gute

horn in Frage gestellt. Strukturelle Fragen, wie

Rat als gelungenes Beispiel dafür verstanden

der Zusammenhang zwischen Ungleichheit und

werden, wie zivilgesellschaftliche Organisatio-

Eigentum, Ausbeutung oder Klimawandel, wur-

nen Umverteilung, Ungleichheit und Macht er-

den medial hingegen kaum thematisiert. Darü-

folgreich in den öffentlichen Diskurs einbringen

ber hinaus verlief die Medienberichterstattung

können. Die Außenkommunikation des Rats hat

oft oberflächlich und orientierte sich stark an

es geschafft, die eigenen Kernbotschaften me-

der Geschichte und den Aussagen von Marlene

dial zu eta­blieren und Diskussionen anzustoßen.

Engelhorn. Strukturelle Aspekte der Botschaften

Ob diese Ansätze jedoch zu einer langfristigen

des Guten Rats wurden häufig stark vereinfacht

Veränderung des Diskurses führen können,

oder zugunsten von kontroversen Erzählungen

bleibt abzuwarten. Der bisherige Erfolg, verstan-

beiseitegeschoben. Dies könnte auf journalis-

den als Umfang und Inhalt der Berichterstat-

tische Arbeitsmethoden und Medienlogiken zu-

tung, zeigt jedoch, dass gut durchdachte und

rückzuführen sein, die eine Vereinfachung und

konsequent durchgeführte Öffentlichkeitsarbeit

Personalisierung von Themen bevorzugen. An-

auch bei komplexen und kontroversen Themen

dererseits zeigt der starke Rückgriff auf Zitatio-

wie Ungleichheit und Vermögensverteilung Wir-

nen und eine distanzierte Berichterstattung eine

kung zeigen kann.

61


Über Reichtum berichten

Anhang

Tabelle A.1

Relevanz der Diskurspositionen in der Außenkommunikation des Guten Rats und der Medien­ berichterstattung

Diskurspositionen

Summe Außenkommunikation

Prozentualer Anteil in Außenkommunikation

Summe Medienberichterstattung

Prozentualer Anteil in Berichterstattung

Kritik am Guten Rat

9

0,56

376

17,03

Hohe Vermögen sind gesamtgesellschaftlich schädlich

384

23,81

402

18,21

Kritik am herrschenden Leitbild der Leistungs­ gesellschaft

100

6,2

141

6,39

Demokratie als Grundlage für Umverteilung

639

39,62

576

26,09

Systemversagen

282

17,48

281

12,73

Systembewahrend

0

0

139

6,3

‚Unterbau‘ gesellschaft­ licher Reichtumsproduktion

199

12,34

293

13,27

Quelle: Eigene Darstellung. Datengrundlage: 137 originäre Veröffentlichungen des Guten Rats (Beiträge auf der Website, Posts, Reels und Pressemitteilungen) sowie 162 Artikel und Beiträge von 26 Medien. Diese Übersichtstabelle zeigt die Gesamtverteilung der Diskurspositionen in der Außenkommunikation des Guten Rats und in der Medienrezeption. Die Summenspalten beziehen sich auf die Anzahl der insgesamt kodierten Segmente, die sich auf jede Diskursposition im Korpus des jeweiligen Datensatzes beziehen. Der Prozentsatz zeigt das Gewicht jeder Diskursposition innerhalb des Datensatzes, d. h. welcher Prozentsatz der Segmente einer Diskursposition über alle kodierten Segmente zuzuordnen ist. Dies verdeutlicht die Verteilung der Diskurse innerhalb eines Datensatzes und zeigt die Bedeutung oder den Raum, der den einzelnen Positionen im Vergleich zueinander zugewiesen wird.

62


Anhang

Tabelle A.2

Diskursverteilung nach politisch-redaktioneller Ausrichtung

Diskurspositionen

links-liberal (%)

zentristisch (%)

rechts-konservativ (%)

Kritik am Guten Rat

14,5

12,19

28,42

Hohe Vermögen sind gesamt­ gesellschaftlich schädlich

19,23

20,22

12,33

Kritik am herrschenden Leitbild der Leistungsgesellschaft

5,91

6,37

6,85

Demokratie als Grundlage für Umverteilung

28,14

30,75

22,26

Systemversagen

12,14

18,28

9,93

Systembewahrend

6,02

4,99

10,62

‚Unterbau‘ gesellschaft­licher Reichtumsproduktion

14,07

7,2

9,59

Quelle: Eigene Darstellung. Datengrundlage: 162 Artikel und Beiträge von 26 Medien. Diese Tabelle zeigt die Verteilung der Diskurspositionen für jede Kategorie der politisch-redaktionellen Ausrichtung. Die Zahlen sind als Prozentsätze ausgedrückt und zeigen das Gewicht jeder Diskursposition innerhalb der Teilmenge der Dokumente, die einer politischen Ausrichtung zugeordnet sind. Dies zeigt, wie viel „Gewicht“ (welcher Prozentsatz der kodierten Segmente/alle kodierten Segmente) jede politische Kategorie den verschiedenen Diskursen gab, ergo wie wichtig diese für jede Teilmenge waren.

63


Über Reichtum berichten

Tabelle A.3

Diskursverteilung nach journalistischem Stil

Diskurspositionen

tiefergehende Reportage (%)

tatsachen­ betonte Nachricht (%)

Soft -News (%)

meinungs­ betonter Kommentar (%)

Interview (%)

Kritik am Guten Rat

16,96

19,45

21,33

22,74

10,14

Hohe Vermögen sind gesamtgesellschaftlich schädlich

18,3

14,23

22,67

14,8

22,31

Kritik am herrschenden gesellschaftlichen Leitbild der Leistungsgesellschaft

4,91

5,22

10,67

6,86

7,64

Demokratie als Grundlage für die Umverteilung

31,92

33,16

9,33

9,75

20,44

Systemversagen

9,38

10,97

6,67

14,8

16,54

Systembewahrend

2,01

1,83

5,33

18,77

9,36

‚Unterbau‘ gesellschaft­ licher Reichtumsproduktion

16,52

15,14

24

12,27

13,57

Quelle: Eigene Darstellung. Datengrundlage: 162 Artikel und Beiträge von 26 Medien. Diese Tabelle zeigt die Verteilung der Diskurspositionen für die unterschiedlichen journalistischen Stilformen an. Die Zahlen sind als Prozentsätze ausgedrückt und zeigen das Gewicht jeder Diskursposition innerhalb der Teilmenge der Dokumente, die einem bestimmten Stil zugeordnet sind. Dies zeigt, wie viel „Gewicht“ (welcher Prozentsatz der kodierten Segmente/alle kodierten Segmente) jeder Artikelstil den verschiedenen Diskursen gab, ergo wie wichtig diese für jede Teilmenge waren.

Tabelle A.4

Verteilung der kodierten Dokumente in der Außenkommunikation des Guten Rats

Außenkommunikation Website

7

Reels

61

Posts

52

YouTube

12

Presse

5

Quelle: Eigene Darstellung.

64


Anhang

Quellenverzeichnis

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Über Reichtum berichten

Verzeichnis der Abbildungen und Tabellen Abbildung 1:

Anzahl der Reels und Posts auf den unterschiedlichen Social-Media-Plattformen.............. 24

Abbildung 2:

Außenkommunikation des Guten Rats und mediale Rezeption in ausgewählten Medien (Januar bis November 2024)....................................................... 31

Abbildung 3:

Berichterstattung über den Guten Rat nach journalistischer Form (in Prozent)....................32

Abbildung 4:

Relevanz der Diskurspositionen in Außenkommunikation und Medienberichterstattung...........................................................................................33

Abbildung 5:

Sharepics des Guten Rats zum Thema Vermögensungleichheit in Österreich......................35

Abbildung 6:

Infografiken des Guten Rats zum Zusammenhang von Ungleichheit und Klimaschäden......35

Abbildung 7:

Forderung des Guten Rats nach höheren Steuern............................................................. 36

Abbildung 8:

Infografik des Guten Rats zum Zusammenhang von Vermögen und Erbschaften................. 39

Abbildung 9:

Infografik des Guten Rats zum Zusammenhang von Vermögensungleichheit und Bildungschancen........................................................... 39

Abbildung 10:

Infografik des Guten Rats zum Unterschied zwischen Rückverteilung und Philanthropie........................................................................................................... 42

Tabelle 1:

Chronik des Guten Rats.................................................................................................... 11

Tabelle 2:

Untersuchte Medien.........................................................................................................25

Tabelle 3:

Informationen zu den Interviewpartner*innen.................................................................. 29

74


Anhang

Hinweise zu den Autor*innen Hendrik Theine ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Socio-Ecological Transformation Lab und am Institut für die Gesamtanalyse der Wirtschaft (ICAE) an der Johannes Kepler Universität Linz sowie Postdoctoral Fellow am Media, Inequality & Change Center (MIC) der Annenberg School for Communication, University of Pennsylvania. Er erforscht Mediendiskurse zur Klimakrise, wirtschaftlicher Ungleichheit und sozio-ökologischer Transformation sowie die Macht- und Konzentrationsdynamiken in Medienmärkten und im digitalen Kapitalismus. Carlotta Verita ist wissenschaftliche Mitarbeiterin (prae-doc) am Institut für die Gesamtanalyse der Wirtschaft (ICAE) an der Johannes Kepler Universität Linz und arbeitet an „Socio-Ecological Transformation“ (SET)-bezogenen Projekten. Im Jahr 2023 schloss sie ihr Masterstudium an der Wirtschaftsuniversität Wien in sozio-ökologischer Ökonomie und Politik ab. Ihre Masterarbeit betrachtete den Zusammenhang von wirtschaftlicher Ungleichheit und der Klimakrise in der US-Medienlandschaft. Moritz Gartiser hat seine Promotion am Institut für Sozioökonomie der Universität Duisburg-Essen Ende 2024 abgeschlossen. Er forschte dort zu steuerpolitischen Diskursen in den Medien und deren Auswirkungen auf ungleiche Machtverhältnisse und das Steuerwissen in der Bevölkerung. Seine Dissertation „No representation in taxation?: Tax illiteracy and the development of wealth taxation frames in German news media, 2000–2021“ ist unter folgendem Link abrufbar: https://doi. org/10.17185/DUEPUBLICO/82812

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Über Reichtum berichten

OBS-Arbeitspapiere Infos und Download: www.otto-brenner-stiftung.de

Nr. 78

Künstliche Intelligenz im medialen Diskurs. Wird soziale Gerechtigkeit ausgeblendet? (Elke Grittmann, Lina Brink, Peter Kann)

Nr. 77

Einschüchterung ist das Ziel. Strategische Klagen gegen öffentliche Beteiligung (SLAPPs) in Deutschland (Stefanie Egidy)

Nr. 76

Im öffentlichen Auftrag. Zusammensetzung und Arbeitsweise der öffentlich-rechtlichen Rundfunkgremien (Peter Stawowy)

Nr. 75

Künstliche Intelligenz in politischen Kampagnen. Akzeptanz, Wirkung und Wahrnehmung (Simon Kruschinski, Pablo Jost, Hannah Fecher, Tobias Scherer)

Nr. 74

Tragische Einzelfälle? Trendreport zur Berichterstattung über Gewalt gegen Frauen (Christine E. Meltzer)

Nr. 73

Social-Media-Partei AfD? Digitale Landtagswahlkämpfe im Vergleich (Maik Fielitz, Harald Sick, Michael Schmidt, Christian Donner)

Nr. 72

Öffentlichkeit ohne Journalismus? Rollenverschiebungen im lokalen Raum (Barbara Witte, Gerhard Syben)

Nr. 71

Finanzbildung als politisches Projekt. Eine kritische Analyse der FDP-Initiative zur finanziellen Bildung (Thomas Höhne)

Nr. 70

‚Falsche Propheten‘ in Sachsen. Extrem rechte Agitation im Landtag (Ulf Bohmann, Moritz Heinrich, Matthias Sommer)

Nr. 69

ARD, ZDF und DLR im Wandel. Reformideen und Zukunftsperspektiven (Jan Christopher Kalbhenn)

Nr. 68

Engagiert und gefährdet. Ausmaß und Ursachen rechter Bedrohungen der politischen Bildung in Sachsen (Thomas Laux, Teresa Lindenauer)

Nr. 67

Viel Kraft – wenig Biss. Wirtschaftsberichterstattung in ARD und ZDF (Henrik Müller, Gerret von Nordheim)

Nr. 66

Reklame für Klimakiller. Wie Fernseh- und YouTube-Werbung den Medienstaatsvertrag verletzt (Uwe Krüger, Katharina Forstmair, Alexandra Hilpert, Laurie Stührenberg)

Nr. 65

Schlecht beraten? Die wirtschaftspolitischen Beratungsgremien der Bundesregierung in der Kritik (Dieter Plehwe, Moritz Neujeffski, Jürgen Nordmann)

Nr. 64

Arbeitswelt und Demokratie in Ostdeutschland. Erlebte Handlungsfähigkeit im Betrieb und (anti)demokratische Einstellungen (Johannes Kiess, Alina Wesser-Saalfrank, Sophie Bose, Andre Schmidt, Elmar Brähler & Oliver Decker)

Nr. 63

Konzerne im Klimacheck. ,Integrated Business Reporting‘ als neuer Ansatz der Unternehmensberichterstattung (Lutz Frühbrodt)

Nr. 62

Auf der Suche nach Halt. Die Nachwendegeneration in Krisenzeiten (Simon Storks, Rainer Faus, Jana Faus)

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OBS-Arbeitspapier 79 ISSN: 2365-1962 (nur online)

Die Otto Brenner Stiftung … ... ist die gemeinnützige Wissenschaftsstiftung der IG Metall. Sie hat ihren Sitz in Frankfurt am Main. Als Forum für gesellschaft­ liche Diskurse und Einrichtung der Forschungsförderung ist sie dem Ziel der sozialen Gerechtigkeit verpflichtet. Besonderes Augen­merk gilt dabei dem Ausgleich zwischen Ost und West.

Herausgeber: Otto Brenner Stiftung Can Gülcü Wilhelm-Leuschner-Straße 79 D-60329 Frankfurt am Main Tel.: 069-6693-2584 E-Mail: info@otto-brenner-stiftung.de www.otto-brenner-stiftung.de

... initiiert den gesellschaft­ lichen Dialog durch Veranstaltungen, Workshops und Koopera­ tionsveranstaltungen (z. B. im Herbst die OBS-Jahrestagungen), organisiert Konferenzen, lobt jährlich den „Otto Brenner Preis für kritischen Journalismus“ aus, fördert wissenschaftliche Untersuchungen zu sozialen, arbeitsmarkt- und gesellschaftspolitischen Themen und legt aktuelle medienkritische und -politische Analysen vor.

Für die Autor*innen: Hendrik Theine Johannes Kepler Universität Linz Mail: Hendrik.theine@jku.at Redaktion & Lektorat: Benedikt Linden (OBS)

... informiert regelmäßig mit einem Newsletter über Projekte, Publikationen, Termine und Veranstaltungen.

Satz und Gestaltung: Isabel Grammes, think and act Titelbild: Hanna Fasching Redaktionsschluss: 05. März 2025

... veröffentlicht die Ergebnisse ihrer Forschungsförderung in der Reihe „OBS-Arbeitshefte“ oder als Arbeitspapiere (nur online). Die Arbeitshefte werden, wie auch alle anderen Publikationen der OBS, kostenlos abgegeben. Über die Homepage der Stiftung können sie auch elektronisch bestellt werden. Vergriffene Hefte halten wir als PDF zum Download bereit unter: www.otto-brennerstiftung.de/wissenschaftsportal/ publikationen/ ... freut sich über jede ideelle Unterstützung ihrer Arbeit. Aber wir sind auch sehr dankbar, wenn die Arbeit der OBS materiell gefördert wird. ... ist zuletzt durch Bescheid des Finanzamtes Frankfurt am Main V (-Höchst) vom 16. November 2023 als ausschließlich und unmittelbar gemeinnützig anerkannt worden. Aufgrund der Gemeinnützigkeit der Otto Brenner Stiftung sind Spenden steuerlich absetzbar bzw. begünstigt.

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gleichen Bedingungen 4.0 International“-Lizenz (CC BY-NCSA 4.0) veröffentlicht. Die Inhalte sowie Grafiken und Abbildungen dürfen, sofern nicht anders angegeben, in jedwedem Format oder Medium vervielfältigt und weiterverbreitet, geremixt und verändert werden, sofern keine Nutzung für kommerzielle Zwecke stattfindet. Ferner müssen angemessene Urheber- und Rechteangaben gemacht, ein Link zur Lizenz beigefügt und angeben werden, ob Änderungen vorgenommen wurden. Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der Lizenz­ information auf https://creativecommons.org/licenses/ by-nc-sa/4.0/deed.de

In den Arbeitspapieren werden die Ergebnisse der Forschungsförderung der Otto Brenner Stiftung dokumentiert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Für die Inhalte sind die Autorinnen und Autoren verantwortlich. Download und weitere Informationen: www.otto-brenner-stiftung.de

OBS-Arbeitsheft 114*

Marlis Prinzing, Mira Keßler, Melanie Radue

Berichten über Leid und Katastrophen

Die Ahrtalflut 2021 aus Betroffenen- und Mediensicht sowie Lehren für künftige Krisen

OBS-Arbeitsheft 113*

Janine Greyer-Stock, Julia Lück-Benz

Moderne Wirtschaftsberichterstattung?

Wie Podcasts auf Spotify und in der ARD Audiothek über Wirtschaft sprechen

OBS-Arbeitsheft 112*

Leif Kramp, Stephan Weichert

Whitepaper Non-Profit-Journalismus

Handreichungen für Medien, Politik und Stiftungswesen

OBS-Arbeitsheft 111*

Janis Brinkmann

Journalistische Grenzgänger

Wie die Reportage-Formate von funk Wirklichkeit konstruieren

OBS-Arbeitsheft 110*

Henning Eichler

Journalismus in sozialen Netzwerken

Hinweis zu den Nutzungsbedingungen:

Dieses Arbeitspapier ist unter der Creative Commons „Namens­nennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter

Aktuelle Ergebnisse der Forschungsförderung in der Reihe „OBS-Arbeitshefte“

Spenden erfolgen nicht in den Vermögensstock der Stiftung, sie werden ausschließlich und zeitnah für die Durchführung der Projekte entsprechend dem Verwendungszweck genutzt. Bitte nutzen Sie folgende Spendenkonten: Für Spenden mit zweckgebundenem Verwendungszweck zur Förderung von Wissenschaft und Forschung zum Schwerpunkt: • Förderung der internationalen Gesinnung und des Völkerverständigungsgedankens Bank: IBAN: BIC:

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ARD und ZDF im Bann der Algorithmen?

OBS-Arbeitsheft 109*

Barbara Witte, Gerhard Syben

Erosion von Öffentlichkeit

Freie Journalist*innen in der Corona-Pandemie

OBS-Arbeitsheft 108*

Victoria Sophie Teschendorf, Kim Otto

Framing in der Wirtschaftsberichterstattung

Der EU-Italien-Streit 2018 und die Verhandlungen über Corona-Hilfen 2020 im Vergleich

OBS-Arbeitsheft 107*

Leif Kramp, Stephan Weichert

Konstruktiv durch Krisen?

Fallanalysen zum Corona-Journalismus

OBS-Arbeitsheft 106*

Für Spenden mit zweckgebundenem Verwendungszweck zur Förderung von Wissenschaft und Forschung zu den Schwerpunkten:

Lutz Frühbrodt, Ronja Auerbacher

• Angleichung der Arbeits- und Lebensverhältnisse in Ost- und Westdeutschland (einschließlich des Umweltschutzes) • Entwicklung demokratischer Arbeitsbeziehungen in Mittel- und Osteuropa • Verfolgung des Zieles der sozialen Gerechtigkeit

Der Podcast-Boom in Deutschland

Bank: IBAN: BIC:

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Geben Sie bitte Ihre vollständige Adresse auf dem Überweisungsträger an, damit wir Ihnen nach Eingang der Spende eine Spendenbescheinigung zusenden können. Oder bitten Sie in einem kurzen Schreiben an die Stiftung unter Angabe der Zahlungsmodalitäten um eine Spendenbescheinigung. Verwaltungsrat und Geschäftsführung der Otto Brenner Stiftung danken für die finanzielle Unterstützung und versichern, dass die Spenden ausschließlich für den gewünschten Verwendungszweck genutzt werden.

Den richtigen Ton treffen OBS-Arbeitsheft 105*

Hektor Haarkötter, Filiz Kalmuk

Medienjournalismus in Deutschland

Seine Leistungen und blinden Flecken

OBS-Arbeitsheft 104*

Valentin Sagvosdkin

Qualifiziert für die Zukunft?

Zur Pluralität der wirtschaftsjournalistischen Ausbildung in Deutschland * Printfassung leider vergriffen; Download weiterhin möglich. Diese und weitere Publikationen der OBS finden Sie unter www.otto-brenner-stiftung.de Otto Brenner Stiftung | Wilhelm-Leuschner-Straße 79 | D-60329 Frankfurt/Main


OBS-Arbeitspapier 79

Hendrik Theine, Carlotta Verita, Moritz Gartiser

OBS-Arbeitspapier 79

Über Reichtum berichten

Über Reichtum berichten Der „Gute Rat für Rückverteilung“ in den Medien

Der „Gute Rat für Rückverteilung“ in den Medien www.otto-brenner-stiftung.de

EIN PROJEKT DER OTTO BRENNER STIFTUNG FRANKFURT AM MAIN 2025


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