OBS-Arbeitspapier 79
Hendrik Theine, Carlotta Verita, Moritz Gartiser
OBS-Arbeitspapier 79
Über Reichtum berichten
Über Reichtum berichten Der „Gute Rat für Rückverteilung“ in den Medien
Der „Gute Rat für Rückverteilung“ in den Medien www.otto-brenner-stiftung.de
EIN PROJEKT DER OTTO BRENNER STIFTUNG FRANKFURT AM MAIN 2025
OBS-Arbeitspapier 79 ISSN: 2365-1962 (nur online)
Die Otto Brenner Stiftung … ... ist die gemeinnützige Wissenschaftsstiftung der IG Metall. Sie hat ihren Sitz in Frankfurt am Main. Als Forum für gesellschaft liche Diskurse und Einrichtung der Forschungsförderung ist sie dem Ziel der sozialen Gerechtigkeit verpflichtet. Besonderes Augenmerk gilt dabei dem Ausgleich zwischen Ost und West.
Herausgeber: Otto Brenner Stiftung Can Gülcü Wilhelm-Leuschner-Straße 79 D-60329 Frankfurt am Main Tel.: 069-6693-2584 E-Mail: info@otto-brenner-stiftung.de www.otto-brenner-stiftung.de
... initiiert den gesellschaft lichen Dialog durch Veranstaltungen, Workshops und Koopera tionsveranstaltungen (z. B. im Herbst die OBS-Jahrestagungen), organisiert Konferenzen, lobt jährlich den „Otto Brenner Preis für kritischen Journalismus“ aus, fördert wissenschaftliche Untersuchungen zu sozialen, arbeitsmarkt- und gesellschaftspolitischen Themen und legt aktuelle medienkritische und -politische Analysen vor.
Für die Autor*innen: Hendrik Theine Johannes Kepler Universität Linz Mail: Hendrik.theine@jku.at Redaktion & Lektorat: Benedikt Linden (OBS)
... informiert regelmäßig mit einem Newsletter über Projekte, Publikationen, Termine und Veranstaltungen.
Satz und Gestaltung: Isabel Grammes, think and act Titelbild: Hanna Fasching Redaktionsschluss: 05. März 2025
... veröffentlicht die Ergebnisse ihrer Forschungsförderung in der Reihe „OBS-Arbeitshefte“ oder als Arbeitspapiere (nur online). Die Arbeitshefte werden, wie auch alle anderen Publikationen der OBS, kostenlos abgegeben. Über die Homepage der Stiftung können sie auch elektronisch bestellt werden. Vergriffene Hefte halten wir als PDF zum Download bereit unter: www.otto-brennerstiftung.de/wissenschaftsportal/ publikationen/ ... freut sich über jede ideelle Unterstützung ihrer Arbeit. Aber wir sind auch sehr dankbar, wenn die Arbeit der OBS materiell gefördert wird. ... ist zuletzt durch Bescheid des Finanzamtes Frankfurt am Main V (-Höchst) vom 16. November 2023 als ausschließlich und unmittelbar gemeinnützig anerkannt worden. Aufgrund der Gemeinnützigkeit der Otto Brenner Stiftung sind Spenden steuerlich absetzbar bzw. begünstigt.
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OBS-Arbeitsheft 114*
Marlis Prinzing, Mira Keßler, Melanie Radue
Berichten über Leid und Katastrophen
Die Ahrtalflut 2021 aus Betroffenen- und Mediensicht sowie Lehren für künftige Krisen
OBS-Arbeitsheft 113*
Janine Greyer-Stock, Julia Lück-Benz
Moderne Wirtschaftsberichterstattung?
Wie Podcasts auf Spotify und in der ARD Audiothek über Wirtschaft sprechen
OBS-Arbeitsheft 112*
Leif Kramp, Stephan Weichert
Whitepaper Non-Profit-Journalismus
Handreichungen für Medien, Politik und Stiftungswesen
OBS-Arbeitsheft 111*
Janis Brinkmann
Journalistische Grenzgänger
Wie die Reportage-Formate von funk Wirklichkeit konstruieren
OBS-Arbeitsheft 110*
Henning Eichler
Journalismus in sozialen Netzwerken
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Aktuelle Ergebnisse der Forschungsförderung in der Reihe „OBS-Arbeitshefte“
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ARD und ZDF im Bann der Algorithmen?
OBS-Arbeitsheft 109*
Barbara Witte, Gerhard Syben
Erosion von Öffentlichkeit
Freie Journalist*innen in der Corona-Pandemie
OBS-Arbeitsheft 108*
Victoria Sophie Teschendorf, Kim Otto
Framing in der Wirtschaftsberichterstattung
Der EU-Italien-Streit 2018 und die Verhandlungen über Corona-Hilfen 2020 im Vergleich
OBS-Arbeitsheft 107*
Leif Kramp, Stephan Weichert
Konstruktiv durch Krisen?
Fallanalysen zum Corona-Journalismus
OBS-Arbeitsheft 106*
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Der Podcast-Boom in Deutschland
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Den richtigen Ton treffen OBS-Arbeitsheft 105*
Hektor Haarkötter, Filiz Kalmuk
Medienjournalismus in Deutschland
Seine Leistungen und blinden Flecken
OBS-Arbeitsheft 104*
Valentin Sagvosdkin
Qualifiziert für die Zukunft?
Zur Pluralität der wirtschaftsjournalistischen Ausbildung in Deutschland * Printfassung leider vergriffen; Download weiterhin möglich. Diese und weitere Publikationen der OBS finden Sie unter www.otto-brenner-stiftung.de Otto Brenner Stiftung | Wilhelm-Leuschner-Straße 79 | D-60329 Frankfurt/Main
Vorwort
Vorwort
Seit 1987 veröffentlicht das US-amerikanische Wirtschaftsmagazin Forbes jährlich die „World’s Billionaires“-Liste, eine Übersicht der reichsten Menschen der Welt. Ein neues Feature macht inzwischen auch möglich, die Vermögensentwicklung aller (bekannten) Milliardäre weltweit tagesaktuell zu verfolgen. Im erratischen Takt der Finanzmärkte lässt sich beobachten, wie innerhalb von Stunden einige Milliarden gewonnen oder verloren werden. Es lohnt sich allerdings auch, die zeitliche Perspektive in die andere Richtung auszuweiten und mehrere Jahre zurückzublicken. Das börseninduzierte, milliardenschwere tägliche Auf und Ab verdeckt, dass die Vermögensentwicklung der Reichsten seit Jahrzehnten weltweit nur eine Richtung kennt: steil nach oben. Im Jahr 2000 führte Bill Gates die Forbes-Liste mit einem Gesamtvermögen von rund 60 Milliarden Dollar an. Wer über 20 Milliarden verfügte, schaffte es bereits in die Top Ten, die zusammen auf ein Vermögen von rund 275 Milliarden Dollar kamen. 25 Jahre später müssen die Besitzer*innen von 20 Milliarden Dollar zittern, ob sie es überhaupt noch in die Klasse der weltweit reichsten 100 Menschen schaffen. Elon Musk vereinte als neuer Spitzenreiter zeitweise mit mehr als 400 Milliarden Dollar rund das Siebenfache des Bill Gates’ der 2000er Jahre – und die Top Ten 2025 sind rund zwei Billionen Dollar wert. Dass eine solche Konzentration von Vermögen – und damit einhergehend auch Macht – in den Händen einer kleinen Gruppe von Menschen nicht dauerhaft neben demo kratischen Prozessen und Institutionen existieren kann, ist ein Gemeinplatz kritischer Akteure aus Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft. Die gegenwärtigen Entwicklungen in den USA zeigen exemplarisch, dass aus Sicht der Superreichen die Zeit nun gekommen scheint, die immer schon recht locker sitzenden demokratischen Fesseln vollends abzuwerfen und den Kritiker*innen vorzuführen, dass sie mit ihren Befürchtungen genau richtig lagen: Mit wenigen hundert Millionen Dollar kauft sich Musk einen Platz in der Regierung und dirigiert den schnellen Takt der Demontage demokratischer Institutionen. Denen, die sich nicht auf den Reichenlisten dieser Welt wiederfinden, bleibt nach dieser offenen Kampfansage nichts anderes übrig, als den Federhandschuh aufzuheben und nach Möglichkeiten zu suchen, die gefährliche Vermögens- und Machtkonzentration abzubauen (sowie künftig ganz zu verhindern). Zu den Mitstreiter*innen in diesem Einsatz für Demokratie und Gleichheit gehört eindeutig auch Marlene Engelhorn. Die österreichische
1
Über Reichtum berichten
Millionenerbin kämpft für eine höhere Besteuerung reicher Personen und hat im letzten Jahr 90 Prozent ihres Erbes (rund 25 Millionen Euro) an die Gesellschaft zurückgegeben. Was Engelhorn auszeichnet, ist nicht der Fakt, dass sie auf Vermögen verzichtet – das haben andere Reiche ebenfalls getan (auch wenn ihr relativer Verzicht beachtlich ist). Bemerkenswert ist vielmehr, dass sie die Aufgabe ihres Vermögens bewusst politisiert und die Entscheidung über die Verteilung des Geldes demokratisiert hat. Mit ihrem Projekt des „Guten Rats für Rückverteilung“ überließ sie 50 repräsentativ ausgewählten Menschen in Österreich, die begleitet von Expert*innen, Moderator*innen und eigener Öffentlichkeitsarbeit sechs Wochen diskutierten, weitgehend die Entscheidung über die Verwendung ihres Millionenerbes. Sie grenzt sich damit bewusst von den philanthropischen Inszenierungen ihrer ‚Klassenkamerad*innen‘ ab, die sich – durchaus mit der ehrlichen Intention „Gutes zu tun“ – durch wohltätige Spenden und Förderungen wahlweise ein gutes Gewissen, humanistische Ausstrahlung oder politische Aufmerksamkeit erkaufen. Engelhorn scheint die Worte des südamerikanischen Publizisten Eduardo Galeano verinnerlicht zu haben – „Wohltätigkeit [wirkt] von oben nach unten, [sie] ändert nie auch nur ein bisschen an den Machtverhältnissen“ – und hat es anders gemacht. Aber ist dies auch in der Öffentlichkeit wahrgenommen worden? Und wenn ja, in welcher Form? Diese Fragen waren Auslöser des Forschungsprojektes von Hendrik Theine und Carlotta Verita (beide Johannes Kepler Universität Linz) sowie Moritz Gartiser (Universität Duisburg-Essen). In ihrer Studie untersuchen sie, wie der „Gute Rat für Rückverteilung“ über die eigene Arbeit kommuniziert und wie wiederum über diesen in 26 deutschsprachigen Medien berichtet wurde. Es zeigt sich, dass der Rat durchaus als Anlass genutzt wurde, um über die Gefahren und Nebeneffekte großer Vermögenskonzentrationen zu berichten. Doch die explizit systemkritischen Verlautbarungen des Guten Rats wurden wenig aufgegriffen. Und während der Rat in seiner öffentlichen Kommunikation immer wieder die herausragende Bedeutung von weitreichender Teilhabe und deliberativer Verfahren für den Prozess der Rückverteilung großer Vermögen hervorhob, wurde medial nur selten über die demokratische Arbeitsweise und Zusammensetzung des Rats berichtet. Dabei dürfte doch gerade diese Vorgehensweise der Wegweiser hin zu einer demokratischeren Zukunft mit gerechterer Einkommens- und Vermögensverteilung sein. Der Kurzbegriff für ein solches, der Wohltätigkeit diametral gegenüberstehendes, „horizontales und gleichberechtiges“ Vorgehen ist, auch das lehrt uns Galeano, Solidarität. Darüber darf gerne mehr berichtet werden. Benedikt Linden Referat Wissenschaftsförderung
2
Frankfurt am Main, im Mai 2025
Inhalt
Inhalt
1
Einleitung................................................................................................................ 4
2
Die Rolle der Zivilgesellschaft und der Medien in der (De-)Legitimierung von Vermögensungleichheit............................................... 6
3
Marlene Engelhorn und der Gute Rat für Rückverteilung............................................ 9
4
Diskursanalytischer Ansatz und Fragestellungen...................................................... 15
5
Die diskursive Aushandlung von Vermögensungleichheit und Umverteilung: eine Skizze existierender Diskurspositionen............................... 17
6
Datensatz und Analysestrategie.............................................................................. 24
7
Ergebnisse: Der Gute Rat und die Medien................................................................ 30 7.1 Außenkommunikation und Medienberichterstattung im Überblick.................................. 30 7.2 Die Diskurspositionen im Detail..................................................................................... 33 7.3 Einordnung der Außenkommunikation des Guten Rats................................................... 54 7.4 Einordnung der Medienberichterstattung....................................................................... 56
8
Fazit und Schlussfolgerungen................................................................................. 60 Anhang: Tabelle A.1 – A.4......................................................................................................62 Quellenverzeichnis............................................................................................................... 65 Verzeichnis der Abbildungen und Tabellen............................................................................ 74 Hinweise zu den Autor*innen................................................................................................ 75
3
Über Reichtum berichten
1 Einleitung
Anfang 2024 gab die österreichische Millionen-
Schweiz und in Österreich rund 40 Prozent des
Erbin Marlene Engelhorn bekannt, dass der
Gesamtvermögens und in Deutschland etwa
Großteil ihres Vermögens – in Summe 25 Mil-
30 Prozent, während die Zahlen beispielsweise
lionen Euro – an die Gesellschaft rückverteilt
im Vereinigten Königreich oder in Finnland deut-
werden soll. Dafür wurde der „Gute Rat für Rück-
lich niedriger liegen (21 Prozent bzw. 18 Prozent;
verteilung“ (im Folgenden auch: „Guter Rat“) ins
Chancel et al., 2022; Heck et al., 2020; Marti
Leben gerufen – 50 repräsentativ ausgewählte
et al., 2023). Fragen zur Vermögensverteilung
Menschen in Österreich, die nach sechs Wo-
sind eng verknüpft mit politischer Partizipa-
chenenden der gemeinsamen Diskussion ent-
tion und Repräsentation sowie der Legitimität
schieden haben, wie das Geld verteilt wird. Das
der Demokratie. Ein hohes Maß an Ungleichheit
Vorhaben fand vor dem Hintergrund einer jahr-
reduziert das Vertrauen in die Demokratie und
zehntelangen gesellschaftlichen Entwicklung
gefährdet die Akzeptanz staatlicher Institutio
statt, in der sich die Kluft zwischen den Reichsten
nen (Ehs & Zandonella, 2021; Piketty, 2021).
und den Ärmsten weltweit vertieft hat, wobei ins-
Sozioökonomische Analysen zeigen außerdem,
besondere das reichste Prozent der Bevölkerung
dass eine hohe Konzentration von Privatver-
immense Zuwächse an seinem Vermögensanteil
mögen eng mit wirtschaftlicher und politischer
verzeichnet (Chancel et al., 2022). Der Ausbruch
Macht der Vermögensbesitzer*innen einhergeht
der Covid-19-Pandemie hat die globale Vermö-
(Rehm & Schnetzer, 2015; Scheve & Stasavage,
gensungleichheit noch weiter verschärft, das Jahr
2017; Theine, 2020).
2020 markierte den bislang stärksten Anstieg des Vermögensanteils der Milliardäre am weltweiten
Lange waren die Ungleichverteilung von Ver-
Gesamtvermögen (Derndorfer et al., 2023).
mögen und Einkommen im deutschsprachigen Raum eher ein Nischenthema. In den letzten Jah-
In Europa weisen insbesondere die drei deutsch-
ren scheinen aber Verteilungsfragen wieder zu-
sprachigen Länder Deutschland, Österreich und
nehmend in das öffentliche Bewusstsein zu rü-
Schweiz hohe Vermögensungleichheiten auf:
cken. Die Wirtschafts- und Finanzkrise 2007 ff.,
Die obersten zehn Prozent der Haushalte in al-
Occupy Wall Street und der mediale Hype um die
len drei Ländern halten etwa 60 Prozent des
Veröffentlichung von Thomas Pikettys Bestsel-
Gesamtvermögens (im Vergleich zu beispiels-
ler „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ sind nur drei
weise rund 45 Prozent in Italien oder Spanien).
prominente Ereignisse der letzten Jahre, die eng
Das superreiche oberste Prozent besitzt in der
verknüpft sind mit Fragen der Ungleichheit, Ge-
4
Einleitung
rechtigkeit und Umverteilung (Grisold & Preston,
Engelhorns Erbe an die Gesellschaft zurückzu-
2020; Smith Ochoa, 2020; Wade, 2014). Hinzu
geben. Im Mittelpunkt der Kommunikation stand
kommt, dass progressive und zivilgesellschaft-
dabei Vermögensungleichheit als strukturelles
liche Akteur*innen, wie beispielsweise die Ar-
Problem, die Notwendigkeit einer systemischen
beiterkammer Österreich, das Momentum Insti-
Rückverteilung sowie demokratische Inklusion
tut, das Netzwerk Steuergerechtigkeit sowie die
und Transparenz. Die mediale Rezeption dieser
Initiative taxmenow, sich immer wieder öffent-
Botschaften variierte stark in Tiefe und Genauig-
lichkeitswirksam für eine höhere Steuergerech-
keit. Zwar konnte der Gute Rat den Mediendis-
tigkeit bei Erbschaften und Vermögen einsetzen
kurs teilweise beeinflussen und zentrale Themen
(Friedrich, 2024).
setzen, doch seine Kernbotschaften wurden in der breiteren medialen Berichterstattung oft nur
In diesem Zusammenhang stellt der Gute Rat für
oberflächlich behandelt, abgeschwächt oder
Rückverteilung und die daraufhin einsetzende
zuweilen auch fehlerhaft dargestellt, was ihre
mediale Debatte ein interessantes Analyse
Wirkung einschränkte.
objekt dar. Aufbauend auf dem Ansatz der Kritischen Diskursanalyse (KDA) argumentieren wir,
Dieses Arbeitspapier ist wie folgt strukturiert:
dass die Außenkommunikation und mediale
Kapitel 2 gibt einen Überblick über die Rolle der
Debatte um den Guten Rat gute Beispiele dar-
Zivilgesellschaft und der Medien in der (De-)Le-
stellen, wie ideologische Auseinandersetzungen
gitimierung von Vermögensungleichheit. Kapi-
über Ungleichheit und Rückverteilung ablaufen
tel 3 stellt Marlene Engelhorn und den Guten
können (Fairclough, 2003; Wodak, 2011). Die
Rat für Rückverteilung vor. In Kapitel 4 werden
KDA ermöglicht es zu untersuchen, wie unter-
unser diskursanalytischer Ansatz und die zen
schiedliche Diskurspositionen in der Kommuni-
tralen Fragestellungen erläutert, während Kapi-
kation des Rats und in den Medien konstruiert,
tel 5 vorherrschende Diskurspositionen zur Un-
angefochten und legitimiert werden.
gleichheitsthematik beleuchtet. Der Datensatz und die Analysestrategie, die der Untersuchung
Wir zeigen, dass der Gute Rat – vertreten durch
zugrunde liegen, werden in Kapitel 6 vorgestellt.
Marlene Engelhorn, das Organisationsteam und
Kapitel 7 analysiert die Außenkommunikation
die Ratsmitglieder – eine aktive und vielseitige
des Guten Rats sowie die mediale Berichterstat-
Kommunikationsstrategie verfolgte. Über sozia-
tung, einschließlich der verschiedenen Diskurs
le Medien, eine eigene Website und Pressemit-
positionen, im Detail. Das Papier schließt in Ka-
teilungen wurde die Mission vermittelt, Marlene
pitel 8 mit einem Fazit ab.
5
Über Reichtum berichten
2 Die Rolle der Zivilgesellschaft und der Medien in der (De-)Legitimierung von Vermögensungleichheit Die drei deutschsprachigen Länder Deutsch-
che Bewusstsein für das Thema geschärft. In
land, Österreich und die Schweiz weisen im
Deutschland und Österreich werden beispiels-
europäischen Vergleich und auch weltweit hohe
weise im Rahmen des von der Europäischen
Vermögensungleichheiten auf. Doch hohe Un-
Zentralbank koordinierten Projekts „House-
gleichheiten per se führen nicht dazu, dass diese
hold Finance and Consumption Survey“ de-
auch gesellschaftlich als problematisch oder än-
taillierte Daten zu Vermögen und Schulden
derungsbedürftig wahrgenommen werden. Im
privater Haushalte gesammelt und seit dem
Gegenteil: Untersuchungen zeigen immer wie-
Jahr 2013 regelmäßig veröffentlicht (Eurosys-
der, dass das wirkliche Ausmaß der Ungleichheit
tem Household Finance and Consumption Net-
in der Bevölkerung oft unterschätzt wird (Bellani
work, 2013, 2016, 2023).
et al., 2021; Gimpelson & Treisman, 2018; Knell & Stix, 2020). Teilweise lässt sich sogar zeigen,
Ob Ungleichheiten als ungerecht oder bedenk-
dass Menschen, die in sehr ungleichen Gesell-
lich gelten, hängt allerdings sehr viel stärker von
schaften leben, diese Ungleichheit als weniger
der diskursiven (De-)Legitimierung sowie der
problematisch wahrnehmen als Menschen, die
gesellschaftlichen Aushandlungen rund um
in vergleichsweise egalitären Gesellschaften le-
das Thema Ungleichheit ab. Die gesellschaft-
ben (Mijs, 2021).
liche Aushandlung findet dabei in verschiedenen sozialen Räumen statt (beispielsweise im
Wissenschaftliche Erkenntnisse und die ver-
Parlament, am Arbeitsplatz oder in der Familie).
besserte Datenlage können eine wichtige Rol-
Damit sind unterschiedliche Akteure in die Aus-
le für die stärkere Problematisierung gesell-
handlung miteinbezogen, von politischen Partei-
schaftlicher Ungleichheit spielen: Wichtige
en über Interessensgruppen, Forschenden oder
internationale Studien, wie die „World Inequa-
Einzelpersonen.
lity Reports“ und Thomas Pikettys Bestseller „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ (2014), haben
Für die Frage der gesellschaftlichen Verhandlung
auch im deutschsprachigen Raum große Be-
des Themas Ungleichheit spielen neben staat-
achtung gefunden und die Debatte um die Ver-
lichen und politischen sowie den oben schon
teilung von Vermögen angefacht (Bank, 2017;
genannten wissenschaftlichen Akteur*innen
Grisold & Preston, 2020; Smith Ochoa, 2020).
insbesondere zwei Gruppen eine herausragende
Auch die zunehmende Verfügbarkeit und Qua-
Rolle, die wir im Folgenden näher besprechen
lität von Daten zur Vermögensverteilung im
wollen: zivilgesellschaftliche Organisationen und
deutschsprachigen Raum haben das öffentli-
soziale Bewegungen sowie die Medien.
6
Die Rolle der Zivilgesellschaft und der Medien in der (De-)Legitimierung von Vermögensungleichheit
Die Zivilgesellschaft ist ein wichtiger Ort, in der
Friedrich (2024) resümiert, dass etablierte kon-
Aushandlungsprozesse um Deutungsmacht und
servative Akteure (zum Beispiel die Initiative
diskursive Rahmung stattfinden. Dort ringen ver-
Neue Soziale Marktwirtschaft oder der Verband
schiedene politische Kräfte und Organisationen
der Familienunternehmen) im deutschen Bun-
um die Durchsetzung gesellschaftlicher, politi-
deswahlkampf 2021 eine ausgeprägte Anti-Ver-
scher und auch rechtlicher Normen (Demirovic,
mögenssteuer-Kampagne gefahren haben, um
2003; Wullweber, 2017). Zivilgesellschaftliche
die aufkommende Diskussion um eine stärkere
Organisationen und soziale Bewegungen bilden
Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums
folglich ein vielfältiges Feld mit unterschied
zu unterbinden.
lichen Interessen und Perspektiven in Bezug auf die Frage der Vermögensungleichheit und
Gleichzeitig spielen zivilgesellschaftliche Or-
der potentiellen Umverteilung. Untersuchungen
ganisationen und soziale Bewegungen eine
zeigen, dass wirtschaftsnahe Interessensgrup-
entscheidende Rolle, wenn es darum geht, Un-
pen oft bestrebt sind, das Thema Ungleichheit
gleichheitsfragen zu thematisieren und auf poli
zu relativieren und sich gegen Maßnahmen zur
tische Veränderungen und soziale Reformen zu
Umverteilung auszusprechen. Beispielswei-
drängen. Auf internationaler Ebene ist sicher die
se weisen Emmenegger und Marx (2019) nach,
Protestbewegung Occupy Wall Street eins der be-
dass sich unternehmensnahe Interessensgrup-
kanntesten Beispiele, welche den Diskurs um
pen strategisch und vehement in die öffentliche
Ungleichheit und Verteilung stark geprägt hat
Debatte um das Referendum zur Einführung ei-
(Gottlieb, 2015; Shrivastava & Ivanova, 2015).
ner nationalen Erbschaftssteuer in der Schweiz
In besagtem deutschen Bundeswahlkampf 2021
eingebracht haben, mit dem Ergebnis, dass das
haben das Netzwerk Steuergerechtigkeit, die
Referendum letztendlich scheiterte – und das
Initiative taxmenow und die Bürgerbewegung
obwohl der Großteil der schweizerischen Bevöl-
Finanzwende eine gemeinsame Kampagne mit
kerung entweder nicht betroffen gewesen wäre
dem Titel „Steuerprivilegien kippen“ gestartet,
oder von der Steuer aufgrund höherer staatlicher
um auf die bestehende Ungleichheit und mögli-
Budgets profitiert hätte. Theine (2020) hat die
che Gegenmaßnahmen aufmerksam zu machen
vielfältigen Strategien dargelegt, welche von der
(Friedrich, 2024). Etwas allgemeiner lässt sich
deutschen Stiftung Familienunternehmen einge-
beobachten, dass sich in den letzten Jahren im
setzt werden, um eine höhere Besteuerung von
deutschsprachigen Raum unterschiedliche zivil-
Erbschaften zu verhindern. Zum Strategieset
gesellschaftliche Organisationen und Bündnisse
der Stiftung gehören die direkte Einflussnahme
mit dem Ziel gegründet haben, die hohe Vermö-
auf Politiker*innen, die strategische Platzierung
gensungleichheit und fehlende staatliche Um-
ihrer Positionen in der Öffentlichkeit, die Nut-
verteilung zu problematisieren. Beispiele dafür
zung enger Kontakte zu Medienunternehmen
sind das österreichische Momentum Institut, So-
sowie die gezielte Förderung von Forschung zur
lidar Suisse, die Europäischen Bürger*innenini-
Untermauerung ihrer Argumente. Die Arbeit von
tiative „Tax the Rich“ sowie das schon erwähnte 7
Über Reichtum berichten
Netzwerk Steuergerechtigkeit und die Initiative
Stehen demokratische Maßnahmen zur Eindäm-
taxmenow.
mung von Ungleichheit (beispielsweise über Vermögenssteuern) im Zentrum medialer Debatten,
Hinsichtlich der medialen Debatte um Vermö-
zeichnen sich diese durch eher skeptische bis
gensungleichheit und mögliche Gegenmaßnah-
stark ablehnende Haltungen aus. Eine Analyse
men zeigen aktuelle Untersuchungen, dass die
von Kommentaren in österreichischen Tages-
Berichterstattung zum Thema in den letzten Jah-
zeitungen zwischen 2005 bis 2020 zur Vermö-
ren zugenommen hat, der Thematik aber nach
genssteuer zeigt eine überwiegend ablehnende
wie vor kein großer Stellenwert eingeräumt wird
Haltung: 69 Prozent der Artikel lehnen Vermö-
(McCall, 2013; McGovern et al., 2023; Thomas,
genssteuern ab, nur 22 Prozent bewerten diese
2020). Auf inhaltlicher Ebene wird deutlich, dass
als positive und sinnvolle wirtschaftspolitische
zwar ein Bewusstsein für die mit wirtschaftlicher
Maßnahmen. Zwar nehmen Kommentare im
Ungleichheit verbundenen Probleme in Medien-
linksliberalen Standard eine positivere Haltung
debatten vorherrscht, gleichzeitig jedoch ihre
ein als in marktliberalen und konservativen Zei-
Dringlichkeit eher relativiert wird. Dies lässt
tungen (zum Beispiel Die Presse), gleichzeitig
sich am Beispiel der medialen Debatte rund um
überwiegen die ablehnenden Argumente in allen
den Bestseller „Das Kapital im 21. Jahrhundert“
Medien, egal welcher redaktionellen und politi-
von Thomas Piketty (2014) nachvollziehen, wel-
schen Linie diese folgen (Dammerer et al., 2023;
cher sowohl Fragen über die Legitimität hoher
Theine et al., 2023). Für Deutschland zeigt die
ökonomischer Ungleichheit aufwirft als auch
Studie „Streitfall Vermögenssteuer?“ eine stark
mögliche demokratische Maßnahmen zur Ein-
(partei)politisch ausgerichtete mediale Debatte
hegung eben dieser Ungleichheit vorschlägt.
rund um vermögensbezogene Steuern, die ge-
Grisold und Preston (2020) sowie Grisold und
trieben ist von einzelnen Events und Ereignis-
Theine (2020) zeichnen nach, dass Nachrichten-
sen, wie den Bundesverfassungsgerichtsurtei-
medien in Deutschland und Österreich Pikettys
len zur Erbschaftsteuer (Theine & Grisold, 2020,
grundlegende These über die rapide wachsen-
2022). Ähnliches zeigt auch eine umfassende
de Ungleichheit thematisieren, gegenüber Um-
Längsschnittanalyse zur Medienberichterstat-
verteilungsmaßnahmen aber eher zögerlich bis
tung über vermögensbezogene Besteuerung in
ablehnend auftreten (siehe auch Rieder & Thei-
Deutschland (Gartiser, 2025). Demnach ist die
ne, 2019). Ähnliche Arbeiten mit anderen Fall-
Berichterstattung charakterisiert durch einen
beispielen zeigen, dass Ungleichheit häufig als
generellen Mangel medialer Aufmerksamkeit,
unausweichliches Ergebnis globalisierter Markt-
eine rekursive Nutzung bekannter, meist steuer-
kräfte und technologischen Wandels dargestellt
kritischer Argumentationslinien, einer ideologi-
wird oder mit Verweis auf die Bedeutung des
schen Prägung der Medienhäuser sowie einer
Wettbewerbs für Innovation gerechtfertigt wird
starken Orientierung an Parteien und tagespo-
(Champlin & Knoedler, 2008; McGovern et al.,
litischen Ereignissen, die jedoch selten zu einer
2023; Smith Ochoa, 2020).
nachhaltigen Veränderung des Diskurses führen.
8
Marlene Engelhorn und der Gute Rat für Rückverteilung
3 Marlene Engelhorn und der Gute Rat für Rückverteilung Sowohl Marlene Engelhorn als auch der Gute Rat
Reformen und eine weitreichende Umverteilung,
für Rückverteilung zählen zu den im vorherigen
um die soziale Gerechtigkeit zu erhöhen und
Kapitel beschriebenen zivilgesellschaftlichen
die Chancengleichheit für alle zu gewährleisten
Organisationen und Bewegungen, die sich für
(Engelhorn, 2022a).
eine verstärkte Thematisierung von Fragen der Ungleichheit und Umverteilung sowie für politi-
Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen,
sche Veränderungen und soziale Reformen ein-
gründete Engelhorn im Februar 2021 zusam-
setzen. In diesem Kapitel werden beide Akteure
men mit anderen vermögenden Erb*innen die
ausführlich vorgestellt, mit besonderem Fokus
Initiative taxmenow. Die Initiative organisiert
auf ihre Relevanz für das forschungsleitende In-
Kampagnen und Öffentlichkeitsarbeit, um mit
teresse dieses Berichts.
ihrer Arbeit zu „strukturellen Veränderungen in den bestehenden Steuersystemen, zum Abbau
Im Jahr 2019 teilte die Großmutter von Marle-
von sozialer Ungleichheit und zur Stärkung der
ne Engelhorn der Familie mit, wie sie ihr (ererb-
Demokratie“ (taxmenow, 2024) beizutragen.
tes) Vermögen aufteilen würde. Marlene Engel-
Die Initiative betreibt Lobbyarbeit, Sensibilisie-
horn, die demnach Aussicht auf das Erbe eines
rungskampagnen und arbeitet mit verschiede-
zweistelligen Millionenbetrags hatte, begann
nen Organisationen für soziale Gerechtigkeit
sich seitdem öffentlich kritisch über die Unge-
zusammen. Als Teil der Gruppe hat Engelhorn
rechtigkeit von Erbschaften in demokratischen
an zahlreichen öffentlichen Veranstaltungen und
Gesellschaften zu äußern. In einem TEDx Vienna
Protestaktionen teilgenommen sowie zahlreiche
Vortrag im Oktober 2022 argumentiert sie bei-
Interviews gegeben und mit anderen Initiativen
spielsweise, dass Erbschaften fundamental un-
zusammengearbeitet, die sich für eine Umvertei-
gerecht seien, weil die Erben ihr Vermögen nicht
lung des Reichtums einsetzen.
selbst erarbeitet haben und mit hohen Vermögen große Privilegien sowie politische und ökonomi-
Die Idee zum Guten Rat für Rückverteilung wurde
sche Macht einhergehe (Engelhorn, 2022d). Sie
in der zweiten Jahreshälfte 2023 konkretisiert.
sehe es als Versagen der Politik an, dass große
Zu den wichtigsten Vorarbeiten gehörte eine per-
Vermögen nicht viel stärker besteuert werden.
sönliche Mitteilung von Marlene Engelhorn, in
In ihrem Buch „Geld“ argumentiert Engelhorn
der sie ihre Motivation zur Gründung des Rats
weiter, dass extremer Reichtum demokratische
darlegte und ihre Gedanken zur Frage der Rück-
Werte untergrabe und systemische Ungleich-
verteilung und demokratischen Ausgestaltung
heiten aufrechterhalte. Sie fordert grundlegende
dieser erörterte. Diese Mitteilung ist auch auf 9
Über Reichtum berichten
der Website des Guten Rats zu finden (Engel-
wird. In Kooperation mit dem Forsight Institut
horn, 2024a). Weiterhin wurden grundlegende
wurden dazu 10.000 repräsentativ ausgewähl-
Argumente zur Notwendigkeit, Vermögen an die
te Menschen angeschrieben und gefragt, ob sie
Gesellschaft rückzuverteilen, ausgearbeitet.
Interesse an einer Teilnahme beim Guten Rat hät-
Der Begriff „Rückverteilung“ soll dabei verdeut-
ten. Von den 1.000 Menschen, die sich zurückge-
lichen, dass „Vermögen immer aus der Gesell-
meldet hatten, wurden schließlich 50 Personen
schaft heraus entsteht – nie aus sich selbst.
ausgewählt, die in neun Kategorien (Geschlecht,
Deshalb sollte auch etwas davon an die Gesell-
Alter, Bildungsabschluss, Erwerbsstatus, Region,
schaft rückverteilt werden, um das Leben aller zu
Urbanisierung, Geburtsland, Einkommen sowie
verbessern“ (Guter Rat, 2024a). Rückverteilung
die Einstellung zur Vermögensverteilung), die
habe zudem eine prozedurale Komponente.
Bevölkerung in Österreich repräsentieren (In-
Sie sei darauf angewiesen, „denen zuzuhören,
gruber, 2024).
die am meisten von sozialen und ökologischen Problemen betroffen sind. […] Und: ihnen auch
Marlene Engelhorn selbst entschied nicht mit,
Vertrauen und Entscheidungshoheit zu geben“.
wie das Geld verteilt wird, sie hatte lediglich
Entsprechend unterscheide sich Rückverteilung
einige Rahmenbedingung festgelegt: Ausge-
auch begrifflich vom gängigen Verständnis der
schlossen von der Rückverteilung waren ver-
Umverteilung, da Umverteilung den Aspekt der
fassungswidrige, lebensfeindliche, menschen-
gesellschaftlichen Produktion von Reichtum au-
verachtende und profitorientierte Zwecke. Der
ßen vor lasse. Mit dem Umverteilungs-Begriff
Gute Rat formulierte außerdem Botschaften und
liege der Fokus zudem stärker auf den Ergebnis-
Maßnahmen an die Gesellschaft, um der Ver-
sen des Vorgangs und weniger auf den zugrunde
mögensungleichheit entgegenzuwirken (Guter
liegenden Prozessen oder Machtverhältnissen.
Rat, 2024b).
Im weiteren Verlauf wurden weitere Aspekte des
Die Teilnahme am Rat sollte so inklusiv wie mög-
Rats konkretisiert. Zum einen wurde das Orga-
lich gestalten sein: alle Räumlichkeiten waren
nisations- und Moderationsteam des Guten Rats
barrierefrei, Dolmetscher*innen wurden gestellt,
festgelegt, welches organisatorische Tätigkeiten
Kinderbetreuung vor Ort angeboten oder Kosten
übernahm und den Prozess moderierte. Zum
für die Betreuung zuhause erstattet. Die Teilneh-
anderen wurden Ablauf und konkrete Prozess-
menden des Guten Raus bekamen außerdem pro
fragen geklärt. Der Rat sollte als sogenanntes
Wochenende eine Aufwandsentschädigung; die
Österreich“ nach sechs Wochenenden „Mini-
Kosten für Übernachtungen, Verpflegung sowie
der Deliberation und unter Einbeziehung von Ex-
An- und Abreise wurden ihnen erstattet (Guter
pert*innen entscheiden, wie das Geld verwendet
Rat, 2024b).
10
Marlene Engelhorn und der Gute Rat für Rückverteilung
Tabelle 1:
Chronik des Guten Rats
Ereignis
Datum
Beschreibung
Pressekonferenz
9. Januar 2024
Marlene Engelhorn gibt Gründung des Guten Rats offiziell bekannt, erklärt die Hintergründe und das Vorgehen
Wochenende 1
16./17. März 2024
Erstes Treffen der 50 Ratsmitglieder, Begrüßung durch Marlene Engelhorn, Erarbeiten gemeinsamer Regeln für ein gutes Miteinander, zwei Expertinnen-Vorträge zur Vermögensverteilung in Österreich (Karin Heitzmann und Franziska Disslbacher)
Wochenende 2
6./7. April 2024
Vortrag und Diskussion zu unterschiedlichen Konzepten von Gerechtigkeit (Christian Neuhäuser), vertiefende Diskussion zum Thema Vermögensungleichheit und der anstehenden Rückverteilung von Marlene Engelhorns Erbe, erste Ideen für Botschaften an Gesellschaft und Politik
Wochenende 3
20./21. April 2024
Inputs von acht Expert*innen in sechs unterschiedlichen Handlungsfeldern, Vortrag von Johanna Mang zur Frage, worauf man bei der Rückverteilung achten sollte, Erarbeiten von Kriterien für Organisationen und Initiativen
Wochenende 4
4./5. Mai 2024
Interviews mit drei Expert*innen zur Frage, wie Gelder in NGOs und Organisationen verwendet werden, intensive Recherche zu möglichen Organisationen, Konkretisierung der Handlungsfelder
Wochenende 5
25./26. Mai 2024
Gespräch mit drei Expert*innen aus den Bereichen Rückverteilung, Armutsforschung und Recht; weitere Ausarbeitung der Botschaften zur Rückverteilung an die Gesellschaft
Wochenende 6
8./9. Juni 2024
gemeinsame Entscheidung über Rückverteilung an die vorgeschlagenen Organisationen (in den sechs Handlungsfeldern); Abstimmung gemeinsamer Botschaften an die Gesellschaft, gemeinsame Reflexion des Gesamtprozesses
Pressekonferenz
18. Juni 2024
Präsentation der 77 Initiativen und Organisationen, welche von der Rückverteilung profitieren sowie der Botschaften an die Gesellschaft
Externe Evaluation
2. August 2024
Veröffentlichung der externen Evaluation durch Daniela Ingruber unter https://guterrat.info/evaluation/
Abschlussbericht
31. Oktober 2024
Veröffentlichung des Abschlussbericht durch die Projektverantwortlichen unter https://guterrat.info/bericht/
Quelle: Eigene Darstellung basierend auf https://guterrat.info/. Die Tabelle listet lediglich die wichtigsten Ereignisse des Guten Rats auf.
11
Über Reichtum berichten
Am 9. Januar 2024 gab Marlene Engelhorn in
Das fünfte Wochenende war ein Wechselspiel
einer Pressekonferenz ihre Entscheidung be-
zwischen intensiver Recherche, der Diskussi-
kannt, dass ein Großteil ihres Erbes – 25 Millio-
on der Ratsmitglieder im Plenum und in ihren,
nen Euro1 – an die österreichische Gesellschaft
nach Handlungsfeldern aufgeteilten, Gruppen.
rückverteilt werden sollte (Engelhorn, 2024b).
Organisationen wurden als mögliche Geldemp-
Die zentralen Punkte der ersten zwei Wochen-
fänger*innen identifiziert, Förderhöhen und
enden des Guten Rats betrafen grundlegende
Laufzeiten diskutiert und Botschaften für die
Fragen zum Thema Ungleichheit. Gemeinsam
jeweiligen Handlungsfelder entwickelt. Die Vor-
wurde erarbeitet, was Vermögensungleichheit
schläge potentieller Empfänger*innen sowie
eigentlich bedeutet und weshalb sie problema-
erste Entwürfe der Botschaften wurden anschlie-
tische Folgen haben kann. Dies erfolgte unter an-
ßend im Plenum zur gemeinsamen Abstimmung
derem anhand von Expert*innen-Vorträgen und
präsentiert (Guter Rat, 2024d).
(Kleingruppen-)Diskussionen (siehe Tabelle 1). Anschließend teilten sich die Ratsmitglieder auf
Am sechsten Wochenende wurde dann die finale
sechs Handlungsfelder auf: Bildung & Medien,
Entscheidung über die Rückverteilung der Gel-
Raum & Wohnen, Teilhabe & Rechte, Umwelt &
der gefällt. In den Gruppen wurden zunächst im
Klima, Gesundheit & Soziales, Wirtschaftspo-
Konsent-Verfahren Entscheidungen über die zur
litik & Überreichtum2. In jedem Themengebiet
Rückverteilung vorgeschlagenen Organisationen,
konnten vier Millionen Euro auf unterschiedliche
die Höhe und Laufzeit der Unterstützung sowie
Projekte aufgeteilt werden (Guter Rat, 2024d). Am
die maximale Unterstützungssumme getroffen,
dritten Wochenende waren nochmals Expert*in-
wodurch insgesamt 21.340.000 Euro verteilt
nen zu Besuch und hielten in jedem Handlungs-
wurden. Anschließend wurden die bisherigen
feld einführende Vorträge und diskutierten mit
Ergebnisse im Plenum präsentiert. Am Abend
den Ratsmitgliedern. Am vierten Wochenende
teilten die teilnehmenden Bürger*innen die ver-
konkretisierten die Mitglieder eine Liste poten-
bleibenden rund 3,5 Millionen Euro in Zweier
tieller Geldempfänger*innen in den einzelnen
teams auf Projekte auf, die sie persönlich für
Handlungsfeldern und legten gemeinsame Kri-
besonders unterstützenswert hielten, basierend
terien fest nach denen die weitere Recherche
auf den über den Tag gehaltenen Präsentationen,
stattfinden sollte. Immer wieder fand auch ein
Diskussionen und gesammelten Informationen.
Austausch zwischen den sechs Gruppen statt.
Parallel dazu finalisierten die einzelnen Grup-
1
Die genaue Höhe des Erbes ist nicht bekannt. Die 25 Millionen Euro entsprechen laut Marlene Engelhorn ca. 90 Prozent ihres Vermögens. 2 Der Begriff „Überreichtum“ bezeichnet eine extreme Form von Reichtum, die nicht nur finanziellen Überfluss bedeutet, sondern auch politische Macht und gesellschaftliche Einflussnahme ermöglicht. Überreichtum ist nicht nur eine Frage individuellen Vermögens, sondern auch ein demokratisches Problem, da er bestehende Ungleichheiten verstärkt und soziale Teilhabe verzerrt (Schürz, 2019).
12
Marlene Engelhorn und der Gute Rat für Rückverteilung
pen ihre Botschaften an die Gesellschaft, über
Förderungen. Auch Organisationen, die sich für
die abschließend im Plenum abgestimmt wurde
eine progressive Wirtschafts- und Sozialpolitik
(Guter Rat, 2024d).
einsetzen, wurden berücksichtigt (beispielsweise das Momentum Institut, die Armutskonferenz
Am 18. Juni 2024 wurde schließlich in einer
oder Attac Österreich; Guter Rat, 2024d).3
Pressekonferenz bekannt gegeben, welche Organisationen wieviel Geld bekommen werden
Gleichwohl wir den Guten Rat in dieser Studie
(zuvor wurden diese Organisationen vom Guten
primär als ein diskursanalytisch interessantes
Rat kontaktiert). Insgesamt wurden fast 25 Mil-
Phänomen betrachten (siehe nächstes Kapitel),
lionen Euro an 77 Organisationen verteilt. Unter
sollte auch hervorgehoben werden, dass er ein
diesen sind Organisationen im Sozialbereich,
exemplarisches Beispiel für deliberative Beteili-
wie beispielsweise das Neunerhaus, das ob-
gungsverfahren ist, die zu demokratischer Sen-
dachlosen und armutsgefährdeten Menschen
sibilisierung und Versachlichung polarisierter
ein selbstbestimmtes und menschenwürdiges
Debatten beitragen können (Dryzek et al., 2019;
Leben mit medizinischer Versorgung, Wohnen
OECD, 2020). Bürgerräte wie der Gute Rat ge-
und Beratung ermöglicht. Auch die Lebenshilfe
winnen insbesondere in der Klimapolitik zuneh-
Österreich, die sich für die Interessen von Men-
mend an Bedeutung. Bewegungen wie Fridays
schen mit intellektuellen Behinderungen bzw.
for Future oder die (inzwischen umbenannte)
mit Lernschwierigkeiten einsetzt, erhielt Gelder.
Letzte Generation setzen sich seit Jahren für de-
Insgesamt acht Straßenzeitungen wurden be-
ren Implementierung ein, und auch die letzte
rücksichtigt: Kupfermuckn (Oberösterreich: Linz,
Bundesregierung in Deutschland hatte deren
Wels und Steyr), Megaphon (Graz und einige an-
Einrichtung als Ziel im Koalitionsvertrag veran-
dere Städten in der Steiermark), Kärntner Allge-
kert. Vereinzelt finden Bürgerräte auch Unter-
meine Zeitung (Klagenfurt und weitere Städte in
stützung aus konservativen Kreisen, etwa durch
Kärnten), LOS-Magazin (südöstliches Niederös-
Wolfgang Schäuble (Frinken, 2024).
terreich und Teile des Burgenlands), Apropos (Salzburg), Augustin (Wien und Wiener Umland),
Bürgerräte basieren auf einem deliberativen De-
Marie (Vorarlberg) sowie 20er (Tirol). Im Umwelt-
mokratieverständnis, welches maßgeblich von
und Klimaschutzbereich bekamen beispielswei-
Jürgen Habermas (1992) geprägt und theoretisch
se das KONTEXT Institut, der Naturschutzbund
ausgearbeitet wurde. Es formuliert eine Kritik an
Österreich sowie das Klimadashboard, welches
der liberalen Vorstellung, dass demokratische
eine datenbasierte Berichterstattung und Be-
Legitimität primär durch Wahlen und Präferenz
wusstseinsbildung zur Klimakrise zum Ziel hat,
aggregation gesichert wird. Stattdessen rücken
3 Eine Liste mit allen 77 Organisationen kann hier eingesehen werden: https://guterrat.info/die-ergebnisse/
13
Über Reichtum berichten
deliberative Demokratietheorien die Qualität
steht zudem die Möglichkeit, schwerwiegende
und die Bedingungen der Meinungsbildung in
Einwände lediglich zu dokumentieren, ohne den
den Fokus. Ein deliberativer Prozess sollte idea
Entscheidungsprozess zu blockieren (Ingruber,
lerweise inklusiv sein, also die Anliegen aller
2024).
Entscheidungsbetroffenen repräsentieren, intersubjektiv nachvollziehbar argumentiert werden,
Durch seine repräsentative Zusammensetzung
Offenheit für Meinungsänderungen auf Basis
haben die vom Guten Rat formulierten Botschaf-
überzeugender Gründe ermöglichen und auf
ten das Potential, breite gesellschaftliche Ak-
gegenseitigem Respekt sowie Machtfreiheit ba-
zeptanz zu finden sowie neue Lösungsansätze
sieren – also nicht durch ungleiche Ressourcen
für das kontroverse Thema Ungleichheit und Um-
verzerrt werden.
verteilung zu liefern. Wissenschaftliche Studien zu vergleichbaren Beteiligungsprozessen zeigen
Wie viele andere Bürgerräte, arbeitete der Gute
zudem, dass deren positiven Effekte über die
Rat nach dem Konsent-Prinzip. Die Teilnehmen-
Teilnehmenden hinaus wirken können. Insbe-
den können entweder zustimmen, Bedenken
sondere Bevölkerungsgruppen mit geringem
äußern (die notiert werden, aber nicht prozess-
Vertrauen in repräsentative Institutionen und
hemmend sind) oder schwerwiegende Einwände
einer niedrigen politischen Beteiligung könnten
einbringen, die den Diskussionsprozess erneut
durch solche Prozesse stärker einbezogen wer-
öffnen. Um innerhalb des zeitlichen Rahmens
den als durch klassische demokratische Verfah-
eines Bürgerrats arbeitsfähig zu bleiben, be-
ren wie Wahlen (Germann et al., 2024).
14
Diskursanalytischer Ansatz und Fragestellungen
4 Diskursanalytischer Ansatz und Fragestellungen
Das Forschungsprojekt basiert auf der Kriti-
len Beziehungen äußern, bewusst in Frage stellt.
schen Diskursanalyse (KDA). Die KDA hat ihre
Ziel ist es, zu einem besseren Verständnis der
Wurzeln in der marxistischen Theorie sowie im
Ursachen sozialer Missstände beizutragen, Hin-
(Post-)Strukturalismus, beruft sich auch auf die
dernisse zu identifizieren, die möglichen Lö-
Kritische Theorie der Frankfurter Schule und ist
sungen auf dem Weg zu einer egalitäreren Ge-
geprägt durch die Diskursforschung, die am Bir-
sellschaft im Wege stehen sowie Strategien zu
mingham Center for Cultural Studies populari-
deren Überwindung auszuarbeiten (Fairclough,
siert wurde (Forchtner & Wodak, 2017; Reynolds,
2013; Pickard, 2013; Rieder & Theine, 2023; Say-
2019). Die unterschiedlichen Ansätze der KDA
er, 2009).
vereint, dass Diskurse als „Fluss von ‚Wissen‘ bzw. sozialen Wissensvorräten durch die Zeit“
Aus diskursanalytischer Perspektive lässt sich
(Jäger, 2015, S. 26) betrachtet werden. Diskur-
der Gute Rat als diskursives Ereignis (Jäger, 2015)
se spiegeln dabei nicht einfach nur die Realität
begreifen, welches (potentiell) weitere Aufmerk-
wider (und sind damit von dieser bedingt); sie
samkeit und eine Sensibilisierung für die Frage
konstruieren und reproduzieren ihrerseits ge-
der ökonomischen Ungleichheit sowie möglicher
sellschaftliche Realitäten (sind somit für diese
Umverteilungsmaßnahmen schaffen kann. Damit
konstitutiv). Diskurse üben folglich Macht aus,
zusammenhängend ergibt sich die Frage, inwie-
da sie institutionalisiert, geregelt und an Hand-
fern der Gute Rat (zumindest kurzfristig) eine
lungen angekoppelt sind (Fairclough, 2007; Jä-
mediale Debatte auslösen konnte, die insbeson-
ger, 2015; Rieder & Theine, 2023).
dere die hohe Vermögensungleichheit problematisiert. Das vorliegende Forschungsprojekt fokus-
„Kritisch“ ist die KDA aufgrund der Perspektive,
siert auf die Analyse zweier Hauptaspekte: die
mit der die Forschenden an Gesellschaft insge-
Außenkommunikation des Rats und die mediale
samt und das spezifische Forschungsinteresse
Aufarbeitung und Rezeption seiner Tätigkeiten.
herangehen: der gesellschaftliche Status quo wird aufgrund der ihm innewohnenden Macht
Im vorliegenden Report ergeben sich aus dis-
ungleichgewichte problematisiert und die ihm
kursanalytischer Perspektive insbesondere drei
zugrunde liegenden Machtstrukturen, die sich in
Forschungsfragen, die wir im Folgenden kurz be-
der Ausgestaltung von Institutionen und sozia
gründen.
15
Über Reichtum berichten
In bestehenden Diskursen (in unserem Fall:
Interesse ist im Falle des Guten Rats, ob und
dem Diskurs über Ungleichheit und Umvertei-
inwiefern sich diese beiden Diskursebenen un-
lung) gibt es immer unterschiedliche Diskurs-
terscheiden und wie sie miteinander interagie-
positionen. Diskurspositionen sind spezifische
ren – also inwiefern die Außenkommunikation
politisch-ideologische Standpunkte von Indi-
auf die mediale Debatte einwirkt, bzw. welche
viduen, Gruppen oder Medien, die in den Dis-
diskursiven Einwände und Delegitimierungen in
kurs eingebracht werden (Jäger, 2015). Diskurse
den Medien aufkommen. Daraus ergibt sich die
„mäandern“ durch Zeit und Raum (Jäger, 2015);
zweite Forschungsfrage:
spezifische, in einem bestimmten Fallbeispiel eingebrachte Diskurspositionen schließen an
Inwieweit unterscheiden sich die verwende-
vorherige Diskurspositionen und Diskursfrag-
ten Diskurspositionen in der externen Kom-
mente an und rekurrieren auf diese (wenn auch
munikation des Rats und der Medienrezep
oft nur implizit). Daraus ergibt sich die erste For-
tion?
schungsfrage: Die in den Medien aufgegriffenen Positionen las-
Welche Diskurspositionen zu Ungleichheit
sen sich klassischerweise entlang unterschied-
und Umverteilung werden in der Außenkom-
licher Medientypen, deren politisch-redaktionel-
munikation des Guten Rats und in der Me-
ler Ausrichtung und der journalistischen Stilform
dienberichterstattung bedient bzw. rezipiert
der Beiträge unterscheiden. Entsprechend ergibt
und diskutiert?
sich unsere letzte Forschungsfrage:
Die Außenkommunikation und die mediale Re-
Wie beeinflussen die politische Ausrichtung
zeption sind zwei unterschiedliche „Diskurs
von Medien und die journalistischen Stil-
ebenen“ (Jäger, 2015), also zwei soziale Orte die
formen der Beiträge die Verwendung unter-
aufeinander einwirken können. Von besonderem
schiedlicher Diskurspositionen?
16
Die diskursive Aushandlung von Vermögensungleichheit und Umverteilung
5 Die diskursive Aushandlung von Vermögensungleichheit und Umverteilung: zentrale Diskurspositionen
Wie in Kapitel 4 beschrieben, „erfinden“ gesell-
Diskurspositionen, die Ungleichheit
schaftliche Akteure Diskurspositionen nicht not-
legitimieren
wendigerweise neu, sondern schließen oftmals explizit oder implizit an bestehende Positionen
Diskursposition 1: Hohe Vermögen und die re-
an. Auf Basis einschlägiger Forschungsliteratur
sultierende Ungleichheit als Ergebnis der Leis-
skizziert dieses Kapitel existierende Diskurs-
tungsgesellschaft
positionen zum Thema (sozioökonomischer)
Die liberale und meritokratische Perspektive auf
Ungleichheit, um die rund um den Guten Rat
den Reichtum von Individuen versteht diesen
artikulierten politisch-ideologischen Standpunk-
als Ergebnis eigener Arbeit in der Leistungsge-
te besser verstehen und kontextualisieren zu
sellschaft. Reiche Menschen haben ihr Vermö-
können. Die folgenden Darstellungen sind
gen eigenverantwortlich verdient, weil sie hart
„stilisiert“; die Standpunkte können so oder
dafür gearbeitet haben oder unternehmerisch
in Kombination und Variation im öffentlichen,
erfolgreich waren (Rowlingson & Connor, 2011).
medialen, politischen und privaten Raum auf-
Schon 1958 hat Michael Young diese Diskurs-
treten. Sie entsprechen nicht unbedingt realen
position auf die einfache Formel herunterge-
Tatsachen, sondern enthalten notwendigerwei-
brochen, dass Intelligenz und Anstrengung den
se Vereinfachungen und Zuspitzung der komple-
Verdienst bestimmen (Young, 1958). Die daraus
xen Realität.
resultierende Ungleichheit ist demnach legitim, weil sie das Ergebnis individueller Leistung bzw.
Die ersten vier Diskurspositionen sind eher da
individuellen Talents ist (Rowlingson & Connor,
rauf ausgerichtet, die existierende (und steigen-
2011).
de) ökonomische Ungleichheit zu legitimieren und sprechend sich tendenziell gegen eine
Eng verknüpft mit der Vorstellung, dass Reich-
Umverteilung zum Abbau dieser Ungleichheit
tum und damit die Stellung in der Gesellschaft
aus. Die daran anschließenden fünf Diskurs
direkt mit dem Verdienst zusammenhängt, ist
positionen problematisieren die existierende
das Konzept der Eigentumsrechte, das unter an-
Ungleichheit und tendieren dazu, diese abmil-
derem zum Leitprinzip des Libertarismus gehört.
dern zu wollen.
So argumentieren libertäre aber auch liberale
17
Über Reichtum berichten
Philosoph*innen, dass Reichtum, den Individuen
Diskursposition 2: Vermögen gehören der Fa-
rechtmäßig (das heißt nicht durch Diebstahl) er-
milie
worben haben, ihnen unveräußerlich zusteht.
Eine konservativere Diskursposition bezieht sich
Daraus folgt, dass diese Individuen mit so er-
weniger auf das Individuum, sondern stellt die
worbenem Reichtum tun und lassen können,
Familie als zentrale gesellschaftliche Institution
was sie wollen (Beckert, 2007; Carr et al., 2019).
in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen. Eigentum
Folglich stehen Befürworter*innen dieser Posi-
und Vermögen sind folglich nicht als individueller
tion jeglichen Steuer- oder Umverteilungsmaß-
Besitz von Gütern, sondern als Familieneigentum
nahmen, die über den „Minimalstaat“ hinaus-
zu verstehen (Cooper, 2017). Regulierungen und
gehen, äußerst skeptisch gegenüber. Repräsen-
Gesetze bezüglich der Veräußerung und Weiter-
tative Befragungen bestätigen, dass Personen
gabe von Vermögen müssen aus dieser Perspek-
einer Besteuerung von Vermögen tendenziell
tive primär die Auswirkungen und Folgen für die
ablehnend gegenüberstehen, wenn dieses als
betroffenen Familien zur Grundlage haben (Be-
erarbeitet wahrgenommen wird und nicht durch
ckert, 2007).
Erbschaft, Heirat oder Lottogewinn zustande gekommen ist (Ragusa, 2015, 2015; Sachweh, 2012;
Aus dieser Position heraus ergibt sich eine star-
Sachweh & Eicher, 2018).
ke Ablehnung gegenüber Maßnahmen zur Umverteilung und Besteuerung von Vermögen und
Der Diskurs um Ungleichheit und Umverteilung
Erbschaften, da dies als illegitime und zerstö-
war lange durch meritokratische Argumente
rerische Eingriffe in die Einheit der Familie ver-
strukturiert (Littler, 2018). Diese Diskurspositi-
standen wird. Statt Vermögen zu besteuern, wird
on ist auch nach wie vor sehr wirkmächtig. Mijs
der Erhalt und die Weitergabe von Vermögen als
(2021) zeigt beispielsweise anhand internatio-
ein wichtiger Faktor für die Stabilität von Fami-
naler Daten: Die zunehmende Ungleichheit wird
lien sowie allgemeiner der gesellschaftlichen
durch die weit verbreitete Überzeugung legiti-
Ordnung angesehen. Vermögen und Erbschaft
miert, dass Menschen mit höheren Einkommen
symbolisieren familiäre Abstammung und Konti-
auch mehr geleistet haben müssen. Gleichzeitig
nuität (Beckert, 2008b). Eine Studie aus Großbri-
haben solche meritokratischen Einstellungen
tannien zeigt, dass die Familie eine herausgeho-
in den letzten Jahren an Zustimmung verloren
bene Rolle in der sozialen Konstruktion von Ver-
(Mijs & Savage, 2020). Qualitative Interviews mit
mögen und dessen Besteuerung spielt (Stanley
reichen Menschen zeigen jedoch immer wieder,
et al., 2023). Moor und Friedman (2021) kommen
dass diese ihren Erfolg und Reichtum als auf har-
in ihrer Befragung von Hauseigentümer*innen,
ter Arbeit und Ausdauer basierend konstruieren
die ihr Eigentum mit Erbschaften und Schen-
und ihre privilegierte Position so legitimieren
kungen finanziert haben, zu dem Ergebnis, dass
(Kantola & Kuusela, 2019; Lamont, 1992; Sher-
insbesondere diese Diskursposition zur Recht-
man, 2019).
fertigung des eigenen Besitzes verwendet wird.
18
Die diskursive Aushandlung von Vermögensungleichheit und Umverteilung
Diskursposition 3: Vermögende tragen positiv
als wirksame und effiziente Maßnahmen zur
zur ökonomischen und gesellschaftlichen Ent-
Lösung zahlreicher gesellschaftlicher Probleme
wicklung bei
angesehen (Waitkus & Wallaschek, 2022).
Eine weitere Diskursposition argumentiert, dass Vermögende ein wesentlicher, positiver Treiber
Zum Umfeld dieser Position gehört auch die
für gesellschaftliche und gesamtwirtschaftliche
rie der „Trickle Down“-Ökonomie, die in Theo
Entwicklungen sind. Im Gegensatz zu den vor-
den 1980er-Jahren durch US-Präsident Ronald
herigen politisch-ideologischen Standpunkten,
Reagan und die englische Premierministerin
geht es hier weniger um die Frage der morali-
Margaret Thatcher Wirksamkeit erlangte. Im
schen Bewertung und der Quelle des Vermö-
Kern besagt diese Theorie, dass Menschen, die
gens. Stattdessen wird in dieser Diskurspositi-
über ein höheres Vermögen verfügen, durch ihr
on die Verwendung von Reichtum und dessen
hohes Konsumniveau und die Investition ihres
(positive) gesellschaftliche und ökonomische
Vermögens die gesamte Wirtschaft ankurbeln.
Auswirkungen betont.
Dies regt die Produktion und in der Folge die Beschäftigung an, sodass langfristig auch die
Wohlhabende Individuen und Familien wer-
unteren Schichten der Gesellschaft profitieren
den in dieser Diskursposition hauptsächlich
(Arndt, 1983; Lawrence, 2024).
als Eigentümer*innen von Unternehmen und als Investor*innen konstruiert, was mit einer
Ähnlich wie die vorherigen Diskurspositionen
Reihe von positiven Assoziationen einhergeht:
ist auch diese skeptisch gegenüber Umvertei-
sie sind maßgeblich für die Entwicklung neuer
lungsmaßnahmen und der Besteuerung von
Technologien und Innovationen verantwortlich,
Vermögen, da dies die skizzierte wirtschaftliche
sie schaffen Arbeitsplätze, sie steigern die wirt-
Dynamik beeinträchtigt. Die Erhaltung von Ver-
schaftliche Produktivität und garantieren damit
mögen und hohen Einkommen sowie die daraus
gesellschaftlichen Fortschritt. Durch die Kon-
resultierende Ungleichheit wird in dieser beson-
zentration von Kapital können diese Akteure
ders elitären Perspektive folglich als notwendig
schnell und effektiv auf Marktchancen reagie-
erachtet.
ren, was wiederum die Wettbewerbsfähigkeit der gesamten Volkswirtschaft stärkt (Smith
Diskursposition 4: Umverteilung ist nicht reali-
Ochoa, 2020; Waitkus & Wallaschek, 2022).
sierbar
Weiterhin werden philanthropische Aktivitä-
Diese Diskursposition stellt grundsätzlich in-
ten von wohlhabenden Einzelpersonen oder
frage, ob (staatliche) Umverteilungspolitik ein
Familienstiftungen als dem Gemeinwohl dien-
effektives und realistisches Mittel zur Reduzie-
lich angesehen und dargestellt (Liu & Baker,
rung von Ungleichheiten darstellt (Bowles, 2012;
2016; Thorup, 2013). Individuelle Handlungen
Dixit & Londregan, 1995). Sie wird dabei vor al-
wie Spenden oder Stiftungsgründungen werden
lem durch zwei Facetten charakterisiert.
19
Über Reichtum berichten
Einerseits wird hinterfragt, ob der Staat ange-
kämpfung von sozialer Ungleichheit wird als
sichts bestehender Rahmenbedingungen wie
Argument ignoriert.4
dem internationalem Steuerwettbewerb und der hohen Mobilität des Kapitals überhaupt in der Lage ist, Vermögen angemessen zu besteuern (Epple & Romer, 1991; Wildasin, 1995). Es wird befürchtet, dass jeglicher Versuch des steuer-
Diskurspositionen, die Ungleichheit problematisieren und Umverteilung bzw. Rückverteilung legitimieren
lichen Zugriffs auf mobile Vermögenswerte zu
Diskursposition 5: Hohe Vermögen sind unfair,
Kapitalflucht ins Ausland führt und solche Steu-
wenn diese nicht auf Leistungsgerechtigkeit ba-
ern demnach mehr Schaden als Nutzen bringen.
sieren In der Realität basieren Vermögen oft nicht auf
Des Weiteren zweifelt diese Diskursposition die
eigener Arbeit, sondern werden vererbt. Studien
Effektivität der Besteuerung an; der erwartete
zufolge stammen etwa 50–70 Prozent des Ver-
Ertrag vermögensbezogener Steuern wird als
mögens in vielen wohlhabenden Gesellschaften
äußerst gering eingeschätzt. Meist wird diese
aus Erbschaften (Alvaredo et al., 2017). In der
Darstellung in Kontrast gesetzt mit dem pro
Konsequenz führt dies zu einer Gesellschaft, in
gnostizierten großen Erhebungsaufwand, der
der der Zufall der Geburt einen größeren Einfluss
in keinem Verhältnis zum tatsächlichen Ertrag
auf individuellen wirtschaftlichen Erfolg hat als
stehe. Unterfüttert wird diese Haltung durch eine
die eigene Arbeit und Anstrengung oder das ei-
generelle Skepsis gegenüber der ,Aufblähung‘
gene Talent.
des als ,inkompetent‘ geltenden Staatsapparates (Grisold et al., 2020; Grisold & Theine, 2020).
Dieser Umstand wird in dieser Diskursposition aufgegriffen und so gewendet, dass (hohe) Ver-
Die Diskursposition geht von einem grundsätz-
mögen und die daraus resultierende Ungleich-
lichen Effizienzgedanken aus, der staatliches
heit nicht allgemein als gerecht angesehen wer-
Handeln von einer Maxime der ökonomischen
den (wie es in der ersten Diskursposition der Fall
Rentabilität bewertet. Staatliche Umverteilung
ist), sondern nur dann, wenn sie wirklich meri-
als gesellschaftliche Aufgabe im Sinne eines
tokratisch zustande gekommen sind. Kritisiert
funktionierenden Gemeinwesens und der Be-
werden also nicht hohe Vermögen per se, son-
4 Einige der grundlegenden Annahmen dieser Diskursposition sind bei näherer Betrachtung nicht mit aktuellen wissenschaftlichen Ergebnissen vereinbar: So gehen entsprechende Studien meist von moderaten und politisch beinflussbaren Ausweicheffekten des Kapitals aufgrund einer Besteuerung von Vermögen aus und erwarten nur mäßige Erhebungskosten staatlicherseits, die von den erwarteten Steuererträgen in den Schatten gestellt werden (Alka & Trautvetter, 2024; Bach & Thiemann, 2016).
20
Die diskursive Aushandlung von Vermögensungleichheit und Umverteilung
dern das mühelos erlangte Erbvermögen, weil
Die Einnahmen aus einer höheren Besteuerung
es dem/der Begünstigten ohne eigene Leistung
von Vermögen und Erbschaften sollen zur Bereit-
zufällt (Beckert, 2008a).
stellung sozialer Wohlfahrt oder zur Finanzierung kostenloser Bildung verwendet werden. Durch
Die Auffassung, dass auf Erbschaften basie-
diese Maßnahmen wird versucht, die Lebensbe-
render Reichtum nicht unter die Definition der
dingungen der weniger privilegierten Mitglieder
Leistungsgesellschaft falle, wird von einigen
der Gesellschaft zu verbessern und ihnen Zu-
Strömungen des Libertarismus geteilt, die oft
gang zu grundlegenden sozialen Diensten – wie
allgemein als ‚linke‘ Libertäre bezeichnet wer-
einer (verbesserten) Gesundheitsversorgung,
den. Ihr Argument ist, dass jede Übertragung
bezahlbarem Wohnraum oder unterstützenden
von Vermögen, die nicht zu Lebzeiten desjenigen
Sozialleistungen – zu gewähren.
Subjekts erfolgt ist, welches dieses Vermögen rechtmäßig erworben hat, zu Recht vom Staat
Im Gegensatz zu Diskursposition 5 steht hier
besteuert werden kann und muss. In diesem
weniger die Chancengleichheit im Fokus des
Fall handele es sich nicht um eine Verletzung
Arguments. Stattdessen wird auf die im Sinne
der Eigentumsrechte eines Subjekts, da nur
sozialer Gerechtigkeit wünschenswerten (distri-
eine lebende Person diese Rechte besitze. Da
butiven) Ergebnisse verwiesen. Beide Diskurs
zudem der Gewinn des Erbenden nicht das Er-
positionen werden häufig gemeinsam vorge-
gebnis eines unmittelbaren Verdienstes ist, hat
bracht und typischerweise von sozialdemokra
er oder sie auch keinen Anspruch auf das Eigen-
tischen Akteuren vertreten (Jackson, 2013).
tum. Der Eingriff des Staates muss jedoch stets mit dem Ziel erfolgen, die (Chancen)Gleichheit
Diskursposition 7: Hohe Vermögen sind gesell-
und gesellschaftliche Fairness zu erhöhen. Dies
schaftlich schädlich
kann durch progressive Vermögenssteuern, Erb-
Eine etwas anders gelagerte Position verfolgt die
schaftssteuern oder andere Formen der Umver-
Argumentation, dass hohe Vermögen und de-
teilung erreicht werden.
ren weitreichende Vererbung aus gesellschaftlicher Perspektive als schädlich zu erachten
Diskursposition 6: Umverteilung als Sozialpolitik
sind. Die negativen Auswirkungen hoher Vermö-
Dieser Standpunkt verbindet hohe Vermögen
gensungleichheit umfassen dabei zum einen
und Einkommen mit sozialpolitischen Fragen.
wirtschaftliche Aspekte, tangieren aber auch
Hier wird auf das Ideal der sozialen Gerechtig-
grundlegende demokratische und vielschichti-
keit verwiesen und argumentiert, dass die Be-
ge gesellschaftliche Fragen. Aus wirtschaftlicher
steuerung von Vermögen und Erbschaften ein
Perspektive können hohe Vermögen strukturell
geeignetes Mittel zum Erreichen dieses Ziels sei
problematisch sein. Sie bremsen demnach das
(Beckert, 2008b).
wirtschaftliche Wachstum, weil sie oft in unpro-
21
Über Reichtum berichten
duktiven Anlagen gehalten werden, anstatt in
bensstile der Wohlhabenden einher, sei es auf
produktive Investitionen zu fließen. Wenn Vermö-
individueller oder globaler gesellschaftlicher
gen über Generationen hinweg vererbt wird, kann
Ebene (Theine et al., 2022; Wiedmann et al.,
dies zudem dazu führen, dass große Teile des
2020). Historisch betrachtet bedeutet dies, dass
Kapitals in wenigen Händen konzentriert bleiben,
diejenigen, die über diesen höheren Anteil am
was die Kapitalzirkulation und damit das wirt-
Wohlstand verfügen, eine größere Verantwortung
schaftliche Wachstum verlangsamt. Dies führt zu
für die Klimakrise tragen (Cuomo, 2011). Chancel
einer geringeren Dynamik und Innovationskraft
(2022) verweist außerdem auf die Vermögensan-
in der Wirtschaft, da weniger Kapital für neue,
lagen der Reichen, welche zu großen Teilen in der
risikobehaftete Unternehmungen verfügbar ist
fossilen Wirtschaft (bzw. in emissionsintensiven
(Onaran et al., 2019; Steenbrink & Skali, 2024).
Sektoren) investiert sind. Betrachtet man also zusätzlich zu den hohen Emissionen des Kon-
Darüber hinaus gehen große Vermögen oft mit er-
sums auch noch die Vermögensseite, steigt der
heblicher wirtschaftlicher und gesellschaftlicher
CO2-Fußabdruck von Vermögenden weiter an.
Macht einher – Chomsky (2012) spricht entsprechend von einer „Plutonomy“. Diese Machtkon-
Um diesem Trend entgegenzuwirken, wird vorge-
zentration führt zu einer Verzerrung des politi-
schlagen, hohe Vermögen und deren Vererbung
schen und wirtschaftlichen Systems, da die Ver-
stärker zu besteuern und diese Einnahmen in
mögenden ihre Ressourcen nutzen können, um
Bereiche zu investieren, die wirtschaftliches
politische Entscheidungen zu beeinflussen und
Wachstum und Innovation fördern. Durch eine
ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Damit
gerechtere Verteilung des Reichtums soll die
seien Politik und Ökonomie von den Interessen
wirtschaftliche und gesellschaftliche Macht bes-
der Reichen kontrolliert und beeinflusst, anstatt
ser verteilt werden.
auf das Gemeinwohl ausgerichtet zu sein (Bartels, 2016; Gilens, 2016; Hay, 2016; Scheve &
Diskursposition 8: Der „Unterbau“ gesellschaft-
Stasavage, 2017).5
licher Reichtumsproduktion Eine weitere Diskursposition argumentiert, dass
Und auch aus umwelt- und klimapolitischer Per
die Verknüpfung zwischen individueller Leistung
spektive sind hohe Vermögen problematisch:
und der ‚gerechten‘ Aneignung von Vermögen
diese gehen mit wesentlich erhöhten CO2-Emis-
ein Mythos ist. Andrew Sayer (2016, S. 95, Übers.
sionen aufgrund der kohlenstoffintensiveren Le-
d. Verf.) beschreibt dies wie folgt: „Wir alle sind
5 Wie sehr hohe Vermögen, wirtschaftliche und politische Macht verzahnt sind, lässt sich aktuell in den USA am Beispiel von Elon Musk und den „Broligarchs“ (Harrington, 2024) beobachten. Mit Wahlkampfspenden von mehreren hundert Millionen Dollar erkauften sie sich Einfluss in der Trump-Regierung. Seitdem demontiert Elon Musk demokratische Institutionen und Spitzenpersonal der neuen Regierung, wie der FTC-Vorsitzende Andrew Ferguson, sprechen sich für eine minimale oder gar keine Regulierung von Digitalkonzernen und Künstlicher Intelligenz aus (Tröger & Theine, 2025).
22
Die diskursive Aushandlung von Vermögensungleichheit und Umverteilung
soziale Wesen, die für ihr Überleben und ihr
gerechte Durchführung. Im Mittelpunkt dieser
Wohlergehen nicht nur auf sich selbst, sondern
Position steht der Begriff der deliberativen De-
auch auf andere angewiesen sind. Niemand ist
mokratie, also der umfassenden Beteiligung
oder war jemals nur durch ‚eigene Arbeit reich‘:
unterschiedlicher Mitglieder der Gesellschaft
Finanzieller Reichtum ist lediglich ein Anspruch
an der Aushandlung zentraler wirtschafts- und
auf Reichtum in Form von Gebrauchswerten, die
gesellschaftspolitischer Fragen (Dryzek et al.,
von anderen produziert werden.“ Ein Artikel von
2019; Germann et al., 2024). Aufgrund der zu-
Tom Malleson (2024) schließt daran an und be-
nehmenden Popularität von Bürgerräten erhielt
schreibt mit dem Begriff „Unterbau“, die not-
diese Perspektive in den letzten Jahren größeres
wendigen sozialen, kulturellen und politischen
Interesse (Courant, 2021; Galván Labrador & Zo-
Bedingungen, welche notwendig sind, um indi-
grafos, 2024).
viduellen Reichtum überhaupt hervorzubringen. Die Betonung gleichberechtigter Partizipation Diese polit-ökonomische und feministische
an gesellschaftlichen Aushandlungsprozes-
Perspektive kritisiert die Orientierung am In-
sen steht im Gegensatz zur ungleichen und
dividuum und betont, dass Gesellschaften
ungerechten Machtkonzentration, die mit der
notwendigerweise in einem Netz aus gegensei-
hohen Konzentration von Reichtum einher-
tigen Abhängigkeiten und Beziehungen orga-
geht. Es geht also nicht nur um die Umvertei-
nisiert sind. Die Ökonomie wird entsprechend
lung dieses konzentrierten Reichtums, son-
als sozioökonomisches Versorgungssystem
dern auch um die Sicherstellung einer gleich-
betrachtet (Fanning et al., 2020; Power, 2004).
berechtigten Mitwirkung aller Gesellschafts-
Kein Individuum erreicht seinen Erfolg allein;
mitglieder bei der Entscheidung, wie diese
es profitiert stets von den kollektiven Anstren-
Umverteilung gehandhabt wird. Im Gegenzug
gungen und der Unterstützung anderer, sei es
zur Diskursposition 3 bezieht dieser Stand-
durch familiäre Netzwerke und Care-Arbeit, Bil-
punkt die Existenz von Machtgefällen in sei-
dungssysteme oder soziale Strukturen. Als Kon-
ne Argumentation mit ein: Wenn denjenigen,
sequenz wird eine tiefgreifende Umgestaltung
die über Reichtum verfügen, einfach gestattet
der gesellschaftlichen Werte und Strukturen
wird, ihn in Form von Spenden an die Gesell-
gefordert sowie impliziert, dass hohe Vermö-
schaft zurückzugeben, bleibt ihr überpropor-
gen nicht verdient sind und ein hohes Maß an
tionaler politisch-gesellschaftlicher Einfluss
Umverteilung legitim ist.
erhalten. Sie geht zudem darüber hinaus, bloß dem Staat die alleinige Handlungsfähig-
Diskursposition 9: Demokratie als Grundlage für
keit zuzugestehen, stattdessen sind Überle-
die Umverteilung
gungen zu Transparenz, Repräsentation und
Diese Diskursposition legitimiert Umverteilung
gemeinsamen Interessen zentral. Der Prozess
nicht nur, sondern konzentriert sich auf deren
ist ebenso wichtig wie das Ergebnis.
23
Über Reichtum berichten
6 Datensatz und Analysestrategie
In diesem Arbeitspapier analysieren wir zwei
wie beispielsweise die sechs Podcastfolgen auf
Aspekte des Guten Rats, die aus diskursanaly-
YouTube, wurden transkribiert. Visuelle Inhalte
tischer Perspektive besonders interessant sind:
(insbesondere auf Tiktok und Instagram) haben
die Außenkommunikation des Rats sowie dessen
wir in die Analyse aufgenommen. Die Inhalte
mediale Aufarbeitung und Rezeption.
der Website und die Pressemitteilungen wurden heruntergeladen und für die Analyse zugänglich
Hinsichtlich der Außenkommunikation haben wir
gemacht. Insgesamt wurden mehr als 500 Posts,
alle Kommunikationsmittel des Guten Rats mit-
Reels und Kurzvideos gesichtet, die meisten
einbezogen: Posts und Aktivitäten auf den un-
davon wurden auf Facebook, Instagram und X
terschiedlichen Social-Media-Plattformen (You-
veröffentlicht (siehe Abbildung 1). Die Mehrheit
Tube, LinkedIn, Instagram, TikTok, X, Facebook),
der Beiträge wurden dabei entweder gleich für
die Website und die veröffentlichen Pressemit-
mehrere Plattformen und Kanäle aufbereitet
teilungen. Alle Posts wurden heruntergeladen
oder aber wiederverwertet, sodass ein möglichst
und auf Dopplungen überprüft. Audioinhalte,
breites Publikum erreicht wurde.
Abbildung 1:
152
144
100
84 53 15
11
Yo u
Ti kT ok
X
Li nk ed In
Fa ce b
In st ag
oo k
0
3
OT S
50
W eb si te
62
Tu be
150
ra m
Anzahl der Reels und/oder Posts
Anzahl der Reels und Posts auf den unterschiedlichen Social-Media-Plattformen
Plattform
Quelle: Eigene Darstellung. Insgesamt wurden 524 Beiträge auf den unterschiedlichen Plattformen gepostet bzw. ver öffentlicht. Davon haben wir 137 originäre Beiträge analysiert; der Rest sind Dopplungen, die auf unterschiedlichen Plattformen identisch gepostet worden sind (vgl. auch Tabelle A.4 im Anhang).
24
Datensatz und Analysestrategie
Darüber hinaus haben wir die mediale Aufar-
und ihrer Relevanz für die öffentliche Debatte)
beitung und Rezeption des Rats in den Blick
berücksichtigt. Neben der Analyse der deutsch-
genommen. Hierzu haben wir Beiträge von
sprachigen Medien, haben wir auch ausgewähl-
ausgewählten Tages- und Wochenzeitungen,
te Beiträge internationaler Medien zum Vergleich
Online-Nachrichten sowie TV- und Radiobeiträ-
und weiteren Kontextualisierung der Debatte he-
ge in Österreich, Deutschland und der deutsch-
rangezogen. Hierzu gehören: Al Jazeera English
sprachigen Schweiz zur Analyse herangezogen
(ein Artikel), The Guardian (drei Artikel), The New
(siehe Tabelle 2). Bei der Auswahl der zu analy-
York Times (vier Artikel) sowie The Times (zwei
sierenden Medien haben wir sowohl forschungs-
Artikel). Insgesamt ist unsere Auswahl zwar im
strategische Überlegungen (eine Samplegröße,
strikten Sinne nicht repräsentativ, gleichzeitig
die sich noch qualitativ analysieren lässt; eine
bedeutet die breite Einbeziehung der wichtigs-
besondere Aktivität des Mediums zum Guten
ten und reichweitestärksten Nachrichten in un-
Rat) als auch klassische medienwissenschaft-
serem Sample jedoch, dass die Aussagekraft der
liche Entscheidungskriterien (unterschiedliche
Ergebnisse für die großen Trends der deutsch-
Medien entlang der politisch-redaktionellen
sprachigen Mediendebatte zum Thema recht
und journalistisch-stilistischen Ausrichtungen
hoch sein dürfte.
Tabelle 2:
Untersuchte Medien
Medium
Typ
Land
politischredaktionelle Ausrichtung
Kleine Zeitung
Tageszeitung
Österreich
unklar
18
Der Standard
Tageszeitung
Österreich
links-liberal
16
Die Presse
Tageszeitung
Österreich
rechts-konservativ
8
Kurier
Tageszeitung
Österreich
unklar
4
Kronen Zeitung
Boulevardzeitung
Österreich
rechts-konservativ
7
profil
wöchentliches Magazin
Österreich
unklar
11
Falter
wöchentliches Magazin
Österreich
links-liberal
2
Ö1 & weitere ORF Formate
Radio/TV
Österreich
zentristisch
18
Anzahl der Artikel/Beiträge
25
Über Reichtum berichten
Süddeutsche Zeitung Tageszeitung
Deutschland
links-liberal
11
Die Welt
Tageszeitung
Deutschland
rechts-konservativ
3
taz, die tageszeitung
Tageszeitung
Deutschland
links-liberal
1
BILD
Boulevardzeitung
Deutschland
rechts-konservativ
3
Brigitte
Boulevardzeitung
Deutschland
unklar
1
Bunte
Boulevardzeitung
Deutschland
unklar
2
Die Zeit
wöchentliches Magazin
Deutschland
links-liberal
5
Stern
wöchentliches Magazin
Deutschland
unklar
8
DER SPIEGEL
wöchentliches Magazin
Deutschland
links-liberal
8
Gala
wöchentliches Magazin
Deutschland
unklar
1
Focus
wöchentliches Magazin
Deutschland
unklar
18
ARD
TV
Deutschland
zentristisch
1
ZDF
TV
Deutschland
zentristisch
1
Deutschlandfunk
Radio
Deutschland
zentristisch
4
Neue Zürcher Zeitung Tageszeitung
Schweiz
rechts-konservativ
2
Tages-Anzeiger
Tageszeitung
Schweiz
links-liberal
3
Handelszeitung
Tageszeitung
Schweiz
unklar
2
Blick.ch
Boulevardzeitung
Schweiz
rechts-konservativ
4
Gesamt
162
Quelle: Eigene Darstellung. Insgesamt wurden 162 Artikel und Beiträge im deutschsprachigen Raum veröffentlicht. Die Einschätzung der politisch-redaktionellen Ausrichtung basiert auf rezenter, eigener Forschung sowie eigenen Einschätzungen. Ausgenommen von der Tabelle sind die zehn Artikel aus internationalen Medien. Alle Prozentangaben beziehen sich im Folgenden ausschließlich auf die deutschsprachigen 162 Artikel.
26
Datensatz und Analysestrategie
Der Zugang zu diesen Beiträgen erfolgte über Da-
oft mehrere Codes vergeben. Die Kodierung wur-
tenbanken wie Factiva, wiso, Lexis Nexis und teil-
de mithilfe von MaxQDA durchgeführt.
weise über die jeweiligen Websites. Insgesamt haben wir 162 Artikel und Beiträge von 26 un-
In einem zweiten Schritt ordneten wir diese
terschiedlichen Medien ausgewertet. Der Unter-
Codes – falls möglich – den von uns zuvor iden-
suchungszeitraum erstreckte sich vom 1. Januar
tifizierten und ausgearbeiteten Diskurspositi-
2024 (ein paar Tage vor der ersten Pressekon-
onen (siehe Kapitel 5) zu, wobei auch dieser
ferenz) bis zum 31. Oktober (ein paar Tage nach
Prozess ausführlich diskutiert wurde. Bei dieser
dem Abschlussbericht).
Zuordnung stellte sich heraus, dass die von uns im Vorfeld ausgearbeiteten Diskurspositionen
Wie in Kapitel 4 ausgeführt, untersuchen wir im
gut zu den geäußerten Positionen des Guten
Rahmen unseres diskursanalytischen Ansatzes
Rats und der Medien passen. Gleichzeitig haben
die Diskurspositionen, die in der Außenkommu-
wir zwei Diskurspositionen induktiv herausge-
nikation des Guten Rats und in der medialen
arbeitet, die wir so nicht zuvor ausgearbeitet
Debatte vertreten sind. Wir operationalisieren
hatten: Die Positionen Systemversagen sowie
die Analyse der Diskurspositionen, indem wir,
Kritik am Guten Rat. Diese zwei Positionen sind
wie Reynolds (2019) vorschlägt, auf das „value
natürlich auch nicht völlig ‚neu‘. Die erste be-
coding“ nach Saldaña (2021) zurückgreifen.
zieht sich auf die grundlegende Frage, inwiefern das politische und gesellschaftliche System an-
Dafür haben wir zunächst die unterschiedlichen
gesichts der hohen Vermögensungleichheit in
Dokumente gesichtet und ein detailliertes Ko-
Frage zu stellen ist oder nicht. Die zweite Positi-
dierschema entwickelt, das die Themen und
on ist sehr diskursspezifisch. Sie vereint einen
Aspekte der Außenkommunikation und der me-
kritischen Blick auf die Genese, die Ziele und die
dialen Debatte präzise abbildet. Dieses Sche-
Arbeit des Guten Rats. In unserem Kodier- und
ma wurde in mehreren Iterationen diskutiert,
Analyseschema kombinierten wir auf diese Wei-
überarbeitet und verfeinert, bis es schließlich
se ein induktives Vorgehen, das direkt aus dem
27 Codes umfasste. Jeder Code wurde in we-
Material abgeleitet wurde, mit einer deduktiven
nigen Sätzen definiert und mit Beispielzitaten
Herangehensweise, bei der wir auf die im Vor-
illustriert. Dieses Kodierschema haben wir auf
feld erarbeiteten stilisierten Diskurspositionen
die Außenkommunikation und die mediale Be-
zurückgriffen.
richterstattung gleichermaßen angewandt. Die kleinste mögliche Kodiereinheit waren wenige
Im vorliegenden Report sind wir auch daran in-
Wörter bzw. halbe Sätze. Als größte Kodierein-
teressiert, inwiefern die politisch-redaktionelle
heit haben wir einen Absatz bzw. Sinnzusam-
Ausrichtung von Medien und ihre journalisti-
menhang festgelegt. Damit wurden pro Beitrag
schen Stilformen die Verwendung unterschied
27
Über Reichtum berichten
licher Diskurspositionen beeinflusst. Für die
Berichterstattung zu einer bestimmten Stilform
Analyse der politisch-redaktionellen Ausrichtung
erfolgte dabei in der Regel auf Grundlage der
haben wir die klassische recht-links Heuristik he-
redaktionellen Kennzeichnung. Diese kann sich
rangezogen, die eine notwendige Vereinfachung
aus der Anmoderation, der Rubrikenüberschrift
darstellt und nicht ohne Kritik ist. Die von uns
oder einer speziellen typografischen Gestal-
verwendete Kategorisierung der politisch-redak-
tung von Text oder Überschrift ergeben. Falls
tionellen Ausrichtung basiert auf existierender,
eine solche Kennzeichnung nicht vorhanden
zumeist empirischer Literatur sowie unserer ei-
war, wurde die journalistische Stilform auf Ba-
genen Einschätzung (siehe Tabelle 2).
sis einer inhaltlichen Einschätzung durch unser Forschungsteam bestimmt. Wir unterscheiden
Unter journalistischen Stilformen verstehen wir
die folgenden fünf journalistischen Stilformen,
verschiedene Nachrichtenformate, die spezi-
die wir für unsere Analyse aus verschiedenen
fischen Regeln und Konventionen der Bericht-
bestehenden Literaturquellen6 angepasst ha-
erstattung folgen (Haarkötter, 2022). Beispiels-
ben:
weise sind Journalist*innen in tatsachenbetonten Formaten dazu angehalten, die zentralen
1. Tatsachenbetonte Nachricht: Diese Stilform
W-Fragen (Wer, Was, Wann, Wo, Warum) gleich
zeichnet sich durch eine sachliche und präg-
zu Beginn eines Beitrags zu beantworten. Mei-
nante Darstellung von Ereignissen aus, wobei
nungsbetonte Formate hingegen setzen stärker
die zentralen W-Fragen (Wer, Was, Wann, Wo,
auf Spannung und narrative Elemente, sodass
Warum) zu Beginn beantwortet werden. Eige-
wesentliche Informationen erst im Verlauf des
nen Meinungen oder Interpretationen des*
Artikels vermittelt werden. Das Interview wiede-
der Journalist*in werden in der Regel nicht
rum zeichnet sich durch das formale Wechsel-
kenntlich gemacht, sondern fließen nur indi-
spiel zwischen Fragen (Interviewer*in) und Ant-
rekt und implizit mit ein.
worten (Interviewte*r) aus.
2. Tiefergehende Reportage: Hier steht eine ausführliche, oft narrative Aufbereitung ei-
Die journalistischen Stilformen wurden als Teil
nes Themas im Vordergrund, die neben rei-
des Kodierleitfadens erfasst. Die Zuordnung der
nen Fakten auch Hintergründe, persönliche
6 In der wissenschaftlichen Literatur existieren verschiedene Klassifikationen journalistischer Textsorten. Beispielsweise unterscheidet Lüger (1995) fünf Gruppen: (a) kontaktorientierte, (b) informationsbetonte, (c) meinungsbetonte, (d) auffordernde und (e) instruktiv-anweisende Texte. Straßner (2000) identifiziert 14 Textsorten, darunter Abhandlung, Bericht, Essay, Feature, Gespräch, Glosse, Interview, Kommentar, Kritik, Meldung, Moderation, Porträt, Reportage und Story. Fasel (2013) teilt journalistische Textsorten in drei Hauptgruppen ein: (1) tatsachenbetonte Darstellungsformen (z. B. Nachricht, Bericht, Feature, Magazinstory), (2) erzählende Darstellungsformen (z. B. Interview, Porträt, Reportage) und (3) meinungsbetonte Darstellungsformen (z. B. Kommentar, Glosse, Feuilleton, Kritik, Betrachtung).
28
Datensatz und Analysestrategie
Perspektiven und Stimmungen einbindet, um ein vielschichtiges Bild zu vermitteln.
5. Soft News: Soft News behandeln gesellschaftliche, kulturelle oder unterhaltsame Themen
3. Meinungsbetonter Kommentar: Dieses Format
oft in einem emotionalisierenden oder anek-
enthält eine explizite Meinung oder Bewertung
dotischen Stil, wobei der Informationsgehalt
des*der Autor*in und verfolgt das Ziel, Argu-
zugunsten von Erzählbarkeit, Prominenz oder
mente, Kritik oder Satire zu einem Thema zu
menschlichem Interesse in den Hintergrund
liefern, um Leser*innen zur Reflexion oder De-
treten kann. Im vorliegenden Fall drehen sich
batte anzuregen. Wir schließen hier Leitartikel,
Beiträge in dieser Kategorie typischerweise
Glossen und auch Gastbeiträge mit ein.
um die Person Marlene Engelhorn.
4. Interviews: Interviews und Gesprächsformate bestehen aus einem strukturierten Dialog
Schließlich haben wir noch zwei Interviews mit
zwischen Interviewer*in und Gesprächspart-
Personen aus dem Organisationsteam des Guten
ner*in, wobei durch gezielte Fragen Stand-
Rats geführt, um weitere Details und Hintergründe
punkte, Hintergründe oder Einschätzungen
bezüglich der Prozesse und vermittelten Inhal-
zu einem bestimmten Thema herausgearbei-
te zu erfragen. Die folgende Tabelle 3 gibt eine
tet werden.
Übersicht über die Interviewpartner*innen.
Tabelle 3:
Informationen zu den Interviewpartner*innen
Hauptaufgabe beim Guten Rat
Länge
Datum
Interview 1
Presse
1 Std 20 min
05. Juli 2024
Interview 2
Social-Media-Kommunikation und kommunikative Leitlinien
1 Std 14 min
11. September 2024
Quelle: Eigene Darstellung.
29
Über Reichtum berichten
7 Ergebnisse: Der Gute Rat in den Medien
Im folgenden Kapitel präsentieren wir die Ergebnisse unserer Untersuchung zur Außenkommunikation des Guten Rats und deren medialer Rezeption. Zunächst geben wir einen Überblick über die Kommunikationsstrategien des Guten Rats sowie die allgemeine Medienberichterstat-
1) der Verteilungssituation insbesondere in Österreich und Deutschland, 2) der Notwendigkeit einer Rückverteilung von Vermögen und 3) des deliberativ-demokratischen Ansatzes des Guten Rats.
tung (Kapitel 7.1). Anschließend analysieren wir detailliert die verschiedenen Diskurspositionen
Hinzu kamen Portraits der Ratsmitglieder. Da
(7.2), betten die Diskurspositionen des Guten
rüber hinaus gab es jedoch keine feste Argumen-
Rats in eine breitere Debatte ein (7.3.) und ver-
tations- und Außenkommunikationsstrategie
tiefen die Diskussion der medialen Berichter-
(Interview 1, 2). Viele Inhalte wurden während der
stattung inklusive der Unterschiede hinsichtlich
einzelnen Sitzungswochenenden kreiert und be-
der journalistischen Stilformen und politisch-
gleiteten den Prozess durch die Darstellung der
redaktionellen Ausrichtungen (7.4).
beteiligten Inhalte und Personen (Interview 2). Abbildung 2 zeigt, dass die Außenkommunika
7.1 Außenkommunikation und Medien berichterstattung im Überblick
tion über den gesamten Zeitraum quantitativ nur leichten Schwankungen unterlag.
Im Anschluss an die Pressekonferenz am 9. Ja-
Zusätzlich zur Kommunikation über die sozialen
nuar 2024 begann der Gute Rat mit einer weit ge-
Medien verfolgte der Gute Rat eine aktive Strate-
fächerten Außenkommunikation, die ein mög-
gie im Umgang mit etablierten Massenmedien.
lichst breites Publikum erreichen sollte.
Interviews (von Marlene Engelhorn sowie Ratsmitglieder*innen) mit führenden deutschspra-
Die Kommunikation über soziale Medien erfolgte
chigen und internationalen Medien wurden pro-
dabei auf Grundlage eines im Vorhinein festge-
aktiv vereinbart. Gleichzeitig wurden Anfang Mai
legten Argumentationsrepertoires, mit vorberei-
2024 Hintergrundgespräche mit deutschspra-
teten und ausformulierten Argumenten (Inter-
chigen Medien geführt und Journalist*innen per-
view 1, 2). Die Kernaussagen orientierten sich an
sönlich zu Pressekonferenzen eingeladen. Der
der Vermittlung von Informationen, Fakten und
Gute Rat bemühte sich um einen andauernden
Hintergründen in drei Bereichen:
Austausch mit der Presse, um so ein positives
30
Ergebnisse: Der Gute Rat in den Medien
und konsistentes Medienbild zu präsentieren.
zu Presseanfragen nach Interviews und Hin-
Teil dieser Medienarbeit war auch die exklusive
tergrundinformationen. Neben bedeutendem
Einladung an drei Journalist*innen, an einigen
Medieninteresse aus dem deutschsprachigen
der Wochenenden beobachtend an der Arbeit
Kontext gab es auch vereinzelte Anfragen von
des Rats teilzunehmen. So wurde Lisa Nimmer-
Medien aus aller Welt. Das Medieninteresse
voll (Der Standard), Julia Friedrichs (Schriftstel-
war so groß, dass ein proaktiverer Medienum-
lerin und Journalistin u. a. für Die Zeit) sowie
gang nie nötig wurde, sondern auf Anfragen
Joshua Jaffer (The New Yorker) dieser Zugang
aus logistischen und zeitlichen Gründen sogar
ermöglicht (Interview 1).
nur teilweise eingegangen werden konnte. So berichtete die New York Times beispielsweise
Die aktive Medienstrategie des Organisati-
ausführlicher über den Guten Rat und Marlene
onsteams führte zu einer relativ umfassenden
Engelhorn, während die Anfrage eines brasilia-
Medienrezeption des Guten Rats. Während
nischen TV-Mediums nicht umgesetzt werden
der gesamten Dauer des Prozesses kam es
konnte (Interview 1).
Abbildung 2:
Außenkommunikation des Guten Rats und mediale Rezeption in ausgewählten Medien (Januar bis November 2024) Ergebnisverkündung
Projektlaunch 15
Außenkommunikation
Anzahl
Medien
10 WE 6 WE 1 5
WE 2
WE 4
WE 3
0
Jan
Feb
März
Apr
Mai
Jun
Jul
Aug
Sep
Okt
Nov
Datum Quelle: Eigene Darstellung. Datengrundlage sind 162 Medienbeiträgen von 26 unterschiedlichen Medien sowie 137 Beiträge des Guten Rats, die auf den unterschiedlichen Social-Media-Plattformen veröffentlicht wurden.
31
Über Reichtum berichten
Über die Zeit und im Vergleich zur Außenkommu-
le folgen mit zwölf Prozent meinungsbetonte
nikation des Guten Rats fällt auf, dass sich die
Kommentare, die oft eine kritische Würdigung
mediale Aufmerksamkeit trotz des großen und
der Arbeit des Guten Rats und somit eine expli-
kontinuierlichen Medieninteresses stark auf ein-
zite Wertung transportieren (und diese meist
zelne Momente wie den Projektstart, das erste
kenntlich machen). Nahezu gleichauf folgen
Beratungswochenende und die Ergebnisverkün-
mit ebenfalls rund zwölf Prozent Interviews,
dung fokussierte (Abbildung 2).
überwiegend mit Marlene Engelhorn. Tiefergehende Reportagen im Sinne einer eingehenden
Hinsichtlich der journalistischen Stilformen
Beschäftigung und Aufbereitung der zentralen
zeigt unsere Analyse, dass die mediale Bericht-
Themen und Anliegen des Rats – wie Ungleich-
erstattung tendenziell oberflächlich, oft am ta-
heit und Besteuerung – sowie von Idee, Pro-
gesaktuellen Geschehen orientiert und – in rund
zess und Ablauf des Vorhabens machen elf
60 Prozent der Fälle – von tatsachenbetonten
Prozent der Beiträge aus. Schließlich bestehen
Nachrichten dominiert war (Abbildung 3). Die
ca. sechs Prozent der Beiträge aus Soft News
Beiträge in dieser journalistischen Form sind
und drehen sich fast ausschließlich um Mar-
meist einer Chronistenrolle verhaftet und ori-
lene Engelhorn als Kuriosum, während der von
entieren sich stark an der Geschichte und den
ihr initiierte Gute Rat, sein Anliegen und das
Aussagen von Marlene Engelhorn, die häufig
Thema Vermögensungleichheit nur eine unter-
zitiert und paraphrasiert wird. An zweiter Stel-
geordnete Rolle spielt.
Abbildung 3:
Berichterstattung über den Guten Rat nach journalistischer Form (in Prozent) 60
59,9 %
50
Anteil
40 30 20
12,2 %
11,6 %
10
11 % 5,5 %
ws Ne So ft
fe r Re geh po en rta de ge
Ti e
w vi e te r In
nu ng Ko sb m eto m n en te ta r r
M ei
Ta t
sa ch en Na be ch ton ric te ht
0
Quelle: Eigene Darstellung. Datengrundlage sind 162 Medienbeiträgen von 26 unterschiedlichen Medien. Abweichungen von 100 beruhen auf Rundungen.
32
Ergebnisse: Der Gute Rat in den Medien
7.2 Die Diskurspositionen im Detail
Ein großer Teil der Außenkommunikation des Guten Rats problematisiert und kritisiert die
Welche der gängigen Diskurspositionen zum
existierende Ungleichverteilung von Reich-
Thema Ungleichheit (siehe Kapitel 5) wurden in
tum in der Gesellschaft. Diese Kritik haben
der Außenkommunikation des Guten Rats vor-
wir in drei miteinander zusammenhängenden
gebracht? Und wie wurden diese in der medialen
Diskurspositionen zusammengefasst, die wir
Berichterstattung aufgegriffen? In der Analyse
folgend auch in dieser Reihenfolge diskutie-
haben sich sieben Diskurspositionen heraus-
ren: 1) Hohe Vermögen sind gesellschaftlich
kristallisiert, die folgend hinsichtlich ihrer kon-
schädlich, 2) Meritokratie: Kritik am Leitbild der
kreten Erscheinungsformen genauer vorgestellt
Leistungsgesellschaft und 3) Der „Unterbau“
werden. Abbildung 4 zeigt und vergleicht die Re-
gesellschaftlicher Reichtumsproduktion. An die
levanz der jeweiligen Diskurspositionen in der
Reichtums-Kritik anschließend betont der Gute
Außenkommunikation des Guten Rats und der
Rat 4) die Rolle der Demokratie als Grundla-
Medienberichterstattung.
ge für Umverteilung und äußert grundlegende
Abbildung 4:
Relevanz der Diskurspositionen in Außenkommunikation und Medienberichterstattung
18,2 % 23,8 %
Hohe Vermögen sind gesamtgesellschaftlich schädlich
Berichterstattung Medien
6,4 % 6,2 %
Kritik am Leitbild der Leistungsgesellschaft
Außenkommunikation Guter Rat
13,3 % 12,3%
„Unterbau“ gesellschaftlicher Reichstumsproduktion
26,1 %
Demokratie als Grundlage für Umverteilung
39,6 %
12,7 % 17,5 %
Systemversagen Systembewahrend
0%
Kritik am Guten Rat
6,3 % 17 %
0,6 % 0
10
20
30
40
Gewicht (%) Quelle: Eigene Darstellung. Die Grafik basiert auf 162 Medienbeiträgen sowie 137 analysierten Veröffentlichungen des Guten Rats (Posts, Pressemitteilungen etc.). Sie zeigt, wie sich die verschiedenen Diskurspositionen in der Außenkommunikation des Guten Rats und in der Medienrezeption verteilen. Der Prozentsatz gibt an, welchen Anteil eine Diskursposition an allen kodierten Segmenten im jeweiligen Datensatz hat. So wird sichtbar, wie stark einzelne Positionen vertreten sind und welchen Raum sie im Vergleich zueinander einnehmen.
33
Über Reichtum berichten
Kritik am politischen System, welche wir in der
können, um direkten Einfluss auf politische,
Position 5) Systemversagen zusammengefasst
gesellschaftliche und ökonomische Entschei-
haben.
dungsprozesse auszuüben. Immer wieder mahnt der Gute Rat, dass die soziale Ungleich-
Zwei weitere Diskurspositionen kommen maß-
heit und damit auch die Machtkonzentration
geblich nur in den Medien vor, das sind 7) Sys-
weiter zunimmt:
tembewahrend: Vermögende tragen positiv zur ökonomischen und gesellschaftlichen Entwick-
„Die Ungleichheit nimmt immer weiter zu. Das
lung bei sowie 8) Kritik am Guten Rat.
gefährdet den sozialen Zusammenhalt und widerspricht unserem Gefühl von Gerechtig-
Hohe Vermögen sind gesellschaftlich schädlich
keit. Das bereitet uns Sorgen, da sich mit dem
Ein zentrales Thema in der Kommunikationsstra-
Vermögen auch Macht konzentriert – und das
tegie des Guten Rats ist die Diskursposition Hohe
kann sogar unsere Demokratie gefährden.“
Vermögen sind gesellschaftlich schädlich. Diese
(Guter Rat, 2024d, S. 24)
Position problematisiert die hohe Konzentration von Vermögen in den Händen eines kleinen Pro-
In den Veröffentlichungen des Guten Rats werden
zentsatzes der Bevölkerung sowohl in Österreich
unterschiedliche Arten besprochen, wie beson-
als auch weltweit (siehe dazu auch die stilisierte
ders reiche Personen Macht ausüben können.
Diskursposition 7 in Kapitel 5). Rund 24 Prozent
Im Podcast des Guten Rats beschreibt Franziska
der Veröffentlichungen des Rats fokussieren auf
Disslbacher, Reichtums-Forscherin an der Wirt-
diesen Aspekt, wobei insbesondere durch Info-
schaftsuniversität Wien, dies eindrücklich:
grafiken und Sharepics Fakten zur Vermögensverteilung in ihren unterschiedlichen Dimensio-
„Wer Vermögen hat, kann eher große Beträge
nen beleuchtet werden.
spenden. Es geht auch um das Eigentum an Medien. Das ist nicht nur in Österreich so,
So teilte der Rat bei Instagram Sharepics mit
es gibt auch international sehr viele Studien,
Angaben zu den Vermögen der reichsten 1 Pro-
die zeigen, dass sehr vermögende Menschen
zent in Österreich (Abbildung 5). Mit anderen
tendenziell einen überproportional großen
Grafiken wird wiederum über den übermäßigen
Anteil an verschiedenen Medienhäusern wie
CO2-Ausstoß von Superreichen informiert (Ab-
Fernsehsender und Zeitungen gehören. Und
bildung 6).
es gibt ja auch noch den Zugang zu und die Einflussnahme auf politische Netzwerke, auf
Ebenso wird der Zusammenhang von Vermö-
politische Kontakte. Vermögen kann also
gen und soziopolitischer Macht thematisiert.
durch verschiedene Weg[e,] […] [b]eispiels-
Zentraler Topos ist hier, dass superreiche
weise Lobbyismus, Spenden und so weiter,
Einzelpersonen und/oder Gruppen ihre ma-
demokratische Prozesse beeinflussen.“
teriellen Ressourcen und Netzwerke nutzen
(Disslbacher, 2024)
34
Ergebnisse: Der Gute Rat in den Medien
Abbildung 5:
Sharepics des Guten Rats zum Thema Vermögensungleichheit in Österreich
Quelle: Instagram, 25.03.2024 (https://www.instagram.com/p/C48hdezSodV/?img_index=1, Zugriff: 18.02.2025).
Abbildung 6:
Infografiken des Guten Rats zum Zusammenhang von Ungleichheit und Klimaschäden
Quelle: Instagram, 18.02.2024 (https://www.instagram.com/p/C3f5_4-MmUA/?img_index=1, Zugriff: 18.02.2025).
35
Über Reichtum berichten
Aus dieser Problematisierung sehr hoher Vermö-
nem Freibetrag bei der Erbschaftssteuer von
gen leitet der Gute Rat in seiner Außenkommu
z. B. einer Million Euro würde sie etwa zwei
nikation eine Notwendigkeit für höhere Steuern
Prozent der Bevölkerung betreffen. […] Darü-
ab und plädiert für eine sinnvolle Kombination
ber hinaus sollten diese Steuern progressiv
von Erbschafts-, Schenkungs- und Vermögens-
ausgestaltet werden und das Steuersystem
steuern (Abbildung 7).
sollte regelmäßig an die Inflation angepasst werden.“ (Guter Rat, 2024d, S. 24)
Eine solche Steuerpolitik sollte dem Guten Rat nach folgende Anforderungen erfüllen:
In der Medienberichterstattung wird die Diskursposition Hohe Vermögen sind gesamtwirtschaft-
„Freibeträge, die es zumindest ermöglichen,
lich schädlich in rund 18 Prozent der Beiträge
Wohnungseigentum oder einen entsprechen-
aufgegriffen und diskutiert. Dabei werden Posi
den Gegenwert anzuschaffen und zu erhal-
tionen des Guten Rats übernommen und verbrei-
ten. Alle haben ein Recht auf Sicherheit. […]
tet. Beispielsweise wird in einem Gastkommen-
Der Großteil der Menschen wäre von so ei-
tar von Christian Felber (2024) in der österrei-
ner Steuer also gar nicht betroffen: Bei ei-
chischen Tageszeitung Der Standard die hohe Konzentration von Vermögen in den Händen sehr
Abbildung 7:
Forderung des Guten Rats nach höheren Steuern
weniger Menschen problematisiert: „Laut der NGO Oxfam ist das Vermögen der 2755 globalen Milliardärinnen und Milliardäre von Pandemiebeginn bis 2022 von 8,6 auf 13,8 Billionen US-Dollar [an]gewachsen – ein größerer Anstieg als in den vierzehn Jahren davor. Gleichzeitig sind 163 Millionen Menschen unter die von der Weltbank gezogene Armutsgrenze von 5,50 US-Dollar pro Tag gerutscht.“ Marlene Engelhorn (2024c) rückt in einem Gastkommentar in Die Presse die Ungleichheit in Österreich in eine internationale und gesamtgesellschaftliche Perspektive:
Quelle: Instagram, 25.09.2024 (https://www. instagram.com/p/DAWQcDRtFEL/?img_index=1, Zugriff: 18.02.2025).
36
„Die Ungleichheit ist in Österreich besonders gravierend, nur Lettland hat in der Eurozone
Ergebnisse: Der Gute Rat in den Medien
eine noch ungleichere Verteilung von Vermö-
Vermögen, wie z.B. einem 25-Millionen-Euro-
gen. Das reichste Prozent der Bevölkerung
Vermögen, kann man Realitäten schaffen.“
hält bei uns, je nach Quellen, 40 bis 50 Pro-
(Deutschlandfunk, 2024)
zent aller Vermögen und es erbt folglich im Schnitt 3,4 Millionen Euro, während 70 Pro-
Gleichzeitig zeigen die Beispiele auch ein Pro
zent der Österreicherinnen und Österreicher
blem der Berichterstattung auf: Diese Diskurs
nichts oder Schulden erben.“
position wird bei genauerer Betrachtung überwiegend im Rahmen von Gastkommentaren,
Neben der hohen Ungleichheit von Vermögen
indirekten oder direkten Zitaten geäußert.
wird auch die damit einhergehende Macht pro
Dadurch übernehmen die Redaktionen diese
blematisiert. Beispielsweise wird Marlene Engel-
Perspektive nicht selbst, sondern überlassen
horn auf Focus online wie folgt wiedergeben:
ihre Artikulation externen Stimmen. So wird eine gewisse Distanz geschaffen, mit der die-
„Das Problem für Engelhorn: Viel Geld brin-
se Diskursposition medial wiedergegeben
ge auch viel Macht mit sich. Häufig würden
wird. Hinzu kommt, dass der Zusammenhang
Superreiche gute Kontakte in die Politik pfle-
zur Klimakrise und den hohen CO2-Emissionen
gen und ‚überproportional in Entscheidungen
von Superreichen praktisch nicht aufgegriffen
involviert‘ sein, zum Beispiel in Hinblick auf
wurde – obwohl der Gute Rat diesen Zusam-
den Arbeitsmarkt. ‚Sie regeln quasi mit dem
menhang immer wieder betont hatte. Darüber
Exklusivitätsprinzip den Zugang anderer zu
hinaus gab es innerhalb der Diskursposition die
bestimmten Ressourcen – Land, Wohnraum,
erkennbare Tendenz, auf kritischere Argumente
aber auch Gesundheit oder Mobilität‘, sagt
zugunsten allgemeinerer Feststellungen zu so-
Engelhorn. ‚Und das alles unter Aufrechter-
zialer Ungleichheit und ihrer machtpolitischen
haltung der himmelhohen Brandmauern zu
Dimension zu verzichten.
ihrer Macht.‘“ (Focus online, 2024c) Meritokratie: Kritik am Leitbild der In einem Deutschlandfunk Kultur-Beitrag wird
Leistungsgesellschaft
Marlene Engelhorn als „BASF-Millionenerbin
Ähnlich zur vorangegangenen Diskursposition
und Aktivistin“ vorgestellt, die es „ungerecht
problematisiert auch die Perspektive Meritokra-
[findet], dass bei ihr schon bei ihrer Geburt
tie: Kritik am herrschenden gesellschaftlichen
klar war, dass sie mal reich wird. Sie ist der An-
Leitbild hohe Vermögen. Diese Diskursposition
sicht, dass ihr als Einzelperson zu viel Macht
wird in rund sechs Prozent der Beiträge des Gu-
in den Schoß gefallen sei“ (Deutschlandfunk,
ten Rats kommuniziert. Im Gegensatz zur vor-
2024). Sie kommt dann auch direkt zu Wort und
herigen Perspektive wird aber weniger auf die
führt ihre machtkritische Perspektive aus: „Mit
Konsequenzen hoher Vermögen für Wirtschaft
37
Über Reichtum berichten
und Gesellschaft geschaut, sondern am gesell-
„Ich war sauer, dass ich dieses Erbe kriege,
schaftlich weit verbreiteten Leitbild der Leis-
weil ich wusste, dass es ungerecht ist. Ich
tungsgesellschaft angesetzt (siehe dazu auch
konnte mich nicht wirklich freuen. Und ich bin
die stilisierten Diskursposition 1 und 5 in Kapi-
dann allen in meiner Umgebung ein bisschen
tel 5). Dieses Leitbild besagt, dass Menschen
in den Ohren gelegen damit, wie furchtbar
mit hohen Einkommen und Vermögen dieses
ungerecht das ist und dass man eigentlich
auch verdient haben, weil sie dafür viel geleis-
doch was machen muss. […] Aber ja, ich habe
tet und hart gearbeitet haben. Die resultierende
mich nicht gefreut, sondern ich war so: das ist
Ungleichheit ist dann gerechtfertigt und sogar zu
eigentlich geschissen. Das gehört nicht so. Wir
befürworten, weil sie das Ergebnis individueller
sind doch in einer Demokratie oder? Wie kann
Leistung bzw. Talent ist.
meine Geburt so einen Unterschied machen dürfen.“ (Reichel, 2024a)
In den Veröffentlichungen des Guten Rats wird diese gesellschaftliche Vorstellung als nichtzutref-
Die Stellung in der Gesellschaft hängt also oft
fend und realitätsfremd entlarvt. Im Zentrum der
nicht vom eigenen Tun ab, so der Tenor des Bei-
Kritik steht dabei, dass Reichtum typischerweise
trages, sondern ist durch Geburt vorbestimmt:
nicht auf individueller Leistung, herausragendem
„[W]ir haben den Geburtsvorgang als den maß-
Talent oder harter Arbeit beruht, sondern durch
geblichen Entscheidungsfaktor dafür, wie unser
große Erbschaften zustande kommt (für weitere
Leben ausschaut“ (Reichel, 2024a).
Details siehe die Diskursposition 5 in Kapitel 5). Der Gute Rat transportiert die Diskursposition Dies trifft auch auf das Vermögen von Marlene
Meritokratie: Kritik am herrschenden gesell-
Engelhorn zu, wie auf der Website des Guten Rats
schaftlichen Leitbild auch über Infografiken, die
ausgeführt wird: „Das Geld stammt aus einer
zum Beispiel die Rolle von Erbschaften themati-
Übertragung von Marlene Engelhorns Großmutter.
sieren. So wird beispielsweise darauf hingewie-
Marlene Engelhorn stammt aus einer reichen In-
sen, dass der Großteil der Erbschaften in Öster-
dustriellenfamilie, das Unternehmen Boehringer
reich an Menschen geht, die selbst schon reich
Mannheim wurde 1996/97 verkauft und daraus
sind (Abbildung 8).
ergibt sich das Vermögen.“ (Guter Rat, 2024b) Auch der Zusammenhang zwischen der VererIm Podcast des Guten Rats wird Marlene Engel-
bung von Vermögen und ungleichen Bildungs-
horn gefragt, wie sie sich gefühlt hat, als sie er-
chancen wird betont (Abbildung 9).
fuhr, dass sie eine hohe Erbschaft ihrer Großmutter erhalten wird. In ihrer Antwort beschreibt
In der untersuchten medialen Berichtserstattung
sie die Ungerechtigkeit, die mit solch hohen Erb-
wurde der Diskussion um Leistung, Reichtum und
schaften einhergeht:
Erbschaften mit rund sechs Prozent ein ähnlicher
38
Ergebnisse: Der Gute Rat in den Medien
Abbildung 8:
Abbildung 9:
Infografik des Guten Rats zum Zusammenhang von Vermögen und Erbschaften
Infografik des Guten Rats zum Zusammenhang von Vermögensungleichheit und Bildungschancen
Quelle: Instagram, 31.07.2024 (https://www. instagram.com/p/C-F9GKvvu4m/?img_index=2, Zugriff: 18.02.2025).
Quelle: Instagram, 19.09.2024 (https://www. instagram.com/p/DAGzo3cNcSp/?img_index=2, Zugriff: 18.02.2025).
Stellenwert wie vonseiten des Guten Rats einge-
artikel der österreichischen Wochenzeitung Profil
räumt. Die vom Guten Rat und Marlene Engelhorn
heißt es beispielsweise:
geäußerte Kritik an der Rolle von Erbschaften für den eigenen Reichtum und die Stellung in der
„Engelhorn hat sich in einem Akt der Emanzi-
Gesellschaft wird aufgegriffen und diskutiert. Im
pation aus ihrer Rolle als Tochter einer reichen
Focus wird Engelhorn beispielsweise zugespitzt
Familie gelöst. Sie hat die Überzeugung gewon-
so zitiert, dass sie sich „als ‚hochprivilegierte
nen, das riesige Erbe, das sie als Enkelin der
Bummel-Studentin‘ [bezeichnet], die eine Ge-
schwerreichen Traudl Engelhorn-Vechiatto an-
winnerin in der ‚Geburts-Lotterie‘ ist“ (Focus on-
getreten hat, nicht verdient zu haben, weil Erb-
line, 2024a).
schaften in ihren Augen keine gesellschaftlich vertretbare Quelle von Reichtum sein sollten.
An die Diskursposition des Guten Rats anschlie-
Diesen Grundsatz wendet sie schonungslos
ßend, wird auch medial die Legitimität von gro-
auf sich selbst an und beweist damit geradezu
ßen Erbschaften problematisiert. In einem Leit-
Kant’sche Prinzipientreue.“ (Treichler, 2024)
39
Über Reichtum berichten
Der Spiegel beschreibt, dass „Engelhorn selbst
Der „Unterbau“ gesellschaftlicher
es nicht fair [findet], dass sie als Millionen-Erbin
Reichtumsproduktion
so viele Vorteile hat im Vergleich zu Menschen,
Rund zwölf Prozent der Beiträge des Guten Rats
die ihr Leben lang hart arbeiten und nur ein ge-
schließen an die Diskursposition Der „Unterbau“
ringes Einkommen haben“ (Beckschebe, 2024).
gesellschaftlicher Reichtumsproduktion (siehe
In der Neue Zürcher Zeitung wird hervorgeho-
Diskursposition 8 in Kapitel 5) an. Mit dieser
ben, dass sie „für dieses Geld keine Sekunde
Perspektive wird betont, dass ein gelingendes
gearbeitet hat“ und sie seither „die ungerechte
und selbstbestimmtes Leben nicht von den
Verteilung von Vermögen und auch, dass Reiche
Leistungen und Fähigkeiten einzelner Personen
nicht ausreichend besteuert würden [kritisiert]“
abhängt, sondern die gesellschaftlichen Rah-
(Gollmer, 2024).
menbedingungen entscheidend sind: Politik, Wirtschaft und Bürger*innen müssen an einem
Gleichzeitig wird die Position des Guten Rats
Strang ziehen, um die notwendigen Grundlagen
durchaus kritisch rezipiert und eingewandt, dass
für das alltägliche Leben zu schaffen und zu si-
die Leistungsgerechtigkeit eine wichtige Leitlinie
chern. Damit bauen das Leben und Fortbestehen
der Gesellschaft ist (siehe dazu die stilisierte
aller auf diversen sozialen, kulturellen, politi-
Diskursposition 1 in Kapitel 5). Reiche Menschen
schen und ökologischen Bedingungen – kurz:
haben – diesen Einwänden nach – ihr Vermögen
dem Unterbau – auf. Neben der öffentlichen
durchaus verdient, weil sie selbst dafür „verant-
Infrastruktur, Gesundheitsversorgung, dem Bil-
wortlich“ waren, indem sie hart arbeiteten oder
dungswesen, rechtlicher Sicherheit und Eigen-
unternehmerisch erfolgreich waren. Um die Sta-
tumsgarantien ist die individuelle Lebensweise
tistiken und Zahlen des Guten Rats zu kontern,
und die wirtschaftliche Produktion dabei auch
die zeigen, dass Vermögen in den meisten Fällen
auf die Arbeitskraft und -leistung der abhängig
durch Erbschaften zustande kommen, werden
Beschäftigten angewiesen.
Beispiele und Einzelfälle angeführt. So auch im Spiegel-Gespräch mit Marlene Engelhorn, in
In den Veröffentlichungen des Guten Rats geht
dessen Verlauf das BioNTech-Unternehmen und
damit ein kritischer Blick auf hohe Vermögen
ihre Gründer*innen aufgegriffen werden, um
und „Überreichtum“ einher. Im Gegensatz zu
hohe Vermögen zu rechtfertigen: „Die Gründer
den zwei vorherigen Diskurspositionen wird hier
Özlem Türeci und Uğur Şahin sind aus einfachen
individueller Reichtum grundlegend hinterfragt.
bis soliden Verhältnissen. Sie haben mit ihrem
Denn: „Reichtum entsteht nie im Vakuum, son-
Coronaimpfstoff der Menschheit großen Nutzen
dern immer im Austausch mit anderen“ (Guter
gebracht und sind damit zu Multimilliardären
Rat, 2024a). Marlene Engelhorn führt das in ih-
geworden. Das ist doch legitim.“ (Diekmann &
rem Mission Statement auf der Homepage des
Kühn, 2024)
Guten Rats wie folgt aus:
40
Ergebnisse: Der Gute Rat in den Medien
„Vermögen ist nie eine individuelle Leistung.
Aktien kauft von Unternehmen, die irgendwo
Vermögen entsteht immer aus der Gesell-
in ihren Lieferketten Menschen ausbeuten“
schaft heraus. Ein paar Menschen werden
(Reichel, 2024a).
reich, weil sie anderen ihre Zeit abkaufen und daraus Profit machen. Weil sie ein Patent
Aus dieser Perspektive auf Reichtum und Un-
auf ein Produkt haben, das andere dringend
gleichheit folgt auch die Forderung, Vermögen
brauchen. Weil sie ein Grundstück kaufen,
an die Gesellschaft rückzuverteilen – das heißt
das mehr wert wird, weil die Gesellschaft
in dieser Perspektive, dahin zurückzugeben wo
Infrastruktur rundherum baut. Weil sie die
es herkommt und eigentlich hingehört:
Umwelt vernichten, um an Rohstoffe zu kommen.“ (Engelhorn, 2024a)
„Rückverteilung hingegen orientiert sich an dem Gedanken, dass Vermögen ungleich von
Auch in Bezug auf ihr eigenes ererbtes Vermögen
der Gesellschaft an einzelne Personen verteilt
beschreibt Marlene Engelhorn (2024a): „Mein
wurde – und dass große Vermögen ohne die
Reichtum wurde angehäuft […], weil andere Men-
Gesellschaft gar nicht entstehen können. […]
schen die Arbeit gemacht haben, aber meine Fa-
Bei der Rückverteilung geht es auch darum,
milie das Eigentum am Unternehmen und somit
nicht nur die Symptome von Krisen und un-
alle Ansprüche auf die Früchte dieser Arbeit mit-
gleicher Verteilung ändern zu wollen – son-
unter steuerfrei vererben konnte.“
dern auch die Ursachen für ungleiche Verteilung im System. Es geht darum, jenen zu-
In den Positionen des Guten Rats wird der
zuhören, die von sozialen und ökologischen
existierende Reichtum einzelner auch in einen
Problemen direkt betroffen sind. Und es geht
Zusammenhang mit der (weltweiten) Armut
darum, dass man ihnen auch vertraut und
und Verteilung von Vermögen gesetzt: „Wäh-
sie mitentscheiden lässt, was gute Lösungen
rend die fünf reichsten Männer der Welt ihr
sind.“ (Guter Rat, 2024b)
Vermögen seit 2020 verdoppelt haben, sind fünf Milliarden Menschen ärmer geworden.“
In der Außenkommunikation des Guten Rats wird
(Instagram, 31.01.2024) 7 Denn die Vermeh-
auch wiederholt betont, dass „Rückverteilung
rung von Vermögen ist nur möglich aufgrund
grundsätzlich etwas anderes als Philanthropie“
der Arbeit „von Menschen auf der ganzen
ist (Guter Rat, 2024b). Auf diesen Unterschied
Welt, die man bequem ignorieren kann, weil
wurde zum Beispiel in Infografiken hingewiesen
nichts anderes ist es, wenn man zum Beispiel
(Abbildung 10).
7 Instagram, 31.01.2024 (https://www.instagram.com/p/C2xlZwUSX3q/?img_index=1, Zugriff: 18.02.2025).
41
Über Reichtum berichten
Abbildung 10:
Infografik des Guten Rats zum Unterschied zwischen Rückverteilung und Philanthropie
Quelle: Instagram, 21.01.2024 (https://www.instagram.com/p/C2XyDYKsVrd/?img_index=1, Zugriff: 18.02.2025).
In dieser Diskursposition wird demnach die de-
der Medienbeiträge auf, dass die Positionen
mokratiepolitische und gesellschaftspolitische
des Guten Rats zu dieser Thematik selten tiefge-
Dimension von Reichtum betont. Es geht darum,
hender diskutiert und kontextualisiert werden.
die Bedürfnisse der Gesellschaft in den Mittel-
Das äußert sich zum Beispiel dadurch, dass die
punkt zu stellen und in einem demokratischen
in der Diskursposition angelegte grundlegen-
Prozess über Rückverteilung zu entscheiden,
de Infragestellung der Legitimität individuellen
statt Ideen und Vorstellungen einer Einzelperson
Reichtums nur selten medial aufgegriffen wird,
ins Zentrum zu stellen (hier besteht eine Über-
während sie in der Außenkommunikation des
schneidung zur Diskursposition „Demokratie als
Guten Rats stark vertreten ist. Wenn dieser As-
Grundlage für Umverteilung“, siehe unten und
pekt medial vorkommt, dann fast ausschließlich
Diskursposition 9 in Kapitel 5).
im Rahmen von direkten oder indirekten Zitaten von Marlene Engelhorn. In einem Beitrag des
Auf die Diskursposition zum „Unterbau“ gesell-
ARD-Morgenmagazin wird Engelhorn beispiel-
schaftlicher Reichtumsproduktion wird medial
weise so zitiert:
in rund 13 Prozent des untersuchten Materials rekurriert (siehe Abbildung 4 in Kapitel 7.2).
„Man könnte zum Beispiel […] endlich mal bit-
Gleichzeitig fällt bei einer qualitativen Analyse
ten, dass die Vermögenden ihren Beitrag leis-
42
Ergebnisse: Der Gute Rat in den Medien
ten, weil die von der öffentlichen Infrastruktur
sche Aktivistin, Autorin und Millionenerbin, die
profitieren, wo die Steuergelder schlussend-
schon international mit ihrem Kampf für eine Erb-
lich hinfließen […]. Spitäler, Schulen für die
schaftssteuer für Schlagzeilen gesorgt hat, startet
Fachkräfteausbildung, Grundlagenforschung,
ihre länger angekündigte Aktion der ‚Rückvertei-
all das brauchen Unternehmen, sonst können
lung‘ ihres Vermögens.“ (Bachner, 2024)
sie sowieso keinen Gewinn machen. Es kann also nicht sein, dass man nicht etwas zurück-
In einem Beitrag des ZDF heute, in dem über den
gibt von dem Vermögen, das man diesen in
Start des Guten Rats berichtet wird, wird durch
frastrukturellen Bedingungen verdankt.“
den kleinen Zusatz „wie sie es nennt“ betont,
(ARD Morgenmagazin, 2024)
dass rückverteilen ein Begriff ist, den Marlene Engelhorn verwendet. Damit wird auch klarge-
Auch der Aspekt der Rückverteilung wird medi-
stellt, dass dieser Begriff – und damit auch die
al nur im Rahmen von direkten oder indirekten
dahinter liegende Idee – keine etablierte und
Zitaten von Marlene Engelhorn rezipiert und we-
„normale“ Praxis ist: „Die Erbin hat 25 Millionen
nig über das Schlagwort der „Rückverteilung“
Euro rückzuverteilen, wie sie es nennt.“ (Hil-
hinaus besprochen. In einem ORF Beitrag heißt
pert, 2024) Auch wenn diese Beispiele keine
es in der Anmoderation beispielsweise: „Mar-
offenen und eindeutigen Widerspruch gegen-
lene Engelhorn setzt sich mit anderen reichen
über Marlene Engelhorn, dem Guten Rat und
Personen für Erbschafts- und Vermögenssteuern
der dahinterliegenden Idee enthalten, halten
ein. Weil ihr Erbe nicht besteuert wird, will sie
wir es doch für relevant auf diese kleinen und
ihr Geld anders rückverteilen.“ (ORF, 2024) Ähn-
subtilen Qualifizierungen und Distanzierungen
lich wird im Ö1 Journal um 5 über das Ergebnis
hinzuweisen. Denn: Sprache schafft Bewusst-
des Guten Rats berichtet, wenn es heißt, dass
sein, und dies oft durch implizite und nicht auf
sich „Millionenerbin Marlene Engelhorn […] heu-
den ersten Blick ersichtliche Formulierungen
te zufrieden [zeigt]. Der Großteil ihres geerbten
(zu eindeutigeren Kritiken und Abwertungen
Vermögens werde nun im Einklang mit demokra-
des Guten Rats siehe die Diskursposition Kritik
tischen Werten rückverteilt.“ (Ö1, 2024a)
am Guten Rat).
Hinzukommt, dass in der Berichterstattung teil-
Es gibt jedoch auch Beispiele, in denen die Po-
weise subtile Distanzierungen und leichte Ab-
sitionen des Guten Rats ausführlicher diskutiert
wertungen vorkommen. In folgendem Beispiel,
und im Kontext der gesellschaftlichen Reichtums
veröffentlicht im Kurier, fällt auf, dass der groß-
produktion des „Unterbaus“ eingeordnet wer-
angelegte und langorganisierte Prozess der
den. So argumentiert Jule Hoffmann in einem
Rückverteilung (siehe Kapitel 3) zu einer „Aktion
Zeit Online-Artikel, dass die Wahl des Namens
der Rückverteilung“ heruntergespielt wird: „Die
„Guter Rat für Rückverteilung“ bewusst getroffen
in Wien aufgewachsene deutsch-österreichi-
wurde:
43
Über Reichtum berichten
„Statt des Begriffs der Umverteilung, bei dem
und Zusammensetzung der Ratsmitglieder an-
ja immer mitschwingt, dass einigen etwas
geführt:
weggenommen wird, steckt in ‚Rückverteilung‘ schon die Berechtigung und Notwendig-
„Die 50 Ratsmitglieder bilden die öster-
keit, auf die Marlene Engelhorn aufmerksam
reichische Gesellschaft nahezu perfekt ab
machen will: Der Reichtum einiger Weniger
bezüglich Alter, Einkommen, Geschlechts-
hängt strukturell zusammen mit dem Preka
identität, Region und Urbanisierungsgrad,
riat der Vielen.“ (Hoffmann, 2024)
Bildung, Beschäftigung, Migrationshintergrund – und die Einstellung zur Vermögens-
Insgesamt zeigt sich jedoch, dass in vielen Fäl-
verteilung.“ (Guter Rat, 2024e)
len eine eindeutige Verkürzung der Positionen des Guten Rats zur Diskursposition Der „Unter-
Damit die Ratsmitglieder gemeinsame Ent-
bau“ gesellschaftlicher Reichtumsproduktion
scheidungen treffen konnten, waren klare Re-
stattfindet. Die weiterführende, strukturelle Ar-
geln, ein respektvoller Umgang und Diskussi-
gumentation des Guten Rats, welche individuel-
onen auf Augenhöhe entscheidend (siehe Ka-
len Reichtum in Frage stellt und damit die Forde-
pitel 3) – Aspekte, die in der Kommunikation
rung und Praxis der Rückverteilung begründet,
des Guten Rats kontinuierlich hervorgehoben
wird Großteils ausgeblendet.
wurden. Der Gute Rat betont den Vorrang des Gemeinwohls vor dem individuellen Wohl; wo-
Demokratie als Grundlage für Umverteilung
raus Kompromissbereitschaft, Verantwortung
Die mit rund 40 Prozent dominierende Diskurs
und Respekt als Eckpfeiler einer funktionie-
position in der Außenkommunikation des Gu-
renden Gesellschaft abgeleitet wurden. In der
ten Rats betont die Rolle der Demokratie als
Abschlusspressekonferenz wurde von zwei der
Grundlage für die Umverteilung (siehe Diskurs
vier anwesenden Ratsmitglieder die Zusam-
position 9 in Kapitel 5) und hebt hervor, dass
menarbeit und demokratische Aushandlung
demokratische Prinzipien und weitreichende
betont. Ratsmitglied Dietmar Feurstein be-
Teilhabe unterschiedlicher Gesellschaftsgrup-
schreibt:
pen entscheidende Kriterien für die Rückverteilung von Vermögen sind. Eine besondere Rolle
„Demokratie in ihrer besten Form bedeutet
in der Außenkommunikation des Rats spielte
für mich oder hat auch für den ganzen Gu-
dabei ein breites Verständnis von Inklusivität,
ten Rat […] Zeit und Raum für gegenseitigen
also die Einbeziehung sozial, wirtschaftlich und
Austausch [bedeutet.] […] [D]er respektvolle
kulturell unterschiedlich verorteter Menschen.
Umgang miteinander und […] die Konsent
Ein solches demokratisches Verständnis wurde
entscheidung, dass nicht eine Gruppe die
immer wieder als Begründung für die Auswahl
andere Gruppe überstimmt, […] war für mich
44
Ergebnisse: Der Gute Rat in den Medien
ein Schlüssel für einen Erfolg.“ (Guter Rat,
tatsächliche, deliberative demokratische Pro-
2024c)
zesse.
Ratsmitglied Kyrillos Gadalla hat besonders be-
Diesbezüglich betonte Ratsmitglied Kyrillos
eindruckt
Gadalla in der Abschlusspressekonferenz:
„wie wir gemeinsam, eine Gruppe von 50 un-
„Ich finde das war ja das Schwierige an der
terschiedlichen Personen, ganz konstruktiv
Sache. Es war eine freie Wahl. Wir wurden
fair und auf Augenhöhe diskutiert haben
nicht beeinflusst durch die Vorträge, ganz im
und Entscheidungen getroffen haben. Es
Gegenteil. Es hat sich einfach nur viel besser
ist für mich persönlich auch ein großes,
angefühlt, Vorträge anzuhören. Man wurde
ein starkes Zeichen, dass wenn es wirklich
extrem viel informiert, weil, wie gesagt, wir
nur um die Sache geht und nicht um politi-
sind 50 zufällig ausgewählte Personen und
sche Machtspiele, es sehr wohl möglich ist,
nicht jeder hat sich ausgekannt und die Vor-
Lösungen zu finden und Kompromisse zu
träge haben uns einfach nur unterstützt, in-
schließen, womit alle leben können.“ (Guter
formiert über das Thema zu sein.“ (Guter Rat,
Rat, 2024c)
2024c)
Die Vielfalt und Zusammenarbeit des Rats spie-
Insgesamt präsentierte sich der Gute Rat damit
geln sich auch in seinen Entscheidungen wider:
in seiner Kommunikation als Vorbild für delibera-
„Das Ergebnis ist so divers wie der Rat selbst.
tive Prozesse und betonte das Potential partizi-
Es wurden Organisationen unterstützt, die direkt
pativer Bürgerräte als wichtige Lernerfahrungen
Betroffene unterstützen oder die Ursachen des
für eine gelebte Demokratie. Dabei wurde da-
Problems bekämpfen.“ (Guter Rat, 2024e)
rauf hingewiesen, dass diese Aktivitäten dazu beitragen, eine offene und produktive Debatte
Eine weitere Säule der demokratischen De-
über kritische Themen zu fördern, mit denen die
liberation ist der Zugang zu guten Informati-
Gesellschaft konfrontiert ist.
onen. Dieser ermöglicht es den Mitgliedern eines demokratischen Prozesses, komplexe
Medial wurde die Diskursposition Demokratie
Entscheidungen zu treffen. Der Unterschied
als Grundlage für die Umverteilung in rund je-
zwischen guter Information und Lobbying liegt
dem vierten Beitrag (26 Prozent) aufgegriffen.
dabei in der primären Absicht, Perspektiven
Sie nahm damit anteilig zwar deutlich weniger
zu erweitern, anstatt sie zu beeinflussen. In-
Gewicht ein als in der Außenkommunikation des
formiertheit und möglichst große Unabhän-
Guten Rats, stellt jedoch die medial am häufigs-
gigkeit sind demnach Voraussetzungen für
ten transportierte Diskursposition dar. Inhaltlich
45
Über Reichtum berichten
wurde dabei insbesondere die Zusammenset-
ben wir uns untereinander vertraut.“ (Hitzler,
zung des Guten Rats und die demokratische Ar-
2024)
beitsweise aufgegriffen. In einem Deutschland-
funk Nova-Beitrag wird der Gute Rat wie folgt
Es zeigen sich allerdings auch Unterschiede
beschrieben: „Aber sie verteilt das Geld nicht
in der medialen Berichterstattung mit Hinblick
einfach selbst, sondern stellt ein Gremium zu-
auf den Fokus zwischen einzelnen demokrati-
sammen. 50 Menschen, die Österreich im Klei-
schen Kriterien. Den prozeduralen und struk-
nen abbilden sollen. Die sollen entscheiden,
turellen Themen deliberativer Demokratie (In-
wie das Geld am besten für die Gesellschaft
klusivität, Lerneffekte durch Teilnahme an de-
eingesetzt werden kann.“ (Potthoff, 2024) Im Ö1
mokratischen Entscheidungen, Transparenz
Abendjournal 18 Uhr kam beispielsweise Ange-
und Informiertheit) wurde in den Medien weit
lika Taferner wie folgt zu Wort: „Mich hat auch
weniger Bedeutung beigemessen, als dies in der
besonders beeindruckt, wie wir gemeinsam,
Außenkommunikation des Guten Rats der Fall
eine Gruppe von 50 unterschiedlichen Perso-
war. Nur in ausgewählten Beiträgen wurde die
nen, ganz konstruktiv, fair und auf Augenhöhe
demokratische Dimension des Guten Rats in ei-
diskutiert haben und Entscheidungen getroffen
nen breiteren Kontext gesetzt. Eine Ausnahme
haben.“ (Ö1, 2024b)
ist ein Deutschlandradio Kultur-Beitrag, in welchem Marlene Engelhorn den Hintergrund und
In einem Spiegel-Interview wiederrum be-
die demokratiepolitische Intention des Guten
schreibt der Journalist Erwin Hitzler, dass „der
Rats erläutert:
Gute Rat repräsentativ für Österreich stehen [soll]. Konservative, Linke, Leute aus der Stadt,
„Und dann dachte ich mir, wenn ich Demo-
vom Land.“ Und fragt die Ratsmitglieder Kyrillos
kratie einbinden will in diese Entscheidung,
Gadalla und Burcu Dogan: „Wie haben Sie sich
und es gibt dieses wundervolle Instrument
geeinigt, wenn sie unterschiedlicher Meinungen
der BürgerInnenräte, dann kann man das
waren?“ Burcu Dogan beschreibt die demokrati-
doch versuchen und mal zeigen, was alles
schen Aushandlungsprozesse wie folgt:
passieren kann, wenn man es ernst meint damit Macht und Ressourcen zu teilen und diese
„Bevor der Gute Rat begonnen hat, habe ich
Entscheidung abzugeben. […] Ich allein könn-
mir eigentlich schon gedacht, dass es sehr
te nie so gut entscheiden, wie diese 50 […]
große Diskussionen und Streitereien geben
Personen.“ (Deutschlandfunk Kultur, 2024)
wird. Ich war dann sehr überrascht, weil ich
46
gar keine riesigen Diskussionen erlebt habe.
Bezüglich des demokratischen Charakters des
Wir waren damit beschäftigt, nach Organisa-
Guten Rats thematisierten die Medien immer
tionen zu recherchieren, an die wir spenden
wieder die Frage nach der Unabhängigkeit des
wollen. So wie Marlene uns vertraut hat, ha-
Gremiums. Einerseits wurde Marlene Engelhorn
Ergebnisse: Der Gute Rat in den Medien
direkt oder indirekt mit ihrer Aussage zitiert,
Statement von Marlene Engelhorn (2024a), das
dass sie keinen Einfluss auf das Ergebnis habe.
der Homepage des Guten Rats beigefügt wurde,
Gleichzeitig wurde angemerkt, dass eine Ein-
heißt es: „Es wäre die Aufgabe der Politik, unser
flussnahme durch die Initiatorin zu befürchten
Miteinander so zu organisieren, dass die Geburt
sei (siehe dazu auch die Diskursposition Kritik
nicht darüber entscheidet, ob wir ein gutes Le-
am Guten Rat weiter unten).
ben haben. Es wäre also auch die Aufgabe der Politik, dafür zu sorgen, dass alle, die mehr bei-
Insgesamt wird eine allgemeine Tendenz der
tragen können, mehr beitragen.“
medialen Berichterstattung deutlich, vergleichsweise oberflächliche machtpolitische Erwägun-
Andernfalls würde ein Zustand akzeptiert, der
gen gegenüber grundlegenderen, systemischen
langfristig eine gesellschaftszersetzende Wir-
Fragen demokratischer Entscheidungsfindung
kung entfalte. Als Lösung wird daher ein ande-
zu betonen.
res gesellschaftliches Verständnis von Reichtum gefordert, welches von einer gesellschaftlichen
Systemversagen
Verantwortung reicher Personen ausgeht, und
Die mit rund 17 Prozent dritthäufigste Diskurs-
diese staatlich durchsetzt. Alternativ wurde auch
position in der Außenkommunikation des Guten
eine harte Obergrenze für Reichtum als Pendant
Rats ist die Position des Systemversagen. Diese
zur Armutsgrenze ins Spiel gebracht, wie es bei-
schließt an die vorherige Perspektive über die
spielsweise im Podcast mit Daniela Brodesser
demokratischen Grundlagen der Rückverteilung
formuliert wird:
an, bildet jedoch eine eigenständige Position (siehe Kapitel 6). In dieser attestiert der Gute
„Also es sollte meiner Meinung nach keine
Rat staatlicher Regulierung systemische Fehl-
Menschen geben, die viele Millionen haben
entwicklungen: Statt Bürgerräte und eine breite
und dadurch Einfluss auf Politik und auf all
demokratische Basis vermögenspolitischer Ent-
das Mögliche, auf Medien nehmen können.
scheidungen zu berücksichtigen, hätten wech-
Wir wissen, wie die Medienlandschaft in Ös-
selnde Regierungen im deutschsprachigen Raum
terreich ausschaut. Also da war ich wirklich
die zunehmende Vermögenskonzentration bis-
für eine Obergrenze. Radikale Utopie aber ein
lang ignoriert und keine politischen Maßnahmen
bisschen Radikalität ist in radikalen Zeiten
gegen diese getroffen. Damit untergraben diese
hier angebracht“. (Reichel, 2024b)
Regierungen grundlegende Voraussetzungen einer funktionierenden Demokratie – etwa die
Auch in den Medien wurde die Diskurspositi-
Sicherung eines Mindestmaßes an materieller
on Systemversagen breit rezipiert (13 Prozent).
und demokratischer Gleichheit sowie die Erfül-
Dabei stand insbesondere Marlene Engelhorns
lung gesellschaftlicher Moralvorstellungen von
Kritik am Versagen der Regierungen, durch Erb-
Leistungsgerechtigkeit und Egalität. Im Mission
schafts- und Vermögenssteuern existierende
47
Über Reichtum berichten
Ungleichheiten zu reduzieren, im Zentrum. Ein
über den engen Bereich der Vermögensungleich-
Beispiel ist ein ARD Morgenmagazin-Beitrag, in
heit hinausgehen. So wird beispielsweise kon
dem es heißt: „Ihre Aktion ist auch eine Kritik
statiert, dass durch eine fehlende Besteuerung
an der österreichischen Regierung, die keine
auch eine Möglichkeit verschenkt wird, effektive
Erbschaftssteuer erhebt. Engelhorn findet das
Maßnahmen gegen die Klimakrise zu finanzie-
ungerecht.“ (ARD Morgenmagazin, 2024)
ren:
In einem Beitrag auf Focus online wurde Engel-
„Und wir haben die Möglichkeit, durch po-
horns Kritik wie folgt wiedergegeben: „Der Poli
litische Entscheidungen einzugreifen und
tik fehlt der Mut, sich gegen meine Klasse der
zu sagen, hey, du bist überreich du kannst
Hochvermögenden zu positionieren“. (Wolfsgru-
auf jeden Fall einen Beitrag leisten. Hier ist
ber, 2024) Auf Zeit Online wird Engelhorns Kritik
deine Vermögenssteuer, zahl die und damit
hinsichtlich der historischen Entwicklung von
retten wir das Klima. Weil wir wissen auch,
Erbschafts- und Vermögenssteuern kontextua-
überreiche Menschen konzentrieren Vermö-
lisiert:
gen. Also dort ist wahnsinnig viel Vermögen geparkt. Sie hätten das Geld dazu, echt viel
„In Österreich wurde die Erbschafts- und
umzusetzen, aber sie machen es nicht. An-
Schenkungssteuer 2008 aufgehoben, eine
scheinend muss man die Verpflichtung doch
Vermögenssteuer gibt es schon seit 1993 nicht
wieder in der Öffentlichkeit und bei der zivil-
mehr. Eine alleinerziehende Mutter werde da-
gesellschaftlichen engagierten Bevölkerung
her ab 11.000 Euro Nettoeinkommen pro Jahr
suchen.“ (Potthoff, 2024)
mit 20 Prozent besteuert, sagt Engelhorn, und sie selbst bekomme ihr Millionenerbe einfach
Auch in dieser Diskursposition zeigen sich
geschenkt. Auch hier in Deutschland wird seit
deutliche Unterschiede in der Verwendung
1997 keine Vermögenssteuer mehr erhoben.
und Aufbereitung der enthaltenen Argumente.
Und was der deutsche Staat pro Jahr an Erb-
Während sie in der Außenkommunikation des
schafts- und Schenkungssteuer einnimmt,
Guten Rats die Basis für weitergehende Über-
macht gerade mal etwas mehr als ein Prozent
legungen zu systemischen Veränderungen im
des gesamten Steueraufkommens aus. Dabei
Sinne einer (Re-)Demokratisierung von Reich-
werden in Deutschland Schätzungen zufolge
tum bildet, wird sie in der Medienberichterstat-
jährlich etwa 400 Milliarden Euro vererbt.“
tung als Position dargestellt, die einer weiter-
(Hoffmann, 2024)
gehenden Diskussion und Einordnung bedarf. Dementsprechend war die mediale Berichter-
Ebenso wie der Gute Rat in seiner Außenkommu-
stattung auf die Darlegung und Erläuterung al-
nikation, werden auch medial Auswirkungen des
ler verschiedenen Dimensionen systemischen
konstatierten Systemversagens thematisiert, die
Versagens fokussiert, die in entsprechenden
48
Ergebnisse: Der Gute Rat in den Medien
wissenschaftlichen, medialen und politischen
unterstützen, Künstlerinnen Ateliers finanzie-
Debatten aufkommen.
ren, Museen-Sammlungen erweitern, Galerien durch Käufe das Überleben garantieren,
Systembewahrend: Vermögende tragen positiv
Musikfestivals und Theater für alle das ganze
zur ökonomischen und gesellschaftlichen Ent-
Jahr über erschwinglich werden lassen. Herr-
wicklung bei
gott, ist der Zorn auf die Reichen so groß, dass
Spiegelbildlich zur kritischen Perspektive auf
man darüber das parlamentarisch-staatspoli-
Reichtum und dessen hoher Ungleichverteilung
tische Denken vergisst?“ (Wallnöfer, 2024)
in der Gesellschaft finden wir in der medialen Debatte auch eine systemverteidigende Diskurs
Ähnlich wird in einem Gastbeitrag in der Presse
position, die sich mit der stilisierten Diskurspo-
betont, wie wichtig das Engagement Vermögen-
sition 3 deckt (siehe Kapitel 5) und zu der sich
der im gesundheitlichen und demokratiepoliti-
kein Pendant in der Außenkommunikation des
schen Bereich ist:
Guten Rats finden lässt. Diese Position wendet sich gegen kritische Perspektiven auf Reichtum,
„Die Malariabekämpfung, von der Staaten-
indem die positiven Aspekte von Vermögen und
gemeinschaft grob vernachlässigt, erhielt
die positive Rolle von Vermögenden hervorge-
erst durch die Milliardenunterstützung der
hoben werden. Sie macht rund sechs Prozent
Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung den Antrieb,
der Medienbeiträge aus. Dabei wird betont, wie
der jetzt zur ersten verfügbaren Malaria-Imp-
wichtig und vielschichtig der gesellschaftliche
fung und zu vielen anderen Maßnahmen führ-
Beitrag von reichen Einzelpersonen ist. Syste-
te. Das von George Soros finanzierte Open
mische Kritik an „den Reichen“ wird damit an-
Society Institute war und ist in vielen Staaten
gesichts der gelebten gesellschaftlichen Ver-
eine der wenigen Stellen, die für die Stärkung
antwortung und des freiwilligen Engagements
schwächelnder Demokratien eintritt. […] Die
einzelner Vermögender für Land und Gemeinden
Liste der Aufgaben, die mithilfe privaten Ver-
als unangemessen und unfair beklagt.
mögens wesentlich vorankommen könnten, ist lang.“ (Loidolt, 2024)
So wird beispielsweise in einem Kommentar im
Standard, welcher den Titel „Frau Engelhorn,
Neben den positiven Effekten von Reichtum
schenken geht auch leise“ trägt, ausgeführt:
wird auch eine Komplementarität von öffentlichen Mitteln und privaten Geldern betont. Felix
„Zudem übersieht man offensichtlich jene
Oldenburg, Gründer des Fintech-Unternehmens
Reichen, die ohne Bahö8 Obdachlosenhilfen
Because und ehemaliger Leiter des Bundesver-
8 Bahö bedeutet „Aufsehen“ oder „Aufhebens“ und ist ein ursprünglich in Nordostösterreichisch, heute aber auch im gesamten österreichischen Sprachraum verwendeter Ausdruck.
49
Über Reichtum berichten
bands Deutscher Stiftungen, führt im Deutsch-
mokratie. Und damit auch die Möglichkeit, reich
landfunk Nova-Gespräch aus, dass privates Geld
zu werden.“9 (Diekmann & Kühn, 2024)
„andere Dinge tun [kann] als staatliches Geld“. Privates Geld kann „höhere Risiken eingehen,
Mit der Betonung der positiven Aspekte von
kann auch Nischen fördern, die vielleicht durch
Reichtum und der wichtigen Rolle von Vermögen-
demokratische Mehrheiten noch nicht zustande
den geht auch die Forderung nach mehr Respekt
kommen, kann Vorbildwirkung haben.“ Diese
vor der (Lebens-)Leistung reicher Personen ein-
Komplementarität solle man „nicht gegenei
her. So wird im Standard kritisiert, dass Marlene
nander ausspielen“ (Potthoff, 2024). Als ein
Engelhorn einen „linken Populismus“ befeuere,
Beispiel führt Felix Oldenburg die Philanthropin
der „mit seinem pauschalen Urteil alle Reichen
Ise Bosch an, die:
als raffgierig dämonisiert“ (Wallnöfer, 2024). Etwas weniger zugespitzt aber in gleicher inhalt-
„vor 25 Jahren schon LGBTQ, also gleichge-
licher Stoßrichtung wird im Spiegel-Gespräch
schlechtliche und queere Lebenspartner-
mit Engelhorn eingewandt: „Sie blenden aus,
schaften gefördert [hat]. Das wäre damals
wie schwer es Unternehmer mitunter haben.
keinem Parlament eingefallen und heute gibt
Der Architekt, der in der Baukrise ohne Aufträge
es dafür auch staatliche Förderprogramme.
dasteht, aber seine Mitarbeiter bezahlen muss.
Also privates Geld kann und darf und soll Din-
Das Restaurant, das dichtmacht, weil Personal
ge tun, die staatliches Geld nicht tun kann.
fehlt.“ (Diekmann & Kühn, 2024)
Deshalb brauchen wir mehr.“ (Potthoff, 2024) Auffallend ist dabei, dass in dieser Diskursposition Darüber hinaus wird betont, dass Reichtum nicht
meist ‚klassische‘ Geschichten mittelständischen
nur positive Effekte für die Gesellschaft habe,
Unternehmertums bemüht werden, um Respekt,
sondern im Sinne der ökonomischen Freiheit
Verständnis und sogar Mitgefühl für die Leistung
auch legitim und sogar notwendig sei. Exempla-
vermögender Personen einzufordern. Das diese
risch kann hier auf einen Auszug aus einem Spie-
Argumentation an der grundlegenden Kritik des
gel-Interview mit Engelhorn verwiesen werden:
Guten Rats an ererbtem Vermögen, mangelnder
„Sie bezeichnen Überreichtum als undemokra-
demokratischer Kontrolle und eines ausgehöhl-
tisch. Aber es ist doch umgekehrt: Die wirtschaft-
ten meritokratischen Leitgedankens vollkommen
lichen Freiheiten gehören unabdingbar zur De-
vorbei geht, bleibt dabei meist unreflektiert.
9 Der weitere Gesprächsverlauf im Spiegel ist dann ein typisches Beispiel dafür, mit welchen Allgemeinplätzen und Plattitüden oft auf die Infragestellung von Reichtum und Ungleichheit reagiert wird: „Engelhorn: Im Kapitalismus ist das so. Aber der ist nicht automatisch demokratisch. SPIEGEL: Wollen Sie den Kapitalismus abschaffen? Engelhorn: Der aktuelle Kapitalismus hat bewiesen, dass er nicht läuft, ohne Menschen auszubeuten und die Natur zu vernichten. SPIEGEL: Was ist Ihre Alternative? Sozialismus?“ (Diekmann & Kühn, 2024)
50
Ergebnisse: Der Gute Rat in den Medien
Darauf aufbauend wird auch die geäußerte Kritik
grund des Wohnsitzes in Österreich erfolgt,
am politischen System und an der existieren-
bei gleichzeitig großen Auslandsvermögen.
den Regulierung zurückgewiesen und stattdes-
Das ist sozialistischer Fiskalimperialismus:
sen der Status Quo verteidigt. Beispielsweise
Um Gerechtigkeit im Inland herzustellen, wird
wird eingewandt, dass die Forderung nach Erb-
Vermögen, das im Ausland gelegen ist, be-
schafts- und Vermögenssteuern gesellschaftlich
steuert.“ (Luigi, 2024)
gar nicht so beliebt sei, wie vom Guten Rat beschrieben. Im Interview mit dem Tages-Anzeiger
In der Essenz wird Umverteilung in dieser Posi-
heißt es, dass die Schweizer*innen eine höhere
tion damit als valide politische Maßnahme be-
Besteuerung mehrmals abgelehnt haben: „Zu-
reits im Vorhinein disqualifiziert. Dabei wird auf
letzt 2015 die Einführung einer nationalen Erb-
eine Reihe etablierter Argumente über Vermö-
schaftssteuer: Diese wurde mit 70 Prozent der
gensteuern zurückgegriffen, die nicht nur eine
Stimmen verworfen. Sind Sie sicher, dass tat-
grundlegende Skepsis gegenüber staatlicher
sächlich eine Mehrheit höhere Steuern für Rei-
Handlungsfähigkeit aufweisen, sondern jegli-
che will?“ (Marti, 2024)
chen staatlichen Maßnahmen auch ein latentes Misstrauen entgegenbringen.
Neben der Unbeliebtheit wird weiterhin eingewandt, dass Vermögenssteuern schwer umzu-
Kritik am Guten Rat
setzen sind, da viele rechtliche, administrative
Jeder sechste Beitrag, rund 17 Prozent, in der Me-
und ökonomische Hürden im Wege stehen (hier
dienberichterstattung gaben eine Diskurspositi-
zeigen sich Überschneidungen mit der stilisier-
on wieder, die als Kritik am Guten Rat subsumiert
ten Diskursposition 4 in Kapitel 5). Im Beitrag
werden kann – während der Rat diese Position
„Frau Marlene Engelhorn, denken Sie einmal
naturgemäß kaum thematisiert (0,5 Prozent).11
nach“10 in der Presse wird exemplarisch für diese
Diese Position kritisiert den Guten Rat auf drei
Position ausgeführt:
miteinander verschränkten Ebenen. Zum einen werden die Ziele und Motive Marlene Engelhorns
„Die Forderung nach einer gerechten Besteue-
in Frage gestellt. Marlene Engelhorn wird dabei
rung der Supereichen, wie sie auch Andreas
insbesondere von Der Welt und der Kronen Zei-
Babler wortstark vorträgt, hat mehrere Haken.
tung vorgeworfen, dass sie die immergleiche For-
[…] Eine Vermögensteuer käme einer Haus-
derung – stärker besteuert zu werden – nur wie-
haltsabgabe gleich, weil die Besteuerung auf-
derhole, um damit Aufmerksamkeit zu erhaschen.
10 Zum belehrenden Titel des Beitrages passt auch der abschließende, herablassende Satz: „Ich glaube, das verstehen Sie zwar nicht, aber vielleicht denken Sie einmal nach.“ (Luigi, 2024) 11 Auf die in dieser Position vonseiten der Medien aufgeworfene Kritik wurde an einigen Stellen vom Guten Rat und/oder Marlene Engelhorn eingegangen und entsprechende Gegenargumente vorgebracht. In der Berichterstattung finden wir diese Antworten auf bestehende Kritik oft nicht wieder.
51
Über Reichtum berichten
In der Kronen Zeitung wird beschrieben, dass die
Presse als „recht einfach gestrickte[n] Ansichten“
,,Ich bin so reich – Holt mich da raus-Aktivistin“
abgetan. Nur weil sie „herschenkt“, habe sie
Engelhorn mit ihrer „Millionen-Show“ durch „Ös-
nicht die „besseren Argumente“ (Zirm, 2024).
terreich, Deutschland und diverse TV-Studios“ tingelt (Kronen Zeitung, 2024). Auf ähnlich zu-
Eine zweite Ebene der Kritik zielt statt auf Engel-
gespitzte Art heißt es in einem Welt-Artikel, dass
horn auf den Guten Rat ab, indem der Rat selbst
sich seit 2021 „vieles dramatisch verändert“ hat.
oder der Prozess als unzulänglich und undemo-
Außer „die Nachrichtenlage rund um die Milli-
kratisch abgetan wird, mit dem Ziel, dessen Legi-
onenerbin“ Marlene Engelhorn, welche sich „bis
timität zu untergraben. Statt über das Zustande
heute als auf den ersten Blick bemerkenswert
kommen und die Repräsentativität des Guten
veränderungsresistent“ erweist. Der Artikel be-
Rats zu berichten, wird dieser als undemokra-
schreibt weiter, dass „seit nunmehr fast drei Jah-
tisch beschrieben. In einem Artikel der Kronen
ren […] also immer mal wieder Murmeltier-Tag
Zeitung wird berichtet, dass Engelhorns Erbe bei
[ist], immer wieder möchte Marlene Engelhorn
einem „Geheim-Treffen“ in einem „Stadt-Hotel“
ihre Millionen verschenken“ (Höfling, 2024). Da-
„verteilt werden soll“ (Kronberger, 2024a). Direkt
mit wird der Eindruck erweckt, Marlene Engelhorn
am nächsten Tag wird in derselben Zeitung eine
gehe es nicht wirklich um ihre inhaltlichen For-
Beschreibung des Hotels nachgeliefert:
derungen, sondern um die mediale Aufmerksamkeit. Auch in einem Kommentar im Standard
„Ein modernes Konferenzhotel, vier Sterne
werden Formulierungen gewählt, die die Ziele
in der Hotel-Bewertung und fünf Seminarräu-
und Integrität Engelhorns in Frage stellen und
me. Verkehrsgünstig in der Alpenstraße in der
ihr stattdessen eine Affinität zur Show und zum
Stadt Salzburg gelegen, dennoch ruhig. In
Heldentum bescheinigen:
der hoteleigenen Parkanlage kann man kurz durchschnaufen. Der richtige Ort, um sich Ge-
„Aktuell lässt sich BASF-Millionenerbin Mar-
danken zu machen, wie man ein Vermögen
lene Engelhorn dafür feiern, dass sie den
von 25 Millionen Euro neu und gerecht ver-
Großteil ihres Erbes verteilt. Allerlei Claqueu-
teilt.“ (Kronberger, 2024b)
re versüßen ihr auf diesem Wege, Last und Verantwortung für ihr familiäres Erbe loszu-
Damit wird der Rat als illegitimes Forum darge-
werden. Doch will jenen, die derlei für heroi-
stellt, das in elitärer, abgehobener Manier über
nenhaft halten, die politische Dimension des
die Verteilung des Millionenerbe bestimmt; der
Gnadenaktes vorgehalten werden.“ (Wallnö-
demokratische und partizipative Charakter fin-
fer, 2024)
det keine Erwähnung. Eine ähnliche Suggestion erzeugt der Begriff „Schattendemokratie“, mit
Auch Engelhorns Forderungen zu einer höheren
welchem die Kleine Zeitung den Prozess rund um
Erbschafts- und Vermögenssteuer werden in der
den Guten Rat bezeichnet (Haas, 2024). Darüber
52
Ergebnisse: Der Gute Rat in den Medien
hinaus weist dieses Wording auf einen engen,
nig effektive Umverteilung mit der „Gießkanne“,
auf formale staatliche Institutionen beschränk-
welche weder zu mehr Gerechtigkeit noch zu
ten Demokratiebegriff der Kritiker*innen hin.
niedrigerer Vermögensungleichheit führe:
Gewarnt wird folglich auch davor, dass solche Strukturen die existierenden demokratischen
„Schließlich wird die Vermögensverteilung
Institutionen zu ersetzen drohen. Der stellver-
in Österreich dadurch auch nicht gerechter.
tretende Direktor des wirtschaftsliberalen Think
Natürlich kann man das auch kritisch sehen,
Tanks Agenda Austria, Hanno Lorenz, gibt diese
werden die Millionen doch quasi per Gieß-
Position beispielhaft in einem Interview im ORF
kanne auf ganz viele Initiativen und Organi-
wieder:
sationen verteilt, was durchaus wahllos erscheint.“ (Busse, 2024)
„Ja, wenn man sagt, man fordert eine Vermögens- oder eine Erbschaftssteuer und gleich-
In Frage gestellt wird auch, inwiefern der Gute
zeitig sein Geld aber nicht im Staat spendet,
Rat ein Vorbild für andere Superreiche und die
das zeigt uns natürlich auch was, und zwar,
Rückverteilung von großen Vermögen sein kön-
dass offenbar die Frau Engelhorn eben nicht
ne: „Es war ein drei Millionen Euro teurer Prozess
das Vertrauen hat, dass der Staat das Geld
für ein unspektakuläres Ergebnis. Eine Mischung
dann sinnvoll auch einsetzt, sondern sie
aus Wohlfahrtsorganisationen, karitativen Ein-
gibt es eben einer gegründeten Institution,
richtungen und Lobbying-Vereinen wurde ausge-
die dann […] überlegen soll, was das Beste
wählt.“ Darunter seien sicherlich viele förderwür-
wäre.“ (ORF1, 2024)
dige Projekte, aber „die Schwarmintelligenz hat keine große Idee, keine Vision hervorgebracht“
Innerhalb der Diskursposition Kritik am Guten Rat
(Peterlik, 2024).
wird dieser immer wieder als philanthropisches Unterfangen dargestellt. Entsprechende Beiträge
Ein weiterer Aspekt der medialen Kritik an der
beschreiben den Guten Rat als eine „Spende“
Arbeit des Guten Rats ist die Frage, inwiefern
(Peterlik, 2024) oder ein „Geschenk” (Focus on-
das Ergebnis der Ratsarbeit durch das Organisa-
line, 2024b) Engelhorns und untergraben damit
tionsteam und die eingeladenen Expert*innen
dessen demokratiepolitische Dimension.
beeinflusst wurde. Diese Position wird teilweise explizit gemacht und teilweise insinuiert. So
Darüber hinaus wird das Ergebnis des Guten
wird im Profil berichtet, dass der gewerkschafts-
Rats delegitimiert, in dem es als nicht effektiv
nahe Thinktank „Momentum Institut“ 1,2 Millio-
beschrieben wird. Der Gute Rat war demnach ein
nen Euro erhält. Anschließend wird ergänzt, dass
kostspieliges Unterfangen mit wenig nachhalti-
„[d]ie Projektleiterin des Guten Rats, Alexandra
gem Ertrag. Durch den Fokus auf viele verschie-
Wang, für die Großspender:innen beim Momen-
dene Einzelprojekte handele es sich um eine we-
tum Institut zuständig [war], bevor sie bei En-
53
Über Reichtum berichten
gelhorn direkt anheuerte“ (Peterlik, 2024). Die
die existierende Ungleichheit als unproblema-
finanzielle Zuwendung an das Momentum Insti-
tisch analysieren.12
tut, so die Suggestion des Artikels, sei also nicht allein aufgrund inhaltlicher Übereinstimmungen erfolgt, sondern durch persönliche Verbindungen beeinflusst (dieser Vorwurf wurde sowohl
7.3 Einordnung der Außenkommunikation des Guten Rats
vom Momentum Institut als auch vom Organi-
Nach einer vertieften Rekonstruktion der Diskurs
sationsteam und den Ratsmitgliedern öffentlich
positionen in der Außenkommunikation des
zurückgewiesen).
Guten Rats im vorherigen Abschnitt, wollen wir diese nun in eine breitere Perspektive einordnen.
In eine ähnliche Kerbe schlägt Julia Friedrichs
Die Außenkommunikation rückt, wie gezeigt, ins-
(2024) in einem längeren Beitrag für Die Zeit.
besondere kritische Diskurse zur Vermögensun-
Nach einer Beschreibung des Guten Rats, sei-
gleichheit in den Vordergrund und damit alter
ner Mitglieder und Ziele lenkt sie den Fokus
native, oft randständige Perspektiven auf Reich-
auf das Organisations- und Moderationsteam,
tum und überreiche Personen.
welches „die Sitzungen [lenkt] und über die Tagungsordnung [entscheidet]“. Im weiteren
Ein zentrales Merkmal der Kommunikationsstra-
Verlauf des Artikels werden dann immer wieder
tegie des Guten Rats ist es, die grundlegende
Szenen beschrieben, die illustrieren wie das
Infragestellung der existierenden Ungleichheit
Organisations- und Moderationsteam auf die
und des hohen Reichtums einzelner Personen
Strukturen und Prozesse Einfluss nahm und
mit einer Kritik am existierenden (politischen
damit auch auf die Ergebnisse des Guten Rats
und ökonomischen) System zu verbinden. In
einwirkte. An einer Stelle resümiert Friedrichs,
Anlehnung an die stilisierte Diskursposition 5
dass „Wochenende um Wochenende sich ein
Hohe Vermögen sind unfair, wenn diese nicht
merkwürdiger Widerspruch [zeigt]: Engelhorn
auf Leistungsgerechtigkeit basieren wird das
wollte doch die Macht über ihr Vermögen ab-
Fehlen von meritokratischen Werten in unserer
geben, aber immer wieder erwähnt das Team
heutigen Gesellschaft als großer Makel hervor-
in Diskussionen, dass Engelhorn dieses beson-
gehoben, was insbesondere durch die wichtige
ders gern oder jenes gar nicht gewollt habe.“ An
Rolle von vererbtem Vermögen für die gesell-
anderer Stelle wird problematisiert, dass keine
schaftliche Stellung von Individuen und sozia-
Wissenschaftler*innen eingeladen wurden, die
len Gruppen zustande kommt. Dies ist im Prin-
12 Dies scheint wie eine False-Balance-Forderung, da es in der wissenschaftlichen Ungleichheitsforschung kaum ernstzunehmende Stimmen gibt, die bestehende Ungleichheit verharmlosen oder als unproblematisch darstellen. Zwar existiert eine breite Diskussion über unterschiedliche Methoden und theoretische Ansätze, jedoch herrscht weitgehender Konsens darüber, dass Ungleichheit als gesellschaftliches Problem betrachtet werden muss.
54
Ergebnisse: Der Gute Rat in den Medien
zip eine argumentative Unterstützung für die
die Idee der Leistungsgesellschaft, genau wie
Idee, den individuellen Beitrag zur Gesellschaft
die individuelle Anhäufung von Reichtum jegli-
zu belohnen.
cher Art, als Ideologie und Mythos und fordert damit einen Wandel hin zu einem kollektiven
Gleichzeitig bleibt der Gute Rat nicht bei die-
Verständnis wirtschaftlicher Produktions- und
ser Argumentation stehen, sondern verschiebt
Lebensweisen. Dies bietet eine neue Perspek-
mit der zentralen Diskursposition 8 Der „Unter-
tive auf Alternativen zur Beseitigung systemi-
bau“ gesellschaftlicher Reichtumsproduktion
scher Ungleichheit, eine Perspektive, die sich
bewusst den Fokus vom Individuum hin zum
auf eine Wiederbelebung des Unterbaus kon-
Kollektiv. Ausgehend von der Feststellung, dass
zentriert, um so das kollektive Wohlergehen zu
individueller Reichtum immer auf einer gesell-
verbessern.
schaftlichen und ökologischen Grundlage (dem „Unterbau“) fußt, macht der Gute Rat dieses
In der Kommunikation des Guten Rats wird da
meist ignorierte Fundament, das unser gegen-
rüber hinaus auch der Zusammenhang zwischen
wärtiges System trägt und am Laufen hält (etwa
Macht, Reichtum und Demokratie ausdrücklich
durch die existierende Infrastruktur, die geleis-
hervorgehoben. Die Argumentation stützt sich
tete Care- und unterbewertete Arbeit oder durch
hier in weiten Teilen auf die stilisierte Diskurs-
die ökologischen Grundlagen), sichtbar. Der
position 7 Hohe Vermögen sind gesellschaftlich
Gute Rat stellt dadurch die Anhäufung von indivi-
schädlich. Ausdruck findet hier inbesondere die
duellem Reichtum überhaupt auf den Prüfstand.
Feststellung eines asymmetrischen Machtver-
Dies geht weit über die typische meritokratische
hältnisses, das unweigerlich mit der Existenz
Kritik hinaus, die sich auf spezifische illegitime
großer Ungleichheiten einhergeht und sich in
Formen der Reichtumsanhäufung, wie zum Bei-
der Fähigkeit einiger Vermögender ausdrückt,
spiel Erbschaften, konzentrieren. Darüber hi-
übermäßig Einfluss nehmen zu können (etwa
naus steht in dieser Diskursposition auch die
durch Lobbyarbeit, Einflussnahme auf die Regu-
Frage der strukturellen Abwertung dieses Unter-
lierung und die Kontrolle von Institutionen und
baus im Vordergrund – einschließlich der sys-
Medien). In seiner Kommunikation macht der
temischen Herabwürdigung und Ausgrenzung
Gute Rat deutlich, dass diese Machtasymmetrien
eben derjenigen Personen, die die Arbeiten an
demokratische Prozesse gefährden, auch durch
den Fundamenten der Gesellschaft leisten.
die geringe Repräsentation und Entmündigung von weniger mächtigen Akteuren. Die illegitime
In Verbindung mit der Kritik an der Leistungs-
Handlungsmacht Überreicher und ihre daraus
gesellschaft zeigt der Gute Rat damit nicht nur
resultierende Fähigkeit, sich in demokratische
das Versagen des herrschenden Systems auf,
Gesellschaften einzumischen und diese nach
sondern macht auch darauf aufmerksam, wa-
den eigenen Präferenzen und Vorstellungen zu
rum das so ist. So delegitimiert der Gute Rat
gestalten, wird problematisiert.
55
Über Reichtum berichten
Die Außenkommunikation des Guten Rats ver-
betrachtet. Engelhorns Selbstidentifikation als
knüpft beide Punkte, die Problematisierung von
überreiche Person führte zur Entscheidung,
Macht und die Hervorhebung des Unterbaus, in
ihren Reichtum und auch die Entscheidungs
der Diskursposition 9 Demokratie als Grundla-
gewalt über die Neuverwendung dieses Reich-
ge für Umverteilung. Deliberative und partizi-
tums abzugeben. Dieser Akt und die Kommu-
patorische demokratische Prozesse werden als
nikation darüber rütteln an der Legitimität be-
Lösung für illegitime Machtkonzentrationen in
stehender Machtstrukturen und existierender
der Gesellschaft hervorgehoben und als zentra-
Ungleichheiten. Die Außenkommunikation des
ler Unterschied der anvisierten Rückverteilung
Guten Rats betont die Beispiellosigkeit die-
von anderen Verteilungsformen markiert. Da in
ses Schrittes und seine Bedeutung. Insgesamt
dieser Perspektive ungleiche Machtkonzentra-
kann konstatiert werden, dass der Gute Rat
tionen eine Folge der individuellen Anhäufung
nicht nur kritische Diskurspositionen in Bezug
gesellschaftlich produzierten Reichtums sind,
auf Vermögenskonzentration und Ungleichheit
ist es konsequent, die Frage wie dieser Reichtum
gestärkt hat, sondern auch den Weg für die
wieder in die Gesellschaft zurückverteilt werden
Legitimierung umfassender, strukturell ausge-
kann, nicht dem Individuum zu überlassen, das
richteter Alternativen zur Bewältigung dieser
ihn gerade besitzt – dies wäre ein Weg den bei-
Probleme ebnet.
spielsweise philanthropische Ansätze verfolgen. Für den Guten Rat ist die Ausweitung partizipatorischer demokratischer Räume – und in diesem Zusammenhang auch des Personenkreises
7.4 Einordnung der Medien berichterstattung
der an demokratischer Willensbildung direkt
Wie in Kapitel 7.2 beschrieben, greift die Medien
beteiligt ist – ein notwendiger Schritt zur Ver-
rezeption die wesentlichen systemkritischen
besserung des existierenden demokratischen
Aussagen, die den Kern der Kommunikation des
Systems. Ein Vergleich der stilisierten Diskurs
Guten Rats ausmachen, auf – wenn auch teil-
positionen (Kapitel 5) mit der Kommunikation
weise in eingeschränkter Form. Dabei gibt es –
des Guten Rats zeigt interessanterweise, dass
insbesondere entlang politisch-redaktioneller
die stilisierte Diskursposition 6 (Umverteilung
Ausrichtungen und journalistischer Stilformen
als Sozialpolitik) in der Außenkommunikation
(siehe Tabelle 2 in Kapitel 6 und Abbildung 3 in
des Guten Rats keine relevante Erwähnung fin-
Kapitel 7.1) – Unterschiede zwischen einzelnen
det.
Medien bezüglich der Frage, inwieweit Diskurs positionen aufgegriffen, relativiert, ignoriert
Die Fähigkeit des Guten Rats, systemkritische
oder zurückgewiesen wurden. Analog zum voran-
und oft randständige Diskurspositionen zu
gegangenen Abschnitt ordnen wir folgend auch
stärken, wird besonders deutlich, wenn man
noch einmal die Medienrezeption breiter ein und
sie am Beispiel von Marlene Engelhorn selbst
heben bestehende Unterschiede hervor.
56
Ergebnisse: Der Gute Rat in den Medien
Für die Häufigkeit der medialen Darstellung der
gensverteilung eher aufzugreifen als rechts-kon-
Diskursposition Kritik am herrschenden gesell-
servative oder zentristische Medien, zeigt sich
schaftlichen Leitbild der Leistungsgesellschaft
auch im Falle der Diskursposition Hohe Vermö-
ist kein klarer Zusammenhang zur politisch- gen sind gesellschaftlich schädlich. Rechts-konredaktionellen Ausrichtung oder der journalisti-
servative Medien griffen diesen Diskurs ver-
schen Form der jeweiligen Medien bzw. Beiträge
gleichsweise seltener auf als links-liberale Me-
erkennbar (vgl. für diese und die folgenden Aus-
dien. Größere Unterschiede sind auch in Bezug
sagen die Tabellen A.2 und A.3 im Anhang).
auf journalistische Stilformen erkennbar: In tiefergehenden Reportagen und in Interviews
Anders stellt es sich im Falle der Diskursposition
verzeichnete diese Diskursposition viel größere
Der „Unterbau“ gesellschaftlicher Reichtumspro-
Relevanz, während ihre Präsenz bei meinungs-
duktion dar. Hinsichtlich der politisch-redaktio-
betonten Kommentaren und tatsachenbetonten
nellen Ausrichtung der Medien zeigt sich, dass
Nachrichten deutlich geringer ausfiel. Insgesamt
links-liberale Medien dieser Diskursposition mehr
wurde diese Perspektive in den Medien zudem
Platz einräumen als rechts-konservative oder zen-
deutlich oberflächlicher aufgegriffen als in der
tristische Medien. Bezüglich der journalistischen
Außenkommunikation des Guten Rats. So blieb
Form häuft sich die Diskursperspektive in tieferge-
der Zusammenhang zwischen hohem Wohlstand
henden Formaten wie Reportagen und – erstaunli-
und klimaschädlichem Lebensstil weitgehend
cherweise – in unterhaltenden ‚Soft News‘-Beiträ-
unbeachtet. Auch wurde der Aspekt ungleicher
gen. Allerdings wurden nicht alle Aspekte dieser
demokratischer Teilhabe meist nur mit den Fä-
Diskursposition in den Medien gleichermaßen be-
higkeiten zum politischen Lobbyismus und der
tont. Insbesondere Fragen zur systemischen Ent-
Machtkonzentration aufseiten wohlhabender
wertung sozialer und ökologischer Grundlagen der
Akteure in Verbindung gebracht – eine grund-
Gesellschaft blieben weitgehend unbeachtet – un-
sätzliche Kritik an ungleicher Verteilung von
abhängig von der politischen Ausrichtung oder
Macht sowie an der strukturellen Verknüpfung
der journalistischen Form. Nur wenige Punkte, die
von finanziellem und politischem Einfluss spiel-
sich auf die stilisierte Diskursposition 8 beziehen,
te hingegen kaum eine Rolle.
tauchten in der Medienberichterstattung auf. Der größte Fokus innerhalb dieser Diskursposition
Die Diskursposition Demokratie als Grundla-
lag auf der Unterscheidung zwischen Rück- und
ge für Umverteilung erhielt über alle politisch-
Umverteilung, einem zentralen, aber eben nicht
redaktionelle Ausrichtungen hinweg eine hohe
alleinigen Bestandteil der Außenkommunikation
Aufmerksamkeit, wobei rechts-konservative Me-
des Guten Rats.
dien etwas weniger auf diese Position eingingen. Hinsichtlich der journalistischen Form zeigt sich
Die Tendenz links-liberaler Medien, die grund-
eine deutliche Unterrepräsentation in meinungs-
sätzliche Kritik des Guten Rats an der Vermö-
betonten Kommentare und unterhaltenden ,Soft
57
Über Reichtum berichten
News‘-Formaten. Innerhalb dieses Diskurses lag
Ausdruck individueller Freiheit oder die Vorbild-
der Fokus der Medien vor allem auf der Auswahl
funktion reicher Philanthrop*innen. Diese Argu-
der Ratsmitglieder, mit einer mehrheitlichen Dar-
mente sind seit Langem fester Bestandteil medi-
stellung des Guten Rats als eindeutig partizipa-
aler Diskurse im Umgang mit Ungleichheit; deren
tiver demokratischer Raum. Weniger präsent war
Fortbestehen legitimiert die hohe Vermögens-
hingegen die Idee der deliberativen Demokratie
konzentration, während politische Maßnahmen
als prozessualem Mittel gegen Machtkonzentra-
zur Bekämpfung von Ungleichheit abgewertet
tion und Ungleichheit. Der Gute Rat wurde meist
werden (Cook, 2020; Theine & Grisold, 2020;
als isoliertes Beispiel betrachtet, während sein
Wisman & Smith, 2011). Die anhaltende Repro-
Potenzial für einen umfassenderen Systemwan-
duktion dieser Argumente durch die Medien er-
del kaum aufgegriffen wurde.
schwert es, bestehende Machtungleichheiten grundlegend infrage zu stellen.
In der Medienrezeption gab es auch deutliche Widerstände gegen die Positionen des Guten
Die Position der direkten Kritik am Guten Rat
Rats. Dies wird insbesondere deutlich durch die
ist teilweise mit der zuvor diskutierten Diskurs
Diskursposition Systembewahrend: Vermögen-
position verknüpft und findet sich bei rechts-kon-
de tragen positiv zur ökonomischen und gesell-
servativen Medien sowie in Form meinungs-
schaftlichen Entwicklung bei, die besonders in
betonter Kommentare am häufigsten. In vielen
rechts-konservativen Medien aufgegriffen wur-
Beiträgen aus dieser Perspektive wurde der Gute
de. Vor allem in meinungsbetonten Kommenta-
Rat verzerrt dargestellt. Besonders auffällig war
ren und Interviews – was auf den Widerstand
die systematische Ausblendung der Verbindung
zurückzuführen ist, den Marlene Engelhorn und
zwischen Demokratie, Rückverteilung und Engel-
andere bei einigen dieser Interviews erfahren
horns Abgabe von Macht. Scharfe Kritik wurde
haben – wurde diese Perspektive artikuliert.
zudem an der Effektivität solcher Umverteilungs-
Diese Position ordnet sich darüber hinaus eher
ansätze geübt. Insbesondere wurden die hohen
in einem nationalen Kontext ein: Das System,
Kosten bemängelt, die in keinem Verhältnis zur
wie es vor allem in Deutschland und Österreich
angeblich geringen Innovationskraft und Durch-
funktioniert, habe dank eines funktionierenden
schlagskraft der Ergebnisse standen – etwa in
sozialen Sicherheitsnetzes faire Bedingungen
Bezug auf die Projektauswahl und den Umfang
zur individuellen Vermögensmehrung geschaf-
der rückverteilten Geldmittel.
fen. Dadurch wird die gesellschaftliche Relevanz Vermögender in der medialen Berichterstattung
Ein Vergleich der ungleichheitslegitimierenden
teilweise weiter legitimiert – sei es durch die
Diskurspositionen mit der Medienberichter-
Erzählung der Trickle-Down-Ökonomie (siehe
stattung zeigt, dass sich die Diskursposition 2
Kapitel 5), die Rolle Vermögender als Arbeitge-
(Vermögen gehören der Familie) nicht unter
ber*innen, die Akkumulation von Reichtum als
den Verteidigern der Ungleichheit findet. Dies
58
Ergebnisse: Der Gute Rat in den Medien
wirft die Frage auf, warum dieses Argument in
fachere Handlungsstränge, leicht verständliche
der Rechtfertigung bestehender Vermögens-
und „skandalöse“ Themen im Vordergrund ste-
verhältnisse kaum eine Rolle spielt, obwohl es
hen (Nolan, 2008). Mit Bezug auf den Guten Rat
potenziell als legitimierendes Narrativ dienen
zeigt sich dies insbesondere für die deliberativen
könnte.
und partizipativen Prozesse des Bürgerrats: ihnen wird eher mit Skepsis begegnet, das innovative
Die medial vorgebrachte Kritik an den Ansätzen
und demokratische Potenzial des Ansatzes tritt
des Guten Rats offenbart eine allgemeine Ten-
in den Hintergrund. Der Rückgriff auf etablierte
denz im Mediendiskurs: Während Kritikpunkte
Diskurse und oberflächliche Argumente erleich-
schnell gefunden sind, fehlen oft konstruktive
tert die schnelle Produktion einfacher und leicht
Alternativen oder eine ernsthafte Auseinander-
konsumierbarer Inhalte – was sich auch in der
setzung mit den vorgeschlagenen Lösungen
Dominanz tatsachenbetonter, aber wenig tief-
(Dammerer et al., 2023; Theine et al., 2023). Ein
gründiger Nachrichtenformate widerspiegelt
wesentlicher Grund dafür liegt in der Logik und
(Abbildung 3 in Kapitel 7.1).
Ausrichtung des Mediensystems begründet, das sich tendenziell auf leicht konsumierbare,
Die Tendenz, auf etablierte, leicht und schnell
konfliktträchtige und oft negativ gefärbte The-
konsumierbare Diskurse zurückzugreifen wird
men konzentriert (Cappella & Jamieson, 1997;
im Allgemeinen durch die Dynamiken des sich
Pickard, 2020; Soroka et al., 2019). Dies führt
verändernden Mediensystem weiter verstärkt
dazu, dass der politische Prozess oft als reines
(Chadwick, 2017; Langer & Gruber, 2021). Zuneh-
Machtspiel oder Konfliktfeld dargestellt wird,
mender wirtschaftlicher Druck, die Konkurrenz
während komplexe Themen, die spezialisiertes
durch Social-Media-Plattformen und sinkende
Wissen erfordern, eher vermieden werden. Statt
Nutzer*innenzahlen sind einige der Hauptgrün-
Komplexität verständlich aufzubereiten oder in
de für diese Entwicklung (insbesondere die wis-
einen breiteren Kontext zu stellen, bleiben tie-
senschaftliche Disziplin der politischen Ökono-
fere strukturelle Probleme häufig im Hintergrund
mie der Medien analysiert diese Entwicklungen,
(Kenski & Jamieson, 2017). Es kommt also zu
siehe Ferschli et al., 2019; Pickard, 2023; Theine
einer „Tabloidisierung“, indem zunehmend ein-
et al., 2025; Theine & Grabner, 2023).
59
Über Reichtum berichten
8 Fazit
Der Gute Rat für Rückverteilung wurde gegrün-
ist die Diskursposition des Unterbaus der gesell-
det, um einen Großteil von Marlene Engelhorns
schaftlichen Reichtumsproduktion. Sie stellt den
Erbe – 25 Millionen Euro – an die Gesellschaft
dominanten Mythos in Frage, dass individueller
rückzuverteilen. Der Prozess und die Arbeit des
Reichtum allein auf persönlicher Leistung beruht
Guten Rats wurden von einer aktiven Außenkom-
und verweist stattdessen auf die Bedeutung von
munikation begleitet und fanden ein breites Me-
kollektiven Produktionsprozessen sowie maß-
dienecho. In diesem Arbeitspapier wurden die
geblichen gesellschaftlichen Rahmenbedingun-
beiden Diskursebenen mithilfe der Kritischen
gen. Der Gute Rat zeigt dadurch auf, dass Reich-
Diskursanalyse detailliert untersucht.
tum nicht unabhängig von sozialen, kulturellen, ökologischen und politischen Strukturen ange-
Unsere Analyse zeigt, dass der Gute Rat sowohl
häuft werden kann und dass seine ungleiche
in den sozialen Medien als auch über seine
Verteilung nicht nur finanzielle, sondern auch
Website und per Pressemitteilungen eine starke
demokratische Folgen hat. Diese Einsicht bildet
öffentliche Präsenz hatte. Die verbreitete Bot-
die Grundlage für die Forderung nach Vermö-
schaft war klar: Das Erbe von Marlene Engelhorn
gens- und Erbschaftssteuern sowie nach einer
gehört der Gesellschaft, denn es beruht auf so-
demokratischen Rückverteilung. Zugleich zeigt
zialen und strukturellen Bedingungen, die über
der Gute Rat, wie demokratische Teilhabe an Ent-
individuelle Leistungen hinausgehen. In der Au-
scheidungsprozessen wirksam gestaltet werden
ßenkommunikation des Guten Rats standen zen-
kann. Indem er die Bürger*innen aktiv in die
trale Themen wie die massive Ungleichverteilung
Entscheidungen einbezieht, dient er als Beispiel
des Reichtums, damit verbundene Machtasym-
und Modell für ähnliche politische Beteiligungs-
metrien und die Notwendigkeit demokratischer
prozesse auf regionaler und nationaler Ebene,
Prinzipien bei der Umverteilung im Vordergrund.
um komplexe und polarisierende Themen wie die
Demokratie und Partizipation wurden als unver-
Vermögensverteilung effektiv und demokratisch
zichtbare Grundlagen für eine gerechte Umvertei-
anzugehen. Der Gute Rat reiht sich damit in eine
lung des Reichtums hervorgehoben. Diese Positi-
Reihe von zivilgesellschaftlichen Initiativen ein,
onen waren geprägt von einer strukturellen Kritik
die in den letzten Jahren im deutschsprachigen
an der wachsenden Ungleichheit und unzurei-
Raum entstanden sind, um auf das hohe Maß an
chenden staatlichen Maßnahmen dagegen, was
Ungleichheit und mangelnder Umverteilung auf-
als Ausdruck systemischer Fehlentwicklungen
merksam zu machen. Er zeigt eindrucksvoll, wie
verstanden wurde. Besonders hervorzuheben
wichtig es ist, unterschiedliche gesellschaftliche
60
Fazit
Gruppen einzubinden, um innovative Lösungen
gewisse Zurückhaltung der Medien im Umgang
zu entwickeln und die demokratische Legitima-
mit als sozio-ökonomisch ‚links‘ wahrgenom-
tion von Entscheidungen zu stärken.
menen Positionen, was Forschungsarbeiten zum Umgang der Medien mit Ungleichheit bestätigen
Mit Blick auf die Medienberichterstattung wird
(Dammerer et al., 2023; Gartiser, 2025; Grisold
deutlich, dass es dem Guten Rat auf den ers-
& Theine, 2020; Theine & Grisold, 2020). Unse-
ten Blick durchaus gelungen ist, seine zentra-
re Analyse zeigt darüber hinaus, dass Medien
len Botschaften zu platzieren. Die Verteilung
meist in der betont neutralen Form tatsachenbe-
und Gewichtung der Diskurspositionen in der
tonter Nachrichten berichteten. Damit wurde ein
Medienberichterstattung spiegelt weitgehend
journalistischer Stil bevorzugt, der kaum Raum
die Prioritäten des Rats wider. Allerdings gibt
für systemische Fragen lässt, damit eher dazu
es auch deutliche Unterschiede. Neben der Dis-
beiträgt, den Status quo aufrechtzuerhalten und
kussion um die hohe Ungleichheit waren in der
es alternativen Gesellschaftsbildern erschwert,
Berichterstattung auch systemerhaltende Posi
im öffentlichen Diskurs Fuß zu fassen.
tionen prominent vertreten. Auch wurde häufig die Unabhängigkeit des Rats von Marlene Engel-
Trotz dieser Herausforderungen muss der Gute
horn in Frage gestellt. Strukturelle Fragen, wie
Rat als gelungenes Beispiel dafür verstanden
der Zusammenhang zwischen Ungleichheit und
werden, wie zivilgesellschaftliche Organisatio-
Eigentum, Ausbeutung oder Klimawandel, wur-
nen Umverteilung, Ungleichheit und Macht er-
den medial hingegen kaum thematisiert. Darü-
folgreich in den öffentlichen Diskurs einbringen
ber hinaus verlief die Medienberichterstattung
können. Die Außenkommunikation des Rats hat
oft oberflächlich und orientierte sich stark an
es geschafft, die eigenen Kernbotschaften me-
der Geschichte und den Aussagen von Marlene
dial zu etablieren und Diskussionen anzustoßen.
Engelhorn. Strukturelle Aspekte der Botschaften
Ob diese Ansätze jedoch zu einer langfristigen
des Guten Rats wurden häufig stark vereinfacht
Veränderung des Diskurses führen können,
oder zugunsten von kontroversen Erzählungen
bleibt abzuwarten. Der bisherige Erfolg, verstan-
beiseitegeschoben. Dies könnte auf journalis-
den als Umfang und Inhalt der Berichterstat-
tische Arbeitsmethoden und Medienlogiken zu-
tung, zeigt jedoch, dass gut durchdachte und
rückzuführen sein, die eine Vereinfachung und
konsequent durchgeführte Öffentlichkeitsarbeit
Personalisierung von Themen bevorzugen. An-
auch bei komplexen und kontroversen Themen
dererseits zeigt der starke Rückgriff auf Zitatio-
wie Ungleichheit und Vermögensverteilung Wir-
nen und eine distanzierte Berichterstattung eine
kung zeigen kann.
61
Über Reichtum berichten
Anhang
Tabelle A.1
Relevanz der Diskurspositionen in der Außenkommunikation des Guten Rats und der Medien berichterstattung
Diskurspositionen
Summe Außenkommunikation
Prozentualer Anteil in Außenkommunikation
Summe Medienberichterstattung
Prozentualer Anteil in Berichterstattung
Kritik am Guten Rat
9
0,56
376
17,03
Hohe Vermögen sind gesamtgesellschaftlich schädlich
384
23,81
402
18,21
Kritik am herrschenden Leitbild der Leistungs gesellschaft
100
6,2
141
6,39
Demokratie als Grundlage für Umverteilung
639
39,62
576
26,09
Systemversagen
282
17,48
281
12,73
Systembewahrend
0
0
139
6,3
‚Unterbau‘ gesellschaft licher Reichtumsproduktion
199
12,34
293
13,27
Quelle: Eigene Darstellung. Datengrundlage: 137 originäre Veröffentlichungen des Guten Rats (Beiträge auf der Website, Posts, Reels und Pressemitteilungen) sowie 162 Artikel und Beiträge von 26 Medien. Diese Übersichtstabelle zeigt die Gesamtverteilung der Diskurspositionen in der Außenkommunikation des Guten Rats und in der Medienrezeption. Die Summenspalten beziehen sich auf die Anzahl der insgesamt kodierten Segmente, die sich auf jede Diskursposition im Korpus des jeweiligen Datensatzes beziehen. Der Prozentsatz zeigt das Gewicht jeder Diskursposition innerhalb des Datensatzes, d. h. welcher Prozentsatz der Segmente einer Diskursposition über alle kodierten Segmente zuzuordnen ist. Dies verdeutlicht die Verteilung der Diskurse innerhalb eines Datensatzes und zeigt die Bedeutung oder den Raum, der den einzelnen Positionen im Vergleich zueinander zugewiesen wird.
62
Anhang
Tabelle A.2
Diskursverteilung nach politisch-redaktioneller Ausrichtung
Diskurspositionen
links-liberal (%)
zentristisch (%)
rechts-konservativ (%)
Kritik am Guten Rat
14,5
12,19
28,42
Hohe Vermögen sind gesamt gesellschaftlich schädlich
19,23
20,22
12,33
Kritik am herrschenden Leitbild der Leistungsgesellschaft
5,91
6,37
6,85
Demokratie als Grundlage für Umverteilung
28,14
30,75
22,26
Systemversagen
12,14
18,28
9,93
Systembewahrend
6,02
4,99
10,62
‚Unterbau‘ gesellschaftlicher Reichtumsproduktion
14,07
7,2
9,59
Quelle: Eigene Darstellung. Datengrundlage: 162 Artikel und Beiträge von 26 Medien. Diese Tabelle zeigt die Verteilung der Diskurspositionen für jede Kategorie der politisch-redaktionellen Ausrichtung. Die Zahlen sind als Prozentsätze ausgedrückt und zeigen das Gewicht jeder Diskursposition innerhalb der Teilmenge der Dokumente, die einer politischen Ausrichtung zugeordnet sind. Dies zeigt, wie viel „Gewicht“ (welcher Prozentsatz der kodierten Segmente/alle kodierten Segmente) jede politische Kategorie den verschiedenen Diskursen gab, ergo wie wichtig diese für jede Teilmenge waren.
63
Über Reichtum berichten
Tabelle A.3
Diskursverteilung nach journalistischem Stil
Diskurspositionen
tiefergehende Reportage (%)
tatsachen betonte Nachricht (%)
Soft -News (%)
meinungs betonter Kommentar (%)
Interview (%)
Kritik am Guten Rat
16,96
19,45
21,33
22,74
10,14
Hohe Vermögen sind gesamtgesellschaftlich schädlich
18,3
14,23
22,67
14,8
22,31
Kritik am herrschenden gesellschaftlichen Leitbild der Leistungsgesellschaft
4,91
5,22
10,67
6,86
7,64
Demokratie als Grundlage für die Umverteilung
31,92
33,16
9,33
9,75
20,44
Systemversagen
9,38
10,97
6,67
14,8
16,54
Systembewahrend
2,01
1,83
5,33
18,77
9,36
‚Unterbau‘ gesellschaft licher Reichtumsproduktion
16,52
15,14
24
12,27
13,57
Quelle: Eigene Darstellung. Datengrundlage: 162 Artikel und Beiträge von 26 Medien. Diese Tabelle zeigt die Verteilung der Diskurspositionen für die unterschiedlichen journalistischen Stilformen an. Die Zahlen sind als Prozentsätze ausgedrückt und zeigen das Gewicht jeder Diskursposition innerhalb der Teilmenge der Dokumente, die einem bestimmten Stil zugeordnet sind. Dies zeigt, wie viel „Gewicht“ (welcher Prozentsatz der kodierten Segmente/alle kodierten Segmente) jeder Artikelstil den verschiedenen Diskursen gab, ergo wie wichtig diese für jede Teilmenge waren.
Tabelle A.4
Verteilung der kodierten Dokumente in der Außenkommunikation des Guten Rats
Außenkommunikation Website
7
Reels
61
Posts
52
YouTube
12
Presse
5
Quelle: Eigene Darstellung.
64
Anhang
Quellenverzeichnis
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Über Reichtum berichten
Verzeichnis der Abbildungen und Tabellen Abbildung 1:
Anzahl der Reels und Posts auf den unterschiedlichen Social-Media-Plattformen.............. 24
Abbildung 2:
Außenkommunikation des Guten Rats und mediale Rezeption in ausgewählten Medien (Januar bis November 2024)....................................................... 31
Abbildung 3:
Berichterstattung über den Guten Rat nach journalistischer Form (in Prozent)....................32
Abbildung 4:
Relevanz der Diskurspositionen in Außenkommunikation und Medienberichterstattung...........................................................................................33
Abbildung 5:
Sharepics des Guten Rats zum Thema Vermögensungleichheit in Österreich......................35
Abbildung 6:
Infografiken des Guten Rats zum Zusammenhang von Ungleichheit und Klimaschäden......35
Abbildung 7:
Forderung des Guten Rats nach höheren Steuern............................................................. 36
Abbildung 8:
Infografik des Guten Rats zum Zusammenhang von Vermögen und Erbschaften................. 39
Abbildung 9:
Infografik des Guten Rats zum Zusammenhang von Vermögensungleichheit und Bildungschancen........................................................... 39
Abbildung 10:
Infografik des Guten Rats zum Unterschied zwischen Rückverteilung und Philanthropie........................................................................................................... 42
Tabelle 1:
Chronik des Guten Rats.................................................................................................... 11
Tabelle 2:
Untersuchte Medien.........................................................................................................25
Tabelle 3:
Informationen zu den Interviewpartner*innen.................................................................. 29
74
Anhang
Hinweise zu den Autor*innen Hendrik Theine ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Socio-Ecological Transformation Lab und am Institut für die Gesamtanalyse der Wirtschaft (ICAE) an der Johannes Kepler Universität Linz sowie Postdoctoral Fellow am Media, Inequality & Change Center (MIC) der Annenberg School for Communication, University of Pennsylvania. Er erforscht Mediendiskurse zur Klimakrise, wirtschaftlicher Ungleichheit und sozio-ökologischer Transformation sowie die Macht- und Konzentrationsdynamiken in Medienmärkten und im digitalen Kapitalismus. Carlotta Verita ist wissenschaftliche Mitarbeiterin (prae-doc) am Institut für die Gesamtanalyse der Wirtschaft (ICAE) an der Johannes Kepler Universität Linz und arbeitet an „Socio-Ecological Transformation“ (SET)-bezogenen Projekten. Im Jahr 2023 schloss sie ihr Masterstudium an der Wirtschaftsuniversität Wien in sozio-ökologischer Ökonomie und Politik ab. Ihre Masterarbeit betrachtete den Zusammenhang von wirtschaftlicher Ungleichheit und der Klimakrise in der US-Medienlandschaft. Moritz Gartiser hat seine Promotion am Institut für Sozioökonomie der Universität Duisburg-Essen Ende 2024 abgeschlossen. Er forschte dort zu steuerpolitischen Diskursen in den Medien und deren Auswirkungen auf ungleiche Machtverhältnisse und das Steuerwissen in der Bevölkerung. Seine Dissertation „No representation in taxation?: Tax illiteracy and the development of wealth taxation frames in German news media, 2000–2021“ ist unter folgendem Link abrufbar: https://doi. org/10.17185/DUEPUBLICO/82812
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Über Reichtum berichten
OBS-Arbeitspapiere Infos und Download: www.otto-brenner-stiftung.de
Nr. 78
Künstliche Intelligenz im medialen Diskurs. Wird soziale Gerechtigkeit ausgeblendet? (Elke Grittmann, Lina Brink, Peter Kann)
Nr. 77
Einschüchterung ist das Ziel. Strategische Klagen gegen öffentliche Beteiligung (SLAPPs) in Deutschland (Stefanie Egidy)
Nr. 76
Im öffentlichen Auftrag. Zusammensetzung und Arbeitsweise der öffentlich-rechtlichen Rundfunkgremien (Peter Stawowy)
Nr. 75
Künstliche Intelligenz in politischen Kampagnen. Akzeptanz, Wirkung und Wahrnehmung (Simon Kruschinski, Pablo Jost, Hannah Fecher, Tobias Scherer)
Nr. 74
Tragische Einzelfälle? Trendreport zur Berichterstattung über Gewalt gegen Frauen (Christine E. Meltzer)
Nr. 73
Social-Media-Partei AfD? Digitale Landtagswahlkämpfe im Vergleich (Maik Fielitz, Harald Sick, Michael Schmidt, Christian Donner)
Nr. 72
Öffentlichkeit ohne Journalismus? Rollenverschiebungen im lokalen Raum (Barbara Witte, Gerhard Syben)
Nr. 71
Finanzbildung als politisches Projekt. Eine kritische Analyse der FDP-Initiative zur finanziellen Bildung (Thomas Höhne)
Nr. 70
‚Falsche Propheten‘ in Sachsen. Extrem rechte Agitation im Landtag (Ulf Bohmann, Moritz Heinrich, Matthias Sommer)
Nr. 69
ARD, ZDF und DLR im Wandel. Reformideen und Zukunftsperspektiven (Jan Christopher Kalbhenn)
Nr. 68
Engagiert und gefährdet. Ausmaß und Ursachen rechter Bedrohungen der politischen Bildung in Sachsen (Thomas Laux, Teresa Lindenauer)
Nr. 67
Viel Kraft – wenig Biss. Wirtschaftsberichterstattung in ARD und ZDF (Henrik Müller, Gerret von Nordheim)
Nr. 66
Reklame für Klimakiller. Wie Fernseh- und YouTube-Werbung den Medienstaatsvertrag verletzt (Uwe Krüger, Katharina Forstmair, Alexandra Hilpert, Laurie Stührenberg)
Nr. 65
Schlecht beraten? Die wirtschaftspolitischen Beratungsgremien der Bundesregierung in der Kritik (Dieter Plehwe, Moritz Neujeffski, Jürgen Nordmann)
Nr. 64
Arbeitswelt und Demokratie in Ostdeutschland. Erlebte Handlungsfähigkeit im Betrieb und (anti)demokratische Einstellungen (Johannes Kiess, Alina Wesser-Saalfrank, Sophie Bose, Andre Schmidt, Elmar Brähler & Oliver Decker)
Nr. 63
Konzerne im Klimacheck. ,Integrated Business Reporting‘ als neuer Ansatz der Unternehmensberichterstattung (Lutz Frühbrodt)
Nr. 62
Auf der Suche nach Halt. Die Nachwendegeneration in Krisenzeiten (Simon Storks, Rainer Faus, Jana Faus)
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OBS-Arbeitspapier 79 ISSN: 2365-1962 (nur online)
Die Otto Brenner Stiftung … ... ist die gemeinnützige Wissenschaftsstiftung der IG Metall. Sie hat ihren Sitz in Frankfurt am Main. Als Forum für gesellschaft liche Diskurse und Einrichtung der Forschungsförderung ist sie dem Ziel der sozialen Gerechtigkeit verpflichtet. Besonderes Augenmerk gilt dabei dem Ausgleich zwischen Ost und West.
Herausgeber: Otto Brenner Stiftung Can Gülcü Wilhelm-Leuschner-Straße 79 D-60329 Frankfurt am Main Tel.: 069-6693-2584 E-Mail: info@otto-brenner-stiftung.de www.otto-brenner-stiftung.de
... initiiert den gesellschaft lichen Dialog durch Veranstaltungen, Workshops und Koopera tionsveranstaltungen (z. B. im Herbst die OBS-Jahrestagungen), organisiert Konferenzen, lobt jährlich den „Otto Brenner Preis für kritischen Journalismus“ aus, fördert wissenschaftliche Untersuchungen zu sozialen, arbeitsmarkt- und gesellschaftspolitischen Themen und legt aktuelle medienkritische und -politische Analysen vor.
Für die Autor*innen: Hendrik Theine Johannes Kepler Universität Linz Mail: Hendrik.theine@jku.at Redaktion & Lektorat: Benedikt Linden (OBS)
... informiert regelmäßig mit einem Newsletter über Projekte, Publikationen, Termine und Veranstaltungen.
Satz und Gestaltung: Isabel Grammes, think and act Titelbild: Hanna Fasching Redaktionsschluss: 05. März 2025
... veröffentlicht die Ergebnisse ihrer Forschungsförderung in der Reihe „OBS-Arbeitshefte“ oder als Arbeitspapiere (nur online). Die Arbeitshefte werden, wie auch alle anderen Publikationen der OBS, kostenlos abgegeben. Über die Homepage der Stiftung können sie auch elektronisch bestellt werden. Vergriffene Hefte halten wir als PDF zum Download bereit unter: www.otto-brennerstiftung.de/wissenschaftsportal/ publikationen/ ... freut sich über jede ideelle Unterstützung ihrer Arbeit. Aber wir sind auch sehr dankbar, wenn die Arbeit der OBS materiell gefördert wird. ... ist zuletzt durch Bescheid des Finanzamtes Frankfurt am Main V (-Höchst) vom 16. November 2023 als ausschließlich und unmittelbar gemeinnützig anerkannt worden. Aufgrund der Gemeinnützigkeit der Otto Brenner Stiftung sind Spenden steuerlich absetzbar bzw. begünstigt.
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In den Arbeitspapieren werden die Ergebnisse der Forschungsförderung der Otto Brenner Stiftung dokumentiert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Für die Inhalte sind die Autorinnen und Autoren verantwortlich. Download und weitere Informationen: www.otto-brenner-stiftung.de
OBS-Arbeitsheft 114*
Marlis Prinzing, Mira Keßler, Melanie Radue
Berichten über Leid und Katastrophen
Die Ahrtalflut 2021 aus Betroffenen- und Mediensicht sowie Lehren für künftige Krisen
OBS-Arbeitsheft 113*
Janine Greyer-Stock, Julia Lück-Benz
Moderne Wirtschaftsberichterstattung?
Wie Podcasts auf Spotify und in der ARD Audiothek über Wirtschaft sprechen
OBS-Arbeitsheft 112*
Leif Kramp, Stephan Weichert
Whitepaper Non-Profit-Journalismus
Handreichungen für Medien, Politik und Stiftungswesen
OBS-Arbeitsheft 111*
Janis Brinkmann
Journalistische Grenzgänger
Wie die Reportage-Formate von funk Wirklichkeit konstruieren
OBS-Arbeitsheft 110*
Henning Eichler
Journalismus in sozialen Netzwerken
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Aktuelle Ergebnisse der Forschungsförderung in der Reihe „OBS-Arbeitshefte“
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ARD und ZDF im Bann der Algorithmen?
OBS-Arbeitsheft 109*
Barbara Witte, Gerhard Syben
Erosion von Öffentlichkeit
Freie Journalist*innen in der Corona-Pandemie
OBS-Arbeitsheft 108*
Victoria Sophie Teschendorf, Kim Otto
Framing in der Wirtschaftsberichterstattung
Der EU-Italien-Streit 2018 und die Verhandlungen über Corona-Hilfen 2020 im Vergleich
OBS-Arbeitsheft 107*
Leif Kramp, Stephan Weichert
Konstruktiv durch Krisen?
Fallanalysen zum Corona-Journalismus
OBS-Arbeitsheft 106*
Für Spenden mit zweckgebundenem Verwendungszweck zur Förderung von Wissenschaft und Forschung zu den Schwerpunkten:
Lutz Frühbrodt, Ronja Auerbacher
• Angleichung der Arbeits- und Lebensverhältnisse in Ost- und Westdeutschland (einschließlich des Umweltschutzes) • Entwicklung demokratischer Arbeitsbeziehungen in Mittel- und Osteuropa • Verfolgung des Zieles der sozialen Gerechtigkeit
Der Podcast-Boom in Deutschland
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Den richtigen Ton treffen OBS-Arbeitsheft 105*
Hektor Haarkötter, Filiz Kalmuk
Medienjournalismus in Deutschland
Seine Leistungen und blinden Flecken
OBS-Arbeitsheft 104*
Valentin Sagvosdkin
Qualifiziert für die Zukunft?
Zur Pluralität der wirtschaftsjournalistischen Ausbildung in Deutschland * Printfassung leider vergriffen; Download weiterhin möglich. Diese und weitere Publikationen der OBS finden Sie unter www.otto-brenner-stiftung.de Otto Brenner Stiftung | Wilhelm-Leuschner-Straße 79 | D-60329 Frankfurt/Main
OBS-Arbeitspapier 79
Hendrik Theine, Carlotta Verita, Moritz Gartiser
OBS-Arbeitspapier 79
Über Reichtum berichten
Über Reichtum berichten Der „Gute Rat für Rückverteilung“ in den Medien
Der „Gute Rat für Rückverteilung“ in den Medien www.otto-brenner-stiftung.de
EIN PROJEKT DER OTTO BRENNER STIFTUNG FRANKFURT AM MAIN 2025