Zwischen Klang und Kalkulation
Zermatt Unplugged generiert Wertschöpfung und prägt das Image der Destination. Das Festival wächst nicht mehr in der Grösse, sondern im Anspruch. Ein Gespräch über Risiken, internationale Strahlkraft, veränderte Publikumsansprüche und neue Formen des Erlebens.

Ein Jahr Arbeit für fünf Tage Festival. In welcher Relation stehen Aufwand und Ertrag?
Katja Hackl: Rein rational betrachtet ist der Aufwand enorm und steht auf den ersten Blick in keinem guten Verhältnis zur Dauer von fünf Tagen. Entscheidend ist jedoch, dass der Ertrag weit über diesen Zeitraum hinausgeht. Zermatt Unplugged ist eng in die touristische Wertschöpfung eingebunden und wirkt langfristig – wirtschaftlich ebenso wie in Bezug auf Image und Positionierung. Im Zentrum steht deshalb weniger die isolierte Rentabilität als vielmehr die nachhaltige Wirkung für Region, Partner und Marke.
Welchen Mehrwert bringt das Festival dem Dorf und seinen Einwohnern?
Rolf Furrer: Die zusätzliche Wertschöpfung für die Destination liegt inzwischen bei über acht Millionen Franken. Hinzu kommen neue Gäste, internationale Ausstrahlung und ein kultureller Höhepunkt zum Abschluss der Wintersaison. Gleichzeitig bewegen wir uns im Spannungsfeld zwischen Lebensqualität der Einheimischen und den Nebenwirkungen von Tourismus und Events – eine Balance, die immer wieder neu austariert werden muss.
Wie wichtig ist die Zusammenarbeit mit der Destination?
Rolf Furrer: Ohne sie ist ein Festival mit einem gewissen Anspruch in einem derart komplexen Ort hinsichtlich Transport und Infrastruktur schlicht nicht durchführbar. Die Aufwände und Kosten in allen Bereichen sind in den letzten Jahren derart gestiegen, dass es unumgänglich ist, dass die Parteien, die von der ausgelösten Wertschöpfung profitieren, einen wesentlichen Beitrag an die Finanzierung der Veranstaltung leisten. Ein ausgeglichenes Festivalbudget bleibt Jahr für Jahr eine Herausforderung. Getragen von der Überzeugung, dass das Festival einen nachhaltigen Mehrwert für die Destination schafft, haben die wichtigsten Destinationspartner ihr Engagement im Hinblick auf die wirtschaftliche Stabilität in diesem Jahr erneut ausgebaut.
Was ist dieses Jahr neu?
Katja Hackl: Mit «Zermatt Unplugged Connect» erweitern wir das Festival um die Dimension Wellbeing und Achtsamkeit. Gemeinsam mit keur verbinden wir akustische Livemusik mit Atemarbeit. Die klassische Trennung zwischen Bühne und
«Der Trend geht weg vom Massenevent hin zu kleineren, kuratierten Formaten mit klarer Handschrift.»
Katja Hackl, Leiterin Marketing und Sponsoring Zermatt Unplugged
Publikum löst sich auf, das Publikum wird Teil des Geschehens. Damit reagieren wir auf das wachsende Bedürfnis nach Entschleunigung und aktiver Teilnahme.
Wie hat sich das Festival seit den Anfangsjahren verändert?
Rolf Furrer: Aus einer Bühne mit 9 Künstlern sind 17 Bühnen und über 120 Konzerte von 65 Acts geworden. Entsprechend hat die Komplexität stark zugenommen, ebenso die Ansprüche von Künstlern, Publikum, Partnerinnen und Behörden. In den Anfangsjahren mussten wir uns erklären und rechtfertigen, heute sind wir etabliert – müssen aber aufpassen, nicht als selbstverständlich wahrgenommen zu werden. Der Kern bleibt: ein Festival von Freunden für Freunde.
Wie hat sich die Zusammenarbeit mit den Künstlern entwickelt?
Rolf Furrer: Wir haben heute eine ganz andere Position als in den ersten Jahren. Die Agenturen haben das Festival in ihrer Jahresplanung auf dem Radar und wir können auf Augenhöhe diskutieren. Mit vielen Künstlern haben sich über die Jahre persönliche Beziehungen entwickelt, die gerne wieder ans Festival zurückkommen. Gleichzeitig ist der Kostendruck gestiegen, besonders bei Newcomern, deren Produktionen deutlich teurer geworden sind.
Wie gelingt es, internationale Acts nach Zermatt zu bringen – trotz anspruchsvoller Logistik?
Rolf Furrer: Die Destination mit Matterhorn, hochwertiger Hotellerie und Gastronomie ist ein starkes Argument. Hinzu kommt unser intimes Konzert-Setup, das sich klar von anderen Veranstaltungen abhebt. Entscheidend bleibt aber das Vertrauen: Wir pflegen unsere Kontakte über Jahre, bis der Moment kommt – wie in diesem Jahr etwa bei Herbert Grönemeyer oder Placebo. Aus diesem Grund und mit Blick auf eine eigenständige Programmierung ist uns eine möglichst grosse Unabhängigkeit wichtig.
Festivals stehen europaweit unter Druck. Wie stabil ist Ihr Geschäftsmodell?
Rolf Furrer: Unsere Organisations- und Finanzierungsstruktur ist breiter aufgestellt als bei vielen anderen Festivals, weil wir Teil der touristischen Wertschöpfung sind. Das verteilt zwar die Risiken
etwas, erhöht den Aufwand und die Komplexität aber massiv. Unser Publikum ist vielleicht etwas weniger preissensibel und Zermatt eine Destination mit hoher Anziehungskraft – aber es bleibt ein wirtschaftlich anspruchsvolles Umfeld, da unterscheiden wir uns nicht von anderen Festivals.
Welche Rolle spielen Sponsoren und Partnerschaften?
Katja Hackl: Eine zentrale. Ein Festival mit begrenzten Kapazitäten lässt sich nicht allein über Ticketverkäufe finanzieren. Rund 40 Prozent unseres Budgets stammen aus Sponsoringeinnahmen, inklusive Sach- und Dienstleistungen. Entscheidend dabei ist, mit Partnern zu arbeiten, die unsere Werte teilen, damit wir inhaltlich unabhängig bleiben und unser Profil schärfen können.
Wie haben sich die Erwartungen des Publikums verändert?
Katja Hackl: Der Trend geht weg vom Massenevent hin zu kleineren, kuratierten Formaten mit klarer Handschrift. Gefragt sind ganzheitliche Erlebnisse, bei denen Musik, Ort, Atmosphäre, Kulinarik und vielleicht auch Skifahren zusammenspielen. Themen wie Achtsamkeit und bewusstes Erleben gewinnen an Bedeutung. Gleichzeitig bleibt die Nähe zu den Künstlern und die Authentizität des Unplugged-Konzepts ein wesentliches Bedürfnis unseres Publikums.
Welche Rolle spielen internationale Gäste?
Rolf Furrer: Eine zunehmend wichtige. Zermatt ist eine internationale Destination, mit Nordamerika als zweitgrösstem Markt nach der Schweiz, gefolgt von Deutschland und UK. Künstler mit globaler Strahlkraft ziehen entsprechendes Publikum an, und die Kooperation wie jene mit dem Ronnie Scott’s Jazz Club stärkt diese internationale Positionierung zusätzlich.
Welche Bedeutung hat das Festival für junge Künstler?
Rolf Furrer: Wir wollen eine relevante Plattform für Nachwuchs sein und uns im Bereich Talentförderung und -entwicklung immer weiterentwickeln. Mit der Mountain Academy laden wir jedes Jahr junge Künstler nach Zermatt ein, wo sie zusammen mit Coaches an Songwriting, Produktion und Persönlichkeitsentwicklung arbeiten und anschliessend in Live-Showcases auftreten. Unsere Discovery Stages sind für die Newcomer Auftrittsmöglichkeit und Networking-Plattform.
Wie soll sich das Festival künftig entwickeln?
Katja Hackl: Nicht in der Grösse, sondern in der Qualität. Wir wollen den Boutique-Charakter bewahren und gleichzeitig inhaltlich weitergehen –etwa mit Formaten wie «Connect». Zudem arbeiten wir daran, die Marke über das Festival hinaus ganzjährig erlebbar zu machen.
Ist Zermatt Unplugged Kulturfestival oder Tourismusprodukt?
Rolf Furrer: Es ist ein Kulturfestival, das aber von Beginn an die touristischen Rahmenbedingungen mitgedacht hat. Wir leisten bewusst einen Beitrag zur Positionierung der Destination.
Welcher Moment berührt Sie jedes Jahr besonders?
Rolf Furrer: Wenn beim ersten Soundcheck alles zusammenkommt und das Konzept plötzlich Realität wird.
Katja Hackl: Wir arbeiten als Team ein ganzes Jahr auf diese fünf Tage hin, vor Ort muss dann alles auf den Punkt stimmen, ohne Hauptprobe. Das Zusammenspiel so vieler Menschen, die ihr Herzblut ins Festival stecken, erzeugt eine besondere, intensive Energie, die schwer in Worte zu fassen ist. Das ist der Grund, warum ich es Jahr für Jahr wieder mache.
Ihr persönliches Highlight für die diesjährige Ausgabe?
Rolf Furrer: Placebo – eine Band, die mich seit Jahren begleitet. Musikalisch sowie inhaltlich unglaublich inspirierend.
Katja Hackl: Dem schliesse ich mich an. Ein Auftritt von Placebo war für mich schon lange ein grosser Wunsch. Dass es dieses Jahr klappt, freut mich sehr.
Das Zermatt Unplugged findet vom 7. bis 11. April 2026 statt.
Dieser Inhalt wurde von NZZ Story Lab im Auftrag von Zermatt Unplugged erstellt.