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14. Juni 2026

Wenn aus Berufswünschen Entscheidungen werden Am Ende der obligatorischen Schulzeit wird aus der Frage «Was willst du einmal werden?» eine Entscheidung mit Folgen. Das neue Nahtstellenbarometer zeigt, warum Jugendliche dafür mehr brauchen als gute Noten. Die Initiative «Wirtschaft und Schule» setzt mit ihrem Angebot genau dort an.

WIRTSCHAFTSBILDUNG.CH/ADOBE STOCK

W

as im Freundschaftsbuch noch harmlos klingt, wird wenige Jahre später ernst. «Was willst du einmal werden?» steht dort zwischen Lieblingsfarbe, Lieblingstier und bestem Freund. Am Ende der obligatorischen Schulzeit wird aus dieser Frage eine Entscheidung, die den weiteren Bildungs- und Berufsweg prägen kann. Für viele Jugendliche fällt sie in eine Phase, in der sie sich selbst noch orientieren, während Schule, Elternhaus und Arbeitswelt bereits Erwartungen an sie richten. An diesem Übergang setzt die Initiative «Wirtschaft und Schule» an. Gemeinsam mit der Beisheim Stiftung und der Stiftung Mercator Schweiz bringt Wirtschafts­bildung.ch Akteurinnen und Akteure aus Volksschule, Berufsbildung, Wirtschaft und Politik zusammen. Die Grundlage der Diskussion bilden unter anderem die diese Woche publizierten Resultate des Nahtstellenbarometers des Staatssekretariates für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI). «Das Naht­stellenbarometer zeigt seit 2018, welchen Weg Jugendliche nach der obligatorischen Schule wählen», erklärt die Projektverantwortliche des Ressorts Weiterbildung, Annina Eymann. «Gleichzeitig bietet es einen Einblick in die Entwicklung des Lehrstellenmarktes sowie die Besetzung offener Lehrstellen.»

PERSPEKTIVE

POTENZIAL

PASSUNG

Was das Barometer ­sichtbar macht

Der Weg von der Schule in die Arbeitswelt ist für Jugendliche eine wichtige Weichenstellung. Stimmen Potenzial («Das sind meine Stärken.») und Passung («Was passt zu mir?») kreieren sie dabei neue und tragfähige Perspektiven für sich selbst.

­ efragten Betriebe die Eltern als «sehr b stark engagiert» wahr, 32 Prozent als «eher stark engagiert». Lehrpersonen werden etwas besser beurteilt. Insgesamt 47 Prozent der Betriebe nehmen ihr Engagement bei der Begleitung der Berufswahl als sehr stark (5 Prozent) oder eher stark wahr (42 Prozent). Auch hier zeigt sich, dass der Übergang von der Schule in die Berufswelt auf eine verlässliche Begleitung angewiesen

ist und nicht allein an die Jugendlichen delegiert werden kann. Deutlich wird in den diese Woche publizierten Zahlen auch, welche Kompetenzen Ausbildungsbetriebe besonders gewichten. Schulisches Fachwissen bleibt wichtig, doch bei der Auswahl neuer Lernender spielen Selbst- und Sozialkompetenzen eine zentrale Rolle.

Was Betriebe von Jugendlichen erwarten WIRTSCHAFTSBILDUNG.CH

Die Erhebung zeigt, dass dieser ­Übergang nicht nur von den Jugendlichen selbst abhängt. Er wird von einem Umfeld geprägt, das Eltern, Lehrpersonen, ­Betriebe und weitere Bezugspersonen umfasst. Auf Anregung des Netzwerks Wirtschaft und Schule wurden darin auch spezifische Sonderfragen zum Engagement dieses Umfelds aufgenommen. Aus Sicht der Ausbildungsbetriebe fällt das Bild gemischt aus. Beim elterlichen Engagement stellt fast die Hälfte der Unternehmen den Erziehungsberechtigten ein ungenügendes Zeugnis aus. 40 Prozent erleben die Eltern «eher wenig engagiert», 9 Prozent sogar als «überhaupt nicht engagiert». Auf der positiven Seite nehmen 5 Prozent der

Eine Arbeitsgruppe an der Tagung «Wirtschaft und Schule».

76 Prozent der ausbildenden Betriebe nennen ein angenehmes Auftreten und gute Umgangsformen als essenzielle Sozial­kompetenz. 52 Prozent betonen Hilfsbereitschaft und Gemeinschaftssinn, 49 Prozent die Fähigkeit zur Zusammenarbeit, um gemeinsame Lösungen zu finden. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei den Selbstkompetenzen und der Einstellung. 74 Prozent der Unternehmen erwarten eine hohe Motivation, 62 Prozent einen ausgeprägten Lernwillen. Diese Gewichtung zeigt sich im Rekrutierungsprozess. In der Deutschschweiz ist bei der Selektion neuer Lernender die Bewertung von Selbst- und Sozialkompetenzen im Zeugnis mit 73 Prozent mittlerweile relevanter als klassische Ziffernnoten. Diese Verschiebung hat mit veränderten Berufsbildern zu tun. Viele Tätigkeiten sind durchlässiger geworden, Laufbahnen verlaufen weniger linear, Anforderungen verändern sich rascher. Fach-

liche Kompetenzen können während der Ausbildung aufgebaut und vertieft werden. Früher stimmen muss die Passung, so dass ein junger Mensch in einem bestimmten Setting lernen, wachsen und Verantwortung übernehmen kann. Gleichzeitig benennen die Betriebe konkrete Schwierigkeiten beim Lehreintritt. Zu den am häufigsten fehlenden Kompetenzen zählen mangelnde Selbständigkeit bei 37 Prozent der Lernenden, Defizite bei der Selbstorganisation bei 35 Prozent sowie fehlende Motivation bei 27 Prozent. Die Zahlen zeigen eine Spannung, die für Schulen und Betriebe gleichermassen relevant ist. Erwartet werden junge Menschen, die auftreten, mitarbeiten, lernen wollen und sich organisieren können. Viele Jugendliche brauchen aber gerade auf dem Weg dorthin noch Begleitung.

Wie die Initiative den Übergang unterstützt «Wirtschaft und Schule» nimmt diese Spannung auf: Im Zentrum steht die Frage, wie Jugendliche in der Entfaltung ihres Potenzials und bei der Entwicklung eigener Perspektiven gestärkt werden können, damit Übergänge in die Arbeitswelt «nahtlos» gelingen. Der Verein Wirtschaftsbildung.ch nähert sich komplexen Themen häufig spielerisch, und das hat System. In Simulationen, Projekten und praktischen Settings lassen sich Entscheidungen und

Die ­Ansprüche verändern sich: ­Fachwissen bleibt wichtig, doch die ­Sozialkompetenz entscheidet immer häufiger mit. ihre Folgen in Echtzeit ausprobieren. Jugendliche erleben wirtschaftliche Zusammenhänge dadurch nicht nur als Unterrichtsstoff, sondern als Handlungssituation. Sie können testen, was eine Entscheidung auslöst, welche Rolle sie übernehmen und wie sich Verantwortung anfühlt, bevor aus einer Übung eine reale Weichenstellung wird. Ein weiteres Instrument ist die Readiness-Map (Ausschnitt links, im ­Detail auf: ­wirtschaftsbildung.ch/wirtschaftund-schule). Sie veranschaulicht, dass ein gelungener Übergang nicht bloss ein administrativer Wechsel ist, sondern ein Prozess der Orientierung. Im Zentrum stehen Fragen nach Interessen, Fähigkeiten und dem passenden Umfeld. Aus den Tagungen am HSG Square und an der Ostschweizer Fachhochschule in St. Gallen sind konkrete Praxisprojekte entstanden, die über die kommenden zwölf Monate begleitet werden sollen. Dazu gehört ein Coachingangebot für Jugendliche, das früh im dritten Zyklus der Oberstufe ansetzt und bis in die Lehre hineinreichen kann. Ein weiteres Vorhaben ist das «Zukunftsteam». In diesem Projekt arbeiten Sekundarschülerinnen und Lernende gemeinsam an realen Herausforderungen. Ziel ist es, sogenannte Future Skills nicht abstrakt zu vermitteln, sondern über konkrete Aufgaben erfahrbar zu machen. Auch das Onboarding im Ausbildungsbetrieb wird als Handlungsfeld bearbeitet, weil der Start in die Lehre oft darüber entscheidet, ob Jugendliche sich im neuen Umfeld zurechtfinden, Verantwortung übernehmen und Vertrauen in die eigene Rolle entwickeln. Der Übergang von der Schule in die Arbeitswelt ist kein einzelner Schritt, sondern eine Phase, in der Erwartungen, Fähigkeiten, Begleitung und Selbstbild zusammenkommen. Jugendliche müssen in dieser Phase Entscheidungen treffen, Betriebe formulieren Anforderungen, Eltern und Lehrpersonen sollen Orientierung geben, und das Bildungssystem muss Wege offenhalten, ohne Beliebigkeit zu erzeugen. Die Naht zwischen Schule und Beruf muss nicht unsichtbar sein. Vielleicht darf sie sogar auffallen: als kontrastreicher Übergang zwischen zwei Welten. Entscheidend ist nicht, dass man sie nicht sieht. Entscheidend ist, dass die Naht hält.

Dieser Inhalt wurde von NZZ Story Lab im Auftrag von wirt­schafts­­bildung.ch erstellt.


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