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So kann Nachhaltigkeit zur strategischen Chance werden
Sustainable Shapers Am Sustainable Switzerland Forum vom 21. Oktober diskutieren Entscheidungsträger aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik, wie die Transformation gelingen kann – und welche Rolle die Schweiz dabei spielt. Von Anja Ruoss
Das Sustainable Switzerland Forum geht 2026 in seine fünfte Ausgabe und findet erstmals in der Region Zürich statt. In «The Hall» in Dübendorf werden bis zu 600 Gäste erwartet. Unter dem Leitthema «Thinking ahead» richtet das SSF den Blick auf eine Zukunft, die sich rechnet – wirtschaftlich, ökologisch und gesellschaftlich. Im Fokus stehen Ansätze, wie Unternehmen, Politik und Wissenschaft die Transformation aktiv gestalten und Nachhaltigkeit als Treiber von Innovation, Wettbewerbsfähigkeit und langfristiger Wertschöpfung nutzen können. Damit verbunden sind Herausforderungen, die Wirtschaft und Gesellschaft gleichermassen betreffen. So rückt das Trilemma zwischen Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt. Welche Hebel stehen der Schweiz zur Verfügung, um diese Spannungsfelder produktiv zu gestalten? Antworten darauf liefern Keynotes und Panels mit führenden Stimmen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Unternehmertum. Den Auftakt macht die international renommierte Ökonomin Mariana Maz-
«Neu
zucato, Professorin am University College London. In ihrer Opening Keynote zeigt sie, was Staaten und Unternehmen leisten müssen, damit Nachhaltigkeit zur strategischen Triebkraft wird.
Im Panel «Kleines Land, grosser Hebel» diskutieren Clemens Wögerbauer, Chief Sustainability Officer von Holcim, Fabian Etter, Co-Präsident von Swisscleantech, Judith Walls, Professorin für Sustainability Management an der Universität St. Gallen, und Pascal Bieri, Co-Gründer von Planted, wo die Schweiz den Unterschied machen kann – und muss. Im Zentrum steht die Frage, wie sich regulatorischer Druck, wirtschaftliche Logik und ökologischer Handlungsbedarf produktiv verbinden lassen.
Weitere Referentinnen und Referenten sowie Programmpunkte werden laufend auf der Website ergänzt. Ergänzend zu Keynotes und Panels bietet das Forum drei Themenstreams, die zentrale Felder der Transformation vertiefen. Unter dem Titel «Zukunft Bauen» geht es um tragfähige Konzepte für lebenswerte Lebensräume von mor-
«Thinking ahead» für eine Zukunft, die sich rechnet: wirtschaftlich, ökologisch und gesellschaftlich.
wird kategorieübergreifend
gen, unter Mitwirkung von Partnern wie UBS, Mobiliar und der ETH. Der Stream «KI als Schlüsseltechnologie» widmet sich dem strategischen Potenzial künstlicher Intelligenz für den nachhaltigen Wandel – mit Beiträgen unter anderem von BCG, Google und der EPFL. Im Bereich «Resiliente Wertschöpfung» stehen Kollaboration und Innovation als Grundlage für langfristiges Wachstum im Fokus, getragen von Partnern wie Swisscom und BMW.
Ein weiterer Höhepunkt ist die Verleihung der «Sustainable Shapers»: Die Auszeichnung würdigt Persönlichkei-
ten, die Nachhaltigkeit in der Schweiz massgeblich vorantreiben. Neu wird zudem ein vom Publikum gekürter «Public Hero» ausgezeichnet (siehe Interview mit Jeremy Merz unten auf dieser Seite).
Darüber hinaus bietet das SSF Raum für Austausch, Diskussion und Vernetzung – und leistet gemeinsam mit den Partnern von Sustainable Switzerland einen Beitrag zu einer zukunftsfähigen Schweiz.
Programm und Anmeldung: sustainableswitzerland.ch/forum
ein ‹Public Hero› ausgezeichnet»
Sustainable Shapers – Sustainable Switzerland zeichnet auch in diesem Jahr herausragende Persönlichkeiten der nachhaltigen Entwicklung aus. Es gebe ein Bedürfnis nach glaubwürdigen Vorbildern, so Jeremy Merz von der Boston Consulting Group (BCG).
Die Auszeichnungen werden im Rahmen des diesjährigen Sustainable Switzerland Forum am 21. Oktober 2026 verliehen. Das SSF ist die führende Nachhaltigkeitskonferenz der Schweizer Wirtschaft, Wissenschaft und Politik.
Die Auszeichnung «Sustainable Shapers» geht 2026 in die zweite Runde. Gibt es Änderungen gegenüber dem Vorjahr?
Jeremy Merz: Das Verfahren bleibt im Kern unverändert bis auf eine wesentliche Anpassung: In den drei Kategorien Leadership & Transformation, Knowledge & Opinion sowie Vision & Innovation werden jeweils nur noch drei Personen ausgezeichnet, statt bisher fünf. Neu kommt zusätzlich die kategorieübergreifende Auszeichnung Public Hero mit einer Gewinnerin oder einem Gewinner dazu, der oder die – wie es der Name sagt – in Form eines Public Votings ermittelt wird. Ziel ist es, den Ausgezeichneten deutlich mehr Raum und Sichtbarkeit zu geben.
Nach welchen Kriterien werden die Gewinnerinnen und Gewinner ausgewählt? Ausgezeichnet werden prägende Persönlichkeiten. Die Gewinnerinnen und
Gewinner werden in einem stufenweisen Verfahren durch Fachpersonen sowie eine sorgsam ausgewählte Jury ermittelt. Voraussetzung ist die Einhaltung von Mindestanforderungen: Reg-
lement, persönlicher Bezug zur Schweiz, nachweisbarer Impact, publizistische Leitlinien, keine Ethik-/ComplianceVerstösse, insgesamt positive öffentliche Wahrnehmung. Die Bewertung erfolgt danach entlang der Kriterien Nachhaltigkeits-Impact & Relevanz, Transformation & Skalierbarkeit sowie Strahlkraft & Leadership.
Es bleibt dabei: Es werden nur Persönlichkeiten ausgezeichnet, keine Unternehmen oder Organisationen? Ja. Wir wollen individuelles Verantwortungsbewusstsein, klare Haltung und direkte Wirksamkeit sichtbar machen. Wirkung in Organisationen ist oft ein Ergebnis des Kollektivs und damit schwer einzelnen Personen eindeutig zuzuordnen. Zudem soll die Reichweite von Unternehmen nicht das herausragende persönliche Engagement von Vorbildern überlagern.
Worauf können sich die Gewinnerinnen und Gewinner freuen? Sie erhalten breite öffentliche Anerkennung und journalistische Begleitung. Ihre Arbeit wird über verschiedene Kanäle sichtbar gemacht, wodurch
ihre Themen einem grösseren Publikum zugänglich werden und zusätzliche Wirkung entfalten können. Darüber hinaus werden sie Teil der Sustainable-Switzerland-Community und erhalten Zugang zu verschiedenen Veranstaltungen.
Wie war das Echo auf die Premiere im vergangenen Jahr? Das Echo war sehr positiv: Öffentlichkeit, Medien und auch die Nominierten selbst bewerteten die Auszeichnung als wichtigen Impuls zur Sichtbarkeit von Nachhaltigkeitsengagement. Die starke Resonanz zeigte das grosse Bedürfnis nach glaubwürdigen Vorbildern in diesem Bereich.
«Ziel ist es, den Ausgezeichneten deutlich mehr Raum und Sichtbarkeit zu geben.»
Weshalb und mit welcher Vision hat BCG die Auszeichnung zusammen mit Sustainable Switzerland ins Leben gerufen? Wir haben diese Auszeichnung gemeinsam lanciert, um Nachhaltigkeit strategisch voranzutreiben, gezielt Vorbilder zu stärken und damit die nachhaltige Transformation zu beschleunigen. Unsere Vision ist es, eine Plattform zu schaffen, die nicht nur herausragendes individuelles Engagement im Bereich Nachhaltigkeit würdigt, sondern auch als Inspiration für andere dient. Zusammen mit unserer dedizierten Nachhaltigkeitsberatung Quantis bringen wir zudem tiefgehende wissenschaftliche und datenbasierte Expertise ein, insbesondere bei der Messung und Steuerung von Umweltwirkungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Dieses gemeinsame Projekt ist ein Vorzeigebeispiel dafür, wie Synergien aus der Partnerschaft mit Sustainable Switzerland ausgeschöpft werden: BCG bringt Strategie- und Datenexpertise ein, Sustainable Switzerland die Reichweite und mediale Begleitung.
Interview: Elmar zur Bonsen
Jeremy Merz BCG Managing Director und Partner bei BCG
Blick auf das vergangene Jahr: Das Sustainable Switzerland Forum bringt auch 2026 führende Stimmen zusammen. NZZ
Wie wir leben, was uns bewegt
Zahlen & Fakten Die Ziele für nachhaltige Entwicklung zu erreichen, ist auch für die Schweiz eine grosse Herausforderung. Es geht dabei um ganz unterschiedliche Aufgabenbereiche und Themenfelder – soziale, wirtschaftliche und ökologische.
25 900 000 000 Franken
Ausgaben für Forschung und Entwicklung im Jahr 2023 Für Forschung und Entwicklung (F&E) werden in der Schweiz jährlich fast 26 Milliarden Franken ausgegeben, was einem durchschnittlichen Anstieg von 3 Prozent pro Jahr seit 2021 entspricht. Nach Angaben des Bundesamts für Statistik gehört die Schweiz damit zu den Ländern mit den höchsten Investitionen auf diesem Gebiet. Zwei Drittel der F&E-Ausgaben werden hierzulande von privaten Unternehmen getätigt. Diese investierten im Jahr 2023 knapp 18 Milliarden Franken. Drei Viertel der Summe entfallen auf Branchen mit traditionell hohen Forschungsaufwendungen: pharmazeutische und chemische Industrie (40 Prozent), Metall- und Maschinenindustrie (11 Prozent), Forschungslabors (13 Prozent) und neue Technologien (14 Prozent). Der zweitwichtigste Forschungsakteur waren mit rund 7,4 Milliarden Franken die Hochschulen. Auf diesen Sektor entfielen 28 Prozent der gesamten F&E-Aufwendungen der Schweiz. Landesweit waren vor drei Jahren nahezu 150 000 Personen in der Forschung und Entwicklung tätig. Die 25 900 000 000 Franken entsprachen für das Jahr 2023 knapp 3,2 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Im globalen Vergleich belegte die Schweiz mit diesen Werten damals den neunten Platz. Für die F&E-Intensität, gemessen am BIP-Anteil, lautet die Hitparade: Israel vor Südkorea und Taiwan.
80 Prozent
E-Shopping der Gen Z
Die Jungen setzen verstärkt auf Secondhand-Angebote und nutzt bei OnlineKäufen mehrheitlich KI-basierte Dienste. Das hat eine Umfrage von DPD und Geopost zum Thema E-Shopping in der Schweiz ergeben. 80 Prozent der Generation Z kaufen über Social-Media-Plattformen ein, während es über alle Altersgruppen nur 59 Prozent sind. Die Generation Z umfasst die Geburtsjahrgänge von 1995 bis 2010. Rund 60 Prozent der Jungen ist es wichtig, trendige Marken zu kaufen (alle: 41 Prozent). Gleichzeitig räumen 65 Prozent der Nachhaltigkeit Priorität ein (alle: 51 Prozent). 56 Prozent kaufen mehr Secondhand-Produkte (alle: 42 Prozent), und 64 Prozent würden für umweltfreundliche Produkte mehr zahlen (alle: 51 Prozent).
Gesundheitsausgaben als Hauptsorge
In einer Zeit, die von wirtschaftlicher Unsicherheit, geopolitischen Spannungen und steigenden Lebenshaltungskosten geprägt ist, machen den Schweizerinnen und Schweizern besonders die steigenden Gesundheitsausgaben zu schaffen. Im «UBS Sorgenbarometer 2025» rangierten die Prämien der obligatorischen Krankenversicherung erneut an der Spitze. Sie wurden von 45 Prozent aller Befragten als einer der fünf wichtigsten Problempunkte genannt – mit deutlichem Abstand vor Umweltthemen, Wohnkosten oder Fragen rund um die Altersvorsorge. Dieses Ergebnis bestätige eine Entwick-
lung, die sich im Laufe der letzten Jahre immer stärker abgezeichnet habe, heisst es in der Studie. «Dahinter stehen kontinuierliche Prämienerhöhungen, eine alternde Bevölkerung und eine Gesundheitsinfrastruktur, die zunehmend unter Kostendruck steht.» Zu den Ursachen der steigenden Kosten zählen der demografische Wandel, der medizinische Fortschritt mit neuen Behandlungsmöglichkeiten und eine hohe Inanspruchnahme von Leistungen. Die Gesundheitsausgaben sind in der Schweiz 2025 auf mehr als 100 Milliarden Franken gestiegen – ein neuer Rekordwert.
Mehr als die Hälfte wird im Bad verbraucht Trinkwasserbedarf in der Schweiz nach Verbrauchsarten
Toilettenspülung
Gefährdete Biodiversität
Die Biodiversität in der Schweiz ist in einem kritischen Zustand: Laut Bundesamt für Umwelt sind rund 35 Prozent der Pflanzen-, Tier- und Pilzarten gefährdet. Trotz einigen Erfolgen im Naturschutz zieht auch die Umweltorganisation WWF eine negative Gesamtbilanz. Bezogen auf die Schweizer Tierwelt, gibt es jedoch Gewinner. 2025 zählten dazu der Steinkauz, der Goldschakal und das Wisent. Zu den Verlierern gehörten Murmeltiere, Feldhasen, Bachflohkrebse und der Luchs. Die Artenkrise bleibe trotz punktuellen Erfolgen dramatisch, schlägt der WWF Alarm. Als Hauptgründe für den Rückgang der Biodiversität werden Klimawandel, Landnutzungsänderungen und invasive Arten genannt. 10. Platz
Weltglücksbericht
Die Schweiz gehört wieder zu den Top Ten der glücklichsten Länder. Im «World Happiness Report 2026» belegt sie den zehnten Platz – eine Verbesserung um drei Positionen im Vergleich zum Vorjahr. Angeführt wird das Ranking erneut von Finnland, gefolgt von Island, Dänemark, Costa Rica und Schweden. Der jährliche Weltglücksbericht wird von einem Forscherteam der Universität Oxford veröffentlicht. Er liefert Einblicke, wie es um die Zufriedenheit und die wahrgenommene Lebensqualität der Menschen rund um den Globus bestellt ist. In die Bewertung fliessen Faktoren wie die Wirtschaftsleistung eines Landes, die Gesundheit, das Freiheitsgefühl und die Wahrnehmung von Korruption ein.
Neu zugelassene Fahrzeuge
Im vergangenen Jahr sind schweizweit 329 310 neue Strassenmotorfahrzeuge in Verkehr gesetzt worden – rund 2,0 Prozent weniger als 2024. Die Personenwagen machten nach Angaben des Bundesamts für Statistik mehr als zwei Drittel der Neuzulassungen aus. 69 Prozent der total 233 774 neue Personenwagen stehen unter Strom: 22,8 Prozent rein elektrisch, 41,7 Prozent Plug-in-Hybride. Trotz des leichten Rückgangs der Gesamtzahlen verzeichneten Elektroautos ein Plus von knapp 16 Prozent, während Plug-in-Hybride um rund 26 Prozent zulegten.
Trinkwasserverbrauch
Der Trinkwasserverbrauch pro Person in der Schweiz ist in den letzten 15 Jahren relativ stabil geblieben. Den grössten Bedarf verzeichnen Privathaushalte und kleine Gewerbebetriebe, sie nutzen ungefähr die Hälfte des Trinkwassers, das zu fast 80 Prozent aus Grundwasser und Quellen stammt, so der Fachverband SVGW. Im Schnitt verbraucht eine Person hierzulande pro Tag 142 Liter Wasser, mehr als die Hälfte davon im Badezimmer für Toilettenspülung, Baden oder Duschen. Zählt man den Wasserverbrauch am Arbeitsplatz, in der Freizeit und in den Ferien dazu, ergeben sich, über die gesamte Bevölkerung gemittelt, rund 163 Liter pro Person und Tag.
90 Gramm
CO2-Gehalt im Strommix
Der CO2-Gehalt des Stroms ab Steckdose in der Schweiz wird massgeblich durch Umfang und Zusammensetzung der Stromimporte aus den Nachbarländern beeinflusst. Eine Analyse des Verbands Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen von 2016 bis 2025 zeigt einen abnehmenden Trend beim CO2-Gehalt des Schweizer Strommixes. Haupttreiber dafür seien der sinkende Einsatz fossiler Energieträger in den Nachbarländern sowie der fortschreitende Ausbau erneuerbarer Energien im In- und Ausland. «Der CO2-Gehalt des Schweizer Strommixes unterliegt jährlichen Schwankungen. Im Jahr 2025 stieg der CO2-Gehalt auf 90 Gramm CO2/kWh und lag damit deutlich über dem Wert von 57 Gramm CO2eq/ kWh aus dem Jahr 2024», so der VSE.
Studie zur Lebensqualität
Die Menschen in der Schweiz blicken mit gemischten Gefühlen in die Zukunft, wie das «Hoffnungsbarometer 2026» der Universität St. Gallen zeigt. 64 Prozent der Befragten gehen davon aus, dass die Lebensqualität in der Schweiz in 20 Jahren schlechter sein wird als heute. Klima und Umwelt werden hingegen weniger pessimistisch beurteilt. Die Studie zeigt jedoch einen klaren Altersunterschied: Je jünger die Befragten, desto geringer sind Hoffnung, Vertrauen und Wohlbefinden. Die Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen weist die niedrigsten Werte auf, während ältere Personen deutlich optimistischer sind.
Was Kaffee mit der Energiewende zu tun hat
Gesellschaft Das Verkehrshaus der Schweiz hat in Zusammenarbeit mit NZZ Sustainable Switzerland die interaktive Ausstellung «Experience Energy!» neu gedacht. Von Silvia Tschui
Gleich hinter einer von der Decke hängenden überdimensionierten Weltkugel, auf der sich globale Meeres- und Windströmungen kringeln, wieder auflösen und neu bilden, befindet sich im Verkehrshaus in Luzern eine neu konzipierte Ausstellung. Hier stehen auf einem niedrigen, grossen Esstisch Gedecke, Tassen und Gläser, allesamt aus einem haptisch ansprechenden schwarzen Material. Nicht nur Kinder wollen es sofort anfassen und begutachten. Doch die Gedecke sind festgemacht. Wer Platz nimmt, merkt schnell, was es mit dem mysteriösen Geschirr auf sich hat – es soll Gross und Klein zur Interaktion einladen. Und bald wird klar: Auch hier geht es um Ströme, um Energieströme, um genau zu sein.
«Experience Energy!» heisst die erneuerte Ausstellung. Sie hat es sich zum Ziel gesetzt, den verborgenen Energieverbrauch in unserem Alltag sichtbar zu machen. Hierfür erzählen bereits die Möbel selbst eine Geschichte: Tisch und Stuhl wurden vom Bieler Unternehmen Enga aus rezyklierten Materialien gefertigt, lokal designt, mit 3D-Druck hergestellt und via kurze Transportwege geliefert. Was sonst als Abfall in Schwei-
zer Haushalten endet, steht nun in Form von Designobjekten im Verkehrshaus. «À table!» steht auf den in die Tische integrierten Touchscreens. Sie laden mittels Quiz «Finde deinen Energie-Typ» und einigen Informationen dazu ein, sich über die Folgen des eigenen Verhaltens im Umgang mit Energie Gedanken zu machen. Per Touchscreen navigieren Besucherinnen und Besucher durch gezielte Fragen: Was motiviert mich, Energie zu sparen? Was hält mich davon ab, nachhaltiger zu leben? Wer trägt die Verantwortung für die Energiewende?
Welcher Energie-Typ bist du?
Zum Schluss erfahren Interessierte, welchen Energie-Typ sie verkörpern, und erhalten zudem alltagstaugliche Tipps, wie sich der eigene Energiebedarf senken lässt. Diese reichen von kleinen Änderungen, etwa Kleidung und Möbel auch secondhand in Betracht zu ziehen, bis hin zu grösseren finanziellen Entscheidungen. Zum Beispiel, nachhaltig ausgerichtete Unternehmen verstärkt in den eigenen Anlagedepots zu berücksichtigen. Ergänzt ist dieses interaktive Angebot mit einer Feedbackrunde:
Wer versteht, wie Energie fliesst, trifft andere Entscheidungen.
Unter «Sag uns Deine Meinung» erhebt das Verkehrshaus eine Umfrage, die in Kooperation mit NZZ Sustainable Switzerland als eine Art Pulsmesser auswertet, was die Bevölkerung unter anderem von energiepolitischen Balanceakten hält: Soll die Politik aktiver Regeln setzen und kontrollieren, sollen Unternehmen den Wandel vorantreiben oder können wir auf Forschung und Technologie vertrauen? Und wo beginnt und endet die Verantwortung des Einzelnen? Jeder und jede kann zudem die eigenen Angaben mit denen der letzten 100 Besucher vergleichen – und erhält so ein interaktiv erzeugtes Feedback dazu, wo man selbst in Bezug auf andere Gäste mit seinen Meinungen steht.
Informationsfluss im Lesesessel Während sich dieser Ausstellungsteil eher an ältere Kinder und Erwachsene richtet, finden sich für Kinder im Primarschulalter einfachere Informationen zwischen dem Geschirr auf dem Tisch. Auf Untersetzern, die sich aufheben und umdrehen lassen, erfahren sie Erstaunliches. Unter anderem, dass die Produktion von nur einer Tasse Kaffee ungefähr 140 Li-
ter Wasser verschlingt. Oder dass Wasser aus dem Hahn rund 300-mal weniger CO2 benötigt als Wasser aus der PET-Flasche. Eine Vertiefung zum Thema gibt es im beistehenden bequemen «Lesesessel» mit «Zeitungsstation», die ebenfalls einen Touchscreen beinhaltet. Hier hat NZZ Sustainable Switzerland Hintergrundthemen zur Energiebereitstellung und -nutzung mit Artikeln, Videoformaten und Grafiken aufbereitet. Dass zirka ein Viertel der global genutzten Energie für die Produktion, Verarbeitung und den Transport von Nahrungsmitteln benötigt wird, ist nur eine von vielen Tatsachen, die erläutert werden. Ohne erhobenen Zeigefinger und komplett moralinfrei zur Reflexion einzuladen, ist das Ziel der Ausstellung. Vielleicht erinnert man sich am nächsten Morgen beim Kaffee an die verborgene Energie dahinter. Oder zögert beim wöchentlichen Mineralwassereinkauf. Denn wer versteht, wie Energie fliesst, trifft andere Entscheidungen.
«Experience Energy!» im Verkehrshaus der Schweiz in Luzern ist in Zusammenarbeit mit NZZ Sustainable Switzerland entstanden. www.verkehrshaus.ch
Lädt zur Erkundung ein: die neue, interaktive «Experience Energy!»-Station im Verkehrshaus der Schweiz in Luzern. VERKEHRSHAUS
«Hitze beeinflusst uns alle»
Klimawandel Wetterextreme werden häufiger, die gesundheitliche Belastung steigt. An der Universität Bern spürt ein Team um Ana Vicedo gefährdete Orte und Risikogruppen auf. Ihre Erkenntnisse tragen dazu bei, die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen.
Frau Vicedo Cabrera, Sie leiten die Professur für Klimafolgen und öffentliche Gesundheit im bewohnten Raum an der Uni Bern, finanziert von der Mobiliar Genossenschaft. Wie neu ist Ihre Forschung?
Ana Vicedo Cabrera: Zu den Auswirkungen des Klimawandels wird schon eine Weile geforscht, neu ist der interdisziplinäre Ansatz. In meinem Team sind wir fast zwanzig Leute aus unterschiedlichen Disziplinen. Wir kombinieren Methoden aus Epidemiologie, Klimamodellierung und öffentlicher Gesundheit. Das ermöglicht uns eine umfassendere Sicht auf Forschungsfragen und ein besseres Verständnis dafür, wie Hitzewellen und andere Wetterextreme entstehen und wie sie die menschliche Gesundheit beeinflussen. Wir lernen ständig voneinander. Das Ergebnis sind bessere, breit abgestützte Resultate. Genau so sollte Forschung funktionieren: zusammen. «Besser zusammen» ist auch das Motto des 200-Jahr-Jubiläums der Mobiliar. Das passt gut. Ich bin dankbar, dass sich die Privatwirtschaft für die Forschung engagiert. Wir haben Forschungsfreiheit und profitieren gleichzeitig von Brücken, die uns die Mobiliar schlägt. Sie hilft uns, Partnerschaften aufzubauen und unsere Forschungsresultate publik zu machen. Je mehr Leute wir erreichen, desto besser. Sie suchen die Öffentlichkeit. Warum? Die Klimaveränderung stellt uns vor komplexe Herausforderungen. Die Zeit drängt, diese zu adressieren. Es ist wissenschaftlich belegt, dass der Klimawandel die Gesundheitssysteme zusätzlich stark belastet und zu mehr Toten führt, beispielsweise zu mehr Hitzetoten in den Städten. Das passiert bereits heute, nicht erst in der Zukunft. Wir arbeiten deshalb auf mehreren Ebenen mit öffentlichen und privaten Partnern zusammen: für anonymisierte Datensätze als Forschungsgrundlage, bei der Entwicklung von Strategien und Massnahmen sowie in der Kommunikation.
«Unsere Forschung kommt der Bevölkerung zugute.»
Sie kooperieren mit verschiedenen Städten. Warum sind Menschen in Städten bei Hitzewellen besonders gefährdet?
Überbaute, versiegelte Gebiete speichern mehr Hitze, es entstehen Hitzeinseln. Dazu kommen weitere Umweltstressoren wie Luftverschmutzung und Lärm. Innerhalb der Städte sind die Menschen aber nicht gleichermassen der Hitze ausgesetzt.
Inwiefern?
Es gibt geografische und soziodemografische Unterschiede, das sehen wir unter anderem aus Spitaldaten. Vereinfacht gesagt, sind Menschen, die enger und in dicht überbauten Quartieren leben, stärker hitzegefährdet als solche, die in grünen und offeneren Quartieren wohnen. Wir haben ein Hitzevulnerabilitätsinstrument entwickelt, das nicht nur HitzeHotspots identifiziert. Es zeigt auch die Risikogruppen, die dort leben. Das erlaubt Städten, faktenbasierte Präventions- und Notfallstrategien zu entwickeln und Massnahmen zu priorisieren.
Zur Person
Ana Vicedo Cabrera promovierte an der Universität Valencia in Umwelttoxikologie und pharmazeutischen Wissenschaften sowie an der Universität Turin in Epidemiologie. Bis 2021 forschte sie an der London School of Hygiene and Tropical Medicine, davor am Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Institut (Swiss TPH) in Basel. Seit 2019 forscht und lehrt die gebürtige Spanierin an der Universität Bern, seit Anfang 2025 leitet sie die Mobiliar-Professur für Klimafolgen und öffentliche Gesundheit im bewohnten Raum. Ihre Arbeit fokussiert auf die Auswirkungen des Klimawandels auf den Lebens- und Arbeitsraum sowie das Wohlergehen des Menschen.
Wie steht die Schweiz da, wenn es um die Stärkung der Resilienz der Bevölkerung gegenüber dem Klimawandel geht?
Vor allem in den letzten fünf Jahren hat durch die Pandemieerfahrung und Extremwetterereignisse ein Umdenken stattgefunden. Länder wie Frankreich sind uns noch voraus, wenn es um eine nationale Strategie und Koordination zur Hitzeprävention geht. Auf lokaler Ebene, in den Kantonen und Städten, geht es aber voran. Dort werden viele gute Massnahmen ergriffen, allen voran in der Westschweiz und im Tessin. Auch Basel ist schon weit.
In Hitzeperioden wird viel darüber berichtet, wie man sich schützen kann. Reicht das?
Das eine ist, etwas zu wissen, das andere, es zu tun. Viele sind sich nicht bewusst, dass sie gefährdet sind. Hitze beeinflusst uns alle, von abnehmender Produktivität zu Kopfschmerzen, Schwindel, Müdigkeit und mentaler Beeinträchtigung. Hinzu kommt: Nicht alle haben die gleichen Möglichkeiten, sich zu informieren oder zu schützen, sei es aufgrund ihres Alters oder Berufes, ihrer sozialen und ökonomischen Ressourcen oder ihrer physischen oder psychischen Verfassung.
Unterschiedliche Massnahmen für unterschiedliche Risikogruppen?
Ja, genau. Ein Beispiel: Bei Hitze sollte man möglichst im Haus bleiben. Doch die Pandemie hat uns gelehrt, dass dies besonders für Alleinlebende mentale Konsequenzen haben kann. Auch Menschen mit bestehenden psychischen Krankheiten sind gefährdeter, darunter immer mehr Junge – mit langfristigen Folgen für den Arbeitsmarkt und das Gesundheitssystem. Wir haben mit mehreren Studien gezeigt, dass psychisch kranke Menschen bei Hitzewellen häufiger hospitalisiert werden. Das kann an Medikamenten liegen, die die Hitzeregulierung erschweren, oder dass
Nachhaltige Transformation
Engagiert
für die Zukunft
Als Genossenschaft fördert die Mobiliar die Zukunftsfähigkeit und Resilienz der Schweiz. Seit 2008 setzt sie auf Forschungspartnerschaften, zuerst mit der Stiftung einer ausserordentlichen Professur für Klimafolgenforschung im Alpenraum an der Universität Bern. Am gleichen Ort sind das Mobiliar Lab für Naturrisiken und die Professur für Klimafolgen und öffentliche Gesundheit angesiedelt. Dazu kommen das Mobiliar Lab für Analytik an der ETH Zürich sowie das neue Mobiliar Center für Resilienz an der Universität Freiburg. Die Erkenntnisse aus der Forschung fliessen in die Engagements der Mobiliar ein und werden der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt. Zur Bewältigung der Folgen der Klimaveränderung unterstützt die Genossenschaft auch Schwammstadtprojekte sowie Präventionsprojekte zum Schutz vor Naturgefahren. Seit 2006 hat sie sich an rund 180 Präventionsprojekten beteiligt und dafür über 46 Millionen Franken gesprochen.
Für weitere Informationen diesen QR-Code scannen.
sie den Verhaltensempfehlungen nicht folgen. Wir arbeiten unter anderem mit Psychiaterinnen und Psychiatern an Massnahmen zugunsten dieser Risikogruppe.
Welche Rolle spielt eine hitzereduzierende Infrastruktur?
Alternative Strassenbeläge, mehr Bäume und Dachbegrünungen, wie sie das Schwammstadtkonzept vorsieht, sind sehr wichtig. Grünere Städte sind einerseits resilienter gegen Hitze und Starkregen. Andererseits sehen wir viele positive Effekte auf die physische und psychische Gesundheit: die Leute bewegen sich mehr, interagieren mehr. Die soziale Integration steigt, die Isolation nimmt ab. Barcelona mit seinen Superblocks, bei denen Quartierstrassen umfunktioniert wurden, ist ein erfolgreiches Beispiel dafür. Dort wurde in den vergangenen Jahren viel in die Forschung investiert und in die Frage, wie Quartiere geschützt werden können. Was wird für Risikogruppen getan? Genf beispielsweise hat einen «Plan canicule», einen Hitzewellenplan, für die rund 30 000 Menschen ab 65. Sie werden mit angepassten Informationen versorgt, haben kostenlose Anlaufstellen und werden, wenn nötig, mit Hausbesuchen unterstützt. Bestimmte Restaurants und Läden, Museen und Kinos werden zu Orten, um sich abzukühlen, und sind gleichzeitig Treffpunkte.
Wohin geht der Weg?
Wir setzen weiterhin auf lokale Zusammenarbeit. Mich interessiert auch, mithilfe unserer statistischen Methoden bereits die Anzeichen gesundheitlicher Risiken zu erkennen. So könnten Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen früher und gezielter informiert werden, wie sie bei Hitze zu sich Sorge tragen. Die Forschung hat noch viel zu tun.
Interview: Martina Schäfer
Barcelona, begrünt und verkehrsberuhigt: Superblock im Viertel Sant Antoni, einem für Autos stark eingeschränktem Bereich der spanischen Stadt. ADOBE STOCK
Ana Vicedo Cabrera
Gewerbeimmobilien – wie ungenutzte Dächer zum
Wettbewerbsvorteil werden
Energie Die Energiewende im Immobiliensektor könnte Fahrt aufnehmen. Das Zuger Startup Enshift bietet integrierte Energiesysteme – von Solaranlagen über Wärmepumpen bis zu Batteriespeichern – von der Analyse bis zum Betrieb aus einer Hand. Gründer und CEO Pierre Bi erklärt, warum Nachhaltigkeit im Gebäudemarkt zum messbaren Wettbewerbsvorteil wird.
STEPHAN LEHMAN-MALDONADO
Temperatur, Warmwasser, Strom: Rund 40 Prozent des Energieverbrauchs in Europa gehen laut Bundesamt für Energie auf Immobilien zurück. Lösungen zur Transformation zu erneuerbaren Energien liegen auf dem Tisch. Vor allem im Bereich Solarenergie ist das Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft. Warum also arbeitet der Immobilienbereich nicht noch energieeffizienter?
Genau das fragte sich Pierre Bi, Jahrgang 1991, Absolvent der ETH Zürich und des MIT sowie CEO und Gründer des Energiedienstleisters Enshift. Seine Erklärung: «Wer als Immobilieninvestor sein Portfolio dekarbonisieren möchte, muss heute zuerst mit einem Energieberater die Strategie erarbeiten, dann einen Fachplaner für die Detailplanung beiziehen, anschliessend Installateure koordinieren und schliesslich einen externen Bewirtschafter für den Betrieb der Anlagen engagieren.»
Wegen dieser Fragmentierung würden die oft günstigsten und profitabelsten Massnahmen – konkret die erneuerbaren Energiequellen – oft nicht realisiert, meint Bi.
Rascher Durchbruch
Um dieses Problem zu lösen, gründete Pierre Bi 2022 Enshift. Der Energiedienstleister mit Sitz in Baar (ZG) bietet alles aus einer Hand: von der ersten Analyse bis zum laufenden Betrieb von Anlagen wie Wärmepumpen, Solarsystemen und Batteriespeichern. «Wir wollen einen wesentlichen Teil des europäischen Immobiliensektors dekarbonisieren», sagt Bi.
Das mag ambitioniert klingen, aber Bi hat die Wirtschaftswelt schon einmal verblüfft. Mit seinen Mitgründern hat der gebürtige Berner bereits ein Startup, den Luftreinigungsspezialisten Aeris Cleantec, in Rekordtempo aufgebaut und 2021 an den US-Konzern iRobot verkauft.
Der «Gamechanger» von Enshift ist eine digitale Plattform, die den gesamten Lebenszyklus einer Energieanlage abbildet. So lassen sich Prognosen mit einer Genauigkeit von 85 bis 95 Prozent erstellen. «Das erlaubt es uns, schneller zu arbeiten als Anbieter, welche die verschiedenen Partner mühsam koordinieren müssen», sagt Bi. «Wir sind also nicht nur Berater oder Installateur, sondern langfristige Partner.»
Doch wie überzeugt man grosse institutionelle Investoren von einer neuen Lösung? Bi geht pragmatisch vor. Bei den meisten Kundinnen und Kunden startet Enshift mit einem Pilotprojekt – und lässt die Zahlen sprechen. Bi schmunzelt: «Wer die wirtschaftlichen Vorteile konkret erlebt, vertraut uns nach und nach sein ganzes Immobilienportfolio an.»
Enshift musste nicht lange auf seinen Durchbruch warten. Nur ein Jahr nach der Gründung setzte die Schweizerische Post auf das Cleantech-Startup. «Das war ein wichtiger Vertrauensbeweis, der uns viele Türen geöffnet hat», erinnert sich Bi. Allein im letzten Jahr wuchs Enshift um 300 Prozent, die Mitarbeitendenzahl erhöhte sich auf 50.
Der Entscheid für nachhaltige Lösungen sollte den Immobilieneigentümern in diesem Fall leichtfallen. Sie benötigen für die Infrastruktur weder eigenes Kapital noch Know-how. Enshift finanziert die Anlagen selbst – über eine Laufzeit von 20 bis 25 Jahren. «Statt weiterhin Gas oder Öl zu verbrennen, installieren wir Wärmepumpen, Solaranlagen und Speicher und verkaufen die produzierte Energie über langfristige Verträge an die Gebäudebesitzer oder die Mieter», erklärt Bi. Immobilienbesitzer können den Mieterinnen und Mietern dadurch stabile Nebenkosten anbieten und gleichzeitig die CO2-Emissionen reduzieren.
Finanzierung über Green Loans Für die Projektfinanzierung stellt UBS Fremdkapital für Solaranlagen im Rahmen eines «Green Loans» bereit. «Die Finanzierung von Photovoltaikprojekten erfordert eine massgeschneiderte Strukturierung, denn die Projekte sind äusserst langfristig angelegt», betont Manuel Brockhans, Nachhaltigkeitsexperte bei UBS. Der Green Loan stützt sich auf die nachhaltigen Cashflows aus dem zukünftigen Verkauf der Stromerzeugnisse. Kernpunkt eines Green Loans ist, dass die Mittel zweckgebunden in ökologische Projekte fliessen. Enshift rapportiert transparent, wie beispielsweise die CO2-Reduktion durch Solarstrom gelingt. «Von Anfang an hat uns UBS in Finanzierungsfragen begleitet und beraten», berichtet Pierre Bi. Insgesamt haben nachhaltige ESGAnlagen (Environment, Social, Governance) an Schwung verloren. Pierre Bi sieht das jedoch entspannt: «Der Hype ist vorbei. Jetzt zeigt sich, welche Technologien und Geschäftsmodelle wirtschaftlich tragfähig sind – und nicht bloss moralisch begründbar.»
Gerade im Markt der Rechenzentren, der im Zeichen von KI boomt, hält er den Ausbau erneuerbarer Energie-
quellen für unumgänglich: «Da ist Nachhaltigkeit keine moralische Geste mehr, sondern ein Wettbewerbsvorteil. Wer seine Strategien energieeffizient ausrichtet, baut nicht auf Sand, sondern auf festem Boden für nachhaltigen Erfolg.»
Zusatzerträge generieren
Bi ist mit Enshift zwar im Kanton Zug gestartet, blickt aber längst über die Schweizer Grenzen hinaus. Mit Niederlassungen in Deutschland, Österreich, Italien und Frankreich will das Unternehmen den europäischen Markt aufmischen. Parallel dazu baut der Energiepionier seine digitale Plattform aus. Besonders interessant für Kundinnen und Kunden: Sie sollen künftig nicht nur Energiekosten sparen, sondern auch Zusatzerträge durch aktiven Energiehandel generieren können. Möglich macht dies eine automatisierte Regeltechnik, die auf Marktsignale reagiert – und nebenbei zu einem stabileren Stromnetz beiträgt. Spannend bleibt auch die Dynamik im Heimatmarkt Schweiz. Seit dem 1. Januar 2026 lässt sich hier mithilfe lokaler Elektrizitätsgemeinschaften (LEG) Strom vom Dach der Nachbarschaft beziehen. Eine solche LEG reicht weiter als ein herkömmlicher Zusammenschluss zum Eigenverbrauch (ZEV): Sie kann das öffentliche Netz nutzen, um Strom zwischen Teilnehmern zu verteilen. «LEG sind ein entscheidender Hebel, um Strom lokal zu produzieren und zu verbrauchen», ist Bi überzeugt. «Mit einem Projekt in Thun konnten wir zeigen, dass LEG nicht nur wirtschaftlich, sondern auch netztechnisch sinnvoll sind.» Klar ist: Diese Entwicklung eröffnet Enshift zusätzliche Vermarktungsmöglichkeiten. Dennoch bleibt Bi ein Ingenieur, der mit beiden Füssen auf dem Boden der Realität steht. «Verträge über 20 bis 25 Jahre bedeuten, dass wir Technologie-, Zins- und Regulierungsrisiken aktiv managen müssen. Wir begegnen dem mit einer diversifizierten Projektstruktur,
konservativen Renditemodellen und einer Plattform, die es uns erlaubt, Anlagen laufend zu optimieren.»
Am Ende hält er inne und holt Luft. «Den europäischen Immobiliensektor zu dekarbonisieren, ist ein Marathon», sagt Pierre Bi. «Aber wir sind gut aufgestellt, um darin zu den Führenden zu gehören.»
Nachhaltige Transformation Green Loans für KMU
Die Green Loans fördern umweltfreundliche Projekte. An eine Finanzierung sind die folgenden vier Prinzipien geknüpft:
1. Verwendungszweck muss klare Vorteile für die Umwelt erbringen.
2. Transparenz bei der Projektbewertung und -auswahl sicherstellen.
3. Kreditmittel dürfen einzig für die festgelegten umweltfreundlichen Projekte verwendet werden.
4. Reporting über die Mittelverwendung und die ökologischen Auswirkungen der Projekte ist detailliert und regelmässig erforderlich.
Die Green Loan Principles wurden von der LMA (Loan Market Association) in Zusammenarbeit mit der LSTA (Loan Syndications and Trading Association) und der APLMA (Asia Pacific Loan Market Association) erstellt.
Für weitere Informationen diesen QR-Code scannen
Solaranlagen auf den Dächern von Gewerbeimmobilien verwandeln ungenutzte Flächen in Energiequellen – ein Potenzial, das Enshift erschliesst. PD
Pierre Bi PD Gründer und CEO von Enshift
«Wir haben einen klaren Fahrplan»
Wirtschaft Dormakaba, der weltweit führende Anbieter für Zutrittslösungen, hat sich vorgenommen, den ökologischen Fussabdruck der Baubranche zu verbessern. Group Sustainability Officer Stephanie Ossenbach-Keller erklärt, wie Nachhaltigkeit konsequent gemanagt wird.
Frau Ossenbach-Keller, Dormakaba gilt als Vorreiter in der nachhaltigen Unternehmensführung. Was sind aus Ihrer Sicht die drei wichtigsten Hebel, um Wirkung zu erzielen?
Stephanie Ossenbach-Keller: An erster Stelle steht eine starke Governance-Struktur – von der obersten Führungsebene bis hin zu den lokalen Teams – mit klar definierten Rollen, Verantwortlichkeiten und einer eindeutigen Rechenschaftspflicht dort, wo die tatsächliche Wirkung entsteht. Zum Zweiten braucht es klare, messbare und ambitionierte Ziele. Sie müssen ehrgeizig genug sein, um echte Veränderungen anzustossen, gleich-
zeitig aber auch so realistisch, dass die Teams engagiert bleiben. Wenn Ziele unerreichbar sind, fehlt die Akzeptanz –sind sie zu wenig ambitioniert, leidet die Glaubwürdigkeit. Ziele geben Orientierung, sorgen für eine einheitliche Ausrichtung der Teams und machen Fortschritte messbar. Ebenso wichtig ist, dass dafür die richtigen Ressourcen zur Verfügung stehen – finanzielle Mittel, aber auch ausreichend Zeit, qualifizierte Talente und Fachwissen. Drittens ist Nachhaltigkeit Teamarbeit. Starke Partnerschaften entlang der gesamten Wertschöpfungskette –von Lieferanten über Kunden bis hin zu Branchenpartnern – sind entscheidend. Gerade bei Themen wie den Scope-3Emissionen lassen sich echte Fortschritte nur erzielen, wenn alle gemeinsam vorangehen.
Ihre Klimaziele wurden von der Science Based Targets initiative (SBTi) validiert, und Sie haben Ihre Scope-1- und Scope-2Emissionen bereits deutlich reduziert. Wo liegen derzeit die grössten Hebel und Herausforderungen, insbesondere bei Scope-3-Emissionen?
Wir sind auf einem guten Weg: Unsere Scope-1- und Scope-2-Emissionen haben wir gegenüber dem Ausgangswert bereits um 25 Prozent reduziert. Uns bleiben noch fünf Jahre, um hier unser Ziel von 42 Prozent auf der Basis eines klaren Transformationsplans und durch eine starken Umsetzung vor Ort zu erreichen. Zentrale Hebel bleiben grüner Strom, Photovoltaikanlagen an den Standorten sowie die Elektrifizierung der Wär-
«Viele Kunden suchen aktiv nach Partnern mit starker Nachhaltigkeitsleistung, und wir unterstützen sie dabei, ihre Ziele zu erreichen.»
meversorgung. Die Emissionen der Fahrzeugflotte stellen weiterhin eine Herausforderung dar, da geeignete emissionsarme Servicefahrzeuge bislang noch nicht flächendeckend verfügbar sind – hier erwarten wir jedoch in den kommenden Jahren Verbesserungen.
Scope-3-Emissionen sind komplexer: Sie liegen ausserhalb unserer direkten Kontrolle und machen den grössten Anteil aller Emissionen aus. Der Reifegrad der Lieferanten variiert stark, insbesondere im Hinblick auf Datenverfügbarkeit und Zielsetzungen. Daher priorisieren wir unsere Lieferanten nach Emissionsbeitrag und Risikoprofil, segmentieren sie nach ihrem Reifegrad und unterstützen gezielt ihre Weiterentwicklung – von grundlegender Transparenz bis hin zur Festlegung konkreter Ziele. Gleichzeitig gewinnt CO2 im Einkauf zunehmend an Bedeutung, da es immer mehr zu einem echten Kostenfaktor wird.
Können Sie ein konkretes Beispiel für Kreislaufwirtschaft oder Ressourceneffizienz in Ihrer Gruppe nennen? Selbst kleine Ineffizienzen – so wie unnötiges Öffnen von Türen – summieren sich weltweit zu erheblichen Energieverlusten. Rund 80 Prozent der Umweltauswirkungen eines Produkts werden bereits in der Designphase festgelegt. Deshalb sind Langlebigkeit, Kreislauffähigkeit und CO2-arme Materialien entscheidend. Ein Beispiel ist MotionIQ: Intelligente Sensoren passen die Öffnungszeit von Türen an die tatsächliche Bewegung an, wodurch unnötige Öffnungen vermieden und Energieverluste beim Heizen oder Kühlen reduziert werden. Je nach Einsatzbereich lassen sich so die Emissionen pro Öffnung um bis zu 50 Prozent im Vergleich zu Standardlösungen senken. Ein weiteres Beispiel ist ES Proline, unser neues Antriebssystem für automatische Schiebetüren. Es stellt einen vollständigen Technologiesprung gegenüber unserem Vorgängermodell dar: Das System reduziert den Energieverbrauch um etwa 60 Prozent und verlängert die Lebensdauer um rund 50 Prozent, wodurch die Emissionen über den gesamten Lebenszyklus deutlich sinken. Dank hoher Recyclingfähigkeit und eines Anteils an recycelten Materialien treibt es zudem das zirkuläre Design voran.
Dormakaba gilt als führend bei Nachhaltigkeitsratings wie EcoVadis, MSCI oder ISS ESG. Wie nutzen Sie solche Bewertungen intern?
Diese Ratings sind eine starke Bestätigung dafür, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Noch wichtiger ist jedoch, dass sie uns helfen, besser zu werden. Sie zeigen, was Investoren und Kunden besonders wichtig ist, und bieten uns eine klare externe Benchmark. Wir teilen die Ergebnisse in der gesamten Gruppe, analysieren bestehende Lücken und definieren konkrete Massnahmen.
Nachhaltige Transformation
Viele Unternehmen klagen über zu viel und zu detaillierte Regulierung, die das Nachhaltigkeitsmanagement und dessen Reporting teuer mache. Andere hoffen darauf, dass man mit KI das Reporting und das Datamanagement schneller, einfacher und billiger erledigen könne. Wie sehen Sie das?
Regulierung ist anspruchsvoll, aber unverzichtbar für Transparenz, Vergleichbarkeit und Rechenschaftspflicht. Rahmenwerke wie CSRD und CSDDD helfen, Erwartungen zu harmonisieren und die Transparenz entlang der Wertschöpfungskette zu verbessern –insbesondere für Unternehmen, die noch am Anfang ihrer Nachhaltigkeitsreise stehen. Gleichzeitig erhöhen häufige Änderungen und Unsicherheiten die Komplexität und den Aufwand. KI bietet ein klares Potenzial, die Effizienz im Datenmanagement und Reporting zu steigern, ist jedoch kein Wundermittel –entscheidend bleibt eine solide Datenbasis. Unternehmen mit strukturierten Datensystemen sind klar im Vorteil. Wir haben beispielsweise KI eingesetzt, um die Recyclingfähigkeit von Verpackungen zu bewerten. Dazu haben wir interne Dokumente und Stücklisten automatisiert analysiert. So konnten wir praxisnahe Erkenntnisse für gezielte Verbesserungen gewinnen. Insgesamt wirken sowohl Regulierung als auch KI als wichtige Treiber für ein wirksameres Nachhaltigkeitsmanagement.
Welchen Mehrwert hat Ihr Nachhaltigkeitsengagement für Kunden, Mitarbeitende und Investoren? Nachhaltigkeit ist zunehmend ein entscheidender Faktor bei Beschaffungsentscheidungen. Viele Kunden suchen aktiv nach Partnern mit starker Nachhaltigkeitsleistung, und wir unterstützen sie dabei, ihre eigenen Ziele zu erreichen – etwa durch energieeffiziente Produkte oder Lösungen für grüne Gebäudezertifizierungen. Aber auch weniger stark auf Nachhaltigkeit fokussierte Kunden profitieren, etwa durch niedrigere Energiekosten, bessere Materialien und hohe soziale Standards. Für Investoren bedeutet eine starke Nachhaltigkeitsleistung mehr als Anerkennung – sie stärkt direkt unsere finanzielle Widerstandsfähigkeit und die langfristige Wertschöpfung. Durch ein proaktives Management von regulatorischen, klima- und lieferkettenbezogenen Risiken erhöhen wir die Stabilität unseres Geschäfts und machen es zukunftssicher. Gleichzeitig verbessern wir den Zugang zu Kapital und erweitern unsere Investorenbasis. Nachhaltigkeit motiviert auch unsere Mitarbeitenden. Ich höre oft, dass viele stolz darauf sind, für ein Unternehmen zu arbeiten, das sich so stark für nachhaltige Entwicklung engagiert. Letztlich möchten wir alle für Unternehmen arbeiten, die fair handeln und das Richtige für den Planeten tun.
Interview: Elmar zur Bonsen
Schweizer Unternehmensgruppe mit weltweiter Präsenz
Dormakaba ging 2015 aus dem Zusammenschluss zweier etablierter Marken im Bereich Sicherheitsund Zutrittstechnik hervor: Dorma, 1908 in Deutschland gegründet, bot ganzheitliche Türlösungen, Systeme zur Zeiterfassung und Zutrittskontrolle sowie Flucht- und Rettungswegmanagement. Das 1862 gegründete Schweizer Unternehmen Kaba war ein führender Anbieter von hochwertigen Zutrittsmanagementlösungen, Schlüsseln, Zylindern, physischen Zugangssystemen, Unternehmensdaten und Zeiterfassung. Die Dormakaba Group mit Hauptsitz in Rümlang (ZH) hat heute mehr als 15 000 Mitarbeitende und zählt in ihrer Branche zu den drei weltweit führenden Unternehmen. Ihre Lösungen und Produkte findet man zum Beispiel in Büros, Schulen, Universitäten, Sportstadien, Flughäfen, Krankenhäusern, Hotels und Restaurants.
Mit einem neuartigen Antriebssystem für automatische Schiebetüren lässt sich der Energieverbrauch drastisch senken. DORMAKABA
Stephanie Ossenbach-Keller PD Group Sustainability Officer, Dormakaba
Intelligent heizen: Gut fürs Klima, fürs Raumklima – und fürs Budget
Energie Konventionelle Heizsysteme reagieren langsam auf Wetterwechsel und verschwenden dadurch viel Energie.
Neue, datenbasierte Lösungen versprechen Abhilfe: Sie steuern Gebäude präziser, senken Kosten und reduzieren Emissionen.
Datenbasierte, mit dem Heizsystem interagierende Sensoren sorgen für ausgeglichene Temperaturen und ein angenehmes
ROBERTO STEFANO
Wie träge eine konventionelle Heizung heute ist, zeigt sich besonders in der Übergangssaison: Ein milder Frühlingstag lässt die Temperaturen draussen rasch auf über 20 Grad steigen – kurz nachdem noch eine kühle Brise durch die Strassen zog. Solche Wetterkapriolen schlagen nach innen durch. In vielen Bürogebäuden etwa ist es dann morgens noch unangenehm kühl, am Nachmittag bei Sonnenschein plötzlich viel zu warm. Mal für Mal hinkt die Raumtemperatur dem Witterungsumschwung hinterher. Was viele als lästigen, aber unvermeidbaren Alltag kennen, ist ein weitverbreitetes Problem. Heizungen arbeiten verzögert, häufig ungenau, verschwenden Energie und treiben gleichzeitig die Kosten in die Höhe. Das gilt vor allem für ältere Gebäude mit schwacher Isolation. Genau hier setzen neue Technologien aus dem Internet der Dinge (IoT, Internet of Things) und der künstlichen Intelligenz an. Sie versprechen eine präzisere Steuerung – und dies ganz ohne bauliche Eingriffe. Das Prinzip dabei ist einfach: Sensoren erfassen laufend Temperaturen, gleichen sie mit Wetterdaten ab und berücksichtigen das Nutzungsverhalten. Algorithmen berechnen daraus kontinuierlich und vorausschauend die optimale Heizleistung. Ziel ist es, mit möglichst wenig Energie den gewünschten Komfort zu halten und so Schwankungen gar nicht erst entstehen zu lassen.
Dabei ist der Handlungsdruck hoch, sowohl ökologisch als auch ökonomisch. Laut dem Bundesamt für Umwelt (Bafu) ist der Gebäudepark nach dem Verkehr und der Industrie der drittgrösste CO2-Emittent in der Schweiz und verursacht rund 22 Prozent des hiesigen Ausstosses. Effizientere Heizsysteme können deshalb einen wichtigen Beitrag leisten, damit die Schweiz
ihrem Klimaziel Netto-Null im Jahr 2050 einen grossen Schritt näher kommt. Weil gleichzeitig die regulatorischen Anforderungen steigen – und auch die Energiepreise – lohnen sich die Anstrengungen gleich mehrfach.
Neue Lösungen setzen auf Daten statt auf Bauchgefühl
Wie sich Gebäude gezielter beheizen lassen, zeigen die Schweizer Unternehmen ECCO2 und Viboo. Beide arbeiten mit dem Technologiekonzern Swisscom zusammen und setzen auf datenbasierte Systeme, verfolgen dabei aber unterschiedliche Ansätze. ECCO2 setzt bei der Heizzentrale an. Mit IoT-Sensoren in den Wohnungen und einer über das Swisscom-Mobilfunknetz verbundenen Steuereinheit im Heizungskeller analysiert deren Technologie das Heizverhalten und passt es laufend an den tatsächlichen Bedarf auch aufgrund der Wetterbedingungen an. Denn Faktoren wie Sonneneinstrahlung, plötzliche Kälteeinbrüche oder Nebelbedingungen fliessen in die auf künstlicher Intelligenz basierte Optimierung ein. Der Vorteil: Die Lösung ist einfach zu installieren und eignet sich besonders für grössere Wohnliegenschaften. Zudem muss für die Installation das vorhandene Heizsystem nicht ersetzt oder umgebaut werden. «Es geht hier um eine nichtinvasive Heizungsoptimierung. Bestehende Heizkessel, Wärmepumpen oder Fernwärmeanschlüsse bleiben vollständig unverändert», erklärt ECCO2-CEO Markus Eberhard.
Heizoptimierung auf Raumebene
So wird bereits nach wenigen Wochen die eingesetzte Heizenergie um durchschnittlich 20 Prozent reduziert. Diese durch das Bundesamt für Umwelt zer-
tifizierten Einsparungen kommen direkt den Mietenden zugute. Das Startup Viboo wählt hingegen einen anderen Ansatz. Es optimiert die Heizung auf Raumebene. Smarte Thermostate an den Heizkörpern kommunizieren mit einer Cloud-Plattform, die mithilfe von künstlicher Intelligenz das Verhalten jedes einzelnen Raums modelliert: Wann wird er genutzt? Wie schnell kühlt er aus? Wie stark wirkt die Sonneneinstrahlung durch die Fenster? Die Temperatur wird entsprechend laufend angepasst. Während traditionelle Systeme meist erst auf Wetterveränderungen reagieren, nutzt Viboo Vorhersagemodelle, KI und dynamische Optimierung, um Gebäude vorausschauend zu steuern. «In nur ein bis zwei Wochen lernt die KI, die Eigenheiten der Gebäude und ihrer einzelnen Räume zu bestimmen. Basierend darauf, optimiert sie laufend den Heizungsbetrieb», erklärt Viboo-CEO Felix Bünning. Auch hier lassen sich die
intelligenten Thermostate zudem einfach in ein bestehendes Heizsystem integrieren. Dies ermöglicht eine unkomplizierte Installation. In Gebäuden mit unterschiedlich genutzten Räumen, etwa Büros, Schulen oder Gewerbeimmobilien, kann die dynamische Optimierung den Energieverbrauch deutlich senken, in Einzelfällen um bis zu 40 Prozent. Besonders wichtig: Der Komfort für die Nutzenden leidet dadurch nicht. Im Gegenteil berichten Teilnehmende in Pilotprojekten von stabileren Temperaturen und einem angenehmeren Raumklima. Bei Viboo geschieht diese Optimierung auf Raumebene, die Technik arbeitet im Hintergrund und stimmt die Temperatur im Inneren laufend auf die klimatischen Veränderungen im Aussenbereich ab. «Viboo und ECCO2 sind beide für dauerhaft genutzte, grössere Gebäude konzipiert», erklärt Res Witschi, Delegierter für nachhaltige Digitalisierung bei Swisscom. Der Fokus liege
«Mit einfachen Lösungen für Einfamilienhäuser sind diese Systeme nicht vergleichbar.»
Res Witschi, Delegierter für nachhaltige Digitalisierung bei Swisscom
auf Geschäfts- und Verwaltungsimmobilien sowie grösseren Wohnüberbauungen. «Mit einfachen Lösungen für Einfamilien- oder Ferienhäuser, die Heizungen primär an- und ausschalten, sind diese Systeme nicht vergleichbar», ergänzt er.
Investitionen amortisieren sich in wenigen Jahren
Besonders interessant sind solche Systeme für Bestandsgebäude. Viele werden noch mit fossilen Energieträgern beheizt und bergen entsprechend grosses Einsparpotenzial. Gleichzeitig fehlen oft die Mittel oder auch die Bereitschaft für umfassende Sanierungen. IoT- und KI-Lösungen setzen genau hier an: Sie optimieren den Betrieb, ohne die Bausubstanz zu verändern. Auch wirtschaftlich sind die Systeme attraktiv – gerade bei hohen Energiepreisen. Je nach Gebäude amortisieren sich die Investitionen innerhalb weniger Jahre. Hinzu kommt der wachsende Druck auf Immobilieneigentümer, Nachhaltigkeitsdaten zu sammeln und offenzulegen. Digitale Heizsysteme liefern diese automatisch – ein Vorteil für Besitzer mit entsprechenden Berichtspflichten.
Unterstützt werden ECCO2 und Viboo von Swisscom. Der Konzern stellt die nötigen Schnittstellen und Datenverbindungen bereit und investiert gezielt in Unternehmen mit neuen Lösungen für die Gebäudetechnologie. «Eine sichere Datenübertragung, Datensicherheit sowie eine vertrauensvolle Zusammenarbeit sind dabei zentral», sagt Felix Wunderer, Head of IoT and B2B Mobile bei Swisscom. Alles in allem sind die neuen Heizsysteme ein einfacher Weg für Unternehmen und Immobilienbesitzer, mit wenig Aufwand eine grosse Wirkung zu erzielen – für die Nutzer, das Klima und auch das eigene Budget.
Raumgefühl.
ADOBE STOCK
Beispiel für smarte Beheizung: «Nest» der Materialforschunganstalt Empa. KEYSTONE
«Unser Beitrag ist bereits messbar»
Lebensräume Kann künstliche Intelligenz Städte tatsächlich nachhaltiger machen – oder bleibt sie ein leeres Versprechen?
Googles Adrian Blockus erklärt, wo der Nutzen bereits messbar wird, wie sich die Wirkung überprüfen lässt und wo die Grenzen liegen.
Künstliche Intelligenz gilt vielen als Schlüssel für die nachhaltige Stadt von morgen. Sie soll Verkehrsströme lenken, Planungsprozesse verbessern und Veränderungen in Umwelt und Klima früher erkennbar machen. Google will diesen Anspruch mit digitalen Werkzeugen, neuen Kartenfunktionen und geobasierten Analysen greifbar machen.
Herr Blockus, Innovationen in künstlicher Intelligenz für Nachhaltigkeit einzusetzen, ist ein grosses Versprechen. Worum geht es Google dabei konkret?
Adrian Blockus: Wir unterstützen Einzelpersonen, Städte und andere Partner dabei, ihre CO2- Emissionen bis 2030 gemeinsam um 1 Gigatonne (GT) pro Jahr zu reduzieren. Um das Ausmass dieses Vorhabens zu verdeutlichen: 1 GT Emissionsreduktion entspricht den jährlichen Emissionen Japans. Wir sehen KI hier als einen der Hebel, dies über unsere Produkte zu ermöglichen.
Was ist aus Ihrer Sicht der Beitrag von Google in diesem Feld? Unser Beitrag in diesem Bereich ist bereits messbar. Geo-Produkte haben einen wesentlichen Anteil an den insgesamt ermöglichten Emissionsreduktionen von 26 Millionen Tonnen CO2e. Dazu gehört, Solarentwicklerinnen und Solarentwickler bei der Planung und dem Ausbau neuer Kapazitäten zu unterstützen, Autofahrerinnen und Autofahrern in Google Maps emissionsärmere Routen aufzuzeigen, Umweltanalystinnen und Umweltanalysten den Einsatz von Google Earth für Klimamassnahmen zu ermöglichen und Menschen zu ermutigen, nachhaltigere Verkehrsformen zu wählen, anstatt das Auto zu nehmen.
Google will auch Städte bei Klimaschutzmassnahmen unterstützen. Was ist der Ansatz dahinter? Mit unserem Programm «Google for Cities» verbinden wir lokale Daten einer Stadt mit der KI und der Reichweite von Google. Ziel ist es, Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger schneller handlungsfähig zu machen. Indem wir einsatzbereite, KI-gestützte Erkenntnisse bereitstellen, verringern wir den Aufwand für manuelle Datenerhebung in der Stadtplanung.
Wie funktioniert das konkret? Für Behörden stellen wir über Plattformen wie Google Earth und Waze for Cities datenbasierte Erkenntnisse bereit, um Verkehrsemissionen sichtbar zu machen, das Solarpotenzial auf Dächern zu erheben und aufzuzeigen, wo mehr Stadtgrün geschaffen werden könnte. Städte können diese Grundlagen nutzen, um Infrastruktur gezielter weiterzuentwickeln – etwa mit dem Project Green Light zur Optimierung von Ampelschaltungen oder bei der Identifikation geeigneter Standorte für neue Ladestationen für Elektrofahrzeuge. Zudem spielen wir aktualisierte Daten der Städte zu öffentlichem Verkehr und Infrastruktur, etwa zu Velowegen, in nutzernahe Anwendungen wie Google Maps und Waze aus.
Wie sorgt Google dafür, dass Methodik und Wirkung für Städte transparent und überprüfbar bleiben?
Bei den Erkenntnissen, die Städten zur Verfügung gestellt werden, wird die Methodik offengelegt. Bei Datenaktualisierungen, die Städte an Google-Dienste übermitteln, erhalten registrierte Nutzerinnen und Nutzer Statusmeldungen. Und innerhalb von Waze for Cities gibt es einen eigenen Bereich, in dem Partner die Wirkung ihrer Beiträge messen können, einschliesslich der Zahl der beeinflussten Fahrten und der Zahl der Upvotes für von ihnen geteilte Warnmeldungen. So wollen wir sowohl die Methodik als auch die daraus resultierende Wirkung möglichst transparent machen.
«Wo immer möglich, besteht das Ziel darin, den Umstieg auf nachhaltigere Verkehrsformen zu unterstützen.»
Wie setzen Städte diese Erkenntnisse in der Praxis um?
Ein konkretes Beispiel ist Gent. Dort hat Google den neuen Verkehrsplan der Stadt unterstützt, der darauf abzielt, den Durchgangsverkehr zu reduzieren und den öffentlichen Raum den Fussgängerinnen und Fussgängern zurückzugeben. Gemäss unseren Wirkungsdaten hat dies zu einem sichereren und nachhaltigeren städtischen Umfeld beigetragen: mit 30 Prozent weniger Unfällen, 15 Prozent mehr Nutzerinnen und Nutzern von Bus und Tram sowie 27 Prozent mehr Velofahrerinnen und Velofahrern. Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie datenbasierte Instrumente messbare Veränderungen in der urbanen Mobilität unterstützen können.
Viele Städte verfügen über Daten, kämpfen aber mit knappen Ressourcen. Wo liegt in der Praxis die grösste Hürde?
Die Herausforderungen variieren je nach Grösse und den individuellen Bedürfnissen einer Stadt. Ein häufiges Kernproblem ist jedoch, vorhandene Daten schnell in anwendbares Wissen umzuwandeln. Daher haben wir uns zuletzt verstärkt auf lokale CommunityDaten, wie etwa von Waze, sowie auf den sprachgesteuerten Zugriff auf Google Earth konzentriert. Aktuell arbeiten wir daran, diese Zugänge noch weiter zu vereinfachen.
Google fokussiert sich neben Lösungen für Behörden auf Velorouting, Immersive View und Gemini in Maps. Wo sehen Sie dabei den grössten Nachhaltigkeitseffekt? Den grössten Effekt sehen wir dort, wo wir Informationen besser zugänglich machen und Menschen dabei ermöglichen, fundiertere und nachhaltigere Entscheidungen zu treffen. Ziel ist es zum einen, Nutzerinnen und Nutzer in jeder Phase ihrer Mobilität zu unterstützen. Zugleich möchten wir Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern zusätzliche Erkenntnisse zur Verfügung stellen, die beim Aufbau lebendiger und nachhaltiger Gemeinschaften helfen, zum Beispiel bei der Planung von städtischen Grünflächen, die einen nachhaltigen Effekt zur Senkung der Temperaturen und zur Erhöhung der Lebensqualität haben. Aufgrund unserer Expertise glauben wir, dass unser stärkster Beitrag darin liegt, Informationen zu strukturieren und den Zugang zu umweltbezogenen Erkenntnissen zu demokratisieren. Soll Google Maps vor allem den Umstieg auf nachhaltigere Verkehrsformen erleichtern – oder das Autofahren effizienter machen? Wo immer möglich, besteht das Ziel darin, den Umstieg auf nachhaltigere Verkehrsformen zu unterstützen. Sei es, indem wir die Nutzung des öffentlichen Verkehrs fördern oder Velofahrerinnen und Velofahrer mit besserer Navigation unterstützen. Wo das Auto jedoch die gewählte Option bleibt, bieten wir die Möglichkeit, die Route auf geringere CO2-Emissionen hin zu optimieren.
Google betont das Potenzial von KI für Nachhaltigkeit – gleichzeitig steigt mit KI auch der Ressourcenbedarf von Rechenzentren. Wie geht Google mit dem Einwand um, dass KI ökologische Probleme nicht nur lösen, sondern auch verschärfen kann? Wir sind überzeugt, dass KI und kollektives Handeln ein enormes Potenzial haben, eine nachhaltigere und zugleich prosperierende Zukunft zu schaffen. Die Europäische Union etwa hat sich ehrgeizige Ziele gesetzt: Sie will bis 2050 klimaneutral werden und zugleich die regionale Wettbewerbsfähigkeit und Produktivität stärken. Die Internationale Energieagentur schätzt, dass die breite Einführung bereits bestehender KI-Anwendungen bis 2035 zu Emissionsreduktionen führen könnte, die nahezu drei- bis fünfmal höher ausfallen als die prognostizierten Emissionen von Rechenzentren. Gleichzeitig deutet eine aktuelle Studie der Implement Consulting Group (2024) darauf hin, dass generative KI allein in den kommenden zehn Jahren 1,2 Billionen Euro zur europäischen Wirtschaft beitragen könnte.
Woran misst Google den Erfolg seiner Produkte in diesem Feld?
Derzeit liegt unser Schwerpunkt auf der Eindämmung des Klimawandels, gemessen an unserem öffentlichen Bekenntnis, bis 2030 zur Vermeidung von 1 Gigatonne CO2e-Emissionen beizutragen. Zudem wollen wir uns an der Nutzung von KI-Tools zur Klimaanpassung messen lassen, die z.B. Regierungsorganisationen helfen, Überflutungen vorherzusagen und entsprechende Massnahmen zum Schutz der Bevölkerung einzuleiten oder Ersthelfer mit KI-optimierten Satellitendaten bei Waldbränden auszustatten.
Interview: Anja Ruoss
In Gent trug Google dazu bei, den Durchgangsverkehr zu reduzieren und die Zahl der Unfälle zu senken. ADOBE STOCK
Adrian Blockus PD Global Geo Product Partnerships Manager Google
Urbane Pioniere: Die Ambitionen unserer Partner für die Stadt von morgen
Sustainable Switzerland Lebensräume sollen nachhaltiger und smarter werden, um lebenswert zu bleiben. Unsere Partner zeigen, mit welchen Zielen und Massnahmen sie den Wandel unterstützen.
Im Rahmen der ersten «Climate Week Zurich» lud Sustainable Switzerland zusammen mit ihren Partnern zu einem NZZ Live Event zum Thema «Urbane Pioniere». Spannende Panelisten diskutierten mit mehr als 140 Teilnehmenden über innovative Lösungen und Voraussetzungen für die Stadt von morgen. Die Auseinandersetzung mit dem Thema zeigt: Jede Branche kann ihren ganz konkreten Beitrag leisten – unsere Partner arbei-
Google
«In Zürich setzen wir von Google auf KI-gestützte Datenanalysen, um das Potenzial für Solaranlagen auf Hausdächern zu identifizieren oder Standorte für gezielte Baumpflanzungen zu finden – für ein kühleres Stadtklima.»
ten gemeinsam auf dieses Ziel hin. In den folgenden Statements bringen sie auf den Punkt, was ihnen dabei wichtig ist und welche Massnahmen sie ergreifen, um die Lebensumgebung von morgen mitzugestalten.
Die «Climate Week Zurich» zog vom 4. bis 9. Mai mit mehr als 270 Veranstaltungen im Grossraum Zürich über 15 000 Teilnehmende an – ein erfolgreicher Auftakt mit internationaler Strahlkraft.
Dennis Tietz, Strategic Partnerships Development Lead die Mobiliar
UBS
«Klimaschutz beginnt dort, wo wir leben und arbeiten. UBS setzt Ambitionen in konkretes Handeln um – durch den Einsatz von 100 Prozent erneuerbarem Strom, die Förderung der Biodiversität mit über 50 Bienenstöcken auf unseren Dächern sowie die Nutzung von Seewasser aus dem Zürichsee zur Beheizung und Kühlung unseres Campus am Paradeplatz.»
Harald Egger, Head Group Real Estate and Supply Chain
«In Städten, in denen viele Flächen versiegelt sind, belasten Hitze und Starkregen den Raum und die Menschen. Darum unterstützt die Mobiliar Schwammstadt-Projekte. So können wir die Lebensqualität fördern und Schäden mindern.»
Belinda Walther Weger, Leiterin Public Affairs & Nachhaltigkeit
EPFL
«Gebäude verursachen 42 Prozent der weltweiten Emissionen. Während sich die Bautätigkeit zunehmend in den Globalen Süden verlagert, steigt die Nachfrage nach Materialien rasant – angeführt von zementbasierten Baustoffen. Es ist daher unerlässlich, in die Entwicklung kohlenstoffarmer Baustoffe zu investieren.»
Prof. Karen Scrivener, Head of Laboratory of Construction Materials
Nachhaltige Städte im Fokus: Die
Swisscom
«Swisscom stellt die digitale Vernetzung und Grundinfrastruktur für lebenswerte Städte sicher. Mit energieeffizienten Netzen und innovativen Datenlösungen reduzieren wir messbar CO2 und ebnen den Weg zu Netto-Null bis 2035.»
Saskia Günther, Group Head of Sustainability
ETH Zürich
«Die Stadt der Zukunft ist vernetzt, lernfähig und gemeinsam gestaltet. Universitäten wie die ETH treiben diesen Wandel aktiv voran: Unsere Standorte werden zum Living Lab, in dem neue Lösungen für das urbane Leben von morgen entstehen und exploriert werden können.»
Dr. Claudia Zingerli, Head Office of Sustainability
Lidl
«Zukunftsfähige Städte sind Orte der kurzen Wege. Wir tragen dazu bei, indem wir modernste Filialkonzepte mit nachhaltiger Logistik vereinen – für eine effiziente, umweltfreundliche Nahversorgung direkt bei den Menschen.»
Tobias Eggli, Chief Real Estate Officer
BMW Group Switzerland
«Die Stadt von morgen ist lebenswert und nachhaltig – ein Ort, an dem alle frei und umweltbewusst wählen, wie sie unterwegs sind. Ob zu Fuss, mit dem Auto, Velo oder ÖV – diese Wahl ist persönlich und wichtig für unser Wohlbefinden. ‹Zukunftsfähig› ist die Vernetzung verschiedener Verkehrsträger in ein intelligent abgestimmtes System.»
Timo di Pardo, Direktor Marketing BMW
taten-statt-worte.ch
«M am i, kr ie ge n Ju ngen wi rk li ch me hr Sackge ld al sM äd ch en ?»
Tatens tatt WorteN r. 38 8: Wi rset ze n Lo hn gl ei ch he it konsequent um
Podiumsdiskussion am NZZ Live Event. NZZ
Entscheidend ist, was beim Fahren aus dem Auspuff austritt: Dieser auf Abgaswerte fokussierte Ansatz bildet die Grundlage für die geltenden Emissionsvorschriften. BMW GROUP
Klimabilanz von Autos: Reicht der Blick auf den Auspuff?
Mobilität Wie nachhaltig ist ein Fahrzeug wirklich?
Während die heutige Regulierung vor allem auf die Emissionen während der Nutzung fokussiert, wächst die Diskussion darüber, ob für die Klimabilanzierung nicht der gesamte Lebenszyklus eines Fahrzeugs berücksichtigt werden müsste.
ELMAR ZUR BONSEN
Elektroautos gelten als zentrale Säule der Dekarbonisierung des Verkehrs. Sie verursachen lokal keine direkten CO2Emissionen und stehen deshalb im Zentrum der europäischen Klimapolitik. Entsprechend orientieren sich die geltenden Emissionsvorschriften in der EU und auch in der Schweiz vor allem an den sogenannten Tailpipe-Emissionen –also an dem, was während der Fahrt aus dem Auspuff austritt. Doch genau diese Fokussierung wird heute zunehmend diskutiert. Automobilhersteller, Zulieferer, aber auch Stimmen aus Wissenschaft und Industrie weisen darauf hin, dass ein erheblicher Teil der CO2-Belastung eines Fahrzeugs bereits vor der eigentlichen Nutzung entsteht: bei der Rohstoffgewinnung, in der Produktion, beim Transport oder später beim Recycling. Im Zentrum der Debatte steht deshalb der sogenannte «Life Cycle Assessment»-Ansatz (LCA). Dabei wird nicht nur die Nutzungsphase betrachtet, sondern die gesamte CO2-Bilanz eines Fahrzeugs über den kompletten
Lebenszyklus hinweg. Die Grundidee: Für das Klima spielt es letztlich keine Rolle, an welcher Stelle Emissionen entstehen.Die bestehende Regulierung basiert bislang jedoch weitgehend auf der klassischen Tailpipe-Logik. Sie gilt als vergleichbar, standardisierbar und regulatorisch einfacher umsetzbar. Gleichzeitig dient sie dem politischen Ziel, den Umstieg auf emissionsarme beziehungsweise emissionsfreie Antriebe zu beschleunigen.
Seit Anfang 2025 gelten auch in der Schweiz verschärfte CO2-Vorgaben für Neufahrzeuge, angelehnt an die Regelungen der Europäischen Union. Für Importeure zählt dabei nicht der Ausstoss einzelner Fahrzeuge, sondern der durchschnittliche CO2-Wert ihrer gesamten Neuwagenflotte. Bis 2030 sollen diese Zielwerte weiter deutlich sinken. Ab 2035 sieht die EU-Regulierung für neue Personenwagen faktisch nur noch emissionsfreie Antriebe vor.
Gleichzeitig wächst in Europa die Diskussion darüber, ob die bestehende Regulierung künftig flexibler ausgestaltet werden sollte. Im Gespräch sind unter anderem Modelle, die stärker berücksichtigen, wie nachhaltig Fahrzeuge produziert werden, wie hoch der Anteil erneuerbarer Energien ist oder welchen Beitrag CO2-arme Materialien und alternative Kraftstoffe leisten können.
Technologieoffener Ansatz Für die Automobilindustrie ist dies eine zentrale Frage. Zwar bekennt sich die Branche grundsätzlich zu den Klimazielen und zur weiteren Elektrifizierung des Verkehrs. Gleichzeitig argumentieren viele Hersteller, dass die Transformation technologisch breiter gedacht und umgesetzt werden müsse. Auch die BMW Group verfolgt einen technologieoffenen Ansatz. Neben batterieelektrischen Fahrzeugen investiert der Konzern weiterhin in Plugin-Hybride, effizientere Verbrennungsmotoren sowie in Wasserstofftechnolo-
gie. Entscheidend sei letztlich die tatsächliche CO2-Reduktion über den gesamten Lebenszyklus hinweg, heisst es. Im Rahmen seiner Nachhaltigkeitsstrategie hat sich der Konzern zum Ziel gesetzt, bis spätestens 2050 Klimaneutralität («Net Zero») zu erreichen. Auf dem Weg dorthin sollen bis 2030 die Kohlenstoffemissionen pro Fahrzeug über den gesamten Lebenszyklus um durchschnittlich 40 Prozent gegenüber 2019 sinken. Dabei spielen neben der Elektrifizierung insbesondere der Materialeinsatz, die Energieversorgung und die Lieferketten eine wichtige Rolle. Sergio Solero, President und CEO der BMW (Schweiz) AG, verweist darauf, dass ein erheblicher Teil der Emissionen entsteht, lange bevor ein Fahrzeug überhaupt auf die Strasse kommt. «Je nach
Antriebskonzept kann schon die Produktion bis zu 50 Prozent der gesamten CO2-Bilanz ausmachen.»
Bleche aus Rccyclingmaterial
Zusätzliche Potenziale nutzen
Auch wenn der Absatz von E-Autos steigt, kann für die Dekarbonisierung noch mehr getan werden.
Die Zahl der Elektroautos auf Schweizer Strassen steigt; mittlerweile fährt rund jedes zwanzigste Auto rein elektrisch. Nach Angaben des Bundesamts für Statistik sind 2025 zwar insgesamt weniger Neufahrzeuge registriert worden als in den Jahren vor der Covid-Pandemie, doch haben die Neuzulassungen von Elektroautos gegenüber dem Vorjahr um 15,6 Prozent zugelegt. Plug-inHybride verzeichneten sogar ein Plus von 26,1 Prozent. Der Gesamtanteil der am Stromnetz aufladbaren Personenwagen («Steckerfahrzeuge»), also vollelektische Autos plus Plug-in-Hybride, belief sich 2025 bei den Neuzulassungen auf knapp 34 Prozent. Allerdings wurde damit der Zielwert der «Roadmap Elektromobilität» deutlich verfehlt. Diese unter Federführung des Bundes gebil-
Ein Beispiel für nachhaltigeres Produzieren ist die Verwendung von Sekundärrohstoffen. Beim neuen BMW iX3 werden unter anderem Aluminiumbleche des Schweizer Unternehmens Novelis in Sierre verwendet, die zu rund 50 Prozent aus Recyclingmaterial bestehen. Der besondere Clou daran: Die Leichtbauweise reduziert einerseits den Energieverbrauch beim Fahren, andererseits senkt das Recyclingmaterial die Emissionen bereits in der Herstellung. Insgesamt besteht der BMW iX3, das «Schweizer Auto des Jahres 2026», zu rund einem Drittel aus wiederverwerteten Materialien. Gerade bei Elektroautos zeigt sich die Bedeutung der Gesamtbetrachtung besonders deutlich. Während sie in der Nutzungsphase praktisch keine direkten Emissionen verursachen, fällt bei der Herstellung – insbesondere der Batterie – zunächst ein höherer CO2-Ausstoss an als bei klassischen Verbrennerfahrzeugen. Über die gesamte Lebensdauer gleichen Elektrofahrzeuge diesen Nachteil jedoch wieder aus, wie unter anderem eine Studie des Paul-ScherrerInstituts ergeben hat. Wie schnell dies jeweils geschieht, hängt wesentlich vom verwendeten Strommix ab. Wird ein Elektroauto mit Strom aus erneuerbaren Energien geladen, verbessert sich seine Klimabilanz deutlich schneller. Beim neuen BMW iX3 etwa liegt der CO2-Fussabdruck laut Unternehmensangaben bereits nach rund 21 500 Kilometern unter jenem eines vergleichbaren Fahrzeugs mit Verbrennungsmotor – gerechnet auf Basis des europäischen Strommixes. Parallel dazu steigen die regulatorischen Anforderungen ausserhalb der klassischen Fahrzeugemissionen. Mit der europäischen Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) werden Unternehmen zunehmend daran gemessen, wie stark sie ihre Emissionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette reduzieren. Die Diskussion um die richtige Klimabilanzierung dürfte deshalb weiter an Bedeutung gewinnen. Denn die zentrale Frage bleibt: Reicht der Blick auf den Auspuff aus, um die tatsächliche Klimawirkung eines Fahrzeugs zu beurteilen – oder braucht es künftig eine umfassendere Betrachtung?
dete Plattform zur Förderung der Elektromobilität hatte einen Steckerfahrzeug-Anteil von 50 Prozent für 2025 angepeilt. Ähnliches zeigt sich auf EUEbene: Auch hier ist der Absatz von Elektroautos weiter angestiegen, er liegt aber insgesamt unter den ursprünglichen Erwartungen von Politik und Industrie. Angesichts dieser Entwicklung wird nach Ansicht der BMW Group und anderer Automobilhersteller deutlich, dass eine enge Fokussierung auf E-Mobilität erhebliche Potenziale und wichtige Hebel zur CO2-Reduzierung ausser Acht lässt, um die ambitionierten Klimaziele noch erreichen zu können. Gemeint sind alternative Technologien und Kraftstoffe, energieffizientere Produktionsweisen sowie ein umweltschonender Ressourcen- und Materialverbrauch.
Die Erkenntnis ist ebenso einfach wie unbequem: CO2 ist CO2 – unabhängig davon, wo es entsteht. Oder anders formuliert: Der Planet unterscheidet nicht zwischen Emissionen, die bei der Nutzung eines Fahrzeugs entstehen, und jenen, die vom Materialeinsatz bis zur Entsorgung anfallen.
«Klimainvestitionen steigern den Umsatz»
Wirtschaft Hubertus Meinecke, Global Climate & Sustainability Leader bei BCG, ist überzeugt: Die Green Economy gehört zu den grössten Wachstumschancen des kommenden Jahrzehnts. Es geht um Billionen Dollar.
Herr Meinecke, wie tief ist Nachhaltigkeit heute tatsächlich in den Geschäftsmodellen verankert? Gehört sie inzwischen zum strategischen Kern von Unternehmen oder ist sie häufig noch eine Art Parallelprojekt?
Hubertus Meinecke: Für branchenführende Unternehmen ist Nachhaltigkeit bereits heute integraler Bestandteil des Geschäftsmodells und zentral für die Wertschöpfung. Sie bestimmt, wie Kapital allokiert, also auf verschiedene Geschäftsbereiche und Projekte verteilt wird und wie sich Unternehmen gegenüber Wettbewerbern differenzieren. BCG-Analysen zeigen, dass Vorreiterunternehmen finanzielle Vorteile realisieren, die in der Grössenordnung von rund 10 Prozent ihres Umsatzes liegen. Allerdings sind solche Firmen bislang eher die Ausnahme als die Regel. In vielen Organisationen wird Nachhaltigkeit weiterhin als nachgeordnete Priorität verfolgt statt als strategischer Wachstumstreiber verstanden. Dafür braucht es eine klare Verankerung auf CEO-Ebene. Umweltbezogene Fortschritte stehen nicht im Widerspruch zu starker Unternehmensperformance. Im Gegenteil: Sie können sich gegenseitig verstärken.
Welche Chancen eröffnet ein nachhaltiges Geschäftsmodell für Unternehmen?
Die Green Economy gehört zu den grössten Wachstumschancen des kommenden Jahrzehnts. Bis 2030 wird sie wohl mehr als 7 Billionen US-Dollar umfassen, im Vergleich zu etwa 5 Billionen US-Dollar heute.
Was ist mit «Green Economy» genau gemeint?
Der Begriff umfasst alle Lösungen, die den Klimawandel mindern – durch die Reduktion oder Entfernung von Treibhausgasemissionen – und gleichzeitig die Anpassungsfähigkeit und Resilienz stärken. Die Green Economy reicht von erneuerbaren Energien über die Dekarbonisierung von Industrie und Gebäuden sowie kohlenstoffarme Mobilität bis hin zu nachhaltiger Landnutzung, Kohlenstoffmanagement, Kreislaufwirtschaft sowie den Finanz- und Messsystemen, die diese Lösungen skalierbar machen. Unternehmen, die in diesem Bereich tätig sind, übertreffen ihre Wettbewerber bereits jetzt finanziell. Umsätze aus nachhaltigen Geschäftsmodellen wachsen doppelt so schnell wie jene aus konventionellen. Überdies profitieren solche Unternehmen häufig von einem leichteren Zugang zu Kapital und Talenten sowie von einem stärkeren Investorenvertrauen. Auf Basis historischer Daten haben wir beobachtet, dass Unternehmen, die einen bedeutenden Anteil ihres Umsatzes aus nachhaltigen Aktivitäten erzielen, branchenübergreifend mit einer höheren Bewertung belohnt wurden, weil die zukünftigen Ertragserwartungen höher sind als bei anderen Aktien.
Nachhaltige Transformation
Gibt es Erfolgsbeispiele aus der Praxis, die zeigen, dass Klimaschutz und wirtschaftliches Wachstum keine Gegensätze sein müssen?
Ja, viele und in allen Regionen. Unternehmen erkennen branchenübergreifend zunehmend, dass sich Klimainvestitionen und Umsatzwachstum gegenseitig verstärken können. Dazu zwei anschauliche Beispiele.
Beispiel 1: Ein europäisches Baustoffunternehmen hat kohlenstoffarme und zirkuläre Baupraktiken fest in seine Strategie integriert und damit zwischen 2021 und 2024 ein Umsatzwachstum von 30 Prozent sowie ein EBIT-Wachstum von 60 Prozent erzielt.
Beispiel 2: Die Verankerung von Nachhaltigkeit in einem globalen Industrie-Technologieunternehmen über das gesamte operative Geschäft hinweg führte dazu, dass 90 Prozent der Umsätze mit der EU-Taxonomie für nachhaltige Aktivitäten im Einklang standen. Im Zuge dessen hat sich der
Green Growth Accelerator
Der Übergang zu einer emissionsarmen, nachhaltigen Wirtschaft schafft vollständig neue Industrien und Wertschöpfungspotenziale und verzeichnet nach der Technologiebranche das zweitschnellste Marktwachstum. Es besteht ein erhebliches ungedecktes Nachfragepotenzial. Der Green Growth Accelerator ist eine von BCG entwickelte Plattform, die Unternehmen dabei unterstützt, diese Chancen zu realisieren. Wir arbeiten mit Unternehmen, Investoren und Scale-ups zusammen, um neue grüne Geschäftsmodelle über den gesamten Lebenszyklus hinweg aufzubauen und zu skalieren – von der frühen Konzeptphase
bis zur Vermarktung. Dabei setzen wir auf bewährte Tools und Ansätze, um technologische, regulatorische und kommerzielle Herausforderungen zu meistern. Durch die Kombination von Branchenexpertise, Partnerschaften und Learnings aus unserer Erfolgsbilanz im Aufbau von Unternehmen helfen wir Firmen, die grünen Geschäftsmodelle von morgen schon heute ins Leben zu rufen.
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Umsatz im Zeitraum von 2003 bis 2024 vervierfacht.
Wie gross ist aus Ihrer Sicht das Potenzial grünen Wachstums und welche Weichen sollte speziell die Politik stellen, um die Transformation zu beschleunigen? Das Potenzial für grünes Wachstum ist enorm. Länder und Unternehmen, die frühzeitig investieren, erzielen schnelleres Wachstum und sind dem Kostenrisiko durch Umweltkatastrophen weniger stark ausgesetzt. Zudem ist es günstiger, jetzt zu handeln, als später die Folgen des Klimawandels zu beseitigen. Diese «Kosten der Untätigkeit» werden voraussichtlich das globale BIP etwa dreimal stärker belasten als die jährlich benötigten rund 4 Billionen US-Dollar zur Bekämpfung des Klimawandels.
Um die Green Economy zu fördern, haben politische Entscheidungsträger die Möglichkeit, klare Dekarbonisierungsziele zu setzen und regulatorische Hürden abzubauen. Sie stellen privates Kapital durch Mischfinanzierungen bereit, entwickeln Nachhaltigkeitsstandards für grüne Märkte und setzen wirtschaftliche Anreize – etwa über eine CO2-Bepreisung. Zudem schaffen Aufträge der öffentlichen Hand frühzeitig Nachfrage. Entscheidend sind dabei Kontinuität und Planbarkeit: Stabile, langfristige Rahmenbedingungen geben Unternehmen die notwendige Planungssicherheit, um Kapital in grösserem Umfang einzusetzen.
Unternehmen stehen unter dem Druck, möglichst kurzfristig Renditen zu erzielen. Wie viel Raum bleibt da noch für langfristige Investitionen in Nachhaltigkeitsprojekte?
Während CEOs unter Druck stehen, quartalsweise Ergebnisse zu liefern, werden Umweltrisiken durch Extremwetter und politische Konflikte zunehmend real spürbar. BCG-Studien zeigen, dass Unternehmen, die heute nicht handeln, bis 2050 in einem 3-Grad-CelsiusErwärmungsszenario einen Rückgang
ihres jährlichen EBITDA um bis zu 25 Prozent riskieren. Auch über kürzere Zeithorizonte hinweg schaffen Nachhaltigkeitsinvestitionen Mehrwert. Die von BCG erhobene Klimastudie zeigt, dass Unternehmen, die in Anpassungsmassnahmen investieren, bereits kurzfristig ein Wachstum in Höhe von etwa 1 Prozent des Umsatzes verzeichnen.
Sind Unternehmen angesichts des massiven Gegenwinds der Klimapolitik in den USA, aber auch in Europa gut beraten, weiterhin in erneuerbare Energien und Dekarbonisierungstechnologien zu investieren?
Der Gegenwind ist real, doch die grundsätzliche Richtung bleibt unverändert.
Im Durchschnitt sind Unternehmen in der Green Economy schneller und erfolgreicher, als ihre Wettbewerber gewachsen. Wir erwarten eine anhaltende Dynamik, welche jedoch je nach Sektor und regulatorischem Szenario variiert. Unternehmen, die in der Green Economy skalieren wollen, sollten den Fehler vermeiden, sich zu stark auf politische
Unterstützung oder öffentliche Finanzierung zu verlassen, da dies Unternehmen in Zeiten des Wandels anfällig machen kann. Stattdessen können Unternehmen, indem sie Silos überwinden und offen für unkonventionelle Partnerschaften entlang der gesamten Wertschöpfungskette sind, ihre Ökosysteme und den regulatorischen Rahmen weiterentwickeln und mitgestalten, Wissen teilen sowie Standards setzen, um Wachstum zu fördern. Welche Technologien oder Innovationen halten Sie derzeit für besonders wirkungsvoll, um Nachhaltigkeitsziele zu erreichen?
Jüngste BCG-Analysen zeigen, dass die Einführung fortschrittlicher digitaler Lösungen – darunter künstliche Intelligenz, das Internet der Dinge und Satellitendaten – einer der stärksten Indikatoren dafür ist, dass Unternehmen Nachhaltigkeit erfolgreich vorantreiben und finanzielle Erträge erzielen. Führende Unternehmen nutzen diese Instrumente, um ihre CO2-Bilanzierung zu verbessern, Klimarisiken zu modellieren und ihre Betriebsabläufe zu optimieren. KI-gestützte Analysen werden beispielsweise zunehmend eingesetzt, um Klimarisiken auf Asset-Ebene entlang der Wertschöpfungsketten zu prognostizieren und Energiesysteme effizienter zu steuern. Gleichzeitig helfen sektorspezifische Technologien, von fortschrittlicher Netzoptimierung bis hin zu Drohnen für die Infrastrukturüberwachung, Unternehmen dabei, Kosten zu senken, ihre Widerstandsfähigkeit zu verbessern und nachhaltige Geschäftsmodelle zu skalieren. Während diese Technologien Wachstumspotenziale erschliessen, hängt ihr Klimaeffekt von der zugrunde liegenden Infrastruktur ab. Es ist entscheidend, dass die Rechenzentren, die KI-Innovationen ermöglichen, mit kohlenstoffarmen Energiequellen betrieben werden, um tatsächlich eine positive Nettowirkung auf das Klima zu erzielen.
Interview: Elmar zur Bonsen
Hubertus Meinecke PD Managing Director & Senior Partner, Boston Consulting Group (BCG)
«Gewinn
und Nachhaltigkeit müssen Hand in Hand gehen»
Kreislaufwirtschaft Ikea Schweiz verfolgt ambitionierte Emissionsziele. Im vergangenen Jahr sei es gelungen, die operative Recyclingquote auf 78 Prozent zu erhöhen, sagt Janie Bisset, CEO und Chief Sustainability Officer von Ikea Schweiz.
Frau Bisset, Ikea Schweiz legt Wert auf erschwingliche Preise und verfolgt gleichzeitig das Ziel, nachhaltig zu wirtschaften. Wie passen diese beiden Ziele zusammen?
Janie Bisset: Erschwinglichkeit und Nachhaltigkeit gehören für uns untrennbar zusammen. Wir sind der Ansicht, dass Kosten eine der grössten Hürden für individuelles Handeln darstellen. Unsere Chance besteht darin, Teil der Lösung zu sein, indem wir erschwingliche Produkte anbieten, die nachhaltig und verantwortungsbewusst hergestellt werden – ergänzt durch Services, die es den Kundinnen und Kunden leicht machen, die Lebensdauer ihrer Produkte zu verlängern.
Ikea verfügt als globales Unternehmen über eine klare Nachhaltigkeitsstrategie und hat sich ehrgeizige Ziele für 2030 gesetzt. Inwiefern werden diese von Ikea Schweiz bei der Festlegung der eigenen Nachhaltigkeitsstrategie berücksichtigt? Ikea Schweiz hat sich der globalen Nachhaltigkeitsstrategie und den Zielen für 2030 verpflichtet. Unsere lokale Strategie ist darauf ausgelegt, und wir haben spezifische Ziele für die Schweiz festgelegt, die eine wichtige Rolle bei der Erreichung dieser übergeordneten Ziele spielen. So zeigt beispielsweise unser aktueller Nachhaltigkeitsbericht deutliche Fortschritte. Wir haben unsere operative Recyclingquote auf 78 Prozent gesteigert und den CO2Fussabdruck unserer Lebensmittel im vergangenen Jahr um fast 25 Prozent reduziert. Auch wenn wir noch einiges zu tun haben, um unsere Ziele für emissionsfreie Lieferungen zu erreichen, machen wir stetige Fortschritte.
Wir sind stolz darauf, wie wir unsere Initiativen im Bereich der sozialen Verantwortung und der Gleichstellung unserer Mitarbeitenden weiter vorantreiben.
Wie hoch ist der Anteil an recycelten und erneuerbaren Materialien in IkeaProdukten?
Nachhaltigkeit steht im Zentrum unserer Prinzipien des «Democratic Design» und bedeutet, dass unsere Produkte kreislauffähig und recycelbar gestaltet sind. Aktuell bestehen 73 Prozent der in unseren Produkten verwendeten Materialien aus recycelten oder erneuerbaren Rohstoffen. Bis 2030 wollen wir diesen Anteil auf mindestens 90 Prozent erhöhen.
Holz ist Ihr wichtigster Rohstoff. Wie stellen Sie sicher, dass die hohe Nachfrage nach Möbeln nicht auf Kosten der Wälder geht?
Holz ist eines unserer wichtigsten und am häufigsten verwendeten Materialien. Es ist ein Teil unseres schwedischen Design-Erbes. Wir verbessern kontinuierlich unsere Prozesse und investieren in Innovationen, damit wir Holz effizienter nutzen und den Anteil an recyceltem Holz in unseren Produkten weiter steigern können. Eine verantwortungsvolle Waldbewirtschaftung bedeutet, weniger zu ernten, als nachwächst, und die Regeneration der abgeholzten Flächen zu ermöglichen. Dies trägt dazu bei, den Klimawandel einzudämmen, die negativen Auswirkungen auf die Artenvielfalt zu minimieren und gleichzeitig die Lebensgrundlagen der lokalen Gemeinschaften zu sichern.
Wo entstehen heute die meisten CO 2Emissionen in der Wertschöpfungskette von Ikea und was unternehmen Sie, um diese Umweltbelastung zu verringern? Den grössten Anteil an unserem CO2Fussabdruck machen die Scope-3Emissionen aus. Dabei handelt es sich um Treibhausgase, die indirekt entlang unserer gesamten Wertschöpfungskette entstehen, insbesondere im Zusammenhang mit dem Transport unserer Produkte und deren Entsorgung am Ende ihrer Lebensdauer. Wir arbeiten mit verschiedenen Massnahmen daran, diese Emissionen zu reduzieren: von der Erhöhung des Anteils emissionsfreier Lieferungen bis hin zu unserem Pilotprojekt in St. Gallen, bei dem durch das Angebot von Gutscheinen 40 Prozent der Autofahrten auf öffentliche Verkehrsmittel verlagert wurden. Ikea Schweiz arbeitet zudem an Lösungen für ein Matratzenrecycling im Rahmen der Matratzen-Allianz und ist Teil von Initiativen wie Fabric Loop, um sicherzustellen, dass Textilien in Zukunft recycelt werden können.
Wie beeinflusst Nachhaltigkeit die Entwicklung und Gestaltung Ihrer Produkte?
Bei der Gestaltung unserer Produkte spielen die Prinzipien des zirkulären Designs eine wichtige Rolle. Ikea folgt stets dem Ansatz des schon erwähnten «Democratic Design». Das bedeutet, dass unsere Designerinnen und Designer nicht nur Form, Funktion und Qualität berücksichtigen müssen, sondern ebenso auch wichtige Aspekte wie Nachhaltigkeit und Preis. Die Gestaltung von Produkten nach diesen Prinzipien stellt sicher, dass sie repariert, wiederverwen-
det, aufgearbeitet und als letzte Massnahme recycelt werden können.
Sind Schweizer Kundinnen und Kunden in Bezug auf Nachhaltigkeit anspruchsvoller als die Kundschaft in anderen Ländern?
Die Kundinnen und Kunden in der Schweiz haben uns schon immer dazu angespornt, unsere ökologischen und sozialen Auswirkungen zu verbessern –und das bereits seit 53 Jahren, seit wir unser erstes Einrichtungshaus ausserhalb Skandinaviens in Spreitenbach eröffnet haben. Seit jeher setzen wir uns dafür ein, nachhaltige Entscheidungen erschwinglich zu machen, ohne dabei Abstriche bei der Qualität zu machen. Heute erwarten Kundinnen und Kunden genau das von uns – ganz gleich, ob sie in einem unserer zehn Einrichtungshäuser einkaufen oder online über unsere App oder Website bestellen.
Sie möchten mit Ihrem Sortiment zudem einen gesunden und nachhaltigen Lebensstil fördern. Können Sie uns dazu einige Beispiele nennen? Gesunde und nachhaltige Produkte stehen im Fokus unseres Angebots für unsere Kundinnen und Kunden. In unseren Restaurants haben wir unser Angebot an fleischlosen Gerichten erweitert. Diese machen mittlerweile mehr als ein Drittel des Umsatzes aus. Gleichzeitig haben wir die Menge an Lebensmittelabfällen seit 2021 um 66 Prozent reduziert. Es geht nicht nur um unsere Lebensmittel. Über unseren Secondhand-Service können Kundinnen und Kunden Artikel, die sie bei uns gekauft haben, wieder an uns zurückverkaufen. So erhalten diese Möbelstücke
im Zweite-Chance-Markt in unseren Einrichtungshäusern oder online ein neues Leben. Im vergangenen Jahr wurden 37 952 Produkte weiterverkauft – mehr als doppelt so viele wie im Jahr 2024!
Mit Blick auf die nächsten zehn Jahre: Wie werden sich Ihrer Meinung nach Wohnräume verändern? Werden sie klimafreundlicher sein als heute? In den letzten zehn Jahren ist unser Zuhause für unser Wohlbefinden noch zentraler geworden. Es ist zudem umweltfreundlicher geworden und unterstützt uns bei fast allem, was wir tun. Dieser Trend wird sich fortsetzen. Umweltthemen sind keine weit entfernten Themen mehr, sondern haben Einzug in unser Zuhause gehalten. Klimafreundliches Wohnen ist heute eine Selbstverständlichkeit. Ich halte es für besonders wichtig, dass sich Nachhaltigkeit nicht allein durch Technologien ausdrücken wird. Sie wird sich auch in langlebigeren, flexibleren und stärker auf Kreislaufwirtschaft ausgerichteten Ansätzen widerspiegeln, wie wir unser Zuhause gestalten und einrichten. Sie sind sowohl CEO als auch CSO. Wie kam es dazu, und welche Vorteile hat es, beide Funktionen zu bekleiden? Gewinn und Nachhaltigkeit müssen Hand in Hand gehen; es ist keine Entscheidung zwischen dem einen oder dem anderen. Mein Ziel ist es, das langfristige Wachstum von Ikea in der Schweiz zu sichern und gleichzeitig einen positiven Beitrag für die Gemeinschaften und die Umwelt zu leisten, in denen wir tätig sind.
Interview: Elmar zur Bonsen
«Wir setzen uns seit jeher dafür ein, nachhaltige Entscheidungen erschwinglich zu machen», so Janie Bisset. IKEA SCHWEIZ
Grüne Revolution im Stall: Algen statt Soja
Ernährung
Voll im Zeitplan: So lautet die Zwischenbilanz bei Agroscope für ein wegweisendes Forschungsprojekt, das Lidl Schweiz unterstützt. Das grosse Ziel ist es, die Tierfütterung auf Schweizer Bauernhöfen nachhaltig zu verändern – mithilfe winziger Algen.
CORNELIA GLEES
Soja ist ein Proteinturbo für den Menschen. Verarbeitet man die Pflanze allerdings zu Tierfutter, dann ist das nach Angaben der Welternährungsorganisation FAO oder auch der OECD ziemlich ineffizient. Denn nur maximal 20 Prozent der Energie, die in der Sojabohne steckt, kommt über den Umweg der Tierhaltung beim Menschen auf dem Teller an. Sojakulturen erhöhen zudem die Treibhausgasemissionen, insbesondere durch Transporte und die energieintensive Trocknung bei der Verarbeitung zu Sojaschrot. Indirekt verschärft der Sojaanbau für die Tierproduktion sogar den Preiskampf um bezahlbare Nahrung für den Menschen und die globale Konkurrenz um fruchtbare Bodenflächen. Das ist alles seit langem bekannt – und dennoch: Von den rund 350 Millionen Tonnen Soja, die zuletzt weltweit produziert wurden, landeten drei Viertel im Futtertrog von Rindern, Schweinen oder Geflügel.
Kleiner grüner Hoffnungsträger
Auch Schweizer Bauern sind stark von Importen abhängig: 2024 kamen etwa 250 000 Tonnen Soja ins Land, in erster Linie aus Italien, der Ukraine und Österreich, wie das Sojanetzwerk Schweiz angibt. Mehr als 90 Prozent dieser Importe waren für Tierfutter bestimmt. Kein Wunder, dass man im Sinne der Unabhängigkeit von globalen Lieferketten nach heimischen Alternativen sucht. Vor allem in kleinen Flächenländern wie der Schweiz. Ein zukunftsträchtiger Ansatz kommt grün und glitschig daher: mikroskopisch kleine Algen, die daheim im Aquarium oder im Pool auf jeden Fall unerwünscht wären. Doch als Ersatz für ausländischen Sojaschrot im Stall stehen heimische Mikroalgen hoch im Kurs. Und damit wären wir bei einem wissenschaftlichen Projekt, welches Lidl Schweiz seit den Anfängen 2021 unterstützt: «Algafeed» unter der Leitung von Agroscope, dem Kompetenzzentrum des Bundes für landwirtschaftliche Forschung. Ziel ist es, Soja durch Mikroalgen zu ergänzen, die direkt auf Schweizer Bauernhöfen produziert werden. Klingt einfach, ist es aber
nicht, wie im Gespräch mit Fabian Wahl schnell deutlich wird. Der Chemiker leitet den strategischen Forschungsbereich Mikrobielle Systeme von Lebensmitteln bei Agroscope. Parallel arbeiten die Forschenden an verschiedenen Themenstellungen innerhalb des Projekts, um das grosse Potenzial der Algen zu nutzen. Und wo stehen wir heute in der Halbzeit, also nach den ersten fünf Jahren der insgesamt zehnjährigen Projektlaufzeit? Wahl hat keine Zweifel: Es läuft gut. «Unser Zielkurs lautet 30 by 30, und den halten wir bislang auch ein.» – 30 by 30? – «Bis 2030 wollen wir 30 Bauernhöfe von Soja- auf Algenproteine im Tierfutter umgestellt haben. Das ist angesichts von rund 47 000 landwirtschaftlichen Betrieben in der Schweiz natürlich erst der Anfang. Doch jedes Kilo Soja, das wir einsparen, ist ein Schritt in die richtige Richtung», sagt der Chemiker. Mit Algafeed verbindet er mehr als ein einzelnes Projekt: «Unser übergeordnetes Ziel ist es, ein neues Produktionssystem für Nährstoffe zu etablieren. Alles, was Menschen oder Tiere heute verzehren, sind pflanzliche oder tierische Rohstoffe. Mit den Mikroalgen hätten wir aber eine ganz neue Proteinquelle –und zwar konsequent Swiss made.» Das wäre zwar noch kein alleiniger Gamechanger bei der künftigen Versorgung
einer wachsenden Weltbevölkerung, doch ein neues «Produktionssystem Mikroalgen» ist in jedem Fall ein entscheidender Teil einer der Lösungsansätze. Werden Nutztiere nachhaltiger/ressourcenschonender ernährt, lassen sich auch die daraus gewonnenen Lebensmittel ökologischer produzieren. Ein Kreislauf, der am Ende allen zugutekommt. Das ist ganz im Sinne von Lidl Schweiz. Das Unternehmen legt grossen Wert auf regionale Produktion, Klimaschutz und zukunftsweisende Innovationen. Für den in der Schweiz verankerten Detailhändler passt das innovative Projekt perfekt in die eigene Futtermittelstrategie. «Wir wollen dazu beitragen, die Beschaffung einzelner Komponenten in unseren Lieferketten zu optimieren. Der Ersatz von Sojaprodukten durch die Förderung heimischer Tiernahrung aus Mikroalgen ist Bestandteil dieser Strategie», sagt Nadja Hauser, Leiterin Nachhaltigkeit bei Lidl Schweiz.
Dafür müssen allerdings noch viele Fragen geklärt werden. Agroscope untersucht nicht nur die technische Machbarkeit der lokalen Eiweissherstellung aus Algen, sondern auch die Wirtschaftlichkeit, ihre Umweltwirkungen und die Akzeptanz bei den Tieren. Die flüssige Algenkost muss schliesslich den Tieren am Ende auch schmecken. «Tiere essen – wie wir Menschen auch –nicht einfach alles. Doch in unseren Vorversuchen mit Hühnern, Schweinen und Schafen haben sie das grüne Futter dem herkömmlichen sogar vorgezogen. Das ist eine entscheidende Erkenntnis – und das ohne Abstriche bei der Fleisch- oder Milchqualität», sagt Wahl.
Beeindruckende Öko-Bilanz
Doch zunächst mussten die am besten geeigneten Mikroalgen, die auf den Bauernhöfen schon vorhanden sind, identifiziert werden. Diese einzelligen Organismen sind wahre Wunder der Natur: Mittels Photosynthese wandeln sie Licht, Wasser und CO2 in hochwertige Biomasse um, die reich an Proteinen, Omega-3-Fettsäuren und wertvollen Lipiden ist. Die ökologische Bilanz ist beeindruckend: Mikroalgen verbrauchen weniger Wasser als Soja, benötigen weder Acker-
land noch Pestizide und produzieren dreissigmal so viel Eiweiss pro Hektar wie importierte Soja. Inzwischen ist die Agroscope-Sammlung dieser Top-Performer unter dem Namen «AlgoScope» auf 150 Spezies angewachsen. Für die Versuche wird jedoch nur eine Handvoll genutzt. Wie gewinnt man nun aus diesen Mikroalgen Biomasse auf Schweizer Höfen? Und wie lässt sich diese Biomasse wiederum so kostengünstig in Futtermittel überführen, dass sich der Verzicht auf Sojaschrot für die Betriebe rechnet? Genau das ist der entscheidende Punkt für Landwirte: die Rentabilität. «Das ist schlicht eine Frage des Überlebens», erklärt Stefan Böbner. Der ausgebildete Elektroniker, Elektriker und studierte Agronom sucht derzeit einen eigenen Bauernhof zur Bewirtschaftung. Er ist fest davon überzeugt, dass der Ersatz von Soja durch Algen ein «enorm grosses Potenzial» für die Landwirtschaft bietet. Die Verfahren sind auch bekannt, die Skalierung steht aber noch aus. So findet die Herstellung der Biomasse in Photobioreaktoren (PBR) statt. In den geschlossenen Röhren oder Tanks der PBR wachsen die Algen im Wasser unter kontrollierten Bedingungen. Die kleinen Einzeller nutzen dort die Nährstoffe fast restlos aus – und das Wasser bleibt in einem geschlossenen Kreislauf. Die Bauern können die fertige Biomasse direkt in den Trog verfüttern und sparen sich so die Trocknung und lange Transportwege wie bei Soja. Und wie steht es mit der Wirtschaftlichkeit? Fabian Wahl erklärt die Grössenordnung, um die es geht, mit einer einfachen Formel: «Ein Kubikmeter im Reaktor liefert pro Tag die ausreichende Proteinmenge für eine Kuh von etwa 300 Gramm. Ein Hofbetrieb mit 30 Kühen benötigt also 30 Kubikmeter Reaktorvolumen.» In der Anwendung sind die Kosten dafür aber noch zu hoch. Stefan Böbner hat sich in seiner Bachelorarbeit an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) in Bern mit dieser Frage beschäftigt – in engem Austausch mit Agroscope und zahlreichen Landwirten. Sein Fazit: «Wir brauchen noch mehr Forschung, um die industrielle Algenproduktion zu optimieren und zu automati-
sieren. Die Landwirte sind heute Unternehmer, die sehr genau kalkulieren.» So versteht sich auch Ueli Renggli aus dem Entlebuch. Für den Biobauern wären Algen als Alternative zu den bisherigen Eiweisskomponenten im Futter sehr interessant. «Ich bin immer offen für neue Ideen und würde eine solche Investition wagen. Aber sie muss sich nach ein paar Jahren dann auch rentieren.»
Für die Agroscope ist das Ziel bis 2030 klar: Der Prozess soll so effizient und günstig werden, dass er sich für jeden Hof lohnt – nicht teurer als ein kleiner Mähdrescher oder Melkroboter. «Der Fortschritt der letzten fünf Jahre stimmt mich sehr optimistisch», sagt Fabian Wahl. International kooperiert das Team mit Forschenden aus den Niederlanden, Dänemark, Deutschland und Österreich. «Im Vergleich sind wir sehr gut unterwegs. Denn wir verfolgen ein übergeordnetes Konzept für die ganze Schweiz und nicht nur Einzelaktivitäten», sagt der Agroscope-Bereichsleiter.
Nachhaltige Transformation
Projekt mit Zukunft
Mikroalgen binden nicht nur klimaschädliches CO2 aus der Atmosphäre, sie können auch Kohlenstoff aus organischen Reststoffen verwerten – etwa aus Stärkeabfällen der Kartoffelverarbeitung oder aus der Laktose von Milch. Aus den Reststoffen lassen sich mithilfe von Mikroalgen beispielsweise wertvolle Proteine gewinnen. Mit der Nutzung dieser «Nebenströme» fördert Agroscope unter dem Algafeed-Dach die Kreislaufwirtschaft. International kooperiert das Team mit Forschenden aus den Niederlanden, Dänemark, Deutschland und Österreich. «Im Vergleich sind wir mit unserem dezentralen Ansatz direkt auf den Betrieben sehr gut unterwegs», sagt AgroscopeBereichsleiter Fabian Wahl.
Sojabohnen benötigen, als Tierfutter eingesetzt, grosse Ressourcen. Das Algenprojekt von Agroscope könnte Abhilfe schaffen. CREDIT
Fabian Wahl
«Mikrobielle Systeme von Lebensmitteln», Agroscope
Ressource Restwasser: Zwischen Wasserkraft und Naturschutz
Energie Klimakrise und Stromproduktion belasten Schweizer Gewässer. Eine neue Restwasser-Datenbank soll helfen, Schutz und Nutzung besser abzustimmen.
SUSANNE WEDLICH
Die Schweiz ist berühmt für ihre majestätische Naturlandschaft mit Bergen, Gletschern und kristallklaren Alpenseen. Doch auch im Kleinen gibt es viel zu entdecken: etwa überraschend viele Felchen. Die silbrigen Süsswasserfische sehen auf den ersten Blick eher unscheinbar aus. Sie haben aber weit mehr als zwanzig Arten hervorgebracht, die ausschliesslich in der Schweiz und in einigen Fällen nur in einem einzigen See vorkommen. Die Felchen sind ein beeindruckendes Beispiel für die vielfältige Fauna in den Gewässern des Landes –die nun aber leider sehr bedroht ist. Ihre Lebensräume müssen zu viele Ansprüche erfüllen. Über die letzten 200 Jahre wurden Bäche und Flüsse im Zuge des Siedlungsbaus begradigt und verbaut, also in ihrer natürlichen Dynamik gestört. Hinzu kommt, dass sehr viel Wasser aus natürlichen Fliessgewässern entnommen wird, vor allem für die Energieproduktion. Wasserkraftwerke sind zwar effizient und klimafreundlich, rauben den Tieren und Pflanzen im und am Wasser aber vielfach die Lebensgrundlage. Laut Gesetz muss eine geringe Menge «Restwasser» in den natürlichen Gewässern bleiben, doch die Umsetzung des Gesetzes schleppt. Der promovierte Hydrologe Tobias Wechsler von der Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL), die zum ETH-Bereich gehört, möchte mit seiner Arbeit zu einer ökologisch und ökonomisch verträglichen Lösung des Konflikts beitragen. Deshalb hat er mit weiteren Forschenden im Rahmen der interdisziplinären Initiative SPEED2ZERO (siehe Kasten) eine Restwasser-Datenbank eingerichtet. Sie ist öffentlich zugänglich und liefert rechtliche, hydrologische und technische Daten zu Restwasserbestimmungen in der Schweiz.
Wasser wird neu verhandelt
Die Datenbank soll insbesondere die Kantone bei ihren Entscheidungen unterstützen, weil sie – auf der Grundlage bundesweiter Gesetze – für die tatsächliche Umsetzung verantwortlich sind. «Das ist eine extrem verantwortungsvolle Aufgabe», sagt Wechsler. «Sie müssen nicht nur zwischen den Bedürfnissen der Stromproduktion und der Biodiversität abwägen, sondern auch andere Arten von Interessen und die Nutzung der Ressource Wasser berücksichtigen.» Dazu gehören etwa die landwirtschaftliche Bewässerung sowie die Kühlung von Gebäuden und AKWs, aber auch die Gewinnung von Trinkwasser und die Einleitungen aus Kläranlagen. Die neue Datenbank kommt zu einem entscheidenden Zeitpunkt. Wasserkraftwerke erhalten das Wassernutzungsrecht über Konzessierungen, die über eine Dauer von maximal achtzig
Nachhaltige Transformation
SPEED2ZERO
Die Joint-Initiative SPEED2ZERO des ETH-Rates bringt Forschende aus den Bereichen Energie, Biodiversität und Klima mit Entscheidungsträgern aus Politik und Wirtschaft zusammen. Die Resultate sollen unterstützend zu einer nachhaltigen Transformation hin zu einer klimaneutralen und biodiversitätsfreundlichen Schweiz beitragen.
«Ich bin begeistert von dem Projekt», sagt Hydrologe Tobias Wechsler. «Wir können in diesem Rahmen wirklich interdisziplinär arbeiten, uns aber auch mit der Praxis, der Politik und der Verwaltung vernetzen.» Das Konsortium besteht aus der ETH Zürich, WSL, EPFL, Eawag, PSI und der Empa: speed2zero.ethz.ch
Jahren vergeben werden. Die meisten der aktuellen Konzessionen nähern sich dem Ende ihrer Gültigkeitsdauer. Aus diesem Grund müssen zwischen 2030 und 2050 viele neue Konzessionen verhandelt werden. Dabei werden nicht nur die Eigentumsverhältnisse bestehender Wasserkraftwerke neu geregelt. Seit 1975 besteht ein Verfassungsauftrag, angemessene Restwassermengen sicherzustellen. Dieser ist seit 1991 auch im Gewässerschutzgesetz verankert. Für Kraftwerke, die vor 1991 konzessioniert wurden, werden diese Bestimmungen zum Restwasser allerdings erst mit einer Neukonzessionierung rechtsverbindlich. Zu diesem Zeitpunkt stellt sich daher eine richtungsweisende Verteilfrage: Wie viel Wasser steht künftig für die Wasserkraftproduktion, die Gewässerökologie sowie weitere Nutzungsansprüche rund um die Ressource Wasser zur Verfügung?
Die aktuellen Restwasserbestimmungen im Gewässerschutzgesetz wurden vor über dreissig Jahren festgelegt. Damals setzte sich ein Ansatz durch, der geringere Mengen an Restwasser erlaubte, als von ökologischen Studien empfohlen wurde. Diese Entscheidung hinter-
lässt bis heute deutliche Spuren – und die Konsequenzen für die Natur und die Artenvielfalt sind erheblich. Die Gewässer und Uferzonen beherbergen eine ausserordentlich hohe Biodiversität: Mehr als achtzig Prozent der bekannten Tier- und Pflanzenarten in der Schweiz kommen in diesen Lebensräumen vor. Auf den Roten Listen gefährdeter Arten sind diese Wasserbewohner aber bereits jetzt überdurchschnittlich stark vertreten. Unter den Fischen und den fischartigen Rundmäulern sind 65 Prozent, unter den wirbellosen Tieren 47 Prozent als bedroht aufgeführt. Sie leiden unter anderem unter dem starken Verbauungsgrad der Gewässer, der damit einhergehenden Zerstückelung ihrer Lebensräume sowie unter Schadstoffen im Wasser. Fliessgewässer brauchen einerseits mehr Raum und andererseits angemessene Restwassermengen, um die natürlichen Dynamiken zu gewährleisten.
Flüsse am Limit
Heute bleibt vielerorts aber schlicht zu wenig Wasser übrig. Dann können sich beispielsweise Algen wegen der lang-
sameren Strömung ausbreiten. Der Flussboden kann versiegeln, was den Austausch mit dem Grundwasser einschränkt. Kraftwerke fangen Holz und Laub ab, was den Wasserlebewesen flussabwärts die Nahrung und strukturgebende Elemente entzieht. Hinzu kommt, dass die Verdunstung steigt und die Ausschläge der Wassertemperatur mit verringerter Abflussmenge zunehmen: Im Sommer ist es zu heiss und im Winter zu kalt.
Die anhaltende Klimakrise wird diese Effekte weiter verstärken und somit auch die Frage nach der Verteilung des Wassers verschärfen. Wenn Gletscher schrumpfen und der Schnee ausbleibt, fällt ein wichtiger Wasserspeicher weg. Dann ist künftig vor allem im Sommer mit weniger Abfluss zu rechnen – genau in jener Jahreszeit, in der die Wassernachfrage am grössten ist. Das bedeutet zusätzlichen Druck auf die bereits heute gestressten Wasserlebewesen. In diesem Zusammenhang –und unter Berücksichtigung der vielfältigen Interessen der Wasserwirtschaft –ist es laut Wechsler entscheidend, dass die neuen Konzessionierungen nicht so starr sind wie bisher, sondern flexibler auf Änderungen und neue Anforderungen reagieren können. Wenn sich die Hydrologie klimabedingt verändert, sollten keine Konzessionen vergeben werden, die für achtzig Jahre kaum Anpassungsspielraum bieten, betont er. Mit der Datenbank haben Wechsler und die weiteren Forschenden eine faktenbasierte Grundlage für eine weniger emotionale Debatte geliefert. Bisher wurde befürchtet, dass eine konsequente Umsetzung der Restwasser-Bestimmungen zu hohen Einbussen in der Produktion führt. Simulationen, die auf der neuen Restwasser-Datenbank basieren, konnten aufzeigen, dass diese deutlich kleiner ausfallen dürften als bisher geschätzt. Diese Einordnung könnte entscheidend dazu beitragen, die gesamte Wasserwirtschaft nachhaltiger zu gestalten. Das Feedback sowohl von den Kantonen als auch von den Kraftwerksbetreibern fiel sehr positiv aus. Gemeinsam mit den Stakeholdern möchten die Forschenden die Datenbank zu einem noch benutzerfreundlicheren Werkzeug weiterentwickeln, das niedrigschwellig als Entscheidungshilfe eingesetzt werden kann.
Der Gufelbach im Weisstannental (SG) vor und nach der Ableitung zur Wasserkraftnutzung. EAWAG, ANDRI BRYNER
Tobias Wechsler PD Hydrologe, WSL
Wie Kohlendioxid vom Klimagas zur
Ressource werden kann
Klimawandel Weltweit wird an Ansätzen geforscht, die klimaschädliches Kohlendioxid binden, nutzen und speichern. Die EPFL ist dank einer einzigartigen Anlage im Wallis vorn mit dabei.
auch für die CO2-Abscheidung erforscht. EPFL
«Netto-Null ist eine der grössten Herausforderungen unserer Zeit und kann nicht mit einer einzigen Lösung erreicht werden.»
SUSANNE WEDLICH
Treibhausgase wie Kohlendioxid (CO2) verschärfen die Klimakrise mit schwerwiegenden Folgen für den Planeten. Bis zum Jahr 2050 soll zumindest rein rechnerisch kein zusätzliches CO2 mehr in die Atmosphäre gelangen. Fossile Energieträger wie Öl und Gas lassen sich aber nicht sofort und vollständig ersetzen. Sie bleiben vorerst noch Quellen schädlicher Emissionen. Deshalb wird es nicht genügen, den CO2-Ausstoss lediglich zu senken. «Netto-Null ist eine der grössten Herausforderungen unserer Zeit und kann nicht mit einer einzigen Lösung erreicht werden», sagt Wendy Lee Queen, Professorin an der EPFL und Leiterin des Laboratory of Functional Inorganic Materials. «Wir brauchen jedes verfügbare Mittel: von erneuerbaren Energien über Verhaltensänderungen bis hin zur CO2Abscheidung, dem sogenannten Carbon Capture.»
Dabei handelt es sich um Verfahren, die Kohlendioxid vor dem Ausstoss aus Quellen wie Industrieunternehmen abfangen oder freigesetztes CO2 der Atmosphäre entziehen. Nach der Abscheidung kann das Kohlendioxid als Ressource für synthetische Energieträger und wichtige Chemikalien genutzt oder dauerhaft gespeichert werden. Weltweit wird an Technologien für einen solchen geschlossenen Kohlenstoffkreislauf geforscht – und die EPFL ist ganz vorne mit dabei.
Dies ist unter anderem einer einzigartigen Forschungsanlage zu verdanken, die derzeit in einer Kehrichtverbrennungsanlage in der Nähe des Campus Wallis gebaut wird. Unter der Leitung von Professor Kumar Agrawal vom Laboratory of Advanced Separations soll dieser Demonstrator künftige Anwendungsmöglichkeiten im kleinen Massstab testen. Hier können neue Ansätze aus der EPFL-Forschung zur
Abscheidung, Nutzung und Speicherung von Kohlendioxid simuliert, weiterentwickelt und skaliert werden. Ziel ist es, mithilfe der Anlage pro Tag eine Tonne CO2 abzuscheiden und anschliessend entweder zu speichern oder zu Methan weiterzuverarbeiten.
Schwämme und Siebe gegen CO2 Im Zentrum der Forschung stehen zwei vielversprechende Ansätze zur CO2Abscheidung: Membranen und Adsorptionsmaterialien. Die EPFL gehört zu den führenden Forschungsinstitutionen in dem Bereich. Bei Letzterem arbeitet das Team von Wendy Queen an sogenannten metallorganischen Gerüsten (MOFs). 2025 wurde der Nobelpreis für Chemie an Susumu Kitagawa, Richard Robson und Omar Yaghi für die Entwicklung dieser Materialien verliehen, mit denen sich bestimmte Substanzen selektiv aus Gasen oder Flüssigkeiten abtrennen lassen, wie beispielsweise Schwermetalle aus Wasser. Ihre Poren sind rund 50 000-mal kleiner als der Durchmesser eines menschlichen Haares und können gezielt bestimmte Moleküle oder Ionen absorbieren.
«Sie sind fast wie die Küchenschwämme, die wir beim Geschirrspülen verwenden», sagt Queen. «Wir können sie so gestalten, dass sie gezielt Kohlendioxid aus der Luft binden, die nur eine sehr geringe CO2-Konzentration aufweist.»
Das Team um Agrawal wiederum hat ultradünne Membranen aus Graphen entwickelt, einem Material aus wabenförmig angeordneten Kohlenstoffatomen. Die Membranen besitzen winzige Poren, deren Grösse präzise kontrollierbar ist. So lassen sie – ähnlich wie ein hochselektives Sieb – nur Kohlendioxid hindurch. Bislang scheint dieser Ansatz bei hohen CO2-Konzentrationen kostengünstiger zu sein als die Methode
von Queen. Bei niedrigen CO2-Konzentrationen wie in der Atmosphäre ist er jedoch weniger effektiv.
Kürzlich konnte Agrawals Team in Zusammenarbeit mit Dr. Marina Micari, einer Ambizione-Fellow des Schweizerischen Nationalfonds, im Fachmagazin «Nature Sustainability» zeigen, dass neue Membranmaterialien auf Pyridin-Graphen-Basis deutlich besser und kostengünstiger arbeiten. Sie könnten den Weg zur Skalierung und damit zur industriellen Anwendung ebnen.
Der Bedarf an solchen Verfahren ist gross. Die CO2-Abscheidung ist insbesondere für Unternehmen in der Zement- und Stahlindustrie sowie für Erdgas- und Kohlekraftwerke extrem wichtig, weil dort grosse Mengen CO2 anfallen. Sie benötigen spezielle Abscheidesysteme, wobei derzeit kommerziell vor allem Technologien zur Verfügung stehen, die auf Lösungsmitteln beruhen und als wenig nachhaltig gelten.
Der Studie zufolge sind die neuen Materialien für Erdgaskraftwerke eine potenziell kostengünstige Alternative. Besonders vielversprechend ist der Ansatz für Kohlekraftwerke und Zementwerke, bei denen die ursprünglichen
Membranen Probleme mit der selektiven Abscheidung von Kohlendioxid hatten.
Auch für die Abscheidung geringer CO2-Konzentrationen aus der Atmosphäre zeichnen sich mögliche Lösungen ab. In Versuchen liessen sich Membranen und Adsorptionsmaterialien so kombinieren, dass sich ihre jeweiligen Stärken hocheffizient ergänzen. «Im Labor arbeiten wir im Zentimeterbereich», sagt Agrawal. «Wir mussten Membranen im Metermassstab herstellen und diese dann auf das Zehnfache dieser Grösse skalieren. Derzeit planen wir eine grössere Abscheidungseinheit für eine Tonne CO2 pro Tag, die nächstes Jahr in Betrieb genommen werden soll.»
Die Ansätze von Queen und Agrawal ergänzen sich so gut, dass beide
inzwischen einen neuen Nationalen Forschungsschwerpunkt zu Trenntechnologien im Wallis leiten (siehe Kasten). «Wir haben an der EPFL nicht nur herausragende Kollegen und Studierende aus verschiedenen Disziplinen, sondern auch eine erstklassige Forschungsinfrastruktur», betont Queen. «Das schafft eine bemerkenswerte Schnittstelle zwischen Grundlagenforschung und praktischer Anwendung, die sich meiner Meinung nach anderswo nicht so einfach nachbilden lässt.»
Vom Labor in den Untergrund
Das zeigt sich auch am Demonstrator, dessen Arbeit weit über die CO2Abscheidung hinausgeht. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Umwandlung und Nutzung des abgeschiedenen Kohlenstoffs. Er wird hier beispielsweise mit nachhaltig gewonenem Wasserstoff kom-
biniert, um synthetische Gase wie Methan als Energieträger zu produzieren. Hinzu kommt die Speicherung von CO2, das künftig kilometertief im Untergrund gelagert werden könnte. An der EPFL wurde dafür ein einzigartiges physikalisches Modell entwickelt, das die geologischen Bedingungen in Tiefen von bis zu tausend Metern realistisch simuliert. Ein wichtiger Ansatz, um zu testen, wie sicher die kurz- und langfristige Speicherung von Kohlendioxid unter solchen Bedingungen ist. Über allem steht die Frage, ob und wie rasch sich diese Ansätze in industrielle Anwendungen überführen lassen. «Das Labor ist zu kleinteilig», sagt Agrawal. «Der Demonstrator arbeitet zwar nur im mittleren Massstab, soll aber dennoch zeigen, dass die Verfahren auch kommerziell funktionieren können. Unsere Industriepartner wünschen sich, dass uns dieser Nachweis gelingt.»
Trenntechnologien ermöglichen es, bestimmte Stoffe gezielt aus gasförmigen, flüssigen oder festen Gemischen zu isolieren – nicht nur Kohlendioxid aus der Atmosphäre. «Sie berühren nahezu jeden Aspekt des täglichen Lebens, von sauberem Trinkwasser bis zu Lebensmitteln und reinen Wirkstoffen in der Medizin», sagt Wendy Queen. Auch in der Industrie sind diese Verfahren zentral, etwa bei der Herstellung von Baustoffen oder der Produktion von Autos und elektronischen Geräten.
Der Bund würdigt die besondere Expertise der EPFL in diesem Bereich und unterstützt den neuen Nationalen Forschungsschwerpunkt (NFS) «Separations», der von Wendy Queen und Kumar Agrawal geleitet wird. Bestehende Verfahren verbrauchen oft viel Energie, weswegen Trenntechnologien auch eine Frage der Nachhaltigkeit sind. Der NFS soll kostengünstige und effiziente Ansätze entwickeln, die sich rasch in industrielle Anwendungen überführen lassen.
Materialien, mit denen Wendy Queen und ihr Team ausgewählte Stoffe aus verschmutztem Wasser entfernen können, werden
Wendy Lee Queen, Professorin und Leiterin des Laboratory of Functional Inorganic Materials an der EPFL
Kryptowährungen: Zwischen Energiehunger und ökologischer Verheissung
Wirtschaft Bitcoin und Co. gelten als Klimasünder. Doch wie viel Strom Kryptowährungen verbrauchen, hängt von der Technik ab – eine zentrale Herausforderung für den Finanzstandort Schweiz.
VIKTORIA STAUFFENEGGER
Kryptowährungen sind digitale Vermögenswerte, die über BlockchainNetzwerke abgewickelt werden. Anders als bei klassischen Zahlungssystemen wie Karten- oder Mobile Payments gibt es dabei oft keine zentrale Stelle, die alles kontrolliert. Stattdessen prüfen viele Teilnehmer gemeinsam, ob eine Transaktion gültig ist.
Bitcoin braucht mehr Energie
Jede Blockchain braucht Strom. Wie viel Energie sie verbraucht, hängt jedoch stark von der zugrundeliegenden Form ab. «Systeme wie Bitcoin nutzen ein sogenanntes Proof-of-WorkVerfahren für die Bestätigung von Transaktionen. Dabei werden grosse Mengen an Rechenleistung eingesetzt. Neuere Kryptowährungen verwenden hingegen häufig ein Proof-of-Stake genanntes Konzept, das deutlich weniger energieintensiv ist», sagt Isabella Kooij, Finanzökonomin und Expertin für Sustainable Finance an der Universität Zürich.
Beim klassischen Proof-of-WorkSystem (PoW) konkurrieren Miner darum, eine Rechenaufgabe zu lösen. Ein Miner ist ein spezialisierter Computer oder dessen Betreiber, der dafür Rechenleistung bereitstellt. So werden Transaktionen bestätigt und das Netzwerk gesichert. Das macht Manipulationen schwierig, braucht aber viel Strom und teure Hardware.
Beim Proof-of-Stake (PoS) entfällt dieser Rechenwettlauf. Stattdessen hinterlegen Teilnehmer eigene Coins und werden nach festen Regeln als Validatoren ausgewählt. Diese prüfen Transaktionen und bestätigen neue Blöcke. «Da keine energieintensiven Berechnungen nötig sind, ist der Stromverbrauch beim Proof-of-Stake-System deutlich geringer. Seit 2022 verwenden die meisten Blockchains diesen Ansatz», sagt Roman Schnider, Wirtschaftsprüfer sowie Blockchain- und Finanzexperte bei der in+on ag in Zürich. Als Beispiel verweist er auf die Blockchain Tezos. «Sie benötigt im Vergleich deutlich weniger Energie als Bitcoin oder das frühere Ethereum, weil die Blockchain auf das Proof-of-Stake-Verfahren setzt. Auch bei zunehmender Nutzung bleiben solche Systeme vergleichsweise effizient», sagt Schnider.
Stromverbrauch im Vergleich
Der weltweite Stromverbrauch von Bitcoin liegt Schätzungen zufolge bei 100 bis 150 Terawattstunden Strom pro Jahr und entspricht damit etwa dem jährlichen Stromverbrauch von Schweden oder Norwegen. Im Verhältnis zu anderen energieintensiven Branchen relativiert sich dies jedoch. Denn: «Der Anteil der Kryptobranche an den globalen Emissionen bleibt im Vergleich zu vielen energieintensiven Wirtschaftssektoren relativ gering», sagt Finanzökonomin Kooij.
Eine einzelne Transaktion mittels Kryptowährungen braucht deutlich mehr Energie als eine gewöhnliche Kartenzahlung. Allerdings benötigen auch digitale Zahlungssysteme eine umfangreiche Infrastruktur, denn jede Transaktion verbraucht Energie. Gleichzeitig profitieren alle Zahlungssysteme von
Während Bitcoin viel Energie braucht, arbeiten neuere Blockchains deutlich effizienter.
gehäuften Nutzungen: «Je mehr Zahlungen über dieselbe Infrastruktur laufen, desto geringer wird der Energieaufwand pro Transaktion», sagt Kooij. Für die Klimabilanz ist nicht nur entscheidend, wie bezahlt wird, sondern auch, wofür das Geld eingesetzt wird. «Entscheidend ist, welche wirtschaftlichen Aktivitäten über Investitionen, Kredite und Kapitalmarkttransaktionen finanziert werden. Auf diese Weise beeinflusst der Finanzsektor, welche Technologien, Unternehmen und Ge-
Kooij PD Finanzökonomin und Expertin für Sustainable Finance an der Universität Zürich
schäftsmodelle wachsen. Der grösste Hebel für Nachhaltigkeit liegt deshalb weniger im Betrieb der Finanzindustrie als in der Lenkung von Kapitalströmen», sagt Kooij.
Wie grün ist Krypto-Strom? Energie wird für Finanztransaktionen immer benötigt. Entscheidend ist jedoch, woher dieser Strom kommt. Miner suchen oft gezielt nach günstiger Energie, die teilweise aus Wasserkraft sowie
Schnider PD Wirtschaftsprüfer sowie Blockchainund Finanzexperte bei der in+on ag in Zürich
erneuerbaren Quellen oder überschüssigem Strom stammt. Wie nachhaltig dieser Strommix tatsächlich ist, lässt sich nur schwer beurteilen. Schätzungen zufolge stammen rund 60 Prozent aus nachhaltigen Energiequellen. Auch bei Validatoren, die meist über Rechenzentren arbeiten, variiert der Strommix. Dennoch können Blockchain-Technologien zur Nachhaltigkeit beitragen, etwa durch mehr Transparenz und Automatisierung. «Die Suche nach neuen Lösungsansätzen ist eine Stärke der Schweizer Blockchain-Community», sagt Fachmann Schnider. «In der Praxis zeigt sich allerdings, dass die Umsetzung häufig komplex ist.»
Neue Anwendungsfelder Trotzdem gewinnt der Nachhaltigkeitsaspekt innerhalb der Branche an Bedeutung. Das Interesse von Investoren, die gezielt nach ESG-Kriterien und Umweltkennzahlen fragen, sei vorhanden, sagt Schnider. Entsprechende Vorgaben hätten auch die Entwicklung energieeffizienterer Verfahren wie Proof-ofStake beschleunigt. Parallel dazu eröffnen BlockchainAnwendungen neue Möglichkeiten: Menschen ohne Bankzugang können über digitale Portemonnaies, Wallets genannt, am Finanzsystem teilnehmen. Transparenz kann zudem das Vertrauen in Spendenströme von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) stärken, und digitale Identitäten können
Flüchtlingen helfen. «Auch für den Governance-Aspekt gibt es funktionierende Lösungen: Dezentrale autonome Organisationen stimmen transparent über Entscheidungen ab, ein Beispiel ist das Tezos Governance System», sagt Fachmann Schnider. Solche Nachhaltigkeitsaspekte sind inzwischen auch Gegenstand der Lehre. «Insbesondere die Frage des Energieverbrauchs durch Kryptowährungen ist so zentral geworden, dass sie fester Bestandteil des Blockchain-TechnologyKurses an der Universität Zürich ist», sagt Finanzökonomin Kooij. «Dabei zeigt sich, dass viele der Kursteilnehmer ein grosses Interesse daran haben, die ökologischen Auswirkungen verschiedener Blockchain-Technologien besser zu verstehen. Ob der Energieverbrauch einzelner Systeme volkswirtschaftlich vertretbar ist, hängt letztlich davon ab, welchen Nutzen solche Technologien bieten und welche Alternativen es gibt.» Kryptowährungen sind ökologisch nicht pauschal zu bewerten. Die Schweiz, an vordester Front Zug – auch Crypto Valley genannt, hat sich als wichtiger Standort etabliert. «Für die künftige Umweltbilanz der Kryptowährungen ist entscheidend, ob sich die effizienteren Lösungen durchsetzen», sagt Kooij. Welche Rolle Kryptowährungen im Bereich der Nachhaltigkeit und auf dem Finanzplatz künftig spielen, hängt vor allem von Regulierung, technologischem Fortschritt und dem Vertrauen der Marktteilnehmer ab.
Isabella
Roman
Neues Denken am Set
Kultur Der Wandel der Filmwelt ist in vollem Gange. Es wächst der Druck, auch Spiel- und Dokumentarfilme möglichst emissionsarm und ressourcenschonend zu produzieren. Fördermittel gibt es bei grösseren Produktionen nur noch gegen Nachhaltigkeitsnachweise.
ELMAR ZUR BONSEN
Die Filmbranche lebt von eindrucksvollen Bildern – doch ihr ökologischer Fussabdruck bleibt oft unsichtbar. Bis ein Blockbuster auf der Kinoleinwand erscheint oder eine TV-Dokumentation auf den Bildschirmen, durchlaufen die Produktionen gleich mehrere ressourcenintensive Phasen – von der logistischen Vorbereitung über die eigentlichen Dreharbeiten bis zur sogenannten Postproduktion samt Schnitt und visuellen Effekten. «Die grössten Belastungen beim Filmen entstehen in den Bereichen Mobilität und Transport, Energieverbrauch und Materialeinsatz», berichtet Katrin Renz, Geschäftsführerin und Produzentin bei der Zürcher Tellfilm. Besonders ins Gewicht fallen die Reisen der Schauspielerinnen und Schauspieler (Cast) sowie des Produktionsteams (Crew) zu den Drehorten sowie die Transporte zwischen den verschiedenen Schauplätzen. Hinzu kommen der hohe Energiebedarf am Set –etwa für Licht, Kamera oder Tontechnik –und der oft kurzlebige Einsatz von Kulissen, Requisiten und Kostümen. Kurz gesagt: Filmproduktionen sind zunächst alles andere als klimaschonend –es sei denn, sie werden bewusst nachhaltig geplant. Das geschieht inzwischen immer häufiger, auch bei grossen Projekten. Konkret geht es darum, Flüge zu vermeiden, Elektro- oder Hybridfahrzeuge zu verwenden, Crews stärker lokal zu buchen, LED-Beleuchtung statt herkömmliche Scheinwerfer einzusetzen, auf wiederverwendbare Materialien zurückzugreifen und Abläufe digital vorzubereiten. «Deutschland und Österreich sind hier mit ihren Vorgaben bereits einen Schritt weiter als die Schweiz», so Renz. «Da aber sehr viele Schweizer Filme als Koproduktionen realisiert werden, sind wir quasi gezwungen, mitzuziehen. Das ist sehr positiv.» Wie schwer es manchmal in der Praxis ist, nachhaltig zu produzieren, zeigt die aktuelle Tellfilm-Produktion «Der fliegende Berg» von Nicolas Steiner. «Es handelt sich um die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Christoph Ransmayr und spielt in Irland und Tibet», erläutert Renz. «Der Film ist als Koproduktion aufgebaut, mit der Schweiz als hauptverantwortlicher Produzentin sowie Irland und Österreich als Koproduzenten. Gedreht wurde in Irland und Nepal, ausserdem im Wallis auf über 4000 Metern Höhe und in Wien. Es handelt sich also um eine aufwendige Reiseproduktion mit Dreharbeiten in vier Ländern. Beim Catering, den Produktionsbüros, den Fahrzeugflotten gelingt es recht gut, nachhaltig zu produzieren. Doch Flüge lassen sich beim besten Willen nicht vermeiden.»
Green Consultant
Internationale Koproduktionen sind für Renz «die grösste Hürde für nachhaltiges Arbeiten». Ohne solche Kooperationen seien Schweizer Filme jedoch kaum finanzierbar. «Hier sind die nationalen und auch regionalen Förderstellen gefragt, sich untereinander auszutauschen, um – wie seinerzeit in den Covid-Jahren – Lösungen zu finden, dass in den Ländern mit den geringsten Förderbeiträgen nicht zwingend gedreht werden muss.» Weniger aufwendig als internationale Projekte sind Drehs in der Schweiz. So wie beim Film «Love Roulette». «Wir haben die Dreharbeiten in Zürich mit einem lokalen Team und lokalen Lieferanten durchgeführt, so dass unser Fuhrpark sehr klein war und Crew und Cast teilweise sogar mit dem Fahrrad oder zu Fuss ans Set kamen», berichtet Renz. «Für einen einzelnen Drehtag in Salzburg fuhren Crew und Cast mit dem Zug. Bei den Unterkünften wurde darauf geachtet, Hotels mit nachhaltigem Konzept zu buchen. Für die Produktion und die Umsetzung haben wir mit einer Zürcher Green Consultant gearbeitet, die das Team rechtzeitig gebrieft und die Umset-
Tellfilm nutzt Originalmotive in Zürich, um Ausstattungs- und Lichtaufwand gering zu halten. TELLFILM
zung kontrolliert hat.» Renz weist darauf hin, dass sich Nachhaltigkeit – lange Zeit nur als «Imagethema» angesehen – von einer freiwilligen Option zu einem förderrelevanten Kriterium entwickelt hat. Das bedeutet: Filme erhalten heute nur dann Mittel des Bundes, wenn sie auch möglichst nachhaltig produziert werden. Die Vorgaben sind in der neuen, verschärften Verordnung des EDI über die Filmförderung (FiFV) festgehalten. Konkret wird für Spiel- oder Animationsfilme mit einem Budget von über zwei Millionen Franken sowie für Dokumentarfilme über 800 000 Franken und Dokumentarserien seit dem 1. Januar 2026 eine Emissionsbilanz mittels eines CO2-Rechners sowie ein Abschlussbericht zur Nachhaltigkeit verlangt.
Auch grosse Studios und Streamingdienste sind inzwischen dazu übergegangen, umweltschonender zu produzieren; angetrieben durch Branchenstandards wie den «Green Production Guide» in den USA oder das Label «Green Motion» im deutschsprachigen Raum. Sie setzen vermehrt auf Abfallvermeidung, Recycling, wiederverwendbare Kulissen und E-Mobilität. Konzerne wie Netflix oder Disney haben sich das Ziel gesetzt, ihren CO2-Fussabdruck bis 2030 zu halbieren. Wie andere Unternehmen versuchen auch sie, einen Teil ihrer Emissionen nachträglich zu kompensieren und so «klimaneutral» zu werden; etwa durch Zahlungen an Umweltprojekte. Ein frühes Beispiel ist der Hollywood-Streifen «The Day After Tomorrow»: Rund 10 000 Tonnen CO2 wurden hier 2004 durch Ausgleichszahlungen kompensiert. Das galt damals als Meilenstein, zeigt aber auch die Grenzen dieses Ansatzes. Denn das eigentliche Problem – der Ausstoss von Treibhausgasen – wird dadurch nicht aus der Welt geschafft.
Welche Innovationen könnten dazu beitragen, Filmproduktionen künftig deutlich klimafreundlicher zu machen? Katrin Renz nennt vor allem vier Aspekte: die Verwendung von erneuerbarem «sauberen» Strom am Set, eine
Katrin Renz
Katrin Renz ist Produzentin von nationalen und internationalen Spiel- und Dokumentarfilmen. Seit 2007 ist sie für die Zürcher Tellfilm tätig, seit 2014 Geschäftsführerin. Internationale Koproduktionen wie «Ingeborg Bachmann» (Margarethe von Trotta), «Gloria!» (Margherita Vicario) und «Monte Verità» (Stefan Jäger) sind Teil ihrer Filmografie. Katrin Renz ist unter anderem Mitglied im Vorstand von Cinésuisse und Stiftungsrätin der UBS-Kulturstiftung.
datenbasierte CO2-Steuerung, eine virtuelle Produktion, die Realität, Studio und virtuell erzeugte Kulissen in Echtzeit verbindet, sowie eine konsequente Kreislaufwirtschaft bei der Ausstattung. «Entscheidend ist, dass technische
Roman Vital
Roman Vital ist ein Schweizer Dokumentarfilmer, dessen Werk sich mit den existenziellen Dimensionen des menschlichen Daseins auseinandersetzt. Sein aktueller Film «Herbstfeuer» läuft derzeit in den Schweizer Kinos. Der 360-GradFilm «Los» (2020) feierte seine Weltpremiere am Sundance Film Festival. Sein erster abendfüllender Dokumentarfilm «Life in Paradise» (2013) lief auf zahlreichen internationalen Festivals und wurde mehrfach ausgezeichnet.
«Die grössten Belastungen beim Filmen entstehen in den Bereichen Mobilität und Transport, Energieverbrauch und Materialeinsatz.»
Katrin Renz, Geschäftsführerin Tellfilm
Neuentwicklungen mit besserer Planung und verbindlichen Standards zusammenkommen.»
Nicht nur ein Trendthema Für den Schweizer Dokumentarfilmer Roman Vital ist Nachhaltigkeit schon immer ein Teil der eigenen Arbeitsweise, nicht nur ein Trendthema. «Als kleine Dokumentarfilm-Produktionsgesellschaft hatten wir schlicht nie die Ressourcen, verschwenderisch zu sein. Aber der eigentliche Mehrwert liegt für uns woanders: Nachhaltigkeit bereichert unsere Arbeit direkt. Wer lokal einkauft, im Quartier isst, mit dem Fahrrad fährt –der kommt mit Menschen ins Gespräch. Und genau das ist die DNA unserer Arbeit.» Für dokumentarische Projekte müsse man allerdings auch dorthin reisen, wo die Geschichten entstehen – oft weiter entfernt. Gleichzeitig versucht Vital mit seinem Team, Flüge zu vermeiden, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu reisen und vor Ort einfache, ressourcenschonende Lösungen zu finden. Dazu gehören Mehrweg- statt Einwegprodukte und ein Catering mit regionaler, fleischreduzierter Kost. «Weniger Abfall und Food Waste sollte das Ziel sein», so sieht es auch Katrin Renz. Auch jenseits der Dreharbeiten sind die Herausforderungen nicht gerade gering. Vital weist darauf hin, dass speziell die digitale Postproduktion sehr energieintensiv sei – ein Bereich, dessen Emissionen oft unterschätzt würden. Schnitt, Rendering und Datenspeicherung verbrauchten erhebliche Ressourcen, auch wenn sie weniger sichtbar seien. CO2-Bilanzen und Standards wie «Green Shooting» gewinnen deshalb immer mehr an Bedeutung. «Sie helfen nicht nur beim guten Willen, sondern übersetzen das Thema Nachhaltigkeit in konkrete Vorgaben, messbare Daten und überprüfbare Abläufe», so Renz. Ohne eine Bilanzierung der Emissionen bleibe Nachhaltigkeit oft allgemein. «Mit CO2Rechnern wird erkennbar, wo die grössten Belastungen tatsächlich entstehen.» Ähnlich sieht es Dokumentarfilmer Vital. Für ihn schaffen Öko-Bilanzen und Standards vor allem Orientierung. «Sie ermöglichen es, die eigene Arbeit kontinuierlich zu hinterfragen und zu verbessern.» Nachhaltigkeit werde so zu einem integralen Bestandteil der Produktionspraxis. Doch nicht nur hinter den Kulissen, auch im Film selbst gewinnt das Thema immer mehr an Bedeutung. Aufrüttelnde Dokumentationen wie «Before the Flood» (mit Hauptakteur Leonardo DiCaprio), «Breaking Boundaries», «Eine unbequeme Wahrheit», «Seaspiracy», «The True Cost» oder «2040» haben ökologische Fragen ins Zentrum gerückt – und damit weltweit ein breites Publikum erreicht. So viel dürfte feststehen: Der Wandel der Filmwelt ist in vollem Gange. Zwischen neuen Vorgaben, wachsendem Druck, zunehmender Sensibilisierung und kreativen Anforderungen entsteht ein Spannungsfeld, das die Filmproduktion nachhaltig verändert – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.
Wenn Fassaden Energie liefern
Mit SolarSlide nutztSchenker Storen vertikale Fassadenflächen erstmals für die effiziente Stromproduktion–kombiniert mithochwertigem Sonnenschutz und architektonischer Flexibilität.Das System vereint Funktion,Gestaltungund Energiegewinnung in einem einzigen Element.ObNeubau oder Sanierung:SolarSlide eröffnetneue Möglichkeitenfür eine nachhaltige und ästhetisch anspruchsvolleArchitektur.
FürBauherrschaften,Investorenund Architekten entsteht damit einklarer Mehrwert: Gebäude produzieren zusätzlichen Solarstrom, reduzieren Energiekostenund steigern ihreUnabhängigkeit vomNetz. Gleichzeitig verbessert sichdie Fassadengestaltung und Innenräume werden zuverlässigvor Überhitzung geschützt. Besonders dort,wo Dachflächen begrenzt sindoder klassische
PV-Module gestalterisch nichtpassen, bietet SolarSlide eine wirtschaftlich überzeugende Alternative.
DieWahlzwischensatinierter,glänzender oder strukturierter Glasoberflächeeröffnet zusätzliche Gestaltungsspielräume –blickdicht oder teiltransparent,jenach gewünschtem Lichteinfall DieelegantenGlas-Module kommen auch ohne sichtbareZellstruktur aus,sodass dieÄsthetik der Fassadeim Vordergrund bleibt
Auch technisch ist SolarSlide flexibel DasSystemeignetsich fürintegrierte Energielösungen und funktioniert in unterschiedlichenMassstäbenund Projekten DieModule liefern bis zu 650 Watt Peak und erreichen Wirkungsgrade vonbis zu 22 %. DiesteckerfertigeAusführung SolarSlide Pro ermöglicht den direktenAnschlussjedes Moduls inklusiveMikrowechselrichterandas 230-Volt-Netz. Damit eignet sich dieLösungbesonders für Neubau- undSanierungsobjekte,bei denen der erzeugte Strom direktins Netz eingespeist und als eigenständigePhotovoltaikanlage genutztwerden kann.
Wiegross das Potenzialist,zeigt einaktuelles Projektin
Widnau:Dort steigern 21 SolarSlide-Elemente den Solarertrag desGebäudesdeutlich undunterstützendie ambitionierten Energiezieledes Projekts storen.ch
Mehr Informationen zum Projekt
«UnserZiel istes, Häuser so zu bauen, dasssie für 100 Jahreund mehr genutzt und gepflegt werden. Daher setzen wir auf PV-Schiebeläden,die nicht nur Energieerzeugen, sondern zugleich als Sonnenschutz dienenund die Fassade ästhetisch aufwerten.»