VERLAGSSERIE ZEIT FÜRS KLIMA
7. Dezember 2025
FOTOS: ROLEX/GABRIEL MONNET
Seine Forschung lässt Paraplegiker hoffen
Rolex Awards
Der Neurowissenschafter Grégoire Courtine, Professor an der EPFL, hilft querschnitts gelähmten Menschen, die Kontrolle über ihren Körper zurückzugewinnen. Für seinen Unternehmungsgeist wurde er 2019 mit dem Rolex Award ausgezeichnet.
Mit den Rolex Awards unterstützt die Schweizer Uhrenmanufaktur seit mehr als vier Jahrzehnten aussergewöhnliche Menschen, die Unternehmungsgeist zeigen und mit Mut und Überzeugung bahnbrechende Projekte in Angriff nehmen, die dem Wissen und dem Wohl der Menschheit dienen. Die Auszeichnung wurde 1976 anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Rolex Oyster ins Leben gerufen, der ersten wasserdichten Armbanduhr der Welt. Sie gilt als Meilenstein der Uhrmacherkunst und verkörpert die Werte, die Rolex ausmachen und die mit dem
Rolex Award gefördert werden: Qualität, Innovationskraft, Zielstrebigkeit und ungebrochener Unternehmungsgeist, der Rolex seit ihrer Gründung beflügelt. Von Beginn an zielte die Ehrung darauf ab, eine Lücke im Bereich der Unternehmensphilanthropie zu schliessen, indem bemerkenswerte Menschen aus allen Teilen der Welt gefördert werden – Pioniere, die oft nur begrenzten Zugang zu herkömmlichen Finanzierungen haben, aber mit ihren innovativen Lösungen auf die grossen Herausforderungen unserer Zeit reagieren. rolex.org/de/rolex-awards
«Heute können einige vormals ge lähmte Probanden auch ausserhalb des Labors mit einer Gehhilfe selbständig laufen. Teilweise sogar bei ausgeschalte ter Stimulation», ergänzt der Neuro wissenschafter. Was bedeutet, dass sich die beschädigte Nervenverbindung durch die Stimulation und hartes Trai ning ein Stück weit regeneriert hat. Ein bahnbrechender Erfolg, vor allem natür lich für die betroffenen Menschen. «Sie haben einen Teil ihrer verlorenen Frei heit zurückerlangt», freut sich Courtine.
zu den Beinen nicht mehr funktioniert, muss die Rückenmarksverletzung über brückt werden. Das System, das Courtine mit seinem Team entwickelt, soll genau dies tun. Es nimmt die Bewegungs wünsche auf und sendet sie an das Implantat im Rückenmark. Das stimuliert anschliessend das Rückenmark mit dem passenden Impulsmuster und löst so die entsprechende Bewegung aus. Diese elektronische Brücke sorgt dafür, dass die Befehle des Hirns über einen Umweg wieder zu ihrem Zielort gelangen. So kön nen Patienten die Stimulation und damit auch ihre Bewegungen kontrollieren. Kürzlich durften Courtine und Bloch weitere Durchbrüche feiern: EES konnte erfolgreich bei Patienten eingesetzt werden, die einen Schlaganfall erlitten haben oder an Parkinson erkrankt sind. Bei all diesen bahnbrechenden Erkennt nissen bleibt der EPFL-Professor be scheiden: «Unsere Methoden können Querschnittlähmungen nicht heilen. Sie helfen aber dabei, das Leben der Betrof fenen einfacher zu gestalten und ihnen ein Stück Selbstbestimmung zurückzu geben.» Diese Ansicht teilt David Mzee vollumfänglich: «Als ich nach sieben Jahren im Rollstuhl wieder zu laufen anfing, war das überwältigend. Was für einen Veränderung in meinem Leben!» Grégoire Courtines Ziel: «Eine Therapie für alle Patienten auf der Welt. Und Rolex hilft uns dabei, diese Hoffnung in die Realität umzusetzen und unsere For schung weltweit sichtbar zu machen», erklärt der Neurowissenschafter.
Schweren Fällen helfen
Universitätsspital Lausanne (CHUV): Die NeuroRestore-Patientin Suzanne Edwards bereitet sich dank der Technologie des Rolex-Preisträgers Grégoire Courtine darauf vor, wieder laufen zu können.
Nach einem verunglückten dreifachen Salto sass der angehende Sportlehrer David Mzee sieben Jahre lang im Roll stuhl. 2011 nahm er mit zwei anderen Patienten an einer bahnbrechenden Studie teil, die vom Neurowissenschafter Grégoire Courtine (ETH Lausanne, EPFL) und der Neurochirurgin Jocelyne Bloch (Universitätsspital Lausanne, CHUV) geleitet wurde. Dank einer Elek trode, der direkt auf das Rückenmark implantiert wurde und den Bereich unterhalb der Verletzung elektrisch stimulierte, konnte David nach nur sechs Monaten Training ein paar vorsichtige selbständige Schritte machen. Diese Bilder gingen 2018 um die Welt und sorgten international für enormes Aufsehen. Der erste Geherfolg des q uerschnittsgelähmten Sportlehrers markiert einen Paradigmenwechsel in der Behandlung von Rückenmarks verletzungen – dieser Moment bleibt auch für Courtine und Bloch unvergess lich. Ein Jahr später erhielt der EPFLProfessor für seinen Unternehmungs geist den Rolex Award (siehe Kasten oben rechts).
«Herzzerreissend» Dass Grégoire Courtine seine Karriere der Wiederherstellung motorischer Funktio nen bei Menschen mit Rückenmarksver letzungen widmen wollte, war für den 50-jährigen Rolex-Preisträger klar, seit er in jungen Jahren an der Universität Zürich einem Gleichaltrigen gegenüber stand, der wegen einer Sportverletzung zum Paraplegiker wurde: «Ich liebe
xtremsportarten und bin passionierter E Bergsteiger. Durch Forschungsarbeiten habe ich erfahren, wie das Gehirn das Rückenmark und die Bewegungen steuert. Nun arbeitete ich zum ersten Mal mit jemandem, der auch Sport getrieben hatte, aber seit einem Unfall im Rollstuhl sass», erinnert sich Courtine. «Ich konnte mich gut in ihn hineinversetzen – es war herzzerreissend, zu sehen, dass er eine Fähigkeit verloren hatte, die auch in meinem Leben so wichtig ist. Der Kon takt zu solchen Menschen, die für mich fast wie mein eigenes Spiegelbild sind, motiviert mich seit 20 Jahren, meine Forschungsarbeit auf eine Therapie zu konzentrieren, die gelähmten Patienten hilft, wieder zu laufen.» Der französische Staatsbürger Cour tine studierte Mathematik, Physik und Neurowissenschaften; promovierte in Experimenteller Medizin an der Univer sität Pavia (Italien); war Postdoktorand im Edgerton-Labor an der University of California, Los Angeles (UCLA); wurde 2008 Labordirektor an der Universität Zürich; und ist seit 2011 Professor an der EPFL, wo er gemeinsam mit Jocelyne Bloch das Defitech Center for Inter ventional Neurotherapies leitet. Wie Courtine erklärt, gibt es unzählige Menschen mit Rückenmarksverletzun gen auf der Welt. Und manchmal würden sie von der Forschung schlichtweg ver gessen: «Jemand, der eine Rücken marksverletzung hat, macht normaler weise eine monatelange Rehabilitation durch – und dann kommt die Genesung zum Stillstand. Physiotherapie hilft ein bisschen, aber danach gibt es keine
Grégoire Courtine: Neurowissenschafter und Professor an der ETH Lausanne (EPFL).
eitere Verbesserung mehr.» Für die w Patienten bedeutet dies, dass sie ihre Beine nie wieder gebrauchen können. Mit seiner Forschung will der Wissen schafter dies ändern.
Innovativer Ansatz Bislang konzentrierte man sich bei der Behandlung von Rückenmarksverletzun gen darauf, den Patienten ein mehr oder weniger beschwerdefreies Leben zu er möglichen und sie dabei zu unterstützen, den Alltag trotz Lähmung meistern zu können. Damit wollte sich Courtine nicht zufriedengeben. Im Gegensatz zu den
meisten seiner Forscherkollegen konzen trierte sich der Laureat des Rolex Award – vergeben im Rahmen der Rolex Perpetual Planet Initiative (siehe Kasten unten rechts) – nicht auf die Verletzung des Rü ckenmarks selbst, sondern fokussierte auf eine Stelle weiter unten: einen Bereich in der Lendenwirbelsäule, das als eine Art zweite Steuerzentrale für die Beine fun giert – einigermassen unabhängig von der Verbindung, die das Rückenmark zum Gehirn bildet. Wie Grégoire Courtines Forschungs partnerin Jocelyne Bloch erklärt, gleicht das Rückenmark einer «Autobahn, und nach einer Rückenmarksverletzung ist
«Unsere Methoden können Querschnitt lähmungen nicht heilen. Sie helfen aber dabei, das Leben der Betroffenen einfacher zu gestalten.»
die Strecke ganz oder teilweise unter brochen». Ursachen können ein Unfall, eine Infektion oder ein Tumor sein. Ist die obere oder mittlere Halswirbelsäule betroffen, sind die Patienten vom Hals abwärts gelähmt – wenn Arme und Beine nicht mehr bewegt werden können, also alle vier Extremitäten, spricht man von Tetraplegie. Sofern die Schädigung unterhalb des siebten Halswirbels in der unteren Halswirbelsäule liegt, können in der Regel nur die Beine nicht mehr bewegt werden – man bezeichnet dies als Paraplegie. Courtines Patienten sind Paraple giker, sie haben keine Kontrolle mehr über ihre Beinmuskulatur und können nach einem Unfall oder wegen einer Krankheit nicht mehr selbständig gehen. Dies, weil der neuronale Infor mationskanal in der Wirbelsäule unter brochen ist und sensorische Botschaf ten aus dem Körper nicht mehr ins Gehirn gelangen können. Die Füsse füh len sich taub an. Umgekehrt kommen die Befehle des Hirns nicht mehr in den Muskeln an, weshalb sich die Beine nicht mehr bewegen lassen. Doch wenn nach der Verletzung schnell genug reagiert wird, ist es möglich, dass ge wisse Fähigkeiten erhalten bleiben. Idealerweise absolvieren Betroffene im Rahmen ihrer Behandlung ein umfang reiches Rehabilitationsprogramm, so bald sie körperlich dazu in der Lage sind. Unter gewissen Umständen kön nen Training, Operationen, Medika mente und gezielte Physiotherapie einen Teil der verlorenen «Datenver bindung» zurückbringen.
Ob ein solches Vorgehen erfolgverspre chend ist, zeigt sich rasch. In der Regel gilt: Was nach einem halben Jahr nicht wieder da ist, kommt auch nicht wieder. Für die Patienten bedeutet dies, sich mit dem Status quo zu arrangieren. Mit einem Leben im Rollstuhl oder an Krücken, und mit einer enorm eigeschränkten Freiheit. Trotz zahlreichen Forschungsprojekten, die sich meist darauf konzentrierten, in der unterbrochenen Region des Rücken marks neue Nervenverbindungen wach sen zu lassen, konnte man keine echten Fortschritte verzeichnen. Zwar gab es kleinere Erfolge, unter anderem beim Ein satz von Stammzellen – ein tatsächlicher Durchbruch blieb aber aus.
Faktor Zeit überlisten Dies änderte sich, als Courtine neue Wege ging. Der etwa fünf Zentimeter lange Bereich des Rückenmarks, auf den er sich konzentriert, koordiniert etwa 60 Prozent der Muskelaktivität in den Beinen. Und dies auch ohne die entlang der Wirbel säule verlaufende Verbindung, die bei einer Querschnittlähmung unterbrochen wurde. Der Kopf setzt dieses zweite Steuerungsnetzwerk in Gang und justiert die Bewegungen nach – beispielsweise, wenn wir uns einem Hindernis nähern. «Bei vielen Betroffenen ist dieser Bereich noch völlig intakt. Weil er von der Befehls kette abgeschnitten ist, befindet er sich nur in einem posttraumatischen Tief schlaf – wir wecken ihn einfach wieder auf», führt der EPFL-Professor aus. Zu diesem Zweck entwickelte Grégoire Courtine gemeinsam mit seiner For
schungskollegin Jocelyne Bloch eine Technologie namens Epidural Electrical Stimulation (epidurale elektrische Sti mulation, EES) für das Rückenmark, die den Patienten helfen soll, ihre Beweglich keit wiederzuerlangen. Den gelähmten Patienten werden Elektroden implantiert, die sich unmittelbar an das Rückenmark schmiegen. Per Drahtlosverbindung kön nen die Forscher dort mit einem Labor computer Impulse auslösen, die ganz ge zielt einzelne Muskelgruppen aktivieren. Nach einer Trainingsphase waren ge lähmte Probanden wieder in der Lage, in einem Haltegeschirr zu stehen und kleine Schritte auf dem Laufband zu machen. «Es ist ein ganz besonderer Moment, wenn jemand, dem gesagt wurde, dass er nie wieder würde gehen können, nach zehn Jahren wieder auf seinen eigenen Beinen steht», sagt Courtine. Durch wei teres hartes Training konnten besonders die Patienten, die noch ein minimales Gefühl in den Beinen hatten, grosse Fort schritte erzielen. Weil sie noch über einige wenige intakte Nervenbahnen verfügen, kommen die Befehle aus dem Gehirn quasi nur noch als Flüsterton im Bewegungszentrum an. Allerdings ist der Befehl zu leise, um den Apparat aus seinem Tiefschlaf zu wecken. Mit Courtines Neuroimplantat wird das Rückenmark geweckt und in Rufbe reitschaft versetzt. «Es spitzt sozusagen die Ohren», umschreibt es der RolexPreisträger. Während der Stimulation werden die leisen Befehle nun wieder gehört und der Patient kann seine Be wegungen bewusst steuern, trotz Quer schnittlähmung.
Ganz anders verhält sich die Sache bei Paraplegikern, deren Nervenverbindung im Rückenmark fast ganz unterbrochen ist. Zwar können auch sie im Labor dank Haltegeschirr stehen und ein paar Schritte machen, haben aber kaum oder gar keine Kontrolle über ihre Beine – diese werden weitgehend von aussen ferngesteuert. Grégoire Courtine arbei tet derzeit an einer Lösung, die auch in diesen schweren Fällen helfen soll. Dank der Unterstützung von Rolex und ihrer Perpetual Planet Initiative hat er die Möglichkeit, seine Forschung auf ein neues Level zu heben: «Mein Projekt ist es nun, das Gehirn, die Gedanken des Patienten, mit dem elektrischen Stimu lator zu verbinden. Eine digitale Brücke zwischen dem Gehirn und dem Rücken mark zu schaffen, so dass der Patient die elektrische Stimulation kontrolliert. Allein dadurch, dass der Proband an die Bewegung denkt, kann er eine Stimula tion auslösen. Es gibt kleine Anzeichen, dass er die willkürliche Kontrolle über seine gelähmten Muskeln wiedererlangt. Dies zeigt, dass die Nerven vielleicht langsam wieder zusammenwachsen.» Dazu entwickelt der Wissenschafter ein System, das durch künstliche Intelli genz (KI) erkennt, welche Bewegungen ein Patient ausführen will. Auf die Frage, ob es dabei keine ethischen Bedenken gebe, antwortet Courtine: «In unserem Szenario schicken wir lediglich einen Code, der die Muskeln aktiviert. Unsere KI ist sehr einfach – ‹streck das Bein, bieg das Bein›. Die Patienten fokussieren auf die Vorteile, die für sie entstehen, und weniger darauf, was KI mit ihren Körpern macht.» Und Jocelyne Bloch ergänzt, man dringe definitiv nicht in die intimen Gedanken der Probanden ein. Stattdessen analysiert das System die Hirnaktivitäten des Patienten. Dabei ent sprechen bestimmte Muster bestimmten Bewegungen. Weil aber die Verbindung
Zeit fürs Klima Die Artikel unserer Verlagsserie «Zeit fürs Klima» in Kooperation mit Rolex veranschaulichen das Engagement der Schweizer Uhrenmanufaktur im Rahmen ihrer globalen Perpetual Planet Initiative, Forschung und Entwicklung zu Klimafragen zu unterstützen und dafür mit Persönlichkeiten sowie Organisationen zusammenzu arbeiten, die aktiv Lösungen für den Umweltschutz suchen. QR-Code scannen und weitere Artikel der Verlagsserie auf NZZ Bellevue lesen. Dieser Inhalt wurde von NZZ Content Creation erstellt.