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20. September 2026
Warum zu viel Vorsicht im Ruhestand teuer werden kann
Die Pensionierung ist ein Lebensereignis mit weitreichenden Folgen. Mit dem letzten Arbeitstag endet eine langjährige Phase, in der Monat für Monat ein Lohn eingeht. Für vermögende Haushalte heisst es dann: Wie steuert man das über Jahrzehnte aufgebaute Vermögen so, dass es 25 Jahre und länger trägt und am Ende geordnet an die Nachkommen übergehen kann? Entgegen einem weit verbreiteten Vorurteil verabschiedet sich ein Grossteil der Pensionierten nicht aus den Finanzmärkten. Im Gegenteil: Wie das neuste «Raiffeisen Vorsorgebaro meter» zeigt, investieren rund 60 Pro zent der 66- bis 79-Jährigen nach wie vor in Wertschriften. Ganz ohne Einfluss auf die Finanz anlagen bleibt die Pensionierung aber doch nicht: Rund die Hälfte bevorzugt eine stabilitätsorientierte Anlage strategie, statt diese zielgerichtet an die persönlichen Bedürfnisse und die neuen Rahmenb edingungen anzup assen. G enau dieses Vorgehen kann zu einer Herausforderung werden – und einiges an Vermögen kosten.
FOTOS: RAIFFEISEN
Viele Pensionierte legen beim Geld den Fokus auf Sicherheit: Über ein Drittel tätigt keine Finanzanlagen. Und von jenen, die investieren, legen 50 Prozent konservativ an. Das zeigt das neuste «Raiffeisen Vorsorgebarometer». Diese Strategie fühlt sich zwar gut an, ist aber nicht ohne Risiko. Besser wäre es, die Vermögensstruktur an die neue Lebensphase anzupassen.
Der Ruhestand dauert immer länger Besonders augenscheinlich wird dies beim Anlagehorizont. Mit der kontinuier lich steigenden Lebenserwartung dauert der Ruhestand inzwischen nicht selten 20 bis 30 Jahre. Diese Tatsache verändert die Perspektive auf das Vermögen grund legend: Wer in Pension geht, hat heute deutlich länger Zeit, um von den Rendite chancen an den Finanzmärkten zu profi tieren. Zwar geht es in erster Linie nicht mehr darum, Kapital aufzubauen. Doch nur wer investiert bleibt, kann die lang fristigen Ertragschancen der Märkte nut zen, um Kaufkraft und Lebensstandard über viele Jahre zu sichern. «Entschei dend ist jetzt die Frage, wie das Vermögen strukturiert wird, damit es Flexibilität, Sicherheit und Ertragschancen miteinan der verbindet», erklärt Tashi Gumbat shang, Leiter des Kompetenzcenters für Vermögens- und Vorsorgeberatung bei Raiffeisen Schweiz. In diesem Zusammenhang fällt auf, dass laut dem Vorsorgebarometer rund 70 Prozent der Pensionierten ihre An lagestrategie beim Übergang in den Ruhestand nicht verändern. Das muss keineswegs ein Fehler sein. Wer seine Vermögensplanung bereits vor der Pen sionierung sorgfältig aufgesetzt hat, verfügt häufig schon über eine ausge reifte Strategie, die auch mit der neuen Lebensphase kompatibel ist. Kommt aber mit der Pensionierung und einem Kapitalbezug aus der Pen sionskasse auf einen Schlag ein erhebli ches Vermögen hinzu, sieht es anders aus. Dann wird durchschnittlich nur 49 Pro zent dieses Vermögens investiert, knapp ein Drittel fliesst auf ein (Spar-)Konto, das heute praktisch keinen Zins abwirft. Es fällt auf, dass bei vielen die Sicherheit im Zentrum steht – unabhängig davon, ob sie die Anlageentscheide selbständig treffen oder auf eine professionelle Ver mögensverwaltung setzen.
Entscheidend ist nach der Pensionierung die Frage, wie das Vermögen strukturiert wird, damit es Flexibilität, Sicherheit und Ertragschancen miteinander verbindet.
«Wir erleben häufig, dass eine Erbschaft der Auslöser ist, die eigene Planung neu zu ordnen.»
Vorsicht ist verständlich, aber nicht risikolos Das Vorsorgebarometer zeigt, dass 50 Prozent der 66- bis 79-Jährigen eine stabilitäts- und sicherheitsorientierte Risikoausrichtung bevorzugen, 22 Pro zent eine ausgewogene Variante, 21 Pro
Tashi Gumbatshang Leiter des Kompetenzcenters für Vermögens- und Vorsorgeberatung bei Raiffeisen Schweiz
zent eine chancenorientierte und nur 4 Prozent eine sehr renditeorientierte. Dies wirkt auf den ersten Blick nachvoll ziehbar: Wenn das Erwerbseinkommen wegfällt und, vor allem bei höheren Löh nen, die Rente lediglich noch einen Teil davon ersetzen kann, möchten viele mit ihren Finanzanlagen grössere Verluste vermeiden. Zudem legen zahlreiche Pen sionierte grossen Wert darauf, in dieser Lebensphase flexibel über ihr Vermögen verfügen zu können. Doch dabei wird ein wichtiger Aspekt ausgeblendet: Ein kompletter Verzicht auf Investitionen bedeutet nicht auto matisch mehr Sicherheit. Auch das Halten grosser Bargeldbestände birgt Risiken. Die Inflation kann die Kaufkraft über Jahre schleichend verringern. Bei einem langen Ruhestand ist dieser Effekt besonders gravierend. Insgeheim scheint dies den Leuten bewusst zu sein. So zählt der Verlust der Kaufkraft laut dem Vor sorgebarometer zu den grössten finan ziellen Sorgen vieler älterer Menschen. In der Praxis gerät dies jedoch oft in Vergessenheit. Mehr als die Inflation machen den Haushalten nur noch die hohen Gesund heits- und Pflegekosten im Alter zu schaffen. Obwohl man nicht weiss, wann diese anfallen, sollte man darauf vorbe reitet sein. Umso wichtiger wird die Strukturierung des Vermögens: Wie viel Kapital muss jederzeit verfügbar sein, wie viel darf mittelfristig gebunden und wie viel langfristig investiert bleiben? Eine pauschale Empfehlung dazu gibt es nicht. Oftmals lohnt es sich, die bereits vor der Pensionierung bewährte 3-TopfStrategie beizubehalten – angepasst an die neue Lebensphase. Ob und in welchem Umfang investiert werden sollte, hängt von mehreren Fak toren ab: vom Liquiditätsbedarf, vom Anlagehorizont und vom persönlichen Risikoprofil. Ein weiterer oftmals bis zum
Zeitpunkt der Pensionierung ausgeklam merter Faktor ist das Eigenheim. Häufig steckt darin ein erheblicher Teil des Ver mögens. Entsprechend vielfältig sind die Optionen: Soll man im Eigenheim blei ben, auch wenn es nach dem Auszug der Kinder zu gross geworden ist? Braucht es einen altersgerechten Umbau? Soll die Immobilie an die Kinder weitergegeben werden, verbunden mit einem Wohnrecht oder einer Nutzniessung für die Eltern? Oder macht ein Verkauf mehr Sinn, um die Liquidität freizusetzen und die eigene Flexibilität zu erhöhen? Jede Variante hat finanzielle, steuerliche und erbrechtliche Folgen. Daher ist es empfehlenswert, diese genau zu prüfen und in die Über legungen einzubeziehen.
neu zu ordnen», bestätigt Raiffeisen- Vorsorgeexperte Tashi Gumbatshang. Ob Pensionierung oder Erbschaft, das «Raiffeisen Vorsorgebarometer» zeigt: Für viele vermögende Anlegerinnen und An leger lohnt es sich, die eigene Vermögens strategie nochmals genau zu überprüfen – selbst wenn am Ende keine Anpassungen vorgenommen werden. Denn Sicherheit ist zwar wichtig, genauso aber der lang fristige Erhalt der Kaufkraft. Die Verbin dung von Liquidität mit einer Anlage perspektive schafft gute Voraussetzungen dafür, dass das Vermögen auch im Ruhe stand seine Aufgabe erfüllt – finanzielle Sicherheit und Unabhängigkeit über viele Jahre hinweg zu schaffen.
Erbschaft als Anstoss für Strategieanpassung?
Vorsorgebarometer Neben der Pensionierung ist eine Erb schaft ein weiteres Lebensereignis, das oft dazu führt, die eigene Vermögens situation nochmals zu überprüfen. Das Vorsorgebarometer zeigt, dass 37 Prozent der Befragten im Alter zwischen 66 und 79 Jahren nach einer Erbschaft verstärkt in Wertschriften investieren, 15 Prozent die Sparquote erhöhen, während 29 Pro zent keine Änderung vornehmen. Tatsächlich ist gerade eine Erbschaft eine gute Gelegenheit, die gesamte Finanzplanung im Gespräch mit einer Vorsorgeexpertin oder einem Vorsorge experten nochmals grundlegend zu analysieren und, wo nötig, Justierungen vorzunehmen: Passt die bisherige An lagestrategie noch? Ist das Vermögen sinnvoll strukturiert? Auffällig ist, dass bei 14 Prozent der befragten 66- bis 79-Jährigen eine Erbschaft dazu führt, den eigenen Nachlass zu regeln. «In der Beratung erleben wir häufig, dass eine Erbschaft der Auslöser ist, die eigene Vermögens- und Nachlassplanung
Der neuste «Raiffeisen Vorsorgebarometer» wurde am 17. September 2026 veröffentlicht. Die diesjährige Ausgabe fokussiert thematisch auf Lebensereignisse und untersucht, wie diese unsere Vorsorgehandlungen gezielt oder als Nebeneffekt beeinflussen. Vertrauen und Wissen sind hierfür zwei wesentliche Komponenten. QR-Code scannen und den neusten «Raiffeisen Vor sorgebarometer» herunterladen.
Dieser Inhalt wurde von NZZ Story Lab im Auftrag von Raiffeisen erstellt.