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HIGHLIGHTS AUS KUNST UND KULTUR

Im Einsatz vor und hinter den Kulissen: Schauspielerin

OSTER FEST SPIELE

PONTRESINA

Afra Kane,Anthony Strong,Pacheco&Pacheco, HelgeSchneider,Richard Galliano

EDITORIAL

Hinter die Kulisse blicken

Wissen Sie noch, wann Sie das letzte Mal im Theater waren? Wie lange Ihr letzter Konzertbesuch zurückliegt oder wie das letzte Buch hiess, das Sie gelesen haben? Falls ja: Wissen Sie auch, wer dieses Buch lektoriert oder übersetzt hat? Wer das Bühnenbild der Theatervorstellung gebaut hat oder wer bei der Konzertreihe die Kontakte zwischen Kunstschaffenden und dem Veranstaltungshaus geknüpft hat?

Dass Ihnen zu diesen Fragen mit hoher Wahrscheinlichkeit kein Name einfällt, ist verständlich Genau darin liegt der Anlass für diesen Schwerpunkt: Wir haben gezielt nach Personen und Berufen gesucht, die für die Kunst- und Kulturbranche zentral sind, deren Namen aber kaum je fallen Eine Übersetzerin, Kuratorinnen, Historikerinnen Impulsgeber und Förderer – auch eine Kulturschaffende, deren Superkraft es ist, Ordnung in ein Gewimmel aus Ideen zu bringen. Auch eine Schauspielerin mit Psychologieabschluss ist dabei. Sie hat, wie man so schön sagt, zwei Hüte auf: Theaterschauspielerin und psychologische Anlaufstelle. Und stellt fest, dass sich das eigentlich ganz gut verträgt. Sie alle gewähren uns Einblick in ihren Alltag, ihre Aufgaben und ihre Herausforderungen. Ein Blick hinter die Kulissen spielt stets mit dem Paradigma der Sichtbarkeit und fordert es zugleich heraus: Inwiefern sind die Schöpfer einer Ausstellungsszenografie oder Line-ups am Erfolg eines Gesamtwerks beteiligt? Wie viel Lob darf man dafür einstreichen, wie viel Genugtuung muss man aus den ausbleibenden Reaktionen ziehen? Dieser Schwerpunkt eröffnet neue Perspektiven darauf

Blicken Sie also hinter den Vorhang –und sehen Sie Ihr nächstes Konzert, Ihre nächste Ausstellung oder Ihren nächsten Theaterabend mit anderen Augen.

Marco Cousin, verantwortlich für diesen Schwerpunkt

«Ich nenne die Bücher, die ich übersetze, meine Lebensabschnittspartner»

Die Slawistin Dorothea Trottenberg zählt zu den bedeutendsten Übersetzerinnen russischer Literatur ins Deutsche. Höchste Zeit für einen Kaffee mit ihr. Von Manfred Papst

Seit der Entstehung der Schrift vor rund 5000 Jahren gehört das Übersetzen zu den wichtigsten menschlichen Kulturtechniken. Übersetzen heisst vermitteln, Brücken schlagen, Verständnis schaffen. Es ist eine anspruchsvolle Tätigkeit, die Fach- und Sprachwissen verlangt, Exaktheit und Intuition, Bescheidenheit und Geduld. Im Kern ist und bleibt sie die Arbeit hingegebener Einzelner, zudem eine, die immer noch nicht in ihrer ganzen Bedeutung gewürdigt wird, wenngleich Ansehen und Honorierung von Übersetzerinnen und Übersetzern in den letzten Jahrzehnten gestiegen sind Niemand weiss das besser als die Slawistin Dorothea Trottenberg. Seit 1990 überträgt sie freiberuflich literarische Werke aus dem Russischen ins Deutsche. Monate, wenn nicht Jahre verbringt sie mit den Texten, für jede Wendung, jede Anspielung sucht sie das stimmigste deutsche Äquivalent. «Übersetzen muss man sich leisten können», sagt sie, und mit einem Lächeln fügt sie hinzu: «Ich nenne die Bücher, die ich übersetze, meine Lebensabschnittspartner.» Die gebürtige Dortmunderin und Wahlzürcherin hat Werke von Gogol, Turgenjew und Tolstoi (die Urfassung von «Krieg und Frieden»!) ins Deutsche übertragen. Zwei Autoren hat sie sich besonders intensiv gewidmet: Iwan Bunin (1870–1953) und Wladimir Sorokin (*1955). Ihre materielle Existenz sicherte bis 2024 eine halbe Stelle an der Universitätsbibliothek Basel, wo sie das Fachreferat Slawistik und Osteuropa-Studien betreute

Kunst des Übersetzens

Für ihre Arbeit wurde sie mit bedeutenden Übersetzerpreisen ausgezeichnet, etwa dem Wieland- und dem Celan-Preis. Nicht ohne Grund: Mit sensiblem Pragmatismus vermittelt Dorothea Trottenberg zwischen den Sprachen und Kulturen. Sie holt das Beste aus dem Original heraus und nimmt sich selbst gleichzeitig zurück «Es ist nicht meine Aufgabe, den Text zu verbessern», sagt sie lakonisch. Bei aller Exaktheit klebt sie nicht an der Struktur des Russischen mit seinen sehr viel ökonomischeren Zeitformen des Verbs sowie den Partizipien, die ganze deutsche Nebensätze ersetzen, sondern nimmt Rücksicht auf die deutsche Satzmelodie.

Dorothea Trottenbergs Übersetzertätigkeit beschränkt sich nicht nur auf Bücher Sie hat auch immer wieder Texte für die Tagespresse übersetzt, beispielsweise von der Schriftstellerin Jelena Tschischowa die sich mutig zu den Zuständen in Putins Russland äusserte, solange ihr das noch möglich war. Daneben engagiert Trottenberg sich auch auf Verbandsebene für die Anliegen der Übersetzerinnen und Übersetzer Beim Übersetzerhaus Looren, das Literaturübersetzern aus aller Welt Gelegenheit zu Arbeitsaufenthalten bietet, ist sie im Vorstand tätig. Sowohl Bunin als auch Sorokin beschäftigen Dorothea Trottenberg seit Jahrzehnten: In ihrem Übersetzungs-

Dorothea Trottenberg übersetzt seit mehr als drei Jahrzehnten russische Literatur ins Deutsche

«Mir geht es um etwas ganz Grundsätzliches: die Unmittelbarkeit der eigenen Formulierung.»

projekt von «Bunins Gesammelten Erzählungen» ist sie bei Band 12 angelangt, von Sorokin hat sie nahezu gleich viele Werke übertragen. Sorokin gilt als einer der wichtigsten russischen Gegenwartsautoren. Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 lebt er in Berlin im Exil. «Wir kennen uns seit fast 30 Jahren», sagt Trottenberg, «wir haben uns in Moskau, aber auch in der Schweiz und in Berlin schon getroffen und stehen vor allem während der Übersetzungsphasen seiner Werke in intensivem Austausch über die Klippen und Fallstricke der Texte.» Schon während des Studiums in Köln arbeitete sie als Reiseleiterin und begleitete Gruppen in die Sowjetunion. Kurz vor deren Zusammenbruch verbrachte Trottenberg mit einem Studium des Deutschen Akademischen Austauschdiensts (DAAD) ein Jahr in Russland. Bis zur CoronaPandemie bereiste sie Russland fortan jedes Jahr manchmal allein, manchmal mit ihrem Ehemann, dem Schweizer Slawisten Thomas Grob Oft ging es dabei nach St.Petersburg oder Moskau, aber auch nach Zentralrussland, nach Kasan oder auf die Klosterinsel Solowki im Weissen Meer

Wörterbücher und KI

Als Hilfsmittel bei ihren Übersetzungen benutzt Dorothea Trottenberg sowohl physische als auch elektronische Wörterbücher Sie sagt: «Je mehr elektronische Hilfsmittel es gibt, desto mehr konsultiert man sie, deshalb geht es am Ende gar nicht schneller.»

Für einen Autor wie Bunin verwendet sie auch Nachschlagewerke aus seiner

Zeit, etwa Heyses Fremdwörterbuch von 1911. KI ist ihrer Meinung nach für integrale Literaturübersetzungen nicht geeignet. «Im Einzelnen kann sie schon nützlich sein. Ich nehme die Entwicklung ernst, probiere Programme aus, diskutiere auf Tagungen mit», sagt sie.

Im Detail zeigen sich ihr immer wieder die Grenzen der KI: «Bei Fluchwörtern etwa, die im Russischen ganz anders konnotiert sind als bei uns, versagt jede wörtliche Übersetzung. Mir geht es aber um etwas ganz Grundsätzliches: um die Unmittelbarkeit der eigenen Formulierung. Wenn man einen KI-Text bearbeitet, kann man sich nur sehr schwer von der vorgegebenen Struktur lösen. Man übernimmt dann etwas Vorgefertigtes und verliert den eigenen Ton.»

Mehr Sichtbarkeit

Die Übersetzungsarbeit werde dank der Arbeit der Verbände und namentlich dem Engagement von Leuten wie Ulrich Blumenbach und Rosmarie Tietze heute deutlicher wahrgenommen als früher, sagt Dorothea Trottenberg. Studiengänge für literarisches Übersetzen gebe es aber nach wie vor nur wenige. Umso wichtiger seien Forschungsaufenthalte an Übersetzerhäusern wie Straelen oder Looren, Stipendien und Werkjahre. Dass es beim Übersetzen stets die eine richtige Lösung gibt, glaubt Dorothea Trottenberg nicht. Sie sagt: «Wenn ich in einem Workshop sechzehn Studierende zehn ganz einfache Hauptsätze übersetzen lasse, gibt es nicht einmal zwei identische Lösungsvorschläge.

CHAVAILLAZ

Blinde Flecken der Schweizer Fotografiearchive

Die Fotostiftung Schweiz rückt Fotografinnen in den Fokus, die zwischen 1900 und 1970 tätig waren. Dabei stellt sie auch die bisherige kuratorische Praxis infrage. Von Denise Weisflog

Noch bis 14 Juni 2026 zeigt die Fotostiftung Schweiz in Winterthur die Ausstellung «Frauen. Fragen Fotoarchive.», die die Archive von sieben Fotografinnen beleuchtet und die bisher männlich geprägte Schweizer Fotografiegeschichte hinterfragt. Dafür verantwortlich zeichnen die vier Kuratorinnen Madleina Deplazes (Leitung Sammlung & Archive), Michèle Dick (Research Curator), Teresa Gruber (Leitung Ausstellung & Vermittlung) und Katharina Rippstein (Leitung Digital Lab). Die Geschichte der Fotografie war sehr lang eine Geschichte männlicher Fotografen, überliefert aus männlicher Perspektive. Dies spiegelt sich auch in den Beständen der Fotostiftung Schweiz wider: Von rund 160 Archiven sind nur 26 weiblichen Fotoschaffenden zuzuschreiben. Schon seit längerem bestand der Wunsch, einigen dieser Fotografinnen eine Plattform zu bieten. Für monografische Ausstellungen erwiesen sich ihre Archive jedoch als zu wenig umfangreich, oder ihre Rollen in der Geschichte der Schweizer Fotogra-

fie wurden bislang als nicht ausreichend bedeutend eingestuft. Aber das Bedürfnis, nicht nur die weiblichen Positionen sichtbar zu machen, sondern explizit den Umstand der fragmentarischen Archive zu beleuchten, sei immer stärker geworden: «Wir haben bewusst keine inhaltlichen Ausschlusskriterien gelten lassen, um den Kanon aufbrechen zu können», sagen die Kuratorinnen.

Die passenden Sieben

Auf der Longlist standen ursprünglich 19 Namen. Für die Reduktion waren zwei Kriterien massgebend: Erstens sollte der Schaffenszeitraum maximal bis Ende der 1960er Jahre reichen. Bis zu diesem Jahrzehnt war es nicht selbstverständlich, dass Frauen überhaupt eine Ausbildung machen oder ein Geschäft führen konnten. Zudem kam der Fotografie ab den 1970er Jahren ein neuer Stellenwert zu Sie löste sich von den angewandten Bereichen und begann, sich als eigenständige Kunstform zu etablieren. Das zweite Kriterium war, dass die Projektverantwortlichen keine Fotogra-

finnen zeigen wollten, die bereits mit einer Einzelausstellung in der Fotostiftung Schweiz vertreten waren. «Den zur Verfügung stehenden Raum wollten wir nutzen, um bisher unbekannte Positionen hervorzuheben, weil gerade diese das Potenzial haben, das bisherige Narrativ der Schweizer Fotografiegeschichte zu hinterfragen.»

Die Archive der sieben vorgestellten Fotografinnen waren weniger umfangreich als jene ihrer männlichen Berufskollegen. Das machte die Arbeit der Kuratorinnen zwar übersichtlicher gleichzeitig waren die Archive geprägt von Lücken und Inkonsistenzen, die es auszuhalten galt. «Frauenbiografien und die Frauengeschichten sind – wie andere marginalisierte Gruppen der Gesellschaft – in der Überlieferung durch Kulturarchive unterrepräsentiert. Die Erforschung erfordert daher mehr Zeit und Geduld als die biografische Arbeit an anderen Archiven», sagen die vier Projektverantwortlichen.

Obschon viele Informationen nur indirekt zu erschliessen waren, hätten sich die Puzzleteilchen aus biografischen Fakten, persönlichen Dokumenten, Ge-

sprächen mit Nachfahrinnen, Forschung in Archiven von Berufskolleginnen und -kollegen, historischen Quellen und den Fotografien selbst irgendwann zu einem Gesamtbild zusammengefügt Auch die Archive selbst können eine Geschichte erzählen. So sei beispielsweise das HedyBumbacher-Archiv nicht nur sehr klein, die Kleinbild-Negativstreifen seien zudem grösstenteils zerschnitten und in der genauen Chronologie nicht immer zuzuordnen.

Neue Sichtbarkeit

Von Marie Ottomann-Rothacher habe man dank ihrer Tochter auch Zugriff auf biografische Dokumente und persönliche Fotoalben gehabt. An ihrem Fallbeispiel konnte anhand von Arbeitsverträgen (inklusive Informationen zu Arbeitszeiten und Entlöhnung), Zeugnissen und Fotografien, die Ottomann-

Rothacher bei der Arbeit zeigen ihre gesamte berufliche Karriere nachvollzogen werden– von der Lehre bis zur Pensionierung.

Mit der Ausstellung «Frauen. Fragen. Fotoarchive» möchte das KuratorinnenTeam die Komplexität und Vielschichtigkeit in der Frauen- und Fotogeschichte aufzeigen. Gängige Narrative und der Kanon der Schweizer Fotografiegeschichte sollen kritisch betrachtet werden. «Wir möchten Fragen stellen, an Lücken heranführen und Unsichtbares sichtbar machen. Nicht alle der gestellten Fragen sind heute beantwortbar, und bei manchen Themen ist die Forschungslücke wohl nicht mehr zu schliessen. Neben dieser konzeptionellen Metaebene soll die Ausstellung aber auch die sieben Fotografinnen würdigen und ihnen als eigenständigen Bildautorinnen Sichtbarkeit verleihen», erklären Deplazes, Dick Gruber und Rippstein.

SPRING2026

19.30|KKLLuzern,Konzertsaal

LucerneFestivalOrchestra| FranzWelser-Möst Dirigent | LeifOveAndsnes Klavier Mozart|Beethoven

19.30|KKLLuzern,Konzertsaal HagenQuartett|KirillGerstein Klavier | JuliaHagen Violoncello Brahms|Schubert

17.00|KKLLuzern,Konzertsaal

LucerneFestivalOrchestra| RiccardoChailly Dirigent | EmmanuelTjeknavorian Violine Mendelssohn|Beethoven

Marie Ottomann-Rothacher im Atelier von Hans Peter Klauser Zürich, 1960.
«Es ist einfacher, eine Figur zu hinterfragen als sich selbst»

Rahel Hubacher steht als Teil des Zürcher Schauspielhauses auf der Bühne.

Gleichzeitig ist sie Ensemblepsychologin.

Interview:

Marco Cousin

NZZ AM SONNTAG: Seit August letzten Jahres sind Sie nicht nur Schauspielerin, sondern auch Ensemblepsychologin am Schauspielhaus Zürich. Warum wurde diese Stelle geschaffen?

RAHEL HUBACHER: Weil gerade jene Faktoren, die eine hervorragende Schauspielerin ausmachen, gleichzeitig hohen psychischen Druck verursachen können

Erklären Sie.

Professionelle Schauspielende brauchen für ihren Beruf eine ausgeprägte

Empathie Sie müssen sich in Figuren hineinversetzen, erfahren deren Emotionen am eigenen Leib Gleichzeitig dürfen sie nie ihre Spielfreude verlieren und müssen immer offen für Neues sein; auf der Bühne kann man nicht nach Rezept vorgehen. Ändert sich das Programm – vor allem von Endproben –kurzfristig, hat das immer Vorrang vor dem Privatleben. Kumuliert, kann so eine starke Belastung entstehen. Und krank werden sollte man auch nicht.

Dürfen Schauspieler tatsächlich nie ausfallen?

Die Konsequenzen sind einfach gravierender als in einem Grossraumbüro Fällt dort jemand aus, bleibt vielleicht Arbeit liegen, aber im Theater müssen Vorstellungen über die Bühne. Man versucht also alles, um nicht auszufallen Falls doch, muss eine Rolle neu besetzt oder im schlimmsten Fall die Vorstellung abgesagt werden.

Welche Unterstützung können Sie als Ensemblepsychologin leisten?

Bereits als wir das Ensemble über meine zusätzliche Rolle informiert

haben, wurde betont, das Gespräch zu suchen, bevor die Belastung zu gross wird nicht erst danach. Sofern psychische Beschwerden auftreten, kann frühzeitig darauf eingegangen werden. Nach jeder Premiere führen wir ein sogenanntes Reflexionsgespräch im Plenum, wo wir den Produktionsablauf der Stücke evaluieren. Damit adressieren wir die betriebsinternen Strukturen. Gleichzeitig stehe ich den Ensemblemitgliedern für vertrauliche Gespräche zur Verfügung.

Ihr Aufgabengebiet umfasst also keine Therapie von Ensemblemitgliedern?

Meine Funktion ist vor allem präventiv. Ich darf eine psychologische Beratung machen, keine psychotherapeutische. Das ist ein Unterschied. Braucht ein Ensemblemitglied professionelle Unterstützung kann ich es an ein Netzwerk verweisen. Dafür spannen wir mit der Föderation der Schweizer Psycholog:innen (FSP) und dem Kantonalverband der Zürcher Psycholog:innen (ZÜPP) zusammen. Solche Entscheidungen treffe ich nach Möglichkeit mit dem Minimum an relevanten Informa-

tionen, auch aus Respekt vor meinem Gegenüber

Können Sie denn eine neutrale Anlaufstelle sein wenn Sie gleichzeitig Teil des Ensembles sind? Gibt es da keine Berührungsängste?

Unser Ensemble besteht aus sehr offenen und reflektierten Menschen. Wenn ich Berührungsängste spüre, hängen sie mit der Auslastung zusammen: Wenn ich mitten in den Endproben stecke oder eine Premiere ansteht, haben manche von ihnen gezögert, ein vertrauliches Gespräch einzufordern. Das ist suboptimal. Bei den vertraulichen Gesprächen wahre ich eine gewisse Distanz, am Ende sitzen mir ja immer noch Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen gegenüber Unter Umständen stehen wir am selben Abend zusammen auf der Bühne.

Haben diese vertraulichen Gespräche schon zu Verbesserungen oder neuen Erkenntnissen geführt?

Das kann ich aufgrund meiner Schweigepflicht nicht beantworten. Was ich sagen kann, ist: Bereits die Einladung und die Möglichkeit zu solchen

Zur Person

Rahel Hubacher (*1975) ist Schweizer Schauspielerin und diplomierte Psychologin. Sie ist Mitglied des Ensembles am Schauspielhaus Zürich. In ihrer neuen Funktion als Ensemblepsychologin bietet sie einen geschützten Raum für Gespräche über persönliche oder berufliche Belastungen während des Theateralltags

Welche anderen Aspekte hat Ihre Doppelrolle noch?

Meine beiden Tätigkeiten unterscheiden sich einerseits extrem und andererseits überhaupt nicht. Als Schauspielerin stehe ich im Rampenlicht, sowohl meine Person als auch die emotionalen und thematischen Auseinandersetzungen meiner Figur im Stück. Als Psychologin bin ich dagegen auf einen geschützten, unsichtbaren Raum angewiesen – allein schon aufgrund meiner Schweigepflicht. Diese extreme Bandbreite meiner beiden Tätigkeiten im Schauspielhaus interessiert mich sehr

Und wo liegen die Gemeinsamkeiten? In der Materie. Sowohl auf der Bühne alsauchindenvertraulichenGesprächen befassen wir uns mit Menschen, ihren Affekten und deren Auswirkungen auf ihr Handeln. Auf der Bühne ist es ein künstlerisches Produkt, eine Inszenierung. In der Psychologie geschieht dieselbe Auseinandersetzung im Stillen. Verschwimmen die beiden Bereiche auf der Bühne?

Absolut. In der Rollenarbeit für eine Figur kann es passieren, dass ich mich fragen muss: Welche Gedanken muss ich zulassen, damit die Figur noch mehr an den Rand des Abgrunds rückt? Wie bringe ich sie auf eine noch schiefere Bahn? In der psychologischen Beratung dagegen versuchen wir genau das Gegenteil zu bewirken. Oft funktioniert es leider besser einer Figur mehr Tragik zu verleihen, als in Leidenssituationen die eigene Zuversicht wiederzufinden. Es ist einfacher eine Figur zu hinterfragen als sich selbst Wie lange fasziniert Sie dieses Zusammenspiel schon?

Gesprächen können viel bewirken. Da geht es um Themen, für die auch ein kollegialer Rahmen geeignet wäre. Trotzdem bin ich der Überzeugung: Wenn für 10 bis 20 Prozent der Gespräche psychologisches Fachwissen nötig wird und Betroffene vom Therapienetzwerk profitieren können, hat sich die Einführung dieser Doppelrolle bereits gelohnt.

Ehrlich gesagt, schon immer: Vor meiner Karriere als Schauspielerin war ich Goldschmiedin. Auch dort war ich fasziniert davon, wie jemand die eigenen Erinnerungen und bedeutenden Momente in einem Schmuckstück erfasst haben möchte. Wie transformiere ich Verbundenheit, Glück oder auch Trauer in einen Gegenstand? Als ich dann in New York das Theater für mich entdeckte, geschah das aus derselben Faszination. Auch dort geht es um die Themen Liebe, Tod und Kummer nur werden daraus keine Schmuckstücke, sondern Theaterstücke.

CASINOTHEATER WINTERTHUR GALA

Das Schauspielhaus Zürich ist das erste deutschsprachige Theater mit einer festen
Ensemblepsychologin: Rahel Hubacher

Schweizer Gletscher waren lange ein stilles Versprechen: Solange dort oben Eis liegt, hat das Tal im Winter Pisten und ein Geschäft, das zuverlässig wiederkehrt. Die weisse Masse war einfach da, still und unhinterfragt. Ähnlich still und unhinterfragt war ein anderes Versprechen, das sich über Jahrzehnte ins Schweizer Selbstverständnis gelegt hat: die bequeme Geschichte, die Schweiz habe nie Kolonien gehabt und damit auch keine koloniale Vergangenheit.

Ein Satz wie eine Schneedecke: glatt und beruhigend. Man konnte sich darunter einrichten, als wäre sie ein Naturzustand, oder darauf aufbauen, ohne sich um das Fundament zu sorgen Aber beleuchtet man die kolonialen Verflechtungen der Schweiz genauer, hält die Geschichte vom unbeteiligten, neutralen Dritten nicht mehr stand: Die Stadt Zürich etwa kaufte schon im 18 Jahrhundert Anteile der South Sea Company, einer englischen Gesellschaft, die Sklavenhandel betrieb Von 1848 bis 1914 dienten über 5000 Schweizer Soldaten im niederländischen Kolonialheer in Indonesien. Über Jahre verdienten sie ihren Lebensunterhalt mit der gewaltsamen Expansion des dortigen niederländischen Kolonialreichs. Das sind Belege, die der bequemen Geschichte des neutralen Dritten widersprechen Die Schweiz, ein Land, dessen berühmtestes Exportprodukt auf eine Frucht angewiesen ist, die ausschliesslich im globalen Süden wächst, steht heute vor der Frage, wie sie ihren Wohlstand bewertet, wenn die Legende der eigenen kolonialen Unbeflecktheit bröckelt. Ihre Aufarbeitung steckt aktuell noch in den Kinderschuhen Zeuge und Treiber derselben sind Schweizer Museen. Diese haben sich in den vergangenen Jahren immer intensiver mit Gegenständen, Unternehmen und Kunst aus dem Kolonialismus beschäftigt, sowohl auf Schweizer Seite als auch international. Für einen Einblick in ihre Arbeit haben zwei Kuratorinnen die Türen der Ausstellungssäle geöffnet. Aus der städtischen Burg ins ländliche Schloss

Die Kunsthistorikerin Helen Bieri Thomson ist mit der Erzählung von der Schweiz als unbeteiligter Dritter nicht einverstanden. Sie sagt: «Dass verschiedene Schweizerinnen und Schweizer durch Handel, Söldnerwesen oder Missionierung am kolonialen System beteiligt waren und davon profitiert haben, ist historisch belegt und damit Teil der Geschichte unseres Landes.» Als Teil der Geschäftsleitung des Schweizerischen Nationalmuseums gehört es zu Bieri Thomsons Beruf, genau diese Geschichte zu vermitteln Sie hat beobachtet wie vor knapp drei Jahren in der Schweiz immer mehr Ausstellungen zum Thema Kolonialismus auftauchen – jeweils zu bestimmten Themen: Raubkunst aus Benin im Museum Rietberg die Geschichte von ethnografischen Sammlungen in Genf, koloniale Spuren naturhistorischer Sammlungen an der ETH und weitere. Gerade deshalb wollte das Nationalmuseum eine eher breit angelegte Übersicht bieten.

Das Zürcher Landesmuseum – eines der vier Museen des Nationalmuseums –widmete sich im September 2024 diesem Thema mit der Ausstellung «kolonial. Globale Verflechtung der Schweiz». Der Ansturm darauf war grösser als alles, was man sich erhofft hatte. Innert Wochen waren die Museumsführungen

Die eine Geschich

Wie werden Ausstellungen zum Thema Kolonialismus kuratiert? Warum braucht es sie und was

für Schulklassen auf Monate hin ausgebucht, auch das Medienecho war positiv Einzelne Stimmen kritisieren die Ausstellung für ein zu eng gesetztes Narrativ: Man habe die Bemühungen um Neutralität der vielfach kolonial aktiven Schweiz unterschlagen.

Drängender war aber die Rückmeldung aus der Westschweiz. Bieri Thomson sagt: «Bereits nach wenigen Wochen bekamen wir Anfragen, wann die Ausstellung in der Westschweiz zu sehen sei. Das hat uns gezeigt: Kolonialismus ist kein abgeschlossenes Thema, sondern beschäftigt uns heute noch und ist in der Romandie etwa durch strukturelle Ungleichheiten präsent, wie einzelne Fälle von Polizeigewalt in den letzten Monaten verdeutlicht haben.»

Nach dem Erfolg im Landesmuseum setzt sie sich dafür ein, dass die Ausstellung in die Westschweiz kommt. Zum Schweizerischen Nationalmuseum gehören neben dem Zürcher Landesmuseum, dem Forum für Schweizer Geschichte in Schwyz und einem Sammlungszentrum auch das Château de Prangins bei Nyon Bieri Thomson ist die Direktorin.

Ihr und ihrem Team fällt es zu, die Ausstellung vom Zürcher Landesmuseum ins Château de Prangins zu übersiedeln; in einen neuen Ausstellungsraum und einen neuen Sprachraum. Auch wenn bereits alle Ausstellungstexte in den vier Landessprachen existierten, wollte Bieri Thomson die Texte sprachlich auf die Westschweiz ausrichten. Sie sagt: «Bei einem so sensiblen Thema muss jedes Wort sorgfältig ausgewählt werden.»

Für die Übernahme der Exponate fragt sie sich bei allen der über 120 Ausstellungsobjekte: Brauchen wir das? Haben wir dafür überhaupt Platz? Aus Platzgründen verzichtet sie auf einige Exponate, gleichzeitig will sie die Ausstellung mit neuen Objekten auf die Westschweiz hin ausrichten. Sie muss gleichzeitig verkleinern und ausbauen: «Wir sind dem roten Faden der ursprünglichen Ausstellung treu geblieben, stützen uns dafür aber etwas mehr auf Exponate aus der Westschweiz. Deutsche Plakate über Menschenzoos in Basel haben wir etwa gegen französische Plakate und Objekte zu ähnlichen Zoos in Genf und Lausanne ausgetauscht.» Zur Erklärung: Im 19 und 20 Jahrhundert galten Menschenzoos als Attraktion. Sie zeigten entführte Personen aus kolonisierten Völkern. In Europa und Nordamerika wurden diese in nachgebauten Dörfern und inszenierter Kleidung wie exotische Sehenswürdigkeiten vorgeführt. Bieri Thomsons Team suchte neben den Plakaten auch noch andere Exponate mit Bezug zur kolonialen Schweiz. Dafür lohnte sich auch ein Blick ins Ausland: Zu Beginn des 20 Jahrhunderts war die Königlich Niederländisch Indische Armee für eine Reihe von Massakern auf der heute indonesischen Insel Flores verantwortlich. Federführend bei den Kriegsverbrechen war auch ein Schweizer Offizier: Hans Christoffel. Bieris Team konnte seinen Wanderstock und sein Gewehr in Antwerpen lokalisieren und beantragte eine Leihgabe. Das brauchte Geduld: « Die Einfuhr von historischen Objekten ist komplex und wird von den Partnerinstitutionen und vom Zoll sorgfältig geprüft. Es kann manchmal lange dauern, bis die Objekte in die Schweiz transportiert werden dürfen. Bei Hans Christoffels Gewehr waren es einige Wochen.» Der Transport anderer Exponate wie Löwenfelle und Elfenbein aus Bern klingt zwar abenteuerlich, geschah aber über die Schiene.

Die Schweiz muss sich fragen, wie sie ihren Wohlstand bewertet, wenn die Legende der eigenen kolonialen Unbeflecktheit bröckelt.

Der Eröffnung am 29 März blickt Bieri Thomson mit Vorfreude entgegen: «Ich hoffe, dass so viele Menschen wie möglich kommen – nicht aufgrund der Besucherzahlen, sondern weil das Thema uns alle betrifft. Die Ausstellung soll ein Ort des Austauschs, der Meinungsbildung und des Dialogs sein.» Dass sich die meisten Exponate für die Ausstellung bereits im Inland befinden und ein Ausstellungsnarrativ schon existiert hat ist ein Glücksfall. Komplizierter wird es, wenn man ganz von vorn beginnen muss.

Polyzentrische Fotografie

Hätte Nanina Guyer vor drei Jahren gut geschlafen, gäbe es die nächste Ausstellung im Museum Rietberg womöglich nicht. Nach der Geburt ihres dritten Sohnes verbringt sie viele schlaflose Nächte auf Instagram. Beim Scrollen sieht sie plötzlich kolonialzeitliche Fotografien, die sie von ihrer Forschung kennt. Auf Instagram existieren sie aber in einem ganz anderen Kontext Manche der Bilder kennt sie sogar aus dem museumseigenen Fotoarchiv Sie sagt: «Ich konnte es kaum glauben: Da waren dieselben Bilder, die ich als historische Untersuchungsgegenstände kannte, aber als Teil von zeitgenössischen Kunstinstallationen.» Zum Zeitpunkt ihrer Ent-

Aus dem Newark Museum of Art: «Four Seasons» von Wendy Red Star

chte gibt es nicht

braucht es dazu? Einblicke ins Museum Rietberg und Château de Prangins Von Marco Cousin

deckung forscht Guyer bereits seit über sechs Jahren zur Fotogeschichte von West- und Zentralafrika, als Kuratorin des Museums Rietberg hat sie schon vier Ausstellungen dazu verantwortet. Sie recherchiert weiter und findet über 50 Kunstschaffende, die kolonialzeitliche Bilder als Kunstobjekte neu interpretieren Guyers Forschungsgebiet eignet sich bestens, um mit einem weitverbreiteten Irrglauben aufzuräumen: dass jede in Europa entwickelte Technologie erst Jahrzehnte nach ihrer Erfindung auch ausserhalb des Kontinents zum Einsatz kam. Im Fall der Eisenbahn mag das stimmen, aber Fotografie als Kunstpraxis hat sich bereits wenige Jahre nach ihrer Erfindung auf dem afrikanischen Kontinent etabliert. Inspiration fand sie vor allem in der lokalen Kunst und im indigenen Handwerk nicht in Europa. Stellt man Holzfiguren aus Benin oder Ghana frühen Fotografien aus demselben Raum gegenüber sind die Ähnlichkeiten unübersehbar Erst in den 1990er Jahren erkannte die europäische Geschichtswissenschaft, dass unzählige der frühen Fotografien aus ehemaligen Kolonialgebieten gar nicht aus europäischer Hand stammen. Lokal tätige indigene Fotografen hatten eigene Studios und verkauften ihre Bilder unter anderem auch an Kolonialisten. Die vermeintlichen Entdecker gaben sie als ihre eigenen aus

Mehrere von Guyer kuratierte Ausstellungen basieren auf dieser lokalen Entwicklung der Fotografie. Guyer hat dafür einen Fachausdruck: polyzentrisch. Heisst so viel wie: Die Fotografie hat sich als eine der wenigen Kunstformen überall auf der Welt zeitgleich weiterentwickelt Europa war höchstens der Ursprung aber wohl kaum das Zentrum. Für ihre nächste Ausstellung hat Guyer eine unkonventionelle Idee: Statt primär Exponate des Fotoarchivs auszustellen, möchte sie die zeitgenössische Kunst aus Kolonialfotografien ins Museum Rietberg holen. Sie schreibt zwanzig Kunstschaffende an, diese antworten enthusiastisch.

Nägel mit Schrauben machen

Guyer erhält für ihr Konzept den Zuschlag für den grossen Ausstellungssaal im zweiten Untergeschoss: 1000 Quadratmeter Platz muss sie füllen, fast vier Tennisplätze. Um den Ablauf der Ausstellung zu dokumentieren, muss sie jedes einzelne Kunstobjekt, alle Einzelteile davon und deren Montage akribisch in Excel-Listen dokumentieren.

Ein Beispiel: Ein Kunstobjekt, bestehend aus 750 Einzelteilen, soll an der Wand des Ausstellungsraums hängen

Dafür müssen die 750 Teile einzeln an der Wand befestigt werden. Guyer hat da-

Die Ausstellungen

Das Château de Prangins beleuchtet ab dem 29 März 2026 mit der Ausstellung «Kolonial. Globale Verflechtungen der Schweiz» die koloniale Vergangenheit der Schweiz. In angepasster Form fragt die aus dem Landesmuseum übernommene Ausstellung zudem, was dieses koloniale Erbe für die Schweiz der Gegenwart bedeutet. Das Museum Rietberg präsentiert ab dem 16. April 2026 mit «Fast ein Paradies Kolonialzeitliche Fotografie in der Gegenwartskunst», eine Ausstellung mit Werken von 20 Künstlerinnen und Künstlern, die historisches Bildmaterial neu kontextualisieren. Dabei entstehen neue visuelle Imaginationsräume jenseits vertrauter Narrative, in denen Kunst auch als heilende Kraft erfahrbar werden soll.

mit die Wahl zwischen 750 Nägeln und 750 Schrauben. Klar ist, dass alle davon in der Wandfarbe gestrichen werden müssen, damit die Fixierung so unauffällig wie möglich daherkommt – egal, ob es jetzt Schrauben oder Nägel sind. Guyer sagt: «Diskutiert man einen Nachmittag lang über die Vor- und Nachteile von 750 wandfarbenen Schrauben oder Nägeln und muss im nächsten Moment entscheiden, ob man tatsächlich das Budget für eine Leihgabe aus Sydney hat, fühlt es sich stellenweise sehr surreal an.»

Diese Seite einer Ausstellungskuration sehen die wenigsten: Mikromanagement an der Grenze zum Absurden. Gerade arbeitet sie am Ausstellungskatalog. Das ist eine Begleitpublikation, die zur Ausstellung erscheint: Neben der Kuration der Objekte und des Saals muss Guyer also noch ein ganzes Buch konzipieren. Was schon fast nach Masochismus klingt, macht Guyer ein wenig melancholisch: «Oft ist der Katalog das Einzige, was von der Ausstellung bleibt.»

Beim Museumspublikum ist der Katalog sehr beliebt, er ist das schriftliche Abbild der räumlichen Geschichte, die Guyer auf 1000 Quadratmetern erzählen möchte. Und er folgt dem gleichen Prinzip wie die Ausstellung: Hinter einer grossen Geschichte, erzählt anhand von knapp 20 Exponaten, stecken tausende kleine Entscheidungen.

Zu den Personen

Nanina Guyer ist FotografieKuratorin am Museum Rietberg Zürich und leitet seit 2018 das Fotoarchiv Nach dem Studium der Ethnologie, Wirtschafts- und Sozialgeschichte promovierte sie zu historischen Fotografien des Frauenbunds Sande in Sierra Leone und Liberia

Helen Bieri Thomson ist Kunsthistorikerin und war zehn Jahre Kuratorin am Château de Prangins Seit April 2016 ist sie die Direktorin. Beim Internationalen Museumsrat ist sie Vizepräsidentin des nationalen Schweizer Komitees ICOM Schweiz.

Beide Ausstellungen versuchen, den europäischen Blick auf den Kolonialismus zu öffnen und durch den Fokus auf verdrängte und übergangene Völker neue Perspektiven zu bieten. Aus der einen, bis anhin kaum hinterfragten Geschichte der Kolonialmächte soll eine Sammlung von verschiedenen werden.

Fort von der einen Geschichte

Aber was passiert, wenn dieser Diskurs vernachlässigt wird? Wenn aus der einen Geschichte der Kolonialmächte die einzige wird? Die nigerianische Autorin Chimamanda Ngozi Adichie hat bereits 2009 in einem TED-Talk davor gewarnt. Als Adichie eines Tages ihre ersten Skizzen und Entwürfe aus Kindertagen wiederentdeckt, finden sich darin nur blonde Menschen mit blauen Augen. Mit Äpfeln in der Hand trinken sie Ginger Beer und sprechen übers Wetter – in Nigeria, wo der Norden Wüstenklima aufweist und der Süden zu den Subtropen gehört. Manchmal spielen Adichies Figuren sogar im Schnee. Nigeria war zum Zeitpunkt der Entstehung von Adichies Skizzen auf dem Papier keine englische Kolonie mehr Trotzdem wuchs Adichie fast ausschliesslich mit britischen und US-amerikanischen Kinderbüchern auf Menschen ihrer Herkunft wurden darin nie erwähnt.

Der Mangel literarischer Alternativen machte Adichie glauben, dass Literatur ausschliesslich ein Ort für Europäisches, etwas ihr Fremdes sei: Dinge und Personen, mit denen sie aufgewachsen war hätten darin keinen Platz. Erst die Werke von indigenen Autoren wie Chinua Achebe oder Laye Camara hätten ihr aufgezeigt, dass Literatur auch Platz für andere Geschichten und ihr vertraute Figuren bot: schwarzes statt blondes Haar, Mangos statt Äpfel, Monsun statt Schnee. Dass in der Literatur Platz für mehr als nur eine Geschichte war, gab Adichie den Anschub um über das Aufwachsen in einem ehemaligen Kolonialgebiet zu schreiben Ihr Vortrag enthält auch eine Warnung: Nach wie vor verstummt die Vielstimmigkeit ehemals kolonisierter Gebiete zugunsten der eurozentristischen Perspektive: Eine Geschichte erhält den Vorzug vor vielen. Adichie schliesst ihren Vortrag mit folgendem Gedanken: «Wenn wir uns von dieser einen Geschichte abwenden und erkennen, dass es zu keinem Ort der Welt nur eine einzige Geschichte geben kann, dann sind wir schon fast im Paradies angelangt.» Deswegen wählte Nanina Guyer für die Ausstellung im Museum Rietberg den Titel «Fast ein Paradies».

«Delia, profile» aus der Bildserie Tailoring Freedom der Künstlerin Sasha Huber
Nanina Guyer, Kuratorin und Leiterin des Fotoarchivs im Museum Rietberg.
Helen Bieri Thomson, Direktorin des Château de Prangins

Kultur zwischen Glamour und Dorfidylle

Die Kulturstiftung

St.Moritz will die lokale Kultur stärker fördern. Dabei bedient sie zwei Welten: den JetsetHotspot und das 5000-Seelen-Dorf. Von Marco Cousin

Eine ikonische Kulisse aus See, Licht und dem Engadiner Himmel. Wer im Winter in St.Moritz ankommt, spürt den Sog einer internationalen

Bühne. Erst in der Zwischensaison offenbart der Jetset-Hotspot, was er eigentlich ist: ein Dorf knapp 30 Quadratkilometer Rund 5000 Einwohnerinnen und Einwohner zählt die Gemeinde.

Wenn St.Moritz Kultur anbietet, tut es das immer in einem Spannungsfeld zwischen Tourismus und lokaler Bevölkerung. Um diese Herausforderung besser zu meistern, hat die Gemeinde ihren Kulturauftrag an die vor einem guten Jahr gegründete Kulturstiftung St.Moritz ausgwelagert und entsprechende Mittel bereitgestellt.

Die Initialzündung zur Stiftungsgründung kam aber vom Unternehmer und Philanthropen Henri B. Meier, der mit einem sehr substanziellen Betrag die Stiftung zum Leben erweckte. Die noch junge Kulturstiftung ist bestrebt, in den nächsten Jahren weitere Gönner und Stifter für ihre Anliegen zu gewinnen und so ihr Engagement und ihre Tätigkeit auszuweiten.

Geschäftsführer Christoph Bürge ist vielen Jahren in der Veranstaltungsbranche tätig. Er kennt das Traditionsbewusstsein der Oberengadiner genauso gut wie ihre Offenheit für Neues: «Uns ist das Bewahren und Wiederaufbauen traditioneller Anlässe genauso wichtig wie die Förderung neuer kultureller Angebote für die Einheimischen.» Die Kulturstiftung sieht sich als Helferin im

Hintergrund als Ermöglicherin. Neues ausprobieren sollen vor allem die Menschen, Vereine und Kulturschaffenden rund um St.Moritz. Brauchen sie für ein neues Projekt einen finanziellen oder organisatorischen Schubs, dürfen sie bei Bürge und seiner Projektleiterin Bettina Erni anklopfen.

Ein Beispiel für ein solches Projekt ist die Alpine Theater Company (ATC), gegründet vom Schauspielerpaar Alexander Albrecht und Alexander Moitzi. Während der Pandemie hatten die beiden bereits ein Pop-up-Theater in St.Moritz und Zürich aufgeführt. Im Sommer 2023 kehrten die beiden für längere Zeit nach St.Moritz zurück und beschlossen, hier ein professionelles Theater aufzubauen.

Vom Pop-up-Theater zur eigenen Bühne

Die erste Produktion basierte auf einer Neuinterpretation des Lebens von Wolfgang Amadeus Mozart, Stückname «Re: Mozart». Die Inszenierung war grellbunt, spielte mit Techno-Soundtrack die Uraufführung fand sogar in der Kirche statt, in der Albrechts Eltern geheiratet haben und er konfirmiert wurde. Das Projekt war mit Risiko verbunden: Würde eine so unkonventionelle Produktion überhaupt ankommen? Vom Ergebnis waren selbst Skeptiker überrascht – die Inszenierung war ein voller Erfolg. Die Kulturstiftung hat das immer noch junge Theater im Vorfeld der zweiten Spielzeit – denn die würde es auf

jeden Fall geben – gerade deswegen unterstützt, weil es neuen Wind in der Oberengadiner Kulturlandschaft verspricht.

Für ihre nächste Produktion machte sich die ATC erneut an die Neuinterpretation einer kulturell bedeutsamen Figur Nach dem berühmten Komponisten aus Österreich wandte sich das Schauspielerpaar einer der bekanntesten Figuren der deutschen Literatur zu: Goethes Faust.

«Faust: Reloaded» folgte dem Erfolgsrezept von «Re: Mozart»: kürzeres, modernes Skript als die Originalfassung dieselbe Regisseurin und Kostüme, wo die Kombination Sakko mit Shorts konservativ daherkommt. Für die zweite unkonventionelle Bühne war ebenfalls gesorgt: Auf den Tickets lautete die Ortsangabe «Ovaverva». Gemeint war das im Rahmen einer Sanierung stillgelegte St.Moritzer Hallenbad Ovaverva Die ACT hatte die Produktion kurzerhand ins leergeräumte Fitnessstudio des Hallenbads verlegt Auch diese Inszenierung war oft ausverkauft, insgesamt kamen fast 1000 Besucherinnen und Besucher – gut 70 Prozent davon waren Einheimische. Christoph Bürge war dabei: «Die Auslastung war sensationell und die Publikumsreaktionen ebenso Ein Prominenter aus dem Leistungssport meinte zu mir: Ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas je hier oben sehen und es mir auch noch gefallen würde!»

Die Auslastung spricht für die Qualität des Stücks, und sie geht zum Teil

Osterfestspiele

Als Vorgeschmack auf das Festival da Jazz in St Moritz finden vom 2.bis 5.April die Osterfestspiele statt Im Programm finden sich unter anderem die italienischnigerianische Sängerin Afra Kane, Jazz-Akkordeonist Richard Galliano und Helge Schneider Sie markieren den Saisonabschluss und zugleich den Auftakt zur 19 Saison des Festival da Jazz Beginn ist jeweils um 21 Uhr Mit Ausnahme von Helge Schneider: Der deutsche Musiker und Entertainer tritt am Ostersonntag bereits um 17 Uhr auf.

Ein Theaterabend, ein Konzert, eine Ausstellung: Kultur bringt Gäste und Einheimische an denselben Tisch.

Salontradition seit 1867: Die Kurkonzerte im Hotel Reine Victoria gehören zu den ältesten etablierten Kulturformaten von St Moritz

auch auf einen Kniff der Kulturstiftung St.Moritz zurück: den Kulturapéro Der Kulturapéro war ursprünglich für Mitarbeitende der Gemeinde St.Moritz und der St.Moritz Tourismus AG gedacht.

Gemeinsam besuchte man das Segantini-Museum, bestaunte Kunstwerke in der Galerie Andrea Caratsch oder tauchte im Museum Engiadinais in die lokalen Traditionen ein Beim anschliessenden Apéro tauschten sich die Mitarbeitenden aus und diskutierten das Erfahrene.

Bürge und Bettina Erni entschieden sich dazu, den Apéro allen Interessierten zu öffnen. In vielen Agenden ist er seither dick eingetragen, auch bei der Infoveranstaltung eine Woche vor der Uraufführung von «Faust: Reloaded» war jeder Sitzplatz besetzt.

Traditionen bewahren, Neues wagen

Viele Traditionen, von denen St.Moritz heute lebt, entstanden ursprünglich im privaten Umfeld und wurden über Jahrzehnte weitergetragen. Ein Beispiel sind die alljährlichen «Kurkonzerte», eine Salontradition, die seit 1867 jedes Jahr in St.Moritzer Hotels stattgefunden hat. Bis vor kurzem prägte der Zürcher Arzt Dr Jürg Frei das Format während 37 Jahren und hielt diese Tradition mit seiner Leidenschaft am Leben. Als er sich zurückzog, stellte sich die Frage: Wie weiter?

Die Kulturstiftung St.Moritz übernahm – gemeinsam mit einem dreiköpfigen federführenden Kuratorenteam – die

Veranstaltungen

28 März 2026

Kurzfilmnacht, Scala, St Moritz

2. bis 5. April 2026

Festival da Jazz – Osterfestspiele

Hotel Walther, Pontresina

6. April 2026

Familienkonzert «Karneval der Tiere» Laudinella St Moritz

18 April 2026

Chorkonzerte der Academia

Engiadina, Kongresszentrum Rondo Pontresina

28 Juni bis 13 September 2026

Kurkonzerte, «music mondaine», Hotel Reine Victoria, St Moritz

2. bis 26 Juli 2026

Festival da Jazz, verschiedene

Spielstätten, St Moritz

20 bis 23 August 2026

SMAFF, St Moritz Art Film Festival, St Moritz

21. August 2026

Eröffnungsparade der Lichtausstellung «Reflection», St Moritz

18 September 2026

Engadiner Museumsnacht, Maloja und Sils, Pontresina und Samedan, Celerina und St Moritz

Verantwortung für die Kurkonzerte und justierte behutsam nach. Das Repertoire wurde stilistisch geöffnet: Neben klassischer Salonmusik gibt es heute mehr Unterhaltung und Musicals, leichten Jazz und Swing. Die Sommerkonzerte sind kostenlos und finden jeweils morgens um 11 Uhr statt. Das Publikum ist bunt durchmischt: Ein-, Zweitheimische und Feriengäste finden sich darin, auch ein kostenloses Neujahrs- und ein Osterkonzert für Einheimische und Gäste gehört seit 2025 zum jährlichen Programm. Für neue Ideen aus den Kreisen der Stiftung gilt: Die Kulturformate sollen für alle zugänglich und erschwinglich sein, in St.Moritz nicht die leichteste Aufgabe. Die Dichte und Qualität von Kunstgalerien wie Hauser&Wirth Karsten Greve, Vito Schnabel und vielen anderen im alpinen Raum ist einzigartig. Was aber fehlt als Ergänzung nach der Einschätzung von Bürge und seinem Team: Kunst im öffentlichen Raum. Mit der renommierten italienischen Künstlerin Marinella Senatore, die an

der Art Basel 2025 den vielbeachteten Eingangsbereich gestaltet hat, werden im August Lichtinstallationen an frei zugänglichen Orten präsentiert. Der Zeitpunkt der öffentlichen Installation orientiert sich bewusst am Spätsommer und Herbst; jene Wochen, die Kenner als die vielleicht schönste Zeit im Engadin beschreiben.

Wer denkt, die von der Kulturstiftung St.Moritz unterstützten Projekte richten sich nicht an Jahrgänge nach 2000, irrt: Bei den jährlichen musikalischen «Masterclasses» arbeiten junge Musikerinnen und Musiker mit international renommierten Künstlerinnen und Künstlern zusammen. Unter professioneller Anleitung vertiefen die jungen Talente ihr Können und sammeln direkte Bühnenerfahrung, ein öffentliches Konzert sorgt für einen fulminanten Abschluss. Mit ihren Masterclasses betreibt die Stiftung mehr als Nachwuchsförderung: Sie leistet auch Kulturvermittlung. Kultur wird hier also nicht bloss finanziert, sondern in der Form junger lokaler

Musikschaffender an die Region zurückgegeben. Das passiert auch im Medium Film. So unterstützt die Kulturstiftung etwa ein Filmporträt über das kürzlich verstorbene St.Moritzer Dorforiginal Adolf Häberli.

Für eine Kultur,die begeistert und eint

Nicht jedes Projekt der Kulturstiftung St.Moritz muss sofort auf eigenen Beinen stehen. Entscheidend ist die Resonanz: Wer kommt und warum? Entsteht daraus etwas, das bleibt? Erfolgsgeschichten wie die Vorführungen der Alpine Theater Company haben dazu geführt, dass sich Handwerker und Millionäre am selben Tisch wiederfinden und angeregt diskutieren; Kultur kann in solchen Konstellationen ein gemeinsamer Boden sein. Ein Theaterabend oder eine Ausstellung schaffen Momente, in denen man nicht zuerst Tourist, Einheimische oder Saisonarbeiterin ist, sondern Publikum.

«St.Moritz muss für Gäste und Einheimische funktionieren»

Wie würden Sie St Moritz jemandem beschreiben, der noch nie dort war?

MARIJANA JAKIC: Eine sonnige Miniaturstadt auf 1856 Metern Höhe und 28,7 Quadratkilometern Fläche, umgeben von schönster Berg- und Seenlandschaft, mit einem umfassenden Angebot an Winter- und Sommersport, etwas verrückten Events, grossartiger Hotellerie, Kulinarik und Kunst. Unsere Gäste in St.Moritz, sind glückliche und zufriedene Gäste.

Welche Bedeutung hat die St Moritz Tourismus AG für Einheimische?

St.Moritz lebt vom Tourismus, aber auch von den Menschen, die hier zu Hause sind Unsere Aufgabe ist es deshalb nicht nur, Gäste anzuziehen, sondern die langfristige Zukunft des Ortes aktiv mitzugestalten und langfristig zu sichern. Wir bringen unterschiedliche Interessen zusammen und sorgen dafür dass Entwicklungen dem ganzen Ort zugutekommen.

Wie stark unterstützen sie Kulturinstitutionen wie die Kulturstiftung St Moritz und bei welchen Aufgaben? Wir beteiligen uns finanziell an der Arbeit der Kulturstiftung St.Moritz und stehen in einem sehr engen Austausch. Kultur ist für uns ein zentraler Teil der Identität des Ortes, deshalb begleiten wir Projekte nicht nur finanziell, sondern auch inhaltlich und in ihrer Entwicklung. Gleichzeitig unterstützen, begleiten und entwickeln wir die grösseren, touristisch relevanten Kulturevents wie zum Beispiel Open Doors, Engadin Art Talks, Piano Days, Engadin Festival, Festival da Jazz und begleiten deren Weiterentwicklung aktiv Zudem organisieren wir selbst bevölkerungsnahe Formate, die den Ort auch für Einheimische erlebbar machen.

Für die Schweizer Hotellerie war 2025 ein Rekordjahr: St Moritz registrierte allein im vergangenen Dezember über 100000 Übernachtungen Was bedeutet das langfristig?

Langfristig zeigt es dass St Moritz attraktiv ist, aber Wachstum allein ist kein Ziel. Entscheidend ist, wie wir dieses Interesse steuern: Qualität vor Quantität, Wertschöpfung statt Frequenz und ein Tourismus, der mit dem Ort und den Menschen funktioniert. Unser Fokus

liegt darauf, die hohe Nachfrage nachhaltig zu nutzen und gleichzeitig Lebensqualität, Infrastruktur und Balance im Dorf zu sichern.

Nach der Saison ist vor der Saison: Wie werten Sie die Zwischensaison auf?

Wir stärken bewusst den Sommer und die Zwischensaisons, damit St.Moritz das ganze Jahr lebendig bleibt und Arbeitsplätze, Perspektiven und Lebensqualität erhalten bleiben. Jede Massnahme, die wir umsetzen, soll auf dieses Ziel einzahlen, die Zukunft von St.Moritz zu sichern, ohne dass es seinen Charakter verliert.

Welche Herausforderungen kommen auf Sie zu, wenn der Schnee immer weniger wird?

Wir haben das Glück dass wir mitterweile sehr gut auch mit schneearmen Wintern umgehen können. Die Qualität unserer verschiedenen Ski- und Langlaufpisten ist auch in diesem Winter hervorragend. Die Herausforderung liegt aber darin, den Wandel jetzt schon und aktiv zu gestalten, Angebote weiterzuentwickeln, den Sommer und die Zwischensaisons zu stärken und Erlebnisse zu schaffen, die auch ohne perfekte Schneeverhältnisse funktionieren. Gleichzeitig geht es darum, den Charakter von St.Moritz zu bewahren und nicht einfach irgendetwas Neues zu erfinden. Ich sehe das als grosse Verantwortung aller Tourismusakteure von St.Moritz: heute die richtigen Entscheidungen zu treffen, damit St.Moritz auch in Zukunft lebendig, relevant und wirtschaftlich stark bleibt.

Welche Bedingungen muss ein neues Kulturformat erfüllen damit es von der Kulturstiftung in die St Moritz Tourimus AG integriert wird? Junge und kleine Kulturformate haben sehr oft Schwierigkeiten, von Anfang an touristisch relevant zu sein. Sie werden dann in enger Zusammenarbeit mit der Kulturstiftung bei uns integriert sobald diese etabliert sind und auch touristisch relevant geworden sind.

Spannen Sie auch mit den Tourismusorganisationen anderer Gemeinden zusammen?

Wir arbeiten sehr eng mit der Engadin Tourismus und auch mit anderen Tourismusorganisation zusammen. Das

Gästeerlebnis hört nie an der Gemeindegrenze auf

Stört es Sie, dass St Moritz immer noch primär als Winterdestination wahrgenommen wird?

Es stört mich nicht, es ist eine Chance. St.Moritz ist im Herzen eine Sommerdestination und war es schon vor Tausenden von Jahren. Die Gäste kamen im Sommer, um hier zu kuren. Im Ursprung sind wir ein Kraftort, im Winter und im Sommer Vor über 150 Jahren gab es dann eine Wette auf den Winter Heute wetten wir wieder auf den Sommer Fun Fact: In den Anfängen des Tourismus in St.Moritz gab es einen Sommerkurverein und erst später einen Winterkurverein

Wo kann sich St Moritz touristisch noch neu erfinden welche Bereiche haben noch Ausbaupotenzial?

Die Event- und Erlebnislandschaft im Sommer ist vielfältig im Vergleich zu anderen Destinationen, aber noch nicht fertigentwickelt. Wir werden die Events im Sommer und Herbst ausbauen und auch internationaler ausrichten. Die Sommerbilder von St.Moritz und dem Engadin müssen einmal um die Welt

Was ist Ihre liebste Freizeitaktivität im Sommer?

Wandern, philosophieren, geniessen in der unverwechselbarenSt.Moritzer Panoramawelt.

Interview: Marco Cousin

Marijana Jakic ist seit 2020 CEO der St Moritz Tourismus AG

Fokussieren, statt sich verzetteln

Rebecca Bretscher ist Geschäftsführerin im «Amt für Ideen»

An der Seite des Wirbelwinds Christian Jott Jenny sorgt sie für einen geordneten Kreativbetrieb. Von Manfred Papst

Auf der Website des «Amts für Ideen» werden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einzeln vorgestellt: nicht mit Passfoto und trockener Funktionsbeschreibung, sondern mit einem Schnappschuss und einem lockeren Spruch. Der Amtsvorsteher Christian Jott Jenny, Sänger Entertainer Kulturproduzent und Gemeindepräsident von St Moritz, wird dort als Mann charakterisiert, den man «bunt gekleidet und wild gestikulierend in der Zürcher Altstadt antrifft, wo er öfters mit Tauben streitet». Über Rebecca Bretscher, seine dienstälteste Mitarbeiterin, heisst es dagegen: «Die einzige wirklich wichtige Person in diesem Betrieb Fragen Sie grundsätzlich Rebecca Bretscher.»

Darin liegt mehr als nur ein Körnchen Wahrheit, auch wenn die 44-jährige Zürcherin das Wort «einzige» natürlich streichen würde. Aber sie ist tatsächlich diejenige, die im Amt für Ideen an der Zürcher Münstergasse den Laden zusammenhält. Vor siebzehn Jahren hat sie hier begonnen, inzwischen ist sie zur Geschäftsführerin aufgestiegen. Jenny und sie kennen sich aber schon viel län-

ger: «Wir sind ins gleiche Gymnasium gegangen, ins Seminar Unterstrass», sagt sie. «Christian ging in eine höhere Klasse, er ist drei Jahre älter als ich, aber wir wussten voneinander.» Eine Zeitlang verloren sie sich dann aus den Augen. Rebecca Bretscher studierte an der Universität Fribourg Zeitgeschichte, Volkswirtschaftslehre und Germanistik; ihre Masterarbeit galt dem Schweizerdeutschen als Element der Geistigen Landesverteidigung während des Zweiten Weltkriegs. «In Zürich sind wir uns während meiner Studienzeit zweimal kurz nacheinander über den Weg gelaufen», erinnert sie sich. «Christian berichtete, er stelle gerade im Engadin ein Jazzfestival auf die Beine und suche da noch jemanden, ob das nicht etwas für mich wäre. Ich dachte, das sei nur so dahingeplaudert, doch beim zweiten Mal sagte er er meine es ernst.»

Der Rest ist Geschichte. Rebecca Bretscher fing schon bald in Jennys aufstrebender Firma an. «Learning by doing» lautete die Devise. «Das Festival war damals noch viel kleiner», erzählt sie «alle machten alles. Schwerpunkte gab es freilich schon: Christian gestaltete das

Immer am Ort des Geschehens: Rebeca Bretscher in der Herzbaracke.

Programm und bereitete die Verträge vor ich kümmerte mich um die Künstlerbetreuung, die Ankündigungstexte und anderes.» Das Amt für Ideen organisierte damals neben dem Festival da Jazz auch die Schubertiade in der Kirche Witikon und verschiedene Musiktheater wie «Zabig hät Züri en Zauber», «Der kleine schwarze Niederdorf-Hecht» und «Rotstift Reloaded».

Schnittstellen in St.Moritz und Zürich

An ihrer Arbeit reizt Rebecca Bretscher vor allem das Überraschende und Vielseitige, das Entwickeln von Ideen die Verbindung von strategischem Denken und spontanem Handeln im Umgang mit den verschiedensten Menschen. «In der Künstlerbetreuung habe ich gelernt, mich auf Persönlichkeiten jeglicher Couleur einzustellen», sagt sie. «Da kann man sich keinen schlechten Tag leisten. Mehr und mehr bin ich dann auch ins Booking hereingekommen. Da braucht es Professionalität und Akkuratesse. Die Zeiten in denen man Stars per Handschlag buchte, waren auch damals schon längst vorbei.»

In der Programmierung sind Jenny und sie Sparringpartner Er bringt Namen ins Spiel sie überlegen gemeinsam, was der beste Ablauf wäre, wer an welche Spielstätte passt und welcher Sponsor zu welchem Anlass. Sie bespricht mit den Grafikern und Textern die Werbeunterlagen und schaut mit den Hoteliers, wie viele Zimmer wann und wo gebraucht werden.

Auf dem Papier hat Rebecca Bretscher eine 70-Prozent-Stelle «Aber in so einem Job kann man natürlich nicht auf die Uhr schauen und Stunden aufschreiben», sagt sie lachend Als Mutter von zwei Kindern versteht sie sich ohnehin aufs Multitasking. Die Familienarbeit teilt sie sich mit ihrem Mann, der als Klimaforscher an der ETH arbeitet.

Per 1.1.2019 wurde Christian Jott Jenny überraschend zum Gemeindepräsidenten von St.Moritz gewählt, und er machte seine Sache so gut, dass er 2022 für weitere vier Jahre im Amt bestätigt wurde. Seither verbringt der vierfache Familienvater den grösseren Teil der Woche im Engadin, und für Rebecca Bretscher ist die Verantwortung noch gewachsen. «Aber unsere Zusammenarbeit funktioniert», sagt sie. «Christian ist einer, der schnell denkt und die wesentlichen Punkte sofort sieht – übrigens auch die Fehler Er wirkt nach aussen locker und sprunghaft, aber auf seine Art ist er ein Perfektionist.»

Das Kernteam des Amts für Ideen besteht aus etwa zehn Leuten, alle mit Teilzeitstellen. Hinzu kommen zahlreiche temporäre Kräfte, nicht nur fürs Festival da Jazz, sondern neuerdings auch für die «Herzbaracke», das schwimmende Salon-Theater auf dem Zürichsee. Im Herbst 2025 haben Jenny und Bretscher die «Herzbaracke» übernommen. Sie ist das Lebenswerk von Federico Emanuel Pfaffen und Nicole Gabathuler Mit ihrer Verbindung von Bühnenkunst und Kulinarik in phantasievoll nostalgischem Ambiente ist die

Kultur findet schon noch statt. Es berichtet nur niemand mehr darüber.

«Herzbaracke» zu einem Wahrzeichen Zürichs geworden. Unentwegt wird sie von Touristen fotografiert, zum Glück aber auch fleissig besucht: Die Auslastung stimmt. Von Oktober bis April dauert hier die Saison. Zu Beginn ankert die Bühne jeweils am Bellevue und von März bis April dann in Rapperswil. Musik jeglicher Couleur Kabarett und Varieté finden hier zusammen.

Kultur ist auch ein Business

Rebecca Bretscher ist überzeugt, dass im Kulturleben Live-Veranstaltungen durch nichts zu ersetzen sind. Die Corona-Krise, in der das Festival da Jazz mutig und kreativ reagierte, hat ihr das nochmals so richtig gezeigt. Damals spürte sie eine neue Intensität, einen Geist des Aufbruchs. «Leider ist er schon bald nach der Krise wieder verpufft», sagt sie «Ich finde es erschreckend, wie wenig die Kultur der Gesellschaft insgesamt wert ist. In vielen Grossfirmen werden die Sponsoringgelder gekürzt. Die Kulturbetriebe haben überall zu kämpfen. Zudem sind sie in den Medien weniger und weniger ein Thema. In den grösseren Zeitungen kommt lokale Kulturberichterstattung kaum noch vor Mike Müller hat in einem Interview gesagt: Die Kultur findet schon noch statt. Es berichtet nur niemand mehr darüber Das ist genau mein Eindruck.»

Als Veranstalterin kennt Rebecca Bretscher keine stilistischen Scheuklappen.

In den Programmen, welche sie mitver-

antwortet, hat von Swing bis Salsa, von Soul bis Pop vom introvertierten Kammerjazzer bis zum humoristischen Vokalensemble alles Platz. Privat ist sie ein treuer Patent-Ochsner-Fan. Auch die frühen Platten von REM hört sie gern. Eine besondere Liebe hegt sie für Iiro Rantala, den finnischen Pianisten, der als Stammgast des Festival da Jazz auch zu einem persönlichen Freund geworden ist. Fast alles an ihrem Job mag sie. Nur der Papierkram nervt sie manchmal. «Für manche Abrechnungen oder Anträge muss man Formulare ohne Ende ausfüllen», sagt sie. «Da frage ich mich bisweilen: Ginge das mit etwas gesundem Menschenverstand nicht einfacher?» Wer das Amt für Ideen betritt, merkt sofort: Hier herrscht eine familiäre Atmosphäre. Angst vor dem Chef oder der Chefin muss hier niemand haben. Der freundliche, entspannte Umgangston kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch viel verlangt wird. «Christian und ich haben beide ein grosses Harmoniebedürfnis», sagt Rebecca Bretscher «Aber die Leistung muss stimmen. Nur mit Locker-drauf-Sein stemmt man kein Festival.»

Früher hat die Hektik des Konzertbetriebs sie schneller nervös gemacht. Inzwischen ist sie gelassener geworden. «Struktur ist das beste Mittel gegen Stress», sagt sie sich und ihren Mitarbeitenden: «Überlegt euch jeden Morgen: Was liegt heute an, was ist das Wichtigste, und was kann warten? Wenn man sich fokussiert, statt sich zu verzetteln, hat man schon fast gewonnen.»

Musikalische Sternstunden

Kraftvolle Orchester und talentierte Solisten berührenunsereHerzen undentführenuns in andere Welten. Besuchen Sie im SommerbesondereSpielorte: die ElbphilharmonieHamburg, dieBurgOlavinlinna in Finnland, dasRheingauMusik Festival unddas Puccini-Festival in der Toskana.

EIN FRÜHLING VOLLER MEISTERWERKE

22.-26.Mai 2026 |Buchungscode: imhafr

Hamburgbegrüsst Siezueinem Musikwochenende, das Tradition und Moderne vereint. Erleben Sie die fesselnde Oper «IlbarbierediSiviglia» in der renommiertenStaatsoperund lassenSie sich vomgewaltigen Klang von Bernsteins«MASS» mit über 200Mitwirkenden in der ikonischen Elbphilharmonie mitreissen. Zwei unvergessliche Abende in zwei ikonischen Häusern.

DIE BURG AUFDER INSEL

Juli 2026 |Buchungscode: imfsavo

DieSavonlinna Opernfestspiele, 1912 vonder finnischen Opernsängerin Aino Ackté gegründet, ziehen jedesJahr Klassikfansaus der ganzen Welt an. Die mittelalterliche Olavinlinna Burg,malerisch auf einer InselimSaimaa Seein Finnland gelegen, bieteteine beeindruckende Kulisse für die Aufführungen

EINAUSNAHMETALENTAMFLÜGEL

19.-27.Juli 2026 |Buchungscode: imfquee

Erleben Sieden Starpianisten Hayato Sumino liveamRheingau Musik Festival. Im Kurhaus Wiesbaden präsentiertermit dem Orchester Academy of St Martininthe FieldsvirtuoseMozart-Interpretationen und eigene Improvisationen –ein Konzerthöhepunkt für alle Klassik-Liebhaber

ARIEN AM SEEUFER

Juli &August 2026 |Buchungscode: impucc

Jeden Sommer erfüllt die Musik desPuccini-Festivals die Luft über dem Lago di Massaciuccoli. Aufder atemberaubenden Freiluftbühne, die direkt am Wassererbaut wurde, entfalten sich die berühmtesten Opern in ihrer ganzen Pracht. GebenSie sichden unsterblichen Melodien und der Magie einer toskanischen Opernnachthin.

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