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NZZ Connect (D)

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Samstag, 21. März 2026

Verlagsbeilage

Frauen der Wirtschaft und sah, wie viele interessante Dinge es noch ausserhalb der Welt eines Familienunternehmens gibt.

Frau Lenzlinger, Sie erhalten den dies­ jährigen Ehrenpreis des SEF.Women­ Award, gewissermassen eine Auszeich­ nung für Ihr Lebenswerk als Wirtschafts­ frau. Wenn Sie heute auf Ihre Anfänge zurückblicken: Was hat sich seither für Frauen in der Wirtschaft verändert? Als ich geboren wurde, gab es noch kein Frauenstimmrecht. Man muss heute auch nicht mehr den eigenen Ehemann fragen, ob man arbeiten darf. Frauen in politischen oder wirtschaftlichen ­Führungspositionen wirken nicht mehr exotisch. Im Bildungsbereich haben sie enorm an Boden gewonnen. Die jungen Frauen haben heute ein ganz anderes Selbstverständnis, als wir es damals noch hatten. Da hat sich sehr viel zum Besseren entwickelt.

Sicher gibt es manche Dinge, über die Sie im Rückblick sagen: Das habe ich gut gemacht! Mit der Familienfirma haben wir viel erreicht. Darauf bin ich stolz. Dann bin ich stolz auf die Mandate, die ich danach übernehmen durfte. Dabei war es mir immer ein spezielles Anliegen, die Förderung von Frauen zu verbessern, in den Gremien wie auch im operativen Bereich auf der Ebene Geschäftsleitung. Da ist mir doch einiges gelungen. Und Sie sind Präsidentin der angese­ henen und einflussreichen Zürcher Handelskammer. Das bedeutet doch einen Ritterschlag für Sie – oder besser: einen Ritterinnenschlag. Das ist sicher ein Mandat, das mich mit Stolz erfüllt. Gleichzeitig sind solche Aufgaben anspruchsvoller geworden. Ich pflege zu sagen, dass immer dann, wenn es mühsamer und etwas weniger prestigeträchtig wird, die Wahrscheinlichkeit steigt, dass eine Frau zum Zug kommt. So gab es auch bei der Handelskammer zu Beginn einige Baustellen, die ich zusammen mit der Geschäftsführerin, Nationalrätin Regine Sauter, erfolgreich schliessen konnte.

Haben Sie sich als junge Frau mit dem Thema Frauenrechte beschäftigt? Meine Mutter interessierte sich sehr für solche Fragen, obwohl sie ein traditionelles Familienmodell lebte. Deswegen waren solche Themen am Familientisch sehr präsent. Ich habe mich in jungen Jahren aktiv für Frauenrechte engagiert. Ein Ausdruck davon war, dass ich zuweilen mit violetten Pumphosen auf die Strasse gegangen bin. Also ist für heutige Frauen alles gut? Nein, natürlich gibt es immer noch strukturelle Mängel. Dass wir erst im Jahr 2026 über die Individualbesteuerung abstimmen, verweist auf einen solchen Mangel. Auch gibt es immer noch zu wenig Frauen in MINT-Berufen. Die Zahl von Unternehmerinnen und Frauen in Führungspositionen könnte noch höher sein. Deswegen finde ich auch den Jungunternehmerinnenpreis des SEF.Women­Award so wichtig, weil dieser die Sichtbarkeit von Frauen im Startup-Bereich erhöht. Wollten Sie selbst von Anfang an unter­ nehmerisch tätig sein? Oder ist das eher zufällig geschehen? Es war sicher kein gradliniger Weg. Weil ich nach der Matur meinen Weg ins Berufsleben suchte, absolvierte ich zuerst die Ausbildung zur Primarlehrerin. Sie war damals relativ kurz. Danach hatte ich einen eigenen Lohn, ein eigenes Auto und konnte von zu Hause ausziehen. Unabhängigkeit war immer wichtig für mich. Danach liess ich verschiedene Dinge auf mich zukommen, p ­ robierte dieses und jenes, ging für Arbeit und Studium ins Ausland und schrieb mich schliesslich an der Hochschule St. Gallen ein. Als ich an der Dissertation arbeitete, wurde im Unternehmen, das unserer Familie gehört, eine Stelle als Leiterin eines Profitcenters frei. Das löste dann vieles aus. Was genau? Intensive Diskussionen in der Familie, die allerdings nicht ganz unerwartet kamen, weil mein Vater die Frage der Nachfolgeregelung in einem Familienrat bereits aufgebracht hatte. Da mein Bruder eine künstlerische Laufbahn einschlug und meine Schwester als Anwältin keine operative Führungstätigkeit anstrebte, dachte ich mir, es wäre doch schade, ein Familienunternehmen einfach so zu verkaufen. Und so übernahm ich, trotz eingeschlagenem Weg in die Forschung und Lehre, die offene Stelle. Dann hatten Sie aber doch ein Faible für Wirtschaft und Unternehmertum? Ich habe tatsächlich nicht lange Schule gegeben und bald einmal eine kleine Firma geführt, die mir jemand anvertraut hatte, der viel Vertrauen in mich

Karin Lenzlinger ist Unternehmerin, Verwaltungsrätin und Präsidentin der Zürcher Handelskammer (ZHK).

PD

«Frauen in Führungspositionen sind doch kein Experiment!» Karin Lenzlinger erhält den Ehrenpreis des SEF.WomenAward. Die Unternehmerin und mehrfache Verwaltungsrätin über ihre Karriere, ihre Erfahrungen als Frau in der Wirtschaft. Interview: Felix E. Müller

hatte. Bei dieser Gelegenheit merkte ich, dass mir eine derartige Tätigkeit durchaus zusagte. Erlebten Sie den Einstieg in das Unter­ nehmertum als problemlos? Oder muss­ ten Sie als Frau gegen besondere Wider­ stände und Vorurteile ankämpfen? Die Angestellten, deren Chefin ich wurde, waren zu Beginn schon etwas skeptisch und fragten sich: Was will denn dieses Girl da? Ich musste mich schon beweisen, etwa indem ich auch als Frau Baustellen besuchte, mit den Handwerkern sprach und so mein Interesse an der Baubranche signalisierte. Als es mir gelang, einige grössere Aufträge zu akquirieren, nahm man mich dann ernst. In der konservativen Baubranche musste ich durchaus gegen gewisse Vorurteile kämpfen. Nahm ich an Branchenanlässen teil, sahen die Männer in mir gerne eine Sekretärin, die für den Kaffee oder das Protokoll zuständig ist. Doch die Medaille hatte auch eine andere Seite: Wenn an Anlässen die Begrüssung lautete: Sehr geehrte Frau Lenzlinger, sehr geehrte Herren, dann war die Folge natürlich, dass mich alle sofort kannten. Insgesamt änderten sich die gesellschaftlichen Vorstellungen in dieser Zeit aber stark, sodass ich mich bald akzeptiert fühlte.

Glauben Sie, dass Sie über Fähigkeiten verfügen, die Ihre Karriere erst ermög­ licht oder erleichtert haben? Das müssten eigentlich andere beantworten. Ich bin sicher eine neugierige Person, blicke gern nach vorne, und ich bin lösungsorientiert. Dann habe ich von meinem Vater den Respekt für andere, für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oder weitere Stakeholder übernommen. Das heisst, zuhören oder Wertschätzung zeigen zu können. Und drittens kann ich etwas, das ich allerdings ein Stück weit erlernen musste: Verantwortung übernehmen.

«Man muss Frauen öfter sagen, dass sie eine Aufgabe schon packen – sie sollten es doch wagen.»

Was meinen Sie mit Verantwortung übernehmen? Das Rückgrat zu haben, Vorbild zu sein, eine Fehlerkultur zu entwickeln, weil man ohne Fehler nicht weiterkommt. Ich musste allerdings lernen, dass es hier auch einen Kipppunkt gibt. Ich selbst musste die Erfahrung machen, dass man sich überfordert, wenn man sich zu viel Verantwortung auflädt. Denn wenn zu viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Aufgaben einfach an die Chefin weiterreichen, kommt man rasch an die Grenzen der Belastbarkeit und verliert den Fokus. Ich glaube, dass Frauen eher dieser Gefahr ausgesetzt sind als Männer. Das wäre also ein Beispiel für etwas, das in Ihrer Karriere nicht optimal lief? Ja, absolut. Gibt es andere? Eine schwierige Zeit war auch mein Ausstieg aus dem ­Familienunternehmen. Das erfolgte ungeplant. Als der Zeitpunkt kam, an den nächsten Generationenwechsel zu denken, was häufig viel Zeit braucht, löste dies grosse interne Diskussionen aus. Das war eine sehr belastende Zeit. Leider haben wir keine gemeinsame Lösung gefunden. Und so stieg ich vollständig aus. Gut war, dass ich ein breites Interessenspektrum habe

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Wenn Sie an die Stellung der Frauen in der heutigen Wirtschaft denken: Sehen Sie noch viele Dinge, die verbessert wer­ den sollten? Die Individualbesteuerung habe ich ja schon erwähnt. Wir sollten die Frauen auf eine Art und Weise in den Arbeitsprozess integrieren können, ohne dass ihnen deswegen zu viel Stress durch die Organisation der Familie ­entsteht. Es ist heute aber sehr stark ein M ­ indset-Thema. Ich beobachte gerade jetzt, wenn in der Wirtschaft nicht mehr alles so rund läuft und die Pro­ bleme zunehmen, dass es schon w ­ ieder etwas schwieriger für Frauen wird, in Führungsfunktionen zu gelangen. Noch immer steckt die Vorstellung in den Köpfen mancher Männer, dass die ­Verpflichtung von Frauen ein Experiment darstelle, das man sich in schwierigen Zeiten nicht leisten könne. Frauen in Führungsfunktionen sind doch kein Experiment! Was raten Sie jungen Frauen, die sich zu Beginn ihrer beruflichen Laufbahn überlegen, ob sie unternehmerisch tätig sein wollen? Auch da gibt es vielleicht ein MindsetThema. Wenn es um Verantwortung geht, müssen Frauen den Willen aufbringen, solche übernehmen zu wollen. Sie müssen die Bereitschaft aufbringen, auch einmal ein Risiko einzugehen – auch auf die Gefahr hin, dass die Sache schiefgehen könnte. Dann neigen Frauen dazu, zu viele Ansprüche an sich selbst zu stellen. Sie sollten in dieser Hinsicht etwas gelassener sein. Man muss Frauen erfahrungsgemäss öfter sagen, dass sie eine Aufgabe schon packen – sie sollten es doch wagen. Das ist manchmal etwas anstrengend. Es braucht einen Willen und ein gewisses Durchsetzungsvermögen, um in der Wirtschaft zu bestehen. Was bedeutet Ihnen die Auszeichnung, die Sie erhalten haben? Ich war völlig überrascht, als mich die Nachricht erreichte, weil ich viele Frauen kenne, die eine solche Auszeichnung mindestens ebenso verdient hätten wie ich. Aber ich freue mich enorm über diese Anerkennung.


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