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NZZ Connect (D)

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Samstag, 22. März 2025

Verlagsbeilage

Frauen der Wirtschaft Frau Riniker, warum ist es Ihrer ­Meinung nach wichtig, dass man Frauen als Unternehmerinnen speziell auszeichnet? Frauenförderung ist wichtig. Wir haben alle ein Interesse daran, dass unterrepräsentierte Gruppen gefördert werden und die gleichen Möglichkeiten zum unternehmerischen Erfolg haben wie etwa Männer, die in der Privatwirtschaft oft die Mehrheit darstellen. Dass nun mit dem SEF.WomanAward Unternehmerinnen ausgezeichnet werden, ist ein wichtiges Element auf dem Weg zu gleichen Chancen für beide Geschlechter. Dieser Award zeigt aber auch die tollen Leistungen, die durch Frauen vollbracht werden. Darüber soll berichtet werden, darauf darf man als Land stolz sein. Diese Frauen leben vor, welche Türen sich jungen Frauen heute öffnen können. Die Förderung von Unternehmerinnen ist nicht nur eine Frage der Gleichberechtigung, sondern auch ein wirtschaftlicher Imperativ. Oft bringen Unternehmerinnen neue Perspektiven in den Markt, was die Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Wirtschaft insgesamt stärkt. Braucht es Frauenförderung in der Wirtschaft nach wie vor? Ja, Frauenförderung in der Wirtschaft ist weiterhin notwendig. Der WeltbankBericht «Women, Business and the Law 2024» zeigt, dass Frauen weltweit immer noch mit erheblichen rechtlichen und gesellschaftlichen Hürden konfrontiert sind. Diese Ungleichheiten beginnen oft schon in der Kindheit und setzen sich im Bildungssystem, im Berufsleben und im Unternehmertum fort. Der Bericht unterstreicht, dass die Weltwirtschaft erheblich profitieren würde, wenn Frauen die gleichen Chancen wie Männer hätten. Das Schliessen der Geschlechterlücke bei Beschäftigung und Unternehmertum könnte das globale BIP um mehr als 20 Prozent steigern und die globale Wachstumsrate im nächsten Jahrzehnt verdoppeln. Zudem haben Frauen weltweit nur 20 Prozent der Positionen in Verwaltungsräten inne. Studien zeigen jedoch, dass Unternehmen mit diversen Verwaltungs- oder Aufsichtsräten tendenziell innovativer, profitabler und widerstandsfähiger sind. Ein oft unterschätzter Aspekt der Frauenförderung ist die Bedeutung von Vorbildern. Wenn Frauen in Führungspositionen sichtbar sind, inspiriert dies andere Frauen, ähnliche Karrierewege einzuschlagen. Als Nationalratspräsidentin sehe ich es auch als meine Aufgabe, junge Frauen zu ermutigen, sich in der Wirtschaft und der Politik zu engagieren und ihre Ziele selbstbewusst zu verfolgen. Was kann man tun, um die Beschäftigungsquote von Frauen weiter zu steigern, was ja angesichts des Fachkräftemangels wichtig wäre? Soll der Staat dabei auch eine Rolle spielen? Um die Beschäftigungsquote von Frauen weiter zu steigern, ist ein Zusammenspiel von Staat und Wirtschaft notwendig. Die Statistiken unterstreichen die Dringlichkeit dieses Anliegens: Die Zahl der erwerbstätigen Frauen in der Schweiz stieg von 964 000 (1970) auf 2,264 Millionen (2023). Dennoch arbeiten 58 Prozent der Frauen in Teilzeit, verglichen mit 18 Prozent der Männer. Der Staat kann Rahmenbedingungen schaffen, die es Frauen erleichtern, Beruf und Familie zu vereinbaren. Dazu gehören der Ausbau der Kinderbetreuungsinfrastruktur, die Förderung flexi­

«Dieser Award zeigt die beeindruckenden Leistungen von Unternehmerinnen – da­ rauf darf die Schweiz stolz sein.»

Sieht sich in der Verantwortung, junge Frauen zu ermutigen, ihre Ziele selbstbewusst zu verfolgen: Maja Riniker.

PD

Ein Vorbild für junge Frauen sein Nationalratspräsidentin Maja Riniker ist die höchste Schweizerin. Damit trägt sie auch eine symbolische Verantwortung für Demokratie und Gleichstellung. Anlässlich der Verleihung des SEF.WomenAward erzählt sie, warum gerade Unternehmerinnen die Schweizer Wirtschaft bereichern.

bler Arbeitsmodelle, steuerliche Anreize für Zweitverdienende und die Individualbesteuerung. Die Wirtschaft ihrerseits ist gefordert, diese Möglichkeiten auch tatsächlich anzubieten und eine Unternehmenskultur zu fördern, die Frauen in allen Positionen willkommen heisst. Dazu gehören beispielsweise die gezielte Förderung von Frauen in Führungspositionen, gleicher Lohn für gleiche Arbeit und Mentoringprogramme für Frauen. Besonders wichtig sind auch Massnahmen zur Wiedereingliederung von Frauen nach Karriereunterbrüchen, da viele Frauen mit Betreuungspflichten gerne in den Beruf zurückkehren würden, aber oft Hindernisse vorfinden. Die Überwindung von Stereotypen und unbewussten Vorurteilen ist eine gemeinsame Aufgabe von Staat und Wirtschaft. Letztendlich profitieren beide Seiten von einer höheren Frauenerwerbsquote, nicht nur angesichts des

Fachkräftemangels, sondern auch durch die Vielfalt der Perspektiven und Fähigkeiten, die Frauen einbringen. Der Liberalismus steht weltweit unter Druck. Warum ist das eine negative Entwicklung? Die moderne westliche Welt ist geprägt vom Liberalismus: Demokratie, Freiheit, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit sind Grundsäulen unserer Gesellschaft. Angesichts zunehmender Umwälzungen geraten diese Prinzipien unter Druck. Viele Menschen rufen nach starken Führern und suchen nach simplen Lösungen und Schuldzuweisungen, während es differenzierte Positionen zunehmend schwer haben. In den vergangenen Jahren hat sich ein konservativer Trend verstärkt, da viele Menschen mit Sorge auf ihre Zukunft blicken. Als freiheitliche Demokratie stehen wir in einem Systemwettbewerb mit autoritären Systemen, welche einfache Lösungen versprechen. Aus liberaler

Sicht sind die freiheitlichen Grundwerte gerade in unsicheren Zeiten hochzuhalten. Gleichwohl sind wir Liberalen in der Pflicht, den Menschen konkrete Lösungen für ihre Sorgen zu liefern und die Herausforderungen aktiv anzupacken. Unternehmerinnen gehen ins Risiko, weil man auch scheitern kann. Bei der Sicherheitspolitik geht es um die Minimierung von Risiken. Einer Ihrer politischen Schwerpunkte ist die Sicherheitspolitik. Sind Sie folglich nicht eigentlich risikoscheu? Als Politikerin kalkuliere ich Risiken ein, um mehrheitsfähige Anträge zu stellen. Immer zu verlieren, wäre nicht förderlich. In der Sicherheitspolitik geht es darum, potenzielle Gefahren zu erkennen und ihnen vorzubeugen. Das erfordert oft mutige und innovative Entscheidungen. Risikomanagement in der Politik bedeutet nicht, jedes Risiko zu vermeiden, sondern klug abzuwägen und dort, wo es nötig ist, solche kalkuliert auch einzugehen.

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Sie sind jetzt schon seit einigen Monaten Nationalratspräsidentin. Wie fühlt es sich an, höchste Schweizerin zu sein? Es ist eine grosse Ehre und Verantwortung. Dieses Amt erfüllt mich mit ­Demut und Stolz zugleich. Es bietet mir die einzigartige Gelegenheit, unser Land auf höchster Ebene zu repräsentieren und den demokratischen Prozess zu leiten. Die Rolle bringt viele neue Herausforderungen mit sich, aber auch die Chance, wichtige Themen anzusprechen und den Dialog zwischen verschie­denen politischen Lagern zu fördern. Besonders beeindruckt bin ich von den vielen Begegnungen mit Bürgerinnen und Bürgern aus allen Teilen der Schweiz, die mir neue Perspektiven eröffnen. Als Frau in dieser Position sehe ich mich auch in der Verantwortung, ein Vorbild für junge Frauen zu sein und zu zeigen, dass Frauen in der Politik auf höchster Ebene erfolgreich sein können. Was war für Sie die bisher grösste Überraschung in diesem Amt? Die grösste Überraschung war die ausserordentliche Vielfalt und Intensität der Aufgaben. Weit über die Leitung von Parlamentssitzungen hinaus umfasst die Rolle zahlreiche repräsentative und diplomatische Pflichten. Besonders beeindrucken mich die tiefen Einblicke in die verschiedenen Regionen und Kulturen unseres Landes sowie die internationale Dimension des Amtes. Jede Begegnung eröffnet neue Perspektiven auf die Schweiz und die globalen Herausforderungen, die sich uns stellen. Eine weitere positive Überraschung war die konstruktive, parteiübergreifende Zusammenarbeit im Parlamentspräsidium. Trotz unterschiedlicher politischer Ansichten arbeiten wir eng zusammen, um unser demokratisches System zu stärken. Interview: Felix E. Müller


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